Manuskript ZÜNDFUNK Generator - Titel: Bayerischer Rundfunk
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Manuskript
ZÜNDFUNK Generator
Titel: Das Ende vom Schweigen der Lämmer:
Was hat sich nach einem halben Jahr #metoo in Kultur und Medien
verändert?
Autorin: Barbara Streidl
Sendedatum: 15.04.2018
Sendezeit: 22.05 – 23.00 Uhr
Redaktion: ZÜNDFUNK / Julia Fritzsche
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www.bayern2.deMUSIK Katy Perry, The one and only
drüber
ZSP 01 Oscar an Frances McDormand
(Jodie Foster): “And the Oscar goes to:”
(Jennifer Lawrence): “Frances McDormand, ‘Three Billboards
outside Ebbing, Missouri’”! (Applaus)
(Frances McDormand): “So, I’m hyperventilating a little bit, if I
fall up, help me because I’ve got some things to say.”
ERZ Dolby Theatre in Los Angeles. Frances McDormand betritt die
Bühne. Sie erhält einen Oscar für ihre Hauptrolle in „Three
Billboards outside Ebbing, Missouri“. Sie dankt dem Regisseur,
allen Anwesenden und im Besonderen ihrer Familie, ihrem „Clan“,
wie sie sagt. Dann bittet sie alle Frauen, die 2018 für einen Oscar
nominiert wurden, aufzustehen: Die Filmemacherinnen, die
Produzentinnen, die Drehbuchautorinnen, die Komponistinnen, die
Bühnenbildnerinnen – alle erheben sie sich von ihren rot
gepolsterten Stühlen.
ZSP 02 Oscarrede von Frances McDormand
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www.bayern2.de(Applaus) (Frances McDormand): “Okay, look around
everybody, look around: Because we all have stories to tell
and projects we need financed. Don’t talk to us at the parties
tonight, invite is to your offices in a couple of days, or you
can come to ours, which ever suits you best, and we will tell
you about them.”
ERZ Alle für einen Oscar nominierten Frauen möchten Geschichten
erzählen, planen Projekte, die finanziert werden müssen. Sprecht
uns an, sagt Frances McDormand – und zum Schluss hat sie noch
eine Idee:
ZSP 03 (Frances McDormand): “I have two words to leave with you
tonight, ladies and gentlemen: ‘Inclusion rider’.” (Applaus)
ICH An der Stelle habe ich mich gewundert, Anfang März 2018, als ich
die Oscarnacht mitverfolgte: Was bitte ist ein „inclusion rider“?
ZSP 04 Jeff Vespa inclusion rider
Inclusion rider – a rider is a attachment essentially to a
contract. That rider can say in your contract ‚I will not work
on this movie, I will not work for you as a company in less
you agree to certain stipulations. Such as the crew of this
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www.bayern2.demovie needs to be fifty percent women. Or such as the male
lead and the female lead must be paid the same.
Overvoice Ein „inclusion rider“ ist ein Zusatz zu einem Vertrag. Damit
können Bedingungen ausgehandelt werden, zu denen jemand
für einen Film arbeitet, etwa „die Filmcrew muss zu 50
Prozent aus Frauen bestehen“ oder „die männliche und die
weibliche Hauptrolle müssen dasselbe verdienen“.
ERZ Jeff Vespa kennt sich aus in Hollywood, er ist Ende 40 und ein
sehr bekannter Fotograf aus Los Angeles: Er fotografiert seit
vielen Jahren die Stars, Jake Gyllenhaal, Chloe Sevigny, Robert
Pattinson, Kheira Knightley, Robert de Niro. Gelegentlich
produziert er auch Filme. Für Jeff Vespa war Frances
McDormands Erwähnung des „inclusion rider“ der wahre „#metoo-
Moment“ bei den Oscarverleihungen 2018: Für ihn hat sie damit
einen Weg aufgezeigt, Strukturen zu verändern.
ZSP 05 Jeff Vespa biggest thing
Because that quite frankly could be something that would
change the industry a lot quicker than anybody could
imagine.
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www.bayern2.deOvervoice Denn das würde die Industrie schneller ändern, als wir uns
vorstellen können.
MUSIK Little Axe, When I rise
drüber
ICH In der #metoo-Bewegung geht es zum Einen um konkrete
Gewalterfahrungen, also darum, wer wen wann belästigt hat. Es
geht aber auch um die dahinterliegenden Strukturen, die die
Belästigungen zulassen, in vielen Fällen folgenlos. Es geht um ein
System, das es etwa einem mächtigen Filmemacher ermöglicht
haben soll, über Jahre hinweg Schauspielerinnen mit
sexualisierter Gewalt zu begegnen, ohne dafür belangt zu werden.
Mehr Frauen, als ich Finger habe, werfen Harvey Weinstein vor,
sie in seiner rund 30-jährigen Zeit als Produzent angegriffen zu
haben. Er hätte versprochen, die Frauen zu Stars zu machen,
wenn sie sich fügen. Wenn nicht, hätte er trotzdem nach ihnen
gegriffen und hinterher Schweigegeld gezahlt. Geschwiegen
haben die meisten – bis Oktober 2017.
Musik Joan Baez, Another world
drüber
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www.bayern2.deZSP 06 SPRm Titel
Das Ende vom Schweigen der Lämmer: Was hat sich nach
einem halben Jahr #metoo in Kultur und Medien verändert?
Sendung von Barbara Streidl
ERZ Seit Februar 2018 prüfen US-Staatsanwaltschaften
Anklagevorwürfe gegen Harvey Weinstein. Auch gegen sein
Unternehmen, die Weinstein Company, ermitteln sie, wegen
Verletzung der Bürgerrechte, Menschenrechte und des
Arbeitsrechts.
ICH Dass Weinstein zahlreiche Frauen belästigt und angegriffen
haben soll, wussten anscheinend viele in Hollywood – sie haben
das auf jeden Fall in den letzten Monaten eingeräumt:
Schauspielerinnen, Regisseure, Geldgeber, Leute aus den
Filmcrews. Und auch Jeff Vespa aus Los Angeles: Jahre nachdem
er Rose McGowan im roten Kleid neben Weinstein fotografierte,
erfuhr er, dass die beiden sich außergerichtlich geeinigt hatten:
McGowan hatte Weinstein 1997 der Vergewaltigung bezichtigt.
Sie war es, die zwanzig Jahre später, vor rund sechs Monaten, im
Oktober 2017, eine Lawine lostrat, als sie auf Twitter ihr
Schweigen brach.
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www.bayern2.deZSP 07 Jeff Vespa Rose’s story
I, I knew. I have been kind of around for a very long time, and
when this all comes out to see the picture rerun for many
times, that I shot of Rose and Harvey together, I didn’t have a
good feeling about that.
Overvoice Ich wusste es, ich bin ja schon lange dabei. Und als alles
rauskam und dieses Foto, das ich von Rose und Harvey
gemacht hatte, überall zu sehen war, fühlte ich mich nicht
sehr gut.
ERZ Das Foto von Rose McGowan und Harvey Weinstein, sie im roten,
schulterfreien Kleid, er daneben, im dunklen Anzug ohne Schlips,
entstand vor rund zehn Jahren, bei der Premiere des Films
„Grindhouse“. McGowan, die die Hauptrolle spielte, und
Weinstein, der Produzent, stehen nebeneinander: Ein typisches
Bild von einer Filmpremiere.
MUSIK Little Axe, London Blues Dub
drüber
ICH Dieses Bild erzählt eine Geschichte: Dass McGowan überhaupt in
einer Weinstein-Produktion eine Hauptrolle bekam, nachdem sie
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www.bayern2.deihn der Vergewaltigung beschuldigt hatte, lag am Engagement des
Regisseurs: Robert Rodriguez gab ihr eigenmächtig die Rolle.
Denn Weinstein hatte McGowan auf eine Art „Blacklist“ verbannt:
Sie durfte nicht in von seiner Firma finanzierten Filmen spielen.
Auch andere Schauspielerinnen wurden – wohl aus ähnlichen
Gründen – auf dieser Liste geführt, was ihren Karrieren schadete.
Über all das, die sexualisierten Attacken, die schwarze Liste,
diesen Machtmissbrauch, darüber sprach niemand. Damals.
Warum?
ZSP 08 Jeff Vespa couldn’t have done
I certainly couldn’t have done anything against him. I
certainly couldn’t even have talked to him. Even if I had talked
to him, it wouldn’t have done anything. Let’s put it in another
way. If a friend of mine – forget Rose – if some other friend of
mine, came to me and said ‘Harvey Weinstein did this to me’
and it was something that just happened, than that would
have been a different story. I would have done everything to
support that person to come out and tell the story.
Overvoice Ich hätte nichts gegen ihn ausrichten können, nicht mal mit
ihm sprechen können. Selbst wenn ich mit ihm gesprochen
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www.bayern2.dehätte, hätte das nichts verändert. Aber hätte eine Freundin
von mir erzählt, dass Harvey Weinstein ihr gerade eben etwas
angetan hätte, hätte ich alles getan, um sie zu unterstützen
und ihre Geschichte öffentlich zu machen.
ICH Jeff Vespa windet sich offensichtlich: Es mag am Hörensagen
gelegen haben, dass er nichts unternahm, vielleicht auch daran,
dass Rose McGowan für ihn nur eine Kundin war, für die er dann
aber Kopf und Kragen hätte riskieren müssen. Seit Oktober 2017,
seitdem durch Rose McGowan und die daraus entstehende
#metoo-Bewegung Harvey Weinsteins Übergriffe international
bekannt wurden, gibt es viele solche Geschichten. Frauen und
Männer, die sexualisierte Gewalt erfahren haben, die sich
ausgeliefert fühlten, berichten. Ebenso wie Frauen und Männer,
die von Übergriffen wussten, gehört hatten, etwas ahnten, sich
aber nicht in der Lage sahen, zu handeln, einzuschreiten,
aufzustehen, zu protestieren.
Dass sie ihr Schweigen brechen, ist für viele ein erster Schritt in
eine gewaltfreiere Welt. Doch hat sich abseits der plötzlichen
heftigen Aufregung schon etwas verändert?
ZSP 09 Anne Wizorek Veränderung
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www.bayern2.deWas sich natürlich grundlegend verändert hat, ist, dass wir
noch darüber reden. Ich glaube, vielen ist gar nicht bewusst,
wie neu das tatsächlich ist, dass eine Sexismusdebatte so
lange anhält wie es jetzt im Fall von #metoo ist. Weil sonst
wird das Thema ja gerne schnell wieder unter dem nächsten
Nachrichtenzyklus begraben.
MUSIK To Rococo Rot, She loves me
drüber
ERZ Anne Wizorek, Autorin und feministische Aktivistin, hat etwas
Ähnliches 2013 im deutschen Sprachraum mitinitiiert: die
Onlineaktion #aufschrei gegen Alltagssexismus. #metoo ist wieder
eine Aktion mit einem Hashtag, doch diesmal ist der Impact
größer, internationaler: Viele, viele Geschichten sind erzählt
worden, Talk-Show-Hosts wie Charlie Rose wurden ebenso
beschuldigt wie Hollywood-Produzenten oder Schauspieler. Und:
Es blieb nicht bei den Geschichten: Die Oscar-Academy
bezeichnete Weinsteins Verhalten als „abstoßend, abscheulich
und unethisch“ und schloss ihn aus. Wenig später warfen mehrere
Schauspieler dem zweifachen Oscar-Preisträger Kevin Spacey
sexuelle Belästigung vor – in der Folge wurden seine Szenen aus
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www.bayern2.dedem Film „Alles Geld der Welt“ von Regisseur Ridley Scott
persönlich herausgeschnitten.
ICH Es hat sich also wirklich etwas getan: Ein vermeintlicher Täter wird
aus dem System Hollywood ausgeschlossen – und somit auch
seine Kunst.
ZSP 10 Anne Wizorek was haben wir vermisst
Für mich ist es dann auch eher der Punkt zu gucken, wie
können wir die Projekte fördern, von den Personen, die eben
nicht so mit ihren künstlerischen Stimmen zu hören waren.
Dass wir uns auch darauf konzentrieren, was haben wir denn
bisher vermisst? Das ist ja auch ein Problem in der
Diskussion, dass das dann immer dargestellt wird, ja, wenn
wir jetzt die ganzen Filme von Kevin Spacey und Dieter Wedel
und wie sie alle heißen, wenn wir die weg lassen, dann bliebe
keine Kunst mehr übrig. Und stimmt natürlich überhaupt
nicht, im Gegenteil, wir haben ganz viele künstlerische
Beiträge einfach immer noch nicht sehen können, weil die
Menschen, die sie beizutragen hätten, eben durch diese
gewaltvollen Strukturen verdrängt worden sind.
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www.bayern2.deICH Da sind wir wieder bei den „inclusion riders“ aus der Rede von
Oscarpreisträgerin Frances McDormand: Vor allem die großen
Stars haben es in der Hand. Sie können mit ihrem Einfluss
Bedingungen stellen, zum Beispiel 50 Prozent Frauen am Set,
gleiche und transparente Honorare. So können sie helfen,
diejenigen sichtbar und hörbar zu machen, die bislang keine
Stimme und keine Bühne zur Verfügung hatten. Bis McDormand
im März 2018, also nach mehreren Monaten #metoo-Bewegung,
von „inclusion riders“ und den damit verbundenen Möglichkeiten
sprach, hatte kaum jemand davon Notiz genommen.
Welche anderen Maßnahmen gibt es nach einem halben Jahr
#metoo?
ERZ Eine neue Initiative kommt von „Time’s up“, eine US-
amerikanische Kampagne, angeführt von Frauen aus der
Unterhaltungsindustrie wie den Schauspielerinnen Reese
Witherspoon, Ashley Judd und Eva Longoria, der Produzentin
Shonda Rimes und der Anwältin Tina Tchen. Die Time’s up-
Macherinnen hatten keine Zeit für ein Interview mit dem
Bayerischen Rundfunk, sondern schrieben in einer Mail, um was
es ihnen geht.
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www.bayern2.deZSP 11 SPRw Time’s up
Eine von drei Frauen zwischen 18 und 34 wird an ihrem
Arbeitsplatz sexuell attackiert. 71 Prozent dieser Frauen
schweigen darüber. Quer durch alle Branchen, von
Farmarbeiterinnen zu Restaurantaushilfen, wurden Frauen zu
lang zum Schweigen gebracht.
Time’s up hat über 19 Millionen US-Dollar gesammelt, um
Einzelnen zu helfen, sich vor Gericht und in der Öffentlichkeit
gegen sexuelle Angriffe zu wehren.
Daneben setzt sich Time’s up für die Idee „5050by2020“ ein:
Bis zum Jahr 2020 sollen 50 Prozent Frauen
branchenübergreifend in allen Ebenen gleichberechtigt
arbeiten, die Führungsetagen mit inbegriffen.
ERZ Das Geld von Time’s up kommt von den Stars: Jennifer Aniston
und Taylor Swift haben gespendet, Mark Wahlberg kündigte an,
seine Gage für die Nachdreharbeiten von Ridley Scotts Film „Alles
Geld der Welt“ zu spenden.
ICH Womit er nicht nur Geld in Aussicht stellt, sondern auch die
Bedeutung der „inclusion rider“ zeigt: Schon weit vor #metoo hatte
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www.bayern2.deWahlberg in eben einem solchen Vertragszusatz eine Bedingung
festgelegt: ein Veto-Recht hinsichtlich der Auswahl seiner Co-
Stars. Als Kevin Spacey dann ersetzt werden soll, handelt
Wahlbergs Agentur aufgrund dieses Veto-Rechts zusätzliche 1,5
Millionen US-Dollar für eine Handvoll Drehtage aus. Wahlbergs
Co-Hauptdarstellerin Michelle Williams hat so etwas nicht in ihrem
Vertrag und erscheint für eine Gage von rund 80 Dollar pro Tag
noch mal auf dem Filmset.
ERZ Bislang haben die Creative Artist Agency – J.J. Abrams, Cate
Blanchett, George Clooney und Michelle Pfeiffer werden von ihr
neben vielen anderen vertreten – und die Agentur ICM Partners
zugesagt, Time’s up zu unterstützen.
ICH Nicht alle sind begeistert von Time’s up. In einer Talkshow hat z.B.
Rose McGowan, wohl prominenteste Beschuldigerin von Harvey
Weinstein, gesagt, die Idee wäre schon gut, doch am Ende ginge
es um positive Aufmerksamkeit, die einige Agenturen erzeugen
wollen:
ZSP 12 Rose McGowan
The intentions are good. But I know the people behind it. It is
four CAA agents who needed good PR. And I hope I
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www.bayern2.dedesperately hope that they help these women. But there is
Justin Timberlake hashtagging “my wife looks hot tonight”
hashtag “time’s up” hashtag “I just did a movie with Woody
Allen”. So come on, it is fake.
ERZ Da Justin Timberlake in Woody Allens neuem Film „Wonder
Wheel“ spielt, nennen viele seine Unterstützung von Time’s up
Heuchelei: Woody Allens Adoptivtochter Dylan Farrow wirft
Timberlake vor, mit dem Mann zu arbeiten, der sie als
Siebenjährige sexuell missbrauchte – was Woody Allen bis heute
bestreitet.
ZSP 13 Rose McGowan (weiter)
I wish it wasn’t our heroes. But sometimes our heroes needed
to be better.
ICH „Ich wünschte, es wären nicht unsere Helden. Aber manchmal
müssten unsere Helden eben besser sein“, sagt Rose McGowan.
Doch die Debatte über sexualisierte Gewalt sollte Anfang 2018
noch andere Helden stürzen. Auch in Deutschland.
MUSIK 01 Ezra Furman, God lifts up the lowly
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www.bayern2.deICH Die Geschichten, die unter dem Hashtag #metoo in den letzten
Monaten öffentlich bekannt wurden, zeigen, dass sexualisierte
Gewalt gegen Frauen bei Filmproduktionen oder an Theatern kein
Hollywood-Phänomen sind – es gibt sie überall auf der Welt. Auch
in Deutschland gab es einen Skandal, als der renommierte
Regisseur Dieter Wedel beschuldigt wurde, Schauspielerinnen
attackiert zu haben. Von diesen Angriffen wussten nicht nur die
Kolleginnen und Kollegen am Set, sondern auch die
Produktionsfirma – und der Saarländische Rundfunk.
ZSP 14 Sandra David Wedel
Anhand von dem Beispiel ist natürlich in der ganzen ARD
überprüft worden, gibt’s bei uns im Haus weitere
Verdachtsfälle, und da sind sie aktuell noch dran am
Aufarbeiten. Der Bayerische Rundfunk hatte eben eine Serie
mit Dieter Wedel, und da ist nichts bekannt gewesen, und der
NDR hat jetzt zuletzt auch dementiert, die ja auch mehrere
Produktionen hatten, dass sie ihm auch nichts nachweisen
können.
ERZ Sandra David ist Gleichstellungsbeauftragte im Bayerischen
Rundfunk. Seit den Vorwürfen gegen Dieter Wedel tauschen sich
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www.bayern2.dedie ARD-Anstalten aus – sie untersuchen alte Produktionsakten
auf mögliche Vorfälle. Und: Sie wollen ein neues
Verantwortungsgefühl schaffen, in der ARD und bei den
Unternehmen, die Filme in ihrem Auftrag realisieren.
ZSP 15 Sandra David ARD
und dort versucht die ARD momentan auch, eine
übergeordnete zentrale Anlaufstelle zu schaffen, gemeinsam
mit den Produktionsfirmen, und es wird aktuell auch geprüft,
ob hier bei den bestehenden Leitlinien eine Anti-
Diskriminierungsklausel eingefügt werden kann.
ICH Es gibt viele Produktionsfirmen, die zum Teil eng mit den
Sendeanstalten verwoben sind: Tochterunternehmen,
Tochtertochterunternehmen gar, die im ARD-Auftrag drehen. Es
werden und wurden unterschiedliche Verträge abgeschlossen zu
wahrscheinlich unterschiedlichen Bedingungen und mit
unterschiedlichen Honoraren. Eine zentrale Anlaufstelle zu
etablieren, das kann man sich wirklich als Mammutaufgabe
vorstellen. Eine Anti-Diskriminierungsklausel würde wohl auf Basis
des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes formuliert werden,
das jede Form von Diskriminierung aufgrund von Alter, ethnischer
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www.bayern2.deHerkunft, Geschlecht, Religionszugehörigkeit, Behinderung oder
sexueller Identität verhindern soll.
ERZ Im Bayerischen Rundfunk gibt es schon länger eine „Null
Toleranz“-Grenze, was bedeutet …
ZSP 16 Sandra David Null Toleranz
… dass jegliche Art von sexueller Belästigung am
Arbeitsplatz oder Machtsmissbrauch nicht geduldet wird.
ERZ Wird ein Verstoß gegen diese Null-Toleranz-Grenze gemeldet,
geht die Personalabteilung gemeinsam mit der Führungsetage
diesem sofort nach, das ist auch im Intranet des Bayerischen
Rundfunks nachzulesen.
ICH Null Toleranz gegenüber sexuellen Übergriffen und Leitlinien
gegen Diskriminierung generell, das schützt im konkreten Fall.
Und solche Maßnahmen weisen durch ihre bloße Existenz darauf
hin, dass es ein Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen
gibt. Das hat ja auch der Fall der BBC-China-Korrespondentin
Carrie Gracie gezeigt, die ihren Job nach Jahrzehnten kündigte:
Sie erfuhr durch die Offenlegung der BBC-Gehälter, dass sie
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www.bayern2.dedeutlich weniger verdiente als ihre Kollegen an gleicher Stelle mit
gleicher Qualifizierung.
ZSP 17 Johanna Montanari Macht
In dem Bereich #metoo, da haben wir ganz viele Fälle, da
geht’s um Prominente, da geht’s ums Showbusiness, da
gibt’s sehr starke Machtgefälle, mit jungen Frauen die auf
ältere Männer in Machtpositionen treffen. Und ich glaube,
diese Situationen sind nicht auf diese Beziehungen begrenzt,
die äußern sich aber sehr machtvoll durch dieses
Machtgefälle. Und klar, die Möglichkeiten, Nein zu sagen, sind
nicht für alle gleich zugänglich, und gerade in Beziehungen
mit Machtgefällen weniger zugänglich. Es ist leichter, sich zu
treffen, wenn es kein so großes Gefälle gibt.
ERZ Johanna Montanari ist Autorin. Sie lebt in Berlin, arbeitet als
Redakteurin für die Wochenzeitung Der Freitag und ist
Mitherausgeberin des Buches „Wege zum Nein“, in dem es in
verschiedenen Texten um neue Modelle von Beziehungen geht,
Arbeitsbeziehungen wie private Beziehungen. Anlass des Buches
war die Änderung des Sexualstrafrechts im Jahr 2016 in
Deutschland, durch die „Nein“ wirklich „Nein“ heißen soll.
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www.bayern2.deICH Das Gesetz wurde hier in Deutschland also schon vor der #metoo-
Bewegung geändert. Das lag vielleicht an den
aufsehenerregenden Übergriffen gegen Frauen in der
Silvesternacht 2015/16 in Köln, wo unter den Tätern auch viele
Migranten waren. Vielleicht lag es aber auch an den schon
bestehenden Diskussionen über die Grenze zwischen Sexualität
und sexualisierter Gewalt, wie sie auch die #aufschrei-Debatte
vorangetrieben hatte. Und hier kommen wir an einen weiteren
Punkt, an dem sich in den letzten Jahren – jetzt verstärkt durch
#metoo – etwas ändert: die Geschlechterverhältnisse und damit
verknüpfte Machtstrukturen. Der Baukasten unserer
Geschlechterrollen, in dem sich die Frau ziert, der Mann trotzdem
erobert, der zeigt sich auch in der #metoo-Bewegung.
Sexualisierte Gewalt ist ein Abbild unserer historisch
gewachsenen Vorstellung von Beziehungen zwischen Männern
und Frauen.
ZSP 18 Johanna Montanari Zitat
„Es gibt eine machtvolle Erzählung, in der die Person, welche
ein Grenze überschreitet, mit Männlichkeit verbunden wird.
Die Person, die ihre Grenzen aufzeigt, wird mit Weiblichkeit
verbunden, selbst wenn sich diese anders definiert.“
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www.bayern2.de„Ich glaube, dass die Metapher der Grenze auf feindselige
Logiken verweist, auf Logiken der Herrschaft, und dass diese
Logiken dafür sorgen, dass Beziehungen zu Käfigen werden.
Ich wünsche mir Beziehungen mit Verbündeten voller
Wohlwollen. Dazu gehört für mich Nein sagen zu können,
ohne dass das bedeutet, dass ich mich abgrenze.“
ERZ Ein Auszug aus dem Text „Kein Käfig, keine Grenze“ von Johanna
Montanari. Sie weist darauf hin, dass es dringend eine
gesellschaftliche Debatte über die Verknüpfung von „Sexualität“
und „Gewalt“ benötigt. Wer etwa von „sexualisierter Gewalt“
spricht, ordnet die Sexualität als eine Spielart der Gewalt unter;
wer von „sexueller Gewalt“ spricht, stellt die beiden Begriffe als
miteinander verwoben dar.
ICH Aus diesem Grund spreche ich von „sexualisierter Gewalt“ im
Rahmen der #metoo-Bewegung. Dass Sprache ein wichtiges
Instrument in der Gleichstellungsarbeit ist, sagt auch Sandra
David, die sich für eine geschlechtergerechte Sprache im
Bayerischen Rundfunk engagiert. Daneben will sie
Vertrauenspersonen auch in Sachen „Sexuelle Belästigung
erkennen“ ausbilden, auch aus der Personalabteilung und der
Führungsetage.
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www.bayern2.deZSP 19 Sandra David Verunsicherungen
Ich glaub, dass es eben auch zu Verunsicherungen führt im
Umgang miteinander zwischen Frauen und Männern, also,
was darf ich, was darf ich nicht, und genau solche
Fragestellungen können dann in so einem Seminar auch in
einem kleinen geschlossenen Raum auch mal besprochen
werden. Ich selber hab bereits lang vor #metoo Kontakt mit
unserer Ausbildung aufgenommen, dass man da auch
Präventionsmaßnahmen ergreift, da bekommen die Azubis
Workshops auch zu diesem Thema, wie gehe ich damit um,
was kann ich denn tun, wenn ich mitbekomme, dass das
jemand anderem passiert, an wen wende ich mich, wie kann
ich da Kontakt aufnehmen. Jede Frau empfindet anders,
nimmt das anders wahr, und wenn ich mich da dann selber
irgendwie beleidigt fühle, angemacht fühle, dann sollte ich
das auch einfach direkt sagen. Und so kann man Konflikte
oder Unsicherheiten aus dem Weg räumen, und man überlegt
sich beim nächsten Mal, was sage ich dann. Da braucht’s
auch Interesse für den anderen Menschen auch, um zu
merken, wie tickt der oder die.
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www.bayern2.deICH In der #metoo-Bewegung wollen viele Betroffene und Zeugen
Menschen zur Rechenschaft ziehen für etwas, was diese getan
oder gesagt haben. Viele wollen unter dem Stichwort aber auch
klarmachen und gemeinsam erörtern, welches Verhalten wir in
unserer Gesellschaft tolerieren, und welche Strukturen ein
gleichberechtigtes Miteinander von Menschen ermöglichen. Beim
Aushandeln des richtigen Verhaltens werden wir immer wieder an
Grenzen stoßen, welche Geschichten zu #metoo gehören und
welche nicht:
ERZ Der Schauspieler Matt Damon hat öffentlich gesagt, es gebe für
ihn einen Unterschied zwischen jemanden an den Hintern fassen
und Vergewaltigung oder Kindesmissbrauch. Auch wenn Damon
sofort nachgeschoben hat, dass all diesen Fällen nachgegangen
werden solle, bekam er deutlichen Gegenwind. In einer
Onlinepetition fordert etwa Rebekka G., dass Damon aus seinem
neuen Film, „Ocean’s 8“ herausgeschnitten wird. Bislang wurde
die Petition knapp 30.000 Mal unterschrieben. Die Aktion mag
überzogen sein, dennoch gibt es offensichtlich Probleme damit,
was ein Fall für die #metoo-Bewegung ist und was nicht. Anne
Wizorek:
ZSP Anne Wizorek Fälle
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www.bayern2.deInteressanterweise sehe ich diesen Vorwurf gar nicht mal von
den Betroffenen selber, die sich unter #metoo äußern,
sondern eher von denjenigen, die sowieso ne Haltung zu
#metoo haben, dass sie der Meinung sind, es wäre zu viel
und nicht notwendig. Aber ich sehe schon, dass wir natürlich
über das gesamte Spektrum sexualisierter Gewalt auch
sprechen können müssen. Sexualisierte Gewalt heißt ja, jede
sexuelle Handlung, die gegen den Willen einer Person
ausgeübt wird. Und das fängt eben schon an bei einem
ekligen Spruch, bei Grabschereien, und das kann auch schon
absolut erniedrigend sein für eine Person. Samantha Bee hat
das so schön gesagt in einer ihrer Moderationen, in ihrer
Show, da hat sie gesagt, ‚Etwas muss nicht erst eine
Vergewaltigung sein, um einen Menschen zu zerstören, und
es muss sich nicht erst um eine Vergewaltigung handeln,
damit wir darüber reden können dürfen.’
ICH Es gibt also eine Diskussion über das, was sexualisierte Gewalt ist
und wie wir damit umgehen. Es gibt internationale Stars, die sich
in Vertragszusätzen für faire Arbeitsbedingungen einsetzen. Es
gibt neue Hilfsgelder für Betroffene von sexualisierter Gewalt und
eine neue Debatte über Geschlechterrollen. Was hat das mit der
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www.bayern2.degroßen Politik und dem globalen Rechtsruck zu tun? Im November
2016 wurde ein bekennender Frauenverachter zum „leader of the
free world“ gewählt: Donald Trump.
MUSIK 02 Tracey Thorn, Sister
ZSP 20 Jeff Vespa new word
It’s hard to even say he’s like a sexual predator, that’s not
even enough, that even doesn’t describe what he did. I tell my
friends like Jeffrey Dahmer he is a serial killer I mean, it’s that
horrible. They have to come up with a new category for the
Harvey Weinsteins and Bill Cosbys of the world. Those
people are beyond like sexual predators. They have to be
called like something much worse. Specifically Harvey
created his life around, that was his main activity. Like
making movies was not his main activity. His main activity
was abusing women. And everything else was like a side
project. And everything that he did, all of his world was
created specifically to damage women.
Overvoice Es ist schwer, ihn als Sex-Raubtier zu bezeichnen, das reicht
nicht aus. Er ist ein Serienmörder wie Jeffrey Dahmer – wir
brauchen eine neue Kategorie für die Harvey Weinsteins und
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www.bayern2.deBill Cosbys der Welt. Besonders Harvey arrangierte sein
Leben um seine Haupttätigkeit – Filmemachen war das nicht,
sondern Frauen missbrauchen. Alles andere war ein
Nebenprojekt. Das, um was sich alles drehte, war: Frauen zu
beschädigen.
ERZ Viele Frauen haben dieses Fehlverhalten zumeist und bis vor
kurzem hingenommen, zum Teil mit für sie schlimmen Folgen.
Ähnlich wie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Bill Cosby,
Dieter Wedel, Kevin Spacey, dem TV-Moderator Charlie Rose
oder dem Komiker Louis C. K.: Ihre Teams haben Gewalt,
sexistische Äußerungen, sexualisierte Attacken oder
Demütigungen hingenommen.
ICH Im Rahmen der #metoo-Bewegung ist über dieses Hinnehmen
gesprochen worden: Viel läge an der berüchtigten Praxis des „hire
and fire“: In den USA, wo es im Vergleich zu Deutschland so gut
wie gar keinen Kündigungsschutz gibt, ist diese weit verbreitet.
Dazu kommen Karrieretipps wie „Impress the boss“, die Donald
Trump vor Jahren schon in seiner Fernsehshow „The Apprentice“
gab – von seinen Mitarbeiterinnen verlangt er wohl bis heute, dass
sie ausschließlich hübsche Kleidchen tragen. Auf der Republican
National Convention wurde Trump 2016 zum republikanischen
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www.bayern2.dePräsidentschaftskandidaten gewählt, während seine Fans T-Shirts
und Tassen verkauften, auf denen ein zum griechischen Held
stilisierter Trump das abgeschlagene Medusenhaupt von Hillary
Clinton in Händen hält. Im TV-Duell schließlich bezeichnete er
seine Gegnerin als „nasty woman“, als „bösartige Frau“. Kurz
darauf wurde er Präsident der Vereinigten Staaten.
ZSP 21 SPRw Zitat Marlene Streeruwitz
Jetzt. Nach dieser Wahl. Da könnte ich ja 'blöde Fotze' zu
Ihnen sagen, und es kann mir nichts passieren.
ERZ In einem Artikel in der österreichischen Zeitung Der Standard
beschreibt die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz ein
Zusammentreffen kurz nach den US-Präsidentschaftswahlen mit
einem älteren Mann in einer Tiefgarage. Sie kommen ins
Gespräch, der Mann äußert sich kritisch über Frauen, die nicht
arbeiten wollen, sondern nur versorgt sein möchten, von reichen
Männern. Dann bezeichnet er die Schriftstellerin als ZITAT
„Fotze“. Und lächelt – „ich meine das nicht böse“, sagt er dann,
und „Die Zeiten haben sich geändert.“
Mit Trump hätte, wie Streeruwitz schreibt, „eine gewalttätige Kultur
des Rassismus und der Frauenverachtung gewonnen“ – was sie
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www.bayern2.dedurch die Worte des ihr unbekannten Mannes in der Tiefgarage
bestätigt sieht.
ZSP 22 Lila
(Susanne Klingner:) Das Spannende fand ich, dass Donald
Trump von ganz vielen Frauen als Katalysator identifiziert
wird.
ERZ So die Journalistin und Podcasterin Susanne Klingner.
ICH Sie beobachtet: Nicht nur ältere Männer fühlen sich ermutigt, so
richtig „die Sau rauszulassen“ in ihrem Umgang mit Frauen. Auch
Frauen verändern durch die Wahl eines bekennend misogynen
Mannes zum Präsidenten der Vereinigten Staaten ihr Verhalten.
Davon sprechen etwa US-Amerikanerinnen in der #metoo-
Bewegung.
ZSP 23 Lila (weiter)
(Susanne Klingner:) Eine Frau beschreibt das sehr emotional,
dass sie sagt, ‚Okay, hier sind in meinem privaten Leben
habe ich diesen Typen, der mich belästigt, der versucht, mich
zu vergewaltigen, und auf den bin ich wütend, aber ich hab
für mich beschlossen, dass auf immer im hintersten Winkel
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www.bayern2.demeines Gehirns zu verschließen und mit niemandem darüber
zu reden.’ Und dann, in dem Moment, in dem sie sieht,
jemand, der genau das Gleiche getan hat, wird zum
Präsidenten gewählt, hat in ihr diese Wut ausgelöst, dass sie
gesagt hat, ‚Jetzt ist Schluss’.
ERZ Viele Frauen berichten, sie hätten Übergriffe von Vorgesetzten
oder in Bewerbungsgesprächen über sich ergehen lassen: „Ich
konnte es mir nicht leisten, den Job zu verlieren“, sagen sie, oder
„Ich war auf die Stelle angewiesen“. Als Präsident kippte Trump
die von seinem Vorgänger eingesetzten Arbeitsschutzgesetze –
und schürte die Angst vor einem „You are fired!“.
ICH Die #metoo-Bewegung ist nicht nur eine lange Erzählung von
sexualisierter Gewalt gegen Frauen, sondern es geht also auch
um grundsätzliche wirtschaftliche Fragen: Wie gut schützt ein
Staat Angestellte und Auftragnehmerinnen arbeitsrechtlich vor
Kündigungen? Wer verdient wie viel und wie transparent sind
Gehälter in Unternehmen?
Somit geht es in der #metoo-Bewegung auch um ein neues
Miteinander, um Solidarität.
ZSP 24 TITEL
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www.bayern2.deDas Ende vom Schweigen der Lämmer: Was hat sich nach
einem halben Jahr #metoo in Kultur und Medien verändert?
Sendung von Barbara Streidl
ZSP 25 SPRm Zitat Burgtheater
Liebe Kunst- und Kulturschaffende, liebe
TheaterbesucherInnen, liebe Kulturinteressierte,
es ist uns, den Unterzeichnenden, 60 MitarbeiterInnen und
ehemaligen MitarbeiterInnen des Burgtheaters, ein Anliegen,
hier und heute mit Ihnen einige Überlegungen zum Thema der
aktuellen Debatte um Gleichstellung, sexuelle Belästigung,
Nötigung, Grenzüberschreitungen und Machtmissbrauch in
Arbeitsverhältnissen zu teilen. …
Für die Unterzeichnenden ist es erschreckend und
beschämend, dass wir einige Jahre und eine
gesamtgesellschaftliche Debatte benötigt haben, um die seit
damals nachwirkende Erstarrung und Vereinzelung zu
überwinden und überhaupt miteinander über diese
Vorkommnisse zu reden. Und dass wir – teilweise durch
Rückzug auf die eigene Arbeit, durch Passivität oder durch
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www.bayern2.deWegducken – mit dazu beigetragen haben, dass sich dieses
Klima verfestigen und ausbreiten konnte.
ERZ Dieser offene Brief richtet sich auch an den ehemaligen Wiener
Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann, dem eine Vielzahl an
unangemessenen Handlungen vorgeworfen wird, etwa ….
ZSP 26 SPRm Zitat Burgtheater
dass eine fast ausschließlich weibliche Besetzung von
Hartmann gefragt wurde, ob sie beim Oralsex das Sperma
schlucken würde und ob das einer kalorienbewussten
Ernährung widerspräche. Ungewollte Berührungen, wie ein
Schlag auf den Hintern oder Umarmungen, wurden
zahlreichen Mitarbeiterinnen zuteil.
ICH Es gibt viele Gerüchte über die Machtstrukturen in der
Theaterwelt, angefangen bei der „Besetzungscouch“, auf der
junge Schauspielerinnen angeblich über ihre Karriere entscheiden
können, wenn sie sich willig gegenüber Intendanten oder
Direktoren zeigen. Durch die #metoo-Bewegung werden diese
Strukturen nun öffentlich diskutiert – so hätte es den Burgtheater-
Brief vorher wohl nicht gegeben. Erwähnt werden dort nicht nur
das Fehlverhalten des ehemaligen Theaterdirektors Matthias
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www.bayern2.deHartmann, sondern auch das Totschweigen seiner Handlungen
durch die Burgtheater-Belegschaft. Ein typisches Schweigen im
Theaterbetrieb, das auch andere brechen wollen:
ZSP 27 Hannah Saar Angefangen
Angefangen hat das ungefähr vor einem Jahr, da hab ich mit
Melmun in der Kantine der Kammerspiele war das damals, wir
hatten gerade ein Projekt zusammen gemacht und haben
angefangen, uns zu unterhalten über unseren Weg ins
Theater und was wir da für Erfahrungen gemacht haben, und
wie es auch so ist, Gehaltsverhandlungen zu führen, und
viele andere solche Dinge. Wir sind dann im Austausch
geblieben die ganze Zeit und haben uns Whatsapp-
Nachrichten geschickt, haben miteinander telefoniert, und da
hat sich eine Art Freundschaft draus entwickelt, obwohl wir
davor gar nicht viel miteinander zu tun hatten, auch nicht in
derselben Stadt gewohnt haben, und wir haben vor allem
immer dann telefoniert, wenn eine von uns eine schwierige
Situation im Arbeitsleben hatte.
ERZ Hannah Saar ist Theatermacherin, sie arbeitet seit neun Jahren
als Produzentin und Dramaturgin für verschiedene
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www.bayern2.deInszenierungen. Was sie durch den Kontakt zu ihrer Kollegin
Melmun Bajarchuu, einer Berliner Dramaturgin und Philosophin,
kennengelernt hat, möchte sie mit anderen Theaterleuten teilen.
Mit Melmun und einigen mehr hat sie die „Initiative für Solidarität
am Theater“ gegründet.
Ihr Ziel ist es, die Strukturen, die an vielen Theatern existieren, zu
verändern. In einem hierarchischen und patriarchalen
Theaterbetrieb seien die Verantwortlichen in der Regel männlich,
weiß und heterosexuell. Diese Verantwortlichen könnten frei
darüber entscheiden, wem welche Räume geöffnet werden – und
wem welche Tür vor der Nase zugeschlagen werde. Die
strukturelle Unterdrückung am Theater bezieht sich also nicht nur
auf sexualisierte Gewalt, sondern auch auf ökonomische und
berufliche Perspektiven. Das Schwierige – auch am Theater – ist,
so Hannah Saar, dass sich dort sehr viele als Einzelkämpferinnen
und Einzelkämpfer verstehen.
ZSP 28 Hannah Saar Theater
Ich glaube, weil das Theater ein Ort ist, an dem die
Individualität das Marketinginstrument schlechthin ist. Man
kriegt da von Anfang an mit, ‚Du musst rausstechen!’
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www.bayern2.deEllenbogen rechts und links, und du musst was Besonderes
sein. Du musst das Genie sein und das geht nicht, wenn du
dich mit anderen zusammentust. Und der Markt ist so
wahnsinnig umkämpft, dass es da schwerfällt, miteinander zu
sprechen und sich auch gegenseitig zu unterstützen und zu
helfen, weil man ja die ganze Zeit darauf bedacht ist, selber
nicht zu kurz zu kommen.
ICH Schweigen, um sich selbst zu schützen oder Vorteile zu haben,
das ist auch im Arbeitsleben ein weit verbreitetes Verhalten, nicht
nur bei Bewerbungsgesprächen oder Gehaltsverhandlungen.
Männer und Frauen schweigen über das, was sie selbst erleben,
aber auch über das, was sie bei anderen beobachten.
ZSP 29 Anne Wizorek Schweigen
Ich hab das erst jüngst in einem Vortrag genannt, dass ich
das schon als ein kalkuliertes Schweigen sehe, natürlich gibt
es andere Fälle, und das ist auch klar, aber dass eben den
Betroffenen sehr klar ist, auch mit welchem Backlash sie zu
rechnen haben, wenn sie sich dazu äußern, das hat ja jetzt
z.B. auch der Dieter-Wedel-Fall ganz klar gezeigt. Bei der
Beweislage, die wir da haben, und wie lange es zurückgeht,
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www.bayern2.deund wie lange es letztendlich von einem ganzen System
totgeschwiegen wurde, und jetzt melden sich die betroffenen
Frauen, und werden trotzdem immer noch extrem
angegriffen, das kriegen ja andere Betroffene auch wieder
mit. Das führt dann auch wieder dazu, dass sie den Mut, den
sie vielleicht gefasst haben über #metoo, leider auch wieder
verlieren.
ERZ Die Autorin und Aktivistin Anne Wizorek.
ICH Natürlich gibt es Theater, die feministische Stücke und Debatten
aufgreifen. Es gibt auch Inszenierungen, in denen nur Frauen auf
der Bühne stehen. Vermeintlich visionäre Programme und Stücke
bilden aber nicht unbedingt die Realität am Theater ab, sagt
Hannah Saar:
ZSP 30 Hannah Saar als Masse
Das heißt vor allem, dass auch feministische Stoffe, selbst
wenn die auf die Bühne kommen, sie uns durch die Augen
von weißen Männern erzählt werden.
Es gibt ja Genderbeauftragte an Theatern, das weiß nur
niemand – ich wusste das auch nicht – es wird aber nicht
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www.bayern2.degenutzt, auch Gewerkschaften werden von
Theaterschaffenden nicht genutzt. Ich glaube eben genau
weil man/frau noch nicht umgeschaltet hat in dem Denken,
wir müssen solidarisch miteinander sein, sondern jeder muss
es für sich schaffen, und ich muss mir meinen Weg da
durchwursteln und hab leider keine Kraft, nach links und
rechts zu schauen. Deswegen bringt nur das Vereinen von
vielen vielen Theaterschaffenden etwas, mit verschiedenen
ökonomischen Hintergründen, mit verschiedenen
Geschlechtern, und alle solidarisch miteinander, mit dem
Wissen auch um die eigenen Privilegien, mit dem Wissen um
die unterschiedlichen Situationen in denen man sich befindet,
denn ich als weiße Frau habe andere Privilegien als eine Frau
of Colour, das kann man nicht in einen Topf werfen und
darauf zu schauen, dass man nur als Masse tatsächlich stark
ist.
ICH Hannah Saar hofft, mit ihrer Initiative eine neue Solidarität in der
Theaterwelt zu schaffen. Die im Übrigen gespalten ist: Neben der
renommierten Stadt- und Staatstheaterwelt gibt es die freie
Szene, die zwar gefeiert wird für Wildheit und besondere
Kreativität – in der aber viele Frauen, Queere und Menschen mit
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