DER DIGITALE STAAT - TRANSPARENZ ALS DIGITALISIERUNGSMOTOR - ARGUMENTE ZU MARKTWIRTSCHAFT UND POLITIK - STIFTUNG MARKTWIRTSCHAFT

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DER DIGITALE STAAT - TRANSPARENZ ALS DIGITALISIERUNGSMOTOR - ARGUMENTE ZU MARKTWIRTSCHAFT UND POLITIK - STIFTUNG MARKTWIRTSCHAFT
Der digitale Staat –
Transparenz als Digitalisierungsmotor

Argumente
zu Marktwirtschaft
und Politik

Nr. 155 | Juni 2021

Fulko Lenz
Der digitale Staat –
Transparenz als Digitalisierungsmotor

Fulko Lenz

Argumente zu Marktwirtschaft und Politik Nr. 155

Inhaltsverzeichnis

   Vorwort 03

1   Einleitung – Sündenböcke und Vogel Strauße 04
2   Die Verfehlung digitalpolitischer Ziele 06
3   Deutschland im internationalen Vergleich 09
4   Digitale Handlungsfähigkeit in der Corona-Pandemie 13
    4.1     Fehlende digitale Ausstattung und Verfahren 13
    4.2     Unzureichende Datenerhebung und -nutzung 15
    4.3     Zwischenfazit 19
5   Datenschutz: Hindernis oder Ablenkungsmanöver? 20
    5.1     Datenschutz in der digitalen Pandemiebekämpfung 20
    5.2     Grundsätze eines modernen Datenschutzes 21
6   Föderalismus: Erschwernis und Ausrede zugleich 24
    6.1     Mehr Zentralismus als Ausweg? 24
    6.2     Föderaler Wettbewerb statt Verantwortungsflucht 26
7   Datenbasierte Transparenz als Digitalisierungsmotor 28
    7.1     Veränderungsanreize durch Transparenz 28
    7.2     Bisherige Transparenzbemühungen nicht ausreichend 29
    7.3     Auch Transparenz ist kein Allheilmittel 32

8   Fazit: Digitalpolitische Prioritätensetzung verändern 33

   Literatur 34

   Executive Summary 36

© 2021

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ISSN: 1612 – 7072                                                  Die Publikation ist auch über den QR-Code
Titelfoto: © Andrey Kuzmin – stock.adobe.com / Montage             kostenlos abrufbar.
Vorwort

Vorwort

Mit ebenso bombastischer wie routinierter Rhetorik werden              • Ein moderner Datenschutz muss unbürokratisch ausge-
auch im Vorfeld der Bundestagswahl 2021 wieder blühende                  staltet werden und kann sich nicht – wie beispielsweise bei
digitale Landschaften versprochen: Von einer digitalen Infra-            der elektronischen Patientenakte vorgesehen – ausschließ-
struktur „auf Weltniveau“, einem „digitalen Wirtschaftswun-              lich auf kleinteilige, wiederholt erforderliche Einwilligungen
der“ oder gar „Virtual Reality bzw. Augmented Reality in der             und maximale Datensparsamkeit stützen.
Verwaltung“ ist die Rede. Die Realität des deutschen Staates           • Der Staat muss Herr über seine Informationsflüsse werden:
ist jedoch alles andere als virtuell und die vorherrschende              Einheitliche Standards und Schnittstellen sind immer
digitale Landschaftsform in deutschen Amtsstuben und Be-                 dort zentral und verbindlich zu definieren, wo ebenen- und
hörden erinnert noch immer eher an die „Servicewüste“, die               behördenübergreifend vernetzte Systeme, Prozesse und
die Expertenkommission für Forschung und Innovation schon                Informationsflüsse von hoher Bedeutung sind.
2016 beklagte.                                                         • Die staatliche Aufgabenerfüllung muss auf einer we-
      Wie wenig Deutschland dem Idealbild eines digitalen                sentlich besseren Datenbasis erfolgen. Dazu gehört
Staates entspricht, hat die Corona-Pandemie schonungslos                 die transparente Bereitstellung von zwischen staatli-
offengelegt: Digitale Ausstattung fehlte an allen Ecken und              chen Stellen vergleichbaren Daten, anhand derer die
Enden; der Einsatz digitaler Verfahren in Schulen, Gesund-               Qualität staatlichen Handelns bewertet werden kann.
heits- oder Bürgerämtern gelang nur begrenzt; eine aussa-
gekräftige Datenbasis als Grundlage für effizientes staatliches              Die Kluft zwischen digitalem Anspruch und analoger
Handeln fehlt auch im zweiten Pandemiejahr. Alles ande-                Wirklichkeit hängt auch damit zusammen, dass Staat und
re als ausgemacht ist zudem, ob mit der Corona-Krise bei               Politik über das eigene Handeln nicht nur viel zu wenig wis-
allem Leid wenigstens im Hinblick auf die Digitalisierung ein          sen, sondern im Zweifel lieber gar nichts wissen wollen. Man
heilsamer Schock verbunden ist, der zu dauerhaften Ver-                belässt es bei einem eher anekdotischen Beklagen des di-
besserungen führt. Es steht vielmehr zu befürchten, dass               gitalen Rückstands und gelobt so baldige wie diffuse Bes-
spätestens nach dem Ende des pandemischen Notstandes                   serung. Einer politischen Vogel-Strauß-Strategie folgend
die Beharrungskräfte und Bequemlichkeiten eines bürokra-               werden konkrete Missstände und Versäumnisse im eigenen
tischen, schwerfälligen und vor allem Bedenken tragenden               Verantwortungsbereich weder sichtbar gemacht noch konse-
Staatswesens wieder die Oberhand gewinnen.                             quent angegangen. Diejenigen, die den Kopf besonders tief
      Will man den zu Recht hohen Erwartungen von Bürgern              im Sand der digitalen Wüste vergraben haben, zitieren den
und Unternehmen an einen modernen, digital leistungsfä-                Datenschutz als Ausrede oder verstecken sich hinter einem –
higen Staat gerecht werden, braucht es daher nicht vollmun-            diesen Namen zunehmend weniger verdienenden – Födera-
dige, analoge Rhetorik, sondern dringend digitale Taten:               lismus, bei dem die Flucht aus klar definierter Verantwortung
                                                                       mit Forderungen nach mehr Geld und der Verhinderung eines
• Schulen müssen auch über die Pandemie hinaus digital                 wirksamen Leistungsvergleichs einhergeht. Vor diesem Hin-
  leistungsfähig werden, um moderne Technologien sinnvoll              tergrund wird in der vorliegenden Studie ein Fokus auf daten-
  einsetzen und digitale Kompetenzen vermitteln zu können.             basierte Transparenz als Motor nicht nur digitalen Fortschritts
• Staatliche IT-Modernisierungsprojekte z.B. in Bürger-,               gelegt. Sie sollte als Plädoyer verstanden werden, den digi-
  Gesundheits- oder Finanzämtern müssen entschlossener                 talen Staat als einen transparenten Staat zu gestalten und
  sowie vor allem wesentlich schneller vorangetrieben wer-             den Kopf aus dem Sand zunehmen.
  den und sollten der Vereinfachung, Beschleunigung und
  Entbürokratisierung staatlichen Handelns dienen.                     Wir danken der informedia-Stiftung für die Förderung dieser
• Dazu bedarf es digitaler Schnittstellen zu Bürgern und               Publikation.
  Unternehmen, die nicht als Einbahnstraßen mit kontinu-
  ierlich ausgeweiteten Informationspflichten enden dürfen,
  weil der Staat daran scheitert, digitale Übermittlungs- und
  Verarbeitungswege zu schaffen (wie z.B. jahrelang bei der
  E-Bilanz).
• Gesetze sind digital vollziehbar auszugestalten, ihre Ziel-
  erreichung sollte anhand von vorab definierten Indikatoren           Prof. Dr. Michael Eilfort         Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen
  überprüfbar sein und bestehendes Recht (z.B. im materi-              Vorstand                          Vorstand
  ellen Steuerrecht) muss digitaltauglich angepasst werden.            der Stiftung Marktwirtschaft      der Stiftung Marktwirtschaft

                                                                  03
Einleitung – Sündenböcke und Vogel Strauße                                                                                           Der digitale Staat –

1          Einleitung – Sündenböcke und Vogel Strauße

Ein digital leistungsfähiger Staat sollte sich durch zielführen-                holen auf das, was in anderen Ländern längst Standard ist.
den und qualitäts- sowie effizienzsteigernden Einsatz digitaler                 Vielmehr offenbart sich in Deutschland bei der Digitalisierung
und datengetriebener Technologien in allen Bereichen seiner                     ein Dreiklang des staatlichen Versagens: Selbstgesteckte
Aufgabenerfüllung auszeichnen. Dabei ist die Digitalisierung                    Ziele werden nicht erreicht (Kapitel 2), in internationalen Ver-
kein Selbstzweck, sondern vor allem Mittel zum Zweck eines                      gleichen belegt Deutschland bestenfalls Plätze im hinteren
besseren und effizienteren staatlichen Handelns. Die Forde-                     Mittelfeld (Kapitel 3) und in der Folge schwindet die staatliche
rung nach einem solchen digitalen Staat ist in Deutschland so                   Handlungsfähigkeit in einer digitalen und datengetriebenen
alt und allgegenwärtig, wie das Klagen darüber, dass man von                    Welt bedrohlich – wie Kapitel 4 am Beispiel der Corona-Pan-
diesem Idealbild weit entfernt ist. Es ist daher schon eine gute                demie verdeutlicht.
Nachricht, dass die Zeiten vorbei scheinen, in denen sich po-                         Die politischen Versprechungen, dass mit dem nächs­
litische Haltungen zur Digitalisierung überwiegend auf einem                    ten Strategiepapier, dem nächsten Förderprogramm oder
Spektrum zwischen angstvoller Ablehnung und der Hoffnung                        spätestens der nächsten Legislaturperiode endlich alles an-
darauf verorten ließen, dass der „Spuk“ irgendwann schon                        ders, alles besser wird, verlieren mit jeder Wiederholung an
wieder vorbei ginge, wenn man ihn nur lange genug ignoriere.                    Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft. Umso grotesker
Spätestens seit dem Bundestagswahlkampf 2017, der stark                         erscheint vor diesem Hintergrund der zunehmend zu be­
von Digitalthemen geprägt war, ist dem Thema erhöhte poli-                      obachtende digitalpolitische Anspruch, die digitale Trans-
tische Aufmerksamkeit gewiss. So nahm Digitalpolitik im Ko-                     formation der Wirtschaft durch in Zahl und Intensität wach-
alitionsvertrag von CDU/CSU und SPD eine prominente Rolle                       sende Eingriffe selektiv fördern und aktiv steuern zu wollen.1
ein: Der Wortstamm „digital“ findet sich auf dem 175 Seiten                     Ausgerechnet der Staat, dessen eigene digitale Rückstän-
starken Dokument ganze 298 Mal.                                                 digkeit immer mehr zum Hemmschuh wird, soll den Weg
      Angesichts dieser ambitionierten, umfangreichen An-                       in die digitale Zukunft weisen? Aus lauter Angst vor einem
kündigungen fällt die Bilanz der 2021 endenden 19. Legis-                       technologischen und wirtschaftlichen Bedeutungsverlust im
laturperiode jedoch ernüchternd aus. Entstanden ist vor                         internationalen Vergleich gerät dabei viel zu sehr in Verges-
allem eine Flut von Strategiepapieren und Aktionsplänen, mit                    senheit, dass das beste Investment in die Zukunftsfähigkeit
zum Teil äußerst kleinteiligen Maßnahmenkatalogen: So fin-                      des Standorts Deutschland die Schaffung eines modernen,
det man u.a. eine Datenstrategie der Bundesregierung, den                       digital leistungsfähigen Staates wäre. Es spricht wohl Bände
Bericht der Daten-Ethik-Kommission, die KI-Strategie und                        über die politische Prioritätensetzung, dass in vielen der oben
deren Fortschreibung, den Bericht der Enquete-Kommission                        genannten Strategiepapieren die Digitalisierung des Staates
zur Künstlichen Intelligenz, eine Umsetzungsstrategie „Digi-                    erst im letzten Kapitel behandelt wird. Gerade hier wären
talisierung gestalten“ der Bundesregierung, einen „Aktions-                     jedoch angesichts der nicht erst mit der Corona-Pandemie
plan Forschungsdaten“ des Bildungsministeriums und einen                        offensichtlichen Mängel wesentlich ambitioniertere Anstren-
9-Punkte-Plan des Beauftragten der Bundesregierung für                          gungen erforderlich.
Informationstechnik. Wollte man es überspitzt ausdrücken,                             Die Mischung aus einem eher abstrakten Diskurs um die
könnte man unterstellen, die sichtbarste digitalpolitische                      Digitalisierung, gegen die ja ohnehin kaum jemand ernsthaft
Errungenschaft der scheidenden Bundesregierung sei be-                          ist, und kleinteiligen Maßnahmenkatalogen, deren Umset-
schriebenes Papier. Ein solches Urteil täte vielen Initiativen                  zung allzu oft an der Realität eines schwerfälligen Staatswe-
jedoch Unrecht, deren Inhalte zum Teil durchaus Lob verdie-                     sens scheitert, ist bislang jedenfalls kein Erfolgsrezept. Die
nen und die mit erkennbarem Willen vorangetrieben werden,                       Schaffung eines digital leistungsfähigen Staates wird dabei
digitalpolitisch etwas zu bewegen. Dabei wurden mit der                         sowohl durch den Datenschutz (Kapitel 5) als auch den Föde-
Register­modernisierung oder im Zuge der zumindest begon-                       ralismus (Kapitel 6) erschwert. Das eigentliche Problem aber
nenen Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes (OZG) durch-                          ist, dass Datenschutz und Föderalismus als willkommene,
aus konkrete Fortschritte erzielt.                                              politische Sündenböcke fungieren, mit denen von den Un-
      Dennoch – wie in den nachfolgenden drei Kapiteln auf-                     zulänglichkeiten im eigenen Verantwortungsbereich abge-
gezeigt wird – trägt dieser bisherige digitalpolitische Ansatz                  lenkt werden kann. Wirkliche Konsequenzen muss niemand
zu selten und zu wenige Früchte. Die zaghaften digitalpoli-                     fürchten, wenn Verbesserungen nicht gelingen oder gar
tischen Fortschritte sind allenfalls ein quälend langsames Auf-                 nicht erst versucht werden. Nicht selten dominiert deshalb

1   Zu den Problemen aktiver staatlicher Lenkung und Förderung technologischer Entwicklungen und Innovationen vgl. Lenz (2020), S. 11-13, 21f.

                                                                           04
Transparenz als Digitalisierungsmotor                                                      Einleitung – Sündenböcke und Vogel Strauße

bei Digitalisierungsvorhaben eine Vogel-Strauß-Strategie, bei         sichtbarer würden (Kapitel 7). Dabei hätte nicht nur die Politik
der es attraktiver ist, Missstände bewusst im Anekdotischen           eine bessere Grundlage für evidenzbasierte Entscheidungen,
und Diffusen zu belassen und eine handlungs- und entschei-            sondern würde vor allem ein für Bürger wieder erkennbarer
dungsrelevante Leistungskontrolle zu verhindern, anstatt sich         föderaler Wettbewerb Anreize für Veränderungen schaffen,
konsequent für Modernisierung einzusetzen.                            deren genaue Ausgestaltung den jeweils Verantwortlichen
     Vor diesem Hintergrund reichen immer neue Einzelmaß-             obliegen würde. Auf diese Weise könnte Transparenz zum
nahmen und Strategien ohne strukturelle Veränderungen des             Motor einer Digitalisierung des Staates werden, die nicht als
digitalpolitischen Ansatzes nicht. Es sollte vielmehr zur vor-        zentralistisch definierter Selbstzweck erfolgt, sondern als ein
dringlichsten digitalpolitischen Priorität werden, im gesamten        Mittel zum Zweck der Qualität und Effizienz staatlicher Auf-
Staatswesen Handlungsdruck und Anreize für Veränderungen              gabenerfüllung verstanden wird. Mit dem postpandemischen
nicht nur digitaler Natur zu schaffen. Zu diesem Zweck be-            politischen Neuanfang bietet sich eine große Chance, die er-
darf es in allen Bereichen der staatlichen Aufgabenerfüllung          forderlichen grundlegenden Veränderungen des staatlichen
wesentlich umfangreicherer und aussagekräftigerer Daten               und politischen Selbstverständnisses auf den Weg zu bringen
über das eigene Handeln. Dessen Qualität und Zielerrei-               und eine Transparenzoffensive ins Zentrum digitalpolitischer
chung könnte auf dieser Basis – auch im Vergleich zwischen            Aktivitäten zu stellen (Kapitel 8). Lässt man sie verstreichen,
staatlichen Einrichtungen auf föderaler Ebene – wesentlich            dürfte der digitale Staat hierzulande weiterhin bestenfalls eine
besser beurteilt werden, wodurch auch Verantwortlichkeiten            hoffnungsvolle Verheißung bleiben.

                                                                 05
Die Verfehlung digitalpolitischer Ziele                                                                                                                         Der digitale Staat –

      2                                     Die Verfehlung digitalpolitischer Ziele

      Eine der vordringlichsten digitalpolitischen Prioritäten war                                                  mit Glasfaseranschlüssen zu versorgen.5 Diese ermöglichen
      und ist der flächendeckende Ausbau von Breitband-Internet­                                                    wesentlich höhere Übertragungsgeschwindigkeiten von 1
      anschlüssen. Seit 2015 wurden im Bundesförderprogramm                                                         Gigabit/s und mehr. Auch hier ist jedoch bereits absehbar,
      für den Breitbandausbau insgesamt rund 12 Mrd. Euro För-                                                      dass dieses Ziel kaum erreicht werden kann: Die Verfügbar-
      dermittel zur Verfügung gestellt.2 Der Ausbau einer leistungs-                                                keit von Glasfaseranschlüssen lag Ende 2020 bei mageren
      fähigen Digitalinfrastruktur dient zwar nicht unmittelbar der                                                 14,5 Prozent aller Haushalte, wobei sich unter Einbeziehung
      Digitalisierung des Staatswesens, kann jedoch als Voraus-                                                     von kabelbasierten Anschlüssen mit ähnlichen Übertragungs-
      setzung dafür gesehen werden, dass Staat und Gesellschaft                                                     raten immerhin 59,2 Prozent ergaben (vgl. Abbildung 1).
      überhaupt digital miteinander interagieren können. Umso                                                       Kaum jemand glaubt dabei ernsthaft daran, dass bis 2025
      schwerer wiegt die wiederholte Verfehlung selbstgesteckter                                                    eine flächendeckende Netzabdeckung mit Glasfaseran-
      Ausbauziele. So war es erklärtes Ziel des Bundes, bis Ende                                                    schlüssen gelingen kann.6 Zudem ist die Verfügbarkeit von
      2018 Deutschland flächendeckend mit Internetanschlüssen                                                       Gigabit-Internetanschlüssen an Schulen und Krankenhäu-
      zu versorgen, die über eine Mindestgeschwindigkeit von                                                        sern – und damit in entscheidenden Bereichen staatlicher
      50 Mbit/s verfügen.3 Bis heute konnte dieses Ziel nicht er-                                                   Aufgabenerfüllung – noch erheblich geringer. Dabei wurde
      reicht werden: Ende 2018 verfügten lediglich 87,7 Prozent                                                     mit dem Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD sogar das
      aller Haushalte über ausreichend schnelle Anschlüsse.4 Zum                                                    prioritäre Ziel ausgegeben, bis zum Ende der 19. Legislatur-
      Ende des Jahres 2020 lag dieser Wert noch immer bei 94,5                                                      periode diese Einrichtungen vollständig an das Glasfaser-
      Prozent. Auch wenn dies nah an der Zielmarke liegen mag,                                                      netz anzuschließen. Die Verfehlung dieses Ziels wiegt umso
      bedeutet es dennoch, dass mehr als einer von 20 Haushalten                                                    schwerer, da die erforderlichen Bandbreiten allein schon we-
      – konzentriert vor allem im ländlichen Bereich – noch immer                                                   gen der zahlreichen, gleichzeitigen Nutzer wesentlich größer
      nicht auf eine einigermaßen zeitgemäße Internetanbindung                                                      ausfallen dürften als bei privaten Haushalten.
      zurückgreifen kann.                                                                                                Ein weiteres digitalpolitisches Flaggschiff ist der „Digital-
            Wohl nicht zuletzt, um von der Verfehlung des 2018er-                                                   pakt Schule“, mit dem die nicht erst seit der Corona-Pande-
      Zieles abzulenken, wurde im Laufe des Jahres 2018 das                                                         mie offensichtlichen Rückstände bei der digitalen Infrastruktur
      neue Ziel ausgerufen, bis 2025 Deutschland flächendeckend                                                     des Schulwesens durch eine Bundesförderung in Höhe von 5

                                                Ziel 2018 Ziel 2025                      Ziel 2021                          Ziel 2021          Abbildung 1:
                                     100
                                                                                                                                               Deutschland verfehlt seine
                                      90          94,5
                                                                                                                                               Breitband-Ausbauziele
Verfügbarkeit in Prozent aller ...

                                      80                                        88                                  87,6
                                      70                                                                                                       Verfügbarkeit von Breitband-Internet­
                                      60                                                                                                       anschlüssen in Deutschland
                                                             59,2                                                                              (Stand Ende 2020)
                                      50
                                      40                                                                                                       Quelle: BMVI (2021).
                                                                                                                              42,2
                                      30                                                       37,2
                                      20
                                      10
                                       0
                                                     Haushalte                       Schulen                         Krankenhäuser

                                                                      >= 50 Mbit/s                >= 1.000 Mbit/s

      2                              Davon bewilligt waren zum Ende des Jahres 2020 etwa 8 Mrd. Euro, während sich die nach Projektabschluss ausgezahlten Mittel auf rund 1 Mrd. Euro
                                     beliefen (siehe Drucksache des Deutschen Bundestages 19/28307, S. 1f.).
      3                              Vgl. Bundesregierung (2014), S. 9.
      4                              Vgl. BMVI (2021). Dabei existiert ein großes Stadt-Land-Gefälle.
      5                              Vgl. CDU/CSU/SPD (2018), S. 38.
      6                              Wohlwissend wird beispielsweise im SPD-Wahlprogramm schon das erneut abgeänderte bzw. aufgeweichte Ziel ausgegeben, Deutschland müsse in den
                                     2020er Jahren – also bis 2030 – zur Gigabitgesellschaft werden (vgl. SPD (2021), S. 12).

                                                                                                             06
Transparenz als Digitalisierungsmotor                                                                                          Die Verfehlung digitalpolitischer Ziele

               6.000                                                                                                           Abbildung 2:
                                    500                                                                                        Bundesmittel des Digitalpakts
               5.000
                                                                                                                               Schule bislang kaum in Anspruch
               4.000                                                                                                           genommen
in Mio. Euro

                                                                                                                               Stand 31.12.2020, ohne Förderprogramme
               3.000
                                                                                                                               für IT-Administratoren und Lehrergeräte
                                    5.000
               2.000                                                                                                           Quelle: BMBF.

               1.000                                                                                       875

                                                                          376       112
                   0
                            Fördermittel gesamt                    Abgeflossene Mittel          Zusätzlich bewilligte Mittel

                                              Digitalpakt Schule                 Sofortausstattungsprogramm

  Mrd. Euro bis 2024 adressiert werden sollen. Die Fördermittel                                     zess zu beschleunigen oder mögliches mangelndes Interes-
  fließen jedoch nur äußerst langsam ab: Zum Ende des Jah-                                          se seitens der Schulen zu adressieren – findet jedoch kaum
  res 2020 wurden aus den ursprünglichen Mitteln des Digital-                                       statt. Hinter dem Ziel eines vollständigen Mittelabflusses des
  paktes erst magere 112 Mio. Euro ausgezahlt (vgl. Abbildung                                       Digitalpakts bis Ende 2024 und entsprechenden Digitalisie-
  2). Wesentlich schneller flossen die Mittel des nach Ausbruch                                     rungsfortschritten stehen demnach große Fragezeichen.
  der Corona-Pandemie beschlossenen, 500 Mio. Euro umfas-                                                 Ebenfalls fraglich ist die fristgerechte Implementierung
  senden Sofortprogramms zur Ausstattung von Schulen mit                                            des Onlinzugangsgesetzes (OZG) bis 2022.8 Dieses sieht vor,
  Laptops und Tablets, die an Schüler verliehen werden kön-                                         dass über einen Portalverbund als zentrale Anlaufstelle ab
  nen.7 Betrachtet man beide Programme zusammen wurden                                              2022 insgesamt 575 Verwaltungsdienstleistungen elektronisch
  von 5,5 Mrd. Euro bisher 487,9 Mio. Euro ausgeschüttet und                                        abgerufen werden können. Das über den Umsetzungsstand
  weitere 874,9 Mio. Euro bewilligt.                                                                informierende OZG-Dashboard9 verweist dabei auf bereits 315
        Nun mag die bislang geringe Auszahlungsquote auf                                            verfügbare OZG-Leistungen, weitere 105 befänden sich in der
  notwendige Vorlaufzeiten bei der idealerweise sorgfältigen                                        Umsetzung. Problematisch mit Blick auf kommunale Dienst-
  Vorbereitung und zielführenden Ausgestaltung umfangreicher                                        leistungen ist jedoch, dass Leistungen bereits dann als online
  Infrastrukturprojekte zurückzuführen sein. Der eher schul-                                        verfügbar gewertet werden, wenn dies in mindestens einer
  terzuckende Verweis der zuständigen Länder darauf sowie                                           Kommune der Fall ist. Übersichtliche Informationen über den
  auf die Tatsache, dass Mittel erst nach Fertigstellung der ge-                                    offensichtlich entscheidenden Zielwert, nämlich wie viele der
  förderten Projekte ausgezahlt werden, sind als Erklärung für                                      Verwaltungsleis­tungen flächendeckend – also in allen Kom-
  den sehr zögerlichen Fortgang des Digitalpakts im dritten von                                     munen und für alle Bürger – verfügbar sind, bietet das Dash-
  insgesamt sechs Planungsjahren des Förderprogramms den-                                           board bislang nicht.10 Die Befürchtung eines in der Fläche eher
  noch unbefriedigend. Angesichts der so offenkundigen Digi-                                        ernüchternden Umsetzungsstandes wird durch Erhebungen
  talisierungsmängel im Schulbereich (siehe auch Abbildungen                                        unter Kommunen bestätigt, die zeigen, dass bei zahlreichen
  9 und 10) müsste alles daran gesetzt werden, so schnell wie                                       Verwaltungsleis­tungen eine digitale Bereitstellung noch immer
  möglich Fortschritte zu erzielen. Eine ernsthafte Ursachenfor-                                    eine Seltenheit ist (vgl. Abbildung 3). Zudem gelten bereits
  schung – beispielsweise mit der Absicht, die ländereigenen                                        OZG-Leistungen des Reifegrads 2 als online verfügbar. Dies
  Förderrichtlinien zu vereinfachen, den Antragsstellungspro-                                       bedeutet, dass eine Online-Beantragung grundsätzlich mög-

 7             Mittlerweile wurde der Digitalpakt um zwei weitere Förderprogramme für IT-Administratoren und Lehrergeräte mit jeweils 500 Mio. Euro Umfang erweitert.
 8             So verwies z.B. der Normenkontrollrat mehrfach auf entsprechende Skepsis, vgl. letztmalig Kühnen (2021), S. 11.
 9             Das Dashboard findet sich unter www.onlinezugangsgesetz.de.
 10            Zumindest scheint eine solche Erhebung in Planung zu sein (siehe Drucksache 19/25063 des Deutschen Bundestages, S. 5).

                                                                                               07
Die Verfehlung digitalpolitischer Ziele                                                                                                                                                                       Der digitale Staat –

                                    100                                                                                                                                                  Abbildung 3:
                                     90                                                                                                                                                  Digitale Verwaltungsleistungen
                                                                                                                                                                                         der Kommunen sind eher
Anteil der Kommunen (in Prozent),

                                     80
                                                                                                                                                                                         Ausnahme als Regel
   die Leistung online anbieten

                                     70
                                                                                                                                                                                         Erhebung unter 302 kommunalen Internet-
                                     60
                                                                                                                                                                                         seiten, Juli – Dezember 2020
                                     50
                                                                                                                                                                                         Quelle: Hölscher et al. (2021).
                                     40
                                     30
                                     20
                                     10
                                      0
                                          Führungs-
                                            zeugnis

                                                            Kfz-
                                                      Zulassung

                                                                   Melderegister­
                                                                        auskunft

                                                                                     Gewerbe-
                                                                                    anmeldung

                                                                                                  Kitaplatz
                                                                                                beantragen

                                                                                                              Hundesteuer-
                                                                                                                anmeldung

                                                                                                                             Wohngeld-
                                                                                                                                antrag

                                                                                                                                          Eingliederungs-
                                                                                                                                                    hilfen

                                                                                                                                                                    Bau-
                                                                                                                                                             genehmigung

                                                                                                                                                                           Handwerker-
                                                                                                                                                                           parkausweis

   lich ist, Nachweise aber nicht online übermittelbar sein müs-                                                                              die Projektlaufzeit von einem „grundsätzlichen Planungshori-
   sen. Wesentlich ambitionierter wäre es, als Zielwert Reifegrad                                                                             zont“ von 10 Jahren aus. An der zu Beginn des Jahres 2021
   3 zugrunde zu legen, also eine vollständig digitale Abwicklung                                                                             eingeführten elektronischen Patientenakte wird nun schon
   der Verwaltungsleis­tung inkl. digitaler Bescheidzustellung.                                                                               seit 2003 getüftelt.13
         Auch in anderen staatlichen Bereichen vollziehen sich                                                                                      Vor dem Hintergrund dieser Beispiele für digitale Zielver-
   Digitalisierungsprojekte zum Teil in quälender Langsamkeit                                                                                 fehlung ist es ein wiederkehrendes Muster, dass der Bund
   und werden zeitliche Zielvorgaben verfehlt. So soll beispiels-                                                                             zwar digitale Ziele ausruft und Modernisierungsvorhaben
   weise das Projekt KONSENS, das die Entwicklung einer                                                                                       anstößt. Für deren Umsetzung ist er jedoch auf Bereitschaft
   bundesweit einheitlichen Software für die Steuerverwaltung                                                                                 und Fähigkeit des gesamten Staatswesens angewiesen. Der
   vorsieht, nach derzeitigem Stand der Planungen frühestens                                                                                  Versuch, beides vor allem durch zusätzliche Finanzmittel zu
   2029 und damit 22 Jahre nach Beginn abgeschlossen wer-                                                                                     fördern, trägt angesichts der nur zögerlichen Inanspruchnah-
   den.11 Das 2017 initiierte Programm „Polizei 2020“, mit dem                                                                                me von Fördermitteln wenig Früchte. Auch wenn dabei kaum
   polizeiliche Datenhaltung und Informationsflüsse modernisiert                                                                              vermeidbare Vorlaufzeiten für Infrastrukturvorhaben oder bü-
   und vereinheitlicht werden sollen, befindet sich laut Auskunft                                                                             rokratisch bedingte Langsamkeit eine Rolle spielen mögen,
   der Bundesregierung zum Jahresende 2020 „in der abschlie-                                                                                  ist dies wohl auch ein Indiz dafür, dass es mit mehr Geld allein
   ßenden Phase konzeptioneller Planungen“.12 Man gehe für                                                                                    nicht getan ist.

   11 Vgl. Bundesrechnungshof (2020), S. 4.
   12 Siehe Drucksache 19/25651 des Deutschen Bundestages, S. 2,4.
   13 Siehe www.deutschlandfunk.de vom 3.1.2021: „Durchbruch oder Flop?“.

                                                                                                                                         08
Transparenz als Digitalisierungsmotor                                                             Deutschland im internationalen Vergleich

    3                           Deutschland im internationalen Vergleich

    Die Verfehlung digitalpolitischer Ziele muss kein Makel sein,             sammenfasst, insgesamt zwar knapp über dem Durchschnitt
    solange dies nur Ausdruck einer überambitionierten Zielset-               aller EU-Länder. Wesentlich ernüchternder aber ist der Blick
    zung ist und substanziellen Fortschritten nicht im Wege steht.            auf die Komponente des Indexes, mit der die Qualität digitaler
    Mit Blick auf internationale Vergleiche zeigt sich allerdings,            Verwaltungsdienstleistungen bewertet wird. Dieser setzt sich
    dass Deutschland mitnichten ein Land ist, in dem man sich                 aus Kennzahlen für den Nutzungsgrad digitaler Verfahren,
    zu viel oder zu schnelle Digitalisierung vornimmt. Im Gegen-              die Verwendung vorausgefüllter Formulare, die vollständige
    teil: Das internationale Abschneiden des deutschen Staates                Online-Verfügbarkeit bestimmter Verwaltungsdienste für Bür-
    bei diversen Digitalisierungs-Rankings ist – unabhängig von               ger und Unternehmen sowie das Ausmaß von Open-Data-
    der methodischen Ausgestaltung – unterdurchschnittlich.                   Bemühungen zusammen. Hier nimmt Deutschland lediglich
          So liegt Deutschland im jährlich von der EU-Kommission              den 21. Platz in Europa ein (vgl. Abbildung 4). Im Verlauf der
    veröffentlichten „Digital Economy and Society Index“ (DESI),              letzten fünf Jahre blieb der Abstand auf den EU-Durchschnitt
    der zahlreiche Indikatoren zur Digitalisierung von Staat, Ge-             im Wesentlichen konstant – eine digitale Aufholjagd sieht an-
    sellschaft und Wirtschaft der jeweiligen Mitgliedstaaten zu-              ders aus (vgl. Abbildung 5).

                          100                                                                          Abbildung 4:
                           90                                                                          Deutschland beim E-Government
                           80                                                                          schlechter als der europäische
Indexwert von 0 bis 100

                                                                         Rang 21
                           70                                                                          Durchschnitt
                           60
                                                                                                       DESI-Komponente E-Government 2020
                           50
                           40                                                                          Erläuterung: Indexwert ermittelt aus
                           30                                                                          Kennzahlen für den Nutzungsgrad digitaler
                                                                                                       Verfahren, die Verwendung vorausgefüllter
                           20                                                                          Formulare, die vollständige Online-Verfüg-
                           10                                                                          barkeit bestimmter Verwaltungsdienste für
                            0                                                                          Bürger und Unternehmen sowie das Ausmaß
                                                                                                       von Open-Data-Bemühungen.
                                          Estland
                                         Spanien
                                      Dänemark
                                        Finnland
                                         Lettland
                                          Litauen
                                    Niederlande
                                      Österreich
                                            Irland
                                      Schweden
                                            Malta
                                      Frankreich
                                        Portugal
                                     Luxemburg
                                EU-Durchschnitt
                                          Belgien
                                 Ver. Königreich
                                      Slowenien
                                          Zypern
                                           Italien
                                            Polen
                                   Deutschland
                                     Tschechien
                                       Bulgarien
                                          Ungarn
                                        Kroatien
                                        Slowakei
                                  Griechenland
                                      Rumänien

                                                                                                       Quelle: Europäische Kommission – DESI
                                                                                                       2020.

                          100                                                                          Abbildung 5:
                           90                                                                          Eine deutsche Aufholjagd beim
                           80                                                                          E-Government sieht anders aus
Indexwert von 0 bis 100

                           70
                                                                                                       Entwicklung DESI-Komponente
                           60
                                                                                                       E-Government 2015–2020
                           50
                           40                                                                          Quelle: Europäische Kommission – DESI
                                                                                                       2020.
                           30
                           20
                           10
                            0
                                 2015    2016      2017           2018     2019         2020

                                         Estland      EU-Durchschnitt     Deutschland

                                                                         09
Deutschland im internationalen Vergleich                                                                                                                                                                                                                                                                             Der digitale Staat –

                        0,8                                                                                                                                                                                                                                                                      Abbildung 6:
                        0,7                                                                                                                                                                                                                                                                      Deutsches E-Government
                        0,6                                                                                                                                                                                                                                                                      auch im OECD-Vergleich
Indexwert von 0 bis 1

                                                                                                                                                                                                                                                                                                 unterdurchschnittlich
                        0,5
                                                                                                                                                                                                                                            Rang 24
                                                                                                                                                                                                                                                                                                 OECD-Digital Government Index 2019
                        0,4
                        0,3                                                                                                                                                                                                                                                                      Erläuterung: Bewertung von 6 Zieldimen­
                                                                                                                                                                                                                                                                                                 sionen auf Basis von Fragebögen an
                        0,2                                                                                                                                                                                                                                                                      Regierungsvertreter („digital by design“,
                                                                                                                                                                                                                                                                                                 daten­gesteuerter öffentlicher Sektor, Regie-
                        0,1                                                                                                                                                                                                                                                                      rung als Plattform, „open by default“ sowie
                                                                                                                                                                                                                                                                                                 nutzer­zentriertes und proaktives staatliches
                         0                                                                                                                                                                                                                                                                       Handeln).
                                 Republik Korea
                                 Ver. Königreich
                                      Kolumbien
                                      Dänemark
                                           Japan
                                         Kanada
                                        Spanein
                                            Israel
                                        Portugal
                                      Frankreich
                                    Neuseeland
                                      Norwegen
                                     Luxemburg
                                           Italien
                                      Slowenien

                                         Estland
                                        Lettland
                                      Österreich
                                    Niederlande
                                     Tschechien
                                            Irland
                                             Chile
                                         Belgien
                                   Deutschland
                                         Litauen
                                        Finnland
                                  Griechenland
                                           Island
                                      Schweden
                              OECD-Durchschnitt

                                                                                                                                                                                                                                                                                                 Quelle: OECD (2020).

       Auch auf globaler Ebene ist das deutsche Erscheinungs-                                                                                                                                                                       Handeln.14 Deutschland erreicht dabei 2019 lediglich den 24.
  bild nicht ermutigender. So ermittelt die OECD auf Basis von                                                                                                                                                                      Rang unter 29 betrachteten OECD-Staaten.
  Fragebögen, die an Regierungsvertreter verschickt wurden,                                                                                                                                                                              Noch unbefriedigender aus deutscher Sicht ist der On-
  den Digital Government Index (vgl. Abbildung 6). Auf Grund-                                                                                                                                                                       line-Service Index der Vereinten Nationen, in dessen Rah-
  lage der Angaben werden Mitgliedstaaten der OECD in sechs                                                                                                                                                                         men die Online-Präsenz der 193 UN-Staaten ebenfalls auf
  Zieldimensionen bewertet: „digital by design“, datengesteu-                                                                                                                                                                       Basis eines Fragebogens bewertet wird (vgl. Abbildung 7).15
  erter öffentlicher Sektor, Regierung als Plattform, „open by                                                                                                                                                                      Deutschland belegt dabei im Jahr 2020 den 59. Platz – hinter
  default“ sowie nutzerzentriertes und proaktives staatliches                                                                                                                                                                       Nord-Mazedonien und vor den Philippinen.

                        1,0                                                                                                                                                                                                                                                                      Abbildung 7:
                        0,9                                                                                                                                                                                                                                                                      Deutschlands E-Government auf
                        0,8                                                                                                                                                                 Rang 59                                                                                              Rang 59 unter den UN-Staaten
                        0,7                                                                                                                                                                                                                                                                      UN Online-Service Index 2020: Top 10 und
Indexwert von 0 bis 1

                                                                                                                                                                                                                                                                                                 Plätze 56–65 des Rankings
                        0,6
                                                                                                                                                                                                                                                                                                 Erläuterung: Bewertung der Online-Präsenz
                        0,5
                                                                                                                                                                                                                                                                                                 der 193 UN-Staaten auf Basis von Frage­
                        0,4                                                                                                                                                                                                                                                                      bögen an Regierungsvertreter.

                        0,3                                                                                                                                                                                                                                                                      Quelle: United Nations (2020).
                        0,2
                        0,1
                         0
                                                                                                                                                         …

                                                                                                                                                                                                                                                                                             …
                              Republik Korea
                                               Estland
                                                         Dänemark
                                                                    Finnland
                                                                               Singapur
                                                                                          Ver. Königreich
                                                                                                            Australien
                                                                                                                         USA
                                                                                                                               Österreich
                                                                                                                                            Neuseeland

                                                                                                                                                             Ungarn
                                                                                                                                                                      Südafrika
                                                                                                                                                                                  Nordmazedonien
                                                                                                                                                                                                   Deutschland
                                                                                                                                                                                                                 Philippinen
                                                                                                                                                                                                                               Tschechien
                                                                                                                                                                                                                                            Rumänien
                                                                                                                                                                                                                                                       Slowakei
                                                                                                                                                                                                                                                                  Sri Lanka
                                                                                                                                                                                                                                                                              Weißrussland

   14 Vgl. OECD (2020), S. 14 f.
   15 Vgl. United Nations (2020), S. 236-242. Der Online-Service Index ist dabei nur eine von drei Teildimensionen des E-Government Development Index, der zusätz-
      lich auch die Telekommunikationsinfrastruktur und Humankapital berücksichtigt. In dem Gesamtranking belegt Deutschland Rang 25.

                                                                                                                                                                                                                      10
Transparenz als Digitalisierungsmotor                                                                            Deutschland im internationalen Vergleich

         Bei derartigen Digitalisierungsrankings gehen in der Ag-                      pro Dienst maximal 20 Städte untersucht werden, bei denen
    gregation zahlreicher, zum Teil völlig unterschiedlicher Metho-                    es sich überwiegend um Großstädte handelt. Daher ist zu
    den und Indikatoren handlungsrelevante Informationen leicht                        erwarten, dass die Verfügbarkeit von digitalen Diensten in der
    verloren, zumal auch verschiedene Zieldimensionen verfolgt                         Fläche Deutschlands deutlich geringer ausgeprägt ist.
    werden. Ergebnisse müssen daher immer mit einer gewissen                                 Neben der Verfügbarkeit von digitalen Verwaltungs-
    Vorsicht interpretiert werden. Beispielsweise erzielt Schwe-                       dienstleistungen ist vor allem deren Nutzung ein ausschlag-
    den im DESI einen überdurchschnittlichen zehnten Rang,                             gebender Erfolgskriterium. Bei diesem Indikator des DESI
    landet aber im Vergleich der OECD auf dem letzten Platz.                           schneidet Deutschland allerdings frappierend schlecht ab:
    Wie Deutschland jedoch verlässlich unterdurchschnittlich ab-                       Von allen Internetnutzern, die im Jahr 2019 Formulare einrei-
    zuschneiden, ist offensichtlich ungünstig.                                         chen mussten, nutzten in Deutschland lediglich 49,3 Prozent
         Auch vor diesem Hintergrund lohnt sich der Blick auf                          hierfür die zur Verfügung stehenden Online-Möglichkeiten
    die Einzelindikatoren des DESI. So erzielt Deutschland bei                         (vgl. Abbildung 8).17 Damit belegt Deutschland in der EU den
    dem Indikator, der das Ausmaß beziffert, mit dem verschie-                         drittletzten Platz vor Italien und Griechenland, während der
    dene Verwaltungsschritte vollständig online erledigt werden                        entsprechende Wert bei Spitzenreiter Finnland 94,4 Prozent
    können, einen scheinbar beruhigend hohen Wert von 89,9                             beträgt. Zwar kann ein geringer Nutzungsgrad von Online-
    auf einer Skala von 0 bis 100 und liegt ausnahmsweise im                           Angeboten in einer wie Deutschland alternden Gesellschaft
    europäischen Durchschnitt. Allerdings fließt in den Wert nur                       in der mangelnden Bereitschaft und Fähigkeit der Nutzer be-
    die stichprobenartige Online-Verfügbarkeit von acht „Lebens-                       gründet sein, digitale Verfahren zu nutzen, und dies in der
    ereignissen“ ein und wird ein gewichteter Durchschnitt ge-                         Folge auch die Entwicklung digitaler Leistungen erschweren.
    bildet, wobei ein Gesamtwert von 50 bereits erreicht würde,                        Das ändert gleichsam wenig an der unbedingten Notwendig-
    wenn lediglich Informationsmaterial online abrufbar ist.16 Eine                    keit, digitale Angebote zu schaffen, zumal eine geringe Nach-
    ambitioniertere Ausgestaltung des Index wäre daher durch-                          frage dieser ebenso gut auf angebotsseitige Versäumnisse
    aus vorstellbar. Hinzu kommt, dass viele Dienstleistungen auf                      zurückzuführen sein könnte. Für fehlenden Nutzerkomfort
    kommunaler Ebene erbracht werden, in der Erhebung jedoch                           spricht u.a., dass den Behörden bereits bekannte, personen-

                                                 100                                                                   Abbildung 8:
                                                  90                                                                   Deutschland bei der Nutzung von
in Prozent der Internetnutzer, die ausgefüllte

                                                  80                                                                   E-Government in Europa
       Formulare einreichen mussten

                                                                                                                       drittletzter
                                                  70
                                                                                                                       Personen, die in den letzten 12 Monaten per
                                                  60
                                                                                                   Rang 26             Internet Formulare an Behörden übermittelt
                                                  50                                                                   haben, DESI-Periode 2020

                                                  40                                                                   Quelle: Europäische Kommission – DESI
                                                                                                                       2020.
                                                  30
                                                  20
                                                  10
                                                   0
                                                               Finnland
                                                                 Estland
                                                             Dänemark
                                                             Schweden
                                                        Ver. Königreich
                                                           Niederlande
                                                                Lettland
                                                             Rumänien
                                                                Spanien
                                                                 Litauen
                                                                   Irland
                                                             Frankreich
                                                             Österreich
                                                               Portugal
                                                       EU-Durchschnitt
                                                               Kroatien
                                                              Bulgarien
                                                             Slowenien
                                                            Luxemburg
                                                                   Malta
                                                                 Ungarn
                                                                   Polen
                                                                 Belgien
                                                               Slowakei
                                                                 Zypern
                                                            Tschechien
                                                          Deutschland
                                                         Griechenland
                                                                  Italien

    16 Die Lebensereignisse umfassen Verwaltungsleistungen im Zusammenhang mit Unternehmensgründungen, regulärem Unternehmensbetrieb, Familienleben,
       Jobverlust und -suche, Studium, Umzug, Autoerwerb und -besitz sowie der Führung eines Bagatellverfahrens (vgl. van der Linden et al. (2020), S. 14).
    17 Die umfragebasierten Erhebungen von Scheiber et al. (2020), S. 14 ff. kommen für das Jahr 2020 auf einen ähnlichen Wert von ungefähr 54 Prozent der Befragten,
       die angaben, in den letzten 12 Monaten E-Government Angebote genutzt zu haben. Allerdings handelt es sich bei der überwiegenden Mehrzahl der in Anspruch
       genommenen Dienste eher um vorgelagerte Schritte, wie die Informationsgewinnung auf Webseiten, Online-Terminvereinbarung oder das Herunterladen von
       Formularen. Schon das ist zwar eine erhebliche Verbesserung aus Nutzersicht, aber zugleich von einer wirklich digitalen Verwaltung mit vollständig digitalen
       Prozessen noch einen guten Schritt entfernt.

                                                                                  11
Deutschland im internationalen Vergleich                                                                                                  Der digitale Staat –

bezogene Daten in Online-Formularen deutlich seltener vor­                             als digitalpolitische Erfolgskontrolle, über die Anreize für Ver-
ausgefüllt werden als im europäischen Durchschnitt.18                                  besserungen entstehen können, ist zwar nicht vernachlässig-
     Wenig ermutigend sind Erkenntnisse über digitale Fort-                            bar, aber dennoch begrenzt.
schritte des Schulwesens im internationalen Vergleich, die                                  Erstens macht die inhärente Schwierigkeit, die digitale
sich aus den letztmalig 2018 durchgeführten PISA-Erhe-                                 Leistungsfähigkeit von Staaten als komplexes und multi-
bungen gewinnen lassen (vgl. Abbildung 9). Auf Basis der                               dimensionales Untersuchungsobjekt auf einen eindimen-
durchgeführten Befragungen von Schulleitern zeigt sich,                                sionalen Indexwert zu reduzieren, Rankings bis zu einem
dass die infrastrukturellen Voraussetzungen in Deutschland                             bestimmten Grad methodisch angreifbar. So gilt es bei-
weit hinter dem internationalen Durchschnitt zurückbleiben.                            spielsweise zu entscheiden, wie die Verfügbarkeit, die Inan-
So befinden sich hierzulande nur knapp ein Drittel der Schüler                         spruchnahme oder die Qualität von digitalen Dienstleistungen
in Schulen, in denen die Internetanbindung ausreichend ist,                            des Staates zu gewichten ist. Zweitens kann ein Vergleich
während es im OECD-Durchschnitt mehr als doppelt so viele                              zwischen Ländern nicht der Tatsache gerecht werden, dass
sind. Besonders erschreckend ist jedoch der Stellenwert, den                           insbesondere innerhalb des föderal organisierten Staates in
die Digitalisierung in der täglichen Arbeit von Lehrkräften ein-                       Deutschland erhebliche Unterschiede im Hinblick auf digitale
nimmt, denen zudem kaum entsprechende Ressourcen zur                                   Leistungsfähigkeit staatlicher Einrichtungen vorliegen. Drit-
Verfügung stehen. Lediglich 40 Prozent der Schüler sind auf                            tens stehen Daten oftmals erst mit erheblichem Zeitverzug
Schulen, an denen Zugang zu effektiven digitalen Weiterbil-                            zur Verfügung. In der Folge fällt es politisch Verantwortlichen
dungsangeboten für Lehrer vorhanden ist. Das ist unter den                             daher leicht, die zumeist nur kurz währende öffentliche Auf-
78 untersuchten Ländern der drittschlechteste Wert. Ebenso                             merksamkeit und Entrüstung über die Bestätigung eines eher
fehlen Anreize zum Einsatz digitaler Technologien sowie die                            diffusen Bildes digitaler Rückständigkeit in Deutschland zu
Möglichkeit zum organisierten Austausch über den Einsatz                               entkräften bzw. auszusitzen. Hinzu kommt, dass der Ver-
digitaler Unterrichtsansätze und deren Weiterentwicklung un-                           gleich mit anderen Ländern zwar zu wertvollen Erkenntnissen
ter Lehrkräften. Da die letzte PISA-Erhebung vor der Corona-                           über digitale Möglichkeiten führen kann. Die bloße Übertra-
Pandemie erfolgt ist, mag sich seitdem bereits einiges zum                             gung von „Best Practices“ aus digitalen Vorreiterländern ist
Besseren gewendet haben, auch wenn daran Zweifel beste-                                dabei allerdings wenig erfolgsversprechend, da sich instituti-
hen (vgl. Kapitel 4.1).                                                                onelle, rechtliche und gesellschaftliche Voraussetzungen oft-
     Letztlich eignen sich internationale Vergleiche, ob nun                           mals stark unterscheiden und Veränderungen ohne die Ein-
auf Basis aggregierter Indexwerte oder einzelner Indikatoren,                          beziehung betroffener Akteure in den Entwicklungsprozess
vor allem für eine grobe „Standortbestimmung“. Ihre Wirkung                            oftmals auf Widerstand treffen.19

                                              0%   10%    20%     30%       40%      50%     60%      70%   80%   Abbildung 9:
                                                                                                                  Deutsche Schulen bei der
Internetbandbreite und -geschwindigkeit                                                                           Digitalisierung im OECD-Vergleich
                         ist ausreichend
                                                                          Rang 71 von 79                          abgeschlagen
     Effektive Ressourcen für Lehrkräfte,                                                                         Anteil der Schüler an Schulen, deren Lei-
      um den Einsatz digitaler Hilfsmittel                                                                        tung folgenden Aussagen zustimmt
              zu erlernen, sind vorhanden
                                                                                  Rang 77 von 79
                                                                                                                  Quelle: OECD – PISA 2018 Database.
 Es existieren Anreize für Lehrer, digitale
    Hilfsmittel im Unterricht einzusetzen
                                                                                     Rang 50 von 79
    Eingeplante Zeit für Lehrertreffen zu
 Austausch, Bewertung oder Entwicklung
von Unterrichtsmaterialien und -ansätzen,
        die digitale Hilfsmittel einsetzen.              Rang 76 von 79

                                                          OECD-Durchschnitt                Deutschland

18 Der entsprechende Indexwert ist Teil des DESI und liegt bei 41,1 im Vergleich zum EU-Durchschnitt von 59,4 (vgl. van der Linden et al. (2020), S. 29).
19 Vgl. Bason (2014), S. 13. Vor diesem Hintergrund beinahe schon etwas hilflos wirkt auch der jüngste Vorschlag, digitale Experten-Teams aus Estland einfliegen
   zu lassen. Siehe www.faz.net vom 12.4.2021: „Altmaier: ‘Team aus Estland einfliegen‘“.

                                                                                  12
Transparenz als Digitalisierungsmotor                                                      Digitale Handlungsfähigkeit in der Corona-Pandemie

4          Digitale Handlungsfähigkeit in der Corona-Pandemie

                                                                        Rückständigkeit in Gesundheitsämtern
4.1        Fehlende digitale Ausstattung und
           Verfahren                                                    Im Fokus der öffentlichen Diskussion stand vor allem die von
                                                                        vielen Seiten beklagte digitale Rückständigkeit der Gesund-
Durch die Corona-Pandemie ist die mangelnde digitale Aus-               heitsämter, die bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie
stattung staatlicher Stellen sowie das Fehlen digitaler Verfah-         auf händische Excel-Listen und Faxgeräte setzen mussten.22
ren in zahlreichen Bereichen überdeutlich zu Tage getreten.             Es ist offensichtlich, dass insbesondere manuelle Datenüber-
Als Ergebnis zum Teil jahrelanger Versäumnisse wurde eine
effektive staatliche Reaktion auf die Krise erheblich erschwert.

                                                                          Abbildung 10:
Digitaler Schulunterricht scheitert oft
                                                                          Digitaler Distanzunterricht in Deutschland kein adäquater
                                                                          Ersatz – zudem kaum Fortschritt erkennbar
Mit am offensichtlichsten wurde dies in den Schulen, die auf
digitalen Distanzunterricht während Schulschließungen nicht               Quelle: Wößmann et al. (2021).

genügend vorbereitet waren. Dies mag zu Beginn der Pan-
demie angesichts fehlender Vorlaufzeit noch verständlich und
kaum vermeidbar gewesen sein. Alarmierend sind jedoch Be-               Zeitaufwand für schulische Aktivitäten in Stunden pro Werktag
funde, die vermuten lassen, dass sich die Situation auch im             Anfang 2021         1                      3,3
zweiten Pandemiejahr kaum verbessert hat. Dies verdeutlicht
                                                                        Frühjahr 2020      0,9               2,7
eine Befragung unter Lehrkräften, die im April und Dezember
2020 durchgeführt wurde: Während im Frühjahr zwei Drittel               Vor Corona                                   5,9                                  1,5
der Befragten angaben, ihre Schule sei weniger gut oder                                                 Schulbesuch                      Lernen für die Schule
schlecht auf Fernunterricht vorbereitet, betrug derselbe Wert
im Dezember noch immer 61 Prozent.20 Nur knapp die Hälfte
der befragten Lehrkräfte berichtete zudem, dass ihre Schule
                                                                        Gemeinsamer Unterricht für die ganze Klasse (z.B. Videoanruf)
im Dezember über technische Möglichkeiten für Videounter-
richt verfügt habe.                                                     Anfang 2021              26 %                      35 %             13 %     8%          18 %
      Ein ähnliches Bild lassen Erhebungen unter Eltern von             Frühjahr 2020      6%       23 %            14 %      11 %                  45 %
Schulkindern erkennen (vgl. Abbildung 10).21 So war die mit
Lernaktivitäten verbrachte Zeit mit 4,3 Stunden pro Tag auch                    Täglich                 Mehrmals pro Woche                         Einmal pro Woche
Anfang 2021 noch deutlich geringer als vor der Corona-Pan-                                       Weniger als einmal pro Woche                       Nie

demie. Fast 40 Prozent aller befragten Eltern gaben dabei
an, ihr Kind habe während der Schulschließungen zu Beginn
des Jahres 2021 höchstens einmal pro Woche gemeinsamen                  Bereitstellung von Aufgaben hauptsächlich über ...
(Video-)Unterricht mit der gesamten Klasse gehabt. Immer-
                                                                        Anfang 2021                        51 %                           26 %             20 %      3%
hin erfolgte im Vergleich zum Frühjahr 2020 nur noch für 18
statt 45 Prozent der Schüler gar kein gemeinsamer Unter-                             digitale Lernplattformen                   andere digitale Bereitstellung
richt. Weiterhin gab knapp ein Viertel der befragten Eltern                                  Papierform                    andere Art der Bereitstellung
an, Aufgaben seien hauptsächlich auf nicht-digitalen Wegen
bereitgestellt worden und bei mehr als einem Drittel traten
regelmäßige Probleme bei der Nutzung digitaler Lernplatt-               Auftreten von Problemen bei der Nutzung digitaler Lernplattformen
formen auf. Auch über ein Jahr nach Ausbruch der Pandemie
verläuft die schulische Leistungserbringung im Rahmen di-               Anfang 2021        5%         29 %                        40 %                  18 %        8%
gitaler Ersatzformen daher alles andere als optimal und sind
entsprechende, langfristige Auswirkungen auf den Bildungs-                       Täglich                  Regelmäßig, aber nicht täglich                        Selten
erfolg betroffener Schüler zu befürchten.                                                               Nie             Nicht verwendet

20 Vgl. forsa (2020).
21 Vgl. Wößmann et al. (2021).

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Digitale Handlungsfähigkeit in der Corona-Pandemie                                                                                Der digitale Staat –

tragungen und Meldewege fehleranfällig sind, eine Vergeu-                     bart, das Programm SORMAS in 90 Prozent der Gesund-
dung wertvoller, ohnehin knapp bemessener personeller und                     heitsämter zur Anwendung zu bringen. Später wurde das Ziel
zeitlicher Ressourcen darstellen und somit die Effektivität der               ausgerufen, SORMAS bis Ende Februar 2021 in allen Ge-
Pandemiebekämpfung einschränken. So wurde erst zum                            sundheitsämtern zu installieren. Die tatsächliche Umsetzung
1.1.2021 das einheitliche Meldesystem DEMIS bundesweit                        dieser Beschlüsse liegt jedoch im Kompetenzbereich der
verpflichtend eingeführt, mit dem die Meldung von positiven                   Länder bzw. der jeweiligen Gesundheitsämter. So war SOR-
Corona-Testergebnissen durch Labore an die Gesundheits-                       MAS nach Auskunft der Bundesregierung zum 25. März 2021
ämter und das Robert-Koch-Institut (RKI) erfolgen soll. Die                   zwar immerhin in 315 von insgesamt 375 Gesundheitsämtern
Umstellung inmitten einer Hochphase der Pandemie – statt                      einsatzbereit, Medienrecherchen ergaben jedoch, dass nur
beispielsweise im Sommer bei niedrigeren Fallzahlen – sorgte                  90 Gesundheitsämter tatsächlich aktiv mit der Software ar-
dabei für Probleme.23 Auch wenn DEMIS zwar mittlerweile in                    beiteten.27 Effiziente und bestmöglich automatisierte digitale
allen Gesundheitsämtern einsatzbereit ist, hat das Fax den-                   Prozesse, die auf interoperablen Systemen beruhen, bleiben
noch nicht ausgedient. Noch immer übermitteln zahlreiche                      demnach bei der Pandemiebekämpfung in weiter Ferne.
Labore die Ergebnisse per Fax an die Gesundheitsämter, von
wo aus sie wiederum an das RKI gemeldet werden.24 Allein                      Verwaltung schlecht vorbereitet
dieser letzte Schritt des Meldeweges sorgt für einen nicht
unerheblichen Verzug bei der Ermittlung aktueller Fallzahlen:                 Ein ähnliches Bild ergibt sich mit Blick auf Verwaltungsdienst-
Lediglich 70 Prozent aller Infektionsfälle liegen weniger als 12              leistungen. Angesichts der in den beiden voranstehenden
Stunden nach Erfassung durch das zuständige Gesundheits-                      Kapiteln beschriebenen Voraussetzungen überrascht es we-
amt beim RKI vor.25 Da politische Entscheidungen im Zuge                      nig, dass die öffentliche Verwaltung auch in der Pandemie zu
der Pandemie in großen Teilen auf den aktuellen Fallzahlen                    wenig auf digitale Verfahren und Schnittstellen zu den Bür-
beruhen, ist dies so bedenklich wie unnötig.                                  gern setzen konnte. Stattdessen blieben Anliegen vielerorts
      Noch weniger von Erfolg gekrönt waren bisher die bun-                   schlicht liegen und waren Behörden für Bürger zuweilen gar
despolitischen Versuche, in den Gesundheitsämtern mit                         nicht mehr erreichbar. Erhebungen nach der ersten Pande-
SORMAS eine einheitliche Software zur Kontaktnachver-                         miewelle zeigen, dass mit 11 Prozent nur ein äußerst kleiner
folgung zu etablieren. Aufgrund zu Beginn der Pandemie                        Teil der Befragten innerhalb der ersten drei Monate der Pan-
fehlender, einheitlicher Systeme entwickelten die Gesund-                     demie Anfang 2020 seine Nachfrage nach Online-Diensten
heitsämter jeweils eigene Lösungen oder verwendeten Excel-                    erhöhte. Knapp ein Drittel wählte hingegen die Strategie „Ver-
basierte Verfahren, die jedoch wegen fehlender Schnittstellen                 meidung“, während 15 Prozent angaben, dass sie Behörden-
nicht bzw. nur bedingt miteinander kompatibel sind.26 Bei der                 gänge wegen Schließungen gar nicht absolvieren konnten.28
Bekämpfung einer Pandemie, die sich eben nicht an Land-                       Eine andere Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass von
kreisgrenzen hält, bedeuten derartige Insellösungen, dass die                 denjenigen, die während des ersten Lockdowns Kontakt mit
Nachverfolgung über die Grenzen der eigenen Zuständigkeit                     Behörden hatten, 41 Prozent die Verwaltung als weniger oder
vielfach händisches Abtippen aus einem System, eine Über-                     gar nicht funktionsfähig bewerten.29 Alles andere als vorbild-
mittlung via Faxgerät und erneutes Eintragen in ein anderes                   lich waren zudem die Bemühungen der öffentlichen Verwal-
System erfordert.                                                             tung, Tätigkeiten ins Home-Office zu verlegen. Im zweiten
      Vor diesem Hintergrund wurde im Rahmen der Minister-                    Quartal 2020 arbeitete nur jeder zweite Beschäftigte der öf-
präsidentenkonferenzen zunächst im November 2020 verein-                      fentlichen Verwaltung überwiegend aus dem Home-Office.

22 So kam laut einer Umfrage unter 252 Gesundheitsämtern im Sommer des Jahres 2020 das Faxgerät mit Abstand am häufigsten als Medium zum Datenaus-
   tausch mit Laboren zum Einsatz (171 Nennungen bei möglichen Mehrfachnennungen; vgl. Deutscher Städtetag, Deutscher Landkreistag (2020), S. 16).
23 Siehe www.dw.com vom 26.1.2021: Gesundheitsämter: „Mit Papier, Stift und Fax gegen Corona“.
24 Gemäß einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der FDP-Bundestagsfraktion hatten zum 3. März 2021 460 Labore einen DEMIS-Zugang be-
   antragt, allerdings nur 360 davon auch tatsächlich Meldungen über das System abgesetzt (siehe Drucksache 19/28134 des Deutschen Bundestages, S. 8).
25 Siehe Drucksache 19/28134 des Deutschen Bundestages, S. 6.
26 Vgl. Deutscher Städtetag, Deutscher Landkreistag (2020), S. 17.
27 Siehe Drucksache 19/28134 des Deutschen Bundestages, S. 4 sowie www.tagesschau.de vom 18.3.2021: „Daten müssen weiter abgetippt werden“.
28 Vgl. Scheiber et al. (2020), S. 19.
29 Vgl. Köppl (2020), S. 20 sowie zu der Verbreitung des Home-Offices S. 12f.

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Transparenz als Digitalisierungsmotor                                                          Digitale Handlungsfähigkeit in der Corona-Pandemie

Jeder Vierte musste täglich an den eigenen Arbeitsplatz kom-                    digital registrieren können, anstatt sich in handschriftliche
men – auf kommunaler Ebene galt dies sogar für 42 Prozent.                      Listen einzutragen.33 Die entsprechende Funktion gibt es in
                                                                                der Corona-Warn-App seit April 2021. Zudem fallen die enorm
Digitale Lösungen spät und überhastet                                           hohen Entwicklungskosten der deutschen App auf. Im Herbst
                                                                                2020 wurden die Kosten der irischen Corona-App, die zu dem
Positiv zu sehen ist hingegen, dass bei der Bewältigung der                     Zeitpunkt umfangreichere Funktionen hatte, mit 800.000 Euro
Herausforderungen durch die Pandemie durchaus neue digi-                        bemessen, während das Finanzministerium zum Start der
tale Verfahren und Lösungen entstanden sind. Dabei fällt je-                    deutschen Variante mit 69 Mio. Euro rechnete.34
doch auf, dass deren Entwicklung nicht immer schnell genug
oder mangels vorausschauender Vorbereitung überhastet
                                                                                4.2        Unzureichende Datenerhebung und
erfolgte. So wurde die Auszahlung von Hilfsgeldern der No-
                                                                                           -nutzung
vember- und Dezemberhilfen sowie der Überbrückungshilfe
III durch die jeweils nicht rechtzeitig einsatzbereite Software
für die Antragsstellung verzögert.30 Ebenso wurde bei der                       Im Zuge der Corona-Pandemie wurden politische Entschei-
Kontrolle von Einreisenden aus Risikogebieten im Ausland                        dungen wohl unmittelbarer als je zuvor durch empirische
monatelang auf Papier-Aussteigekarten gesetzt und ging ein                      Kennziffern beeinflusst. Tagesaktuelle Inzidenzkurven, R-
System zur digitalen Einreiseanmeldung erst im November                         Werte, Übersterblichkeiten und Impfquoten standen im Mit-
2020 an den Start.                                                              telpunkt des medialen und gesellschaftlichen Diskurses wie
      Auch bei der Entwicklung eines digitalen Impfnachweises                   nie zuvor. Diese Entwicklung hin zu einer evidenzbasierten
kann man sich fragen, warum ein solcher erst Monate nach                        Politik ist als Ausdruck und Folge fortschreitender Digitalisie-
dem Start der Impfkampagne zur Verfügung stehen soll und                        rung, ohne die eine entsprechend umfangreiche und zeitna-
nicht gleich zu Beginn, zumal Sorgen vor Fälschungen bei                        he Erhebung und Auswertung von Daten kaum vorstellbar
der nachträglichen Übertragung aus dem gelben Impfpass                          wäre, sehr zu begrüßen. Dennoch wird zielgerichtetes, staat-
bestehen. In manchen Bundesländern wurde gleichsam trotz                        liches Handeln in der Corona-Pandemie vielfach dadurch er-
monatelanger, absehbarer Vorlaufzeit die Auftragsvergabe                        schwert, dass es an systematisch erhobenen, aktuellen Da-
für die Errichtung von Online-Portalen zur Impfterminvergabe                    ten als Handlungsgrundlage entweder fehlt oder diese nicht
sehr kurz vor dem Impfstart erteilt, weshalb die Umsetzung                      sinnvoll in politische Entscheidungen eingebunden werden.35
mitunter hastig erfolgte und sich somit die anfänglichen Pro-                   Die mangelnde Fähigkeit bzw. Bereitschaft zu mehr evidenz-
bleme bei der Terminvergabe verschärften.31 Ähnliches gilt für                  basiertem Handeln drückt sich nicht zuletzt auch darin aus,
den Einsatz von Lern-Plattformen für digitalen Distanzunter-                    dass Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung noch mehr als
richt, bei denen es auch im Januar 2021 teilweise noch zu                       ein Jahr nach Pandemiebeginn im politischen Ausnahmemo-
erheblichen Problemen kam (vgl. auch Abbildung 10).32                           dus nächtlicher Verhandlungen und Entscheidungen entwor-
      Darüber hinaus erfolgte die Weiterentwicklung der Co-                     fen wurden.
rona-Warn-App im Vergleich zu ähnlichen Anwendungen in                                Man kann die Bekämpfung einer Pandemie dabei als ein
anderen Ländern eher schleppend. So kam bei der britischen                      Informationsproblem interpretieren: Wüsste man zu jedem
Warn-App bereits im September 2020 eine Check-In-Funkti-                        Zeitpunkt exakt Bescheid, wer infektiös ist, ließe sich durch
on zum Einsatz, mit der sich z.B. Restaurantgäste oder Ver-                     Isolierung der Infizierten die Zirkulation des Virus innerhalb
anstaltungsteilnehmer durch Einscannen eines QR-Codes                           kürzester Zeit beenden.36 Die völlig unstrittige Tatsache, dass

30 Siehe www.handelsblatt.com vom 16.12.2020: „Unternehmen müssen wohl bis März auf ‘Überbrückungshilfe III‘ warten“.
31 Siehe www.zeit.de vom 27.2.2021: „Ihr Impftermin verzögert sich leider noch“.
32 Siehe www.focus.de vom 11.1.2021: „Viele Lernplattformen zum Schulstart down: Das ist der Stand in Ihrem Bundesland“.
33 Siehe www.spiegel.de vom 6.3.2021: „Wie QR-Codes in England gegen die Pandemie helfen“.
34 Siehe www.spiegel.de vom 13.10.2020: „Das teure, vergessene Mammutprojekt“ sowie www.aerzteblatt.de vom 13.10.2020: „Bundesregierung schlüsselt
   Kosten für Corona-Warn-App auf“.
35 Vgl. hierzu auch Deutsche Arbeitsgemeinschaft Statistik (2021) mit entsprechender Kritik an fehlender Evidenz des Krisenmanagements während der Corona-
   Pandemie.
36 Für die Interpretation der Pandemie als Informationsproblem vgl. Gans (2020).

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