Lexikon des Internationalen Films

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Lexikon des Internationalen Films

           Das komplette Angebot in Kino, Fernsehen,
                     auf Video und DVD

                           Redaktion
               Horst Peter Koll und Hans Messias
                        Mitarbeit DVD
                         Jörg Gerle

        Herausgegeben von der Zeitschrift «film-dienst»
     und der Katholischen Filmkommission für Deutschland

Mit einen Kino-Brevier des Verbands der deutschen Filmkritik e.V.
Vorwort «Filmjahr 2004»                         6 2004 – Odyssee im Cyerspace
                                                  Der epochale Einbruch des Digitalen in die Filmwelt
Chronik des Filmjahres 2004                     7 Von Günter Jekubzik                             63
                                                    FIPRESCI-Preise 2005                             67
Notizen zum Kino # 01
Brevier des «Verband der deutschen                  Lexikon der Filme 2004                           75
Filmkritik e.V.» (Deutsche Sektion der
FIPRESCI)                                      28
                                                    Die besten Kinofilme des Jahres 2004            503
Einleitung
Von der Brücke hinunter in den Fluss spucken        «Sehenswert» 2004                               523
oder Gesellschaftskritik von Rang?
Von Josef Schnelle                             28   Kinotipp der katholischen Filmkritik            525

Durchlauferhitzer                                   Die herausragenden DVD-Editionen 2004           529
Zur Lage der Filmkritik in Deutschland
Von Claudia Lenssen                            29
                                                    Die Kurzfilm-DVD-Edition EUROPÄISCHE
Immer auf den größten Haufen                        VISIONEN                                        556
Eine filmpolitische Wende gefährdet den Film als
kulturelles Gut                                     Preise
Von Josef Schnelle                               35 Festivalpreise 2004 der Internationalen
                                                    katholischen Organisation SIGNIS                557
The Same Old Song, But With A Different
Meaningoder: Wann sind wir denn nun                 Deutscher Filmpreis 2004                        566
endlich wieder wer?                                 Bayerischer Filmpreis 2004                      567
Notizen zu aktuellen Tendenzen im deutschen Film Die internationalen Filmfestspiele Berlin          568
Von Ulrich Kriest                                38 Die internationalen Filmfestspiele in Cannes    571
                                                    Die internationalen Filmfestspiele in Locarno   572
Die ganze Heimat                                    Die internationalen Filmfestspiele in
Überlegungen zur Heimat-Trilogie von Edgar Reitz San Sebastián                                      573
Von Marli Feldvoß                                43 Die internationalen Filmfestspiele in Venedig   574
Super Size Reality                                  Internationales Filmfestival Mannheim-
Die schleichende Fiktionalisierung des              Heidelberg                                      575
Dokumentarfilms                                     Europäischer Filmpreis 2004                     576
Von Silvia Hallensleben                          48 Amerikanische Akademiepreise 2004
                                                    («Oscars»)                                      577
Nachrichten vom Untergang                           Weitere Preise 2004                             578
Aktuelle deutsche Filme über das Dritte Reich
Von Marcus Stiglegger                            53
                                                    Anschriften aus Film und Fernsehen              581
Unterricht mit «Shrek» & Co.
«Lernort Kino», «Cinéfête» und andere Aktionen    Lexikon der Originaltitel 2004                    592
locken Schüler ins Kino
Von Andrea Dittgen                             59 Lexikon der Regisseure 2004                       608
Wie immer sind die Eindrücke ei-        eindruckend erfolgreich ausweisen: 7,8 Mio.
             nes zu Ende gegangenen Filmjah-         mehr Menschen als im Vorjahr strömten in die
             res reichhaltig, vielfältig und hete-   Kinos, insgesamt wurden 156,7 Mio. Eintritts-
             rogen. Wer allzu vorschnell 52 Ki-      karten verkauft. Immerhin ging, statistisch ge-
             no-Startwochen, zahlreiche (na-         sehen, jeder Deutsche 1,9 Mal im Jahr ins
             tionale wie internationale) Film-       Kino. Doch internationalen Blockbustern à la
festivals, hochkarätige Ausstellungen, Retro-        Herr der Ringe – Die Rückkehr des Königs
spektiven und diverse öffentliche Diskussio-         (der bereits am 17.12.2003 startete, aber noch
nen auf wenige griffige Aussagen reduzieren          die ersten Wochen des folgenden Jahres präg-
will, der verweigert sich vor allem auch der         te) oder Harry Potter und der Gefangene
«gefühlten» Wirklichkeit, die allein ein einzi-      von Askaban zum Trotz: Es war das Jahr des
ges Kinoerlebnis zu prägen vermag. Ob 2004           deutschen Kinofilms, das den Aufschwung be-
ein filmkünstlerisch herausragender Jahr-            förderte. Alles kam zusammen: kommerziell
gang war, ob das Jahr wirtschaftlich als be-         erfolgreiche Filme wie (T)Raumschiff Sur-
deutend einzustufen ist – das mögen keine            prise – Periode 1 (9,15 Mio. Besucher),
unwichtige Fragen sein, aber sie verblassen          7 Zwerge – Männer allein Wald (6,5 Mio.)
angesichts auf der Netzhaut und ihm Ge-              oder Der Untergang (4,5 Mio.); erfolgreiche
fühlshaushalt des Kinobesuchers nachwir-             Kinder- und Familienfilme wie Lauras Stern
kender Bilder und Szenenfolgen: Tom Cruise           (1,3 Mio.), Bibi Blocksberg und das Geheim-
als sterbender (Samurai-)Killer, der in Mi-          nis der blauen Eule (1,2 Mio.) und Sams in
chael Manns Collateral zusammengesun-                Gefahr (800.000 Besucher); «junge» Filme
ken auf einem U-Bahn-Sitz der Endstation             wie Gegen die Wand, Die fetten Jahre sind
entgegenfährt; der fürsorgliche Vater in Kim         vorbei, Muxmäuschenstill und Schultze
Ki-duks Samaria, der seine vermeintlich un-          gets the Blues; nicht zuletzt auch wieder Do-
schuldig-reine Tochter frühmorgens zärtlich          kumentarfilme wie Rhythm is it! und Die Ge-
mit Musik weckt, indem er ihr einen Kopfhö-          schichte vom weinenden Kamel – deutsche
rer aufsetzt; die Blicke und Gesten von San-         Filme fanden ihr (jeweiliges) Publikum, wur-
drine Bonnaire und Fabrice Luchini in Intime         den also wahrgenommen und anerkannt. Hin-
Feinde von Patrice Leconte, die sich abtasten        zu kommen zwei «Oscar»-Nominierungen, ein
und entdecken, sich herausfordern und infra-         «Berlinale»-Sieger, der Europäische Film-
ge stellen; die ungebremste, «wilde» Lebens-         preis, neue internationale Anerkennung (auch
energie von Sibel Kekilli und Birol Ünel zwi-        beim Festival in Cannes). Auch Kulturpoliti-
schen Glück und Trance, Wut und Buße in              ker und Filmförderer erkennen, dass gerade in
Fatih Akins Gegen die Wand – jeder enthu-            der Vielfalt des aktuellen deutschen Kinofilms
siastische Kinogänger wird die Palette sol-          seine Qualität und Perspektive liegt. Und in
cher Szenen und Eindrücke durch seine eige-          der Tat ist es gut, wenn zu den gefühlten Ein-
nen Wahrnehmungen und Empfindungen                   drücken eines Kinojahres eben nicht mehr nur
verlängern und ergänzen können.                      die tänzerische Eleganz des bleichgesichtigen
   Und doch gibt es auch rein rechnerisch            Elfen-Kämpfers Legolas aus Herr der Ringe
(Zahlen-)Werte, die das Kinojahr 2004 als be-        oder die großen naiven Augen des zwischen
Das Filmjahr 2004                               8

Liebe und Pflicht zerrissenen Spider-Man ge-         (Start: 8.1.) in die Kinos bringen. Ein in der
hören – sondern eben auch die täppische              Mongolei angesiedeltes «Doku-Märchen»,
Sprachlosigkeit von Horst Krause als Schult-         das von Menschen und ihren Traditionen er-
ze, der «seinen» Akkordeon-Blues bekommt,            zählt, die oft im Widerspruch mit den Anfor-
oder das wache, suchende Gesicht von Julia           derungen der Moderne stehen. Der Doku-
Jentsch in Die fetten Jahre sind vorbei.             mentarfilm als Rückzugsmöglichkeit in eine
                                                     wenn auch nicht heile, so doch real existie-
                     Januar                          rende Wirklichkeit, die die Symbiose von
                                                     Tradition und Fortschritt ausbalanciert. Die
Nach jahrelangem Tauziehen gibt es ein neu-          Geschichte des Kamels wird für den «Oscar»
es Filmförderungsgesetz (FFG), das am 1. Ja-         nominiert und öffnet ihren Regisseuren die
nuar in Kraft tritt. Und schon sind dunkle           Tür für ein weiteres mongolisches Projekt.
Wolken am Himmel: Der Hauptverband                   Überhaupt scheint der Dokumentarfilm im
deutscher Filmtheater (HDF) kündigt eine             Vormarsch; was nicht nur mit der Sehnsucht
Klage der mittelständischen Kinobesitzer ge-         der Kinogänger nach Authentizität zu tun
gen das Gesetz an, das Produzentenbündnis            hat, sondern vor allem mit dem Engagement
«Film20» warnt davor, ebenso die Staatsmi-           kleiner und mittelgroßer Verleiher, die ihn
nisterin für Kultur, Christina Weiss; auch die       überhaupt in die Kinos bringen. Während
neu gegründete Deutsche Filmakademie fin-            über die «Oscar»-Träume des Kamels noch
det die Klage absurd. Zu den Neuerungen              schlaflose Nächte verbracht werden müssen,
des Gesetzes zählt, dass endlich auch die            folgt im März Aelrun Goettes erschütternder
Fernsehanstalten zur Kasse gebeten werden;           Film Die Kinder sind tot, der sich mit einer
genau besehen, dürfen sie sich in Zukunft so-        «Rabenmutter» auseinandersetzt, die im
gar Werbetrailer für ihre eigenen Filme im           Sommer 1999 ihre beiden Söhne in Frank-
Fernsehprogramm als Filmförderung anrech-            furt/Oder verdursten ließ; dabei belässt er es
nen lassen. Auf dem Papier ist das zehn Mio.         nicht bei oberflächlichen Schuldzuweisun-
Euro wert. Die Kinobesitzer dagegen sollen           gen, sondern versucht, der Struktur einer Ge-
in Zukunft pro Eintrittskarte drei Cent mehr         sellschaft auf den Grund zu gehen, in der sich
abführen – sie werden also wirklich zur Kasse        jeder nur selbst der Nächste ist. Aus Liebe
gebeten, und darin sieht der HDF eine ver-           zum Volk (Regie: Eyal Sivan und Audrey
fassungswidrige Ungleichbehandlung. «Selt-           Maurion) folgt am 22.4. Der Film blättert ein
sam an dieser Angelegenheit», findet Josef           wenig weiter in der deutschen Vergangenheit
Schnelle, «ist, dass monatelang verhandelt           zurück und setzt sich mit der Gefühlslage ei-
wurde, aber immer noch keine Einigkeit               nes ehemaligen Stasi-Offiziers auseinander,
herrscht. Vielleicht entdecken ja noch mehr          der auch heute noch davon überzeugt ist, zum
Lobbyisten, welche Nachteile das Gesetz für          Wohle seiner (Volks-)Genossen gehandelt
sie mit sich bringt. Genau betrachtet, schielt       zu haben. Dabei offenbart der klug struktu-
das neue Filmförderungsgesetz (FFG) auf              rierte Film das Psychogramm eines Men-
drei bis vier Filme im Jahr, die an der Kino-        schen, dessen institutionalisierter Sicher-
kasse reüssieren, und noch auf zwei weitere,         heitswahn zu paranoiden Verhaltensmustern
die wenigstens bei der Kopienverteilung in           geführt hat. In Gegensatz zur individuellen
der ‹Oberliga› mitspielen. Doch der große            Fallstudie macht Volker Koepp in Dieses
Rest?» (film-dienst 5/04)                            Jahr in Czernowitz (Start: 17.6.) die Tragö-
   Für den Dokumentarfilm lässt sich das             die unseres Jahrhunderts augenfällig. Dabei
Jahr gut an, zumindest für die Filmstudenten         verbindet er die unterschiedlichsten Lebens-
Byambasuren Davaa und Luigi Falorni, die             geschichten zur meisterlichen Metapher, in
ihre Geschichte vom weinenden Kamel                  der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
9                                 Das Filmjahr 2004

ineinander fließen und die dem Traum von               Eher dem anspruchs-
einem wirklich geeinten Europa Ausdruck                vollen Mainstream ver-
verleiht. Weit spektakulärer ist Pepe Dan-             haftet war der Dar-
quarts Höllentour, eine perfekt geschnitte-            steller O. W. Fischer,
ne Bilanzierung der Tour de France 2003, die           schon auf Grund sei-
                                                       ner Physis zum Her-
aus der Sicht zweier hochrangiger «Wasser-             zensbrecher prädesti-
träger» die «Tour der Leiden» Revue passie-            niert. In den 1950er-
ren lässt. Hier stehen nicht die Helden/Sieger         Jahren avancierte er
im Mittelpunkt, sondern jene, die ihnen zum            zum       bestbezahlten
Sieg verhelfen. Ein weiteres dokumentari-              deutschsprachigen
sche Highlight, Andres Veiels Die Spielwüti-           Schauspieler und ver-
                                                       drehte weiblichen Co-
gen, wird im Juni von sich reden machen (sie-          Stars wie Ruth Leuwerick, Liselotte Pulver, Hil-
he dort).                                              degard Knef und Romy Schneider den Kopf. In
   Sofia Coppolas Lost in Translation                  Filmen wie PETER VOSS, DER MILLIONENDIEB (1958)
(Start: 8.1.) sorgt für Furore: ein nuanciertes        und HELDEN (1959) spielte Fischer sein komödian-
Kammerspiel über die/das/den Fremde(n), in             tisches Talent aus, während seine dramatischen
dem zwei in Tokyo gestrandete US-Ameri-                (Titel-) Rollen in HANUSSEN (1955) und LUDWIG II. –
                                                       GLANZ UND ELEND EINES KÖNIGS (1954/55) Vergleichen
kaner über die Flüchtigkeit ihres Daseins              mit späteren Adaptionen der Stoffe durchaus
nachdenken. Die nuancierte Tragikomödie                standhalten. Der neunfache «Bambi»-Preisträ-
lotet die Charaktere feinfühlig aus und wird           ger stirbt am 29. Januar in Locarno.
bei der «Oscar»-Verleihung im März zu
Recht mit dem Preis fürs beste Drehbuch be-           Thulin einem anspruchsvollen Filmpublikum
dacht. Am selben Tag startet Kalender                 bekannt, in die Filmgeschichte ein ging sie
Girls, eine Sozialkomödie in bester briti-            durch Bergmans «Skandal»-Film Das Schwei-
scher Arbeitertradition (Regie: Nigel Cole),          gen (1963), in dem sie sich als Schwester einer
die liebenswerte Unterhaltung rund um die             an Tuberkulose erkrankten Frau bis zur Selbst-
Mitglieder eines Frauenverbandes bietet, die          aufgabe vor der Kamera preisgab.
sich für züchtige Aktfotos ablichten lassen
und den Erlös des daraus entstandenen Ka-
                                                                           Februar
lenders für wohltätige Zwecke stiften. Von
dem hübschen Film, gedreht nach tatsächli-            Mit Was nützt die Liebe in Gedanken
chen Ereignissen, und seinem karikativen              (Start: 12.2.) setzt der aktuelle deutsche Film
Beispiel geht eine beachtliche Sogwirkung             früh im Jahr eine eindrucksvolle Duftmarke.
aus. So lassen ostwestfälische Landfrauen in          Wohin treiben wir? So fragte schon die junge
der Folge ebenso die Hüllen fallen wie Feuer-         Bürgersfrau Melanie in Theodor Fontanes
wehrmänner, um den erzielten Reingewinn               L’Adultera, als sie fiebernd vor Begehren und
der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen.           unerfüllter Liebe in einem leise schaukeln-
Kino erzielt also doch die eine oder andere           den Boot unter funkelnden Sternen den
Wirkung außerhalb des dunklen Saales.                 Strom hinabtrieb. 50 Jahre später, mitten in
   Am 7. Januar stirbt die schwedische                der Zeit der vom Aufbruch geprägten und
Schauspielerin Ingrid Thulin, deren strenge           doch so fragilen Ruhe der Weimarer Repub-
Charaktere, die immer von einer Aura ver-             lik, verbindet sich für eine sinnsuchende Ju-
schatteter Intelligenz umgeben waren, einer           gend existenzielles Fragen immer noch mit
Reihe von Ingmar-Bergman-Filmen ihren                 spätromantischen Träumereien zu einer un-
Stempel aufdrückten. Durch Licht im Win-              gebrochen «modernen» Sehnsucht nach dem
ter (1963) oder das quälerische Frauendrama           «Übergroßen», nach Mythen und mächtigen
Schreie und Flüstern (1972), wurde Ingrid             Gesten in einer verwirrenden Zeit. Es ist dies
Brevier des «Verband der deutschen Filmkritik e.V.»
                     (Deutsche Sektion der FIPRESCI)

                                       Einleitung
                      Von der Brücke hinunter in den Fluss spucken
                                          oder
                              Gesellschaftskritik von Rang?
                                      Von Josef Schnelle

              Als ich zum ersten Mal jeman-      tisch sein? Das ist eine der Diskussionen, die
              den erzählte, ich sei Filmkriti-   der «Verband der deutschen Filmkritik»
              ker, wurde ich ungläubig ge-       (VdFk) – mit rund 300 Mitgliedern der größte
              fragt: «Und davon kann man le-     nationale Zusammenschluss von Filmkriti-
              ben?» Die Frage ist heute aktu-    kern innerhalb der internationalen Dachorga-
              eller denn je. Abgesehen von       nisation FIPRESCI – immer wieder führt. Es
einer Handvoll fest angestellter Redakteure      gibt kaum eine Berufsgruppe, die so gerne ihr
mit Schwerpunkt Filmkritik bei den großen        Selbstverständnis diskutiert wie die Filmkriti-
Zeitungen kann tatsächlich kaum jemand al-       ker. Das kann man in 35 Aktenordnern unse-
lein von der Filmkritik leben. Viele Filmzeit-   rer Vereinsgeschichte nachlesen (lohnendes
schriften und neuerdings Internetseiten mit      Material für mindestens eine Magisterarbeit).
Filmkritiken sind im Grunde reine Liebhaber-     Der VdFk existiert unter dem Namen «Ar-
projekte. Die professionellen Veröffentli-       beitsgemeinschaft der Filmjournalisten»
chungsmöglichkeiten bei Zeitungen, Radio-        schon seit den 1950er-Jahren, vergibt seither
sendern und Fernsehanstalten sind in den letz-   den «Preis der deutschen Filmkritik» und setzt
ten Jahren dramatisch zurückgegangen. Die        sich in Seminaren mit Filmkritik und -politik,
Honorare hingegen sind kaum gestiegen. Es        aber auch mit dem Verhältnis zu anderen
gehört also immer schon eine große Portion       Film-Berufsgruppen auseinander.
Leidenschaft für den Film dazu, wenn man             Zwischen Berufsstandsvertretung gegen-
sich der Filmkritik widmet.                      über Filminstitutionen und politischen Gre-
   Die ökonomische Seite ist weniger aufre-      mien und einer quasi gewerkschaftlichen In-
gend. Die meisten Filmkritiker leben von der     teressenvertretung gegenüber Publikations-
Hand in den Mund. Sie schreiben sich aber        medien, aber auch den Kinobesitzern und
nicht nur die Finger wund. Manche arbeiten       Verleihern, sucht der Verband nach seinem
auch noch für Filmfestivals. Sie suchen Filme    Standort. Manche von uns würden den Ver-
aus, leiten Podiumsdiskussionen und produ-       band auch gerne als eine Art «Kampfverband
zieren Festivalkataloge. Andere sind für Film-   für den Autorenfilm» sehen. Ist Filmkritik
museen oder im akademischen Bereich tätig.       eine eigenständige literarische Gattung, reiner
Schließlich gibt es noch diejenigen, die mehr    Service oder gar Gesellschaftskritik von Rang,
oder weniger offen für Filmverleiher Presse-     wie Siegfried Kracauer sie verstanden wissen
hefte schreiben. Können die dann noch kri-       wollte? Ist Filmkritik mächtig? Kann sie die
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Karriere eines Films tatsächlich beeinflussen,     der zu veröffentlichen. Wir möchten, dass eine
wie es die Filmemacher und Produzenten nach        Tradition daraus wird. Es besteht nicht der
schlechten Kritiken immer behaupten? Sitzen        Anspruch, das vergangene Filmjahr in allen
wir alle in einem Boot? Die Filmemacher und        seinen Aspekten abzubilden – also kein Voll-
die Kritiker? Diese und andere Fragen wer-         ständigkeitsanspruch. Es handelt sich schließ-
den uns weiter beschäftigen. Nicht nur deswe-      lich um Autorentexte und nicht um Verlaut-
gen haben wir die Anregung gerne aufgegrif-        barungen. Aber es ist eine gute Gelegenheit,
fen, im Lexikon des internationalen Films für      Tendenzen in der Weltkinematografie, me-
das Filmjahr 2004 erstmals einen eigenen ge-       dienpolitische Entwicklungen und Zukunfts-
schlossenen Teil mit Texten unserer Mitglie-       perspektiven des Films darzustellen.

                                    Durchlauferhitzer
                          Zur Lage der Filmkritik in Deutschland
                                      Von Claudia Lenssen

Wunderbar, schon vormittags ins Kino zu ge-        rer professionellen Obsession: versponnen ge-
hen! Aber kann man denn davon leben? Wer           nug, sich auf einen rasant verändernden Markt
den Beruf des Filmkritikers in Deutschland         zu spezialisieren, seit den jüngsten Entlas-
ausübt, bekommt die gegensätzlichen Kom-           sungswellen ohne rechte Aussicht auf Pau-
mentare, die neidvollen und die abschätzig mit-    schalistenverträge oder eine der seltenen Re-
fühlenden, fast in einem Atemzug zu hören.         dakteursstellen, die von den Medien für Film-
   Diese Arbeit ist von einem gewissen Nim-        kritik und Filmjournalismus vorgesehen sind.
bus umschmeichelt, einer Vorstellung luxu-            Wenn Filmkritik keine Startpositionen für
rierender Bohème. Besteht der Alltag von           ruhmreiche Journalistenkarrieren bereit hält,
Filmkritikern nicht aus dem Stoff, der für den     meist nicht einmal die Existenzsicherung ga-
Rest der Welt mit Freizeit, Unterhaltung und       rantiert, dann müsste sie eigentlich im Ver-
urbanem Lebensgefühl verbunden ist? In             schwinden begriffen sein. Besucht man jedoch
Zeiten einer neuen Klassenteilung, in der die      Pressevorführungen, die von den Filmverlei-
einen keine Arbeit haben und die anderen           hern vor dem Start ihrer Filme organisiert
zuviel, ist der Mythos der Kombination von         werden, kann von aussterbenden Einzelexem-
Spaß und Job von besonderem Reiz.                  plaren keine Rede sein. Es versammeln sich so
   Die Frage nach der Auskömmlichkeit aber,        viele Gäste aus den Verteilern der lokalen
der realistischen Kehrseite des Mythos, wird       Presseagenten, dass man der Zunft eigentlich
freiberuflichen Filmkritikern in den letzten       gute Zukunftschancen einräumen möchte. Bei
Jahren häufiger gestellt, obwohl sie zu allen      Blockbustern sind die großen Säle voll, bei
Zeiten auf der Tagesordnung war. Sie zeigt,        schmal budgetierten, anspruchsvollen Filmen
wie schlecht es um das Image dieses Fachs be-      die kleinen Säle zur Hälfte. Es scheint, als gä-
stellt ist, kommt jedoch meist im matten Ton       ben die Adressenkarteien der Pressebüros, die
resigniert klagenden Small-Talks daher. Seit       Vorabvorführungen organisieren, einen Spie-
viele Journalisten im Zug der Medienkrise          gel für das vom Verleih und seinem Marketing
kurz nach der Jahrtausendwende ihre Festan-        anvisierte Zielpublikum ab.
stellungen verloren haben und sich als Freibe-        Immer mehr Öffentlichkeitsvertreter
rufler durchschlagen, gelten Journalisten all-     drängen in die Pressevorführungen, fahren zu
gemein als Opfer der neoliberalen Exzesse,         Festivals, legitimieren auf irgendeine Weise
Filmkritiker dagegen eher als Borderliner ih-      ihre Presseausweise. Medienauftritte zum
NOTIZEN ZUM KINO # 01                               30

Start von (marktbeherrschenden) Filmen ha-               Die alten kulturellen Rangordnungen galten
ben deutlich zugenommen. Insgesamt ist die               nicht mehr, die neuen wurden angefeindet.
Aufmerksamkeit fürs Kino gewachsen im                        Der Filmkritik mangelte es an Prestige, was
Vergleich zum Feuilleton alten Zuschnitts,               folglich zu kompensieren war. Als jüngstes
aber unter den bevorzugten journalistischen              Kritikgenre besaß die Filmkritik nicht die
Produkten – Programmtipps, Kurzkritiken,                 über hundertjährige Tradition der veröffent-
Starinterviews und anderes mehr – gerät die              lichten Meinungen zu Theater, Kunst, Musik
Filmkritik zunehmend in die Nische. Die Be-              und Literatur, borgte sich jedoch von den älte-
rufsbilder, Arbeitsbedingungen, Abhängig-                ren Feuilletonsparten die Perspektive und den
keiten und Marktchancen verändern sich.                  Schreibgestus. Man inventarisierte, resümier-
Um das 80 Jahre alte Diktum des großen Pa-               te, beurteilte. Was zu Zeiten von Goethe und
ten Siegfried Kracauer auf die neuen Ver-                Schiller noch die Lieblingsbeschäftigung eines
hältnisse umzumünzen: Der Filmkritiker von               frei räsonierenden Kunstpublikums gewesen
(materiellem) Gewicht ist heute nur als flexi-           und danach mit der erkämpften bürgerlichen
bler Medienarbeiter denkbar.                             Pressefreiheit zur Expertenfrage unter ange-
                                                         sehenen Kunstrichter-Kritikern geworden
 Stiefkind Filmkritik – eine alte Geschichte             war, wurde auf das neue Medium übertragen.
                                                         Es ging zumeist ums Vorsortieren und Qualifi-
Ist Filmkritik ein Fossil? Funktioniert sie nur          zieren, ums Einordnen ins Raster des Bekann-
noch als fremdbestimmtes Rädchen der Mar-                ten. Ungeübt im Übersetzen von visuellen
ketingmaschine? Verbietet sich angesichts                Vorgängen in strukturierte Texte, zogen sich
des beschriebenen Verdrängungswettbe-                    die ersten Kritiker nur zu oft aufs Herunterbe-
werbs die Frage nach Positionen, Selbstver-              ten der Geschichte zurück, die sie auf der
ständnis und Funktion? Ein Blick zurück                  Leinwand zu erkennen glaubten.
macht deutlich, dass viele Widersprüche                      Widersprüche, die heute an der Tagesord-
schon seit ihren Anfängen existierten.                   nung sind, existierten von Beginn an: Filmkri-
    Filmkritik entstand zu einer Zeit, in der die        tikern haftete in den Feuilletonredaktionen
Printmedien als Industrie bereits hoch ausdif-           und Chefetagen der Hautgoût des Trivialen
ferenziert waren und ihre Macht politisch und            an. Die Geringschätzung gegenüber der «Af-
ideologisch einzusetzen wussten. Als die Mas-            terkunst» Film übertrug sich auf die Schreiber,
senerfolge des neuen Mediums nicht mehr zu               die dem Dilemma im schlechten Fall mit he-
übersehen waren, ging es darum, das Kino in              rablassenden Beurteilungen, im guten mit lei-
die eigene strategische Ausrichtung zu inte-             denschaftlichen Plädoyers beizukommen ver-
grieren. Filmkritik begann am Anfang der                 suchten. Filmkritik war von Anfang an Servi-
Weimarer Republik in Deutschland sich als                ce, indem sie dem lesenden Publikum (das in
journalistisches Genre zu profilieren. Damals            großer Zahl auch unter den Arbeitern zu fin-
bauten Architekten gigantische Kinopaläste,              den war und von einer starken Presse bedient
verfilmten Theaterregisseure die Klassiker,              wurde) überhaupt den Weg zum neuen Me-
faszinierten expressionistische Formexperi-              dienereignis Kino wies. Sie war von Anfang an
mente im Film die Künstler und Intellektuel-             Versuchen ausgesetzt, als Marketinginstru-
len; kurz: neue Schichten entdeckten das                 ment, auch im politisch-ideologischen Sinn,
Kino.                                                    manipuliert zu werden. Und ihr Schwerpunkt
    Die ersten Filmkritiker waren Liebhaber              lag zum größten Teil in der aktuellen Tages-
oder Verächter. Ihre Gegenstände hatten den              kritik, die dem Vorwurf der Oberflächlichkeit
Beigeschmack des «Kintopp», gehörten, woll-              bzw. Verkürzung selten entkommt.
te man den Vergleich ziehen, zu Trash, Pop                   Filmkritik entstand aus der Lokalbericht-
und Avantgarde einer Republik im Umbruch.                erstattung zum neuen Wunderding Kino. Früh
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schon schrieb sie gegen konkurrierende Ein-         tematisierende Rückschau auf die Kultur der
flüsse an. Der Druck der Anzeigenkäufe von          Weimarer Republik zu halten). Zum Teil fußen
Kinobetreibern, Verleihern und Produzenten          ihre Schriften bis in wörtliche Formulierungen
lastete auf ihrem Anspruch der subjektiven          hinein auf ihren einstigen Tageskritiken.
Meinungsfreiheit, ein Druck, der auch andere           So ist an diesen frühen Beispielen zu sehen,
Kritiksparten betraf, aber in der expandieren-      wie sich Filmkultur bis in die wissenschaftlich
den Filmindustrie zuweilen mit Wildwestme-          betriebene Filmgeschichte hinein eben auch
thoden betrieben wurde. Genauso wie heute           aus der Filmkritik speist. Ihr Serienprinzip
standen Filmkritiker auch damals vor der            spiegelt die Konjunktur von Kinoereignissen,
Wahl, im Feuilleton «seriös» zu schreiben oder      dokumentiert Chiffren des Zeitgeistes einer
zu den vielen Illustrierten, Mode- und Gesell-      Periode.
schaftszeitschriften jener Zeit zu wechseln,
ohne deren Fotos und Home-Stories die Ent-              Die Chance nutzen, die man nicht hat
stehung des Starwesens nicht zu denken wäre.
    Béla Balázs, einer der ersten Filmkritiker      Es hilft wenig, die schwierige Situation der
und -theoretiker, verlor seine Stelle bei der       Filmkritik heute durch den Hinweis auf ihren
Wiener Zeitung Der Tag, weil seine Kritiken         möglichen künftigen Quellenwert schön zu re-
dem Werbeeffekt der Anzeigen eines mächti-          den. Wie sieht das Handwerk aus? Unter einer
gen Filmtheaterbetreibers widersprachen. Sieg-      Filmkritik versteht man im Allgemeinen einen
fried Kracauer, damals Kritiker bei der Frank-      Text zu einem aktuellen Film, der sich durch
furter Zeitung, begriff solche populären Erleb-     die namentliche Kennzeichnung als Autoren-
nisangebote der 1920er-Jahre als Zeichen ei-        produktion, als subjektiver Kommentar zu er-
ner neuen urbanen «Angestelltenkultur».             kennen gibt. Das griechische «critein», auf das
    Filmkritiker in der Rolle von Experten, als     der Begriff Kritik zurückgeht, meint Unter-
namentlich zeichnende Feuilletonautoren, er-        scheiden und schließt im Deutschen so diffe-
reichten eine neue Wertschätzung für das            renzierte Bedeutungen wie Tadel, Beurtei-
Kino, eine Würdigung als «Kunst», verbürgt          lung, Bewertung, Besprechung, aber auch Ur-
durch Autoritätspersonen. Mit Hilfe der Kri-        teilsvermögen ein. Das aus dem Lateinischen
tik hinterließ das Kino, im Alltagsgeschäft         stammende Wort «Rezension» meint dassel-
eine hoch entzündliche, schnell zerstörbare         be. Kritiker und Rezensenten prüfen und wä-
Ware, Spuren in der Geschichte. Wenn von            gen ab, schätzen ihren Gegenstand zuweilen
frühen Filmen weder Kopien, Fotos, Zensur-          als gefährlich ein. Filmkritiker besprechen ei-
dokumente erhalten sind, beweisen nachge-           nen Film, indem sie ihr akustisch-visuelles Er-
lassene Kritiken ihre Existenz. Sie spiegeln zu-    lebnis niederschreiben, dabei das Verhältnis
dem wider, woran sich die Aufmerksamkeit            von Form und Inhalt würdigen und ihn in grö-
damals heftete, wie Kritiker ihre Wahrneh-          ßere Zusammenhänge, z. B. Genres, Filmo-
mung und Erinnerung in Sprachbilder über-           grafien, Kunst- und Zeitgeschichte einordnen.
setzten, welche Denkmuster ihre ästhetischen        Filmkritiker argumentieren, sie begründen ihr
Urteile prägten.                                    gegebenenfalls abschätziges Urteil. Und wie
    Kritik war die Chronik der laufenden Er-        immer ihre Kritik ausfällt, sie formulieren prä-
eignisse, geschrieben nach dem Besuch der           zise, stilsicher und finden für jedes Längenfor-
ersten Vormittagsvorstellung für die Zeitung        mat den angemessenen Textaufbau und eine
vom nächsten Tag. Zugleich war sie mehr:            Spannungslinie. Soweit das Schema.
Béla Balázs, Siegfried Kracauer, Rudolf Arn-            Filmkritiken-Schreiben ist eine kreative
heim, Lotte Eisner und andere verfassten film-      Tätigkeit, die sich immer neu auf fremde Bil-
theoretische Bücher (einige davon aus dem           der und Konzeptionen einlässt und die He-
Antrieb, im erzwungenen Exil später eine sys-       rausforderung annimmt, dieses Formerlebnis
NOTIZEN ZUM KINO # 01                            32

und seine emotionalen Wirkungen ins Medi-             Fall eintreten. Ob man lange Anfahrtszeiten
um Schrift zu übersetzen. So gesehen, ist             zu einer Pressevorführung oder einem Inter-
Filmkritik die «Fortsetzung des Films mit an-         viewtermin hat, einen Film mit Überlänge be-
deren Mitteln», wie die schöne Definition aus         spricht, zusätzlich weitere Filme des gleichen
dem Umkreis des Kölner Filmredakteurs                 Regisseurs anschaut, spielt bei der Honorie-
Helmut Merker sagt. Um gute Kritiken                  rung ebenso wenig eine Rolle wie die Dauer
schreiben zu können, und das professionell,           des individuellen Schreibprozesses. Auch Rei-
ist viel Seherfahrung im Kino notwendig. Die          sen zu Filmfestivals, die Messebesuchen ver-
New Yorker Kritikerin Pauline Kael fühlte             gleichbar wären und überdies wichtige Schalt-
sich erst in ihrem Element, nachdem sie 4.000         stellen für das professionelle «Networking»
Filme als ihren persönlichen Fundus benut-            darstellen, sind selbst zu finanzieren.
zen konnte. Filmhistorische und -theoreti-                Man muss sich Filmkritik leisten können.
sche Kenntnisse gehören ebenso zum Hand-              Wie zunehmend viele Berufe im tertiären Sek-
werk wie zeitgeschichtliches Wissen, Offen-           tor Kultur ist professionelle Filmkritik eine
heit für fortlaufend erneuerbare Allgemein-           Frage von Selbstausbeutung. Sieht man von
bildung und nicht zuletzt ein Quantum                 der kleinen Zahl festangestellter Filmredak-
Lebenserfahrung. Mit solchem Rüstzeug aus-            teure ab, die neben der eigenen Autorentätig-
gestattet, kann der – idealtypische – Filmkri-        keit über die Platzierung, die Längenformate
tiker Texte von eigenständigem Wert schrei-           und Präsentationsform von Filmkritiken ent-
ben, die sich von der simplen Servicefunktion         scheiden und ihren Kritikerstamm im Einzel-
emanzipieren und nicht nur Entscheidungs-             nen beauftragen, dann ist Filmkritik in erster
hilfe für den Kinobesuch bieten wollen, son-          Linie Sache von «Freelancern» (ein Wort aus
dern das mögliche Filmerlebnis um eine wei-           dem mittelalterlichen Sprachschatz, das die
tere Dimension, neuen Gesprächsstoff und              Söldner bezeichnete, die mit eigenen Lanzen
mehr Assoziationsmöglichkeiten ergänzen.              in den Krieg zogen und vom Kriegsherren
    Es liegt auf der Hand, dass filmkritisches        nicht mehr ausgerüstet werden mussten). Da
Schreiben Dichte und Präzision nur mit einem          keine Statistik darüber geführt wird, lässt sich
bestimmten Arbeitsaufwand erreicht, mit               nur spekulieren, dass von rund 80 deutschen
Vorbereitung und permanentem Training des             Tageszeitungen die Hälfte ein Redaktionsmit-
«Schreibmuskels» zusätzlich zum «Minimal-             glied für Film eingestellt hat, wozu weitere Po-
aufwand», der Sichtung des zu besprechenden           sitionen bei den Wochenzeitungen, der Film-
Films. Man kommt nicht ohne ein Zeitbudget            fach- und der Boulevardpresse kommen sowie
für begleitende Lektüre aus und sollte den            bei den Rundfunk- und Fernsehanstalten.
Aufwand an purer Textarbeit nicht unter-              Diesen rund 200 Entscheidungsträgern mit ge-
schätzen, wenn es gilt, im Schreiben Routine          legentlicher Schreiberfahrung steht ein Heer
zu vermeiden und spontane Meinungsäuße-               von rund 2.000 freiberuflichen Filmkritikern
rung durch Analyse zu ersetzen. Doch dieser           gegenüber.
Standard lässt sich bei der durchschnittlichen            Auf Seiten der Auftraggeber haben in den
Honorierung nicht erreichen.                          letzten Jahren zudem strukturelle Verände-
    Filmkritik wird im Stückpreis bezahlt, mit        rungen die Ausgangsposition für Filmkritik
Zeilenhonoraren, die je nach Längenformat             einschneidend verändert. Im Zuge der Me-
zwischen 40 und 300 Euro pro Artikel einbrin-         dienkrise und der anschließenden «Relaun-
gen. Vorkosten bei unterschiedlichen Schwie-          ches» vieler Zeitungen wurden die Textmen-
rigkeitsgraden zahlt der Autor. Filmkritik            gen radikal reduziert, vor allem die Feuille-
funktioniert im überwiegenden Fall nach dem           tons verkleinert. Die neue Generation maß-
Prinzip des «Outsorcings», bei dem die Auf-           geblicher Designer zog mehr weiße Flächen
traggeber für Mehraufwand nur im seltensten           und bunte Fotografien dem traditionellen An-
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gebot größerer Texte vor. Die Zeit reduzierte      sich zunehmend als Event-Berichterstatter,
beispielsweise die Textumfänge für Filmkriti-      Tippgeber, Vorkoster.
ken deutlich, während sie ihre «Alleinstel-           Wird die freie Wahl der Kritiker, Filme
lung» als Deutungsinstanz prägender kulturel-      durch ihre Würdigung oder gegebenenfalls
ler Prozesse mit einer Retro-Geste, dem deut-      durch kritische Analyse zum Gesprächsstoff
lichen Ausbau ihrer Literaturseiten, verteidi-     zu erklären, durch die Filter redaktioneller
gen wollte. Die krisengeschüttelte Frankfurter     Zwänge eingeschränkt, so steht ihre Arbeit
Rundschau reduzierte ihre traditionsreiche         zugleich auch unter dem wachsenden Einfluss
Filmkritik im Feuilleton ebenfalls, zahllose       der Verleiher. Die Krisensymptome, der
andere Beispiele wären zu ergänzen. Längere        scharfe Verdrängungswettbewerb, wirken
Essays, die über die Tageskritik hinaus zielen,    sich deutlich vor allem auf die kleinen Film-
sind aus den Publikumszeitungen verdrängt,         verleiher aus. Im Jahr 2004 starteten 437 Filme
während der systematische Ausbau von perso-        in deutschen Kinos, so viele wie noch nie.
nenorientierten Reportage-, Portrait- und In-      Bedarf für die professionelle Beobachtung des
terviewformaten die paradoxe Inszenierung          laufenden Angebots besteht im Prinzip also
der Sehnsucht nach Authentizität in den Mit-       nicht. Dennoch wird die Arbeit der Kritiker
telpunkt rückt. Analyse, gar Kritik im negati-     im Überlebenskampf der kleinen, anspruchs-
ven Sinn, gerät in der Kulturöffentlichkeit ins    vollen Filmverleiher zum Spielball von Zwän-
Hintertreffen, wenn sie nicht selbst als Pole-     gen und Interessen. Der Kampf um die Auf-
mik, Sensation oder Hype auf Blitzlichter          merksamkeit des Publikums, d.h. der Kampf
zielt. Die spielerische Variante desselben Vor-    um den Starterfolg eines Films in der ersten
gangs: Filme werden nicht mehr durch Bespre-       Einsatzwoche, aus dem ein weiteres Abspiel
chungen vorgestellt, sondern mit Gewinnspie-       im kleiner werdenden deutschen Programm-
len um Freikarten beworben.                        kinonetz folgen kann oder nicht, führt dazu,
   Derselbe Prozess setzt sich auch in den         dass in den entscheidenden Kinostädten viel
Sendestrukturen der deutschen Radioanstal-         dafür getan wird, Publikum über Filmkritiken
ten fort. Die Konsequenzen der breiten             zu motivieren. Besprechungen in den lokalen
Streuung von kommerziellen Radio- und              Programmzeitschriften sind für Kinobesitzer
Fernsehsendern in Konkurrenz zu den öf-            wie Verleiher wichtig. Sie hängen die Texte
fentlich-rechtlichen machen sich bemerkbar.        sogar in den Kinofoyers aus – ein rührend an-
Der Kampf um die Aufmerksamkeit eines              schauliches Feedback für die Kritiker.
diffusen, durch seine Macht zum Wegzappen             Dennoch hat die seit den Zeiten des Neuen
gefürchteten Massenpublikums soll Quote            deutschen Films der 1970er-Jahre von vielen
bringen. Kurzweilige, unterhaltsame Sende-         Verleihern beinahe selbstverständlich voraus-
formen und Textsorten wurden zur passen-           gesetzte Unterstützung durch die Kritik ihre
den Antwort auf diesen Zugzwang erklärt.           paradoxen Seiten. So schlug die Begeisterung
Spontan gesprochene Beiträge ersetzen die          über Hans Weingartners Die fetten Jahre
geschriebenen, Moderatoren geben sich              sind vorbei als einem politischen Film und
selbstbewusst als unwissende Fragensteller         deutschen Beitrag zum Filmfestival Cannes
und leiten unter diesem Stern die Plauderei        wie eine kollektive Selbstenthebung der Kri-
ein.                                               tik durch, in der kaum jemand Spielverderber
   Für Filmkritiker bedeuten diese neuen           sein wollte und folglich nicht darüber ge-
Programmdesigns spürbare Verluste von Ar-          schrieben wurde, dass der Film bei allem
beitsmöglichkeiten. Für denselben Aufwand          Charme erhebliche dramaturgische Schwä-
an Filmsichtung lassen sich nun nur noch sel-      chen hat. Hier funktionierte der Hype als Poli-
ten 5 Minuten lange Beiträge verkaufen. Die        tikum auf dem für Deutschland typischen
Fließprogramme der Radiosender verstehen           Kampfplatz, auf dem der notorische Minder-
NOTIZEN ZUM KINO # 01                             34

wertigkeitskomplex als schwache Filmnation             wie es der Filmjournalist Knut Elstermann
die sachliche Auseinandersetzung überwog.              formuliert.
Kritiker und Redakteure, die sich diesem Sog               Welche Lebensentwürfe, welche Arbeits-
ausliefern, die Trends hoch schreiben oder             formen entstehen aus dieser Entwicklung?
Entdeckungen lancieren, gewinnen Prestige.             Wie bewältigen Filmkritiker als Medienarbei-
Sie platzieren Filme als Aufmacherthema                ter ihre Rolle als Teilchen in einem beschleu-
und fördern allein durch dieses Ranking ihre           nigten System von Gesamt-Events? Es lässt
Karriere. Besprechungen über «wichtige»                sich realistisch spekulieren, dass sie angesichts
Filme scheinen auch die Kritiker «wichtig» zu          der unangemessenen Bezahlung auch bei ma-
machen. Andererseits bot das Jahr 2004 auch            ximalem Einsatz nicht auf ihre Kosten kom-
fürs gegenteilige Phänomen schlagende Bei-             men. Nimmt man Festivalberichte, Starinter-
spiele. Der Erfolg des Films Der Untergang             views und Portraits, die selteneren Retrospek-
bestätigte die alte Erfahrung, dass Filmkriti-         tive-Artikel, Nachrufe und Gedenktexte, per-
ker schlechte Filme, die massiv beworben               sönliche Kolumnen oder film- und kulturpoli-
werden und einen Nerv der Zeit treffen, nicht          tische Kommentare hinzu, könnten Filmjour-
unsichtbar machen können. Der Nutzen gu-               nalisten auch mit schierer Dauerpräsenz am
ter Filmkritik liegt nicht im medialen und/            Arbeitsplatz Kino und Computer nur auf ein
oder kommerziellen Erfolg eines Films, das             mäßiges Einkommen rechnen, sofern sie die
wissen Filmverleiher jeder Größenordnung.              Hürde eingeschränkter Veröffentlichungs-
Aber da langfristig die Kommunikation unter            chancen gemeistert haben. Kein Wunder also,
Meinungsmachern von ihr mitgeprägt wird,               wenn Filmjournalisten Kritik als Teilzeitar-
sieht man sie als Teil der Public Relations.           beit betreiben oder viel Kraft investieren, eine
   Die Marktchancen eines Films drücken                Rezension in allen möglichen Formaten und
sich auch im Einsatz massiver Werbeetats aus,          Medien in eine profitable Mehrfachverwer-
an deren Ende erst die Betreuung von Kriti-            tung umzusetzen. Um sich der Rolle des Spiel-
kern steht. Die Pflege der Einladungslisten für        balls zwischen frustrierten Redaktionen einer-
Pressevorführungen oder die Bereitstellung             seits und aufdringlichen PR-Agenten anderer-
von Presseheften mit Hintergrundinformatio-            seits zu entziehen, arbeiten sie als Dozenten,
nen ist zum marginalen Rest der Kampagnen              Übersetzer, Festivalberater, Programm- und
geworden, in dem es primär um eine größt-              Projektentwickler. Sie wechseln als zwangs-
mögliche Öffentlichkeit für den Film geht.             weise flexible Medienarbeiter zunehmend die
Heute kommt hinzu, dass die große Zahl loka-           Interessenssphären, arbeiten als PR-Agenten
ler PR-Agenturen, die als «Subunternehmer»             wie als Journalisten, drehen Making-of-Bei-
selbst unter Leistungsdruck stehen, akusti-            träge für die DVD-Auswertung von Filmen,
sches Ausschnittmaterial für Radiojournalis-           schreiben Pressetexte und werbende Inhalts-
ten verteilt, vor allem aber auch Interviewter-        angaben für Programmbroschüren.
mine mit den zum PR-Einsatz verpflichteten                 Das heißt jedoch nicht, dass die Kultur-
Regie- und Schauspielstars organisieren. Ver-          technik Filmkritik ausstirbt. Als Kommunika-
leihe lancieren so ihr Originalmaterial in der         tionsangebot ohne die zuweilen arroganten
von ihnen vorgegebenen Auswahl und Dosie-              Attitüden der letzten Großkritiker entsteht
rung in die Medien, bringen ihre Protagonis-           sie fortlaufend im Internet neu, nicht immer
ten im Talkshows im Fernsehens unter, kreie-           sprachlich geschliffen, aber auf Websites wie
ren Events jeder Größenordnung und eigens              «filmkritik.blogspot.com» kenntnisreich, de-
inszenierter Glamoureffekte.                           battenfreudig, theoretisch fundiert – natürlich
   Filmkritiker mutieren in diesem Zirkula-            umsonst und gratis als Cineastenliebhaberei.
tionswirbel zunehmend zum einkalkulierten                  Was wäre zu tun? Filmkritiker müssten of-
Marktinstrument, zum «Durchlauferhitzer»,              fensiver auf die schleichende Abwicklung ih-
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res Arbeitsfeldes aufmerksam machen. Sie                kunftsinvestition. Nachwuchsjournalisten je-
müssten – wie schon einmal in der Zeitschrift           der Fachrichtung müssten sich im Genre Film-
Filmkritik polemisch erprobt – die Wertschät-           kritik üben, ihre Fertigkeit auch an einem se-
zung ihrer Arbeit als eigenständige journalisti-        kundären Gegenstand trainieren, um diese
sche, wenn nicht gar literarisch-kritische Lei-         Kommunikationsform später als Entschei-
stung einfordern. Aus dem vorausgesagten                dungsträger in den Medien angemessen ein-
Paradigmenwechsel unserer schriftdominier-              schätzen zu können. Die seit 20 Jahren sich
ten Kultur zu einer Bilderkultur folgt zur Zeit         etablierende Filmwissenschaft müsste in einen
der zunehmende Verlust an Sprache, die die              regen Austausch mit den journalistischen
optisch-akustischen Wahrnehmungen aus der               Praktikern gezogen werden. Filmkritik als
suggestiven Unmittelbarkeit in die rationale            Kultur des Sehens hat eine Zukunft, wenn sie
wie emotionale Kommunikation überträgt.                 als Schlüsselkompetenz und eigenständiges
Übung in Filmkritik ist eine kulturelle Zu-             journalistisches Genre überwintert.

                              Immer auf den größten Haufen
            Eine filmpolitische Wende gefährdet den Film als kulturelles Gut
                                        Von Josef Schnelle

Glaubt man den filmpolitischen Verlautba-               dotierten deutschen Kulturpreis in Eigenregie
rungen der zuständigen Ministerin Christina             zu vergeben. Anfangs hielt man das Ganze für
Weiss, gibt es jede Menge Grund zum Jubel.              einen schlechten Scherz, ausgedacht an der
Der deutsche Film hatte 2004 einen Marktan-             Bar des Berliner Adlon-Hotels im ersten Är-
teil von über 20 Prozent. Festivalerfolge wie           ger über einige Juroren des deutschen Film-
der «Goldene Bär» in Berlin für Gegen die               preises, die partout sperrige Filme wie Domi-
Wand von Fatih Akin und das achtbare Ab-                nik Grafs Der Felsen mit Preisen bedachten,
schneiden von Die fetten Jahre sind vorbei              anstatt ihn Bully Herbig für seinen Publikums-
in Cannes nach Jahren der Abwesenheit deut-             hit Der Schuh des Manitu hinterherzuwer-
scher Filme im dortigen Wettbewerb begeis-              fen. Bernd Eichinger – Filmproduzent mit Bü-
tern die Branche. Beim Europäischen Film-               ros in München und Los Angeles – ärgerte sich
preis gewann nach Good Bye, Lenin! von                  heftig und lautstark in eigener Sache, schimpf-
Wolfgang Becker mit Gegen die Wand zum                  te auf inkompetente Juroren und forderte
zweiten Mal hintereinander ein deutscher                stattdessen die Gründung einer deutschen
Film. Bernd Eichingers aufwändiger Hitler-              Filmakademie, aber nur, wenn sie auch den
bunkerfilm Der Untergang wurde aussichts-               deutschen Filmpreis vergeben dürfe. Irgend-
reich für den «Oscar» nominiert. Das sieht              wie ging dann alles sehr schnell. Auf einer öf-
doch glatt so aus, als habe die Filmpolitik end-        fentlichen Anhörung des Ausschusses für Kul-
lich einen grundsätzlichen Wandel erreicht.             tur und Medien im Juni 2003 durften Kritiker
    Zwei Projekte zeitigen Resultate. Die No-           der «Initiative der Filmwirtschaft, eine Film-
vellierung des Filmförderungsgesetzes (FFG)             akademie einzurichten» noch einwenden, dass
und die Reform des Deutschen Filmpreises.               die Zielsetzung des deutschen Filmpreises ja
Der wird 2005 erstmals nicht mehr von einer             eigentlich die «Förderung der Filmkultur» sei
Jury ausgelobt, sondern von der neugegründe-            und man deshalb der Branche nicht eine der-
ten Deutschen Filmakademie, in der die Film-            artige Selbstbedienung gestatten dürfe. Schließ-
wirtschaft sich nach dem Vorbild der «Os-               lich handelt es sich bei den drei Millionen För-
car»-Academy organisiert hat, um den höchst-            dergeldern im Grunde um den Kern der kultu-
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