Gute Pflege Generationen - Wenn Geschichten weitergehen - Evangelische Heimstiftung

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Gute Pflege Generationen - Wenn Geschichten weitergehen - Evangelische Heimstiftung
Gute Pflege
1 | 2020

           Das Magazin der Evangelischen Heimstiftung

             Generationen.
                  –
                             Wenn Geschichten
                               weitergehen
Gute Pflege Generationen - Wenn Geschichten weitergehen - Evangelische Heimstiftung
04                                                                    12                               14

                                                                           Wir als Arbeitgeber – Generationen
                                                                            4|D  ie Krokers. Drei Generationen EHS
                                                                            8 | Gefragt. Prokurist Ralf Oldendorf
                                                                           10 |Ankommen und durchstarten.
                                                                                 Das Traineeprogramm der EHS
                                                                           12 |Aufgenommen. Azubis on air

         Die Krokers.                                                      14 | Grüne Pflege
                   –
          Drei Generationen EHS
                                                                           		 Klimaschonende Mobilität

                                                                           Pflege im Fokus
                                                                           16 | Pflegepraxis: Konzept Alltagsbegleitung
                                                                           22 | Pflegepraxis: HDG – Die Küchenprofis
                                                                           24 | Seelenpflege: Zusammen sein

                                                                           29 | Bauen

     Impressum                        S. 24, 28, Adobe Stock,
                                                                           30 | Standorte und Einrichtungen
                                      pressmaster
     Verantwortlich:                  S. 31 Adobe Stock, Africa
     Bernhard Schneider               Studio                               31 | Das sind wir
     Redaktion: Ann-Christin Kulick   S. 35 Lutz Härer
     Telefon 0711 63676-125           Produktion und Druck:
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                                                                           32 | In eigener Sache
     verfasst                         Verwendung nur mit schrift-           				 	Gute Pflege. Das Magazin der
     Anschrift Redaktion              licher Genehmigung.
     Gute Pflege. Hackstraße 12,      „Gute Pflege. Das Magazin der         				 	Evangelischen Heimstiftung
     70190 Stuttgart                  Evangelischen Heimstiftung“
     Gestaltung:                      erscheint dreimal jährlich.
                                      Auflage: 23.500
     AmedickSommer GmbH,                                                   33 | Personalien
     Stuttgart                        Herausgeber:
     Fotos:                           Evangelische Heimstiftung
     alle Fotos Evangelische Heim-    GmbH
     stiftung mit Ausnahme von:       www.ev-heimstiftung.de               34 | K
                                                                                 ommentar – (E)InSicht
                                      Der Bezugspreis ist durch den
     Titel: Adobe Stock, Pixel-Shot
                                      Beitrag abgegolten.
                                                                           					Über Geld spricht man nicht?
     S. 2 (o.r.), 15 Adobe Stock,
     rvlsoft                          Im Magazin werden, soweit
     S. 7, Adobe Stock, vendakr       möglich, neutrale, alle
     S. 7, Adobe Stock, anatolir      Geschlechter einschließende,
     S. 10, 11 Adobe Stock, anna      Begriffe verwendet – oberstes
     S. 13 Adobe Stock, Oleksandr     Gebot bleibt jedoch die
     Delyk                            Verständlichkeit der Sprache.

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Gute Pflege Generationen - Wenn Geschichten weitergehen - Evangelische Heimstiftung
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                                                             Das Magazin der
                                                             Evangelischen
                                                             Heimstiftung.

                                                             Liebe Leserinnen, liebe Leser,
                                                             wenn Sie das lesen, halten Sie die erste Ausgabe unseres
                Gute Pflege
     1 | 2020

                Das Magazin der Evangelischen Heimstiftung
                                                             Magazins „Gute Pflege“ in Händen. Hier ist drin, was
                                                             draufsteht. Gute Pflege – im Alltag, der Politik, für die Seele
                  Generationen.                              und die Umwelt. Denn für all das steht die Evangelische
                       –
                                  Wenn Geschichten           Heimstiftung. Die Bandbreite wird bereits in dieser ersten
                                    weitergehen
                                                             Ausgabe deutlich. Unser Schwerpunkt unter dem Titel
                                                             „Generationen – Wenn Geschichten weitergehen“ beschäf-
                                                             tigt sich mit der Bedeutung des Arbeitgebers für gute Pflege.
                                                             Wir stellen Ihnen die Krokers vor, die bereits in dritter
                                                             Generation bei der EHS arbeiten. Außerdem sprechen wir
                                                             mit unserem Prokuristen Ralf Oldendorf über 36 Jahre bei
                                                             der EHS – und all die Entwicklungen, die er in dieser Zeit
                                                             begleitet und mitgestaltet hat. Im Schwerpunkt Pflegealltag
                                                             erklären wir unser Konzept der Alltagsbegleitung – im
                                                             besonderen Fokus hierbei auch die hauswirtschaftlichen
                                                             Dienstleistungen unserer Tochtergesellschaft HDG.

                                                             Wie die Gemeinschaft in Pflegeeinrichtungen sein kann und
                                                             ob sie ein Weg aus der Einsamkeit im Alter ist, darüber
                                                             erfahren Sie mehr ab S. 24. Weitere Themen sind das poli-
                                                             tische Engagement für die Reform der Pflegeversicherung,
                                                             aber auch die Aktivitäten zur Umweltpflege – auf dem Weg
                                                             zur klimaschonenden Mobilität.

                                                             Viel Freude beim Entdecken unseres neuen Magazins.
                                                             Viel Spaß mit der ersten Ausgabe Gute Pflege.

                                                             Ihre Gute-Pflege-Redaktion

                                                                                                                               | Gute Pflege | 1_2020 |   3
Gute Pflege Generationen - Wenn Geschichten weitergehen - Evangelische Heimstiftung
Wir als Arbeitgeber – Generationen

                      Die Krokers.
                           –
                               Drei Generationen EHS

          Nathalie Kroker,            Ina Kroker,
          Leitung Alltagsbegleitung   Pflegefachkraft Mobile Dienste

4   | Gute Pflege | 1_2020 |
Gute Pflege Generationen - Wenn Geschichten weitergehen - Evangelische Heimstiftung
38 Jahre – so lange arbeiten
      Elsbeth Lohrmann, Ina Kroker
      und Nathalie Kroker zusammen­
      gerechnet in der Evangelischen
      Heimstiftung. Über drei Genera­
      tionen. Denn sie sind Mutter,
      Tochter und Enkelin.

Elsbeth Lohmann,
ehemalige Verwaltungsmitarbeiterin

      Ihre Familiengeschichte mit der EHS beginnt          individuellem Bedarf“, sagt Ina Kroker. Auch
      1977 im Haus im Schelmenholz in Winnenden.           die Quartiersarbeit wurde schon damals gelebt.
      Elsbeth Lohrmann bewirbt sich als hauswirt-          Chorleiterin war die Frau des ortsansässigen
      schaftliche Mitarbeiterin – und erhält eine          Pfarrers, ein Großteil der Bewohner hatte bereits
      Absage. Überqualifiziert lautet der Grund. Vier      sein Leben im Schelmenholz, einem Ortsteil von
      Wochen später klingelt das Telefon, so erzählt       Winnenden, verbracht. Regelmäßig kam man
      sie noch heute: „Wenn Sie möchten, können Sie        immernoch mit Menschen aus dem Ort zusam-
      direkt bei uns anfangen, wir suchen eine Mitar-      men, verbrachte gemeinsame Zeit – auch mit den
      beiterin in der Verwaltung.“                         Heimleitern. „Die ganze Familie Oldendorf saß
                                                           da gemeinsam beim Essen im „Schelmi“, dem
           Eine klare Sache für die gelernte Kontoristin   Restaurant der Einrichtung“, erinnert sich Nat-
      und der Beginn einer langen Geschichte. 13 Jahre     halie Kroker, die auch als kleines Kind schon
      ist sie geblieben. Zunächst leitete das damalige     das Haus im Schelmenholz kannte.
      Altenheim noch Schwester Marta, in späteren
      Jahren der heutige Prokurist der EHS Ralf               Auch wenn sie zunächst einen ganz anderen
      Oldendorf. „Pflege war damals gar nicht das          Weg eingeschlagen hat – die EHS und besonders
      große Thema. Die Bewohner waren noch sehr            das Haus im Schelmenholz begleiten und prägen
      fit, haben dort gelebt, gemeinsam im Garten          Nathalie Kroker schon ihr Leben lang. Erst als
      gearbeitet und im Chor gesungen – meine Mut-         Arbeitsort der Oma, dann der Mutter und
      ter als Mitarbeiterin mit ihnen“, erzählt Ina        schließlich jetzt für sie selbst. „Ich habe zunächst
      Kroker. „Eigentlich spannend was sich in dieser      im Außendienst für eine Versicherung gearbeitet,
      doch recht kurzen Zeitspanne verändert hat,          mich dann aber für einen Branchenwechsel
      oder?“, findet Nathalie Kroker. Oder vielleicht      entschieden.“ Mit einem guten Gewissen jeden
      gar nicht?                                           Abend ins Bett gehen und hinter dem stehen,
                                                           was sie tut. Dieser Wunsch führte zum Wechsel,
         „Heute nennen wir das WohnenPLUS,                 zunächst in die Gesundheits- und Medizinbran-
      gemeinschaftliches Wohnen, Pflegeangebot nach        che und später in die Pflege. Nach ihrem Einstieg         >>>

                                                                                                 | Gute Pflege | 1_2020 |   5
Gute Pflege Generationen - Wenn Geschichten weitergehen - Evangelische Heimstiftung
Wir als Arbeitgeber – Generationen

     Nathalie Kroker im Gespräch
     mit einem Angehörigen

                 > > > als Assistenz der Geschäftsführung eines freien        schön ist die Kooperation mit dem Waldkinder-
                       Pflegedienstes wechselte sie Ende 2017 zu den          garten. Gerade zu Weihnachten haben wir
                       Mobilen Diensten Winnenden, nach einem Jahr            gemeinsam Plätzchen gebacken. Ein Bild wie
                       in der Leistungsabrechnung in der Zentrale und         zwischen Großeltern und Enkelkindern und ein
                       dem Einstieg in das Traineeprogramm ist sie nun        Gewinn für alle – die Bewohner sehen ihre Fami-
                       seit April 2019 Leiterin der Alltagsbegleitung         lien manchmal selten und auch die Kinder können
                       und Sozialbetreuung im Haus im Schelmenholz.           aufgrund von Entfernungen ihre Großeltern nicht
                       „So konnte ich die EHS nochmals von einer ganz         häufig treffen.“ Die Kombination von Alt und
                                                                              Jung ist eine sehr gute. Eine große Bereicherung.
                                                                              Wie auch die Zusammenarbeit in der Familie.
                                                                              Gemeinsam arbeiteten Nathalie Kroker und ihre
          „Die EHS und besonders das                                        Mutter bei den Mobilen Diensten. „Wir haben
                                                                              uns da schnell eingependelt und super zusammen-
           Haus im Schelmenholz                                               gearbeitet – das war wirklich eine gute Zeit.“ Ina
           begleiten und prägen mich                                          Kroker ist bis heute bei den Mobilen Diensten.
                                                                              Als gelernte Krankenschwester stieg sie 2002 nach
           schon mein ganzes Leben.“                                          mehreren Jahren zu Haus mit Tochter Nathalie
                                                                              als Pflegefachkraft im Haus im Schelmenholz ein
                                                                              und wechselte 2014 zu den Mobilen Diensten.

                          anderen Seite kennenlernen“, erzählt Nathalie
                          Kroker. Heute schätzt sie die enge Arbeit mit den
                          Bewohnern. „Die älteren Menschen haben so viele
                          starke Werte, die gerade heute guttun und mir
                          immer wieder einen neuen Blickwinkel auf die
                          Dinge geben – das ist mir wichtig“, erklärt sie.
                          „Heute geht alles schneller als früher, man hat
                          sich damals über das Stück Fleisch am Sonntag
                          gefreut, die gemeinsame Zeit mit der Familie
                          geschätzt.“ Die älteren Menschen haben mit vie-
                          lem Recht, bemerkt Nathalie Kroker immer
                          wieder. Diese Dinge tun auch heute gut. Pause
                          machen von der Hektik des Alltags und den
                          Moment genießen. Generationen treffen im Haus
                          im Schelmenholz aufeinander, um füreinander da         Ina Kroker bei der Arbeit
                          zu sein und voneinander zu lernen. „Besonders

6   | Gute Pflege | 1_2020 |
Gute Pflege Generationen - Wenn Geschichten weitergehen - Evangelische Heimstiftung
Durchschnittliche
                                                           Betriebszugehörigkeit
  as sie in diesem Beruf
 W                                                         der aktuellen Mitarbeitenden

 hält, lässt sich für                                      9 Jahre
 Ina Kroker in einem                                       Durchschnittliches Alter

 Wort umschreiben:                                         44 Jahre
„Dankbarkeit.“

                                                           Gesamt:
                                                           9.200
                                                           Mitarbeitende
        „In welchem anderen Beruf erhält man so viel
    Dankbarkeit, Wertschätzung und unmittelbare
    Rückmeldung? Ich finde das großartig“, erzählt              davon:
    Ina Kroker. Ganz individuell auf die Bedürfnisse
    ihrer Kunden einzugehen, das ist für sie Ansporn
                                                                3.870
    und Herausforderung zugleich. Gerade auch bei               in der Pflege
    der Pflege zu Hause in so einem privaten Bereich
    zu agieren – das macht es aus. Ja, auch stressig
    kann es werden, wenn zum Beispiel ein spontaner
    Einsatz dazwischenkommt, aber prinzipiell gilt                  davon:
    die Devise: so lange es dauert, dauert es. Es bleibt
    Zeit für das persönliche Gespräch, denn das ist                 2.294
    Ina Kroker wichtig, es geht immer um den Men-                   Pflegefachkräfte
    schen – egal, ob bei Bewohnern, Kunden oder
    Kollegen. Deshalb setzt sie sich auch für die                   1.576
    Belange der Mitarbeitenden ein.                                 Pflegehilfskräfte
        Seit 2015 ist sie Vorsitzende der Mitarbeiter-
    vertretung für das Gebiet Mitte der Mobilen
    Dienste. Um die Menschen geht es; dieses Motto
    trägt auch Tochter Nathalie weiter: Über die Zeit,
    die man miteinander verbringt und Geschichten,
    die man teilt, entstehen enge Bindungen – eine
    persönliche Beziehung– „umso mehr natürlich,
                                                           1.130
    wenn man als alte Schelmenhölzerin viele schon         Mitarbeitende in der
    von klein auf kennt“, ergänzt sie. So geht es auch     Alltagsbegleitung
    Oma Elsbeth Lohrmann. Regelmäßig ist sie zu
    Besuch, um alte Bekannte zu besuchen oder die
    Feste des Hauses mitzufeiern. Über 40 Jahre
    später laufen nun alle Fäden wieder zusammen           145 Einrichtungen
    – im Haus im Schelmenholz: Nach einem Kran-
    kenhausaufenthalt wird Elsbeth Lohrmann zur
    Kurzzeitpflege einziehen. Es ist auch ein Stück
    nach Hause kommen, denn ganz weg ist sie nie           13.500 Kunden
    gewesen; Tochter und Enkelin sind schon da.

                                                                          | Gute Pflege | 1_2020 |   7
Gute Pflege Generationen - Wenn Geschichten weitergehen - Evangelische Heimstiftung
Wir als Arbeitgeber – Generationen

                          Ralf Oldendorf.
                                 –
                                                Gefragt
             Nach 36 Jahren in der EHS, davon 17 als
             Prokurist, gehen Sie in diesem Jahr in
             den Ruhestand. Wie hat eigentlich alles
             begonnen?

             Begonnen hat meine Geschichte mit der Evange-
             lischen Heimstiftung im September 1984.
             Damals begann ich als Heimleiterassistent bei
             Heinz Jüngert im Haus auf dem Wimberg in
             Calw. Was heute das Traineeprogramm ist, war
             damals die Arbeit bei Heinz Jüngert.                         Ralf Oldendorf 2004

„Aktiv steuern und                                           und Aufsichtsrat ist es uns in den letzten 17
                                                               Jahren gelungen, die EHS von damals 38 auf

                                                               –
 Wachstum begleiten –                                          heute 86 Pflegeheime und über 9.200 Mitarbei-
                                                               tende zu erweitern.
 über 36 Jahre.“
                                                               Nochmal zurück auf Anfang. Mit 27
                 Am 1. April 1985 wurde ich dann von unse-     wurden Sie der Leiter einer Einrichtung mit
             rer Unternehmensgründerin Dr. Antonie Kraut       120 Bewohnern und 70 Mitarbeitenden –
             in das Amt des Heimleiters im Haus im Schel-      eine große Verantwortung…
             menholz in Winnenden eingeführt. 1998 wurde
             ich der erste Regionaldirektor und weitere fünf  Meine Frau Ingrid und ich wurden damals quasi
             Jahre später zum Bereichsdirektor für Bau und    zu den „Hauseltern“. Eine seltsame Sache, denn
             Marketing. Mit Umwandlung der EHS zur            nahezu jeder Mitarbeitende war älter als wir. Es
             GmbH habe ich außerdem die Prokura erhalten      war außerdem üblich, auch im Haus zu wohnen

             –
             und seitdem bin ich als Prokurist für Regionen   und selbstverständlich am Wochenende ansprech-
             und Markt tätig.                                 bar zu sein. Wollten wir frei haben, mussten wir
                                                              tatsächlich in Urlaub fahren. Für unsere vier
                                                              Kinder war es eine tolle Zeit. Sie hatten 120
                                                              Omas und Opas, wurden im Andachtsraum
             Prokurist für Regionen und Markt –               getauft und haben gemeinsam mit uns und den
             was umfasst diese Aufgabe?                       Bewohnern im Speisesaal gegessen. Natürlich
                                                              hat sie das auch geprägt: meine Tochter studierte

                                                               –
             Als Bereichsleiter und auch später als Prokurist Sozialarbeit und Religionspädagogik und wurde
             war und ist es meine Aufgabe, aktiv steuernd das auch Pädagogin.
             Wachstum der EHS zu begleiten. Gemeinsam mit
             großartigen Mitarbeitenden, Geschäftsführung

8   | Gute Pflege | 1_2020 |
Gute Pflege Generationen - Wenn Geschichten weitergehen - Evangelische Heimstiftung
Wie war das damals bei Ihnen? Wie sind              Pflegefachkraft und deren Tochter Nathalie kenne
                    Sie zu dem Beruf gekommen?                          ich schon als Baby – ich denke, die EHS hat ihnen
                                                                        wie mir Chancen und Möglichkeiten gegeben.
                    Ich war sehr aktiv in der evangelischen Jugend-     Natürlich hatte ich auch andere Angebote aus der
                    arbeit und wollte gerne Diakon werden – um für      Szene. Aber nie war ein Unternehmen interessan-
                    die Ausbildung angenommen zu werden, war es         ter für mich als die EHS. Ich konnte mich im
                    hilfreich zunächst eine Berufsausbildung zu haben   eigenen Unternehmen stets weiterentwickeln, ohne
                    und so begann ich meine Erstausbildung zum          den Arbeitgeber zu wechseln und natürlich ent-
                    examinierten Krankenpfleger im Krankenhaus          steht über die Jahre auch eine große Verbundenheit
                    Ludwigsburg und machte im Anschluss mein            mit Unternehmen und Kollegen.
                    Examen als Jugend- und Heimerzieher. Nach dem
                    anschließenden Diakoniestudium auf der Karls-          Außerdem hatten wir in der EHS das Glück
                    höhe Ludwigsburg – heute Evangelische Hoch-        beziehungsweise den Segen zur jeweiligen Zeit
                    schule – wurde ich ab 1981 Gemeindediakon der      immer die richtigen Geschäftsführer und Vor-
                    Stadtkirchengemeinde in Bietigheim. Im Rahmen      stände zu haben. Die Namen der Herren Teich-
                    meines dortigen Dienstauftrages war ich ab 1982    mann/vom Endt stehen in meiner EHS-Zeit für
                    für die Seelsorge und die Andachten im damals      die Entwicklung der Großpflegeheime, die
                    neueröffneten „Haus an der Metter“ und MS-         Namen Wanning, vom Endt und Kirchhof für
                    Heim „Haus am Lindenhain“ in Bietigheim            die Entwicklung der dutzenden Kleinpflegeheime

                    –
                    zuständig und lernte dadurch die EHS erstmals      im ganzen Land und die Namen Schneider und
                    kennen – und bin geblieben.                        Kirchhof für die Entwicklung der modernen
                                                                       Versorgungsformen wie WohnenPLUS-Residen-
                                                                       zen, die stetige Innovation und den Ausbau der
                                                                       Tagespflegen sowie der Mobilen Dienste und
                    Sie kennen die Familie Kroker, die bereits die umfassende Sanierung und Modernisierung
                    in dritter Generation in der EHS arbeitet. vieler Bestandhäuser. Es war mir (und ich glaube
                    Was macht dieses Unternehmen so beson- allen in der EHS) also nie langweilig in den letz-
                    ders, dass Familie Kroker aber auch Sie bis ten dreieinhalb Jahrzehnten. Die Heimstiftung
                    heute geblieben sind?                              stand und steht für moderne Entwicklung der
                                                                       Pflege- und Betreuungsangebote. Bei solch einem
                    Frau Kroker Senior, sie heißt eigentlich Lohrmann, großartigen Unternehmen möchte man doch
                    war damals Verwaltungsmitarbeiterin in Winnen- gerne arbeiten.
                    den, ihre Tochter Ina Kroker arbeitete später als

Ralf Oldendorf

1984
Heimleiterassistent, Haus auf dem
Wimberg, Calw

1985
Heimleiter, Haus im Schelmenholz,
Winnenden

1998
erster Regionaldirektor der EHS

2003
Bereichsdirektor für Bau und Marketing

2007
Prokurist Regionen & Markt

                                                                                                             | Gute Pflege | 1_2020 |   9
Gute Pflege Generationen - Wenn Geschichten weitergehen - Evangelische Heimstiftung
Wir als Arbeitgeber – Generationen

                  Ankommen
                und durchstarten.
                       –
                     Unser Traineeprogramm
             Heute schon an morgen denken, und voraus-           Pflegequalität und gute Führung sicher. Im Mit-
             schauend zukünftige Einrichtungsleitungen           telpunkt des Programms steht zum einen die
             ausbilden, das ist das Ziel des Traineepro-         theoretische Ausbildung, aber auch besonders
             gramms. Denn eine Pflegeeinrichtung zu leiten       die Anwendung in der Praxis. Im Oktober 2020
             ist eine große fachliche und persönliche Heraus-    startet das Trainee­programm in einer Neuauf-
             forderung und eine echte Berufung. Dafür neh-       lage. Zweimal jährlich können dann interne und
             men wir vielversprechende Talente in unser          externe Bewerber in der EHS ankommen und
             Traineeprogramm auf und stellen damit beste         durchstarten.

                                 MODUL                ZIEL                Aus 4 Modulen            setzt sich das Traineeprogramm
                                                                          zusammen, in denen die Teilnehmenden alle relevanten
                                                                          Arbeitsbereiche der EHS kennenlernen, dabei werden sie
             START               MODUL                 ZIEL               stets von erfahrenen Führungskräften und Fachexperten
                                                                          begleitet.

                                 MODUL

                                                              In12 Monaten               erlernen
                                                              die Trainees praktische sowie strategische
                                                              Kompetenzen, die für die Führungsaufgaben einer
                                                              Hausdirektion notwendig sind.

             In den letzten

             16 Jahren haben bereits über
             170 Führungskräfte
             das Traineeprogramm erfolgreich durchlaufen.

                                      15 Trainees
                                      sind aktuell EHS-weit im Einsatz.

10   | Gute Pflege | 1_2020 |
Modul 1
Basismodul in der Zentrale

Die Trainees lernen die zentralisierten Prozesse und Strukturen
kennen und tauchen in die EHS-Familie ein.

Format: Führungstraining, Workshops, Hospitationen in
relevanten Referaten und Stabsstellen der Zentrale.

Modul 2 und 3
Assistenz der Hausdirektion

Erfahrene Hausdirektionen arbeiten die Trainees vor Ort,
in einer großen (Modul 2) und einer kleinen (Modul 3)
Einrichtung, in die typischen Handlungsfelder ein.

Format: Praxiseinsätze und Schulungen.

Modul 4
Assistenz der Regionaldirektion

Für den strategischen Weitblick begleiten die Trainees
ihre zukünftigen Vorgesetzten, die Regionaldirektion.

Format: Projektaufgaben und Abschlusskolloquium.

       140 Führungskräfte
       gibt es aktuell, die zuvor unser Traineeprogramm    Voraussetzungen für eine Bewerbung und eine
       absolviert haben und nun als Regionaldirektion,     Übersicht der offenen Stellen finden Sie unter:
       Hausdirektion, Pflegedienstleitung oder Referats-   www.ev-heimstiftung.de/karriere/traineeprogramm
       leitung in der EHS tätig sind.

                                                                                           | Gute Pflege | 1_2020 |   11
Wir als Arbeitgeber – Generationen

                         Aufgenommen.
                               –
                                      Azubis on air

     Ronja Kämmerer und
     Sarah Belhimeur im Tonstudio

             Ein unscheinbares Mehrfamilienhaus, mitten im       die Ausbildung bei der EHS. „Wir lassen unsere
             Wohngebiet und zwei Türen weiter: Wände             Mitarbeitenden sprechen – sie wissen am besten,
             geschmückt mit CDs, Musikinstrumente in jeder       warum sie gerne bei der EHS arbeiten und kön-
             Ecke – den Gang entlang, dann der Blick auf das     nen das damit auch sehr authentisch und aus der
             große Mischpult, mehrere Monitore, die Glas-        Praxis anderen vermitteln“, erklärt Dr. Alexan-
             scheibe. Dahinter zwei Mikrofone. Mittendrin        dra Heizereder, Pressesprecherin und Leiterin
             zwei Mitarbeiterinnen der EHS. Sarah Belhimeur      der Unternehmenskommunikation bei der EHS.
             aus dem Württembergischen Lutherstift in            „Ich gehe echt gern zur Arbeit, weil sie wirklich
             Stuttgart – Pflegehelferin und nun auf dem Weg      einen Sinn hat“, spricht Ronja in das Mikrofon
             zur Pflegefachkraft – und Ronja Kämmerer,           – und meint das auch so. Schon ihre Oma arbei-
             Pflegefachkraft im Haus auf dem Wimberg in          tete als Krankenschwester, nun hat die 20-Jäh-
             Calw. Ihr Arbeitsalltag eigentlich: in der Alten-   rige gerade selbst ihre Ausbildung zur Pflege-
             pflege; heute: Produktion eines Werbespots für      fachkraft abgeschlossen. „In der Kampagne ‚Ein
                                                                 Arbeitgeber nach deinen Vorstellungen‘ wollen
                                                                 wir besonders deutlich machen, welche Quali-
                                                                 täten die EHS ihren Mitarbeitenden und Auszu-
„Wir lassen unsere                                              bildenden bietet – unter anderem bald zu hören
                                                                 in unserem Spot auf Spotify“, berichtet Heize-
  Mitarbeitenden                                                 reder weiter. „Ich habe bisher als Pflegehelferin
                                                                 gearbeitet, möchte jetzt aber noch meine Aus-
  sprechen – sie wissen                                          bildung zur Pflegefachkraft fortsetzen. Ich
                                                                 arbeite gerne hier und habe die Möglichkeit mich
  am besten, warum                                               weiterzuentwickeln. Es hat viel Spaß gemacht
                                                                 im Tonstudio darüber zu sprechen“, verabschie-
  sie gerne bei der EHS                                          det sich Sarah Belhimeur.

  arbeiten.“                                                     >>> V
                                                                      ideo zum Making-of im Tonstudio unter
                                                                     www.ev-heimstiftung.de/youtube

12   | Gute Pflege | 1_2020 |
| Gute Pflege | 1_2020 |   13
Grüne Pflege

                                Grüne Pflege.
                                     –
                 Auf dem Weg zur
             klimaschonenden Mobilität
             Seit einigen Jahren stehen „grüne“ Fragestellun-     individuell nach den Gegebenheiten vor Ort ihren
             gen besonders weit oben auf der Agenda von           ökologischen Fußabdruck verbessern. Bereits neun
             Gesellschaft und Unternehmen. Die öffentliche        Einrichtungen haben das Zertifikat erhalten, wei-
             Wahrnehmung der Zukunftsthemen aus dem               tere 17 sind aktuell im Prozess der Qualifizierung.
             Bereich Umwelt, Klima und Nachhaltigkeit fin-
             den nicht zuletzt wegen der zahl­reichen Aktivi-
                                                                              Klimafaktor Fuhrpark
             täten der Fridays for Future-Bewegung und
             vielen weiteren Gesellschaftsakteuren wachsende      „Für uns ist es eine diakonische Selbstverständ-
             Zustimmung.                                          lichkeit, die gesellschaftlichen Bemühungen um
                                                                  eine Begrenzung der globalen Erderwärmung auf
                                                                  deutlich unter zwei Grad zu unterstützen“, kom-
                                                                  mentiert Hauptgeschäftsführer Bernhard Schnei-
„Mit dem Grünen Segel                                            der. Die EHS orientiert sich dabei an den Zielen
                                                                  des Pariser Abkommens zum Klimaschutz. Sie
  leisten wir unseren                                             setzt daher zunehmend auf das Zukunftsthema
                                                                  „Grüne Mobilität“. Zielsetzung ist es, den
  Beitrag zur Bewahrung                                           betrieblichen Verkehrssektor energieeffizienter,
                                                                  klimaschonender und nachhaltiger zu gestalten.
  der Schöpfung.“                                                 „Wir möchten dabei eine Vorbildfunktion beim
                                                                  eigenen Fuhrpark übernehmen sowie unsere
                                                                  Mitarbeitenden für den Klimaschutz sensibili-
                                                                  sieren“, fasst Suchaneck zusammen.
                 „Als verantwortungsvolles und nachhaltiges
             Unternehmen hat die EHS die „grünen“ Zeichen
                                                                      Stärkere Fokussierung auf Hybrid-
             der Zeit erkannt und frühzeitig darauf reagiert“,
                                                                             und Elektromobilität
             erklärt Martin Suchaneck, Referent Umwelt.
             Bereits im Jahr 2012 hat die EHS das eigene          EHS-weite Gespräche haben gezeigt, dass auch
             Umwelt- und Nachhaltigkeitsmanagementsystem          die Mitarbeitenden von ihrem Arbeitgeber vor-
             „das Grüne Segel“ entwickelt. „Mit dem Grünen        bildliches Verhalten, engagiertes Vorneweggehen
             Segel leisten wir unseren Beitrag zur Bewahrung      und wegweisende Veränderungen bei der betrieb-
             der Schöpfung, um damit den nachfolgenden            lichen Mobilität erwarten. Gesellschaftliche
             Generationen ein intaktes soziales, ökologisches     Entwicklungen rund um den globalen Klimawan-
             und wirtschaftliches Gefüge zu hinterlassen“, sagt   del sowie durch anwachsende Umweltbelastungen
             Suchaneck weiter. Entsprechend der EHS-Strategie     in den Städten und Gemeinden befördern dies.
             2025 soll das Grüne Segel in allen Einrichtungen     Alternative Antriebe wie beispielsweise Hybrid
             und Diensten unternehmensweit eingeführt und         und Elektro sind hierbei für viele der bevorzugte
             umgesetzt werden, um den betrieblichen Klima-        Lösungsansatz. „Denn Hybrid- und Elektrofahr-
             schutz schrittweise zu verbessern. In unterschied-   zeuge erfüllen trotz etlicher Bedenken zurzeit am
             lichen Kategorien können die Einrichtungen so        besten die ökologischen und gesellschaftlichen

14   | Gute Pflege | 1_2020 |
Anforderungen an die „Grüne Mobilität“. Dabei zuverlässige Mobilität mit weniger CO2-Emissio-
       darf die Wirtschaftlichkeit natürlich nicht außer nen. Auch die Geschäftsführung setzt mit ihren
       Acht gelassen werden“, sagt Suchaneck.            Fahrzeugen ein Zeichen in Richtung Zukunft und
                                                         unterstützt aktiv die „Grüne Mobilität“ in der
                                                         EHS.
               Erste Schritte zur Hybrid-
            und Elektromobilität im Fuhrpark
                                                               In der Zentrale besteht zudem die Möglichkeit,
       Im Rahmen des Grünen Segels wurden bereits ein      privaten Elektro- und Plug-In-Hybridfahrzeuge
       emissionsfreies 100-Prozent-Elektrofahrzeug und     an den EHS-eigenen Ladestationen in der Tiefga-
       vier verbrauchsreduzierte Hybridfahrzeuge für den   rage kostenlos und unbürokratisch aufzuladen.
       häufig genutzten Fuhrpark der Zentrale der Evan-
       gelischen Heimstiftung (ZHS) angeschafft. Damit
                                                             Stark im Bündnis für Luftreinhaltung
       verfügen fast alle Dienstfahrzeuge der ZHS schon
                                                                         in Stuttgart
       heute über eine klimaschonende und leise
       Antriebstechnologie. Dabei dient das Elektrofahr-   Auch über das eigene Unternehmen hinaus enga-
       zeug vor allem für Botengänge und Einkaufs-         giert sich die EHS auf Einladung der Landes­
       fahrten sowie Fahrdienste im Stadtgebiet und den    regierung von Baden-Württemberg seit dem Jahr
       angrenzenden Regionen. Gerade auf Kurz- und         2019 im Bündnis für Luftreinhaltung in Stutt-
       Mittelstreckenfahrten liegt die besondere Stärke    gart. In einem umfassenden und verbindlichen
       und Vorteile des Elektrofahrzeugs. Die Hybrid-      Maßnahmenkatalog hat sie sich verpflichtet, für
       fahrzeuge sind im Gegensatz dazu in ganz Baden-     eine bessere Luftqualität zu sorgen und an einem
       Württemberg unterwegs und sorgen für eine           guten Klima für alle Menschen mitzuarbeiten.

„Auch die Geschäftsführung
  fährt auf Fahrzeuge mit
  Elektro- und Hybridtech-
 nologie ab.“
                                                                                              | Gute Pflege | 1_2020 |   15
Pflege im Fokus

                                 Alltag
                                gestalten.
                                    –
                                 Mit Konzept

16   | Gute Pflege | 1_2020 |
Seit Frühjahr 2016 wird das Wohn­
gruppenkonzept in der EHS umgesetzt.
Ein wesentlicher Bestandteil ist ein verän-
dertes Verständnis von Betreuung in der
stationären Pflege. Marlis Dahme, Refe-
ratsleitung Hauswirtschaft und Küche und
Steffen Till, Referatsleiter Pflege, sprechen
über die Rolle der Alltagsbegleitung.

Das Konzept Alltagsbegleitung – wie kam              kaum miteinander kommuniziert haben: Pflege,
es dazu?                                             Hauswirtschaft, zusätzliche Betreuung und
                                                     gegebenenfalls noch ein Team aus der Beschäf-
Till: Unsere Idee war es, aus der Strategie der      tigungstherapie.
EHS heraus, ein Konzept zu entwickeln, das die
Lebensqualität im Alter verbessern sollte – durch    Wie gestaltet sich die Finanzierung der
Teilhabe und Selbstbestimmung. Daraus entstand       einzelnen Berufsgruppen? Kann verhan-
unser Wohngruppenkonzept. Das Pflegestär-            deltes Personal für die Pflege oder Betreu-
kungsgesetz von 2015 hat uns dann optimal in         ung gleichermaßen eingesetzt werden?
die Hände gespielt. Darin wurde der Personal-
schlüssel für die so genannte „zusätzliche Betreu-   Till: Wir hatten im Prinzip zwei Bausteine zur
ung“ von 1:24 auf 1:20 erhöht. Vorher durfte also    Finanzierung: Pflege/Betreuung und Hauswirt-
eine Person eingestellt werden und war von der       schaft. Das Budget Pflege/Betreuung wurde im
Finanzierung für 24 Bewohner zuständig und           Laufe der Jahre von der reinen Pflege sehr stark
nach der Veränderung nur noch für 20 – wir           in Anspruch genommen. Für reine Betreuung
haben also einige Stellen pro Einrichtung dazu-      stand immer weniger Zeit zur Verfügung. Eine
bekommen. Zusätzlich sah die Landesheimbau-          klare Vorgabe zur Verteilung der Anteile Pflege
verordnung, kleine Wohngruppen mit 15 Bewoh-         und Betreuung gibt es nicht. Daher kam auch
nern vor – auch das passte genau zu unserer Idee.    der Wunsch des Gesetzgebers nach einem Budget
Ab Frühjahr 2016 sind wir nach und nach              für zusätzliche Betreuung, die dies wieder auf-
heimstiftungsweit in die Umsetzung gegangen.         fängt. Diese wird seit Einführung von den
2017 wurden im Rahmenvertrag zudem die Per-          Krankenkassen finanziert. Dies ist ein weiterer
sonalschlüssel nochmals erhöht – wir konnten         Finanzierungsbaustein. Wie genau diese zusätz-
also mehr Personal verhandeln, das auch zum Teil     liche Betreuung ausgestaltet und organisiert
in die Alltagsbegleitung geflossen ist.              wird, da haben wir durchaus einen Spielraum
                                                     zur Integration in der Einrichtung. Unserer
Dahme: Langenau war die erste Einrichtung,           Meinung nach sollte es daher für die Betreuung
in der Hauswirtschaft und Betreuung schon            ein Gesamtkonzept geben.
Hand in Hand gingen. In den meisten Einrich-
tungen gab es bis dahin eine konsequente Tren-
nung. Mitarbeitende für die Hauswirtschaft und
andere Mitarbeitende für die Betreuung. Somit
gab es hier und da bis zu vier Berufsgruppen, die                                                           >>>

                                                                                       | Gute Pflege | 1_2020 |   17
Pflege im Fokus

                                                                              bot. Betreuung ist nach diesem Konzept aber
„Zwölf Stunden am Tag sind die                                              immer dann gegeben, wenn einfach jemand da
                                                                              ist, wenn die Bewohner nicht alleine sein müssen,
 Alltagsbegleitungen Dank                                                     egal, ob das bei der Gestaltung und Begleitung
 Schichtsystem präsent – und für                                              der Mahlzeiten, oder einfach eine der Alltags-
                                                                              begleitungen im Wohn-/Essbereich anwesend ist.
 die Bewohner ansprechbar.
                                                                              Einsamkeit, allein sein ist ja ein großes
 Da ist immer etwas los, auch                                                 Thema im Alter – auch im Pflegeheim.
 wenn es nur das Klappern des                                                 Inwieweit steht das in Zusammenhang mit
                                                                              dem Konzept Alltagsbegleitung?
 Geschirrs ist.“
                                                                              Till: Das ist unter anderem genau die Zielset-
                                                                              zung: Die Alltagsbegleitung steht den Tag über
	Stefanie Vollmer, Hausdirektorin,                                           mit den Bewohnern in Beziehung und gibt Sicher-
   Seniorenzentrum Torgasse, Calw                                             heit, Halt und Orientierung. Für mich ist nach
                                                                              wie vor eine der wichtigsten Zielsetzungen: Wir
                                                                              wollen sinnstiftende Tätigkeiten des Alltags
                                                                              biografieorientiert anbieten und damit den Tages-
                                                                              ablauf gestalten. Das wird unmittelbar erlebbar:
                                                                              Tischdecken oder Kuchenbacken kann zum
                                                                              Beispiel sowohl mit den Bewohnern gemeinsam,
                                                                              als auch nur im Beisein der Bewohner stattfinden.
                                                                              Diese Tätigkeiten des Alltags sind unumgänglich,
                                                                              wenn wir eine biografieorientierte Betreuung
                                                                              anstreben.

                > > > Dieses Konzept vermittelt ein verändertes               Dahme: Als weiteren wichtigen Bestandteil im
                          Verständnis von Betreuung (im Pflege-               Konzept sehe ich das teilhabende Miterleben –
                          heim). Wie war es früher, was wollen wir            ein genialer Begriff für einfach „nur“ dabei sein.
                          heute?                                              Es lässt den Bewohnern die Freiheit zu entschei-
                                                                              den, aktiv mitzumachen oder eben nur dabei zu
                          Till: Vor dem Konzept war die zusätzliche           sein. Die Idee ist, die Tätigkeiten über einen
                          Betreuung ganz klar getrennt von der Pflege und     längeren Zeitraum direkt bei den Bewohnern
                          Hauswirtschaft. Man könnte vereinfacht sagen:       auszuüben. Man nimmt sich explizit viel Zeit
                          für die reine Unterhaltung zuständig. Diese         für (gemeinsame) Essensvorbereitung und macht
                          Abgrenzung ist natürlich schwierig. Denn auch       das zu einem Teil der Betreuung. Was Bewohner
                          Tätigkeiten aus Hauswirtschaft und Pflege sind      noch selbst können und wollen, machen sie auch
                          ja Betreuung, nämlich immer wenn der persön-        selbst.
                          liche Kontakt zum Bewohner entsteht. Die Idee
                          des Gesetzgebers hinter der klaren Trennung ist,    Till: Einige Prozesse müssen sich da verändern,
                          wer für Betreuung eingestellt wird, soll auch       da sie nun anders erbracht werden. Durch die
                          ausschließlich Betreuung leisten.                   bewohnernahe Umsetzung entstehen natürlich
                                                                              längere Betreuungszeiten mit sinnstiftenden
                          Dahme: In der Praxis lässt sich das ganz schwer     Tätigkeiten des Alltags in der Schicht. Dadurch
                          trennen. Gemeinsames kochen und backen ist ja       sind die Bewohner viel aktiver im Alltag einge-
                          zum Beispiel ganz eindeutig auch Betreuung. Da      bunden und die Aktivierungsangebote zwischen
                          müssen aber zunächst alte Denkmuster aufge-         den Mahlzeiten verkürzen sich.
                          brochen werden. Unser Verständnis von Betreu-
                          ung ist, dass diese am Morgen gegen sieben mit      Dahme: Das funktioniert grundsätzlich gut.
                          der Schicht der Alltagsbegleitung beginnt und       Man muss diese Veränderung ein Stück weit
                          endet, wenn sie wieder geht. Zeitung lesen, Bingo   einfordern – und natürlich auch gegenüber
                          spielen etc. ist weiterhin Bestandteil. Wir         Bewohnern und Angehörigen kommunizieren.
                          bezeichnen das zukünftig als Aktivierungsange-      Dann wird es auch gut angenommen. Die Ange-

18   | Gute Pflege | 1_2020 |
Alltagsbegleitung im
Johann-Benedikt-Bembé-Stift, Bad Mergentheim

      hörigen nehmen wahr, dass die Bewohner wieder
      deutlich aktiver werden. Aber natürlich müssen       „Die Alltagsbegleitungen können
      auch die Mitarbeitenden die Zeit für diese Ver-
      änderung bekommen. Über Jahre hinweg haben             individuell auf die Bedürfnisse
      wir eher kommuniziert, alles muss schnell und
      effizient funktionieren, jetzt muss ein Umdenken
                                                             der ihnen anvertrauten Menschen
      stattfinden, sich am Bewohner zu orientieren und       eingehen. Somit ist ein vertrautes
      die vorhandene Zeit dafür tatsächlich zu nutzen.
                                                             Gesicht da und gibt Sicherheit.“
      Das ist bestimmt auch ein großes Thema
      und ein hoher Anspruch für die Qualifi-
                                                            Heike Stefke, Leitung Alltagsbegleitung,
      zierung…
                                                            Haus am Staufenberg, Heilbronn

      Dahme: Ja, das ist definitiv eine hohe Kompe-
      tenz gefordert. Wir haben festgestellt, dass sich
      das über eine rein interne Qualifikation nicht
      abdecken lässt. Wir haben dann beschlossen,
      dass jede Alltagsbegleitung bei uns die Qualifi-
      kation der zusätzlichen Betreuung mit 160
      Stunden absolvieren soll. Diese Qualifikation ist
      zwar wieder auf die reine Betreuung, ohne Ver-
      mischung mit Pflege oder Hauswirtschaft, aus-
      gelegt, aber wir vermitteln dann in einer zusätz-
      lichen internen Weiterbildung das EHS-spezifische
      Verständnis. Da gibt es verschiedenste Auffas-
      sungen.
                                                          >>>

                                                                                                       | Gute Pflege | 1_2020 |   19
Pflege im Fokus

     Alltagsbegleitung im
     Michael-Hörauf-Stift, Bad Boll

                > > > Till: Andere Träger verstehen zum Beispiel              Till: Der wichtigste Punkt, den wir auch immer
                      Pflege und Betreuung als eine Einheit in Abgren-        mitgeben ist, dass man im Gespräch bleiben
                      zung zur Hauswirtschaft. Das wollten wir so             muss. Die Kommunikation, die zwischen den
                      nicht. Es ist klar im Konzept definiert, dass es        Berufsgruppen stattfinden soll, muss man genau
                      Verantwortlichkeiten für Pflege und Alltagsbe-          festlegen und auch überprüfen, ob das umgesetzt
                      gleitung gibt. Die Gesamtorganisation unter der         wird. In der Gesamtverantwortung steht nach
                      Pflege wurde nicht angestrebt, um unter ande-           wie vor die Pflege, dennoch ist die Zusammen-
                      rem zu verhindern, dass bei einem krankheits-           arbeit fachlich und inhaltlich auf Augenhöhe zu
                      bedingten Personalausfall in der Pflege ein             organisieren.
                      Mitarbeitender aus der Alltagsbegleitung ein-
                      springt und diese Schicht dann wiederum ent-            Dahme: Ich denke, man muss das leben. In
                      fällt. Neben der Pflegedienstleitung haben wir          letzter Konsequenz können Regelungen da nur
                      nach diesem Konzept jetzt auch eine Leitung             bedingt weiterhelfen. Die Rahmenbedingungen
                      Alltagsbegleitung zusätzlich installiert.               kann man festlegen, ja – aber im Endeffekt ist
                                                                              es, wie das ganze Konzept, eine Haltungsfrage.
                          Ein hohes Maß an Koordination ist                   Das große Gesamtkonzept dahinter ist der
                          trotzdem gefragt. Wie funktioniert die              Wunsch der Evangelischen Heimstiftung und
                          Zusammen­arbeit in der Praxis?                      auch der Anspruch, den Bewohnern Teilhabe
                                                                              und Selbstbestimmung zu ermöglichen.
                          Dahme: Klar gibt es da Diskussionen und auch
                          Uneinigkeit, aber ich denke, wenn man das           Till: Diesen Weg schlägt das Wohngruppenkon-
                          aushält, bringt das uns und die Kollegen vor        zept ein. Das ist nicht mehr die Institution Pfle-
                          Ort längerfristig sehr viel weiter. Es braucht      geheim wie wir sie lange kannten. Wir gehen
                          einfach seine Zeit, bis die neuen Strukturen sich   hier neue Wege, die sich auch zukünftig weiter-
                          finden.                                             entwickeln werden.

20   | Gute Pflege | 1_2020 |
„Jede Woche mit dem Kioskwagen
    Spaß bringen und sehen wie die
    Bewohner gerne selbstständig
   einkaufen, das ist immer wieder
   ein tolles Gefühl.“
   Ilona Riedemüller, Karl-Gerok-Stift,
   Vaihingen/Enz

Ehrenamtlich engagiert.
                                          | Gute Pflege | 1_2020 |   21
Pflege im Fokus

                Die Küchenprofis.
                       –
                                    Hauswirtschaftliche
                                 Dienstleistungsgesellschaft
                                            (HDG)

            Eine Folge des Wohngruppenkonzepts ist die                  Mit 850 Mitarbeitenden übernimmt die HDG
            Integration der Speisenzubereitung in die Wohn-         die Aufgaben der Speisenversorgung und Reini-
            bereiche. Das hat Auswirkungen auf das Modell           gung für die Einrichtungen der EHS, aber auch
            der Gemeinschaftsverpflegung – das Fachgebiet           für externe Kunden. An 105 Standorten sind die
            einer der Tochterfirmen der EHS, der Hauswirt-          Mitarbeitenden im Einsatz. Sie betreiben 17
            schaftlichen Dienstleistungsgesellschaft (HDG).         Küchen, die unter anderem auch Kindergärten,
                                                                    Schulen und Endverbraucher in Betreuten Woh-
                                                                    nungen beliefern. Der Schwerpunkt liegt jedoch
„Aufgrund der Entkopplung                                          auf der Gemeinschaftsverpflegung der einzelnen
                                                                    Pflegeeinrichtungen. Mit der Umstellung auf das
  von Zubereitung und Verzehr,                                      Wohngruppenkonzept verändert sich nicht nur
  ist keine Wochenendarbeit                                         die Betreuung – es hat auch Auswirkungen auf
                                                                    die Speisenvorbereitung, denn von einzelnen
  mehr notwendig und auch der                                       Komponenten bis zu ganzen Mahlzeiten sollen
                                                                    nun bei und mit den Bewohnern zubereitet wer-
  zeitliche Druck in der Küche                                      den. „Die klassische Großküche wird damit nicht

  nimmt ab.“                                                        mehr in jeder Einrichtung benötigt, denn viele
                                                                    Aufgaben übernehmen ja die Alltagsbegleitungen

                                Thomas Seyfferth, Leiter der
                                Cook and Chill Küche in Heilbronn

22   | Gute Pflege | 1_2020 |
auf den Wohnbereichen: Frühstück und Abend-            gemeinsam verantwortlich, dass das Essen
essen werden hier zum Beispiel meist vollständig       schmeckt“, erklärt Glasenapp. Um hier entspre-
zubereitet“, erklärt Geschäftsführer Heiko Seitz.      chend zu schulen, berät Trainerin Michaela
Ein Grund für EHS und HDG über eine ganz               Hensel, die zuvor selbst in der Alltagsbegleitung
neue Küchenstrategie nachzudenken. „Mit Cook           tätig war, vor Ort. Sie ist auch die Schnittstelle
and Chill nutzen wir zukünftig ein weit verbrei-       zur Küche und gibt Rückmeldung an die Küchen-
tetes Verfahren in der Gemeinschaftsverpfle-           leitung weiter. Die eigentliche Bestellung läuft
gung.“ Die Grundidee ist es, die Zubereitung und       jedoch digital: Über eine Software können alle
den Verzehr der Speisen zeitlich zu entkoppeln.        Einrichtungen und Wohnbereiche individuelle
                                                       ihren Bedarf angeben. „Wird eine Komponente
    „In drei Großküchen werden die Mahlzeiten          des Essens direkt vor Ort zubereitet, etwa ein
zukünftig zu 70 Prozent vorgegart, dann auf drei       Dessert, kann dieses ganz einfach abbestellt
Grad heruntergekühlt und so 72 Stunden haltbar         werden. Über das Bestellsystem reagieren wir
gemacht. Vor Ort wird das Essen frisch fertig          auch flexibel bei personellen Engpässen wenn
zubereitet,“ beschreibt Andreas Glasenapp,             vielleicht einmal Bewohner vor Ort sind, die sich
Bereichsleiter Catering, den Vorgang. Gekocht          in größerem Umfang an der Zubereitung der
wird saisonal, der Speiseplan ist für jeweils sieben   Speisen beteiligen möchten und können.
Wochen festgelegt. In dieser Zeit gibt es keine
Wiederholungen. „Bis auf die Linsen mit Spätzle,           Bereits 41 Einrichtungen der EHS werden von
die sind so beliebt, dass es sie in den sieben         den bisher drei großen Cook and Chill Küchen
Wochen zweimal gibt“, ergänzt Seitz. Die               versorgt – seit März auch die Zentrale. Die
Gerichte sind nach diesem Verfahren nicht nur          Vision: „Unser Ziel der HDG ist natürlich, bis
frischer und vitaminreicher, auch die Küchenmit-       auf wenige Ausnahmen, diese Verpflegung aus-
arbeitenden profitieren: „Aufgrund der Entkopp-        zuweiten. „Bestimmt wird es nicht immer jedem
lung von Zubereitung und Verzehr, ist keine            schmecken, aber wir versuchen den allgemeinen
Wochenendarbeit mehr notwendig und auch der            Geschmack zu treffen – ich bin da sehr zuver-
zeitliche Druck in der Küche nimmt ab.“                sichtlich“, ist sich Glasenapp sicher. Er hat an
                                                       alles gedacht, denn auch für den Notfall ist
    Für die Mitarbeitenden in den Wohngruppen          vorgesorgt: Sollte es aus irgendeinem Grund
allerdings steigt die Verantwortung – denn das         einmal nicht möglich sein, das Essen rechtzeitig
richtige Fertiggaren der Speisen ist mindestens        auszuliefern, verfügt jede Einrichtung über einen
genauso wichtig wie das eigentliche Kochen –           Notvorrat: ein Eintopf in Konserven, der für eine
„Alltagsbegleitungen und Köche sind also               Mahlzeit ausreichend ist.

                                                                                          | Gute Pflege | 1_2020 |   23
Pflege im Fokus

                   Zusammen sein.
                                         –
                                Eine Reise von einsam
                                   nach gemeinsam

24   | Gute Pflege | 1_2020 |
Der Koffer steht leer in der Ecke, die Kleider hän-
gen im Schrank, an der Tür ein Herz, auf dem          „Dass sich jemand
steht „Herzlich willkommen“ – alles ist vorberei-
tet – die Herausforderung beginnt. Der Einzug in        wirklich aufgeho-
das Pflegeheim, in vielen Fällen der Auszug aus
der Einsamkeit, aber auch ein Abschied. Von lieb        ben und geborgen
gewordener, oft über Jahrzehnte gewohnter Umge-
bung, vom Blick in den eigenen Garten.                  fühlt, das braucht
„Einsamkeit ist ein großes Wort. Ich fühle              Zeit.“
     mich auch manchmal einsam.“

„Das ist ein Verlust, mit dem man umgehen muss        lassen. Leben im Augenblick. „Wenn in der
– richtige Trauerarbeit, das erleben wir eigentlich   Gruppe ein Lachen da ist, in dem Moment ist
früher oder später bei jedem Bewohner, der neu        alles gut. Kurze Zeit später kann das schon wie-
einzieht“, erzählt Susanne Käfer. Sie ist Diakonin    der anders sein: ‚Ich muss telefonieren, meine
und arbeitet seit 13 Jahren in den Bereichen          Kinder sollen mich abholen.‘ Aber auch das ist
Trauer- und Alltagsbegleitung im Spittler-Stift       in Ordnung. Das Motto meiner Arbeit ist: Jeder
in Schorndorf. „Einsamkeit ist ein großes Wort.       ist ok, wie er ist. Dass sich jemand wirklich auf-
Ich fühle mich auch manchmal einsam. Man              gehoben und geborgen fühlt, das braucht Zeit“,
kann mitten unter Menschen sein und sich trotz-       erzählt sie, „es ist schade, dass davon manchmal
dem einsam fühlen. Gerade der Verlust der Sinne       zu wenig bleibt.“ Eine, die wirklich angekommen
spielt dabei im Alter eine besondere Rolle.“ Das      ist, ist Gertrud Schiede, dieses Jahr wird sie 90.
Hören und Sehen wird schwer. Das Schmecken            Nach dem Tod ihres Mannes zog sie zunächst
verändert sich, laufen wird zunehmend schwie-         zurück aus Lübeck in den Süden Deutschlands,
riger. Das löst Ängste aus – vor Veränderung und      um wieder näher bei ihrer Schwester zu sein.
ungewohnter Umgebung – und führt schnell in           Nachdem auch sie und ihr Schwager verstarben
die soziale Ausgrenzung. „Der Einzug in ein           und die Nieren Probleme machten, zog Gertud
Pflegeheim kann hier durchaus eine Lösung sein,       Schiede 2011 in das Spittlerstift. Positive Energie
aber am Anfang steht eine riesige Herausforde-        ist ihr Motto: „Man muss immer nach vorne
rung, die es für Bewohner, Angehörige und             schauen, darf sich nicht hängenlassen, auch
Pflege-, wie Betreuungskräfte zu meistern gilt.“      wenn es gelegentlich viel Kraft kostet.“ Gertrud
                                                      Schiede ist viel unterwegs. Drei Mal in der Woche
                                                      muss sie zur Dialyse, um fünf Uhr morgens steht
 „Das rührt seelisch erst einmal alles auf
                                                      sie dazu auf. „Wenn ich von der Behandlung
       und bringt durcheinander.“
                                                      zurückkomme, mache ich noch einen kleinen
Viele kommen gerne, sagen „Es ist gut so“. Sie        Spaziergang im Garten – das muss sein.“ Am
weinen trotzdem. Erzählen von ihrem großen            Sonntag wird sie von Mitgliedern ihrer örtlichen
Haus, dem Garten, den Möbeln. Jetzt hier ein          Kirchengemeinde zum Gottesdienst abgeholt.
Zimmer, viele unbekannte Gesichter, Namen,            Montags geht sie in die „Schöne Stunde“ bei
Abläufe. Selbst der Weg zum Essen und zurück          Susanne Käfer, dafür werden andere Termine
ins Zimmer ist fremd. Ein Neustart. „Das rührt        schon einmal verschoben. Dort wird einmal in
seelisch erst einmal alles auf und bringt durch-      der Woche gemeinsam musiziert, erzählt und das
einander. Wie kommt man weg von diesem                Zusammensein gelebt. Außerdem ist sie seit
Gefühl, ich bin ganz am Anfang und fühle mich         Jahren im Heimbeirat aktiv. Gelegentlich schließt
von aller Welt verlassen? Nicht nur die körperli-     sie aber auch gerne die Tür ihres Zimmers. Ger-
che Anwesenheit ist wichtig – auch die Seele muss     trud Schiede kann gut allein sein. Die Rätselhefte
hinterherkommen.“ Eine Willkommenskultur              und Bücher stapeln sich auf ihrem Tisch „da ist
schaffen, jedem einzelnen vermitteln, dass er oder    noch viel zu tun“, sagt sie. „Traurig macht es
sie gesehen wird. Das geschieht auf vielen Wegen.     mich nur, zu sehen, wie andere sich langsam
Doch der Schlüssel sind Freundlichkeit und auf-       zurückziehen“ – auch aufgrund fortschreitender
richtiges Interesse. Miteinander lachen, mitein-      Demenz, nicht mehr aktiv am Leben teilnehmen
ander weinen und eine Beziehung entstehen             können.                                                  >>>

                                                                                          | Gute Pflege | 1_2020 |   25
Pflege im Fokus

     >>>         So geht es auch Elsbeth Schiek. Sie hat im   „Meine Schwiegermutter lebte lange Jahre alleine
             Spitler-Stift eine alte Jugendfreundin wiederge- in einem großen Haus und hat sich dort sehr
             troffen, erkennen kann diese sie schon lange nicht
                                                              zurückgezogen. Im Michael-Hörauf-Stift in Bad
             mehr. Sie besucht sie trotzdem regelmäßig und    Boll war sie dann wieder unter Menschen, aber
             bringt ihr Zeitschriften mit, auch wenn das Lesendas Gefühl der Einsamkeit löst sich dadurch nicht
             ihr inzwischen unmöglich ist. „Man merkt trotz-  automatisch auf“, erzählt Pfarrer Christoph
             dem, dass sie sich über den Besuch freut, sie    Buchholz. „Ein älterer Herr, den ich regelmäßig
             lächelt dann“, erzählt Susanne Käfer. Elsbeth    im Pflegeheim besuchte, sagte mir, er würde
             Schiek ist 81, vor drei Jahren zog sie im Spittler-
                                                              immer allein sein. Auch die veränderte Wahr-
             Stift ein, kurze Zeit später auch ihr Mann. „Er  nehmung kann da natürlich eine Rolle spielen.
             hat sich sehr schwer getan, konnte nicht so gut  Dazu diese seelische Einsamkeit aufzubrechen,
             ankommen. An dem Tag als er starb habe ich in    dienen auch immer wieder die Gottesdienste, die
             meinen Kalender geschrieben: ‚Ich bin sehr trau- wir in den Pflegeheimen halten“, berichtet Buch-
             rig und allein.‘ Aber heute bin ich froh und     holz. Das gemeinsame Singen altbekannter Lie-
             dankbar hier zu sein. Hier ist daheim.“ Während  der, auch nur das Sprechen des Vaterunsers, ein
             eines Krankenhausaufenthalts hatte sie regelrechtBlick, ein Händedruck – all das stärke das Gefühl
             Heimweh nach dem Spittler-Stift, erzählt sie.    der Geborgenheit und Gemeinschaft. „Am Ende
                                                              muss jeder einzelne Mensch natürlich auch ein
                Aber nicht immer gelingt es, dass das Pflege- Stück weit selbst offen dafür sein, aus seiner
             heim den Menschen so schnell Heimat wird. Einsamkeit herauszukommen.“

        „Einsamkeit und Gemeinsamkeit gehen
          Hand in Hand – beides gehört zum Leben.“
             Text: Dr. Thomas Mäule

             Es braucht beides im Leben: Einsamkeit und            ein Ort voll von Verheißung. Sie ist zwar einer-
             Gemeinsamkeit. Beides erweist sich als wichtig:       seits der Ort, wo Schlangen und Skorpione
             in sich gehen und aus sich herausgehen, für sich      drohen. Andererseits hat Gott sich den Menschen
             allein sein und mit andern zusammen sein. Es          gerade in der Einsamkeit der Wüste offenbart.
             braucht beides. Und wir müssen auch beides            Die Wüste ist auch der Ort der Begegnung mit
             können: uns abschließen und uns öffnen.               Gott. Er redet in der Wüste, er rettet in der
                                                                   Wüste, er führt die Menschen durch die Wüste
                 Es ist interessant, wie in der Bibel das Wort     und lässt Wasser fließen in der Trockenheit. Zwei
             für Einsamkeit und das Wort für Wüste sich            sehr verschiedene Arten von Einsamkeit begeg-
             genau entsprechen. Die Einsamkeit, das ist eigent-    nen uns in der Wüste: Auf der einen Seite die
             lich die Wüste. Das muss keine Sand- oder Stein-      befreiende Einsamkeit. Diese schafft Sinn und
             wüste sein, es kann auch mitten in einem Zimmer       Trost und verhilft zu neuer Kraft. Auf der ande-
             die Wüste herrschen. In einem Theaterstück von        ren Seite gibt es die Einsamkeit, die wie ein enges
             Camus („Das Missverständnis“) kniet am                Gefängnis die Menschen unterdrückt in der
             Schluss ein Mensch auf der Bühne: „Ich kann in        Resignation. Von der ersten Art Einsamkeit gibt
             dieser Wüste nicht leben“. Wüste und Einsamkeit       es zu wenig, von der zweiten Art Einsamkeit zu
             hängen also eng zusammen. Doch das ist nicht          viel. Wie aber können wir etwas verändern: damit
             alles. Man merkt beim Lesen der Bibel, die Wüste      es weniger quälende Einsamkeit gibt, und mehr
             ist nicht nur ein schrecklicher Ort, sondern auch     Einsamkeit, die dem Leben dient?                      >>>

26   | Gute Pflege | 1_2020 |
„Ich schenke meine freie Zeit
    den Bewohnern. Jeden
    Donnerstag ist Singstunde.
    Das macht den Senioren
    und auch mir immer wieder
    sehr viel Freude.“
   Roland Kuß, Seniorenstift auf den Wäldern, Fichtenau

Ehrenamtlich engagiert.
                                                          | Gute Pflege | 1_2020 |   27
Pflege im Fokus

             „Unser soziales
                                                                               terin, ihren persönlichen Minister gegen Ein-
               Leben braucht                                                   samkeit finden. Menschen werden krank, wenn
                                                                               sie sich nicht austauschen können. Wenn sie zwar
              eine Seele.“                                                     versorgt, aber nicht mehr wichtig für andere
                                                                               sind. Unser soziales Leben braucht eine Seele.
                                                                               Im Grunde genommen läuft alles auf eins hinaus:
                                                                               die ganz einfache Begegnung von Mensch zu
                >>>           In Großbritannien gibt es ein Ministerium        Mensch. Jeder der rund 3.000 Ehrenamtlichen
                          für Einsamkeit seit 2018, das sich ganz besonders    in der Evangelischen Heimstiftung ist ein per-
                          um Menschen in den Regionen kümmert, wo              sönlicher Minister, eine Ministerin gegen die
                          die Verkehrsmittel nicht fahren, wo die Kneipen      Einsamkeit. Die jemandem helfen, aus dem
                          geschlossen sind, wo Leute wirklich vereinzeln,      Kokon der Einsamkeit herauszukommen. Die
                          weil sie nämlich gar nicht rauskommen, um mit        einen wachen Blick haben. Die aus der Zeitung
                          anderen etwas zu machen. Nun lässt sich trefflich    vorlesen, zum Spaziergang begleiten, Lieblings-
                          streiten, ob der Staat der Richtige ist, um sich     schokolade einkaufen, Behördengänge erledigen
                          des Themas anzunehmen und der wachsenden             und vor allem: zuhören, trösten, aufmuntern und
                          Vereinsamung in der Bevölkerung entgegenzu-          für einen kostbaren Augenblick das Leben mit-
                          wirken. Unbestritten ist, dass Einsamkeit ein        einander teilen.
                          Problem in unserer Gesellschaft ist. Manfred
                          Spitzer, der Ulmer Hirnforscher und Bestseller-           Auch Gertrud Schiede bekommt regelmäßig
                          autor, schlägt in seinem neuen Buch „Einsam-         Besuch von einer ehrenamtlichen Mitarbeiterin,
                          keit. Die unerkannte Krankheit“ Alarm. Er            die Zeit mit ihr verbringt. Genauso wie sie
                          befürchtet, dass die reichen Industriegesellschaf-   schätzt Pfarrer Christoph Buchholz diesen Ein-
                          ten von einer Einsamkeitsepidemie großen Aus-        satz sehr: „Die Ehrenamtlichen, die zum Beispiel
                          maßes heimgesucht werden. Einsamkeit kann            Bewohner in die Gottesdienste bringen, ganz
                          krank machen und die Lebenserwartung verkür-         praktisch Hand anlegen, dort wo sie gebraucht
                          zen. Einsame sterben früher, Einsamkeit ist so       werden, leisten großartige Arbeit.“ Denn Leben
                          gesundheitsschädlich wie regelmäßiger Zigaret-       ist immer Zusammenleben und die besonderen
                          tenkonsum oder Fettleibigkeit. Wer wünschte          Momente sind die, in denen genau diese Gemein-
                          nicht Einsamen, dass sie ihre persönliche Minis-     schaft spürbar wird.

28   | Gute Pflege | 1_2020 |
Bauen

          Wir bauen für Sie.

        Richtfest Residenz Nehren

          30 Pflegewohnungen                             näres Pflegeheim für 40 Bewohner. Nun wird
                                                         das Angebot für pflegebedürftige Menschen
          15 Tagespflegeplätze                           um ein ambulantes Wohn- und Betreuungsan-

          1 Quartiersraum                                gebot erweitert. Die Residenz Nehren wird
                                                         nach dem WohnenPLUS-Konzept der EHS
          8 Mio. Investition                             betrieben. „Es bedeutet, dass wir pflegebedürf-
                                                         tigen Menschen eine hohe Versorgungssicher-
                                                         heit, gesellschaftliche Teilhabe und damit
        In direkter Nachbarschaft zum Pflegewohn-        Lebensqualität ermöglichen können – und zwar
        haus Nehren baut die Evangelische Heimstif-      im ambulanten, und nicht im stationären Set-
        tung eine WohnenPLUS-Residenz als ambu-          ting“, erklärt Hauptgeschäftsführer Bernhard
        lante Wohnform für Menschen mit Pflegebedarf.    Schneider. Das gelingt, indem verschiedene
        Es entstehen 30 Pflegewohnungen, eine Tages-     Wohn- und Betreuungsformen angeboten wer-
        pflege und Räumlichkeiten für die Mobilen        den und die Kunden diese je nach individuellem
        Dienste.                                         Bedarf miteinander kombinieren können.

            Seit 2011 betreibt die Evangelische Heim-        Zur Residenz Nehren gehören 30 Pflege-
        stiftung das Pflegewohnhaus Nehren als statio-   wohnungen und eine Tagespflege für 15 Gäste.
                                                         Außerdem beziehen die Mobilen Dienste der
                                                         EHS ein eigenes Büro in der Residenz. Kunden
                                                         aller Wohnungen können Pflege- und Betreu-
                                                         ungsangebote der EHS oder eines anderen
                                                         ambulanten Dienstes beziehen. Ebenfalls zur
                                                         Residenz gehören eine Physiotherapiepraxis
                                                         und ein Quartiersraum im Erdgeschoss. Für
                                                         das Gesamtprojekt investiert die Evangelische
                                                         Heimstiftung rund acht Millionen Euro. Die
                                                         Fertigstellung ist für Ende 2020 geplant

+++ Bauprojekte 2020: Pflegewohnhaus Alte Feuerwache, Hambrücken – Amalien-Residenz, Hochdorf
– Residenz Ingersheim – Karl-Wilhelm-Doll-Haus, Niefern-Öschelbronn – Herzog-Christoph-Residenz,
Stuttgart – Königin-Olga-Residenz, Stuttgart – Residenz Weikersheim

                                                                                                     | Gute Pflege | 1_2020 |   29
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