Konjunkturtendenzen Sommer 2022 - Die Volkswirtschaft

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Kapitel „Grundlagen“, 1.5 / Schutzzone
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Sommer 2022

Konjunkturtendenzen
Redaktionsschluss

Wirtschaftslage Schweiz: 20. Mai 2021
Übrige Kapitel: 7. Juni 2021

Impressum                                                 AutorInnen

Die « Konjunkturtendenzen » erscheinen viermal pro Jahr   Fischer Sarah
                                                          Indergand Ronald
ISSN 1661-3767                                            Kemeny Felicitas
SECO                                                      Neuwirth Stefan
Staatssekretariat für Wirtschaft                          Pochon Vincent
Direktion für Wirtschaftspolitik                          Ragni Thomas
Holzikofenweg 36                                          Schmidt Caroline
3003 Bern                                                 Speiser Amélie
                                                          Wegmüller Philipp
Tel. 058 462 42 27                                        Widmer Simon
Fax 058 463 50 01

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Wirtschaftslage                       Konjunktur-                           Internationales
Schweiz                               prognose                              und monetäres
                                                                            Umfeld
Überblick                             Prognose Schweiz                      Weltwirtschaft
Im 1. Quartal 2022 setzte sich die    Mit der Aufhebung der gesund-         Im 1. Quartal 2022 wurde die Er-
Erholung der Schweizer Wirt-          heitspolitischen Massnahmen ist       holung der Weltwirtschaft durch
schaft erwartungsgemäss fort.         eine weitere Erholung der Binnen-     die Ausbreitung der Omikron-Vari-
Auch der Arbeitsmarkt entwi-          wirtschaft zu erwarten, die sich      ante sowie den Ausbruch des Uk-
ckelte sich positiv. Die Preise zo-   gemäss der aktuellen Indikatoren-     raine-Kriegs    gebremst.     Ver-
gen weiter an.                        lage für die Schweiz in naher Zu-     schärfte Massnahmen zur Ein-
                       Seite 1       kunft fortsetzen dürfte. Im weite-    dämmung des Coronavirus, Lie-
                                      ren Verlauf des Prognosehorizonts     ferengpässe, kräftige Anstiege der
Bruttoinlandprodukt                   könnten die Effekte des Kriegs in     Rohstoff- und Energiepreise sowie
Im 1. Quartal 2022 wuchs das BIP      der Ukraine allerdings stärker aus-   eine erhöhte Unsicherheit dämpf-
der Schweiz moderat um 0,5 %          fallen als bisher erwartet. Die Ex-   ten im Verlauf des 1. Quartals den
(Sportevent-bereinigt: 0,4 %). Wie    pertengruppe senkt ihre Wachs-        Wirtschaftsgang in den meisten
im Vorquartal kam von der Indust-     tumsprognose für die Schweiz          grossen Wirtschaftsräumen. Die
rie ein kräftiger Impuls. Der         2022 auf 2,6 %.                       Auftragslage ist aber verbreitet
Dienstleistungssektor trug hinge-                          Seite 14        gut, und die Arbeitsnachfrage ist
gen unterdurchschnittlich bei.                                              hoch.
                     Seite 2         Risiken                                                    Seite 19
                                      Die Unsicherheit im Zusammen-
Arbeitsmarkt                          hang mit dem Ukraine-Konflikt ist     Monetäre Entwicklung
Die Corona-Pandemie hatte den         sehr gross. Die Schweizer Wirt-       Die bereits hohen Inflationsraten
Arbeitsmarkt Mitte März 2020 un-      schaft würde empfindlich getrof-      sind in den vergangenen drei Mo-
vermittelt getroffen. Gut zwei        fen, sollte es zu einem deutlichen    naten nochmals angestiegen. Dies
Jahre später hat er sich zu einem     Wirtschaftsabschwung bei wichti-      ist grösstenteils auf den anhalten-
grossen Teil erholt.                  gen Handelspartnerländern kom-        den Aufwärtstrend der Rohwaren-
                                      men. Weitere Risiken gehen von        preise zurückzuführen. Nach der
                    Seite 11         der stark angestiegenen Verschul-     Bank of England hat inzwischen
                                      dung aus.                             auch die US-Notenbank den Leit-
Preise                                                      Seite 15       zins in den letzten Monaten zwei-
Die Inflation setzte den jüngsten                                           mal erhöht. In der Schweiz und im
Aufwärtstrend fort und erreichte      Szenario                              Euroraum wurde die expansive
im April 2,5 %. Ähnlich hohe          Angesichts der grossen Unsicher-      Geldpolitik bisher beibehalten. Die
Werte wurden letztmals im             heit im Zusammenhang mit dem          Europäische Zentralbank hat aber
Jahr 2008 verzeichnet. Im Gegen-      Ukraine-Konflikt ergänzt das SECO     eine erste Zinserhöhung für Juli
satz zu damals ist aktuell aber       die Prognose der Expertengruppe       angekündigt. Die Aktienmärkte
rund die Hälfte der Inflation auf     um ein Negativszenario. In diesem     haben seit Anfang Jahr verbreitet
höhere Energiepreise zurückzu-        wird angenommen, dass Erdgas-         nachgegeben. Auf der anderen
führen. Im Vergleich zum Ausland      lieferungen aus Russland nach Eu-     Seite haben die höheren Inflati-
bleibt die Inflationsentwicklung in   ropa weitgehend und nachhaltig        onserwartungen die Langfristzin-
der Schweiz bislang moderat.          wegfallen und diese kurzfristig nur   sen steigen lassen.
                      Seite 13       teilweise durch alternative Quel-                              Seite 23
                                      len ersetzt werden können.
                                                           Seite 17
WIRTSCHAFTSLAGE SCHWEIZ

Wirtschaftslage Schweiz
Überblick
Im 1. Quartal 2022 setzte sich die Erholung der Schwei-                     Vergleich zu anderen Ländern und zu vergangenen Jahr-
zer Wirtschaft erwartungsgemäss fort. Sportevent-berei-                     zehnten blieb sie aber weiterhin moderat. Insgesamt
nigt wuchs das BIP um 0,4 % (Abbildung 1), was im Be-                       dürften die bremsenden Effekte der Preisanstiege auf die
reich des historischen Mittels liegt. Auch der Arbeits-                     Konsumaktivität daher vergleichsweise begrenzt gewe-
markt entwickelte sich positiv: Die Beschäftigung stieg                     sen sein.
abermals deutlich an, und die entsprechenden Frühindi-
katoren lassen einen weiteren Personalaufbau bei den                        Die Konjunkturindikatoren deuten am aktuellen Rand auf
Unternehmen erwarten.                                                       eine Fortsetzung der Erholung, wenn auch auf eine we-
                                                                            niger dynamische, als noch zu Jahresbeginn hatte erwar-
Abbildung 1: BIP und PMI                                                    tet werden können. So hat der Index der Schweizer Kon-
BIP: real, saison- und Sportevent-bereinigt, in % ggü. Vorquar-             junkturstimmung (KSS) nachgegeben; er befindet sich
tal, PMI: saisonbereinigt, 50 = Wachstumsschwelle                           aber weiterhin deutlich über dem historischen Mittel-
 80                                                                  8.0    wert (Abbildung 2). Während sich die Einschätzung der
 70                                                                  6.0    aktuellen Lage in den vergangenen Monaten kaum ver-
 60                                                                  4.0    ändert hat, waren die Ergebnisse für die erwartete Ent-
 50                                                                  2.0    wicklung im April nur noch leicht überdurchschnittlich.
 40                                                                  0.0    Grosse Unterschiede bestehen allerdings zwischen Haus-
 30                                                                  -2.0   halts- und Unternehmensumfragen. Die Konsumenten-
 20                                                                  -4.0   stimmung hat sich deutlich eingetrübt (vgl. S. 4), wäh-
 10                                                                  -6.0   rend die Einkaufsmanagerindizes (PMI) für die Industrie
  0                                                                  -8.0   und für den Dienstleistungssektor auch im April deutlich
           2018        2019         2020       2021        2022             über der Wachstumsschwelle zu liegen kamen (Abbil-
      BIP-Wachstum (rechte Skala)   PMI Industrie   PMI Dienstleistungen    dung 1).
                                                Quellen: SECO, CS/Procure
                                                                            Abbildung 2: Konjunkturstimmung Schweiz (KSS)
                                                                            Abweichung ggü. dem langfristigen Mittelwert, Beiträge der
Das verarbeitende Gewerbe trug im 1. Quartal massge-
                                                                            Komponenten
blich zum Wachstum bei; die Warenexporte wuchsen
                                                                             2.0
breit über die Rubriken abgestützt. Zudem erholten sich
                                                                             1.5
die Konsumausgaben der privaten Haushalte weiter vom                         1.0
starken Einbruch in der Corona-Krise. Zwar wirkten sich                      0.5
die Massnahmen zur Eindämmung des Coronavirus                                0.0
bremsend auf Teile der Konsumnachfrage aus. Gegen-                           -0.5
über den ersten Corona-Wellen wurde die Wirtschaft                           -1.0
aber deutlich weniger stark beeinflusst. Mitte Februar                       -1.5
wurden die Massnahmen weitestgehend gelockert.                               -2.0
                                                                             -2.5
Die Konsumteuerung überschritt ab Februar erstmals                                   2018       2019       2020           2021      2022
seit 2008 die Marke von 2 % gegenüber dem Vorjahr, im                                       Erwartungen   Aktuelle Lage     KSS

                                                                                                                                  Quelle: SECO

                                                                                               Konjunkturtendenzen SECO │Sommer 2022 1
BRUTTOINLANDPRODUKT

Bruttoinlandprodukt
Produktion                                                                      (−0,4 %). Die Branche ist von den Auswirkungen der glo-
Im 1. Quartal 2022 wuchs das BIP moderat um 0,5 %                               balen Lieferengpässe und von gestiegenen Rohstoffprei-
(Sportevent-bereinigt: 0,4 %; Abbildung 1 sowie S. 8).                          sen stark betroffen. So stiegen beispielsweise die Import-
Wie im Vorquartal kam von der Industrie ein kräftiger Im-                       preise für Zementprodukte im April um gut 8 % gegen-
puls: Der 2. Sektor lieferte insgesamt einen Beitrag zum                        über dem Vorjahr. Zudem fällt es den Bauunternehmen
BIP-Wachstum von 0,3 Prozentpunkten, was über dem                               zunehmend schwer, geeignete Fachkräfte zu rekrutieren.
historischen Mittelwert liegt. Vom Dienstleistungssektor
hingegen kam ein unterdurchschnittlicher Beitrag in der                         Die Omikron-Welle und die damit einhergehenden Ein-
Höhe von 0,2 Prozentpunkten. Zu Jahresbeginn wirkten                            dämmungsmassnahmen hemmten die Erholung in ver-
sich die Omikron-Welle und die damit einhergehenden                             schiedenen Branchen. Allen voran das Gastgewerbe ver-
Eindämmungsmassnahmen bremsend aus.                                             zeichnete eine deutlich rückläufige Wertschöpfung
                                                                                (−2,2 %). Die im Januar gültige 2-G-Zertifikatspflicht (Zu-
Die Wertschöpfung des verarbeitenden Gewerbes ver-                              gang nur für geimpfte und genesene Personen), die all-
zeichnete insgesamt ein Wachstum von 1,7 % und kam                              gemeine Maskenpflicht sowie die bis Anfang Februar gel-
damit fast 13 % über dem Vorkrisenniveau zu liegen.                             tende Homeoffice-Pflicht lasteten auf der Geschäftstätig-
Während die chemisch-pharmazeutische Industrie nach                             keit der Gastronomie. Die Hotellerie vermochte dies
mehreren ausserordentlich starken Quartalen nur mit                             nicht zu kompensieren: Die Schweizer Bevölkerung ging
abgeschwächtem Tempo wuchs (+0,3 %), verzeichneten                              in den Wintermonaten wieder vermehrt ins Ausland in
die übrigen Industriebranchen im Zuge dynamischer Wa-                           die Ferien. Entsprechend gingen die Logiernächte der In-
renexporte ein überdurchschnittlich starkes Wachstum                            länder gegenüber dem Vorquartal saisonbereinigt um
(Abbildung 3). Wie beispielsweise aus der PMI-Umfrage1                          9 % zurück, lagen damit aber immer noch deutlich über
von April hervorgeht, ist die Stimmung trotz anhaltend                          dem Vorkrisenniveau. Gleichzeitig nahmen jene der aus-
langer Lieferfristen und hoher Einkaufspreise weiter zu-                        ländischen Gäste nur um 2 % zu. Insgesamt besteht wei-
versichtlich. Die Unternehmen erfreuen sich an weiter-                          terhin ein grosses Aufholpotenzial: Die Wertschöpfung
hin sehr gut gefüllten Auftragsbüchern; dementspre-                             des Gastgewerbes lag im 1. Quartal noch immer über
chend sind die Produktionskapazitäten so stark ausgelas-                        20 % unter dem Vorkrisenniveau.
tet wie seit 2008 nicht mehr.
                                                                                Von den Eindämmungsmassnahmen negativ betroffen
Abbildung 3: Wertschöpfung im Industriesektor                                   war auch die Transport- und Kommunikationsbranche.
Real, saisonbereinigt, in %                                                     Zwar stieg die Wertschöpfung leicht an (+0,2 %), aller-
                                                                                dings liegt sie immer noch mehr als 6 % unter dem Vor-
           Energie
                                                                                krisenniveau (Abbildung 5). Im Januar war die Mobilität
                                                                                der Bevölkerung aufgrund der Homeoffice-Pflicht einge-
               Bau                                                              schränkt. Mit den letzten Lockerungsschritten ab Februar
                                                                                2022 hat sich die Mobilität der Schweizer Bevölkerung al-
Chemie, Pharma                                                                  lerdings weitgehend normalisiert. Die durchschnittlich
                                                                                pro Person zurückgelegten Kilometer pro Woche liegen
    übriges verarb.                                                             mittlerweile deutlich über dem Niveau von vor einem
      Gewerbe
                                                                                Jahr. Die Transportbranche profitierte von der robusten
                      -6   -3   0    3      6     9   12    15    18      21    Industrieentwicklung: Die Menge per Schiene, Strasse
       Wachstum im 1. Quartal 2022       Abweichung zum Vorkrisenniveau         und Flugzeug transportierter Güter hat mittlerweile den
                                                                 Quelle: SECO   Vorkrisenstand erreicht oder bereits deutlich überschrit-
                                                                                ten. Auch die Passagierzahlen an den Schweizer Flughä-
Die Wertschöpfung in der Energiebranche ging im                                 fen erreichten zuletzt beinahe wieder das Niveau von
1. Quartal leicht zurück (−0,1 %). Zwar kam das AKW                             2019.
Leibstadt nach einer mehrmonatigen Revision per
Mitte Dezember wieder ans Netz, in den Wintermonaten                            Einen deutlichen Rückgang verzeichnete der Detailhan-
wurde allerdings bei den Speicher- und Laufkraftwerken                          del (−2,5 %). Während die Umsätze mit Nahrungsmitteln
weniger Strom produziert als in derselben Periode in den                        gegenüber dem Vorquartal anstiegen, gingen jene im
Vorjahren. Auch im Baugewerbe sank die Wertschöpfung                            Non-Food-Bereich deutlich zurück (Abbildung 4). Die Ein-
                                                                                dämmungsmassnahmen und die hohe Viruszirkulation
1   https://www.procure.ch/fileadmin/user_upload/Dokumente/PROCURE_SWISS_MAGAZIN/PMI/PMI_April_2022_Deutsch.pdf

2 Konjunkturtendenzen SECO │ Sommer 2022
WIRTSCHAFTSLAGE SCHWEIZ

dürften zumindest teilweise vom Besuch gastronomi-                               Trotz Zertifikatspflicht in der ersten Quartalshälfte hat
scher Betriebe abgehalten und den Konsum zu Hause ge-                            sich die Erholung in der von der Krise stark betroffenen
stützt haben. Insgesamt bewegen sich die Umsätze wei-                            Branche Kunst, Unterhaltung und Erholung fortgesetzt.
terhin auf hohem Niveau; entsprechend schätzen die De-                           Das Quartalsergebnis dieser Branche ist auch durch die
tailhändler den Geschäftsgang nach wie vor überdurch-                            im Februar 2022 in China ausgetragenen Olympischen
schnittlich positiv ein. Im übrigen Handel stieg die Wert-                       Winterspiele beeinflusst, sodass die Wertschöpfung der
schöpfung im 1. Quartal leicht an (+0,8 %), gestützt ins-                        Branche insgesamt im 1. Quartal beträchtlich anstieg
besondere durch die positive Industriedynamik (Abbil-                            (+9,8 %). Bereinigt um diesen Effekt, resultierte dennoch
dung 5).                                                                         ein solides Wachstum (+2,4 %), womit die Sportevent-
                                                                                 bereinigte Wertschöpfung der Branche erstmals seit Aus-
Abbildung 4: Detailhandelsumsätze                                                bruch der Corona-Pandemie über das Vorkrisenniveau
Index, real, saisonbereinigt                                                     kletterte.
 140
 130                                                                             Sportevent-bereinigt lag das BIP-Wachstum im 1. Quartal
 120                                                                             bei 0,4 %, gegenüber +0,5 % ohne Sportevent-Bereini-
 110                                                                             gung (Abbildung 6).
 100
  90                                                                             Abbildung 6: BIP und internationale Sportgrossanlässe
  80                                                                             Real, saisonbereinigt, Veränderung zum Vorquartal in %
                                                                                  8
  70
            2018          2019       2020          2021            2022           6

                   Nahrungsmittel, Getränke, Tabak                                4
                   Übrige Warengruppen (ohne Treibstoffe)                         2
                                                                   Quelle: BFS    0
                                                                                  -2
Die Finanzdienste (+1,1 %), das Gesundheits- und Sozial-                          -4
wesen (+0,7 %) sowie die öffentliche Verwaltung (+0,1 %)                          -6
blicken auf ein positives Quartalsergebnis zurück. Hinge-                         -8
gen stagnierte die Wertschöpfung bei den unterneh-                                      2018        2019         2020          2021     2022
mensnahen Dienstleistungen, bei den sonstigen Dienst-                                              BIP     BIP Sportevent-bereinigt
leistungen war sie gar rückläufig (−0,8 %).                                                                                           Quelle: SECO

Abbildung 5: Wertschöpfung Dienstleistungsbranchen
Real, saisonbereinigt, in %
Gesundheit, Soziales
    Unternehmens-
     nahe Dienste
        Finanzdienste

         Gastgewerbe
      Transport,
    Kommunikation
              Handel

                        -24 -21 -18 -15 -12   -9   -6     -3   0     3    6
       Wachstum im 1. Quartal 2022    Abweichung zum Vorkrisenniveau
                                                               Quelle: SECO

                                                                                                    Konjunkturtendenzen SECO │Sommer 2022 3
BRUTTOINLANDPRODUKT

Verwendung                                                                  dürfte dies die Bereitschaft zu grösseren Anschaffun-
Konsum                                                                      gen dämpfen. Andererseits dürften die Konsumentin-
Der private Konsum stieg im 1. Quartal um 0,4 % nach                        nen und Konsumenten auf Kaufkraftgewinne in der
einem moderaten Wachstum von 0,3 % im Vorquartal                            jüngsten Vergangenheit zurückblicken: Die Arbeitneh-
(Abbildung 7 sowie S. 9 f.)2.                                               merentgelte lagen im 1. Quartal 3,9 % über dem Vor-
                                                                            jahreswert3; der Landesindex der Konsumentenpreise
Die verschärfte pandemische Lage prägte die Konsum-                         stieg im Vergleich zum Vorjahresquartalsdurchschnitt
ausgaben in der ersten Quartalshälfte: Die Homeoffice-                      um 2,1 %.
Pflicht bzw. -Empfehlung führte zu einer grösseren
Nachfrage nach Nahrungsmitteln und Getränken im                             Abbildung 8: Konsumentenstimmung
Detailhandel, weil das Essen wiederum öfter zu Hause                        Abweichung vom Mittelwert ab 1972 = 0, saisonbereinigt
zubereitet wurde. Auch die Ausgaben für Mobilität san-                       20
ken, gebremst auch von Lieferengpässen bei Automo-                           10
bilen, die sich seit dem Ausbruch des Krieges in der Uk-                       0
raine akzentuiert haben.                                                     -10
                                                                             -20
Die Eindämmungsmassnahmen schränkten die Kon-                                -30
summöglichkeiten aber deutlich weniger stark ein als in
                                                                             -40
den ersten Corona-Wellen, zudem wurden sie ab                                         2018            2019        2020           2021          2022
Mitte Februar weitestgehend aufgehoben. Entspre-
                                                                               Anschaffungsneigung                  Vergangene finanzielle Lage
chend übertrafen die Ausgaben für Restaurant-, Beher-                          Erwartete finanzielle Lage           Erwartete Wirtschaftsentwicklung
bergungs- und Freizeitdienste das Niveau des Vorquar-                          Konsumentenstimmung (Abweichung vom Mittelwert ab 1972)
tals. Insbesondere erhöhten sich die Konsumausgaben                                                                                          Quelle: SECO
für Auslandreisen spürbar, auch wenn sie noch deutlich
unter dem Vorkrisenniveau verblieben.                                       Die Konsumausgaben des Staates stiegen im 1. Quartal
                                                                            erheblich an (+1,4 %; Abbildung 9). Wie im Vorquartal
Abbildung 7: Privater Konsum                                                trugen dazu insbesondere Ausgaben im Zusammen-
Real, saisonbereinigt, Niveau in Mrd. Franken                               hang mit der Corona-Pandemie bei. So wurden im Zuge
12                                                                    98    der Omikron-Welle im 1. Quartal fast 40 % mehr Tests
    9                                                                 95    auf Covid durchgeführt als im Vorquartal. Ausgaben im
    6                                                                 92    Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg bzw. der damit
    3                                                                 89    einhergehenden Flüchtlingsbewegung dürften sich im
                                                                            weiteren Jahresverlauf erheblich auf den Staatskonsum
    0                                                                 86
                                                                            auswirken.
    -3                                                                83

    -6                                                                80
                                                                            Abbildung 9: Staatskonsum
    -9                                                                77    Real, saisonbereinigt, Niveau in Mrd. Franken
         13   14    15    16    17    18    19   20     21      22           3.0                                                                      22.0
          Veränderung zum Vorquartal in %    Niveau (rechte Skala)           2.5                                                                      21.5
                                                             Quelle: SECO    2.0                                                                      21.0
                                                                             1.5                                                                      20.5
Die erhöhte Unsicherheit durch den Krieg in der Ukra-                        1.0                                                                      20.0
ine widerspiegelt sich in der Stimmung der Konsumen-                         0.5                                                                      19.5
tinnen und Konsumenten, die sich zuletzt stark einge-                        0.0                                                                      19.0
trübt hat. Der Index der Konsumentenstimmung no-                             -0.5                                                                     18.5
tierte im April deutlich unter dem langjährigen Mittel                       -1.0                                                                     18.0
(Abbildung 8). Die Schweizer Haushalte erwarteten                                    13    14    15     16   17   18     19      20     21    22
erstmals seit über einem Jahr eine schwache Konjunk-                                Veränderung zum Vorquartal in %           Niveau (rechte Skala)
turentwicklung. Auch die vergangene und die erwar-                                                                                           Quelle: SECO
tete finanzielle Lage wurden stark unterdurchschnitt-
lich beurteilt. Dies dürfte auch an den steigenden Kon-                     Investitionen
sumentenpreisen liegen, welche die Kaufkraft der                            Die Bauinvestitionen gingen im 1. Quartal um 0,7 % und
Haushalte bremsen. Neben der erhöhten Unsicherheit                          damit zum vierten Mal in Folge zurück (Abbildung 10).

2   Inkl. Konsum der privaten Organisationen ohne Erwerbszweck.
3   Arbeitnehmerentgelte zuzüglich Kurzarbeitsentschädigung.

4 Konjunkturtendenzen SECO │ Sommer 2022
WIRTSCHAFTSLAGE SCHWEIZ

Dies dürfte unter anderem auf einen zunehmenden                                     Nachfrage nach Wohneigentum während der Corona-
Mangel an Vorleistungsgütern zurückzuführen sein. Die                               Pandemie verstärkt, was auch in den gestiegenen Prei-
mit dem knappen Angebot einhergehende Verteue-                                      sen für Wohneigentum zum Ausdruck kommt. Anders
rung der Vorleistungsgüter resultierte zudem in einem                               sieht es für den Mietwohnungsmarkt aus: In gewissen
erneuten kräftigen Anstieg der Baupreise. Belastend                                 Regionen bestehen beträchtliche Leerstände, was nach
wirkte ausserdem ein zunehmender Mangel an Fach-                                    der starken Bautätigkeit der letzten Jahre ein Überan-
kräften in der Bauwirtschaft.                                                       gebot an Mietwohnungen signalisiert. Trotzdem stie-
                                                                                    gen die Angebotsmieten, d. h. die Mieten von öffent-
Abbildung 10: Bauinvestitionen                                                      lich ausgeschriebenen Wohnungen, im 1. Quartal erst-
Real, saisonbereinigt, Niveau in Mrd. Franken                                       mals seit 19 Quartalen wieder, ausgehend von einem
 6.0                                                                         17.5   sehr tiefen Niveau.
 4.0                                                                         17.0
                                                                                    Die Ausrüstungsinvestitionen gingen im 1. Quartal nach
 2.0                                                                         16.5
                                                                                    einem kräftigen Anstieg im Vorquartal um 3,1 % zurück
 0.0                                                                         16.0   (Abbildung 12). Der Rückgang ist grösstenteils aber
 -2.0                                                                        15.5
                                                                                    nicht dem Konjunkturgang geschuldet: Bei der Rubrik
                                                                                    « Forschung und Entwicklung » kam es zu einer Kom-
 -4.0                                                                        15.0   pensation nach sehr hohen Investitionen im Vorquar-
 -6.0                                                                        14.5   tal. Dies war auch der Fall bei diversen kleineren Inves-
        13   14    15    16     17        18    19     20    21    22               titionsrubriken, die im Sommer besonders von den glo-
        Veränderung zum Vorquartal in %              Niveau (rechte Skala)          balen Lieferengpässen betroffen gewesen waren und
                                                                   Quelle: SECO     von Aufholeffekten im 4. Quartal 2021 profitierten. Po-
                                                                                    sitive Impulse kamen im 1. Quartal von den Investitio-
Zwar ist die Auftragslage so gut wie seit 2013 nicht                                nen in Maschinen und in elektrische Ausrüstungsgüter
mehr (Abbildung 11), v. a. aufgrund des Hochbau- und                                sowie in EDV und in EDV-Dienstleistungen.
Ausbaugewerbes, während sie im Tiefbau auf niedri-
gem Niveau stagniert. Dies dürfte jedoch kaum in einer                              Abbildung 12: Ausrüstungsinvestitionen
Steigerung der Produktion resultieren. Grund dafür                                  Real, saisonbereinigt, Niveau in Mrd. Franken
sind die im historischen Vergleich stark ausgelasteten                               12                                                               33
                                                                                     10                                                               32
Kapazitäten, die angesichts des Fachkräftemangels                                     8                                                               31
kaum ausgeweitet werden können. Gleichzeitig hat                                      6                                                               30
sich der Ausblick sowohl im Tiefbau als auch im Hoch-                                 4                                                               29
                                                                                      2                                                               28
bau etwas eingetrübt. Einzig das Ausbaugewerbe rech-                                  0                                                               27
net mit einer weiteren Ausweitung der Nachfrage.                                     -2                                                               26
                                                                                     -4                                                               25
                                                                                     -6                                                               24
Abbildung 11: Stimmung im Baugewerbe                                                 -8                                                               23
Saldo, saisonbereinigt; Nachfrage, Bauaktivität: Erwartungen                        -10                                                               22
für die nächsten 3 Monate                                                                 13    14    15   16    17    18    19   20    21     22
  30                                                                                       Veränderung zum Vorquartal in %    Niveau (rechte Skala)
  20
                                                                                                                                             Quelle: SECO
  10
   0
 -10                                                                                Die fundamentale Lage der Industrie in der Schweiz
 -20                                                                                präsentiert sich im historischen Vergleich weiterhin
 -30
                                                                                    günstig (Abbildung 13). Zwar schwächten sich im
 -40
 -50                                                                                1. Quartal die Erwartungen für den Auftragseingang bei
 -60                                                                                Produzenten von Investitionsgütern etwas ab, die Ka-
 -70                                                                                pazitätsauslastung in der Industrie legte jedoch wieder
        13    14    15    16         17        18     19     20    21        22     zu. Beide Indikatoren weisen damit noch immer über-
             Nachfrage        Bauaktivität          Auftragsbestand                 durchschnittlich hohe Werte aus. Zuletzt stieg der An-
                                                                      Quelle: KOF   teil der Unternehmen mit Finanzierungsschwierigkei-
                                                                                    ten etwas an; er befindet sich aber weiterhin auf einem
Die Fundamentalfaktoren im Baugewerbe sind aber                                     sehr niedrigen Niveau.
weiterhin gut: Obwohl die Hypothekarzinsen zuletzt
leicht angestiegen sind, bleiben die Finanzierungsbe-
dingungen noch immer günstig. Zudem hat sich die

                                                                                                       Konjunkturtendenzen SECO │Sommer 2022 5
BRUTTOINLANDPRODUKT

Abbildung 13: Indikatoren, Industrie                                             Abbildung 14: Aussenhandel mit Waren
Saisonbereinigt                                                                  Real, saisonbereinigt, Jahresmittel 2013 = 100
    40                                                                87          160
    30                                                                85          150
                                                                                  140
    20                                                                83
                                                                                  130
    10                                                                81          120
     0                                                                79          110
                                                                                  100
    -10                                                               77
                                                                                   90
    -20                                                               75           80
          13   14    15    16    17    18    19    20    21    22                  70
          Erwarteter Auftragseingang Investitionsgüter, Saldo                             13     14   15    16     17     18     19     20     21       22
          Unternehmen mit Finanzierungsschwierigkeiten, Anteil in %                             Exporte Total                   Importe Total
          Kapazitätsauslastung in % (rechte Skala)                                              ohne Chemie-Pharma              ohne Chemie-Pharma

                                                              Quelle: KOF                                                                     Quelle: SECO

Aussenhandel                                                                     Trotz des andauernden Konflikts in der Ukraine, der
Insgesamt lieferte der Aussenhandel im 1. Quar-                                  strengen Corona-Massnahmen in China und der gros-
tal 2022 einen leicht negativen Beitrag zum BIP-Wachs-                           sen Unsicherheit ist bis zum April insgesamt kein Ein-
tum (s. auch S. 9 f.). Sowohl der Waren- wie auch der                            bruch der Auslandnachfrage nach Schweizer Produkten
Dienstleistungshandel trugen negativ zum Resultat bei.                           festzustellen (Abbildung 15).

Die Warenexporte (ohne Wertsachen und Transithan-                                Abbildung 15: Warenexporte, ausgewählte Rubriken
del, +2,1 %) wuchsen das siebte Quartal in Folge klar                            Real, saisonbereinigt, Jahresmittel 2019 = 100,
überdurchschnittlich und erreichten damit ein Niveau                             Anteile 2021 in Klammern
                                                                                  160
von knapp 16 % über jenem vor der Krise (Abbil-
dung 14).4 Das Wachstum war breiter abgestützt als in                             140

den Vorquartalen. Positive Wachstumsbeiträge kamen                                120
insbesondere von den Exporten von Uhren, Präzisions-                              100
instrumenten, Maschinen, Metallen und Landwirt-                                    80
schaftsgütern. Die Exporte von Chemie- und Pharma-                                 60
produkten wuchsen hingegen unterdurchschnittlich                                   40
und zum ersten Mal seit Ende 2020 schwächer als jene                                           2019         2020               2021            2022
der übrigen Rubriken insgesamt.                                                          Chemie, Pharma (52%)           Präzisionsinstr., Uhren (18%)
                                                                                         Maschinen (12%)                Metalle (6%)
Die positive Entwicklung der Warenexporte ist im Ein-                                    Übrige (12%)
klang mit der dynamischen Entwicklung des Welthan-                                                                                            Quelle: SECO
dels seit dem Herbst 2021 und widerspiegelt die Erho-
lung der Weltwirtschaft von der Corona-Krise. Das Ex-                            Im Zuge von Lieferengpässen und starken Preisanstie-
portwachstum betraf im 1. Quartal viele wichtige Ab-                             gen bei vielen Rohstoffen und Vorleistungen sind Preis-
satzregionen wie die USA, den Euroraum, Japan und                                anstiege bei den betroffenen Exportgütern zu be-
China. Im Gegensatz dazu gingen die Warenexporte in                              obachten, was sich im Deflator der Warenexporte ohne
die Ukraine und nach Russland im Zuge des Ausbruchs                              die Rubrik Chemie und Pharma reflektiert (Abbil-
des Krieges in der Ukraine stark zurück. Während die                             dung 16). Gleichzeitig führten die sinkenden Export-
Schweizer Exporte nach Russland im April nur noch                                preise für die chemischen und pharmazeutischen Er-
halb so hoch waren wie im Februar – der kaum vom                                 zeugnisse dazu, dass der Deflator der gesamten Waren-
Krieg betroffen war –, brachen jene in die Ukraine um                            exporte wie im Vorquartal stagnierte.
mehr als drei Viertel ein. Allerdings entfiel auf beide
Länder in der Vergangenheit nur ein geringer Anteil der
Warenexporte der Schweiz (1,3 % respektive 0,2 %).

4   Um die konjunkturelle Interpretation zu erleichtern, werden im Folgenden die Warenexporte und -importe ohne Wertsachen und Transithandel kom-
    mentiert. Aufgrund unterschiedlicher Definition und Deflationierung weichen die hier präsentierten Zahlen von denjenigen des Bundesamts für Zoll
    und Grenzsicherheit ab. In den Abbildungen werden die folgenden Kurzformen verwendet: Chemie, Pharma: Produkte der chemisch-pharmazeuti-
    schen Industrie; Maschinen: Maschinen, Apparate, Elektronik; Präzisionsinstr., Uhren: Präzisionsinstrumente, Uhren und Bijouterie.

6 Konjunkturtendenzen SECO │ Sommer 2022
WIRTSCHAFTSLAGE SCHWEIZ

Abbildung 16: Deflatoren des Warenhandels                            Mit der Verschlechterung der Corona-Situation
Saison- und mittelwertbereinigt                                      Ende 2021 wurde die Erholung der Reisetätigkeit un-
 110                                                                 terbrochen, gerade europäische und amerikanische
 105
                                                                     Gäste reisten wieder etwas weniger in die Schweiz (Ab-
                                                                     bildung 18). Mit dem Ausklingen der Omikron-Welle
 100                                                                 knüpfen die jüngsten Zahlen an die positive Entwick-
  95
                                                                     lung des zweiten Halbjahrs 2021 an. Unter den asiati-
                                                                     schen Gästen sind seit Mitte 2021 v. a. jene aus dem
  90                                                                 Nahen Osten vermehrt in die Schweiz zurückgekehrt.
  85                                                                 Hingegen sind die Gäste aus Südostasien, insbesondere
       13    14   15   16    17    18       19   20   21    22       China und Japan, immer noch zurückhaltend. Im März
            Exporte Total                Importe Total               war entgegen dem positiven Trend in Europa ein deut-
            ohne Chemie-Pharma           ohne Chemie-Pharma          licher Rückgang an Gästen aus Russland und der Ukra-
                                                      Quelle: SECO   ine zu verzeichnen, was mit dem Ausbruch des Krieges
                                                                     in der Ukraine und den verhängten Sanktionen gegen
Die Warenimporte (ohne Wertsachen; +6,1 %) setzten                   Russland zusammenhängen dürfte. Vor dem Ausbruch
ebenfalls die Aufwärtsbewegung der Vorquartale fort                  der Corona-Pandemie gingen rund 1 % der Logier-
und verzeichneten das grösste Wachstum seit dem                      nächte auf Reisende aus den beiden Ländern zurück.
3. Quartal 2020 (Abbildung 14). Die meisten Rubriken
waren im Plus, der weitaus grösste Wachstumsbeitrag                  Abbildung 18: Logiernächte nach Herkunft der Gäste
wurde dabei von der Rubrik der chemischen und phar-                  Saisonbereinigt, Jahresmittel 2019 = 100
mazeutischen Erzeugnisse geliefert. Der grösste nega-                140

tive Beitrag kam von der Rubrik der Fahrzeuge, die seit              120
mehreren Quartalen besonders von Lieferschwierigkei-                 100
ten betroffen ist. Zudem fand im 1. Quartal ein weite-                80
rer starker Anstieg der Importpreise statt (Abbil-
                                                                      60
dung 16). Insbesondere die starken Preisanstiege bei
                                                                      40
den Rubriken Energie und Metalle treiben seit 2020
den Deflator der Warenimporte nach oben.                              20

                                                                       0
Die Dienstleistungsexporte sanken im 1. Quartal 2022                           2019           2020             2021           2022
um 5,2 % nach einem deutlichen Anstieg von 9,4 % im                                Ausland Total     Europa   USA     Asien
Vorquartal (Abbildung 17). Die starken Bewegungen                                                    Quelle: BFS (Saisonbereinigung: SECO)
sind zu einem grossen Teil auf die Exporte von Lizenzen
und Patenten zurückzuführen. Im Übrigen war die Ent-                 Die Dienstleistungsimporte gingen im 1. Quartal 2022
wicklung eher moderat positiv. Der Fremdenverkehr                    leicht zurück (−1,2 %; Abbildung 17). Insbesondere die
stagnierte praktisch.                                                Importe von Forschung und Entwicklung trugen negativ
                                                                     dazu bei. Es wurden dagegen mehr Transportdienste,
Abbildung 17: Aussenhandel mit Dienstleistungen                      Lizenzen und Patente sowie übrige Geschäftsdienste
Real, saisonbereinigt, in Mrd. Franken                               importiert. Letztere setzten die positive Entwicklung
 36                                                                  der letzten Quartale fort und haben damit die Vorkri-
 34                                                                  senniveaus hinter sich gelassen. Insgesamt bewegen
 32                                                                  sich die Dienstleistungsimporte seit Mitte 2021 etwa
 30                                                                  auf Vorkrisenniveau. Gewisse Bereiche wie der Frem-
 28                                                                  denverkehr sind aber nach wie vor v. a. durch Massnah-
 26                                                                  men im Ausland beeinträchtigt.
 24
 22
 20
       13   14    15   16   17     18       19   20   21    22
                       Exporte    Importe
                                                      Quelle: SECO

                                                                                       Konjunkturtendenzen SECO │Sommer 2022 7
BRUTTOINLANDPRODUKT

                                       Tabelle 1: Bruttoinlandprodukt gemäss Produktionsansatz
                                           Real, saisonbereinigt, Veränderung zum Vorquartal in %
                                                                                     2021:2      2021:3       2021:4        2022:1
                 Verarbeitendes Gewerbe                                                  2.0          2.6         1.7           1.7
                 Baugewerbe                                                              0.0          0.0        -0.8          -0.4
                 Handel                                                                  4.2         -4.1         0.0          -0.1
                 Gastgewerbe                                                           38.2        107.2         -3.2          -2.2
                 Finanz, Versicherung                                                    0.6          0.2        -1.2           0.9
                 Unternehmensnahe Dienstleistungen                                       1.1          1.5         0.6           0.0
                 Öffentliche Verwaltung                                                  0.0          0.5         0.1           0.1
                 Gesundheit, Soziales                                                    0.3          1.6         0.3           0.7
                 Kunst, Unterhaltung, Erholung                                         52.7         24.8        -15.5           9.8
                 Übrige                                                                  1.5          3.4         0.2           0.4

                 Bruttoinlandprodukt                                                     2.0          1.9         0.2           0.5

                 Bruttoinlandprodukt Sportevent-bereinigt                                1.8          1.7         0.3           0.4
                                                                                                                        Quelle: SECO

                                         Abbildung 19: Beiträge der Branchen zum BIP-Wachstum
                                    Real, saisonbereinigt, gegenüber dem Vorquartal, in Prozentpunkten
                    8

                    6

                    4

                    2

                    0

                   -2

                   -4

                   -6

                   -8
                               2018                  2019                 2020                 2021                 2022
                                Verarbeitendes Gewerbe                        Handel
                                Finanz, Versicherung                          Öff. Verwaltung, Gesundheit, Soziales
                                Unternehmensnahe Dienstl.                     Kunst, Unterhaltung, Erholung
                                Übrige                                        BIP (Veränderung in %)
                                                                                                                        Quelle: SECO

       Verarbeitendes Gewerbe: « Verarbeitendes Gewerbe/Herstellung von Waren », Noga 10–33; Baugewerbe: « Baugewerbe/Bau »,
       Noga 41–43; Handel: « Handel; Instandhaltung und Reparatur von Motorfahrzeugen », Noga 45–47; Gastgewerbe:
       « Gastgewerbe/Beherbergung und Gastronomie », Noga 55–56; Finanz, Versicherung: « Erbringung von Finanz- und
       Versicherungsdienstleistungen », Noga 64–66; Unternehmensnahe Dienstleistungen: « Grundstücks- und Wohnungswesen » sowie
       « Erbringung von freiberuflichen, wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen » und « Erbringung von sonstigen wirtschaftlichen
       Dienstleistungen », Noga 68–82; Öffentliche Verwaltung: « Öffentliche Verwaltung, Verteidigung; Sozialversicherung », Noga 84;
       Gesundheit, Soziales: « Gesundheits- und Sozialwesen », Noga 86–88; Kunst, Unterhaltung, Erholung: « Kunst, Unterhaltung und
       Erholung », Noga 90–93.

8 Konjunkturtendenzen SECO │ Sommer 2022
WIRTSCHAFTSLAGE SCHWEIZ

                   Tabelle 2: Bruttoinlandprodukt gemäss Verwendungsansatz
                      Real, saisonbereinigt, Veränderung zum Vorquartal in %
                                                          2021:2     2021:3    2021:4          2022:1
Privater Konsum                                               4.0        2.6        0.3            0.4
Staatskonsum                                                  2.1       -0.7        1.3            1.4
Bauinvestitionen                                             -0.1       -0.2        -0.4          -0.7
Ausrüstungsinvestitionen                                      3.0       -1.5        4.6           -3.1
Warenexporte ohne Wertsachen                                  2.0        5.9        -2.1           1.4
 Warenexporte ohne Wertsachen und Transithandel               2.1        3.6        2.7            2.1
Dienstleistungsexporte                                        7.3        2.1        9.4           -5.2
Warenimporte ohne Wertsachen                                 -0.2        3.4        1.1            6.1
Dienstleistungsimporte                                        6.9        4.7        1.3           -1.2

Bruttoinlandprodukt                                           2.0        1.9        0.2            0.5
                                                                                           Quelle: SECO

                            Tabelle 3: Beiträge zum BIP-Wachstum
               Real, saisonbereinigt, gegenüber dem Vorquartal, in Prozentpunkten
                                                          2021:2     2021:3    2021:4         2022:1
Inländische Endnachfrage                                      2.7        1.0        1.0           -0.2
Vorratsveränderungen inkl. statistischer Diskrepanz          -1.7       -0.2        -1.0           2.6
Handelsbilanz ohne Wertsachen                                 1.0        1.1        0.3           -1.9
                                                                                           Quelle: SECO

                                                                          Konjunkturtendenzen SECO │Sommer 2022 9
BRUTTOINLANDPRODUKT

                                   Abbildung 20: Komponenten der inländischen Endnachfrage
                   Beiträge zum BIP-Wachstum gegenüber dem Vorquartal in Prozentpunkten, real, saisonbereinigt
                  8

                  6

                  4

                  2

                  0

                 -2

                 -4

                 -6

                 -8
                            2018              2019              2020              2021              2022
                          Privater Konsum             Staatskonsum               Bauinvestitionen
                          Ausrüstungsinvestitionen    Inländische Endnachfrage
                                                                                                      Quelle: SECO

                                        Abbildung 21: Komponenten der Handelsbilanz
                  Beiträge zum BIP-Wachstum gegenüber dem Vorquartal in Prozentpunkten, real, saisonbereinigt,
                                         Warenexporte und -importe ohne Wertsachen
                      8

                      6

                      4

                      2

                      0

                   -2

                   -4

                   -6
                             2018              2019              2020             2021              2022

                             Warenexporte              Dienstleistungsexporte    Warenimporte
                             Dienstleistungsimporte    Handelsbilanz
                                                                                                      Quelle: SECO

10 Konjunkturtendenzen SECO │ Sommer 2022
WIRTSCHAFTSLAGE SCHWEIZ

Arbeitsmarkt
Die Corona-Pandemie hatte den Arbeitsmarkt                                          Abbildung 23: Arbeitslosenquote, einzelne Branchen
Mitte März 2020 unvermittelt getroffen, wie der abrupte                             Saisonbereinigt, in % der Erwerbstätigen, Noga-Codes der
Anstieg der Tageswerte der Arbeitslosenbestände ab                                  Branchen in Klammern
dem 17. März belegt. Gut zwei Jahre später hat sich der                              10
                                                                                      9                      9.6
Arbeitsmarkt zu einem grossen Teil erholt. Ende Ap-                                   8    7.5
                                                                                      7                                                    6.1
ril 2022 war die saisonbereinigte Arbeitslosenquote                                   6
                                                                                                                           5.9
                                                                                           4.0              3.8                                          4.8                4.7            4.2
(ALQ) auf 2,2 % gesunken, d. h., die Anzahl Arbeitsloser                              5                                    3.8                                                                               4.2            4.2          3.9
                                                                                      4                                                    3.2           2.9                2.7            2.8               2.2           2.3
lag 2 600 Personen unter dem Vorkrisenniveau von Ende                                 3
                                                                                           4.9              4.8
                                                                                                                                                                                                                                         2.7
                                                                                      2                                    3.9             3.7           3.4
Februar 2020 (Abbildung 22).5 Die saisonbereinigte Stel-                              1                                                                                     3.1            2.9               2.7            2.6          2.6
lensuchendenquote (STQ6) sank auf 3,9 %, womit noch                                   0

                                                                                            Uhren (2652)

                                                                                                                                                         Metall (24-25)

                                                                                                                                                                                                                          Unterhaltung
                                                                                                                                           Bau (41-43)
                                                                                                                         Dienste (77-82)
                                                                                                           Gastgewerbe

                                                                                                                                                                                                            Fahrzeugbau
                                                                                                                                                                                           Handel (45-47)

                                                                                                                                                                                                                                         Verkehr (49-53)
                                                                                                                                                                          Elektro, Optik
                                                                                                                         Sonst. wirtsch.
rund 2 700 Personen mehr als vor der Krise stellensu-

                                                                                                                                                                                                              (29-30)
                                                                                                             (55-56)

                                                                                                                                                                                                                            (90-93)
                                                                                                                                                                             (26-27)
chend waren. Hauptgrund dafür, dass die Stellensuchen-
denzahl im Gegensatz zur Arbeitslosenzahl noch über
dem Vorkrisenniveau lag, war der vermehrte Einsatz des                                     Februar 20                                 April 22                            Maximum Februar 20 - April 22
Zwischenverdienstes (ZV). (Die Stellensuchenden in ZV                                                                                                                                                                       Quelle: SECO
gelten als nicht arbeitslos, sodass der verstärkte Einsatz
von ZV die Distanz zwischen Stellensuchenden und Ar-
                                                                                    Abbildung 24: Arbeitslosenquote nach Branchen
beitslosen vergrössert.)                                                            Saisonbereinigt, in % der Erwerbstätigen
                                                                                     10
Abbildung 22: Stellensuchenden- und Arbeitslosenquote                                 9
Saisonbereinigt, in % der Erwerbspersonen                                             8
                                                                                      7
    5.5
                                                                                      6
    5.0
                                                                                      5
    4.5
                                                                                      4
    4.0
                                                                                      3
    3.5
                                                                                      2
    3.0
                                                                                      1
    2.5
                                                                                      0
    2.0
    1.5                                                                                    13                14             15             16            17                 18             19                 20            21           22
    1.0                                                                                   Verarb. Gewerbe (Noga 10-33)                                                    Gastgewerbe (Noga 55-56)
    0.5                                                                                   Baugewerbe (Noga 41-43)                                                         Handel (Noga 45-47)
    0.0
                                                                                                                                                                                                                            Quelle: SECO
          13    14     15    16    17    18    19    20    21    22
                Stellensuchendenquote      Arbeitslosenquote
                                                                                    Auch in der Entwicklung der ALQ nach Altersklassen so-
                                                           Quelle: SECO
                                                                                    wie in den Kantonen sind die negativen Effekte der
                                                                                    Corona-Pandemie weitestgehend überwunden. Wäh-
Seit Anfang 2021 ging die Arbeitslosigkeit breit abge-                              rend die ALQ Ende April 2022 in den jüngeren Altersklas-
stützt zurück (Abbildung 23 und Abbildung 24). In fast al-                          sen bereits deutlich unter das Vorkrisenniveau gesunken
len Branchen wurde der Anstieg der ALQ aufgrund der                                 ist, ist sie mit 2,3 % in der ältesten Altersgruppe der 50-
Corona-Krise inzwischen wieder wettgemacht.                                         bis 64-Jährigen zumindest wieder beim Vorkrisenniveau
                                                                                    angekommen. In der grossen Mehrheit der Kantone ist
                                                                                    die ALQ Ende April 2022 bereits wieder unter das Vorkri-
                                                                                    senniveau gefallen.

                                                                                    Die Kurzarbeit ist seit Frühjahr 2021 ebenfalls deutlich
                                                                                    zurückgegangen, auch wenn sie nach wie vor klar über
                                                                                    den Vorkrisenständen zu liegen kommt. Im Februar 2022

5   Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf saisonbereinigte Arbeitslosen- und Stellensuchendenzahlen.
6   Zu den Stellensuchenden (STS) zählen die bei einem Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum gemeldeten Arbeitslosen – genauer: die arbeitslosen Stellen-
    suchenden – sowie die nicht arbeitslosen Stellensuchenden. Zu Letzteren zählen u. a. Personen, die noch in einer gekündigten Stelle beschäftigt sind,
    einen Zwischenverdienst haben, sich in einer aktiven arbeitsmarktlichen Massnahme befinden (z. B. an einem Programm zur vorübergehenden Beschäfti-
    gung teilnehmen oder eine Weiterbildung besuchen) oder bspw. aufgrund einer Krankheit nicht sofort vermittelbar sind.

                                                                                                                               Konjunkturtendenzen SECO │Sommer 2022 11
ARBEITSMARKT

wurde bisher für rund 50 000 Arbeitnehmende Kurzar-                                 (Abbildung 27). Im 2. Sektor nahm insbesondere die
beitsentschädigung (KAE) abgerechnet (rund 1 % der Be-                              Beschäftigung in der Herstellung von Daten-
schäftigten, Abbildung 25). Die Zahl für Februar wird in                            verarbeitungsgeräten und Uhren zu. Das Beschäftigungs-
den Folgemonaten noch leicht nach oben revidiert wer-                               wachstum im 3. Sektor war von einem deutlichen
den, dennoch ist mit einer leichten Abnahme der KAE-                                Aufschwung in der Gastronomie getrieben. Dies dürfte
Nutzung zu rechnen. Für April 2022 verfügten rund                                   mit dem Erhebungszeitpunkt der Beschäftigungsdaten
11 000 Betriebe über eine KAE-Bewilligung für                                       im März zu tun haben. Zu diesem Zeitpunkt hatte der
127 000 Arbeitnehmende (2,5 % der Beschäftigten).                                   Bundesrat u. a. die Zertifikatspflicht für Restaurantbesu-
Nach einem minimalen Anstieg bis Februar fiel die Zahl                              cherinnen und -besucher aufgehoben. Gleichwohl liegt
der Voranmeldungen für KAE im März und April auf den                                die saisonbereinigte Anzahl Beschäftigter in der
tiefsten Stand seit Beginn der Corona-Krise. Der Rück-                              Gastronomie weiterhin unter dem Vorkrisenniveau.
gang erfolgt allerdings langsam, da Bewilligungen sechs
Monate lang gültig bleiben, auch wenn sie voraussicht-                              Abbildung 27: Vollzeitäquivalente im 2. und im 3. Sektor
lich nicht mehr beansprucht werden.                                                 Gegenüber dem Vorquartal in %; saisonbereinigt
                                                                                     1.5
Abbildung 25: Abgerechnete Kurzarbeit seit 2020                                      1.0
Anzahl Arbeitnehmende (in Tausend), Noga-Codes der Bran-
chen in Klammern                                                                     0.5
 1'800
                                                                                     0.0
 1'500
                                                                                     -0.5
 1'200
  900                                                                                -1.0

  600                                                                                -1.5
  300                                                                                       13     14    15     16     17       18     19    20      21       22
        0                                                                                                      2. Sektor      3. Sektor
                   2020                     2021                    2022                                                   Quelle: BFS (Saisonbereinigung: SECO)
        übrige                                   verarb. Gewerbe (10-33)
        Gastgewerbe (55-56)                      Handel (45-47)
        Freib., tech., wiss. DL (69-75)          Verkehr, Transport (49-53)         Die gängigen Arbeitsmarktindikatoren deuten für das
        Kunst, Unterhaltung (90-93)                                                 2. Quartal 2022 auf ein erneutes Beschäftigungswachs-
                                                                     Quelle: SECO   tum hin (Abbildung 28). Einzig der saisonbereinigte Sub-
                                                                                    index des Einkaufsmanagerindex der Industrie (PMI) zur
Im 1. Quartal 2022 stieg die vollzeitäquivalente Beschäf-                           Beschäftigung ging am aktuellen Rand leicht zurück. Al-
tigung mit +0,6 % im Vergleich zum Vorquartal zum wie-                              lerdings kam der Index im April 2022 mit 60,7 Punkten
derholten Mal deutlich an. Der saisonbereinigte Anstieg                             immer noch deutlich über der Wachstumsschwelle von
belief sich auf 0,6 % (Abbildung 26).                                               50 Punkten zu liegen.
Abbildung 26: Beschäftigung in Vollzeitäquivalenten
Saisonbereinigt
                                                                                    Abbildung 28: Arbeitsmarktaussichten
                                                                                    PMI monatlicher Wert; übrige Indizes: Quartalswerte standar-
  1.2                                                                         4.6
                                                                                    disiert
  1.0                                                                         4.5
  0.8                                                                         4.4    70                                                                   6
  0.6                                                                         4.3    65
                                                                                                                                                          4
  0.4                                                                         4.2    60
  0.2                                                                         4.1    55                                                                   2
  0.0                                                                         4.0    50
                                                                                     45                                                                   0
 -0.2                                                                         3.9
 -0.4                                                                         3.8    40
                                                                                                                                                          -2
 -0.6                                                                         3.7    35
 -0.8                                                                         3.6    30                                                                   -4
            13   14     15    16     17     18     19    20    21     22                    2018        2019         2020         2021        2022
                                                                                                         PMI Beschäftigung (linke Skala)
             Veränderung zum Vorquartal in %
                                                                                                         Adecco-Stellenmarktindex
             Vollzeitäquivalente Beschäftigung in Mio. (rechte Skala)
                                                                                                         Besta-Beschäftigungsaussichten
                                          Quelle: BFS (Saisonbereinigung: SECO)
                                                                                                         KOF-Beschäftigungsindikator
                                                                                                                       Quellen: CS/Procure, Adecco, BFS, KOF
Der Anstieg der vollzeitäquivalenten Beschäftigung war
im 2. und im 3. Sektor mit 0,6 % gleich stark ausgeprägt

12 Konjunkturtendenzen SECO │ Sommer 2022
WIRTSCHAFTSLAGE SCHWEIZ

Preise
Die Inflation setzte den jüngsten Aufwärtstrend fort und                        Im Vergleich zum Ausland (Euroraum: 7,4 %; USA: 8,3 %;
erreichte im April 2,5 %. Ähnlich hohe Werte wurden                             UK: 9,0 %) bleibt die Inflationsentwicklung in der Schweiz
letztmals im Jahr 2008 verzeichnet (Abbildung 29). Im                           bislang moderat. Dies liegt zum einen an dem tieferen
Gegensatz zu damals ist aktuell aber rund die Hälfte der                        Gewicht der Energie im Warenkorb der Konsumenten:
Inflation auf höhere Energiepreise zurückzuführen. So                           Mit 5,5 % ist es nur etwa halb so gross wie im Euroraum
zogen die Rohwarenpreise für europäisches Gas und                               (10,9 %). Zudem haben Zollsenkungen und Kontingenter-
Erdöl mit dem Kriegsbeginn in der Ukraine Ende Februar                          weiterungen im Agrarbereich zur Stabilisierung der Nah-
stark an. Auf Konsumentenstufe hat sich vor allem das                           rungs- und Futtermittelpreise beigetragen. Damit liegen
Heizöl im Vorjahresvergleich stark verteuert (+76 %),                           in der Schweiz z. B. die Preise für tierische Produkte wie
aber auch Gas und Treibstoffe sind deutlich teurer                              Fleisch, Milch, Butter und Eier immer noch nahe beim
(+39 % bzw. +26 %). 2008 war hingegen nur rund ein                              Vorjahresniveau, während sie im Euroraum angesichts
Drittel des Preisanstiegs auf die Energiepreise zurückzu-                       der höheren Tierhaltungskosten seit Februar in die Höhe
führen. Dagegen trugen damals die Lebensmittelpreise                            schiessen.7 Schliesslich wurden im europäischen Ausland
rund 0,5 Prozentpunkte zur Inflation bei. Aktuell liegt die-                    die Stromtarife bereits teils stark nach oben angepasst.
ser Beitrag bei null.                                                           In der Schweiz erfolgt eine Erhöhung der Tarife erst auf
                                                                                Anfang 2023. Zudem dürften die höheren Kosten für
Die Kerninflation, welche neben den Energiepreisen auch                         Energie und Vorleistungen auch in anderen Branchen
die volatilen Lebensmittelpreise ausschliesst, lag im April                     erst mit einer gewissen Verzögerung an die Endkunden
bei 1,5 %. Im September 2008 wurde ein Maximum von                              weitergegeben werden. So stieg der Anteil der Unterneh-
1,9 % erreicht. Nennenswerte Beiträge zur Kernteuerung                          men, die für die nächsten drei Monate Preiserhöhungen
kamen im April von den gebrauchten und den neuen Au-                            erwarten (Abbildung 30), auch im Grosshandel, im De-
tomobilen (0,5 Prozentpunkte), den Mieten (0,3 Pro-                             tailhandel und in der Industrie weiter an und lag im
zentpunkte), vom Hausrat (0,2 Prozentpunkte, v. a. Mö-                          2. Quartal 2022 höher als 2008.
bel) und von den Luftreisen (0,1 Prozentpunkte).
                                                                                Abbildung 30: Erwartungen zu Ab- oder Zunahme der Ver-
Abbildung 29: Inflation und Beiträge                                            kaufspreise in den nächsten drei Monaten
Gegenüber dem Vorjahresmonat, in Prozentpunkten                                 Saldi, saisonbereinigt
     3.5                                                                          100
       3
                                                                                   80
     2.5
       2                                                                           60
     1.5
                                                                                   40
       1
     0.5                                                                           20
       0                                                                            0
    -0.5
      -1                                                                          -20
    -1.5                                                                          -40
      -2
                                                                                  -60
           03 04 05 06 07 08 09 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22
                                                                                         03 04 05 06 07 08 09 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22
            Treibstoffe (Benzin und Diesel)   Energie (Wohnen)
                                                                                        Detailhandel         Industrie, Einkauf     Industrie
            Warenkorb ohne Energie            LIK (Veränderung in %)
                                                                                        Hotellerie           Grosshandel, Einkauf   Grosshandel
                                                                  Quelle: BFS
                                                                                                                                          Quelle: KOF

7   So wurden z. B. am 15. 3. 2022 die Einfuhrzölle auf Futtergetreide gesenkt (vgl. https://www.blw.admin.ch/blw/de/home/services/medienmitteilun-
    gen.msg-id-87482.html).

                                                                                                       Konjunkturtendenzen SECO │Sommer 2022 13
PROGNOSE SCHWEIZ

Konjunkturprognose
Prognose Schweiz
                                                              Abbildung 31: Weltnachfrage
Im 1. Quartal setzte sich die Erholung der Schweizer
                                                              BIP der wichtigsten Handelspartner der Schweiz, export-
Wirtschaft erwartungsgemäss fort. Das BIP-Wachstum            gewichtet, real, saisonbereinigt, ggü. Vorjahr in %
kam im oberen Bereich der Erwartungen zu liegen, ge-           6
stützt insbesondere durch die Industrie. Dagegen wur-
                                                               4
den Teile des Dienstleistungssektors zu Jahresbeginn
noch von der jüngsten Corona-Welle und den damit ein-          2
hergehenden Massnahmen gebremst.                               0

                                                               -2
Mit der Aufhebung der gesundheitspolitischen Massnah-
men ist eine weitere Erholung der Binnenwirtschaft zu          -4
erwarten. Insbesondere in den Bereichen Freizeit und           -6
Gastgewerbe dürften sich Aufholpotenziale materialisie-             2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023
ren. Die günstige Entwicklung des Arbeitsmarkts stützt               Aktueller Datenstand              Aktuelle Prognose
die privaten Konsumausgaben, und die Inflation ist im in-            Datenstand letzte Prognose        Letzte Prognose
ternationalen Vergleich weiterhin moderat. Verschie-          Quellen: Statist. Ämter, OECD, IWF, Expertengruppe Konjunkturprognosen
dene Indikatoren bestätigen derzeit einen stabilen Gang
der Binnenkonjunktur. So haben sich die Bargeldbezüge         Vor diesem Hintergrund senkt die Expertengruppe ihre
und Kartentransaktionen bis zuletzt robust entwickelt.        Wachstumsprognose für die Schweiz für 2022 auf 2,6 %
Sowohl der PMI der Industrie als auch jener der Dienst-       (Sportevent-bereinigtes BIP; Prognose von März: 2,8 %;
leistungen befinden sich deutlich über der Wachstums-         Abbildung 32). Somit würde die Schweizer Wirtschaft
schwelle. Auf der Grundlage der aktuellen Indikatoren er-     vorläufig ihre Erholung von der Corona-Krise mit einem
wartet die Expertengruppe, dass sich die Erholung der         überdurchschnittlichen BIP-Wachstum fortsetzen, aber
Schweizer Wirtschaft in naher Zukunft weiter fortsetzt.       weniger dynamisch als in der Vorprognose erwartet. Dies
                                                              unter der Voraussetzung, dass ein deutlicher Abschwung
Im weiteren Verlauf des Prognosehorizonts könnten die         bei wichtigen Handelspartnern ausbleibt, und insbeson-
Effekte des Kriegs in der Ukraine allerdings stärker aus-     dere, dass es zu keinen grossen Energie- und Rohstoffen-
fallen als bisher erwartet. Die Aussichten für die interna-   gpässen in Europa kommt.
tionale Konjunktur haben sich eingetrübt. Auf den Welt-
märkten sind die Preise von wichtigen Exporten Russ-          Abbildung 32: BIP-Prognose, Sportevent-bereinigt
lands und der Ukraine, namentlich Energieträger sowie         Real, saisonbereinigt, Veränderung zum Vorjahr in %
gewisse Grundnahrungs- und Futtermittel, stark ange-           4
stiegen. Der damit einhergehende Teuerungsdruck lastet         3
auf der Nachfrage in wichtigen Handelspartnerländern,          2
mit dämpfenden Effekten auf die exponierten Bereiche           1
der Schweizer Wirtschaft. Daneben ist in China wegen           0
der weitreichenden Corona-Massnahmen mit einer
                                                               -1
deutlich schwächeren Entwicklung zu rechnen. Schliess-
                                                               -2
lich dürfte die restriktivere Geldpolitik im gesamten Prog-
nosehorizont dämpfend wirken. In der Folge geht die Ex-        -3
                                                                    2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023
pertengruppe von einer schwächeren Entwicklung der
                                                                    Aktueller Datenstand              Aktuelle Prognose
Weltnachfrage aus (Abbildung 31).                                   Datenstand letzte Prognose        Letzte Prognose
                                                                             Quellen: BFS, SECO, Expertengruppe Konjunkturprognosen

14 Konjunkturtendenzen SECO │ Sommer 2022
KONJUNKTURPROGNOSE

Aufgrund der jüngsten Entwicklung revidiert die Exper-           Prognose von März: 2,0 %). Die Inflation dürfte auf 1,4 %
tengruppe ihre Erwartung für die Inflation in der Schweiz        im Jahresdurchschnitt zurückgehen (Prognose von März:
auf 2,5 % (Prognose von März 2022: 1,9 %) und geht von           0,7 %). Die inländische Nachfrage dürfte sich etwas ver-
entsprechenden dämpfenden Effekten auf die Konsum-               haltener entwickeln als in der Vorprognose unterstellt.
ausgaben aus. Gestützt wird der Konsum jedoch von den            Auch vom Aussenhandel wird ein geringerer Wachstums-
in den vergangenen Quartalen erheblich gestiegenen Ar-           beitrag erwartet.
beitnehmerentgelten sowie von der günstigen Entwick-
lung am Arbeitsmarkt. In der Summe passt die Experten-           Für den Arbeitsmarkt geht die Expertengruppe von einer
gruppe ihre Prognose für den privaten Konsum nur leicht          weiteren Erholung aus und erwartet im Jahresdurch-
nach unten an.                                                   schnitt 2022 eine Arbeitslosenquote von 2,1 %, gefolgt
                                                                 von 2,0 % im Jahr 2023.
Die gestiegene Unsicherheit, die Lieferengpässe und die
Preisentwicklung lasten auf der Investitionstätigkeit. Das       Abbildung 33: BIP-Prognose und Wachstumsbeiträge
Wachstum der Ausrüstungsinvestitionen dürfte deutlich            Real, saisonbereinigt, inkl. Sportevents, Beiträge der Kompo-
tiefer ausfallen als noch in der Vorprognose erwartet; bei       nenten in Prozentpunkten, 2022 bis 2023: Prognosen
den Bauinvestitionen ist für das Gesamtjahr 2022 ein
leichter Rückgang zu erwarten. Zudem dürfte der Aus-               6.0

senhandel angesichts der moderaten Entwicklung im                  4.5                      +3.7
                                                                                                           +2.8
Ausland insgesamt ebenfalls keinen nennenswerten                   3.0
                                                                                                                             +1.6
Wachstumsimpuls liefern (Abbildung 33).                            1.5
                                                                   0.0
In der zweiten Hälfte des Prognosezeitraums dürften die           -1.5
Aufholeffekte im Zusammenhang mit der Corona-Krise
                                                                  -3.0
schwächer werden. Es ist eine Normalisierung der Kon-                       -2.5
                                                                  -4.5
junktur zu erwarten, sofern auch die aktuell bremsenden                     2020            2021          2022               2023
Faktoren allmählich nachlassen, v. a. die globalen Liefer-
                                                                             Konsum                 Bruttoinvestitionen
kettenprobleme und die international hohe Inflation.                         Aussenhandel           BIP (Veränderung in %)
                                                                               Quellen: BFS, SECO, Expertengruppe Konjunkturprognosen
Für das Gesamtjahr 2023 senkt die Expertengruppe ihre
Wachstumsprognose auf 1,9 % (Sportevent-bereinigt;

Risiken
Die Unsicherheit im Zusammenhang mit dem Ukraine-                Angesichts steigender Zinsen verschärfen sich die Risiken
Konflikt ist sehr gross. Auch ohne eine internationale mili-     im Zusammenhang mit der international stark angestiege-
tärische Eskalation besteht das Risiko von grösseren wirt-       nen Verschuldung. Die Wahrscheinlichkeit von Korrektu-
schaftlichen Auswirkungen als in der aktuellen Prognose          ren an den Finanzmärkten ist erhöht. Auch im Immobili-
unterstellt.                                                     ensektor bestehen im Inland wie international weiter Ri-
                                                                 siken.
Die Schweizer Wirtschaft würde empfindlich getroffen,
sollte es zu einem deutlichen Wirtschaftsabschwung bei           Schliesslich sind Rückschläge bei der Pandemie, z. B. auf-
wichtigen Handelspartnerländern kommen. Dies etwa im             grund neuer Virusvarianten, nicht auszuschliessen. Insbe-
Zuge weitgehender Ausfälle von Energielieferungen aus            sondere besteht das Risiko, dass weitere stark einschrän-
Russland. In einem solchen Szenario8 wäre sowohl im In-          kende Corona-Massnahmen in China die internationale
land als auch im europäischen Ausland mit einem hohen            Konjunktur beeinträchtigen.
Preisdruck bei gleichzeitig rückläufiger Wirtschaftsent-
wicklung zu rechnen.

8   Vgl. das ergänzende Negativszenario des SECO auf Seite 17.

                                                                                    Konjunkturtendenzen SECO │Sommer 2022 15
SZENARIO

                                                Tabelle 4: Konjunkturprognosen Schweiz, Juni 20229
                                     Ohne gegenteilige Angabe Veränderungen in %, Beiträge in Prozentpunkten,
                                                    BIP und Komponenten: real, saisonbereinigt

                                                                                        2020      2021       2022 *             2023 *
                     Bruttoi nl a ndprodukt ( BIP) und Kom ponenten
                       BIP, Sportevent-bereinigt                                        -2.5        3.6       2.6      (2.8)      1.9    (2.0)
                       BIP                                                              -2.5        3.7       2.8     (3.0)       1.6    (1.7)
                       Privater Konsum                                                  -3.7        2.6       3.5     (3.6)       1.8    (1.9)
                       Staatskonsum                                                      3.5        4.0       0.3     (-0.7)     -0.9    (-1.4)
                       Bauinvestitionen                                                 -0.5       1.1       -1.9     (-0.5)     -0.4    (0.2)
                       Ausrüstungsinvestitionen                                         -2.5       4.6        2.3     (3.4)       3.0    (3.4)
                       Warenexporte                                                     -1.7      11.4        4.7     (4.2)       2.5    (3.7)
                       Dienstleistungsexporte                                          -14.6      12.0        8.0      (8.5)      4.0    (5.0)
                       Warenimporte                                                     -6.3       4.6        7.3      (4.7)      2.5    (3.9)
                       Dienstleistungsimporte                                          -10.5       8.0        7.5      (8.0)      4.5    (5.5)
                     Bei trä g e z um BIP- W a chs tum
                       Inländische Endnachfrage                                         -2.0        2.7       2.0      (2.2)      1.3    (1.4)
                       Aussenhandel                                                      0.1        3.6       0.1      (0.6)      0.3    (0.4)
                     A rbei ts m a rkt und Prei s e
                       Vollzeitäquivalente Beschäftigung                                 0.1        0.6       2.1      (1.8)      0.8    (0.9)
                       Arbeitslosenquote in %                                            3.1        3.0       2.1      (2.1)      2.0    (2.0)
                       Landesindex der Konsumentenpreise                                -0.7        0.6       2.5      (1.9)      1.4    (0.7)
                                                                                                                             Quellen: B FS, SECO
                                       * P ro gno sen der Expertengruppe Ko njunkturpro gno sen des B undes, vo rherige P ro gno sen in Klammern

                                  Tabelle 5: Internationale und monetäre Rahmenbedingungen, Juni 202210
                           Ohne gegenteilige Angabe Veränderungen in %, BIP und Weltnachfrage: real, saisonbereinigt

                                                                                       2020       2021      2022 *              2023 *
                      BIP i nterna ti ona l
                       USA                                                              -3.4        5.7       3.0     (3.5)       2.3 (2.4)
                       Euroraum                                                         -6.5        5.4       2.8     (3.4)       2.2 (2.6)
                        Deutschland                                                     -4.9        2.9       2.0     (3.0)       2.6 (2.9)
                       Vereinigtes Königreich                                           -9.3        7.4       3.7     (4.1)       1.3 (2.0)
                       Japan                                                            -4.6        1.7       2.0     (3.1)       2.2 (1.8)
                       Bric-Länder                                                      -0.8        7.5       3.5     (5.0)       4.6 (4.8)
                         China                                                           2.3        8.1       3.8     (5.0)       5.7 (5.3)
                       Weltnachfrage                                                    -4.7        5.8       2.9     (3.5)       2.4 (2.7)
                       Erdölpreis in USD pro Fass Brent                                 41.8      70.7     106.3 (101.2)         94.7 (87.9)
                      Schwei z
                       Saron in %                                                       -0.7       -0.7      -0.6     (-0.7)      0.0 (-0.5)
                       Rendite 10-jährige Staatsanleihen in %                           -0.5       -0.3       0.6     (0.2)       0.9 (0.4)
                       Realer Wechselkursindex                                           3.9       -2.6      -0.8     (0.8)      -0.5 (-0.0)
                                                                                      Quellen: SECO, entsprechende statistische Institutio nen
                         * A nnahmen der Expertengruppe Ko njunkturpro gno sen des B undes, A nnahmen zur vo rherigen P ro gno se in Klammern

9   Warenexporte und -importe sowie Wachstumsbeitrag des Aussenhandels: ohne Wertsachen.
10  Bric-Länder: Gewichtetes Aggregat des BIP zu Kaufkraftparitäten (IWF) von Brasilien, Russland, Indien, China.

16 Konjunkturtendenzen SECO │ Sommer 2022
KONJUNKTURPROGNOSE

Szenario
Angesichts der grossen Unsicherheit im Zusammenhang                                Entsprechend könnte es im Negativszenario im kommen-
mit dem Ukraine-Krieg ergänzt das SECO die Prognose                                den Winterhalbjahr aufgrund der saisonal deutlich höhe-
der Expertengruppe um ein Negativszenario (Abbil-                                  ren Nachfrage zu einem Mangel an Erdgas kommen. Da-
dung 34). In diesem wird ein möglicher Auslöser für eine                           mit wären in der europäischen Industrie bedeutende
deutlich negativere Konjunkturentwicklung als im Ba-                               Produktionsausfälle zu erwarten. Infolgedessen dürften
sisszenario abgebildet. Es wird angenommen, dass Erd-                              sich die Probleme der globalen Lieferketten deutlich ver-
gaslieferungen aus Russland nach Europa weitgehend                                 schärfen und den Welthandel zusätzlich belasten. Der
und nachhaltig wegfallen und diese kurzfristig nur teil-                           Euroraum könnte in eine Rezession rutschen. Die Welt-
weise durch alternative Quellen ersetzt werden können.                             wirtschaft dürfte sich insgesamt spürbar verlangsamen.
Dies führt im Negativszenario zu einem kräftigen und an-                           Das eingeschränkte Güterangebot würde die Inflation
haltenden Anstieg der Energiepreise und löst einen Ab-                             bestimmter Warengruppen weiter anheizen. Dadurch
schwung im Euroraum aus.11 Die Schweizer Wirtschaft                                könnte sich insbesondere der Euroraum mit einer Stag-
wäre auf vielfältige Weise durch eine solche Entwicklung                           flation konfrontiert sehen, wodurch sich die geldpoliti-
betroffen. Eine vollständige Quantifizierung der Folgen                            schen Herausforderungen erhöhen dürften. Im darauf-
ist daher kaum möglich. Wichtige Wirkungskanäle wer-                               folgenden Sommerhalbjahr dürfte es im Zuge der gerin-
den im Folgenden illustriert.                                                      geren saisonalen Nachfrage nach Erdgas und einer zu-
                                                                                   nehmenden Substitution der Lieferungen aus Russland
Der unterstellte kräftige und anhaltende Anstieg der                               zu einer wirtschaftlichen Erholung kommen. Allerdings
Energiepreise würde die bereits hohe Preisdynamik wei-                             bleibt die Versorgungslage bis Ende 2023 angespannt.
ter verstärken, insbesondere in Europa. Doch auch global                           Zumindest in Europa dürfte Erdgas nur in geringerer
dürften die Energiepreise, vor allem für Flüssiggas, an-                           Menge verfügbar sein als vor dem Ukraine-Krieg.
steigen, was die Kaufkraft der privaten Haushalte welt-                            Dadurch würden die Energiepreise insgesamt höher aus-
weit stark belasten würde. Da nur begrenzt auf Energie                             fallen und die Wirtschaft belastet.
verzichtet werden kann, würde v. a. die Konsumnach-
frage für andere Güter zurückgehen. Gleichzeitig dürften                           Abbildung 34: BIP-Prognose und Szenario,
die Investitionen wegen der erhöhten Unsicherheit und                              illustrative Verläufe
steigender Risikoprämien zurückgehen. Die Volatilität an                           In Mrd. Franken, real, saison- und Sportevent-bereinigt
den Finanzmärkten dürfte stark ansteigen.                                           200

                                                                                    195
Im europäischen Ausland deckt die Industrie ihren Ener-                             190
giebedarf zu einem erheblichen Teil mit Gas, das in den
                                                                                    185
vergangenen Jahren zu fast 30 % aus Russland importiert
wurde.12 Im Gegensatz zu anderen Energieträgern gilt die                            180

Substitution von Erdgas auf andere Technologien oder                                175
Bezugsquellen als schwierig.13 Allerdings wird im Som-                              170
merhalbjahr generell weniger Gas verbraucht. Zudem                                  165
hat sich der Füllstand der Erdgaslager in Europa An-                                         2019         2020        2021        2022           2023
fang Juni nach einigen Monaten mit tiefen Ständen wie-
                                                                                                BIP     Prognose Juni 2022     Negativszenario
der normalisiert.14 Damit könnten die Erdgaslager weg-
fallende Lieferungen in europäische Länder zu einem ge-                                               Quellen: SECO, Expertengruppe Konjunkturprognosen

wissen Teil und für eine gewisse Zeit kompensieren. Da-
her wird im vorliegenden Szenario zum einen davon aus-                             Die Schweiz wäre im Negativszenario ebenfalls mit höhe-
gegangen, dass zunächst keine Mangellage eintritt, zum                             ren Inflationsraten und einem wirtschaftlichen Ab-
anderen aber davon, dass die Versorgungslage bis                                   schwung konfrontiert. Der Schweizer Exportsektor
Ende 2023 angespannt bleibt.                                                       würde direkt von der tieferen Auslandnachfrage sowie

11 Ein Wegfall der Lieferungen von Erdöl und Kohle aus Russland ist bereits im Basisszenario enthalten: Diese Güter unterliegen inzwischen den Sanktionen
  der Europäischen Union und werden grösstenteils ab 2023 nicht mehr gehandelt. Der Wegfall der Lieferungen aus Russland sollte jedoch verkraftbar sein,
  da Erdöl und Kohle einfach transportiert und somit substituiert werden können, wenn auch zu höheren Preisen.
12 Eurostat: EU imports of energy products - recent developments - Statistics Explained (europa.eu)
13 Lieferungen hängen in hohem Masse von spezifischer Infrastruktur ab (Pipelines und LNG-Terminals). Zwar haben viele europäische Länder bereits An-

  strengungen unternommen, um die Abhängigkeit gegenüber Russland zu reduzieren, wie zum Beispiel die Planung zusätzlicher Infrastruktur sowie die
  Suche nach alternativen Erzeugerländern. Sowohl der Bau von Infrastruktur als auch Produktionssteigerungen benötigen jedoch Zeit.
14 Der Füllstand der Erdgaslager in der EU betrug Anfang Juni rund 50 %: https://agsi.gie.eu/

                                                                                                        Konjunkturtendenzen SECO │Sommer 2022 17
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