Kempen - konzeptlos in die Zukunft? - Denk mal an ...

 
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Kempen - konzeptlos in die Zukunft? - Denk mal an ...
Denk_malK

                                                                                    NR. 1, 06/2021
     Magazin für Stadtgeschichte und Denkmalpflege

                                       Kempen - konzeptlos
                                            in die Zukunft?
                                  Wie eine fehlende kritische Auseinandersetzung
                                  mit der Gestaltung Kempens den großen Erfolg
                                        der Vergangenheit gefährdet. Ab Seite 3

                                   Ein Haus zum Verlieben
                                      Vom Leben im Denkmal und wie Kempener
                               Bürger*innen mit viel Herzblut dafür Sorge tragen,
                               unsere wunderschöne Stadt zu erhalten. Ab Seite 8

                                                Eindrücke des
                                            Kempener Wandels
DENK MAL AN                  Die Kempener Altstadt im Wandel: visuelle Eindrücke

KEMPEN e. V.                         vor und nach der Altstadtsanierung. Seite 15
Kempen - konzeptlos in die Zukunft? - Denk mal an ...
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Kempen - konzeptlos in die Zukunft? - Denk mal an ...
Kempen zum Lesen
                       Der französische Historiker Pierre Gaxotte       Denkmal_K will regelmäßig berichten über
EDITORIAL              nannte Denkmäler „Lesezeichen der Ge-            die spannende Kempener Stadtgeschichte,
                       schichte“. Sie machen Geschichte darstell-       über all das, was es zu sehen und erleben
                       bar, vermittelbar, vielleicht sogar erlebbar.    lohnt, aber auch über Fehlentwicklungen
                       Kempen ist eine geschichtsträchtige Stadt.       und Probleme. Es will informieren über den
                       Vielerorts begegnet man Zeugnissen ihrer         Verein und seine Ziele und werben für die
                       ereignisreichen Historie. Sie nehmen uns         Belange von Denkmalschutz und Denkmal-
                       mit auf eine Zeitreise durch unsere Stadt-       pflege. Haben Sie viel Freude am Lesen
                       geschichte. Leider entdeckt man aber auch        von Denkmal_K und vor allem am Lesen
                       auf Schritt und Tritt Gefährdungen und           von Kempen.
                       Veränderungen an dem „Buch“, um es mit
                       Gaxotte auszudrücken, das die Kempener           Ihr Heinz Wiegers
                       über Jahrhunderte geschrieben haben. Zur-
                       zeit schreibt der Immobilienboom an einem
                       besonderen Kapitel. Der Verein „Denk mal
                       an Kempen“, 2014 entstanden als Bürger-
                       initiative, kämpft seit 2019 für den Erhalt
                       unseres gemeinsamen heimatlichen Erbes
                       und für eine behutsame, qualitätsvolle
                       Weiterentwicklung zu einer attraktiven,
                       gastfreundlichen Stadt mit hohem Freizeit-
                       wert und Wohlfühlcharakter.

                                                                  INHALT
 Impressum
 Herausgeber: Denkmal an Kempen e. V.
 Hülserstraße 21, 47906 Kempen
 Internet: https://www.denkmalankempen.de/
 E-Mail: info@denkmalankempen.de
 Vorsitzender: Heinz Wiegers
 Redaktion:
 Kurt J. van Doorn, Moosgasse 4, 47906 Kempen
                                                                       Kempen - konzeptlos in die Zukunft?   SEITE 3
 Tina Hirop, Hülser Str. 27, 4790 Kempen
 Dr. Patrick Jülich, Von-Loe-Str. 47, 47906 Kempen                                Kempen, 60 Jahre danach    SEITE 6
 Marcel Rau, St. Töniser Str. 34, 47906 Kempen
 Gilbert Scheuß, Butzenstr. 54, 47906 Kempen
 Heinz Wiegers, Hülserstr. 21, 47906 Kempen          KOPFSTEIN - Hat Kempens Vergangenheit eine Zukunft?     SEITE 7
 Hauptschriftleitung:
 Dr. Patrick Jülich, Von-Loe-Str. 47, 47906 Kempen
 E-Mail: magazin@denkmalankempen.de                         LEBEN IM DENKMAL - ein Haus zum Verlieben        SEITE 8
 Satzherstellung:
 Von Rang und Marke, St. Töniser Str. 34, 47906
 Kempen, E-Mail: hallo@vonrangundmarke.de
                                                     Bodendenkmalschutz und Bodendenkmalpflege in Kempen SEITE 11
 Druck: FLYERALARM GmbH, Alfred-Nobel-Str.
 18, 97080 Würzburg                                                       Eindrücke des Kempener Wandels SEITE 15
 Für namentlich gekennzeichnete Beiträge sind
 die Verfasser persönlich verantwortlich.
 Wir freuen uns über die Einreichung von                                           Das Denkmal in der Liste SEITE 16
 Beiträgen.
Kempen - konzeptlos in die Zukunft? - Denk mal an ...
Illustration: Marcel Rau, www.fleckchenerde.de
                                                                                                             Die Kempener Altstadt
    Konzeptlos in die Zukunft?
    K
    von Marcel Rau

3          empen ist eine liebens-
           und lebenswerte Stadt.
                                       Blick auf die Stadtmauer frei-
                                       gelegt und historische Bauten
                                                                           KONZEPTLOS
                                                                           Doch gerade jetzt würde Kem-
           Die Altstadt lädt zum       wurden saniert. Teilweise so-       pen dringend ein Konzept be-
           Flanieren      ein.  Die    gar – wie das Kempsche Huus         nötigen, um seine Erfolgsge-
    Gastronomie ist – außerhalb        – versetzt. Diese Sanierung war     schichte fortzuschreiben. Ohne
    von Pandemiezeiten – immer         ein massiver, nie zuvor dage-       Konzept würden sich hingegen
    gut besucht. Mehr und mehr         wesener Eingriff in die Struktur    Entwicklungen der letzten Jah-
    Menschen möchten hier leben.       Kempens. Und dieser blieb nicht     re fortsetzen und verstärken:
    Doch höhere Nachfrage lässt        ohne Opfer: Aus heutiger Sicht      weitere Abrisse und Verluste
    die Immobilienpreise in die        erhaltenswerte Gebäude wie          historischer Bausubstanz, im-
    Höhe schnellen. Und weckt          die Gründerzeitvillen im Grün-      mer wieder anspruchs- und in-
    Begehrlichkeiten. Nie in der       gürtel, die alte Post, aber auch    spirationslose Architektur mit
    727-jährigen Stadtgeschichte       historische Bauten im Stadt-        historisierenden Elementen und
    war es so leicht, mit Immobilien   zentrum, darunter ein Großteil      eine stetig steigende Bauhöhe
    Geld zu verdienen. Doch woher      der mauerseitigen Bebauung,         im Altstadtbereich. Wobei im-
    kommt dieser Erfolg und wieso      wurden abgerissen. Auch wenn        mer der Vorteil Einzelner, aber
    könnte eben dieser Erfolg zu       heute rückblickend bei einigen      nie ein Vorteil für die Allge-
    Kempens Verhängnis werden?         Gebäuden anders entschieden         meinheit im Mittelpunkt steht.
                                       worden wäre, bleibt festzuhal-
    ALTSTADTSANIERUNG ALS              ten: Die Altstadtsanierung war      WIESO ABRISS RENTABLER
    ERFOLGSGEHEIMNIS?                  ein großer Erfolg, von dem die      ALS SANIERUNG IST
    Die Altstadtsanierung der frü-     Kempener Bürgerinnen und            Gerade die große Beliebtheit
    hen 70er Jahre war ein Mei-        Bürger, aber vor allem auch         der Kempener Altstadt und die
    lenstein der Stadtgeschichte,      Einzelhandel und Gastronomie        damit verbundenen Investoren-
    zugleich aber auch Grundstein      bis heute profitieren. Leider war   interessen stellen Kempen vor
    ihrer Erfolgsgeschichte.  Die      sie auch die letzte große Vision    eine große Herausforderung:
    Innenstadt wurde beruhigt,         und das letzte große Konzept        Die Altstadt und deren Immobi-
    Autos in weiten Teilen ver-        für Kempen.                         lien werden immer mehr zu In-
    bannt. Gleichzeitig wurde der                                          vestitionsobjekten mit extremer
Kempen - konzeptlos in die Zukunft? - Denk mal an ...
Rendite. Leider lässt sich der           historische Strukturen. Und zu    Grundgedanke des Denkmal-
größtmögliche Gewinn nicht mit           diesen gehört die ansteigende     schutzes. Denn dieser ist im öf-
dem Erhalt oder der Sanierung            Bauhöhe von der Stadtmauer        fentlichen Interesse des Erhalts
historischer Gebäude verdie-             zum Stadtzentrum. Historisch      begründet. Im Bauausschuss
nen, sondern mit deren Abriss.           wurden die Gebäude nahe der       findet aber – im Gegensatz zum
Und dabei geht es nicht um die           Stadtmauer von ärmeren Men-       Denkmalausschuss – immer ein
eigentlichen Kosten der jewei-           schen bewohnt, während reiche-    Teil der Sitzung nicht öffentlich
ligen Maßnahme, sondern um               re Bürger sich die Gebäude in     statt. Dies ist auch sinnvoll, denn
die größtmögliche Ausdehnung             Kirchnähe leisten konnten. Na-    es geht hier oft um Investoren-
des jeweiligen Baukörpers: hö-           türlich gab es auch hier Aus-     interessen und auch schutzbe-
her, breiter, tiefer, teurer. Dies       nahmen wie beispielsweise Her-    rechtigte Informationen über
macht vor allem der Vorzug des           renhöfe, denen die Nähe zu den    Bürgerinnen und Bürger. Beide
Baurechts vor dem Denkmal-               Stadttoren nutzte. Dennoch ist    Aspekte lassen sich schlecht ver-
recht möglich. Denn die Bauhö-           diese ansteigende Höhe gerade     binden. Auch, weil grundsätz-
he orientiert sich nicht an der          in einem eingetragenen Denk-      liche Denkmalfragen im ersten
Höhe des Abrisshauses, sondern           malbereich ein charakteristi-     Schritt immer losgelöst von fi-
am höchsten Gebäude eines Ge-            sches Merkmal. Dem gegenüber      nanziellen Aspekten betrachtet
bäudes auf derselben Straße.             steht Baurecht zur Gebäudehö-     werden müssen – erst im zwei-
Was in Neubaugebieten sinn-              he, das auch für jedes Neubau-    ten Schritt erfolgt die Betrach-
voll ist, ist im Denkmalbereich          gebiet angewendet wird. Dass      tung der Wirtschaftlichkeit. Die
eine Katastrophe. Denn gerade            gerade in einem geschützten       Vermischung der Ausschüsse
die Möglichkeit die Bauhöhe              historischen Ortskern mehr Fin-   macht dies nahezu unmöglich.
um ein oder zwei Geschosse zu            gerspitzengefühl gefragt wäre,    OHNE        KONZEPT.        AUCH
erhöhen, garantiert maximale             steht außer Frage.                OHNE EXPERTEN?
Gewinne, lockt Investoren und
                                         BAU- UND DENKMAL-AUS-             Nun ist es für Lokalpolitiker,
führt dazu, dass Abriss immer
                                         SCHUSS IN EINEM                   die in den seltensten Fällen
viel lukrativer ist als Erhalt.
                                         Vor 5 Jahren wurden unter dem     Historiker, Archäologen oder
BEDEUTUNG DER BAUHÖHE                    Druck von Bevölkerung und der     Architekten sind, oft schwer,
IM DENKMALBEREICH                                                          ein Bauvorhaben zu bewerten.
                                                                                                                 4
                                         Initiative Denk mal an Kempen
Doch nicht nur das Streben der           Bau- und Denkmalausschuss         Aus diesem Grund geben die
Investoren nach dem größt-               getrennt. Leider hat sich der     Denkmalexperten des LVR Lan-
möglichen Gewinn spricht für             Wind gedreht. Denkmalschutz       desamts für Denkmalpflege im
die Begrenzung oder noch                 ist teilweise aus dem Tagesge-    Rheinland für jedes Bauvor-
besser Beibehaltung der aktu-            schäft verschwunden und die       haben eine Expertise ab. Zur
ellen Bauhöhe – auch bei Ab-             politische Kompassnadel zeigt     Unterstützung der Entschei-
riss und Neubau. Denn das Ge-            Richtung Umweltschutz. Im Er-     dungsfindung – vor allem aber
biet innerhalb der Wälle ist als         gebnis hat aber der nun eigen-    um gerade das genannte De-
Denkmalbereich geschützt. Hier           ständige Umweltausschuss die      fizit auszugleichen. Doch wer
sollten nicht nur eingetrage-            Eigenständigkeit des Denkmal-     denkt, dies würde dazu führen,
ne Einzeldenkmäler geschützt             ausschusses gekostet. Dabei       dass gerade historische und
sein, sondern auch Gebäudeen-            gab es gute Gründe für einen      denkmalpflegerische Aspekte
sembles und alte Bausubstanz.            eigenständigen     Denkmalaus-    einen großen Stellenwert in den
Vor allem aber auch typisch              schuss. Vor allem aber der        Debatten einnehmen und Be-
                                                                           rücksichtigung finden, der irrt.
                                                                           Kein Abrissvorhaben im Bereich
                                                                           der Altstadt, bei dem sich der
                                                                           LVR gegen den Abriss eines
                                                                           denkmalgeschützten Gebäudes
                                                                           oder historischer Substanz posi-
                                                                           tioniert hat, wurde aufgegeben.
                                                                           Im Gegenteil: Bei jedem einzel-
                                                                           nen dieser Vorhaben der letzten
                                                                           20 Jahre, wurde die ablehnende
                                                                           Haltung der Experten übergan-
                                                                           gen.

Thomas von Kempen, Illustration: Marcel Rau, www.fleckchenerde.de
Kempen - konzeptlos in die Zukunft? - Denk mal an ...
TÖNISBERGER           ZECHEN-              Nun gäbe es natürlich Mög-         existierenden ehemaligen Neu-
    TURM ALS MAHNENDES BEI-                    lichkeiten, diese Tendenz zu       baugebieten in Kamperlings
    SPIEL                                      verlangsamen. Beispielsweise,      und Co. natürlich niedrig.
    Besonders gut in Erinnerung                indem die Bauhöhe für Neu-
                                               bauten in der Altstadt auf die     ÖFFENTLICHES INTERESSE
    geblieben ist in diesem Zusam-
                                               Bauhöhe der vorherigen Be-         ODER EINZELINTERESSE?
    menhang der Zechenturm in
    Tönisberg – auch wenn es sich              bauung begrenzt würde. Sofort      Wie bereits erwähnt begründet
    nicht um ein Gebäude der Alt-              wäre der Abriss für Investoren     sich der Denkmalschutz vor al-
    stadt handelt. Trotz Gutachten             nicht mehr lohnend. Das In-        lem im öffentlichen Interesse
    und zahlreicher Expertenmei-               vestoreninteresse ginge zurück,    am Erhalt der schützenswerten
    nungen, die sich für den Erhalt            mehr Immobilien würden für         Gebäude. Doch genau dieses öf-
    aussprachen, wurde immer wie-              Menschen bezahlbar, die sich       fentliche Interesse findet bei ak-
    der auf den Abriss gedrängt,               auch für die Sanierung eines       tuellen Bauvorhaben im Bereich
    eine Unterschutzstellung ab-               alten Schätzchens begeistern       der historischen Altstadt kaum
    gelehnt. Schließlich musste der            können.                            Berücksichtigung. Im Gegenteil:
    Bauminister des Landes Nord-               Aber auch das Angebot an be-       Neubauvorhaben finden kaum
    rhein-Westfalen     einschreiten,          zahlbarem Wohnraum ließe           durch Einzelpersonen, sondern
    den Abriss durch die Unter-                sich leicht erhöhen. So ist es     beinahe ausschließlich durch
    schutzstellung per Ministerer-             vorgesehen im Neubaugebiet         Investoren und Immobilienge-
    lass stoppen. Ein Vorgang der              Kempen West jeweils gleichvie-     sellschaften statt. Und immer
    nicht nur extrem selten, sondern           le Wohneinheiten in Form von       haben diese Bauvorhaben eines
    auch eine schallende Ohrfeige              Mehrfamilienhäusern, Doppel-       gemeinsam: Es geht um die fi-
    für die Kempener Verwaltung                haushälften und Einfamilien-       nanziellen Interessen Einzelner,
    und Teile der damaligen Lokal-             häusern zu errichten. Auf sechs    nicht um die Interessen der All-
    politik. Das Denkmal erinnert              Einfamilienhäuser und drei         gemeinheit.
    so nicht nur an die Bergbauge-             Doppelhaushälften käme so nur
                                                                                  ÖFFENTLICHES INTERESSE
    schichte, sondern auch an den              ein Mehrfamilienhaus mit sechs
                                                                                  ODER EINZELINTERESSE?
    fehlenden Respekt vor Experti-             Wohneinheiten – ein gewalti-
                                               ger Flächenverbrauch für ver-      Genau an diesem Punkt ist die
    se.
5   BAUHÖHE IN DER ALTSTADT
                                               gleichsweise wenig Wohnraum.
                                               Ganz anders sähe es aus, wenn
                                                                                  Lokalpolitik gefragt. Und das
                                                                                  Beispiel der Kleingärten zwi-
    UND IN NEUBAUGEBIETEN                      man die Aufteilung anhand der      schen Vorsterstraße und St. Tö-
    Das Höhenwachstum im Bereich               Baukörper vornehmen würde ,        niser Straße zeigt, dass Politik
    der Kempener Altstadt nutzt                also genauso viele Mehrfami-       und Verwaltung dazu in der
    also weder dem Denkmalbe-                  lienhäuser, wie Einfamilien- und   Lage sind. Als Reaktion auf ein
    reich, noch dessen Erhalt. Auch            Doppelhäuser errichtet. Dann       Neubauvorhaben wurde das
    für Kempener Bürgerinnen und               kämen auf ein Einfamilienhaus,     Gebiet überplant, um die öko-
    Bürger ist es ein großer Nach-             zwei Doppelhaushälften und ein     logisch wertvolle Fläche lang-
    teil, wenn der Immobilienmarkt             Mehrfamilienhaus. Eine weitaus     fristig zu schützen.
    für Investoren immer lukrati-              sinnvollere und vor allem nach-    Eine entsprechende Planung,
    ver wird: Die Preise steigen in            haltigere Flächennutzung. Die      vor allem aber ein langfristiges
    schwindelerregende Höhen, im-              weitaus mehr Familien eine Hei-    umfassendes Konzept, würde
    mer mehr Familien finden kei-              mat in Zentrumsnähe ermögli-       den Denkmalbereich schützen
    nen bezahlbaren Wohnraum.                  chen würde.                        und aus dem Sperrfeuer von
                                               Besonders grotesk wird es, wenn    Baurecht und Bebauungsplan
                                               man die Bauhöhen im histori-       befreien. So könnte dann auch
                                               schen Ortskern mit denen im        wieder das öffentliche Interesse
                                               Neubaugebiet vergleicht. Wäh-      in den Vordergrund treten. Von
                                               rend bei Kempen-West Wert          einem solchen Konzept würden
                                               darauf gelegt wird, die Bauhö-     dann langfristig wieder Bürge-
                                               he auf maximal dreieinhalb Ge-     rinnen und Bürger, aber auch
                                               schosse zu begrenzen, möchte       Einzelhandel und Gastronomie
                                               man die Höhe der Kempener          profitieren. So wie damals. Beim
                                               Altstadt wo immer möglich auf      letzten großen Konzept: der
                                               dieselbe Geschosszahl erhöhen.     Altstadtsanierung.
                                               Und während der Denkmalbe-
                                               reich so für Investoren und Ab-
                                               riss besonders attraktiv wird,
                                               bleiben die Bauhöhen in den
    Niederberg IV, Illustration: Marcel Rau,
    www.fleckchenerde.de
Kempen - konzeptlos in die Zukunft? - Denk mal an ...
(Foto: 60er Jahre Stadtarchiv Stadt Kempen)
                                                                                                           Blick von der Burg in den Spülwall
Kempen, 60 Jahre danach
von Heinz Wiegers

K
         empen 1961, der um-       haben, so dass er dafür sorgte,    nomie und Dienstleistungen.
         triebige Stadtdirektor    dass die Altstadt als „erneue-     Die Umsetzung der Sanierung
         Klaus Hülshoff ist seit   rungsbedürftiges Wohngebiet“       verlangte eine Überarbeitung
         einem Jahr im Amt,
stets in einer Gemütsverfassung
                                   eingestuft wurde. Das war 1961,
                                   vor nunmehr 60 Jahren, gewis-
                                                                      der planerischen Grundlagen.
                                                                      Zwischen 1969 und 1980 wur-
                                                                                                                                       6
zwischen hoffnungsvoll und ver-    sermaßen der Start in die Alt-     den neun Bebauungspläne auf-
zweifelt, aber stets höchst am-    stadtsanierung.                    gestellt. 2012 kam ein Bebau-
bitioniert und äußerst pragma-     Bis 1965 wurden Ziele festge-      ungsplan für den Klosterhof
tisch. Wenn er seine Amtsstube     legt und das Planerehepaar         hinzu. Im Jahr 1980 wurde das
in der Villa Horten verlässt und   Zlonicky mit der Begleitung des    Denkmalschutzgesetz des Lan-
an der Burg vorbei in die Stadt    Prozesses beauftragt. Dem Pi-      des NRW verabschiedet, mit
geht, umgibt ihn viel histori-     oniergeist, dem Ideenreichtum,     ihm eine Konkretisierung des
sche Bausubstanz mit erheb-        der zupackenden Art und der        Denkmalbegriffs und rechtli-
lichem      Sanierungsrückstand.   hervorragenden      Eigenschaft,   che Vorgaben für den Umgang
Überall erheben sich mehr          Verbindungen zu knüpfen und        mit Denkmälern. Dazu gehörte
oder weniger legale Anbauten,      zu erhalten, die Hülshoff aus-     das Führen einer Denkmalliste.
Kriegsschäden sind mancher-        zeichneten, ist es zu verdan-      In der Kempener Altstadt wur-
orts erkennbar. Produzierendes     ken, dass Kempen als eine der      den bislang 122 Objekte unter
Gewerbe und insgesamt sieben       ersten Städte Modellcharakter      Schutz gestellt und in die Denk-
landwirtschaftliche     Betriebe   erwarb und umfangreiche Zu-        malliste eingetragen. Neben
sorgen für Lärm und Geruchs-       schussmittel generierte. Sicher-   dem Schutz als Einzeldenkmal
belästigungen. Durch die engen     lich wurde im Zuge der Sanie-      genießen sie Umgebungsschutz,
Gassen quält sich ein reger Ver-   rungsmaßnahmen historische         das heißt, dass sie in ihrer Subs-
kehr. Zudem herrscht ein Man-      Bausubstanz entfernt, wäre die     tanz oder ihrem Erscheinungs-
gel an Parkraum. Die Wohn-         eine oder andere Maßnahme          bild nicht durch Maßnahmen
verhältnisse sind sehr beengt,     aus heutiger Sicht besser nicht    in ihrem Umfeld beeinträchtigt
sanitäre Anlagen fehlen oder       erfolgt. Aber insgesamt muss       werden dürfen. Im Dezember
sind kaum zumutbar. Der Au-        die Sanierung der 60er bis 90er    1989 verabschiedete der Rat
tor Detlev Neidhardt kam an-       Jahre als Erfolg bewertet wer-     für die Altstadt eine Denkmal-
gesichts dieser Verhältnisse zu    den. Kempens Altstadt ist sehr     bereichssatzung, die auf der
dem Fazit: „Die Stadt drohte an    attraktiv, es gibt umfangreiche    Grundlage des Denkmalschutz-
sich selbst zu ersticken“. Ähn-    Fußgängerzonen, ein gutes An-      gesetzes diesen ganzen Bereich
lich muss es Hülshoff gesehen      gebot an Einzelhandel, Gastro-     unter Schutz stellte. Ziel wa-
Kempen - konzeptlos in die Zukunft? - Denk mal an ...
ren Erhaltung, Sicherung und       Altstadt“ eine Bestätigung und       resultierende Immobilienboom
    Pflege des historischen Erschei-   die Sanierung gewissermaßen          bedroht ihre Substanz, ihr Flair,
    nungsbildes des Stadtkerns und     ihre Abrundung.                      ihre historische Aussagekraft.
    der Wallanlagen. Die Entwick-      Aus denkmalpflegerischer Sicht       Wenn für 1961 die Aussage
    lung der Altstadt vollzog sich     wäre somit alles bestens, stünden    zutraf: „Die Stadt drohte an
    nicht über das ganze Gebiet        nicht als stete Bestandteile der     sich selbst zu ersticken“, wie
    gleichzeitig und gleichförmig.     Stadtsilhouette Baukräne in          müsste die Aussage für 2021
    Die Satzung definiert daher        der Altstadt. Im Übrigen ist         lauten, wo an dem Ast gesägt
    13 Teilbereiche und schreibt ih-   die Aufgabe, die historische         wird, auf dem wir sitzen?
    nen eine jeweils historisch ge-    Bausubstanz mit modernen             Durch die Bebauungspläne ist
    wachsene Eigenart zu, die es       Ansprüchen        an     Wohnen,     nicht nur Recht, es sind auch
    bei    genehmigungspflichtigen     Dienstleistungen, Gastronomie        Rechte entstanden, die, wie der
    Maßnahmen zu wahren gelte.         oder Verkauf zu vereinbaren          Klartext von Kurt van Doorn
    Damit erhielt das 1965 formu-      ein     Daueranspruch.        Die    aufzeigt, Sorgen bereiten.
    lierte Kernziel der Sanierung      gewonnene            Attraktivität
    „Wahrung des Charakters der        der Altstadt und der daraus

         Hat Kempens Vergangenheit
         eine Zukunft?
         Vom Widerspruch zwischen Bausatzung und Denkmalschutz in der Altstadt
         von Kurt J. van Doorn

        S
                eit Jahrzehnten verändert sich das      Ein Umsteuern ist also dringend geboten!
5
7               Erscheinungsbild der Altstadt so,
                dass der heute typische Charakter
                                                        Am 21. Oktober 2018 hat der Denkmalaus-
                                                        schuss mit einstimmigem Beschluss die Ver-
                und das Flair von Kempen nach der
                                                        waltung beauftragt, ein städtebauliches
         nächsten Generation nur noch rudimentär
                                                        Entwicklungskonzept für die Altstadt mit
         bestehen bleiben wird. Schuld hieran hat
                                                        den Entwicklungszielen zu erstellen, „die
         nicht zuletzt der Zielkonflikt zwischen den
                                                        verschiedenen Funktionen der Stadtmitte
         Anforderungen des Denkmalschutzes einer-
                                                        (insbes. Wohnen, Verwaltung, Einzelhan-
         seits und den wenig denkmalorientierten,
                                                        del, Gastronomie), auf die Gestaltung der
         aber vermeintlich wirtschaftsnahen Vor-
                                                        öffentlichen Räume sowie die Bewahrung
         gaben der Bebauungspläne im Altstadtbe-
                                                        des Gebäudebestandes fest(zu)legen“ und
         reich andererseits.
                                                        auf „Basis einer Stadtbildanalyse … Leit-
         Dieser „Schwebezustand“ besteht genau          linien zur Stadtgestaltung und Denkmal-
         seit dem Jahr, als die Denkmalsatzung der      pflege zu erarbeiten“. Hierbei sollten die
         Stadt Kempen mit folgendem Absatz ver-         „Entwicklungsziele“ „mit dem bestehenden
         abschiedet wurde: „Die Festsetzung der         Planungs- und Denkmalrecht“ abgeglichen
         für den Denkmalbereich geltenden Be-           werden. Weiterhin sollte die „Erstellung
         bauungspläne haben Vorrang vor den Re-         des städtebaulichen Entwicklungskonzep-
         gelungen dieser Satzung.“ (§8 Abs.2). Im       tes „durch ein Fachbüro erfolgen“. Die Ver-
         Klartext bedeutet das eine Rückstufung         waltung wurde beauftragt, „entsprechende
         des Denkmalschutzes gegenüber Investo-         Angebote einzuholen“.
         renbelangen.
                                                        Wir schreiben das Jahr 2021. Im Februar
         So konnte der Klosterhof entstehen; statt      dieses Jahres, also über zwei Jahre später,
         kleinteiliger Bauoptik, wie der neue Kom-      trat der neu gebildete Bau- und Denkmal-
         plex am Ende der Ellenstraße (ab Nr. 15)       ausschuss zusammen. Auf die Frage des
         bei der Mühle, ein wuchtiges Großstadtge-      Verfassers (im Rahmen der Fragestunde),
         bilde in neoklassizistischer Formensprache.    welche Schritte zur Umsetzung dieses Be-
                                                        schlusses bisher erfolgt seien, verwies die
         Ähnliches konnte im Umfeld der Peterstra-
                                                        Verwaltung auf die nächste Sitzung des
         ße 20 knapp vermieden werden.
                                                        Gremiums: Am 7. Juni 2021 sei dies als The-
         Derlei Beispiele, auch aus vergangenen         menschwerpunkt ohnehin vorgesehen.
         Jahren, ließen sich viele finden; wie das
                                                        Man darf gespannt sein!
         Haus Ellenstraße 25 (am „Bärenbrunnen“).
Kempen - konzeptlos in die Zukunft? - Denk mal an ...
Leben im Denkmal

            Ein Haus zum Verlieben
            Z
            von Tina Hirop
                     u den malerischsten
                     Ansichten der Kem-
                     pener Altstadt gehört
                     zweifellos die seit 1983
            denkmalgeschützte Fachwerk-
            zeile der Alten Schulstraße. Die
            um 1609 errichteten Häuser mit
            schiefen Wänden und kleinen
            Fenstern bringen so manchen
            ins Schwärmen. Doch wie lebt es
            sich eigentlich hinter der Fassa-
            de in einem doch so scheinbar
            kleinen und schmalen Haus?
            Einen Einblick und spannen-
            de Hintergründe über das Le-
            ben im Denkmal ermöglichte
            Frau Dr. Ingeborg Unger, deren
            Haus auf der Alten Schulstraße
            durch den Segenspruch: „DIE-
            SE HÄUSER STAT IN GOTES
            HAND BRVCKERCHE STRAT
            SINT SI GENANT“ über der
            Eingangstür geschmückt wird.
            Seit über 30 Jahren wohnt sie
            hier. Wie kam es zu dem Leben
KOPFSTEIN

            in einem über 400 Jahre alten
            denkmalgeschützten Fachwerk-                                                                                      6
                                                                                                                              8
            haus?
            „1984 stand für unsere Familie
            eine große Veränderung an, wir
            wohnten damals in Bonn. Mein
            Mann suchte schon seit länge-
            rem eine Praxis zur Niederlas-
            sung als Laborarzt und fand
            dann letztendlich einen geeig-
            neten Standort in Krefeld. Zu-
            nächst pendelte er täglich durch
            den Berufsverkehr, doch auf die
            Dauer waren die stundenlan-
            gen Fahrten kein Zustand und
            wir entschlossen uns von Bonn
            nach Krefeld zu ziehen“, be-
            richtet sie. Auf der Suche nach                          Die Fachwerkzeile Alte Schulstraße (Foto: Tina Hirop).
            geeignetem Wohnraum, mög-
            lichst einer Eigentumswohnung,      richtete er völlig begeistert        reich bereits größtenteils ab-
            fehlte es der Familie im Kre-       von einem entzückenden Fach-         geschlossen. Der federführende
            felder Stadtgebiet an der aus       werkhaus, in das er sich sofort      Architekt Mathias Maus hatte
            Bonn gewohnten Atmosphäre.          verliebt hatte, und erklärte es      dabei alte marode Balken bis
            Auf Empfehlung einer Bekann-        kurzerhand zum neuen Wohn-           auf einen Eckständerbalken
            ten besuchten sie Kempen und        domizil. Zunächst waren meine        ersetzt und behielt bei allen
            waren von der Altstadt und          Tochter und ich etwas verwun-        Räumlichkeiten die ursprüng-
            Lebensart so begeistert, dass       dert und skeptisch, doch nach-       lichen Deckenhöhen bei. In der
            sie sich eine Zukunft hier sehr     dem wir uns einen eigenen Ein-       ersten Etage gestaltete er im
            gut vorstellen konnten. „Meis-      druck verschafft hatten, waren       vorderen Bereich eine Empore,
            tens übernahm mein Mann die         wir genauso verliebt wie mein        um den hinteren Teil mit groß-
            Besichtigungen auf dem Kem-         Mann“, so Ingeborg Unger.            zügiger Glasfront und Zimmer-
            pener Wohnungsmarkt, und            Zu diesem Zeitpunkt waren            decke bis zum zweiten Stock-
            während eines Telefonates be-       die Sanierungen im Innenbe-          werk genügend Licht zu geben,
Kempen - konzeptlos in die Zukunft? - Denk mal an ...
hof entstand. Diese luftigen           gers ebenfalls darauf, den ur-
                                           Raumaufteilungen lassen sich           sprünglichen Charakter des
                                           von außen keineswegs erah-             Hauses bei Sanierungsmaßnah-
                                           nen und auch nicht die Tatsa-          men beizubehalten, so wurde
                                           che, dass das Haus insgesamt           die marode Haustür nach der
                                           fünf Stockwerke hat, die durch         Originalvorlage      angefertigt
                                           eine optimal gelöste Treppen-          und ausgetauscht. Als das Ehe-
                                           konstruktion miteinander ver-          paar von einem bevorstehen-
                                           bunden sind. Das Fachwerk              den Bauvorhaben im Nachbar-
                                           der Fassade ist größtenteils im        haus erfuhr, dass eine bereits
                                           Innenbereich sichtbar und ver-         genehmigte Installation einer
                                           leiht dem Ganzen gemütliche            Dachterrasse beinhaltete und
                                           Wohlfühlatmosphäre. Auch das           tiefgreifende    Veränderungen
                                           Mobiliar ist wunderbar auf die         in der historischen Bausubstanz
                                           Räumlichkeiten       abgestimmt        bedeutet hätten, erwarben sie
                                           und mit Krügen und histori-            auch dieses Haus, um es nach
                                           schen Ofenkacheln dekoriert,           Begleitung der notwendigen
                                           zu denen die Kunsthistorikerin         Sanierungsmaßnahmen neuen
                                           mit dem Schwerpunkt Keramik            Eigentümern zuzuführen. Wie
                                           ganz besondere Bezüge hat. So          die anderen Häuser der Alten
                                           entdeckte sie auf einem Kölner         Schulstraße im inneren Bereich
                                           Bartmannkrug, der um 1550              ursprünglich aussahen, ist heu-
                                           datiert wurde, den interessan-         te nur noch teilweise sichtbar,
                                           ten Trinkspruch: „ALLAF FUR            da der Wohnraum im Laufe
                                           EINEN GODEN DRUINCK“                   der Jahrhunderte mehrmals
                                           (Vergiss alles, außer einen gu-        an die neuen Wohnformen und
       Der noch originale Ständerbalken
                                           ten Trunk), der nach ihrer Ent-        Bedürfnisse angepasst wurde.
                     (Foto: Tina Hirop).   deckung als Replikat in gerin-         Der Bauforscher und stellver-
    das heute mit einer gemütli-           ger Stückzahl erhältlich war.          tretende Leiter des Museums
    chen Sitzgruppe das Herz des           Ursprünglich war der Ausruf            Burg Linn in Krefeld, Dr. Chris-
    Hauses bildet. Die angrenzen-          „Alaaf“ nicht nur auf den Köl-         toph Dautermann, konnte bei
    de Remise im Hinterhof integ-          ner Karneval beschränkt, der so        Untersuchungen der Fachwerk-
9   rierte er in den Wohnbereich,          viel heißt wie: „über alles“.          zeile an der Alten Schulstraße
    wodurch ein Atrium als Innen-          Großen Wert legten die Un-             Anfang der 1990er Jahre neue

                                            Ingeborg Unger in einem der Wohnräume mit Fachwerkflair (Foto: Tina Hirop).
Erkenntnisse zu Entstehung                stätten von Handwerkern, die
     und damaligem Aussehen ge-                ihre Waren auf den Laden-
     winnen. Demnach handelte es               klappen feilboten, denn am
     sich ursprünglich um Mietshäu-            Haus Nr. 18 deutet ein weiterer
     ser, deren Bau in einem Zuge              Segensspruch auf eine Schus-
     vollzogen wurde, um sie dann              terei und das Erbauungsjahr
     durch Trennwände in einzel-               1609 hin. Das Dachgeschoss
     ne Wohneinheiten zu teilen.               war ebenfalls ausgebaut und
     Der bescheidene Wohnkomfort               wurde zu Wohn- oder Lager-
     verfügte über eine Herdstelle             zwecken genutzt. Teilweise wa-
     im hinteren Bereich. Da kein              ren die vorderen Fronten mit
     Kaminabzug vorhanden war,                 großzügig angelegten Fenstern
     musste der Rauch über die hö-             und Läden versehen, die viel
     her gelegenen Fenster oder                Lichteinfall in die hallenarti-
     den Dachraum entweichen. Mit              gen Räume ermöglichten. Auf
     einer Deckenhöhe von ca. 4 Me-            die Fassadengestaltung legte
     tern besitzt der Raum den Cha-            man seinerzeit trotz aller Be-
     rakter einer Halle und zeigt ein          scheidenheit besonderen Wert,
     wesentliches Merkmal, das heu-            indem das Obergeschoss über        Replikat des Kölner Bartmannkrugs mit
     te noch im Hause Unger vor-               dem unteren Teil hervorragt.         Trinkspruch (Foto: Ingeborg Unger).
     handen ist. Der zur Straße lie-           Diese Vorkragung diente in
     gende Wohnteil verfügte über              diesem Fall nicht, wie öfters
     einen Kellerraum und eine ein-            angenommen, zur Gewinnung          eine Trennwand aufgeteilt und
     gezogene Zwischendecke im                 von mehr Wohnraum, sondern         den neuen Wohnverhältnissen
     Erdgeschoss. Hier waren wohl              dem Zweck der Repräsentanz.        räumlich angepasst. Als Bau-
     die Verkaufsflächen und Werk-             Außerdem erkannte Dauter-          herren der Fachwerkzeile gel-
                                                              mann bei den        ten Johann von Broichhausen
                                                              Häusern Nr. 12      und Gertrud von Overheid, de-
                                                              und 13 durch das    ren gegenüberliegendes Wohn-
                                                              äußere Erschei-     haus Alte Schulstraße 7, eben-
                                                              nungsbild und       falls noch erhalten ist.
                                                              Untersuchun-        Die Familie Unger schätzt nach
                                                              gen im Haus         wie vor die angenehme Atmo-
                                                                                  sphäre in ihrem historischen
                                                                                                                          10
                                                              Nr. 12, dass
                                                              es sich hierbei     Haus, das sie bei jeder Heim-
                                                              ursprünglich        kehr umarmt. Damit drückt In-
                                                              um ein gro-         geborg Unger etwas über das
                                                              ßes Wohnhaus        Empfinden ihres Mannes aus,
                                                              gehandelt hat.      als er das malerische Haus zum
                                                              Im 18. Jahr-        ersten Mal sah und sich sofort
                                                              hundert     wur-    verliebte.
                                                              de es durch

Rekonstruktion der Häuser Alte Schulstraße, Skizze. Aus: Städte am
Niederrhein um 1650, bearbeitet von Christoph Dautermann, Katalog zur
Dauerausstellung der Stadtmodelle im Museum Burg Linn, S. 49.

    152.000 QM
     Schon gewusst? Fast 80 Pro-
     zent der gut 190.000 qm des
                                               von denen die Stadt auch heu-
                                               te noch am stärksten profitiert.
                                                                                  häufig gefordert wird. Hier war
                                                                                  Kempen der Zeit voraus. Und
     Kempener Altstadt-Rundlings               Der Autoverkehr wurde wei-         so laden rund 152.000 qm Besu-
     sind heute Radfahrern und                 testgehend ausgelagert - eine      cher der Altstadt zum Flanieren
     Fußgängern vorbehalten. Mit               Maßnahme, die heute bundes-        und Shoppen ein.
     Sicherheit einer der Aspekte,             weit aus Klimaschutzgründen
historischen Kellers mit sog. Lichtnischen (Foto: Tina Hirop/Firma ardika).
                                                                                                            Baubegleitende Ausgrabung an der Ellenstraße/Ecke Möhlenwall. Reste eines
11

     Quo vadis Kempen? –
     Bodendenkmalschutz und Bo-
     dendenkmalpflege in Kempen
     von Dr. Patrick Jülich

     I
        n Kempen wurde schon viel      „niederrheinischen Rothenburg      Stadt ist lebendiger Organis-
        über Denkmalschutz gere-       ob der Tauber“, dem touristi-      mus und gleichzeitig histori-
        det, aber zu wenig erreicht.   schen Paradebeispiel einer mit-    sches Gebilde. Das eine ist so-
        Noch schlechter steht es um    telalterlichen Stadt in Deutsch-   zusagen nicht ohne das andere
     den Umgang mit Denkmälern,        land.                              zu denken.
     die den Blicken der Menschen      Tatsächlich prägt die mittel-      DAS BODENARCHIV UND
     entzogen sind – den Boden-        alterliche Herkunft der Stadt      SEIN GESETZLICHER
     denkmälern. Doch könnte hier      immer noch unser modernes ur-      SCHUTZ
     Hoffnung in Sicht sein.           banes Umfeld. Der Verlauf von
                                                                          Ein großer Teil unserer Stadt-
     Kempen wirbt an der Auto-         Straßen, die Lage von Plät-
                                                                          geschichte hat sich im Boden
     bahn A 40 mit seiner histo-       zen und historischen Gebäu-
                                                                          eingeschrieben, weshalb auch
     rischen Altstadt. Die meisten     den, aber auch stadtspezifisch
                                                                          gerne der Begriff des Boden-
     Menschen verstehen hierunter      geschichtliche Entwicklungen
                                                                          archivs bemüht wird, wenn es
     oft einen stark mittelalterlich   beeinflussen bewusst oder un-
                                                                          um die teils jahrhundertealten
     geprägten Stadtkern. In einem     bewusst die räumliche Wahr-
                                                                          Hinterlassenschaften der Ein-
     älteren Werbeslogan ist für       nehmung und psychologische
                                                                          wohner geht. Die archäologi-
     Kempen sogar die Rede vom         Deutung des Stadtraums. Die
                                                                          schen Untersuchungen solcher
Hinterlassenschaften ergänzen      te sich dies auf eine Baustel-          Stadt Kempen in Auftrag ge-
historische Quellen, die oft nur   lenbeobachtung beim Ausbau              geben, und wenn doch, offen-
bestimmte rechtliche oder steu-    der Peterstraße zur Fußgän-             sichtlich nicht verwendet. So
erliche Vorgänge umfassen und      gerzone, bei der das Funda-             kam es bis 1998 nur zu fünf
zudem nicht selten spät einset-    ment des zweiten Turmes des             archäologischen Maßnahmen
zen oder sehr lückenhaft über-     Petertores freigelegt wurde.            (inkl. Kirchengrabungen), die
liefert sind. Viele Angaben zur    KEMPEN UND DAS (BODEN-)                 meist nicht mehr als kurze Be-
Baugeschichte von Gebäuden,        DENKMALSCHUTZGESETZ –                   obachtungen oder Meldungen
deren exakte Lage und Bau-         EIN SCHLEPPENDER ANFANG                 waren z. B. am Haus Tiefstra-
weise, aber auch zu Lebens-                                                ße 35, wo mittelalterliche Sied-
und Arbeitsbedingungen der         Viele Städte, hierunter auch            lungsreste beobachtet wurden
Bevölkerung, sind nur durch die    Kempen, sahen sich aber nicht           oder bei der Verlegung der
Archäologie zu erschließen. Ar-    in der Lage, die Bestimmungen           Fernwärmeleitung im Jahr 1992.
chäologische Untersuchungen        des Gesetzes umzusetzen. 1989           Hier wurden Brunnen, Funda-
im Rahmen von Hochbaumaß-          wurde deshalb ein Kolloquium            mentreste (z. B. des Ellentors)
nahmen oder die Begleitung         der     nordrhein-westfälischen         und Abschnitte verschiedener
linearer Projekte wie Kanalsa-     Landesarchäologie zur Boden-            Stadtgräben vorgefunden.
nierungen können einen völlig      denkmalpflege in Altstädten
                                                                           Bis heute sind zudem nur weni-
neuen Einblick in die histori-     durchgeführt. Da viele Denk-
                                                                           ge Kempener Bodendenkmäler
schen Lebensbedingungen, ih-       malschutzbehörden der Städte
                                                                           unter Schutz gestellt worden,
rer Gründung und Entwicklung       und Gemeinden nur über eine
                                                                           hierunter zwei in Tönisberg, kei-
einer Stadt geben. Das archäo-     eingeschränkte Kenntnis ihres
                                                                           nes davon im Ortskern, ein Bo-
logische Bodenarchiv Kempens       Bestandes an Bodendenkmä-
                                                                           dendenkmal in St. Hubert, vier
wird aber nur zum Archiv, also     lern bzw. des archäologischen
                                                                           Bodendenkmäler in Schmal-
zu einem sicheren Aufbewah-        Erwartungspotenzials verfüg-
                                                                           broich und nur vier in Kempen
rungsort für historische Quel-     ten (und leider immer noch
                                                                           (Zentrum und Gemarkung!).
len, wenn wir es als solches       verfügen), kam es weiterhin zu
                                   Zerstörungen archäologischer            DIE MÖGLICHKEITEN EINER
definieren bzw. einrichten und
                                   Substanz. Dies war auch in              GUTEN BODENDENKMAL-
schützen. Das hierfür notwen-
                                   Kempen so. Aus diesem Grund             PFLEGE ODER „MALTA IS
dige Bewusstsein hat sich aber
                                   wurde eine landesweite archäo-          CALLING“
mit Ausnahme von Grabungen
z. B. in der Kirche St. Marien     logische Bestandserhebung an-           Die Stadt Kempen verfügt über
(1948) oder einer kurzen Bau-      geregt, an der viele historische
                                   Stadt- und Ortskerne teilnah-
                                                                           ein breites Tableau bodendenk-          12
stellenbeobachtung beim Neu-                                               malpflegerischer Einflussnah-
bau des Kreishauses an Burg-       men. Ziel war es, den Gemein-           me (Denkmalrecht, Bau- bzw.
straße 24 und einer kurzen         den ein archäologisches „Er-            Bauplanungsrecht vgl. z.B. § 21
Baustellenbeobachtung einer        wartungskataster“ an die Hand           Abs. 4 i.V.m. § 9 Abs. 3 DSchG;
spätmittelalterlichen Kloake im    zu geben. Nach Kenntnislage             § 26 DSchG oder § 70 der Lan-
Jahr 1969 erst spät eingestellt.   des Verfassers wurde ein sol-           desbauordnung). So sind bei-
So wurde im Rahmen der sog.        ches Gutachten nicht durch die          spielsweise bereits im Rahmen
„behutsamen“ Kempener Stadt-
sanierung, die Mitte der 1960er
Jahre begann, alte Kempener
Stadtquartiere großflächig zu-
rückgebaut und mit einer Neu-
bebauung versehen. Zu dieser
Zeit fanden hier, wie in den
meisten rheinischen Städten,
keine begleitenden archäolo-
gischen Untersuchungen statt.
Zwar förderte das europäische
Denkmalschutzjahr 1976 ein
neues öffentliches Bewusstsein
für den historischen Stadt-
raum und seine sichtbare wie
unsichtbare Bebauung, doch
begannen erst mit dem neuen
Denkmalschutzgesetz       Nord-
rhein-Westfalen (DschG NW),
welches im Jahr 1980 in Kraft
trat, erste gezielte archäo-
logische Untersuchungen mit
stadtgeschichtlichen Fragestel-    Archäologische Untersuchung im Rahmen des Gaspipelineausbaus, Landwehr in
lungen. In Kempen beschränk-             St. Hubert-Hinterorbroich (Foto: Sascha Scherm, Firma archaeologie.de).
der Aufstellung von Bebau-
     ungsplänen      Stellungnahmen
     Träger öffentlicher Belange
     zu berücksichtigen (§ 3 Abs. 1
     BauGB und § 4 Abs. 1 BauGB),
     hierunter auch die Belange der
     der Bodendenkmalpflege. Dies
     gilt auch für die Aufstellung
     von     Flächennutzungsplänen.
     Die Stadt Kempen trägt dar-
     über hinaus nach der Konven-
     tion von Malta auch eine be-
     sondere Verantwortung für ihr
     archäologisches       Kulturerbe.
     Hierbei macht die Stadt in jün-
     gerer Zeit von Ihrer gesetzli-
     chen Aufgabe auch zunehmend
     Gebrauch, wie z.B. Ausgrabun-
     gen am Burgparkplatz (1998),
     am Klosterhofquartier (2011),        Noch erhaltene Reste der Wallanlage „Schanze an der Vinnbrück“. Der Versuch
     Ausgrabungen an der Ellen-
     straße (Nr. 14ff, 2017/2018 und                     einer spätmittelalterlichen Stadtgründung. (Foto: Patrick Jülich)
     Nr. 40, 2018), am Markt (Nr.
     10, 2019/2020) und am Vieh-         lage, die etwa die Größe Kre-             Kommunen auch finanzielle
     markt (2016) belegen. Andere        feld-Linns erreicht hätte, sind           Mittel zur Verfügung. Zudem
     tief in die mittelalterliche bis    nicht explizit geschützt, aber            werden Investoren und Privat-
     frühneuzeitliche Bausubstanz        denkmalpflegerisch     dennoch            leuten steuerliche Anreize ge-
     eingreifende Baumaßnahmen           wichtig. So können viele Fragen           währt. Steuererleichterungen
     wie z.B. an der Peterstraße, En-    z.B. wie weit der Stadtausbau             müssen jedoch möglichst früh
     gerstraße oder Oelstraße, aber      schon fortgeschritten war, bis-           beantragt werden. Viel Geld
     auch z.B. im Töpfereiort Tönis-     lang nicht sicher beantwortet             lässt sich auch durch eine gute
     berg erfolgten hingegen ohne        werden. Auch kleine Bodenein-             Vorplanung einer Baumaß-
13   jede offizielle archäologische      griffe können hier wichtige An-           nahme einsparen. Im Ergebnis
     Untersuchung. In Tönisberg          haltspunkte geben. Kehren wir             kann festgehalten werden – Bo-
     wurde sog. malhorndekorier-         zurück in die Altstadt. Zwar              dendenkmalschutz ist bezahl-
     te glasierte Irdenware (besser      steht die Altstadt von Kempen             und wirtschaftlich durchführ-
     bekannt als Niederrheinische        nicht in Ihrer Gesamtheit un-             bar. Dies belegen zahlreiche
     Irdenware) hergestellt. Die         ter Bodendenkmalschutz, doch              archäologische Maßnahmen in
     Hinterlassenschaften der über-      stellt das Gesetz auch sog. ver-          den Nachbarstädten und -ge-
     regional renommierten Tönis-        mutete Bodendenkmäler unter               meinden Kempens.
     berger Töpfereien sind teilwei-     Schutz (§29 DschG).                       DAS DILEMMA DER BODEN-
     se schon ohne archäologische        IST BODENDENKMAL-                         DENKMALPFLEGE
     Begleitung weggebaggert wor-        SCHUTZ BEZAHLBAR?
     den. Schlecht sieht es auch für                                               Als problematisch oder je nach
     Straßen- und Leitungsbaumaß-        Die Kosten für archäologische             Gesichtspunkt pragmatisch er-
     nahmen in der Altstadt (u.a. in     Ausgrabungen trägt meist                  weist sich der Umstand, dass
     einem eingetragenden Boden-         der sog. Veranlasser einer                das Bodendenkmal eigentlich
     denkmal) sowie für den Breit-       Baumaßnahme. Dies können                  als solches erhalten bleiben
     bandausbau im Kempener Um-          Bauinvestoren, der normale                soll. Es wird aber meist als
     land aus. So werden derzeit im      Bürger, aber auch die Stadt               selbstverständlich angesehen,
     Rahmen des Breitbandausbaus         selber sein. Hierbei gilt immer           dieses nach einer wissenschaft-
     im Kreis Viersen auch die länd-     der Grundsatz der Zumutbar-               lichen Dokumentation dem Pri-
     lichen Siedlungen des Kempe-        keit, die sich meist an der Bau-          mat der Bauwirtschaftlichkeit
     ner Umlands erschlossen. Die        investitionssumme      orientiert,        folgend wegreißen zu können.
     Maßnahmen berühren auch             aber gesetzlich nicht festge-             Ein Dilemma der Bodendenk-
     eingetragene oder vermutete         schrieben ist. U. a. nach einer           malpflege, die ja möglichst
     Bodendenkmäler.                     Entscheidung des OVG Sach-                das Denkmal erhalten möchte.
                                         sen-Anhalt (16.06.2010, Az. 2 L           Wie wichtig ein konsequenter
     Als Beispiel ist hier Vinnbrück
                                         292/08), an dem sich auch hie-            Bodendenkmalschutz ist, be-
     zu nennen, eine in ihren Anfän-
                                         sige Denkmalbehörden orien-               weist nicht zuletzt eine der
     gen aufgegebene Stadtgrün-
                                         tieren, gelten hier je nach Fall          letzten Ausgrabungen in der
     dung des Grafen von Geldern.
                                         10 bis 20 %, meist aber 15% als           Kempener Altstadt, die den
     Kleine Teile dieser Stadtanlage
                                         zumutbar. Für eine gute Denk-             Beleg eines befestigten, evtl.
     stehen unter Bodendenkmal-
                                         malpflege stellt das Land den             burgähnlichen Gebäudes mit
     schutz. Der Größte Teil der An-
noch erhaltenem aufgehen-              alterlicher Mauern sein oder              planten Bauarbeiten für einen
den Baubestand erbrachte.              Kelleranlagen. So passiert es             Schul-Campus an der Ludwig-
Befunde dieser Art offenba-            nicht selten, dass sich unter mo-         Jahnstraße sein. Hier wurde
ren aber auch eine Schwäche            dernen Gebäuden noch mittel-              1935 ein römisches Brandgrab
des Denkmalbehördensystems             alterliche oder frühneuzeitliche          entdeckt, mindestens eine wei-
im Rheinland, das eigentlich           Keller befinden, die wiederum             tere Urnenbestattung wurde im
nur durch eine aufmerksame             durch die Bodendenkmalpflege              Umfeld des Thomaeums gefun-
Untere Denkmalbehörde, also            als schutzbedürftig eingeord-             den. Um das beachtliche kultu-
die Stadt selber, ausgeglichen         net werden. Dies erklärt auch             relle Erbe Kempens zu schüt-
werden kann. Es sind jene Be-          warum teilweise historische Ge-           zen, sind die Funktionsträger
reiche, die quasi eine Grau-           bäude abgerissen werden dür-              und –trägerinnen aus Politik
zone der Zuständigkeiten der           fen, dann aber eine archäologi-           und Verwaltung gefragt, ihre
beiden Denkmalfachbehörden             sche Untersuchung angeordnet              gesetzlich zugewiesene Aufga-
des Landschaftsverbandes be-           wird.                                     be des Bodendenkmalschutzes
gründen. So gibt es Gebäude,           Also quo vadis Bodendenkmal-              noch besser und engagierter
die zwar aufgrund zahlreicher          pflege Kempen? Kempen ist                 im Interesse Kempens wahr-
Umbauten nicht mehr als denk-          auf einem guten Weg, doch                 zunehmen. Wohlgemerkt: Bo-
malwürdig angesehen werden             scheint, verbunden mit dem                dendenkmalschutz ist keine
und somit durch das Raster             Blick nach Unten, immer noch              „Kann“-, sondern eine „Muss“-
der Denkmalpflege fallen, aber         Luft nach Oben zu bestehen,               Aufgabe. Bodendenkmalpflege
dennoch Gebäudeteile aufwei-           wie u. a. derzeitige archäolo-            hingegen ist Planung verbun-
sen, die sehr wichtige histo-          gisch unbegleitete Erdarbeiten            den mit Weitsicht.
rische Aussagen ermöglichen            im Bodendenkmal Stadtbefes-
und in diesem Sinne als Denk-          tigung Kempen und in der Alt-
mal eingestuft werden müssten.         stadt zeigen. Ein zukünftiger
Dies können z. B. Reste mittel-        Prüfstein könnten auch die ge-

                                                                                                                          14

        Stadtgebiet Kempen. Kartierung der unter Schutz gestellten Bodendenkmäler (Bearbeitung: Patrick Jülich, Quelle:
                                                                                Geoportal Niederrhein/Kreis Viersen).
Eindrücke des Kempener Wandels
      von Josef Lamozik

      Bröckelnder Putz und marodes Mauerwerk
      Lange Zeit war dies ein Bild im Herzen der Altstadt. Mit viel Liebe zum Detail und dem Wunsch, Altes
      zu bewahren, ist eine vortreffliche Umgestaltung und Erneuerung am Studentenacker gelungen.

                              Studentenacker Ende der 60er Jahre                Im Jahr 2012 (Foto: Josef Lamozik)
                                 (Foto: Bildarchiv Stadt Kempen)

      Kempen im Wandel der Zeit
      Ein typisches Sanierungsbild: Abbruch der Lagerhallen und der Rückfront des ehemaligen Lebensmittel-
      geschäftes Hubbertz im Möhlenwall. Anstelle der maroden Gebäude entstand ein architektonisch gut
      gelungener Neubau. Auf einer kleinen gekachelten Fläche steht “der Krug” (Januar 2001) von Inge Mahn.
15

                                   Möhlenwall in den 70er Jahren                Im Jahr 2012 (Foto: Josef Lamozik)
                                 (Foto: Bildarchiv Stadt Kempen)
      Kleene Hüskes
      Eine Zeile “kleener Hüskes” mit unterschiedlichen Baustilen befand sich in der Ölstraße. Den Neubau nennt
      der Volksmund das “Drei Giebelhaus”. An das “Drei Giebelhaus” schließt sich der “St. Annenhof” an.

     Ölstraße Ende der 70er Jahre (Foto: Bildarchiv Stadt Kempen)               Im Jahr 2012 (Foto: Josef Lamozik)
Marcel Rau, www.fleckchenerde.de
Kempener Skyline, Illustration:

                                   Das Denkmal in der Liste -
                                   Eine kurze Eintragsgeschichte
                                   von Heinz Wiegers

                              W
                                                 enn von Denk-       Die Eintragung erfolgt von         getragen. Damit erfolgte ein
                                                                                                                                            16
                                                 mälern in Kem-      Amts wegen, auf Antrag des         Drittel der Eintragungen be-
                                                 pen gesprochen      Eigentümers oder des Land-         reits im Anfangsjahr.
                                                 wird, fallen oft    schaftsverbandes in getrennten     Sicherlich hat man zunächst
                                   die Stichworte „Eingetragenes     Listen im Benehmen der Unte-       all das abgearbeitet, was im
                                   Bau- oder Bodendenkmal“ und       ren Denkmalbehörde mit dem         wahrsten Sinne naheliegend
                                   „Denkmalliste“. Worum handelt     Landschaftsverband. Mit der        erschien: Unstrittige, stadtbe-
                                   es sich dabei? Wofür braucht      Eintragung ergeben sich für die    kannte Denkmäler und Gebäu-
                                   man eine solche Liste und wie     Objekte besondere Garantien,       de in der Altstadt, deren Ge-
                                   und von wem wird diese Liste      Auflagen und Privilegien, die in   bäudebestand im Rahmen der
                                   in Kempen geführt? Wo steht       dem Gesetz geregelt sind.          Sanierung bestens erforscht
                                   unsere Stadt im Vergleich mit     Die Aufgabe, eine Denkmalliste     war. Das Tempo richtete sich je-
                                   den Nachbarstädten und –ge-       für Kempen zu erstellen, wur-      weils nach den in den Blick ge-
                                   meinden, und wo will sie in Zu-   de damals dem Direktor des         nommenen Gebäuden und Zu-
                                   kunft stehen?                     Kramer-Museums, Dr. Carsten        sammenhängen. So erfolgten
                                   Mit dem Gesetz zum Schutz         Sternberg und seinem Kustos        viele Eintragungen, wenn es um
                                   und zur Pflege der Denkmäler      Werner Beckers übertragen.         Denkmalbereiche, Ensembles
                                   im Land Nordrhein-Westfalen       Zuständig als Denkmalaus-          oder Gebäudegruppen ging,
                                   (Denkmalschutzgesetz)      vom    schuss wurde 1983 der Kultur-      wie z. B. die Arnoldsiedlung, die
                                   11.3.1980 erhielten die Unteren   ausschuss, nunmehr Kultur- und     Ringbebauung, Heiligenhäus-
                                   Denkmalbehörden den Auf-          Denkmalausschuss.                  chen oder Fußfallstationen.
                                   trag, Denkmallisten zu führen.    Die erste Eintragung galt der      Von 1990 bis 1993 wurden ins-
                                   In diese Listen sollen Baudenk-   Probsteikirche, es folgten Burg,   gesamt 134 Eintragungen vor-
                                   mäler, ortsfeste Bodendenkmä-     Kuhtor und Stadtbefestigung.       genommen, genau die Hälfte
                                   ler und bewegliche Denkmäler,     Bis zum Ende dieses ersten Jah-    der bis heute 268.
                                   die von historischer Bedeutung    res wurden 91 Objekte haupt-       In 16 von inzwischen 38 Jahren
                                   sind, eingetragen werden.         sächlich aus der Altstadt ein-     wurde nichts eingetragen. Die
letzten Eintragungen galten                 52 im restlichen Stadtgebiet,       darf also vermuten, dass Kem-
     Grabmalen in Tönisberg, ange-               also in St. Hubert, Tönisberg,      pen die Stadt bzw. Gemeinde
     regt vom dortigen Heimatver-                Schmalbroich mit Honschaften.       mit der höchsten Dichte an his-
     ein. Das mit der Nummer 276                 41 Denkmäler, hierunter Heili-      torischer Bausubstanz im Kreis
     vorletzte aufgeführte Denk-                 genhäuschen, Fußfallstationen,      ist.
     mal ist der Zechenturm mit                  Grabmäler, Kriegerdenkmale          Die jüngsten eingetragenen
     Schachthalle und Förderma-                  oder Denkmale und kleinere          Gebäude sind neben den be-
     schinenhaus. Die Eintragung                 Bauwerke.                           reits erwähnten Gebäuden der
     erfolgte 2015 auf Anordnung                 Vergleicht man die Kempener         Zeche Niederberg 4 die ehem.
     des Ministers, der damit den                Liste der Baudenkmäler mit          Martinschule von 1929 und
     Abriss verhinderte. Die Liste               anderen Listen im Kreisgebiet,      das Wohnhaus am Möhlenring
     endet mit der ebenfalls 2015                kann man feststellen, dass Kem-     46/48 von 1930/31. Sicherlich
     eingetragenen Nummer 277                    pen, was die Zahl der Eintra-       ist in den neunzig Jahren da-
     (Grabstein von Pelden gen.                  gungen angeht, klar an zweiter      nach einiges gebaut worden,
     Cloudt). Seit jenem Jahr ist kein           Stelle steht. Nur die Stadt Vier-   was man unter denkmalpflege-
     Denkmal mehr eingetragen                    sen hat mehr zu bieten. Dort        rischen Gesichtspunkten unter
     worden. Neun Nummern sind                   wurde im März 2021 die Num-         die Lupe nehmen sollte. Da in
     als sog, „Freier Speicher“ nicht            mer 542 vergeben. Allerdings        den Außenbereichen und den
     vergeben.                                   ist Viersen von der Fläche und      Stadtteilen St. Hubert, Tönis-
     Von den 268 Denkmälern be-                  Einwohnerzahl mehr als dop-         berg und Schmalbroich weniger
     finden sich 216 in Kempen,                  pelt so groß wie Kempen. Man        Denkmäler eingetragen sind
                                                                                     als in anderen Kreisgemeinden,
                                                                                     muss auch hier geprüft werden,
                                                                                     ob Nachholbedarf besteht.
                                                                                     Dies gilt auch für die Liste der
                                                                                     Denkmalbereiche mit drei Ein-
                                                                                     tragungen und eine Liste der
17                                                                                   Bodendenkmäler. Hier war man
                                                                                     mit nur 12 Eintragungen deut-
                                                                                     lich zurückhaltender. Nur Tönis-
                                                                                     vorst hat mit 10 weniger auf-
                                                                                     zuweisen. Viersen mit 37 und
                                                                                     Nettetal mit 26 deutlich mehr.
                                                                                     Die zwölf Eintragungen ver-
                                                                                     teilen sich auf 7 von 38 Jahren,
                                                                                     1992 wurden 4 Eintragungen
                                                                                     vorgenommen, die letzte er-
                                                                                     folgte 2012. Bewegliche Denk-
                                                                                     mäler wurden bislang nicht ein-
                                                                                     getragen.
                                                                                     Es bleibt also noch Einiges zu
                                                                                     tun! Hierbei sind nicht nur die
                                                                                     kommunalen Institutionen ge-
                                                                                     fordert, auch Bürger und Bür-
                                                                                     gerinnen, die Gebäude oder
                                                                                     Bodenrelikte mit Denkmalpo-
                                                                                     tential besitzen, können sich da
                                                                                     einbringen!

     Tiefstraße, Illustration: Marcel Rau, www.fleckchenerde.de
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