Der Rundfunk als Kommunikationsapparat - Bertolt Brecht

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Bertolt Brecht
Der Rundfunk als Kommunikationsapparat
Rede über die Funktion des Rundfunks
(1932)

 Unsere Gesellschaftsordnung,      welche eine anarchische ist, wenn man
 sich eine Anarchie von Ordnungen, d. h. ein mechanisches und bezie-
 hungsloses Durcheinander an sich schon weitgehend geordneter Kom-
plexe öffentlichen Lebens vorstellen kann, unsere in diesem Sinn anar-
chische Gesellschaftsordnung ermöglicht es, daß Erfindungen gemacht
und ausgebaut werden, die sich ihren Markt erst erobern, ihre Daseins-
berechtigung erst beweisen müssen, kurz, Erfindungen, die nicht bestellt
sind. So konnte die Technik zu einer Zeit soweit sein, den Rundfunk her-
auszubringen, wo die Gesellschaft noch nicht soweit war, ihn aufzuneh-
men. Nicht die Öffentlichkeit hatte auf den Rundfunk gewartet, sondern
der Rundfunk wartete auf die Öffentlichkeit, und um die Situation des
Rundfunks noch genauer zu kennzeichnen: Nicht Rohstoff wartete auf
Grund eines öffentlichen Bedürfnisses auf Methoden der Herstellung,
sondern Herstellungsmethoden         sehen sich angstvoll nach einem Roh-
stoff um. Man hatte plötzlich die Möglichkeit, allen alles zu sagen, aber man
hatte, wenn man es sich überlegte, nichts zu sagen. Und wer waren alle?
Am Anfang half man sich damit, daß man nicht überlegte. Man sah sich
um, wo irgendwo irgend jemandem etwas gesagt wurde, und versuchte,
sich hier lediglich konkurrierend einzudrängen und irgend etwas irgend
jemandem zu sagen. Das war der Rundfunk in seiner ersten Phase als
Stellvertreter. Als Stellvertreter des Theaters, der Oper, des Konzerts, der
Vorträge, der Kaffeemusik, des lokalen Teils der Presse usw.
Von Anfang an hat der Rundfunk nahezu alle bestehenden Institutionen,
die irgend etwas mit der Verbreitung von Sprech- oder Singbarem zu tun
hatten, imitiert: es entstand ein unüberhörbares Durch- und Nebenein-
ander im Turmbau zu Babel. Man konnte in diesem akustischen Waren-
haus lernen, auf englisch bei den Klängen des Pilgerchors Hühner zu
züchten, und die Lektion war billig wie Leitungswasser. Es war dies die
goldene Jugendzeit unseres Patienten. Ich weiß nicht, ob sie schon aus ist,
aber wenn sie aus ist, wird sich auch dieser Jüngling, der, um geboren zu
werden, keinerlei Befähigungsnachweis vorzuweisen brauchte, doch noch
wenigstens hinterher nach einem Lebenszweck umschauen müssen, so
frägt sich ja auch der Mensch erst in reiferen Jahren, wenn er seine
Unschuld eingebüßt hat, wozu er eigentlich auf der Welt ist.
Was nun diesen Lebenszweck des Rundfunks betrifft, so kann er meiner

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Meinung nach nicht bestehen darin, das öffentliche Leben lediglich zu
      verschönen. Er hat dazu nicht nur wenig Eignung bewiesen, auch unser
      öffentliches Leben zeigt ja leider wenig Eignung, verschönt zu werden.
      Ich bin nicht dagegen, wenn jetzt auch in den Wärmehallen der Arbeits-
      losen und in den Gefängnissen Empfänger eingebaut werden (man denkt
      sich offenbar, daß dadurch die Lebensdauer dieser Institutionen auf bil-
      lige Weise verlängert werden kann), aber es kann nicht die Hauptaufgabe
      des Rundfunks sein, auch noch unter den Brückenbögen Empfänger auf-
      zustellen, wenn es auch eine vornehme Geste darstellt, auch jene, die hier
      ihre Nächte zuzubringen wünschen, wenigstens mit dem mindesten zu
      versehen, nämlich einer »Meistersinger«-Aufführung.        Hier ist Takt nötig.
      Auch als Methode, das Heim wieder traut zu machen und das Familienle-
      ben wieder möglich, genügt meines Erachtens der Rundfunk nicht, wobei
      es ruhig fraglich bleiben kann, ob das, was er nicht erreichen kann, über-
      haupt wünschbar ist. Aber ganz abgesehen von seiner zweifelhaften
      Funktion (wer vieles bringt, wird keinem etwas bringen), hat der Rund-
      funk eine Seite, wo er zwei haben müßte. Er ist ein reiner Distributionsap-
      parat, er teilt lediglich zu.
      Und um nun positiv zu werden: das heißt, um das Positive am Rundfunk
      aufzustöbern; ein Vorschlag zur Umfunktionierung          des Rundfunks: Der
      Rundfunk ist aus einem Distributionsapparat       in einen Kommunikations-
      apparat zu verwandeln. Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste
      Kommunikationsapparat         des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanal-
      system, das heißt, er wäre es, wenn er es verstünde, nicht nur auszusen-
      den, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, son-
      dern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn in
      Beziehung zu setzen. Der Rundfunk müßte demnach aus dem Lieferan-
      tenturn herausgehen und den Hörer als Lieferanten organisieren. Deshalb
      sind alle Bestrebungen des Rundfunks, öffentlichen Angelegenheiten
      auch wirklich den Charakter der Öffentlichkeit zu verleihen, absolut po-
      sitiv. Unsere Regierung hat die Tätigkeit des Rundfunks ebenso nötig wie
      unsere Rechtspflege. Wo sich Regierung oder Justiz einer solchen Tätig-
      keit des Rundfunks widersetzen, haben sie Angst und sind eben nur für
      Zeiten geeignet, welche vor der Erfindung des Rundfunks liegen, wenn
      nicht sogar vor der Erfindung des Schießpulvers. Ich kenne sowenig wie
      Sie die Verpflichtungen etwa des Reichskanzlers, es ist Sache des Rund-
      funks, sie mir klarzumachen, aber zu diesen Verpflichtungen des obersten
      Beamten gehört es: regelmäßig durch den Rundfunk die Nation von sei-
      ner Tätigkeit und der Berechtigung seiner Tätigkeit zu unterrichten. Die
      Aufgabe des Rundfunks allerdings erschöpft sich nicht damit, diese
      Berichte weiterzugeben.
      Er hat über dies hinaus die Einforderung von Berichten zu organisieren,

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das heißt, die Berichte der Regierenden in Antworten auf die Fragen der
 Regierten zu verwandeln. Der Rundfunk muß den Austausch ermögli-
chen. Er allein kann die großen Gespräche der Branchen und Konsumen-
ten über die Normung der Gebrauchsgegenstände           veranstalten, die De-
batten über Erhöhungen der Brotpreise, die Dispute der Kommunen.
Sollten Sie dies für utopisch halten, so bitte ich Sie, darüber nachzuden-
ken, warum es utopisch ist.
Was immer der Rundfunk aber unternimmt, sein Bemühen muß es sein,
jener Folgenlosigkeit entgegenzutreten,   die beinahe alle unsere öffentli-
chen Institutionen so lächerlich macht.
Wir haben eine folgenlose Literatur, die sich nicht nur bemüht, selber kei-
ne Folgen zu haben, sondern sich auch alle Mühe gibt, ihre Leser zu neu-
tralisieren, indem sie alle Dinge und Zustände ohne ihre Folgen darstellt.
Wir haben folgenlose Bildungsinstitute, die sich ängstlich bemühen, eine
Bildung zu vermitteln, welche keinerlei Folgen hat und von nichts die
Folge ist. Alle unsere ideologiebildenden Institutionen sehen ihre Haupt-
aufgabe darin, die Rolle der Ideologie folgenlos zu halten, entsprechend
einem Kulturbegriff, nach dem die Bildung der Kultur bereits abgeschlos-
sen ist und Kultur keiner fortgesetzten schöpferischen Bemühung bedarf.
Es soll hier nicht untersucht werden, in wessen Interesse diese Institutio-
nen folgenlos sein sollen, aber wenn eine technische Erfindung von so
natürlicher Eignung zu entscheidenden        gesellschaftlichen Funktionen
bei so ängstlicher Bemühung angetroffen wird, in möglichst harmlosen
Unterhaltungen     folgenlos zu bleiben, dann erhebt sich doch ununter-
drückbar die Frage, ob es denn gar keine Möglichkeit gibt, den Mächten
der Ausschaltung durch eine Organisation der Ausgeschalteten zu begeg-
nen. Jeder kleinste Vorstoß auf dieser Linie müßte sofort einen natür-
lichen Erfolg haben, der weit über den Erfolg aller Veranstaltungen kuli-
narischen Charakters hinausgeht. Jede Kampagne mit deutlicher Folge,
also jede wirklich in die Wirklichkeit eingreifende Kampagne, die als Ziel
die Veränderung der Wirklichkeit hat, wenn auch an Punkten beschei-
denster Bedeutung, etwa bei der Vergebung öffentlicher Bauten, würde
dem Rundfunk eine ganz andere unvergleichlich tiefere Wirkung sichern
und eine ganz andere gesellschaftliche Bedeutung verleihen als seine jet-
zige rein dekorative Haltung. Was die auszubildende Technik aller solcher
Unternehmungen betrifft, so orientiert sie sich an der Hauptaufgabe, daß
das Publikum nicht nur belehrt werden, sondern auch belehren muß.
Es ist eine formale Aufgabe des Rundfunks, diesen belehrenden Unter-
nehmungen einen interessanten Charakter zu geben, also die Interessen
interessant zu machen. Einen Teil, besonders den für die Jugend be-
stimmten Teil, kann er sogar künstlerisch gestalten. Diesem Bestreben des
Rundfunks, Belehrendes künstlerisch zu gestalten, kämen Bestrebungen

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der modernen Kunst entgegen, welche der Kunst einen belehrenden Cha-
     rakter verleihen wollen.
     Als Beispiel solcher möglichen Übungen, die den Rundfunk als Kommu-
     nikationsapparat benutzen, habe ich schon bei der Baden-Badener Mu-
     sikwoche 1929 den »Flug der Lindberghs« erläutert. Dies ist ein Modell für
    eine neue Verwendung Ihrer Apparate. Ein anderes Modell wäre das »Ba-
    dener Lehrstück vom Einverständnis«. Hierbei ist der pädagogische Part,
    den der >,Hörer«übernimmt, der der Flugzeugmannschaft und der der Men-
    ge. Er kommuniziert mit dem vom Rundfunk beizusteuernden Part des
    gelernten Chors, dem der Clowns, dem des Sprechers. Ich beschränke
    mich willentlich auf die Erörterung des Prinzipiellen, weil die Verwirrung
    im Ästhetischen nicht die Ursache der beispiellosen Verwirrung in der
    prinzipiellen Funktion, sondern ihre bloße Folge ist. Durch ästhetische
    Einsicht ist der Irrtum - ein für einige sehr nützlicher Irrtum - über die
    eigentliche Funktion des Rundfunks nicht zu beheben. Ich könnte Ihnen
    sagen, daß etwa die Anwendung der theoretischen Erkenntnisse der mo-
    dernen Dramatik, nämlich der epischen Dramatik, auf das Gebiet des
    Rundfunks außerordentlich fruchtbare Ergebnisse zeitigen könnte.
    Nichts ist ungeeigneter als die alte Oper, die auf die Erzeugung von
    Rauschzuständen ausgeht, denn sie trifft am Empfänger auf den einzel-
    nen Mann, und von allen alkoholischen Exzessen ist nichts gefährlicher
    als der stille Suff.
    Auch das alte Drama der shakespearischen         Dramaturgie ist nahezu
    unbrauchbar für den Rundfunk, denn am Empfänger wird der einzelne
    und Vereinzelte anstatt eine Menge im Kontakt dazu gebracht, Gefühle,
    Sympathien und Hoffnungen zu investieren in Intrigen, die nur den
    Zweck haben, dem dramatischen Individuum die Gelegenheit zu geben,
    sich auszudrücken.
    Die epische Dramatik mit ihrem Nummercharakter, ihrer Trennung der
    Elemente, also des Bildes vom Wort und der Wörter von der Musik,
    besonders aber ihre belehrende Haltung, hätte für den Rundfunk eine
    Unmenge praktischer Winke. Aber ihre rein ästhetische Anwendung wür-
    de zu nichts als einer neuen Mode führen, und wir haben alte Moden ge-
    nug! Ergäbe sich das Theater der epischen Dramatik, der pädagogisch do-
    kumentarischen       Darstellung, so könnte der Rundfunk eine ganz neue
    Form der Propaganda für das Theater ausführen, nämlich die wirkliche
    Information, eine unentbehrliche Information. Solch ein mit dem Thea-
    ter eng verbundener Kommentar, eine vollwertige, ebenbürtige Ergän-
    zung des Dramas selber, könnte völlig neue Formen entwickeln usw.
    Auch eine direkte Zusammenarbeit zwischen theatralischen und funki-
    schen Veranstaltungen wäre organisierbar. Der Rundfunk könnte die
    Chöre an die Theater senden, so wie er aus den meetingsähnlichen       Kol-

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lektivveranstaltungen der Lehrstücke die Entscheidungen und Produktio-
nen des Publikums in die Öffentlichkeit leiten könnte usw.
Ich führe dieses usw. nicht aus, komme willentlich nicht auf die Möglich-
keiten, Oper von Drama und beide vom Rundfunkstück zu trennen oder
ähnliche ästhetische Fragen zu lösen, zu sprechen, obwohl ich weiß, daß
Sie vielleicht das von mir erwarten, da Sie vorhaben, Kunst zu verkaufen
vermittels Ihres Apparates. Aber um verkäuflich zu sein, muß die Kunst
heute erst käuflich sein. Und ich wollte Ihnen lieber nichts verkaufen, son-
dern nur den prinzipiellen Vorschlag formulieren, aus dem Rundfunk ei-
nen Kommunikationsapparat        öffentlichen Lebens zu machen. Dies ist
eine Neuerung, ein Vorschlag, der utopisch erscheint und den ich selber
als utopisch bezeichne, wenn ich sage: der Rundfunk könnte oder das
Theater könnte, ich weiß, daß die großen Institute nicht alles können,
was sie könnten, auch nicht alles, was sie wollen. Von uns wollen sie be-
liefert sein, erneuert, am Leben erhalten durch Neuerungen.
Aber es ist keineswegs unsere Aufgabe, die ideologischen Institute auf der
Basis der gegebenen Gesellschaftsordnung, durch Neuerungen zu erneu-
ern, sondern durch unsere Neuerungen haben wir sie zur Aufgabe ihrer
Basis zu bewegen. Also für Neuerungen, gegen Erneuerung! Durch immer
fortgesetzte, nie aufhörende Vorschläge zur besseren Verwendung der Apparate
im Interesse der Allgemeinheit haben wir die gesellschaftliche Basis dieser
Apparate zu erschüttern, ihre Verwendung im Interesse der wenigen zu
diskreditieren.
Undurchführbar in dieser Gesellschaftsordnung,  durchführbar in einer
anderen, dienen die Vorschläge, welche doch nur eine natürliche Konse-
quenz der technischen Entwicklung bilden, der Propagierung und For-
mung dieser anderen Ordnung.

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