PERSONALREPORT ÖFFENTLICHER DIENST 2021

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PERSONALREPORT ÖFFENTLICHER DIENST 2021
PERSONALREPORT
ÖFFENTLICHER DIENST

                 2021
PERSONALREPORT ÖFFENTLICHER DIENST 2021
INHALT
Vorwort: Ausreichend Personal, gut für alle! ............................................................................... 3
Kapitel 1: Der öffentliche Dienst auf einen Blick .......................................................................... 4
Sonderauswertung des DGB-Index Gute Arbeit: Wenn Personalmangel, dann Stress .......... 6
Kapitel 2: Aufgabenbereiche des öffentlichen Dienstes nach Geschlecht ................................... 11
Vor Ort nachgefragt: Lehrkräftemangel? Hausgemacht ................................................. 12
Kapitel 3: Langfristige Veränderungen im Personalstand............................................................ 18
Kapitel 4: Der öffentliche Dienst im europäischen Vergleich....................................................... 20
Vor Ort nachgefragt: Justiz am Limit................................................................................ 22
Kapitel 5: Prekäre Beschäftigung im öffentlichen Dienst ........................................................... 28
Kapitel 6: Altersstruktur der Beschäftigten im öffentlichen Dienst ............................................. 30
Kapitel 7: Teilzeit im öffentlichen Dienst .................................................................................... 35
Kapitel 8: Ausbildung im öffentlichen Dienst ............................................................................. 36
Kapitel 9: Zusammenschau......................................................................................................... 37
Resümee und Forderungen: Das ist zu tun! .......................................................................... 38
Anhang: Arbeitsorte des öffentlichen Dienstes .......................................................................... 42
Veröffentlichungen der Abteilung: Weiterlesen! .................................................................... 45
Acht Gute Gründe Mitglied zu werden: Mitmachen! ............................................................ 46
Impressum ................................................................................................................................. 47
PERSONALREPORT ÖFFENTLICHER DIENST 2021
VORWORT

Ausreichend Personal,
gut für alle!
Von Elke Hannack,
stellvertretende Vorsitzende des DGB

Zeitdruck und Überlastung sind in der heutigen
Arbeitswelt sehr weit verbreitet, das gilt auch mit
Blick auf Lehrkräfte, Polizist:innen, Richter:innen,
Beschäftigte von Bezirksämtern oder Jobcentern.
Doch wie stark bedingt die Personalausstattung im
öffentlichen Dienst die dortige Arbeitsintensität? Die
im diesjährigen Personalreport veröffentlichte Son-
derauswertung des DGB-Index Gute Arbeit gibt Auf-
schluss. So gaben im öffentlichen Dienst insgesamt
45 Prozent der Befragten an, sehr häufig oder oft
wegen fehlendem Personal mehr arbeiten zu müs-
sen. Beim Personal öffentlicher Krankenhäuser liegt
der Wert sogar bei knapp 80 Prozent. Diese Befunde
sind aus meiner Sicht sehr besorgniserregend.

Fast die Hälfte der Befragten aus dem öffentlichen
Dienst gab an, nach der Arbeit nicht richtig abschal-
ten zu können. Dadurch fehlten Regenerations-            vielen Bereichen ist seine Leistungsfähigkeit ange-
möglichkeiten, viele Kolleg:innen fühlen sich ausge-     sichts der löchrigen Personaldecke jedoch schon jetzt
brannt. Wenn solche Arbeitsbedingungen dauerhaft         in Frage gestellt.
vorherrschen, steigt bekanntermaßen das Risiko von
psychischen Beeinträchtigungen, sprich Burnout           In den zwei Heftschwerpunkten lassen wir jene zu
oder Depressionen. Der Handlungsbedarf ist offen-        Wort kommen, die mit der vorhandenen Personal-
sichtlich. Und es bestätigt sich, dass eine bedarfs-     decke umgehen müssen. In diesem Jahr kommen
gerechte Personalausstattung ein zentraler Faktor        sie aus den Arbeitsbereichen Schule sowie Gerichte
für wirksamen Arbeits- und Gesundheitsschutz ist.        und Staatsanwaltschaften. Die Kolleg:innen machen
                                                         eindrücklich deutlich, in welcher Umbruchphase wir
Fakt ist: Im öffentlichen Dienst sind die vorhande-      uns gerade befinden und was uns bevorsteht, sollte
nen Aufgaben seit Jahren auf zu wenige Schultern         weiterhin am Personal gespart werden.
verteilt. Dabei ist eine angemessene Personalaus-
stattung eine maßgebliche Voraussetzung für Gute         Mein Fazit: Wir brauchen mehr Personal für gute
Arbeit. Mehr Personal ist aber auch nötig, damit der     Arbeitsbedingungen und einen leistungsfähi-
öffentliche Dienst seine Aufgaben erfüllen kann. In      gen öffentlichen Dienst!

                                                                                        DGB | Personalreport 2021   3
PERSONALREPORT ÖFFENTLICHER DIENST 2021
KAPITEL 1

    Der öffentliche Dienst
    auf einen Blick

        83,1 Millionen                            Menschen leben laut Statistischem
        Bundesamt im März 2021 in Deutschland. 44,79 Millionen sind darunter Erwerbstätige.
        Quelle: Statistisches Bundesamt

        6,34 Millionen                               Beschäftigte arbeiten im Jahr 2020 bei öffentlichen
        Arbeitgebern. Dazu zählen der öffentlichen Dienst im engeren Sinn sowie Einrichtungen in privater
        Rechtsform mit überwiegend öffentlicher Beteiligung, etwa Stadtwerke oder die Deutsche Bahn AG.
        Dieser Report enthält Zahlen zum öffentlichen Dienst.

        4,97 Millionen                                    2020 hatten nur     12 %          der Beschäf-
        Menschen waren zum Stichtag 30.06.2020 im         tigten auf Bundesverwaltung Migrationshinter-
        öffentlichen Dienst beschäftigt. Im Vergleich     grund. Dabei leben hier mehr als 21 Millionen
        zum Vorjahr sind das 83.190 zusätzliche           Menschen, die selbst oder deren Eltern aus
        Beschäftige.                                      einem anderen Land zugewandert sind. Im öf-
                                                          fentlichen Dienst spiegelt sich das nicht wieder.

        1.658.255
                                                          Quelle: Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung
                                          Personen

                                                                       50,2 %
        im öffentlichen Dienst waren im Jahr 2020
        in Teilzeit tätig, also ein Anteil von 33,4 %     Insgesamt                       bzw.
        der Beschäftigten (einschl. Altersteilzeit).      2.493.310 Beschäftigte waren im
                                                          öffentlichen Dienst im Jahr 2020 für die

        1.716.895
                                                          Länder tätig. Viele personalintensive
                                                          Aufgaben wie das Bildungswesen oder der
        Beamt:innen und Richter:innen arbeiteten          überwiegende Teil der Polizei fallen in ihre
        2020 im öffentlichen Dienst. Das ist ein Anteil   Zuständigkeit. 1.596.810 Beschäftigte
        von 34,6 Prozent. Der Frauenanteil liegt in       waren in den Kommunen tätig, ein
        diesem Bereich bei 52,4 Prozent.                  Anteil von 32,1 Prozent.

4   DGB | Personalreport 2021
PERSONALREPORT ÖFFENTLICHER DIENST 2021
3.079.050                     Personen           445.405                  der Arbeitnehmer:innen
waren 2020 im öffentlichen Dienst als            im öffentlichen Dienst arbeiteten im Jahr 2020
Arbeitnehmer:innen beschäftigt, das ent-         auf Basis eines befristeten Arbeitsvertrages.
spricht einem Anteil von 62 Prozent. Dabei lag   Das ist eine Befristungsquote von
der Frauenanteil bei 63 Prozent.                 14,5 Prozent.

27 %            der Beschäftigten im                 2.857.010                     Frauen
öffentlichen Dienst waren älter als 55 Jahre         arbeiteten 2020 im öffentlichen Dienst. Das
und werden in den nächsten 10 Jahren                 ist ein Frauenanteil von 57,5 Prozent.
in den Ruhestand gehen.
                                                     Bei der Polizei lag der Anteil der Frauen bei

                                                     30,2 %
Am Stichtag 30.6.2020 absolvierten

262.640
                                                                         .
                       Personen eine                 In der Kindertagesbetreuung lag er mit
Ausbildung im öffentlichen Dienst. Der               93,9 % deutlich darüber.
Frauenanteil betrug dabei 58,9 Prozent.
                                                     Im Juni 2020 betrug der Frauenanteil
                                                     in Führungspositionen in den obersten

BESCHÄFTIGTE IM ÖFFENTLICHEN DIENST
NACH BESCHÄFTIGUNGSBEREICHEN
                                                     Bundesbehörden        36,9 %
                                                     – das ist ein Anstieg zu 2015 um
                                                     4,5 Prozentpunkte. Bis 2025 will der Bund
Sozialversicherung
                                   Bund              50 Prozent erreichen.
                                                     Quelle: Gleichstellungsindex 2020
              367.975 509.920
                7,4 % 10,3 %

    1.596.810
                                                 Abbildung 1
      32,1 %
                            2.493.310
 Kommunen                     50,2 %

                                    Länder

  DGB | Quelle: Statistisches Bundesamt
Fachserie 14, Reihe 6, 2020, Tab. 1.2.1
                                                 Quellen auf dieser Doppelseite, soweit nicht anders vermerkt:
                                                 Statistisches Bundesamt, Fachserie 14, Reihe 6, 2020

                                                                                       DGB | Personalreport 2021   5
SONDERAUSWERTUNG DES DGB-INDEX GUTE ARBEIT

    Wenn Personalmangel,
    dann Stress
    Der Fokus der hier vorgestellten Sonderauswertung         lenden Vertretungsreserve. In der Befragung des
    des DGB-Index Gute Arbeit liegt auf der Arbeitsin-        DGB-Index Gute Arbeit gaben insgesamt 45 Prozent
    tensität im öffentlichen Dienst. Viele Beschäftigte       der Befragten aus dem öffentlichen Dienst an, sehr
    berichten dabei von einem Missverhältnis zwischen         häufig oder oft wegen fehlendem Personal mehr
    der zu bewältigenden Arbeitsmenge und der zur Ver-        arbeiten zu müssen. Personalknappheit als Ursache
    fügung stehenden Arbeitszeit. Außerdem zeigt sich         für Mehrbelastung ist hier weiter verbreitet als in der
    eindrucksvoll, welche Folgen eine mangelnde Perso-        Privatwirtschaft, wo der Wert mit 35 Prozent deutlich
    nalausstattung hat.                                       niedriger liegt.

    Überlastung durch eine zu hohe Arbeitsintensität geht     Dramatisch häufig tritt Mehrarbeit wegen Personal-
    mit einer stärkeren Erschöpfung und einer schlechte-      mangel in der Krankenpflege und den Rettungsdiens-
    ren Regenerationsfähigkeit Hand in Hand. In den ver-      ten an öffentlichen Krankenhäusern auf. 78 Prozent
    gangen Jahren haben psychische Erkrankungen als           der Befragten aus dieser Berufsgruppe gaben an,
    Grund für Arbeitsunfähigkeit an Bedeutung gewon-          sehr häufig oder oft wegen fehlendem Personal
    nen. Nach den Muskel- und Skeletterkrankungen ste-        mehr arbeiten zu müssen. Hier bekommen nicht nur
    hen sie bei den Arbeitsunfähigkeitstagen an zweiter       die Krankenhausbeschäftigten, sondern auch die
    Stelle. Psychische Erkrankungen können unterschied-
    liche Ursachen haben, arbeitsbedingte Belastungen
    sind aber zweifellos ein wichtiger Faktor. Besteht hier
    ein Missverhältnis, etwa weil die Arbeitsmenge nicht          ZUR DATENGRUNDLAGE
    zu bewältigen ist, steigt der Druck auf die Beschäftig-
                                                                  Seit 2007 wird der DGB-Index Gute Arbeit erhoben,
    ten. Eine dauerhaft hohe Arbeitsintensität setzt die          um die Arbeitsbedingungen aus Sicht der Beschäftigten
    Betroffenen unter Stress. Eine hohe Arbeitsintensi-           zu erfassen. Jährlich wird eine bundesweit repräsenta-
                                                                  tive Umfrage unter Beschäftigten durchgeführt (ohne
    tät aufgrund quantitativer Überforderung bedeutet             Auszubildende). Auf Basis dieser Daten wird hier die
    ein erhöhtes Risiko für Burnout, Depressionen und             Arbeitsintensität beleuchtet.
                                                                  Insgesamt wurden 6.297 Beschäftigte in der Erhebung
    Angststörungen. Die Steuerung der Arbeitsintensität
                                                                  zum DGB-Index Gute Arbeit 2020 befragt. Von ihnen
    auf einem gesundheitsverträglichen Niveau ist daher           sind 22 Prozent im öffentlichen Dienst tätig. Darunter
    eine Grundvoraussetzung für die menschengerechte              sind ca. drei Viertel (74 %) Arbeitnehmer:innen und
                                                                  ein Viertel (26 %) Beamt:innen. Um die Einordnung zu
    Gestaltung von Arbeit.                                        erleichtern, werden den Werten zum öffentlichen Dienst
                                                                  die Befunde aus der Privatwirtschaft gegenübergestellt.
                                                                  Dabei sind Unterschiede in der Berufs- und Quali-
    PERSONALAUSSTATTUNG UND
                                                                  fikationsstruktur zu bedenken, die die Vergleichbarkeit
    ARBEITSINTENSITÄT                                             leicht einschränken. So ist das Anforderungsniveau der
    Wodurch entsteht eine hohe Arbeitsintensität? Ein             Arbeit im öffentlichen Dienst höher, Helfer- und Anlern-
                                                                  tätigkeiten sind selten. Überdurchschnittlich häufig sind
    wichtiger Faktor ist eine schlechte Personalausstat-          dagegen Expert:innentätigkeiten.
    tung, sei es auf Grund chronischer Unterbesetzung,
    infolge krankheitsbedingter Ausfälle und einer feh-

6   DGB | Personalreport 2021
MEHRARBEIT WEGEN PERSONALMANGEL NACH BERUFSGRUPPE

    »Wie häufig kommt es vor, dass Sie wegen fehlendem Personal eine höhere Arbeitsmenge
    abarbeiten oder länger arbeiten müssen?«

                  Nicht im öffentlichen Dienst                       35 %                        Sehr oft / oft

                             Öffentlicher Dienst                               45 %

                                        Verwaltung                         43 %

   Krankenpflege, Rettungsdienste; Geburtshilfe                                              78 %

       Erziehung, Sozialarbeit (z. B. kommunale Kitas)                            52 %

                                          Lehrkräfte                            49 %

       DGB 2021 I Sonderauswertung des DGB-Index Gute Arbeit, Daten aus 2019

                                                                                                        Abbildung I

Patient:innen die schlechten Arbeitsbedingungen zu              Insgesamt gibt etwas mehr als ein Viertel (29 Prozent)
spüren. Auch die Berufsgruppen der Lehrkräfte an all-           aller Befragten aus dem öffentlichen Dienst an, sehr
gemeinbildenden Schulen (49 Prozent) und Erziehung              häufig oder oft Abstriche bei der Qualität der Arbeit zu
und Sozialarbeit (etwa die Beschäftigten der kom-               machen, um das Arbeitspensum bewältigen zu kön-
munalen Kitas, 52 Prozent) berichten von der hohen              nen. Dass die Personalausstattung eine wichtige Rol-
Arbeitsintensität durch eine löchrige Personaldecke.            le spielt, zeigt der erhöhte Anteil von 50 Prozent mit
                                                                Qualitätsabstrichen im Kontext von Personalmangel.

Abbildung II

    PERSONALMANGEL UND QUALITÄTSABSTRICHE, ÖFFENTLICHER DIENST

    »Wie häufig kommt es vor, dass Sie Abstriche bei der Qualität Ihrer Arbeit machen
    müssen, um Ihr Arbeitspensum zu schaffen?«

               Öffentlicher Dienst insgesamt                      29 %                           Sehr oft / oft

                               bei Personalmangel                                50 %

                              kein Personalmangel        15 %

       DGB 2021 I Sonderauswertung des DGB-Index Gute Arbeit, Daten aus 2019

                                                                                                 DGB | Personalreport 2021   7
INDIKATOREN                                                                                  In der Befragung des
    HOHER ARBEITSINTENSITÄT                                                                      DGB-Index Gute Arbeit
    In der Befragung des DGB-Index Gute Arbeit wird                                              gaben insgesamt
    Arbeitsintensität mit verschiedenen Indikatoren ge-                                          45 Prozent der Befragten
    messen. Unter anderem wird erhoben, wie häufig                                               aus dem öffentlichen
    die Beschäftigten sich bei der Arbeit gehetzt fühlen                                         Dienst an, sehr häufig
    und wie oft sie im Arbeitsprozess gestört werden.                                            oder oft wegen
    Eine Frage ist auf eine mögliche Ausweichreaktion                                            fehlendem Personal mehr
    bei zu hoher Belastung gerichtet. Gefragt wird, ob                                           arbeiten zu müssen.
    Abstriche bei der Qualität der Arbeitsausführung
    gemacht werden, um das geforderte Arbeitspensum
    überhaupt schaffen zu können.

    Mehr als die Hälfte der Befragten aus dem öffent-               Fast jede:r dritte Beschäftigte berichtet davon, die
    lichen Dienst (52 Prozent) fühlt sich bei der Arbeit            Arbeit nicht in der eigentlich gewünschten Qualität
    (sehr) häufig gehetzt. In der Privatwirtschaft berich-          ausführen zu können (29 Prozent). Der Druck, Ab-
    ten davon 47 Prozent der Befragten. Störungen und               striche an der Qualität der Arbeit machen zu müssen,
    Unterbrechungen des Arbeitsflusses betreffen 58                 weil sonst das Arbeitspensum nicht zu schaffen ist,
    Prozent der Befragten aus dem öffentlichen Dienst               ist damit im öffentlichen Dienst deutlich verbreiteter
    (Privatwirtschaft: 53 Prozent).                                 als in der Privatwirtschaft( (21 Prozent).

                                                                                                              Abbildung III

        INDIKATOREN HOHER ARBEITSINTENSITÄT

        »Wie häufig fühlen Sie sich bei der Arbeit gehetzt oder stehen unter Zeitdruck?«

                                                                                                       Sehr oft / oft
                          Nicht im öffentlichen Dienst                             47 %

                                    Öffentlicher Dienst                              52 %

        »Wie häufig kommt es vor, dass Sie bei Ihrer Arbeit gestört oder unterbrochen werden,
        z. B. durch technische Probleme, Telefonate oder Kollegen?«

                                                                                                       Sehr oft / oft
                          Nicht im öffentlichen Dienst                               53 %

                                    Öffentlicher Dienst                                   58 %

           DGB 2021 I Sonderauswertung des DGB-Index Gute Arbeit, Daten aus 2020

8   DGB | Personalreport 2021
EINFACH MAL ABSCHALTEN?

    »Wie häufig kommt es vor, dass Sie Erholungspausen verkürzen oder ganz ausfallen lassen?«

                                                                                               Sehr oft / oft
                    Nicht im öffentlichen Dienst                 28 %

                               Öffentlicher Dienst                   36 %

    »Wie häufig kommt es vor, dass bei Ihnen zwischen dem Ende eines Arbeitstages und dem Start
    des nächsten Arbeitstages weniger als elf Stunden liegen?«

                                                                                               Sehr oft / oft
                    Nicht im öffentlichen Dienst             11 %

                               Öffentlicher Dienst        18 %

    »Wie häufig kommt es vor, dass Sie auch in Ihrer arbeitsfreien Zeit
    nicht richtig abschalten können?«

                                                                                               Sehr oft / oft
                    Nicht im öffentlichen Dienst                   32 %

                               Öffentlicher Dienst                            45 %

      DGB 2021 I Sonderauswertung des DGB-Index Gute Arbeit, Daten aus 2020

                                                                                                      Abbildung IV

EINFACH MAL ABSCHALTEN?
Ausreichende Ruhezeiten sind eine Grundvorausset-              von 11 Stunden bis zum nächsten Arbeitstag kommt
zung für den langfristigen Erhalt der Gesundheit. Die          im öffentlichen Dienst bei 18 Prozent der Befragten
Ruhezeit zwischen Arbeitstagen ist dabei zu unter-             sehr häufig oder oft vor. Beschäftigte der Privatwirt-
scheiden von Ruhepausen während der Arbeitszeit.               schaft geben dies zu einem deutlich geringeren An-
Die Arbeitszeitverordnungen und das Arbeitszeitgesetz          teil von 11 Prozent an.
sehen zwischen zwei Arbeitstagen bzw. innerhalb von
24 Stunden eine Ruhezeit von 11 Stunden vor.                   Ein weiteres Problem ist, wenn in der Ruhezeit nicht
                                                               »abgeschaltet« werden kann, weil die Arbeit nicht
Von den Befragten im öffentlichen Dienst geben 36              aus dem Kopf geht. Dies ist kein seltenes Problem:
Prozent an, dass sie sehr häufig oder oft Erholungs-           45 Prozent der Beschäftigten im öffentlichen Dienst
pausen verkürzen oder ganz ausfallen lassen. Das               geben an, dass sie sehr häufig oder oft auch in der
Problem ist hier ausgeprägter als in der Privatwirt-           arbeitsfreien Zeit nicht abschalten können. In der
schaft. Das Unterschreiten der regulären Ruhezeit              Privatwirtschaft ist es ca. jede:r Dritte.

                                                                                               DGB | Personalreport 2021   9
Tabelle 1

          BESCHÄFTIGTE NACH AUFGABENBEREICHEN UND BESCHÄFTIGTENSTATUS (KÖPFE), 2020

            Aufgabenbereich                                          Insgesamt               Beamt:innen,     Arbeit­
                                                                                             Richter:innen,   nehmer:innen
                                                                                             Soldat:innen

            insgesamt                                                       4.968.020                38,0 %          62,0 %

            Allgemeine Dienste                                              1.669.055                59,7 %          40,3 %

            Politische Führung und zentrale Verwaltung                         534.545               29,3 %          70,7 %

            Auswärtige Angelegenheiten                                            9.300              30,6 %          69,4 %

            Verteidigung                                                       242.205               81,2 %          18,8 %

            Öffentliche Sicherheit und Ordnung                                 507.010               70,7 %          29,3 %

            darunter Polizei                                                   341.375               85,6 %          14,4 %

            Rechtsschutz                                                       184.065               65,3 %          34,7 %

            Finanzverwaltung                                                   191.930               84,6 %          15,4 %

            Bildungswesen, Wissenschaft, Forschung,                         1.706.470                42,9 %          57,1 %
            kulturelle Angelegenheiten

            darunter: Allgemeinbildende                                        966.080               67,4 %          32,6 %
            und berufliche Schulen

            Hochschulen                                                        585.875               10,0 %          90,0 %

            Soziale Sicherung, Familie und Jugend,                            853.735                 7,7 %          92,3 %
            Arbeitsmarktpolitik

            darunter Kindertagesbetreuung                                      259.480                0,6 %          99,4 %
            nach SGB VIII

            Gesundheit, Umwelt, Sport und Erholung                            264.735                 5,3 %          94,7 %

            darunter Krankenhäuser und Heilstätten                             146.395                0,5 %          99,5 %

            Wohnungswesen, Städtebau, Raumordnung                             126.465                14,2 %          85,8 %
            und kommunale Gemeinschaftsdienste

            Ernährung, Landwirtschaft und Forsten                              44.855                30,0 %          70,0 %

            Energie- und Wasserwirtschaft, Gewerbe,                           159.910                 9,3 %          90,7 %
            Dienstleistungen

            Verkehrs- und Nachrichtenwesen                                    132.150                24,3 %          75,7 %

            Finanzwirtschaft                                                   10.640                14,0 %          86,0 %

            DGB | Quelle: Statistisches Bundesamt, Fachserie 14, Reihe 6, 2020, Tab. 2.8.1

10   DGB | Personalreport 2021
KAPITEL 2

Aufgabenbereiche
des öffentlichen Dienstes
nach Geschlecht
Der Anteil der weiblichen Beschäftigten im öf-                      Bei näherer Betrachtung der Aufgabenbereiche
fentlichen Dienst stieg in den vergangenen Jahren                   zeigt sich auch, dass die Frauen- und Männeranteile
kontinuierlich an. Im Juni 2020 waren 57,5 Prozent                  je nach Tätigkeitsfeld stark variieren. In der Kinder-
aller Beschäftigten Frauen. In absoluten Zahlen sind                tagesbetreuung (93,9 Prozent) und im Schuldienst
das rund 2,9 Millionen. In der Nachkriegs-BRD der                   (72,2 Prozent) ist der Anteil der Frauen beispielswei-
Fünfzigerjahre lag der Frauenanteil lediglich bei 19                se überdurchschnittlich hoch, in der Verteidigung
Prozent. Unterschiede gibt es auch zwischen dem                     (18,7 Prozent), im Verkehr- und Nachrichtenwesen
früheren Bundesgebiet und den »neuen Ländern«,                      (21,5 Prozent) sowie bei der Polizei (30,2 Prozent)
in denen 60,8 Prozent der Beschäftigten im öffent-                  liegt er deutlich niedriger.
lichen Dienst weiblich waren. Im früheren Bundes-
gebiet lag der Frauenanteil 2020 dagegen bei 57
Prozent.

                                                                                                            Abbildung 2

   WEIBLICHE BESCHÄFTIGTE IM ÖFFENTLICHEN DIENST NACH AUFGABENBEREICHEN, 2020

           Kindertagesbetreuung nach SGB VIII                                                            93,9 %

                  Krankenhäuser und Heilstätten                                             73,3 %

    Allgemeinbildende und berufliche Schulen                                                72,2 %

     Politische Führung u. zentrale Verwaltung                                     57,6 %

               Öffentlicher Dienst insgesamt                                       57,5 %

                                  Finanzverwaltung                                 57,0 %

  Wohnungswesen, Städtebau, Raumordnung                                  37,4 %

                                                 Polizei            30,2 %

               Verkehrs- und Nachrichtenwesen                 21,5 %

                                         Verteidigung       18,7 %

      DGB | Quelle: Statistisches Bundesamt Fachserie 14 Reihe 6, 2020, Tab. 2.9

                                                                                                     DGB | Personalreport 2021   11
VOR ORT NACHGEFRAGT

     Lehrkräftemangel?
     Hausgemacht
     Guter Unterricht und individuelle Förderung von Schüler:innen? Beides hängt
     maßgeblich von motivierten und gut ausgebildeten Lehrkräften ab. Doch bundesweit
     herrscht Lehrkräftemangel. Der DGB Personalreport hat sich die Situation angeschaut.

     Schulen sind soziale Orte, die das Leben der Schü-        Berlin eingestellt wurden, für den Beruf durch Lehr-
     ler:innen genauso prägen wie das der Lehrkräfte.          amtsstudium und Referendariat ausgebildet. Die Sei-
     Doch vielerorts sind es keine schönen Orte. In Klas-      teneinsteiger:innen sind hochmotiviert, aber werden
     senräumen rieselt der Putz, in Sanitäranlagen funk-       oft nicht gut vorbereitet. Und vor allem kommen sie
     tioniert die Toilettenspülung nicht, die technische       häufig an Schulen mit besonderen Anforderungen
     Ausstattung ist schlecht. Der Investitionsstau ist rie-   zum Einsatz. Dort arbeiten doppelt so viele Kolleg:in-
     sig. Dazu kommt die Baustelle Personalausstattung,        nen ohne abgeschlossenes Lehramtsstudium als an
     auf der sich wenig bewegt. Allein an Grundschulen         Schulen in besseren sozialen Wohnlagen.4 Da es in
     fehlen bis 2025 mindestens 26.300 Lehrer:innen. 1         Deutschland noch immer nicht gelingt, Bildungser-
                                                               folg von sozialer Herkunft zu entkoppeln, ist dieses
     AUSBILDUNGSKAPAZITÄTEN                                    Missverhältnis ein Problem.
     DER LÄNDER
     An den Universitäten wurden Studienplatzkapazi-           WEITERENTWICKLUNG VON SCHULE
     täten zuletzt zwar ausgebaut. Gleichzeitig stieg im       Klar ist aber auch: Die Aus- und Weiterbildung von
     Lehramtsstudium aber die Studienabbruchquote              Lehrkräften hat neben der Sicherung einer ausrei-
     auf nun 16 Prozent (Studienfachwechsel nicht ein-         chenden Zahl von Lehrer:innen auch das Ziel, auf gu-
     berechnet!).2 In Deutschland rumpelt es im System         ten und zeitgemäßen Unterricht vorzubereiten. Schu-
     der Lehrkräfteausbildung. Seit Jahren übersteigt der      le entwickelt sich weiter, das muss auch für Studium
     Bedarf das Angebot. Die Karte rechts dokumentiert         und Referendariat gelten. Die Themen Klimaschutz
     für das Jahr 2020 das Verhältnis der Einstellungen        und Nachhaltigkeit rücken in den Vordergrund, In-
     von Lehrkräften durch die Länder (Bedarf) zur vor-        klusion und Ganztag verändern den Schulalltag. Für
     handenen Ausbildungskapazität (Absolvent:innen            all das müssen Schulen ausgestattet sein und alle
     des Vorbereitungsdienstes). Bei 9 von 16 Ländern          Fachkräfte gute Rahmenbedingungen vorfinden. Das
     lag das Defizit über 25 Prozent, zum Teil lag es bei      folgende Interview zeigt die Situation in Mecklen-
     100 Prozent oder darüber. Viele Länder haben über         burg-Vorpommern.
     Jahre unterhalb des Bedarfs ausgebildet.3

     VIELE LEHRKRÄFTE IM SEITENEINSTIEG                        1 |	Vgl. DGB (2021): Schulen während und nach der Corona-Kri-
                                                                    se. Online unter www.dgb.de/-/W5q
     Zur Kompensation setzen immer mehr Bundesländer
                                                               2 |	Vgl. DZHW (2020): Die Entwicklung der Studienabbruchquo-
     auf den Seiteneinstieg. Zum Beispiel waren nur sechs           ten in Deutschland. Online unter www.dzhw.eu
     von zehn Lehrkräften, die im Schuljahr 2020/2021 in       3 |	Vgl. Rackles, Mark (2020): Lehrkräftebildung 2021. Wege
                                                                    aus der föderalen Sackgasse, Berlin, S. 7
                                                               4 |	Vgl. DGB (2021), a.a.O.

12   DGB | Personalreport 2021
34.511
ZAHLEN & FAKTEN
                                                                                           Lehrkräfte wurden Bundes-

                         1.086.100
                                                                      weit im Jahr 2020 neu eingestellt. Nur 28.600
Im Jahr 2018 waren                                                    Absolvent:innen hatten allerdings den Vorberei-
Kolleg:innen an allgemeinbildenden und beruf-                         tungsdienst abgeschlossen, das macht ein Defizit
lichen Schulen in Deutschland beschäftigt. An allen                   von 20,7 Prozent (siehe Karte).
Bildungseinrichtungen zusammen (Kitas, Hoch­                          Quelle: KMK (2021): Einstellung von Lehrkräften 2020

                                                                          42 %
schulen etc.) arbeiteten 2,5 Millionen Menschen.
Quelle: Autorengruppe Bildungsberichterstattung:                      Bei                lag der Anteil der ab 50-Jährigen
Bildung in Deutschland 2020. S. 54
                                                                      Lehrkräfte in den allgemeinbildenden und beruf-

10,9 Mio.
                                                                      lichen Schulen im Jahr 2018. Ein großer Teil wird
                              Schüler:innen                           in den nächsten Jahren ausscheiden. Thüringen
wurden im Schuljahr 2020/2021 in                                      mit 67% und Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-
Deutschland an allgemeinbildenden und                                 Anhalt und Brandenburg mit jeweils 61% weisen
beruflichen Schulen unterrichtet.                                     die höchsten Anteile von älteren Lehrkräften auf.
Quelle: Statistisches Bundesamt, PM vom 11.3.2021                     Quelle: Autorengruppe Bildungsberichterstattung:
                                                                      Bildung in Deutschland 2020, S. 54

AUSBILDUNGSKAPAZITÄTEN
DER LÄNDER
                                          Schleswig-Holstein
                                      1.013 1.055 -4,1 %                  Mecklenburg-Vorpommern
                                                                                      435 879 -102,1 %
                                                         Hamburg
                                   Bremen          583 1.023 -75,5 %
                          412 394 4,4 %                                         802 1.791 -123,3 %
                                                     Niedersachsen
                                                                                         Berlin
                                          2.701 3.740 -38,5 %
                                                            Sachsen-Anhalt                Brandenburg
             Nordrhein-Westfalen                   152 1.030 -577,6 %                   966 1.252 -29,6 %
                7.325 6.999 4,5%                           Thüringen
                                                                                     Sachsen
                                        Hessen        278 925 -232,7 %
                                                                                      797 1.433 -79,8 %
                                     2.417 2.490 -3,0 %
                                                                                      Bundesgebiet
                   Rheinland-Pfalz                                    Bayern
                                                                                      28.588 34.511 -20,7 %
                     1.304 1.343 -3,0 %                4.567 5.250 -15,0 %
                                Saarland
                                                 Baden-Württemberg
                       222 297 -33,8 %
                                                     4.614 4.610 0,1 %

                                                                                                       Neuabsolvent:innen
                                                                                                       Einstellungen
Quelle: KMK (2021): Einstellung von Lehrkräften 2020, Tab. 1.1, 1.3 und 1.5                            Defizit

                                                                                                           DGB | Personalreport 2021   13
»Die
     Qualität
     von Unterricht
     leidet«
     Wie äußert sich der Lehrkräftemangel im Schul-
     alltag aus eurer Sicht?                                 die Förderstunden für Deutsch, Mathe oder Englisch
     Angret Becker: Auf dem Papier hat ja jede Schule        in der fünften Klasse. Oder in der zehnten Klasse, da
     die Lehrkräfte, die ihr zustehen. Daraus stricken wir   müssen wir auf die Prüfungen vorbereiten. Das geht
     die Stundenpläne. Aber es ist alles zu knapp. Wenn      kaum, auch das ist für mich Ausdruck von Lehrkräfte-
     Kolleg:innen krank sind, gibt es keine Vertretungs-     mangel. Wir mussten jetzt für den Förderunterricht
     reserve. Dann müssen wir Klassen zusammenlegen,         Mathe einen Kollegen aus dem Ruhestand reaktivie-
     die ohnehin schon groß sind. Wir haben so gut wie       ren, damit die Schüler:innen nach dem Homeschoo-
     keine Möglichkeit, Förderunterricht anzubieten, etwa    ling nicht den Anschluss verlieren.

14   DGB | Personalreport 2021
Ist das für Mecklenburg-Vorpommern eine ty-            Aber das Land kann ja über die Studienplatz-
pische Situation?                                      kapazitäten und die Einstellungen eigentlich
Silke Rieck: Nein, denn unseren Schulen in der Regi-   vorsorgen?
on Schwerin bzw. Rostock geht es im Vergleich noch     Silke Rieck: Der Lehrkräftemangel begleitet uns
sehr gut. Wir sind ein Flächenland und haben ein       schon lange. Nach der Wende hatten wir zuerst zu
massives Problem, für Schulen im ländlichen Raum       viele Lehrkräfte. In dieser Situation wurde solidarisch
überhaupt Lehrkräfte zu finden. Ich weiß von Schulen   entschieden, dass alle Lehrkräfte die Stundenzahl
in den Schulamtsbereichen Neubrandenburg oder          reduzieren, also in eine Art Zwangsteilzeit gehen.
Greifswald, die mit ihrer Personaldecke nicht einmal   Die Stellen wurden erhalten und die Lehrkräfteaus-
mehr die Kontingentstundentafel halten können. Das     bildung wurde runtergefahren. Dann stiegen die
schaffen die einfach nicht. Dazu gibt es die Mangel-   Schüler:innenzahlen wieder und Lehrkräfte konnten
fächer, wie in anderen Bundesländern. Es gibt Fächer   aus der Teilzeit wieder in die Vollzeit wechseln. Aber
wie Musik, Religion oder Philosophie, die werden an    die Lehrkräfteausbildung wurde nicht an den Bedarf
manchen Schulen nicht mehr erteilt, weil es keine      angepasst. Die Konsequenz ist, dass Personal fehlt
Lehrkräfte gibt.                                       und dazu noch enorm viele Kolleg:innen bis 2030 in
                                                       den Ruhestand gehen.

                                                       Wie sieht vor diesem Hintergrund die Rekrutie-
                                                       rung aus?
                                                       Angret Becker: Wir melden als Schule Bedarf an
                                                       und schreiben Stellen aus. Aber es ist schwierig, wir
                                                       haben viele Bewerbungsgespräche und nur wenig
                                                       Erfolg. Viele jungen Kolleg:innen wollen dann doch
                                                       lieber ans Gymnasium und nicht an die Regionale
ZUR PERSON                                             Schule. Und es ist erkennbar, dass sich auf Bewerbun-
                                                       gen immer weniger ausgebildete Lehrkräfte melden.
Angret Becker ist seit 1984 diplomierte
Lehrerin für Deutsch und Russisch. Nach                Die Fachkräfte fehlen. Wir hatten Geografie ausge-
der Wende hat sie Englisch nachstudiert                schrieben, woraufhin sich ein Pilot beworben hat.
und an verschiedenen Schulen sowie zwei
Jahre als Unterrichtsberaterin gearbeitet.
                                                       Naja, der ist immerhin über viele Länder geflogen,
Seit 2011 ist sie stellvertretende Schul-              könnte man sagen. Man entwickelt auch eine Art
leiterin an der Regionalen Schule Gade-
                                                       Galgenhumor.
busch. Sie ist seit dem Studium in der
Gewerkschaft, war lange Personalrätin                  Silke Rieck: Von den Neueinstellungen sind lan-
und leitet mit Silke Rieck den Vorstand-               desweit ein Drittel Lehrkräfte im Seiteneinstieg. In
bereich Schule in der GEW MV.
                                                       Regionen wie Rostock sind es weniger, in Nordvor-
Silke Rieck hat 1995 das Studium der                   pommern geht es eher Richtung 80 Prozent. Es gibt
Sonderpädagogik und Sport in Rostock
                                                       Schulen, da werden Lehrkräfte im Seiteneinstieg von
begonnen und startete 2001 ins Referen-
dariat. Seit 2003 arbeitet sie am Landes-              Lehrkräften im Seiteneinstieg eingearbeitet. Und
förderzentrum für den Förderschwerpunkt                wohlbemerkt kommen sie nicht alle von der Hoch-
Hören. Sie fährt Schulen an, berät das
Kollegium und unterstützt Schüler:innen.
                                                       schule. Das geht so nicht. Da mache ich mir ehrlich
Seit 2014 (Einführung der Verbeamtung                  gesagt auch Sorgen um meine eigenen Kinder. Ich
im Land) ist sie Beamtin. Sie ist seit
                                                       bin immer etwas verwundert, dass die Eltern die
Langem im Personalrat und in der GEW
aktiv, seit knapp fünf Jahren auch im                  Situation so lethargisch hinnehmen. Die müssten
Lehrerhauptpersonalrat.                                eigentlich auf die Barrikaden gehen.

                                                                                       DGB | Personalreport 2021   15
Angret Becker: Das soll aber nicht heißen, dass die                       Von den Neueinstellungen
     Lehrkräfte im Seiteneinstieg nicht engagiert sind.                        sind landesweit ein Drittel
     Da ist zum Beispiel der Mathematiker von der Uni,                         Lehrkräfte im Seiteneinstieg.
     der gerne an die Schule will. Der kann natürlich Ma-                      In Rostock sind es weniger,
     thematik und gibt sich Mühe, aber bei den Kindern                         in Nordvorpommern eher
     kommt trotzdem nichts an. Da müsste die Unterstüt-                        80 Prozent. Es gibt
     zung viel besser sein, etwa durch mehr Mentoren­                          Schulen, da werden
     stunden. Es ist nicht möglich, dass das Kollegium das                     Lehrkräfte im Seiteneinstieg
     noch nebenbei erledigt.                                                   von Lehrkräften im
                                                                               Seiteneinstieg eingearbeitet.
     Das Kollegium ist ja ohnehin schon belastet.                              Silke Rieck
     Silke Rieck: Genau. Lehrkräfte haben hier 27 Pflicht-
     stunden, das ist hart. Das ist kein Argument, mit
     dem du Lehrkräfte nach Mecklenburg-Vorpommern
     lockst. Wegen der hohen Belastungen und unserer
     tollen Dienstvereinbarung Teilzeit reduzieren viele
     Kolleg:innen die Arbeitszeit. Aber warum müssen sie
     auf Gehalt verzichten, um ihre Arbeit zu schaffen?
     Das ist nicht fair. Und auch hier ist der Lehrkräfte-
     mangel hausgemacht. Wäre die Belastung niedriger,
     würden viele wieder Vollzeit arbeiten und wir hätten
     das Problem nicht in dem Umfang.
     Angret Becker: Genau. Ein junger Kollege meinte
     zu mir, durch mehr Geld würde er nicht glücklicher.
     Aber er möchte anders leben und arbeiten können. In
     den letzten Jahren wurden es immer mehr Aufgaben.       dich kaputt. Für das, was Schule schön macht, auch
     Das ist irre viel. Letzte Nacht kam zum Beispiel die    unter Kolleg:innen, hast du keine Zeit mehr. Und es
     Mail, dass wir die Anmeldung zur Corona-Impfung         frustriert, wenn du deinen Ansprüchen an guten
     ausfüllen lassen sollen. Wer druckt die aus uns ko-     Unterricht nicht nachkommen kannst. Wenn du am
     piert die? Das hat dann unsere Schulsozialarbeiterin    Abend Unterricht aufwendig vorbereitest, und am
     gemacht, aber die hat eigentlich andere Aufgaben.       nächsten Tag hast du 10 zusätzliche Schüler:innen,
     Diese ganzen Abfragen, Belehrungen, lange Formula-      weil ein Kollege krank ist. Das wirft alles über den
     re zum Schulabsentismus. Wir laufen ständig irgend-     Haufen. Das hat mit Wertschätzung nichts zu tun –
     welchen Zetteln hinterher, das summiert sich.           und die Qualität von Unterricht leidet.
                                                             Angret Becker: Es ist von Jahr zu Jahr schlimmer
     Wie verändert das die Arbeit?                           geworden. Vor Jahren habe ich noch gesagt, dass ich
     Silke Rieck: Durch die zunehmende Bürokratie sind       keinen Urlaub brauche, weil die Arbeit an der Schule
     alle Beschäftigten der Schule – es gibt ja nicht nur    Erholung ist. Das sage ich schon lange nicht mehr.
     die Lehrkräfte – einfach zu. Sie haben nicht mehr       Und dadurch, dass alle unter Druck stehen, sind auch
     die Muße, um sich zusammenzusetzen und ein Fall-        die Umgangsformen im Kollegium anders geworden.
     beispiel zu diskutieren. Oder fachliche Dinge. Und da   Wir merken das als Schulleitung, wir werden öfter
     bleibt Schule und Schulentwicklung für mich auf der     angebrüllt. Irgendeiner muss es ja abbekommen. Das
     Strecke. Du hast immer Druck im Kessel, das macht       bin dann ich, weil ich gerade über den Flur laufe.

16   DGB | Personalreport 2021
Was braucht es, um im Unterricht besser auf den             Silke Rieck: Und die Ausbildung muss besser wer-
individuellen Lernbedarf von Schüler:innen ein-             den. Wer heute Lehramt Mathematik studiert, sitzt
gehen zu können?                                            in den Lehrveranstaltungen des Masterstudiengangs.
Angret Becker: Ausreichend Förderkräfte, also               Das passt nicht zu den späteren Anforderungen im
Personal mit sonderpädagogischer Aufgabenstel-              Unterricht, viele brechen das Studium ab. Und Schule
lung, PmsA. Gerade heute war die Kollegin wieder            entwickelt sich ja auch weiter, auch das muss sich
an meiner Schule, aber die kommt nur alle 14 Tage           im Studium weiderfinden. Auf das Thema Inklusion
für ein oder zwei Stunden. Das ist ein Tropfen auf          muss besser vorbereitet werden. Die Referendariats-
dem heißen Stein. Sie hat gar keine Zeit, sich mit          ausbildung ist auch Baustelle. Ich hatte damals noch
den Lehrkräften abzustimmen, wie den Schüler:innen          eine Eins-zu-eins-Betreuung durch meine Mentorin,
geholfen werden kann.                                       aber auch da wurde gekürzt. Die Referendare können
Silke Rieck: Wir brauchen Zeit für Fortbildung, für         ja eigenverantwortlichen Unterricht machen, hieß es
Supervision. Schon auf der Stundentafel muss sich           dann. Dadurch wurden Stunden eingespart und die
abbilden, dass es Beratungsstunden gibt. Und wir            Ausbildung schlechter. Es muss was passieren, sonst
brauchen eine Zuweisung von über 100 Prozent,               haben wir irgendwann gar keine Lehrkräfte mehr.
damit Krankheitsfälle ausgeglichen werden können.           Weil es keiner mehr machen will.
Aktuell ist alles auf Kante genäht. Dadurch werden
Lehrkräfte vor allem dort abgezogen, wo sie för-
dernd unterwegs sind. Und wer bleibt dann auf der
Strecke? Die Kinder, die individuelle Förderung am
meisten brauchen.

Es gibt viele Baustellen. Deshalb hat die GEW
den Pakt Gute Schule 2030 mitinitiiert, der mit
der Landesregierung Ziele absteckt. Was hat für
euch Priorität?
Silke Rieck: Es gibt gerade verschiedene Arbeitsgrup-
pen, etwa zum Arbeitszeitkonto und zur Referenda­                             Vor Jahren habe ich noch
riatszulage. Mal sehen, wo das hinführt. Sicher ist, dass                     gesagt, dass ich keinen
die Landesregierung Geld in die Hand nehmen muss.                             Urlaub brauche, weil
Die Kolleg:innen brauchen ein gutes Einkommen, na                             die Arbeit an der Schule
klar. Aber vor allem muss mehr passieren in Bezug auf                         Erholung ist. Das sage ich
die Arbeitsbelastung, das ist entscheidend.                                   schon lange nicht mehr.
Angret Becker: Momentan haben wir zum Beispiel                                Und dadurch, dass alle
eine klassenbezogene Stundenzuweisung. Dadurch                                unter Druck stehen, sind
gibt es die Tendenz zu großen Klassen, das spart                              auch die Umgangsformen
Stunden ein. Ich würde mir eine schülerbezogene                               im Kollegium anders
Stundenzuweisung wünschen. Mit einer Faktorisie-                              geworden.
rung, dass ein Kind mehr Stunden bekommt, wenn                                Angret Becker
es zum Beispiel einen Förderschwerpunkt L hat. Dann
hättest du an Schulen, an denen es viel Bedarf an
Förderung gibt, wesentlich mehr Stunden zur Ver-
fügung.

                                                                                          DGB | Personalreport 2021   17
KAPITEL 3

     Langfristige Veränderungen
     im Personalstand
     In der Nachkriegs-BRD wuchs das Personal im öf-                                                                    lionen. Vor allem in den Sechziger- und Siebzigerjah-
     fentlichen Dienst stetig an, zwischen 1960 und 1990                                                                ren gab es durch eine Ausweitung der Staatstätigkeit
     stieg die Zahl der Beschäftigten von 3 auf 4,68 Mil-                                                               deutliche Personalzuwächse.

          ENTWICKLUNG DES PERSONALSTANDS, KÖPFE, IN TAUSEND

            Jahr                  insgesamt                       Beamt:innen und                                   Arbeitnehmer:innen                               Frauen im
                                                                  Richter:innen                                                                                      öffentlichen Dienst
            1991                            6.737,8                             1.843,5 (27,4 %)                               4.637,1 (68,8 %)                                        3.155,2 (46,8 %)

            1995                            5.371,0                             1.701,1 (31,7 %)                               3.475,5 (64,7 %)                                        2.677,2 (49,8 %)

            2000                            4.908,9                             1.684,6 (34,3 %)                               3.037,8 (61,9 %)                                        2.493,5 (50,8 %)

            2005                            4.599,4                             1.691,6 (36,8 %)                               2.722,7 (59,2 %)                                            2.390,8 (52 %)

            2010                            4.586,1                             1.687,1 (36,8 %)                               2.713,4 (59,2 %)                                        2.467,2 (53,8 %)

            2015                            4.645,5                               1.671,3 (36 %)                               2.808,2 (60,5 %)                                            2.603,4 (56 %)

            2020                            4 968,0                             1.716,9 (34,6%)                                    3.079,1 (62%)                                               2.857 (57,5%)

             DGB | Quelle: Statistisches Bundesamt, Fachserie 14, Reihe 6, Tab. 1.2 und 2.1

     Tabelle 2
                                                                                                                                                                                                    Abbildung 3

          BESCHÄFTIGTE DES ÖFFENTLICHEN DIENSTES, KÖPFE, IN TAUSEND
                                                                                                                                                                                                                    4.968,0
          4.908,9

                                                                                                                                                                                                          4.884,8
                    4.821,1
                              4.809,1

                                                                                                                                                                                                4.802,9
                                        4.779,4

                                                                                                                                                                                     4.739,9
                                                                                                                                                                           4.689,0
                                                  4.669,9

                                                                                                                                                       4.652,5
                                                                                                                                             4.635,2

                                                                                                                                                                 4.645,5
                                                                                                                                   4.617,4
                                                                                                                         4.602,9
                                                            4.599,4

                                                                                                              4.586,1
                                                                      4.576,0
                                                                                4.540,6

                                                                                                    4.547,6
                                                                                          4.505,1
          00
                    01
                              02
                                        03
                                                  04
                                                            05
                                                                      06
                                                                                07
                                                                                          08
                                                                                                    09
                                                                                                              10
                                                                                                                         11
                                                                                                                                   12
                                                                                                                                             13
                                                                                                                                                       14
                                                                                                                                                                 15
                                                                                                                                                                           16
                                                                                                                                                                                     17
                                                                                                                                                                                                18
                                                                                                                                                                                                          19
                                                                                                                                                                                                                    20
       20
                 20
                         20
                                   20
                                             20
                                                       20
                                                                  20
                                                                            20
                                                                                      20
                                                                                                20
                                                                                                          20
                                                                                                                    20
                                                                                                                               20
                                                                                                                                         20
                                                                                                                                                   20
                                                                                                                                                                 20
                                                                                                                                                                           20
                                                                                                                                                                                     20
                                                                                                                                                                                               20
                                                                                                                                                                                                          20
                                                                                                                                                                                                                    20

             DGB | Quelle: Statistisches Bundesamt, Fachserie 14, Reihe 6, 2020, Tab. 8.1.1

18   DGB | Personalreport 2021
VERGLEICH ZUM VORJAHR, BESCHÄFTIGTE DES ÖFFENTLICHEN DIENSTES,
     KÖPFE, IN TAUSEND

       Jahr                                   insgesamt                       Bund                               Länder                            Kommunen                           Sozial­
                                                                                                                                                                                      versicherung

       30.06.2019                                         4.884,8                                501,9                         2.460,5                           1.556,4                               366,0

       30.06.2020                                         4.968,0                                509,9                         2.493,3                           1.596,8                               368,0

        DGB | Quelle: Statistisches Bundesamt, Fachserie 14, Reihe 6, 2020, Tab. 8.1.1

Tabelle 3

Ab den Neunzigerjahren folgte eine lange Phase von                                                               Abbildung 3 zeigt die Personalstandentwicklung ab
Stellenstreichungen und Personalabbau. Zwischen                                                                  dem Jahr 2000 nach Köpfen, Abbildung 4 zeigt sie
1991 und 2020 ist das Personal des öffentlichen                                                                  nach Vollzeitäquivalenten. Das Vollzeitäquivalent gibt
Dienstes um rund 30 Prozent von 6,74 auf 4,97 Mil-                                                               an, wie viele Vollzeitstellen sich rechnerisch bei einer
lionen Beschäftigte gesunken.                                                                                    gemischten Personalbelegung mit Teilzeitbeschäftig-
                                                                                                                 ten ergeben. So wird ersichtlich, wie hoch die Zahl
Für den Stichtag 30.06.2020 verzeichnet die Perso-                                                               der Erwerbstätigen wäre, wenn es nur Vollzeitarbeits-
nalstandstatistik im Vergleich zum Vorjahr einen Per-                                                            plätze gäbe. Ein Vergleich macht deutlich, dass der
sonalzuwachs. Die Beschäftigtenzahl stieg insgesamt                                                              Rückgang der Beschäftigtenzahlen den massiven Ab-
um 83.190 Personen. Dies ist in erster Linie auf eine                                                            bau der Stellen im öffentlichen Dienst nur zum Teil
Zunahme im kommunalen Bereich (plus 40.365) und                                                                  widerspiegelt. Hintergrund ist der Anstieg der Teilzeit-
bei den Landesbeschäftigten (plus 32.790) zurück-                                                                beschäftigung: Eine Vollzeitstelle wird immer häufiger
zuführen.                                                                                                        von mehr als einer Person ausgefüllt.

                                                                                                                                                                                              Abbildung 4

     VOLLZEITÄQUIVALENTE IM ÖFFENTLICHEN DIENST, IN TAUSEND
      4.438,8
                4.333,2
                          4.292,1

                                                                                                                                                                                                     4.303,6
                                                                                                                                                                                                               4.376,6
                                    4.237,9

                                                                                                                                                                                           4.232,7
                                                                                                                                                                                 4.179,2
                                                                                                                                                                       4.132,7
                                               4.111,1

                                                                                                                                                             4.087,2
                                                                                                                                                   4.083,0
                                                                                                                                         4.057,4
                                                         4.030,4

                                                                                                                               4.026,2
                                                                   3.995,7

                                                                                                                     4.001,5
                                                                             3.956,1

                                                                                                           3.973,6
                                                                                                 3.953,8
                                                                                       3.921,9
     00
                01
                          02
                                    03
                                              04
                                                         05
                                                                   06
                                                                             07
                                                                                       08
                                                                                                 09
                                                                                                           10
                                                                                                                     11
                                                                                                                               12
                                                                                                                                         13
                                                                                                                                                   14
                                                                                                                                                             15
                                                                                                                                                                       16
                                                                                                                                                                                 17
                                                                                                                                                                                           18
                                                                                                                                                                                                     19
                                                                                                                                                                                                               20
  20
            20
                    20
                              20
                                         20
                                                    20
                                                              20
                                                                        20
                                                                                  20
                                                                                            20
                                                                                                      20
                                                                                                                20
                                                                                                                          20
                                                                                                                                     20
                                                                                                                                               20
                                                                                                                                                         20
                                                                                                                                                                   20
                                                                                                                                                                             20
                                                                                                                                                                                       20
                                                                                                                                                                                                 20
                                                                                                                                                                                                           20

        DGB | Quelle: Statistisches Bundesamt, Fachserie 14, Reihe 6, 2020, Tab. 8.1.4

                                                                                                                                                                                 DGB | Personalreport 2021               19
KAPITEL 4

     Der öffentliche Dienst
     im europäischen Vergleich
     In den europäischen Ländern haben öffentliche Ar-                 In Deutschland (und ähnlich in den Niederlanden)
     beitgeber eine sehr unterschiedliche beschäftigungs-              hat der Staat als Arbeitgeber eine im Vergleich ge-
     politische Bedeutung. Am stärksten ausgeprägt ist                 ringere Bedeutung.
     der öffentliche Sektor in den skandinavischen Län-
     dern. In Schweden, Dänemark und Norwegen liegt                    Gemessen an ihrer Wirtschaftsleistung geben die eu-
     der Anteil der Beschäftigten öffentlicher Arbeitgeber             ropäischen Nachbarn deutlich mehr für ihren öffent-
     an der Gesamtbeschäftigung nach Zahlen der OECD                   lichen Dienst aus. Im Jahr 2020 haben die vier skan-
     bei knapp 30 Prozent.1 Im Nachbarland Frankreich                  dinavischen Länder Dänemark, Finnland, Norwegen
     liegt der Anteil bei rund 21 Prozent, in Deutschland              und Schweden (DK, FI, NO, SE) im Durchschnitt 14,4
     dagegen nur bei 10,6 Prozent. Diese Unterschiede                  Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts für Personal im
     sind ein Hinweis darauf, dass in den europäischen                 öffentlichen Dienst ausgegeben, Dänemark als ein-
     Ländern die Bewertung dessen, was eine öffentlich                 zelnes Land sogar 15,4 Prozent (siehe Abbildung).
     zu erbringende Leistung ist, unterschiedlich ausfällt.            Die Personalausgaben in Deutschland beliefen sich

     Abbildung 5

         AUSGABEN FÜR DAS PERSONAL DES ÖFFENTLICHEN DIENSTES, ANTEIL AM BIP, IN PROZENT

                                                                         17,3
                16,0
                                                                                                                       15,4
                         14,6                                                                                          14,4
                11,5
                                                                                                                       11,7
                     10,7                                                                                              11,0
                                                                                                                       8,5
                   8,8
                                                                 7,5

                          Dänemark Durchschnitt DK, FI, NO, SE Durchschnitt BE, FR, NL, AT
                          Durchschnitt Europa Deutschland

               1996 1998 2000 2002 2004 2006 2008 2010 2012 2014 2016 2018 2020

           DGB | Quelle: EUROSTAT, Staatseinnahmen, -ausgaben und Hauptaggregate [gov_10a_main], zu leistende AN-Entgelte,
         Anteil am Bruttoinlandsprodukt, Stand Juli 2021

20   DGB | Personalreport 2021
AUSGABEN FÜR DAS PERSONAL DES ÖFFENTLICHEN
   DIENSTES, ANTEIL AM BIP, 2020, IN PROZENT
                         Island 16,1
                                               Norwegen 16,3                                      Finnland 12,8
           unter 8                                                     Schweden 13,1
           8 bis 10
           10 bis 12                                                                                   Estland 12,7
           über 12
                                                                                                        Lettland 11,8
                                                         Dänemark 15,4
                   Irland 6,7
                                                                                                    Litauen 11,5
                                                    Niederlande 8,8
                                                                                       Polen 10,9
                                                            Deutschland 8,5
                                      Belgien 13,4
        EU-27 11,0                            Luxemburg 10,8                  Tschechien 11,2
                                                                                          Slowakei 11,5
                                                               Österreich 11,4
                               Frankreich 13,3
                                                                                      Ungarn 10,6
                                                                              Slowenien 12,7          Rumänien 12,1
     Portugal 11,7                                                          Kroatien 13,6
                       Spanien 12,5                                                                 Bulgarien 10,9
                                                                   Italien 10,5

                                                                                        Griechenland 13,4
                                                     Malta 12,2
     DGB | Quelle: Quelle: EUROSTAT, Staatseinnahmen, -ausgaben und Hauptaggregate
                                                                                                          Zypern 13,8
   [gov_10a_main], zu leistende AN-Entgelte, Anteil am Bruttoinlandsprodukt, Stand Juli 2021

                                                                                                               Abbildung 6

   Die europäischen Nachbarn                                      ben in Deutschland sind im europäischen Vergleich
   geben deutlich mehr für                                        also niedrig. Schaut man auf das Jahr 1996, so ist
   ihren öffentlichen Dienst aus.                                 Deutschland zudem weiter zurückgefallen. Zwischen
                                                                  1996 und 2020 hat sich die Differenz zu den beiden
                                                                  dargestellten Ländergruppen jeweils leicht vergrö-
                                                                  ßert. Die kleinen Sprünge, welche zwischen 2008 und
2020 lediglich auf 8,5 Prozent. Sie liegen also 5,9               2012 und zwischen 2018 und 2020 zu beobachten
Prozentpunkte unter dem Niveau der vier skandina-                 sind, erklären sich durch Schwankungen des BIP im
vischen Länder.                                                   Rahmen der Finanz- und der Corona-Krise, nicht
                                                                  durch Personalzuwächse.
Auch die kontinentaleuropäischen Länder Belgien,
Frankreich, Niederlande und Österreich (BE, FR,
NL, AT) investieren deutlich mehr in ihr Personal.                1 |	OECD (2021): Government at a Glance 2021, Paris; S. 101
Im Jahr 2020 waren es 11,7 Prozent. Die Ausga-

                                                                                                       DGB | Personalreport 2021   21
VOR ORT NACHGEFRAGT

     Justiz am Limit
     Die Arbeitsbelastung an Gerichten und Staatsanwaltschaften hat zugenommen.
     Die Eingangszahlen sind in vielen Bereichen gestiegen, die Verfahren komplexer.
     Demgegenüber steht eine Justiz, die oft schlechter ausgestattet ist, als sie
     es sein sollte. Und der es immer schwerer fällt, neues Personal zu gewinnen.

     Das Vertrauen der Bürger:innen in das deutsche              DIGITALE MEHRBELASTUNG
     Rechtssystem ist recht hoch. Einer repräsentativen          Wohlgemerkt sind alle Beschäftigtengruppen am Li-
     Umfrage zufolge haben 66 Prozent sehr viel oder             mit, also auch Rechtspfleger:innen und Justizange-
     ziemlich viel Vertrauen in die Gerichte, der Wert ist       stellte im nichtrichterlichen Dienst. Ohne diese läuft
     seit Jahren recht stabil.1 Allerdings äußern die Be-        an Gerichten und Staatsanwaltschaften gar nichts.
     fragten auch Kritik: 83 Prozent beklagen, dass Ver-         Und gerade hier zeigt sich, dass die oft beschworene
     fahren zu lange dauern, 74 Prozent halten die Ge-           Digitalisierung der Justiz auf absehbare Zeit eine zu-
     richte für überlastet.                                      sätzliche Belastung bedeutet. Denn mehr Personal
                                                                 für Einführung, Erprobungen und Schulung bezogen
     WELCHE JUSTIZ WOLLEN WIR?                                   auf die eAkte ist nicht in Sicht. In der Pilotphase wird
     Carola Augustin teilt die Kritik. Sie ist seit 2007 Rich-   parallel aber oft noch die Papierakte geführt, vieles
     terin am Sozialgericht Oldenburg und im Hauptrich-          muss extra ausgedruckt werden, Schnittstellen funk-
     terrat sowie in ver.di aktiv. Häufig würden sie und         tionieren nicht. Gerade der nichtrichterliche Dienst
     ihre Kolleg:innen von der Arbeit schlicht überwältigt.      ist dadurch stark belastet.
     »Die Personalausstattung in der Justiz wird nach
     Eingangszahlen bemessen. Im Sozialgericht haben             AKT FÜR DEN RECHTSSTAAT
     wir aber seit Jahren zu viele Akten im Bestand. Die         Je nach Gerichtsbarkeit ist die Lage unterschied-
     kriegen wir gar nicht abgearbeitet«, erklärt sie. Die       lich, aber vielerorts prekär. Dabei wurde in letzter
     Folge: lange Verfahrenslaufzeiten, die alle Seiten aus-     Zeit schon verstärkt Personal eingestellt. Bund und
     laugen und die Rechtssuchenden frustrieren. »Ver-           Länder hatten verabredet, im Rahmen des »Paktes
     fahren laufen dann gut, wenn ich sie von Anfang             für den Rechtsstaat« bis 2021 insgesamt 2000 neue
     an individuell betreiben kann. Wenn nur standar-            Stellen an Gerichten und Staatsanwaltschaften zu
     disierte Schriftsätze genutzt werden, die nicht auf         schaffen. Dieses Ziel wurde erreicht, die Lage vor
     den Empfänger abgestimmt sind, und Verfahren lan-           Ort verbesserte sich aber kaum. Und dass viele der
     ge auf Bearbeitung warten müssen, weil es anders            neu geschaffenen Stellen noch nicht besetzt werden
     nicht zu leisten ist, machen wir keine gute Figur«,         konnten, verweist auf die schwierige Nachwuchssu-
     so Augustin. Eine gute Personalausstattung sei auch         che. Denn der Personalmangel wird sich weiter ver-
     ein Hebel, um Vertrauen und Anerkennung der Bür-            schärfen, wie das folgende Interview zeigt.
     ger:innen zu stärken und zu erhalten. »Schließlich
     können Abstriche in der Qualität nicht die Lösung
     sein. Weder für die Rechtssuchenden, noch für die
                                                                 1 |	Vgl. Institut für Demoskopie Allensbach (2021):
     Justiz«, so ihr Fazit.                                           Roland Rechtsreport 2021, Köln

22   DGB | Personalreport 2021
ZAHLEN & FAKTEN

Um insgesamt       21,3 %           ging der                       Zusammengenommen               56,7 %
Personalbestand im mittleren Dienst und im                         aller staatsanwaltschaftlichen Verfahren
Schreibdienst zwischen 1995 und 2019 an den                        wurden in Deutschland im Jahr 2019 eingestellt
Amtsgerichten in Deutschland zurück, von 29.182                    (mit Auflage 3,4 %, ohne Auflage 24,6 %,
auf 22.975. Im richterlichen und im gehobenen                      mangels Tatverdacht 28,5 %, wegen
Dienst veränderte sich die Personaldecke kaum.                     Schuldunfähigkeit 0,2 %).
Quelle: Bundesamt für Justiz, Personalbestand der Amtsgerichte,    Quelle: Statistisches Bundesamt, PM vom 21.8.2020
Stand vom 16.10.2019

                                                                                                               62 %
1.089
                                                                   Gleichbehandlung vor Gericht?
                 Gerichte gab es in den                            der Bürger:innen zweifeln daran und denken,
Bundesländern, darunter Amts-, Land-,                              dass man seine Chancen auf ein günstigeres
Oberlandes-, Arbeits-, Verwaltungs-, Sozial-                       Urteil verbessert, wenn man einen bekannten
und Finanzgerichte im Jahr 2019.                                   Anwalt bezahlen kann. 58 Prozent beklagen,
Quelle: Statistisches Bundesamt, Genesis-Datenbank,                dass die Rechtsprechung in Deutschland sehr
Statistik Zahl der Gerichte, August 2021
                                                                   uneinheitlich ist.
                                                                   Quelle: Institut für Demoskopie Allensbach (2021):
                                                                   Roland Rechtsreport 2021, Köln, S. 16

184.065                  Beschäftigte haben
2020 in Deutschland in der Justiz gearbeitet.
Davon scheiden in den nächsten 10 Jahren
25,1 Prozent altersbedingt aus.
Quelle: Statistisches Bundesamt,
Fachserie 14 Reihe 6 – 2020, Tab. 2.9

                                                                       PEBB§Y – WAS IST DAS?

21.339               Richter:innen gab es
                                                                       PEBB§Y steht für »Personalbedarfsberechnungs-
                                                                       system«. Seit 2005 wird damit der Personalbedarf
                                                                       der Justiz errechnet. Erstellt hat es eine Unterneh-
in Deutschland auf Bundes- und Landesebene
                                                                       mensberatung für die Justizbehörden von Bund und
Ende 2018. Die Zahl der Staatsanwält:innen                             Ländern, aktuell ist das Unternehmen PwC beauftragt.
lag bei 5.882.                                                         Regelmäßig schreibt eine Erhebungsgruppe auf,
                                                                       wie lange sie für eine Tätigkeit braucht. Auf Basis
Quelle: Bundesamt für Justiz, Richterstatistik, Stand 15.11.2019
                                                                       dieser durchschnittlichen Bearbeitungszeit wird der
                                                                       Personalbedarf an Richter:innen, Staatsanwält:innen

388.883
                                                                       und Rechtspfleger:innen und Justizangestellten er-
                                                                       rechnet, indem die Einzelfallbearbeitungszeit mit der
                         Klageverfahren                                tatsächlichen Fallzahl multipliziert wird. Betrachtet
haben Sozialgerichte in Deutschland                                    werden allerdings alleine die Eingangszahlen, nicht
                                                                       der Aktenbestand.
im Jahr 2019 erledigt.
Quelle: Statistisches Bundesamt, Genesis-Datenbank,
Statistik in der Sozialgerichtsbarkeit, August 2021

                                                                                                         DGB | Personalreport 2021   23
»Der Druck
     durch die
     Eingangszahlen
     ist heute
     viel höher«

     Über einen längeren Zeitraum betrachtet: Wie        nische Schreibmaschine. Mitte der Achtzigerjahre
     hat sich die Arbeit im Gericht verändert?           war das die normale Arbeitsplatzausstattung. In der
     Sabine Gruber: Nach der Ausbildung kam ich nach     Geschäftsstelle hatten wir feste Arbeitszeiten von
     München zum Amtsgericht, dort hatte ich ein altes   7.30 bis 16.15, am Freitag bis 15.00 Uhr. Insgesamt
     schwarzes Telefon mit Wählscheibe und eine mecha-   war es weniger hektisch und die Arbeitsbelastung

24   DGB | Personalreport 2021
war geringer als jetzt. Wir hatten auch ein anderes      kämpft. Oft wollen die Anwält:innen sich erstinstanz-
Verhältnis zur Richterschaft, da waren wir in der        lich nicht einigen, weil es sich gebührentechnisch
Regel noch per Du. Heute muss immer alles schnell        nicht lohnt. Da wird gleich auf die Berufungsinstanz
gehen. Und der Druck durch die Eingangszahlen ist        gesetzt. Alles zieht sich, die Akten werden dicker.
viel höher.                                              Und es gibt auch hier mehr Massenverfahren, aktu-
Norbert Wennmacher: Ich bin seit 1993 Arbeits-           ell und bundesweit etwa zu Nachtschichtzuschlägen
richter: Auch ich hatte in den ersten Jahren keine IT    der Nahrungsmittelindustrie. Ich alleine habe über
am Arbeitsplatz. Der nichtrichterliche Dienst nutzte     200 Fälle. Solche Wellen sind schon logistisch ein
damals teilweise noch alte Robotron-Schreibmaschi-       Problem, gerade ohne ausreichend Kolleg:innen im
nen. Oder mit heutigen Standards nicht vergleich-        nichtrichterlichen Dienst.
bare Computer. Später stand im Sozialraum ein
Rechner mit piepsendem Modem für den Juris-Zu-
gang, den haben wir Richter:innen uns geteilt. Erst
ab ca. 2000 kamen Rechner für alle. Aber anfangs
war die Personalausstattung der neu gegründeten
Arbeitsgerichtsbarkeit Sachsen-Anhalt noch gut,
richterliche Kolleg:innen hatten eine Protokollkraft.
Später wurden diese Stellen gekürzt. Dadurch mache
ich viele Schreibarbeiten jetzt selbst, über digitale
Diktiertechnik und Spracherkennung. Heute ist die
Arbeit schnelllebig, wir haben viel Zeitdruck.

Wenn die Arbeitsintensität jetzt höher ist, liegt
das an der Personaldecke? Oder haben sich die
Aufgaben verändert?                                                        ZUR PERSON
Gruber: Es ist eine Mischung von beidem. Auch bei
                                                                           Sabine Gruber ist Rechtspflegerin am
uns wurde Personal abgebaut, das war ein schlei-                           Amtsgericht München. Von 1983 bis
chender Prozess. Gleichzeitig hat die Zahl der Ver-                        1985 war sie Beamtenanwärterin für den
                                                                           mittleren Dienst und arbeitete danach
fahren deutlich zugenommen und sie sind heute sehr                         als Justizassistentin. Den Aufstieg in den
viel umfangreicher. Wenn ich ans Nachlassgericht                           gehobenen Dienst schloss sie 1995 ab.
                                                                           Seit vielen Jahren ist Gruber aktiv bei der
denke, da geht es oft um riesige Vermögen. Das sind
                                                                           ÖTV und später bei ver.di. 1988 wurde sie
aufwendige Verfahren, die sich über Jahre ziehen.                          in die JAV und 1990 in den Personalrat
Gleichzeitig gibt es immer mehr Anwaltskanzleien,                          gewählt. Seit Februar 2020 ist sie die
                                                                           Vorsitzende des Gremiums.
die systematisch Mandate akquirieren. Das ist eine
richtige Rechtsdienstleistungsindustrie. Die eigentli-                     Norbert Wennmacher ist seit 1993 in
                                                                           Sachsen-Anhalt Arbeitsrichter, er hat
che Belastung in der Geschäftsstelle und der Service-
                                                                           diesen Fokus schon im Referendariat
einheit ist der hohe Aktenumlauf.                                          angestrebt. Nach fünf Jahren erstinstanz-
                                                                           licher Tätigkeit folgten Abordnungen ans
                                                                           Bundesarbeitsgericht sowie ans Bundes-
Wie ist das am Arbeitsgericht?                                             arbeitsministerium. Zurück in Sachsen-
Wennmacher: Auch hier hat sich viel verändert, zum                         Anhalt war er bei den Arbeitsgerichten
                                                                           Stendal und Halle und ist jetzt beim
Beispiel die Streitkultur. Früher erledigten sich zwei
                                                                           Landesarbeitsgericht tätig. Er ist für ver.di
Drittel der Verfahren im Gütetermin durch Vergleiche,                      seit 2006 im Richterrat der Arbeitsgerich-
Klagerücknahmen usw. Heute wird erbitterter ge-                            te und im Landesrichterrat aktiv.

                                                                                           DGB | Personalreport 2021       25
Später wurden Stellen                               Für Entlastung sollte der Pakt für den Rechts-
         gekürzt. Dadurch mache                              staat sorgen. Bund und Länder bewerten ihn po-
         ich viele Schreibarbeiten                           sitiv, Gerichte und Staatsanwaltschaften hätten
         jetzt selbst, über digitale                         viele Stellen geschaffen. Spürt man das vor Ort?
         Diktiertechnik und                                  Gruber: Große Personalzuwächse hat uns das jeden-
         Spracherkennung.                                    falls im Servicebereich nicht gebracht. Und vor al-
         Heute ist die Arbeit                                lem haben wir im Großraum München zunehmend
         schnelllebig, wir haben                             Schwierigkeiten, die vorhandenen Stellen adäquat zu
         viel Zeitdruck.                                     besetzen. Wir haben die Konkurrenz zur Privatwirt-
         Norbert Wennmacher                                  schaft und zur Stadt München, die ihren Beschäftig-
                                                             ten eine höhere München-Zulage zahlt als der Frei-
                                                             staat. Wenn jemand nicht zwingend zur Justiz will,
                                                             haben wir schlechte Karten. Und eine Ausbildung für
                                                             Justizfachangestellte gibt es bei uns nicht. Als ver.di
                                                             fordern wir das, aber es ist politisch nicht gewollt.
                                                             Wenn wir einstellen, bleibt nur der Quereinstieg, zum
                                                             Beispiel von Rechtsanwaltsfachangestellten. Dane-
                                                             ben werden Anwärter:innen im Justizfachwirtedienst
     Seit Anfang 2005 gibt es für die Justiz das Per-        ausgebildet, aber insgesamt reicht es eben nicht aus.
     sonalbedarfsberechnungssystem PEBB§Y. Hat
     es sich bewährt?                                        Wie sieht die Nachwuchsgewinnung bei den
     Wennmacher: Nur teilweise. Wenn sich durch              Richter:innen aus?
     PEBB§Y ein Bedarf errechnet, kann man bei den Mi-       Wennmacher: Da ist man dran, was auch bitter
     nisterien leichter Personal einfordern. Ansonsten ist   nötig ist. Die Altersstruktur ist in allen Gerichtsbar-
     es eine ziemliche Geldvernichtung. Da werden bun-       keiten schlecht. Die Richter:innen am Arbeitsgericht
     desweit Millionenbeträge für die Erhebungen aus-        sind bei uns alle 56 Jahre und älter. Nach 25 Jahren
     gegeben. Und letztlich sind wir von den Ergebnissen     wurde jetzt die erste junge Kollegin auf Lebenszeit
     ziemlich nah bei den alten Pensenschlüsseln, die vor    ernannt. Man versucht gegenzusteuern, damit das
     PEBB§Y eine gleichmäßige Personalausstattung der        Problem sich nicht fortschreibt, wenn ein großer
     Gerichte ermöglichten. Außerdem betrachtet PEBB§Y       Schwung bald altersbedingt aussteigt. Die neue
     nur Verfahrenseingänge. Es kommt aber oft vor, dass     Landesregierung setzt das sogenannte Feinkonzept
     enorme Rückstände entstehen, etwa durch Altersab-       fort. Es wird erstmal über den Durst einstellt, etwa
     gänge oder den Krankenstand. Das bildet PEBB§Y          10 Prozent über dem Personalschlüssel nach PEBB§Y.
     nicht ab, auf den Aktenbestand wird nicht geschaut.
     Dadurch stimmt die Bedarfsberechnung nicht.             Das ist doch sinnvoll, so kann das Wissen der
     Gruber: Das sehe ich auch so. Man kann mit PEBB§Y       Älteren weitergegeben werden.
     gegenüber dem Haushaltsgesetzgeber Stellen einfor-      Wennmacher: Ja. Es ist aber schwierig, Bewerber:in-
     dern, wenn die Zahlen entsprechend sind. PEBB§Y ist     nen zu bekommen und zu halten. Auch, weil die Pro-
     aber nicht geeignet, um innerhalb eines Standortes      berichter:innen in Sachsen-Anhalt nicht wissen, wo
     Personal zu verteilen. Da kann man nicht mit Durch-     sie verplant werden. Es gilt das Rotationsprinzip und
     schnittswerten arbeiten, weil manche Menschen           sie müssen sich in zwei Gerichtsbarkeiten bewähren.
     aufgrund bestimmter Umstände weniger als 100            Sie können nicht wählen wie in anderen Bundeslän-
     Prozent leisten können, andere locker 120 Prozent.      dern. Viele, die bei uns anfangen und gute Examens-

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