Mobile Talente? Ein Vergleich der Bleibeabsichten internationaler Studierender in fünf Staaten der Europäischen Union

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FORSCHUNGSBEREICH

Mobile Talente?
Ein Vergleich der Bleibeabsichten internationaler
Studierender in fünf Staaten der Europäischen Union

Die Studie wurde gefördert von der Stiftung Mercator
Der Sachverständigenrat ist eine Initiative von:
Stiftung Mercator, VolkswagenStiftung, Bertelsmann Stiftung, Freudenberg Stiftung, Gemeinnützige Hertie-Stiftung, Körber-Stiftung,
Vodafone Stiftung und ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius
FORSCHUNGSBEREICH

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung ............................................................................................................................................................... 4

1. Neues Interesse an internationalen Studierenden als künftige Zuwanderer ............................ 6
      1.1 Mobilität internationaler Studierender: Maßnahmen zur Förderung des Verbleibs
          nach Studienabschluss ................................................................................................................................................. 7
      1.2 Verbleiberaten internationaler Studierender: Drei Viertel verlassen das Land
          nach Studienabschluss ................................................................................................................................................. 8
      1.3 Das Hochschulwesen in Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Großbritannien
          und Schweden: Unterschiede auch bei internationalen Studierenden sichtbar ............................................. 10

2. Rechtliche Rahmenbedingungen für internationale Studierende und
   Absolventen in den fünf Ländern ......................................................................................................................... 11
      2.1 Europäische Ebene: Erleichterte Zuwanderung für einzelne Gruppen Hochqualifizierter,
          aber keine umfassende Vergemeinschaftung ........................................................................................................                                   11
      2.2 Nationale Ebene: Internationale Studierende als Teil der Zuwanderung Hochqualifizierter .......................                                                                     12
      2.3 Überblick über rechtliche Rahmenbedingungen: Gegenläufige Entwicklungen
          in einem dynamischen Feld ........................................................................................................................................                  13
                Vor dem Studium .................................................................................................................................................             14
                Während des Studiums .......................................................................................................................................                  14
                Nach dem Studium ..............................................................................................................................................               17

3. Länderberichte ................................................................................................................................................................. 18
      3.1    Deutschland: Liberalisierung im ehemaligen ‚Nicht-Einwanderungsland‘ ......................................................                                                      19
      3.2    Frankreich: Widersprüchliche Botschaften an internationale Studierende ......................................................                                                    21
      3.3    Niederlande: Großzügiges Regelwerk für am Arbeitsmarkt benötigte Absolventen ....................................                                                                23
      3.4    Großbritannien: Verschärfung liberaler Regelungen.............................................................................................                                   26
      3.5    Schweden: Nachzügler beim Aufenthalt zur Arbeitssuche ..................................................................................                                         29

4. Ergebnisse der Online-Befragung internationaler Studierender ....................................................... 31
      4.1 Die Teilnehmer: Größe der Stichprobe und Hintergrund ......................................................................................                                         32
                Herkunftsregionen der Studierenden ...............................................................................................................                            33
                Selbsteinschätzung zu Sprachkenntnissen ......................................................................................................                                33
      4.2 Motive für die Auswahl des Studienlandes: Qualität und Ruf der Bildungsinstitutionen.............................                                                                   35
      4.3 Motive der Bleibewilligen: Großes Interesse an internationaler Arbeitserfahrung .......................................                                                             37
                Geplante Dauer des Verbleibs im Studienland ..............................................................................................                                    38
                Gründe für die Verbleibeabsicht........................................................................................................................                       38
                Typische Merkmale der Bleibewilligen ............................................................................................................                             40
                Einflussfaktoren für Verbleib ..............................................................................................................................                  40
      4.4 Motive der Rückkehrwilligen: Familie und persönliche Beziehungen ..............................................................                                                     41
      4.5 Willkommenskultur und Aussichten auf dem Arbeitsmarkt: große länderspezifische Unterschiede ........                                                                                43
      4.6 Kenntnis und Bewertung der rechtlichen Regelwerke: Nur wenige fühlen sich gut informiert .................                                                                          45
      4.7 Zusammenfassung: Ausgeprägter Bleibewille, mehr Bedarf an Unterstützung .............................................                                                               48
                Bleiben ja – vorübergehend ...............................................................................................................................                    48
                Berufliches Vorankommen bestimmt den Bleibewillen ...............................................................................                                             48
                Mangelndes Wissen über rechtliche Rahmenbedingungen .........................................................................                                                 48
                Herausforderungen für internationale Studierende .......................................................................................                                      49
                Zusammenhang zwischen rechtlichen Rahmenbedingungen und Ergebnissen
                der Untersuchung ................................................................................................................................................             49

5. Schlussfolgerungen ....................................................................................................................................................... 50

Literatur....................................................................................................................................................................................... 53

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Zusammenfassung

    Zusammenfassung
    In Zeiten von demografischem Wandel und zunehmen-         Mitverantwortung gezogen, wenn ein Studierender
    dem Fachkräftemangel nimmt die Politik internationale     nach seinem Abschluss oder bei Abbruch des Studi-
    Studierende aus Drittstaaten verstärkt als potenzielle    ums nicht wie vorgesehen das Land verlässt. Das Zu-
    hoch qualifizierte Zuwanderer in den Blick. Internatio-   lassungsverfahren in Großbritannien unterliegt einem
    nale Studierende haben durch ihre akademische Ausbil-     ähnlichen Trend der Verschärfung. Im vormals restrik-
    dung im Land bereits eine Reihe von Hürden auf dem        tiven Deutschland hingegen sind die Regelungen mit
    Weg zu einer erfolgreichen Integration genommen: Ihre     der Abschaffung der Vorrangprüfung und den nun an-
    Bildungsabschlüsse sind anerkannt, mit Sprache, Gesell-   stehenden Verbesserungen für die Suchphase in den
    schaft und Gepflogenheiten des jeweiligen Landes sind     letzten Jahren liberalisiert worden.
    sie schon in Grundzügen vertraut. Nach dem Motto Train        Der zweite Teil der Untersuchung gibt die Perspek-
    and Retain haben es daher viele europäische Staaten       tive der Master-Studierenden und Doktoranden selbst
    internationalen Studierenden erleichtert, nach dem Ab-    wieder. Die Online-Befragung von über 6.200 Studie-
    schluss im Land zu bleiben und zu arbeiten.               renden in den untersuchten fünf Ländern zeigt: Das
        Die vorliegende Studie untersucht die Bleibeab-       Interesse an einem Verbleib im Studienland ist groß;
    sichten internationaler Studierender aus Drittstaaten     fast zwei Drittel könnten sich vorstellen, nach dem Ab-
    in Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Groß-       schluss des Studiums eine Arbeit im Studienland auf-
    britannien und Schweden. Welche Überlegungen              zunehmen, wenn es leichter wäre, eine Aufenthalts-
    spielen eine Rolle für die Planungen nach dem Stu-        und/oder Arbeitserlaubnis zu erhalten. Tatsächlich
    dienabschluss? Was wissen Master-Studierende und          verbleibt eine weitaus geringere Zahl: rund ein Viertel
    Doktoranden über die rechtlichen Rahmenbedingun-          in Großbritannien, Deutschland und den Niederlanden
    gen, die ihnen als potenziellen Fachkräften den Ver-      bzw. ein Drittel in Frankreich. Die Diskrepanz zwischen
    bleib im Studienland ermöglichen? Wie bewerten sie        Bleibeinteresse und realisiertem Verbleib weist auf er-
    die Möglichkeiten und welche Hindernisse sehen sie?       hebliche Hürden auf dem Weg hin. Die Untersuchung
    Für die Studie wurden in den fünf untersuchten Län-       zeigt deutlich, dass keines der fünf Länder die Potenzi-
    dern mehr als 6.200 Studierende an 25 Universitäten       ale der internationalen Studierenden ausschöpft.
    anhand eines Online-Fragebogens befragt. Durchge-             Als falsch erweist sich die verbreitete Annahme,
    führt wurde die Untersuchung vom Forschungsbereich        dass die internationalen Studierenden von vornherein
    beim Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für         nur ein Sprungbrett zur dauerhaften Zuwanderung in
    Integration und Migration in Kooperation mit der Mig-     ein hochentwickeltes Land suchen. Nur zehn Prozent
    ration Policy Group (MPG) in Brüssel. Die Studie wurde    der Befragten geben an, mehr als fünf Jahre im Land
    von der Stiftung Mercator gefördert.                      bleiben zu wollen. Die meisten Bleibewilligen planen,
        Viele europäische Länder und ebenso die Euro-         nach ein bis zwei Jahren in ihre Heimat zurückzukeh-
    päische Union haben in den vergangenen Jahren die         ren oder in ein anderes Land weiterzuziehen. In erster
    Rechtssicherheit internationaler Studierender verbes-     Linie wollen sie im Sinne eines ‚Gesamtpakets‘ ihren
    sert und ihren Zugang zum Arbeitsmarkt während            Studienaufenthalt mit ersten Erfahrungen auf dem in-
    und nach dem Studium erleichtert. Vor allem wurden        ternationalen Arbeitsmarkt verbinden.
    hierzu sog. Post-Study schemes eingeführt, also die           Der direkte Vergleich zwischen Bleibewilligen und
    Möglichkeit, nach dem Studium für eine Übergangszeit      Rückkehrwilligen zeigt, dass das Bleibeinteresse durch
    zum Zweck der Arbeitssuche im Land zu bleiben. In         eine Reihe von Faktoren befördert wird. So ist das Han-
    Deutschland und den Niederlanden können sich Absol-       deln der Bleibewilligen stärker vom Motiv des beruf-
    venten ein Jahr nach einem Job umsehen, in Großbri-       lichen Vorankommens bestimmt; private, persönliche
    tannien (noch) zwei Jahre, in Frankreich sechs Monate.    oder familiäre Gründe treten eher in den Hintergrund.
    Von den fünf untersuchten Ländern eröffnet lediglich      Auch haben die Bleibewilligen schon häufiger Joberfah-
    Schweden (noch) keinen solchen Weg auf den inlän-         rung in dem jeweiligen Land gesammelt, sind in der
    dischen Arbeitsmarkt.                                     Tendenz jünger und haben seltener Kinder. Auch bei
        Darüber hinaus haben sich die EU-Staaten in ihren     Studienfächern und Herkunftsländern werden Unter-
    Regelungen angenähert. So haben vormals sehr libe-        schiede deutlich: Ingenieure und Naturwissenschaftler
    rale Länder ihre Regelungen verschärft: In den Nie-       wollen häufiger bleiben als Sozial- und Geisteswissen-
    derlanden müssen sich Universitäten, die Studierende      schaftler, Studierende aus asiatischen Ländern – vor al-
    oder Doktoranden aus Drittstaaten aufnehmen wollen,       lem aus China, Indien, Iran und Sri Lanka – und Osteuro-
    mittlerweile beim Bildungsministerium registrieren        pa häufiger als Studierende aus Nord- wie Südamerika
    und für ihre ausländischen Studierenden bürgen. Sie       und Afrika. Wie zu erwarten war, fühlen sich die Blei-
    sind verpflichtet, zu prüfen, ob der Studierende sein     bewilligen besser über ihre Rechte und Möglichkeiten
    Studium ordnungsgemäß absolviert, und werden zur          informiert als diejenigen, die eine Rückkehr anstreben.

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FORSCHUNGSBEREICH

    Wie Hochschulen den Aufenthalt internationaler        markt sowie in der Frage, ob die Studierenden als in-
Studierender gestalten, hat ebenfalls einen prägen-       ternationale Arbeitskräfte willkommen sind: Während
den Einfluss auf deren Bleibeabsichten. So zeigt sich     Studierende in Deutschland und den Niederlanden ihre
beispielsweise in Deutschland, dass die bleibewilligen    Lage als vergleichsweise günstig einschätzten, wurden
Studierenden deutlich zufriedener mit ihren Studien-      in Frankreich und Großbritannien vor allem kritische
bedingungen sind als diejenigen, die auf dem Sprung       Stimmen laut. Befragte zeigten sich u. a. enttäuscht
sind. Auch fühlen sie sich stärker willkommen und         über die geplanten Einschränkungen ihrer Bleibemög-
sprechen besser Deutsch als die Rückkehrwilligen. Die     lichkeiten. Die Ergebnisse zeigen, dass internationale
Hochschulen sollten hier durch Studien- und Karriere-     Studierende die Art und Weise, wie über Zuwanderung
beratung sowie die Bereitstellung von rechtlichen In-     diskutiert wird, genau verfolgen.
formationen zu einer größeren Zufriedenheit mit dem            Studierende bringen in der Regel sehr gute Vor-
Studienaufenthalt beitragen.                              aussetzungen als hoch qualifizierte Zuwanderer mit.
    Mangelnde Kenntnisse der Landessprache stellen        Doch ein Studienaufenthalt allein nivelliert nicht alle
die internationalen Studierenden in den nicht englisch-   Hürden, vor denen Zuwanderer generell stehen, von
sprachigen Ländern vor Probleme. Durch die steigende      mangelnden Kenntnissen der Landessprache über feh-
Anzahl englischsprachiger Studiengänge können zwar        lende berufliche Netzwerke und unzureichendes Wis-
einerseits Drittstaatsangehörige leichter ein Studium     sen über die Gepflogenheiten auf dem Arbeitsmarkt
aufnehmen, andererseits ist die Landessprache insbe-      bis hin zu Diskriminierung und Schwierigkeiten mit den
sondere in Deutschland nach wie vor die Arbeitsspra-      aufenthaltsrechtlichen Bestimmungen für sich und ihre
che in den Unternehmen. Dies erschwert für die Stu-       Familien. Hinzu kommt, dass internationale Studie-
dierenden den Zugang zum Arbeitsmarkt. Neben dem          rende in der Regel als temporäre Zuwanderergruppe
englischsprachigen Studium haben sie vielfach nicht       betrachtet werden und sie daher eine Reihe von Inte-
ausreichend Zeit für das Erlernen der Landessprache.      grationsangeboten nicht in Anspruch nehmen können.
In diesen Fragen müssen Hochschulen Studieninteres-       Daher brauchen auch internationale Studierende Un-
senten besser informieren. Zurzeit führen die niedrigen   terstützung bei der Integration. Dies stärker als bisher
Anforderungen an deutsche Sprachkenntnisse für ein        zu leisten ist Aufgabe der Universitäten, staatlicher
Studentenvisum teilweise zu dem Irrglauben, man           und zivilgesellschaftlicher Stellen. Hochschulen soll-
könne allerorten ganz gut ohne Deutschkenntnisse          ten z. B. mehr Sprachkurse anbieten (insbesondere in
zurechtkommen.                                            Deutschland) und im Rahmen ihrer Karriereberatung
    Ein generelles Hindernis sind fehlendes Wissen und    auf die spezifischen Belange internationaler Studie-
schwer zugängliche Informationen über die rechtlichen     render eingehen. Die Integration von internationalen
Voraussetzungen für den Verbleib im Studienland. Zwi-     Studierenden am Arbeitsmarkt ist kein Selbstläufer,
schen 37,0 Prozent (in Großbritannien) und 45,9 Pro-      da es den Studierenden an Wissen über Karrierepfade
zent (in Deutschland) der befragten internationalen       und an Kontakten fehlt. Ihr Einstieg erfolgt daher nicht
Studierenden fühlen sich kaum oder gar nicht infor-       selten auf einem niedrigeren Niveau. Die rechtlichen
miert. Insbesondere in Deutschland wurden fehlende        Anforderungen sollten solche Integrationspfade er-
Informationen in englischer Sprache bemängelt. Nur        möglichen und nicht schon vor Studienabschluss einen
ein knappes Viertel der Befragten fand, dass Informa-     Arbeitsvertrag für eine hoch qualifizierte Beschäftigung
tionen über Aufenthaltsbestimmungen und die Voraus-       zur Voraussetzung für den Verbleib machen. Eine Such-
setzungen für den Verbleib im Land leicht verfügbar       phase, in der auch auf nicht hoch qualifizierten Po-
sind. Zudem werden die Regelungen in allen Staaten        sitionen Vollzeit gearbeitet werden darf, fördert die
als kompliziert wahrgenommen. Daher besteht in allen      Arbeitsmarktintegration.
untersuchten Ländern erheblicher Verbesserungsbe-              Wer Absolventen aus aller Welt ermutigen will, im
darf bei der Bereitstellung von Informationen.            Land zu bleiben, wird ihnen mehr maßgeschneiderte
    Unterschiede zwischen den Ländern zeigten sich        Angebote machen müssen.
bei der Einschätzung der Aussichten auf dem Arbeits-

                                                                                                                     5
Neues Interesse an internationalen Studierenden als künftige Zuwanderer

    1. Neues Interesse an internationalen                              Die vorliegende Studie1 stellt daher die Frage nach den
    Studierenden als künftige Zuwanderer                               Verbleibeabsichten internationaler Studierender2 aus
                                                                       Drittstaaten in den fünf EU-Mitgliedstaaten Deutsch-
    Internationale Studierende entwickeln sich immer                   land, Frankreich, die Niederlande, Großbritannien und
    mehr zu einer gefragten Gruppe qualifizierter Zuwan-               Schweden. Die Studie ‚Value Migration‘ wurde vom
    derer. Sie sind jung, gut gebildet und verfügen über               Forschungsbereich beim Sachverständigenrat deut-
    Erfahrungen, die sie für den Arbeitsmarkt der Aufnah-              scher Stiftungen für Integration und Migration in Zu-
    meländer attraktiv machen. Vor dem Hintergrund des                 sammenarbeit mit der Migration Policy Group (MPG) in
    demografischen Wandels, bestehender und zukünfti-                  Brüssel durchgeführt. Das 14-monatige Forschungspro-
    ger Fachkräfteengpässe sowie des Wunsches, in der                  jekt wurde von der Stiftung Mercator gefördert.
    globalisierten Wissensgesellschaft wettbewerbsfähig                    Die vergleichende Untersuchung ermöglicht, Un-
    zu bleiben, ermöglichen immer mehr Staaten in und                  terschiede und Ähnlichkeiten sowohl der rechtlichen
    außerhalb von Europa internationalen Studierenden,                 Rahmenbedingungen als auch der individuellen Wahr-
    nach ihrem Abschluss im Land zu bleiben und auf dem                nehmungen und Erfahrungen der Studierenden zu ana-
    Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.                                        lysieren. Der erste Teil untersucht die Bestimmungen
        Aus verschiedenen praktischen Erwägungen her-                  für Einreise, Aufenthalt und den Übergang auf den Ar-
    aus verfolgen politische Entscheidungsträger das Ziel,             beitsmarkt nach dem Studium in den genannten fünf
    internationalen Studierenden nach Studienabschluss                 Ländern. Der zweite Teil stellt die Ergebnisse einer
    den Weg zum heimischen Arbeitsmarkt zu ebnen, sie                  Online-Befragung von mehr als 6.200 internationalen
    also auszubilden und anschließend zu behalten (Suter/              Studierenden an 25 Universitäten vor. Befragt wurden
    Jandl 2008). Internationale Studierende sind u. a. auf-            ausschließlich Master-Studierende und Doktoranden.
    grund ihres Bildungsgrads und ihrer Sprachkenntnisse               Beide befinden sich in der Endphase ihres Studiums
    eine attraktive Zuwanderergruppe. Außerdem unter-                  und damit kurz vor dem Eintritt in den Arbeitsmarkt.
    scheidet sie eine Reihe weiterer Eigenschaften von                 Sie wurden nach ihren Bleibeabsichten, den Faktoren
    ‚klassischen‘ Zuwanderern. Wer seine Ausbildung im                 für die Wahl eines Studienlandes sowie ihrer Wahr-
    Aufnahmeland absolviert, hat in aller Regel bereits                nehmung und Beurteilung der Regelungen und Chan-
    Hürden überwunden, die sonst die Integration auf                   cen zur Arbeitsaufnahme nach dem Studienabschluss
    dem Arbeitsmarkt erschweren, wie etwa die Aner-                    gefragt.
    kennung der im Ausland erworbenen Zeugnisse und                        Der Vergleich der rechtlichen Rahmenbedingungen
    Bildungsabschlüsse, geringe Kenntnisse der Sprache                 zeigt, dass sich die fünf Länder hinsichtlich der Kri-
    und der kulturellen Gepflogenheiten sowie mangelnde                terien für die Vergabe eines Studentenvisums sowie
    Erfahrung in der Arbeitswelt des Aufnahmelandes. In                der konkreten Ausgestaltung von Aufenthaltsstatus
    Ländern mit einem vorwiegend öffentlich finanzierten               und Arbeitsmarktzugang nach dem Studium erheblich
    Hochschulwesen sprechen volkswirtschaftliche Gründe                unterscheiden. Zugleich zeigt sich ein Angleichungs-
    für eine Arbeitsmarktintegration internationaler Stu-              prozess: Die politischen Maßnahmen der einzelnen
    dierender nach Studienabschluss: Ihr Beitrag als Arbeit-           Länder zur Förderung des Verbleibs internationaler
    nehmer und Steuerzahler des Aufnahmelandes kann                    Studierender nähern sich – trotz aller weiterhin beste-
    Bildungsaufwendungen für internationale Studierende                henden Unterschiede – an. Die Auswertung der Online-
    kompensieren.                                                      Befragung belegt, dass internationale Studierende ein
        In mehreren Studien wurde bereits dargelegt, war-              großes Interesse daran haben, im Anschluss an das
    um immer mehr junge Menschen ein Studium im Aus-                   Studium erste Arbeitserfahrungen im Aufnahmeland
    land anstreben und welche Faktoren für die Wahl eines              zu sammeln. Allerdings sind sich die Studierenden der
    Studienortes entscheidend sind (Altbach 2004; King/                – vielerorts strenger werdenden – rechtlichen Rah-
    Ruiz-Gelices 2003). Weitaus weniger bekannt ist insbe-             menbedingungen bewusst und fühlen sich dadurch
    sondere im europäischen Kontext, welche Faktoren die               weniger willkommen, im Land zu bleiben. Die Moti-
    Planungen für die Zeit nach dem Studium beeinflussen.              ve der Gruppe, die nach ihrem Studienabschluss im

    1   Diese Studie wurde begleitet von Prof. Dr. Yasemin Karakaşoğlu, Mitglied des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für
        Integration und Migration (SVR). Verantwortlich für diese Veröffentlichung ist der SVR-Forschungsbereich. Die Argumente und
        Schlussfolgerungen spiegeln nicht notwendigerweise die Meinung des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration
        und Migration (SVR).
    2   Internationale Studierende werden in diesem Bericht als ausländische Studierende definiert, die ihre Bildungslaufbahn in einem
        anderen Land absolviert haben und zum Zwecke des Studiums einreisen (auch: Bildungsausländer). Ausländische Studierende,
        die bereits vor dem Studium im Land gelebt und dort auch ihre Hochschulzulassung erworben haben (auch: Bildungsinländer),
        werden nicht in den Blick genommen. Die Stichprobe der Online-Befragung in fünf EU-Ländern umfasst nur internationale
        Studierende aus Nicht-EU-Staaten.

6
FORSCHUNGSBEREICH

Land bleiben will, unterscheiden sich von denen der                  – Novellierung des Einbürgerungs- und Aufenthalts-
Gruppe, die das Land verlassen will. Während die erste                 rechts, sodass die Studienjahre auf die bis zur Ver-
Gruppe vor allem karriereorientiert denkt, sprechen                    leihung der unbefristeten Aufenthaltserlaubnis/
bei der zweiten Gruppe familiäre, soziale und persön-                  Staatsbürgerschaft benötigte Aufenthaltsdauer ange-
liche Gründe für einen Wegzug aus dem Studienland.                     rechnet werden können;
Weitere Unterschiede bezüglich der Bleibewilligkeit                  – erleichterter Zugang zum Arbeitsmarkt während und
zeigen sich bei einer Aufschlüsselung der Ergebnisse                   nach dem Studium;
nach Herkunftsländern und Studienfächern.                            – neue Visakategorien mit dem besonderen Ziel, inter-
                                                                       nationale Studierende anzuziehen und zum Verbleib
                                                                       zu motivieren;
1.1 Mobilität internationaler Studierender:                          – Besserstellung von internationalen Hochschulabsol-
Maßnahmen zur Förderung des Verbleibs                                  venten beim Zugang zum Arbeitsmarkt und damit bei
                                                                       der Vergabe einer Aufenthaltserlaubnis, z. B. durch
nach Studienabschluss
                                                                       geringere Mindesteinkommensgrenzen und den
Die enorme Zunahme der Studierenden, die ihr Stu-                      Wegfall der Vorrangprüfung.
dium ganz oder teilweise im Ausland absolvieren, ist
gut dokumentiert (OECD 2011; Teichler et al. 2011;                   Während die traditionellen Einwanderungsländer Ka-
Hawthorne 2008; Nuffic 2011; De Wit et al. 2008;                     nada, Australien, Neuseeland und USA internationalen
Robertson 2008; UNESCO 2010). Wie die Organisation                   Studierenden seit Langem die Perspektive eröffnen,
für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung                   nach dem Studium im Aufnahmeland zu arbeiten und
(OECD) berichtet, ist die Zahl internationaler Studie-               sogar langfristig bleiben zu können,4 verfolgen die
render von 2000 bis 2009 weltweit um 77 Prozent                      Staaten der EU einen weniger klar definierten Ansatz
gestiegen; nahezu 3,7 Millionen Menschen studierten                  (Wilkenson et al. 2010; Merwood 2008). Zwar ent-
2009 in einem anderen Land als dem ihrer Staatsan-                   spricht es auch hier zunehmend dem politischen Kal-
gehörigkeit. Fast die Hälfte dieser Studierenden ist                 kül, internationalen Studierenden nach erfolgreichem
in nur fünf Ländern immatrikuliert: den USA (18 %),                  Studienabschluss den Zugang zum Arbeitsmarkt zu er-
gefolgt von Großbritannien (10 %), Australien (7 %),                 öffnen. Allerdings werden internationale Absolventen
Deutschland (7 %) und Frankreich (7 %). Das mit Ab-                  stärker als Hochqualifizierte betrachtet, die sich nur
stand bedeutendste einzelne Entsendeland ist China,                  zeitlich befristet im Land aufhalten. In diesem Zusam-
gefolgt von Indien. Die bedeutendste Entsenderegion                  menhang könnte die Einführung der Blue Card in den
ist Asien. Ihr entstammen 53 Prozent aller mobilen                   EU-Mitgliedstaaten die langfristige Bleibeperspektive
Studierenden weltweit.                                               für internationale Studierende stärken.5
    Immer mehr Länder in Europa und andernorts re-                       Trotz einer deutlichen Liberalisierungspolitik zu-
agieren auf die zunehmende Mobilität Studierender                    gunsten internationaler Studierender in den EU-Mit-
mit Maßnahmenpaketen, die diese Zielgruppe ermun-                    gliedstaaten unterliegen auch sie Maßnahmen zur
tern sollen, als hoch qualifizierte Zuwanderer im Land               Kontrolle und Begrenzung von Zuwanderung. Derar-
zu bleiben.3 Dabei kommen die folgenden Instrumente                  tige Bestrebungen gibt es besonders in Ländern, in
zum Einsatz:                                                         denen sowohl Politik als auch Öffentlichkeit eine ein-
– befristete Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis                   wanderungskritische Haltung einnehmen. So stehen
  nach Studienabschluss zum Zwecke der Suche eines                   Reformen in Großbritannien an, die die Zuzugs- und
  der Ausbildung angemessenen Arbeitsplatzes;                        Verbleibemöglichkeiten für internationale Studierende
– Modernisierung und Vereinfachung der Einreise- und                 beschneiden. Die britische Grenzschutzbehörde6 (UK
  Visamodalitäten für Hochqualifizierte und internati-               Border Agency) kündigte im Frühjahr 2011 an, ab April
  onale Studierende;                                                 2012 die Erteilung von Studentenvisa an Nicht-EU-

3   Es existiert keine allgemeingültige rechtliche Definition der Bezeichnung „hoch qualifiziert“. Typischerweise bezieht sie sich auf
    das Bildungsniveau, die spezifische Berufserfahrung oder die Höhe des Gehalts (EMN 2007).
4   Beispielsweise wurde die Canadian Experience Class speziell mit dem Ziel der Förderung des Verbleibs internationaler
    Studierender entwickelt: Nach zwei Jahren Studium und einem Jahr Berufstätigkeit in Kanada besteht die Möglichkeit, eine
    dauerhafte Aufenthaltserlaubnis zu erhalten. Mit dieser steht auch der Zugang zur kanadischen Staatsbürgerschaft offen (Gates-
    Gasse 2010).
5   Die Hochqualifiziertenrichtlinie der EU (2009/50/EG) sieht die Einführung einer Blue Card vor, eine befristete Arbeitserlaubnis für
    Hochqualifizierte aus Drittstaaten. Sie ist in den Niederlanden und Frankreich bereits in Kraft; Schweden und Deutschland werden
    bald folgen; Großbritannien hat von der Opting-Out-Klausel Gebrauch gemacht.
6   Die britische Grenzschutzbehörde ist eine an das für Zuwanderung zuständige britische Innenministerium gekoppelte Agentur, sie
    ist u. a. zuständig für Zuwanderungskontrolle und Visa-Bestimmungen.

                                                                                                                                          7
Neues Interesse an internationalen Studierenden als künftige Zuwanderer

    Bürger restriktiver handhaben zu wollen – und verfolgt              internationale Wettbewerbsfähigkeit der Universitäten
    damit das übergeordnete Ziel, die Nettoeinwanderung                 weiterhin ein Thema mit hohem Stellenwert für die
    insgesamt zu verringern (Mulley/Sachrajda 2011; Eas-                Hochschulpolitik bleiben.
    ton 2011).7 Die Hürden für den Zugang zu britischen
    Hochschulen werden erhöht. So werden die Sprachan-
    forderungen strenger und die maximale Studiendauer                  1.2 Verbleiberaten internationaler
    wird verringert. Auch der zweijährige Aufenthalt zur                Studierender: Drei Viertel verlassen das
    Arbeitsplatzsuche nach Studienabschluss (Post-Study
                                                                        Land nach Studienabschluss
    Work Scheme), der internationalen Absolventen un-
    abhängig vom Vorliegen eines Jobangebots gewährt                    Ein direkter Ländervergleich dazu, wie viele internatio-
    wird, soll abgeschafft werden. Gewisse Schritte in diese            nale Studierende nach ihrem Abschluss im Studienland
    Richtung sind auch in Frankreich und den Niederlanden               bleiben, ist aufgrund der unterschiedlichen Datenlage
    erkennbar. Die Bestrebungen dienen dem doppelten                    in den EU-Ländern nur eingeschränkt möglich. Die von
    Ziel, dringend auf dem Arbeitsmarkt benötigten Hoch-                der OECD entwickelte Verbleiberate liefert hierfür aber
    qualifizierten einfachere Möglichkeiten zum Verbleib                eine gute Grundlage: Die OECD setzt die Zahl der in-
    zu bieten und gleichzeitig den Verbleib für diejenigen              ternationalen Studierenden, die nach ihrem Abschluss
    zu erschweren, die statt an einem Studium primär an                 erneut eine Aufenthaltserlaubnis beantragen, ins Ver-
    einem Arbeitsmarktzugang interessiert sind.                         hältnis zu denen, die das nicht tun. Die Verbleiberate
        Auch im Hochschulbereich werden Maßnahmen                       sagt demnach nichts darüber aus, zu welchem Zweck
    und Strategien zunehmend an dem Ziel ausgerichtet,                  Absolventen verbleiben (familiäre Gründe oder Auf-
    internationale Studierende zu gewinnen und nach ih-                 nahme einer Arbeit), noch berücksichtigt sie Wechsel
    rem Studium zu halten. So treten Hochschulen verstärkt              des Aufenthaltsstatus schon vor Abschluss des Studi-
    in einen Wettbewerb um internationale Studierende                   ums. Auch berücksichtigen die Verbleiberaten nicht
    und wenden sich mit ihren Dienstleistungen – z. B. wis-             die Länge des Aufenthalts und die verbleibenden
    senschaftliche Beratungsangebote, Beratung in Karri-                Studierenden werden unabhängig von ihrem ange-
    ere- und Bewerbungsfragen, Unterstützung bei der                    strebten Studienabschluss erfasst. Bekanntlich sind
    Wohnungssuche, mehrsprachige Internetseiten oder                    aber die Verbleiberaten bei Studierenden in weiter-
    Sprachkurse – speziell an diese Zielgruppe. Zu beobach-             führenden Studiengängen höher als bei Studierenden
    ten sind auch ein Anstieg der Marketingaktivitäten zur              in Bachelor-Studiengängen (Finn 2010). Dennoch lie-
    Anwerbung internationaler Studierender, die Zunahme                 fert die Verbleiberate einen ersten Anhaltspunkt für
    englischsprachiger Studiengänge, eine Auslagerung                   die Einschätzung der realen Verhältnisse und ermög-
    von Bildungsstätten ins Ausland sowie Bestrebungen,                 licht einen länderübergreifenden Vergleich. OECD-weit
    Abschlüsse und Qualifikationen international vergleich-             liegt die Verbleiberate bei durchschnittlich 25 Prozent.
    bar zu gestalten (Altbach/Knight 2007; Verbik/Lasa-                 Ein überdurchschnittlich hoher Verbleib ist in Kanada,
    nowski 2007; Robertson 2008; Waters/Brooks 2011).                   Frankreich, der Tschechischen Republik, Australien, den
    Trotz dieser proaktiven Maßnahmen zeigen empirische                 Niederlanden und Deutschland festzustellen (Abb. 1).
    Vergleichsstudien wie das International Student Baro-               In Kanada, das die Liste anführt, reist nahezu jeder
    meter (ISB) und auf Deutschland bezogene Untersu-                   Dritte nach dem Studium nicht aus; 42 Prozent wech-
    chungen zur Situation internationaler Studierender an               seln sogar unmittelbar in einen dauerhaften Aufent-
    Hochschulen (BMBF 2010), dass im Hochschulbereich                   haltsstatus.
    noch einiges getan werden muss, um angemessen auf                       Länderstudien geben weiterführende Auskünfte,
    die Bedürfnisse und Erwartungen internationaler Stu-                wie viele Studierende sich langfristig in ihrem Stu-
    dierender reagieren zu können. Die Ergebnisse des ISB               dienland niederlassen und welche Eigenschaften sie
    weisen zum Beispiel darauf hin, dass Lern- und Sprach-              auszeichnen (z. B. Finn 2010; Wolfeil 2010; Soon 2012).
    unterstützung, Karriere- und Bewerbungsberatung                     So wechselte in Neuseeland zwischen 1997 und 2006
    sowie die aufenthaltsrechtliche Beratung verbessert                 jeder fünfte internationale Studierende (21 %) inner-
    und ausgebaut werden müssen (Ripmeester/Pollock                     halb von vier Jahren nach Einreise in einen dauerhaften
    2011). Vor dem Hintergrund des anhaltenden Trends                   Aufenthaltsstatus (Wilkinson et al. 2010). Für Austra-
    zum Wettbewerb um hoch qualifizierte Fachkräfte                     lien stellte Merwood (2007) fest, dass jeder Fünfte
    einschließlich internationaler Studierender dürfte die              (21 %), der dort 2002 seinen Studienaufenthalt been-

    7   Befürworter eines strengeren Verfahrens der Vergabe von Visa an internationale Studierende in Großbritannien führen Miss-
        brauchsfälle aufgrund relativ liberaler Vergabeverfahren an. Viele Studierende hätten sich an Scheinuniversitäten eingeschrieben
        und auf die zweijährige Aufenthaltserlaubnis zur Arbeitssuche nach Studienabschluss (s. Kap. 3 zu Post-Study Work Scheme)
        abgezielt, um Zugang zum niedrig qualifizierten Arbeitsmarktsektor zu bekommen.

8
FORSCHUNGSBEREICH

Abb. 1 Anteil internationaler Studierender mit verändertem Aufenthaltsstatus und weiterem Aufenthalt
       in ausgewählten OECD-Ländern (Verbleibsrate) 2008 oder 2009

40%

30%

20%

10%

 0%
               ich          n         d      an             d           d              n            n             d            e               n           p.           h          a
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                                                                                                                 n
                                                                                                                          land         a  lie            Re         reic       nad
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                 Anteil mit verändertem Aufenthaltstatus
                 Durchschnitt

          Anmerkung: In EU-Staaten werden nur Studierende berücksichtigt, die aus Ländern außerhalb des EWR stammen.
          Quelle: OECD 2011b: 67; eigene Darstellung

dete, im Anschluss eine unbefristete Aufenthaltsge-                                            machen sie mehr als zehn Prozent der Alterskohorte
nehmigung bekam. In Großbritannien hingegen lassen                                             aus). Eine demografisch relevante Zuwanderergruppe
sich schätzungsweise nicht mehr als 10 Prozent der                                             sind sie damit allein aufgrund der Größe nicht. Hinzu
internationalen Studierenden aus dem nichteuropäi-                                             kommt, dass sie sehr mobil sind und auf Veränderun-
schen Wirtschaftsraum (EWR) dauerhaft nieder (Mul-                                             gen wie die konjunkturelle Entwicklung im Aufnah-
ley/Sachrajda 2011). Finn (2010) stellt fest, dass die                                         me- und Herkunftsland oder auf Entwicklungen auf
Verbleiberate von internationalen Wissenschaftlern,                                            dem globalen Arbeitsmarkt schnell reagieren können.
die ihren Doktor in den USA gemacht haben, zwischen                                            Internationale Studierende sind daher kein Allheilmit-
60 Prozent (nach zehn Jahren) und 73 Prozent (nach ei-                                         tel für einen Mangel an qualifizierter Zuwanderung,
nem Jahr) liegt. Er stellt auch eindeutige Unterschiede                                        zumal nicht per se davon ausgegangen werden kann,
nach Studienrichtungen fest: Am häufigsten verblei-                                            dass ihre Arbeitsmarktintegration im Vergleich zu Zu-
ben Promovierte aus den Natur- und Ingenieurwissen-                                            wanderern, die ihren Hochschulabschluss im Ausland
schaften in den USA, am wenigsten Promovierte aus                                              erworben haben, leichter verläuft (Hawthorne 2010;
den Agrar- und Sozialwissenschaften. Einen negativen                                           Sidhu 2011).
unmittelbaren Effekt auf die Verbleiberaten übten die                                              Aus volkswirtschaftlicher Sicht werden internatio-
wirtschaftliche Krise sowie die Terroranschläge in den                                         nale Studierende als Mehrwert betrachtet. Aufgrund ih-
USA aus. Dies betraf vor allem diejenigen, die zum                                             res Alters und Bildungsgrads ist ihr Risiko, arbeitslos zu
Zeitpunkt der Ereignisse auf Jobsuche waren.                                                   werden und Sozialleistungen in Anspruch nehmen zu
    Der demografische Effekt einer verstärkten Zuwan-                                          müssen, gering. Vielmehr werden sie wahrscheinlich
derung internationaler Studierender hält sich allerdings                                       zu Nettobeitragszahlern der sozialen Sicherungssyste-
in Grenzen: Die OECD weist in ihrem Migrationsausblick                                         me. In Verbindung mit anderen politischen Maßnah-
2011 darauf hin, dass selbst dann, wenn alle interna-                                          men kann die Förderung des Verbleibs internationaler
tionalen Studierenden nach dem Abschluss blieben,                                              Studierender Engpässe auf dem Arbeitsmarkt des Auf-
dies den Anteil der jungen Generation an der Gesamt-                                           nahmelandes abfedern und die Folgen der alternden
bevölkerung nur unwesentlich erhöhen würde (2011b:                                             Gesellschaft mildern. Darüber hinaus können internati-
65). Internationale Studierende stellen durchschnittlich                                       onale Studierende einen wertvollen Beitrag dazu leis-
3,3 Prozent der 20- bis 24-Jährigen in den Staaten der                                         ten, die wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen
OECD (nur in zwei Staaten, Australien und Neuseeland,                                          zwischen Herkunfts- und Aufnahmeland zu kräftigen.

                                                                                                                                                                                       9
Neues Interesse an internationalen Studierenden als künftige Zuwanderer

     1.3 Das Hochschulwesen in Deutschland,                                         Englischsprachige Länder verfügen aufgrund der
     Frankreich, den Niederlanden,                                              Sprache über einen klaren Wettbewerbsvorteil (Per-
                                                                                kins/Neumayer 2011), da sie für Studierende welt-
     Großbritannien und Schweden:
                                                                                weit attraktiv sind. Neben den USA und Australien ist
     Unterschiede auch bei internationalen                                      von allen europäischen Staaten Großbritannien der
     Studierenden sichtbar                                                      wichtigste Akteur auf dem internationalen akademi-
                                                                                schen Markt (Verbik/Lasanowski 2007). Die globale
     In allen fünf untersuchten EU-Ländern lässt sich eine                      Verbreitung des Englischen hat auch in nicht englisch-
     stark steigende Zahl internationaler Studierender und                      sprachigen Ländern dazu geführt, dass Hochschulen
     Absolventen feststellen. Unterschiede bestehen aber                        Studiengänge anbieten, die ganz oder überwiegend
     in den strukturellen Eigenschaften der Hochschulsys-                       auf Englisch durchgeführt werden. Niederländische
     teme, dem Anteil internationaler Studierender an der                       Universitäten waren hier Vorreiter und halten bis heute
     Gesamtstudierendenschaft sowie den für internationa-                       eine Spitzenposition in Europa (Hawthorne 2008: 13).
     le Studierende und Hochqualifizierte geltenden recht-                      Mehr als die Hälfte aller Bachelor- und Masterstudi-
     lichen Rahmenbedingungen (Tab. 1).                                         engänge an niederländischen Universitäten wurden

     Tab. 1 Ausgewählte Eigenschaften der fünf Untersuchungsländer

                              Deutschland               Frankreich              Niederlande             Großbritannien            Schweden

      Studien-                niedrig                   niedrig                 hoch                    hoch                      hoch
      gebühren*
                              identisch für             identisch für           höher für               höher für                 keine Ge-
                              inländische und           inländische             internationale          internationale            bühren für
                              internationale            und internatio-         Studierende             Studierende               inländische
                              Studierende               nale Studieren-                                                           Studierende,
                                                        de (Gebühren                                                              Gebühren für
                                                        an grandes                                                                internationale
                                                        écoles können                                                             Studierende
                                                        variieren)
                              bis zu 1.000 €            750 € an                15.000 €                18.000 €                  12.000 €
                              (aber in den              öffentlichen
                              meisten Ländern           Hochschulen,
                              keine Studien-            bis zu 16.000 €
                              gebühren)                 an grandes
                                                        écoles

      Anteil aus-             10,5 %                    11,5 %                  7,2 %                   20,7 %                    9,4 %
      ländischer
      Studierender**
      an allen Stu-
      dierenden

      Top 5 der Her-          1. China                  1. Marokko              1. Deutschland          1. China                  1. China
      kunftsländer            2. Russland               2. China                2. China                2. Indien                 2. Pakistan
      internationaler         3. Polen                  3. Algerien             3. Belgien              3. Nigeria                3. Finnland
      Studierender            4. Bulgarien              4. Tunesien             4. Spanien              4. Irland                 4. Iran
                              5. Türkei                 5. Senegal              5. Frankreich           5. Deutschland            5. Indien

     * Ungefähre jährliche Studiengebühren für Studierende aus Nicht-EU-Ländern auf Master-Niveau. Die Gebühren können sich jedoch je nach
     Studiengang und Institut zum Teil beträchtlich unterscheiden.

     ** Dies sind OECD-Daten (2011a: 333). Sie schließen alle ausländischen Studierenden (aus EU- und Nicht-EU-Staaten) ein, unabhängig davon, ob diese
     ihre Hochschulzugangsberechtigung im In- oder Ausland erworben haben. Vergleichbare Daten für die Gruppe der hier untersuchten internationalen
     Studierenden aus Nicht-EU-Staaten waren nicht verfügbar.

     Quelle: Högskoleverket 2010: 57; Nuffic 2011:15; DAAD/HIS 2011a; Ministère de l’éducation nationale 2011; HESA 2011; OECD 2011a: 333

10
FORSCHUNGSBEREICH

2010/11 in englischer Sprache angeboten (Nuffic                  anderen EU-Staaten, vor allem aus Deutschland und
2011). In Deutschland fördert das Bundesministerium              Belgien (Nuffic 2011).
für Bildung und Forschung den Ausbau international                  Inwiefern sich die Länder hinsichtlich der rechtli-
ausgerichteter Bachelor-, Master- oder Promotions-               chen Rahmenbedingungen für internationale Studie-
Programme, die überwiegend auf Englisch unterrich-               rende unterscheiden und in welchem Umfang eine
tet werden; die Anteile sind jedoch deutlich niedriger.          Angleichung stattfindet, zeigen die folgenden Aus-
    Die Gebühren an öffentlichen Universitäten vari-             führungen.
ieren in den fünf untersuchten Ländern stark. In den
meisten EU-Ländern werden unterschiedliche Ge-
bühren für internationale EU/EWR-Studierende und                 2. Rechtliche Rahmenbedingungen für
internationale Studierende aus Drittstaaten (d. h. aus           internationale Studierende und Absol-
Nicht-EU/EWR-Ländern) erhoben. Eine Ausnahme sind
                                                                 venten in den fünf Ländern
Frankreich und Deutschland, wo die Gebühren gleich
sind bzw. das Studium kostenfrei ist. Schweden hat erst          Alle fünf untersuchten Länder erlebten in den vergan-
im Studienjahr 2010/11 Studiengebühren für internati-            genen Jahren einen rapiden Anstieg der Zahlen inter-
onale Nicht-EU/EWR-Studierende eingeführt, während               nationaler Studierender. Die Reaktionen darauf sind
EU/EWR-Studierende davon befreit sind. Am höchsten               in der Gesamtbetrachtung ambivalent: Ihr finanzieller
sind die Gebühren für internationale Studierende in              Beitrag zu den chronisch unterfinanzierten Etats der
Großbritannien (durchschnittlich 18.000 Euro pro Jahr            Universitäten (insbesondere in den Niederlanden und
für Masterstudiengänge). In den Niederlanden zahlen              Großbritannien, also in Ländern mit hohen Studienge-
internationale Studierende pro Jahr zwischen 14.000              bühren) ist willkommen, häufig werden sie auch als
und 19.700 Euro, in Schweden zwischen 8.500 und                  qualifizierte Arbeitskräfte in spe angesehen. Allerdings
15.000 Euro. In Deutschland betragen die Studienge-              besteht in einigen Ländern die Sorge, dass zu viele
bühren je nach Bundesland jährlich bis zu 1.000 Euro8,           internationale Studierende von einem befristeten in
in Frankreich bis zu 750 Euro. Dort erheben Elitehoch-           einen unbefristeten Aufenthaltsstatus wechseln oder
schulen (grandes écoles) allerdings Gebühren von bis             sich von vornherein nicht mit einer originären Studie-
zu 16.000 Euro pro Jahr.                                         nabsicht um ein Visum bewerben. Diese Länder stehen
    Während also in Deutschland und in Frankreich der            vor der Herausforderung, entsprechende gesetzliche
Staat die Ausbildung internationaler Studierender stark          Regelungen zu schaffen, die einerseits die Stimmungs-
subventioniert, verfolgen die anderen drei untersuch-            lage für die Reduzierung von Einwanderung berück-
ten Länder einen marktbasierten Ansatz. Für Hochschu-            sichtigen, andererseits aber auch die Konkurrenzfä-
len stellen die höheren Gebühren von internationalen             higkeit auf dem internationalen Markt sicherstellen.
Studierenden eine wesentliche Einkommensquelle dar.              Diesen Zwiespalt spiegeln eine Reihe von politischen
    Unter den fünf Ländern weist Großbritannien den              Initiativen auf der europäischen wie auf der nationalen
höchsten Anteil ausländischer Studierender an der                Ebene wider: Diese reichen von Gesetzesänderungen
Gesamtstudierendenschaft auf, auf dem zweiten und                zur Verschärfung des Regelwerks für internationale
dritten Platz liegen Frankreich und Deutschland (OECD            Studierende bis zu mehr Anreizen, um auf dem Ar-
2011a). China ist Spitzenreiter unter den Herkunfts-             beitsmarkt benötigte Hochqualifizierte nach dem Stu-
ländern internationaler Studierender. Betrachtet man             dium im Land zu halten.
die Hauptherkunftsländer der Studierenden, so üben
geografische, kulturelle, sprachliche und historische
Aspekte einen großen Einfluss auf die Wahl des Studi-            2.1 Europäische Ebene: Erleichterte
enlandes aus. Vier der fünf Hauptherkunftsländer in-             Zuwanderung für einzelne Gruppen
ternationaler Studierender in Frankreich sind Teil der
                                                                 Hochqualifizierter, aber keine umfassende
ehemaligen Kolonialgebiete. In Großbritannien sind
unter den fünf Hauptherkunftsländern drei Nationen               Vergemeinschaftung
vertreten, die sich dem ehemaligen British Empire
zuordnen lassen. Die Niederlande stechen mit einem               Angesichts des „Eigenbedarfs an Zuwanderung im Ge-
hohen Anteil Studierender aus der EU hervor – zwei               folge des demographischen Wandels“, mit dem sich
Drittel der internationalen Studierenden kommen aus              der „Rechts- und Wirtschaftsraum der EU konfrontiert“

8   Nachdem das Bundesverfassungsgericht 2005 den Bundesländern die Einführung von Studiengebühren erlaubt hatte, führten
    zunächst sieben Bundesländer diese ein. Nach politischen Machtwechseln schafften einige Bundesländer die zuvor eingeführten
    Gebühren wieder ab. Ab dem Wintersemester 2012/2013 werden voraussichtlich nur noch zwei Bundesländer (Bayern und
    Niedersachsen) Studiengebühren erheben.

                                                                                                                                  11
Rechtliche Rahmenbedingungen für internationale Studierende und Absolventen in den fünf Ländern

     sieht,9 besteht nach Auffassung z. B. des Europäischen              internationalen Absolventen in den nationalen bzw.
     Rats ein Interesse, in der Migrationspolitik für Arbeits-           europäischen Arbeitsmarkt.13 Für Wissenschaftler aus
     kräfte eine bessere Abstimmung zwischen den Mit-                    Drittstaaten, darunter auch Doktoranden, gelten ge-
     gliedstaaten zu erzielen und die EU als Zielregion für              mäß der EU-Forscherrichtlinie (Richtlinie 2005/71/EG)
     qualifizierte Fachkräfte aufzuwerten (Hinte et al. 2011).           teilweise günstigere Regelungen: Für eine Tätigkeit in
     Erste Versuche der EU-Kommission, die Steuerung der                 Forschungseinrichtungen, die durch die Einwande-
     Arbeitsmigration weitgehend zu vergemeinschaften,                   rungsbehörden anerkannt sind, benötigen Forscher
     scheiterten am Widerstand der Mitgliedstaaten. Daher                einen Aufenthaltstitel, aber keine Arbeitserlaubnis.
     ging die Kommission dazu über, mittels zielgruppen-                     Um mehr internationale Studierende und Wissen-
     spezifischer Richtlinien die Voraussetzungen für die                schaftler für den Wissenschaftsstandort EU zu gewin-
     Zuwanderung von bestimmten Gruppen Drittstaaten-                    nen, wurden außerdem EU-weite Plattformen geschaf-
     angehöriger sowie ihren Zugang zum europäischen                     fen, auf denen sich Studierende (Study in Europe) und
     Arbeitsmarkt anzugleichen.10 Bislang verabschiedet                  Wissenschaftler (EURAXESS) über die Chancen und
     wurde die Blue Card, die in Deutschland mit dem Ge-                 Bedingungen zur Einreise in die Europäische Union in-
     setz zur Umsetzung der Hochqualifiziertenrichtlinie                 formieren können.
     eingeführt wird.11 Die Blue Card wird hoch qualifizier-                 Die vergleichsweise liberalen Regelungen für Stu-
     ten Zuwanderern besondere Rechte hinsichtlich Mobi-                 dierende, Wissenschaftler und Hochqualifizierte ver-
     lität, Familiennachzug und Daueraufenthalt verleihen                deutlichen den sektoralen und bedarfsorientierten
     und voraussichtlich neue Verbleibechancen auch für                  Ansatz in der Europäischen Union. Während Hoch-
     internationale Studierende schaffen.                                qualifizierte eine Vorzugsbehandlung genießen, sind
          Die bereits 2004 verabschiedete Studentenrichtli-              andere Zuwanderergruppen weit stärker restriktiven
     nie12 gleicht die Bedingungen für die Aufnahme in-                  Regelungen unterworfen.
     ternationaler Studierender aus Drittstaaten EU-weit
     an. Ziel ist, die Gesetze der Mitgliedstaaten für diese
     Zielgruppe hinsichtlich der Voraussetzungen und des                 2.2 Nationale Ebene: Internationale
     Verfahrens für die Erteilung der Aufenthaltstitel zu                Studierende als Teil der Zuwanderung
     harmonisieren und transparenter zu gestalten (vgl.
                                                                         Hochqualifizierter
     Art. 1 der Richtlinie). Dadurch soll die EU für interna-
     tionale Studierende attraktiver werden. Dabei wird                  Neben den EU-Initiativen gibt es in allen fünf in dieser
     auch die Erwerbstätigkeit während des Studiums ge-                  Studie untersuchten Ländern Ansätze einer bedarfs-
     regelt: Studierende können mindestens zehn Stunden                  orientierten Zuwanderungspolitik. So haben sie in
     pro Woche einer Tätigkeit im Aufnahmeland nach-                     jüngerer Zeit ihre rechtlichen Rahmenbedingungen
     gehen. Allerdings kann auch die Verlängerung eines                  verändert, um Hochqualifizierten die Einreise und Ar-
     Studentenvisums versagt werden, wenn das Studium                    beitsaufnahme zu erleichtern. In Schweden trat bei-
     keine ausreichenden Fortschritte macht. Eine bevor-                 spielsweise 2008 ein nachfrageorientiertes System in
     zugte Behandlung internationaler Studierender bei                   Kraft, das den Verbleib internationaler Studierender
     der Familienzusammenführung sieht die Richtlinie                    erlaubt, die bei ihrem Abschluss bereits einen Job ge-
     nicht vor. Ebenso wenig regelt sie den Übergang der                 funden haben. Großbritannien führte im gleichen Jahr

      9 Vgl. den Europäischen Pakt zu Einwanderung und Asyl vom 24. September 2008. Den Stand der Umsetzung des Paktes legen alle
        EU-Mitgliedstaaten in einem jährlichen Bericht dar.
     10 Im Jahr 2001 legte die EU-Kommission eine Richtlinie vor, die EU-weit die Bedingungen einer Einreise aus Drittstaaten fest-
        schreiben sollte. Nachdem diese abgelehnt worden war, verfolgte die Kommission ab 2005 eine sektorale Strategie und legte
        Richtlinienvorschläge vor, die sich auf ausgewählte Zuwanderergruppen konzentrierten, an deren Anwerbung innerhalb der
        Europäischen Union ein gemeinsames Interesse besteht. Zu ihnen gehören Hochqualifizierte.
     11 Wie oben erwähnt, ist die Blue Card eine spezielle Arbeitserlaubnis, die es Hochqualifizierten aus Drittstaaten ermöglicht, in
        der EU zu arbeiten. Die Bedingungen für den Erhalt der Blue Card sind in Richtlinie 2009/50/EG (Hochqualifiziertenrichtlinie)
        geregelt. Voraussetzung ist u. a., dass das Gehalt mindestens 50 Prozent über dem Durchschnittseinkommen des Landes liegt.
        In den Niederlanden und Frankreich ist die Richtlinie bereits in Kraft; Schweden und Deutschland sind in der Umsetzungsphase;
        Großbritannien lehnt eine Umsetzung ab.
     12 Obwohl die Studentenrichtlinie nicht den Übergang der internationalen Studierenden in den europäischen Arbeitsmarkt regelt –
        dieser Aspekt fällt in den Bereich der nationalstaatlich geregelten Arbeitsmigrationssteuerung –, steht dieser als „entscheidender
        Faktor“ für die Migrationsentscheidung der Studierenden im Fokus der Aufmerksamkeit der EU-Kommission (KOM(2011) 587: 11).
     13 Mehr Informationen zur Umsetzung der Studentenrichtlinie in den Mitgliedstaaten der EU finden sich im Abschlussbericht der
        Kommission (KOM(2011) 587).

12
FORSCHUNGSBEREICH

ein Punktesystem zur bedarfsorientierten Steuerung                renden zur Arbeitskraft wird untersucht, ob zwischen
von Zuwanderung ein, das Absolventen ermöglicht, im               dem Studium und dem konkreten Arbeitsplatz die
Rahmen einer sog. Post-Study Route nach dem Studi-                notwendige Übereinstimmung besteht (Frankreich).
um vorerst im Land zu bleiben und einen Arbeitsplatz              In Frankreich, Schweden und Großbritannien16 gilt,
zu suchen.14                                                      dass die Studienzeit nicht auf die für eine dauerhafte
    Frankreich führte 2006 eine Politik der gesteuerten           Aufenthaltserlaubnis benötigte Zeit angerechnet wird.
Zuwanderung (immigration choisie) ein, die stärker                Diese Regelungen sowie die anstehenden Reformen
am Bedarf der heimischen Wirtschaft ausgerichtet ist.             in Großbritannien verdeutlichen, dass Studierende
Deutschland beschritt mit dem 2005 in Kraft getrete-              vor allem als temporäre Zuwanderer behandelt wer-
nen Zuwanderungsgesetz denselben Weg. In beiden                   den. In den Niederlanden und bis zu einem gewissen
Ländern wurde in diesem Zuge auch die Möglichkeit                 Grad auch in Deutschland17 sowie einer steigenden
der Arbeitssuche für internationale Absolventen ein-              Zahl weiterer EU-Staaten lässt sich allerdings auch ein
geführt. In Frankreich dürfen Absolventen zu diesem               gegenläufiger Trend feststellen.18 Hier wird der Stu-
Zweck sechs, in Deutschland zwölf Monate bleiben. Die             dienaufenthalt ganz oder zum Teil auf die Zeit ange-
Niederlande reformierten 2004 ihre rechtlichen Rah-               rechnet, die für einen dauerhaften Aufenthaltsstatus
menbedingungen für qualifizierte Arbeitskräfte; 2007              erforderlich ist. Darüber hinaus können internationale
wurde auch dort Absolventen ermöglicht, nach dem                  Forscher, darunter zum Teil auch Doktoranden, ihren
Studium eine Arbeit aufzunehmen oder sich auf die                 Forschungsaufenthalt in allen untersuchten Ländern
Suche nach Arbeit zu begeben. Das Gesetz zur Moder-               außer Großbritannien anrechnen lassen, wenn sie sich
nen Migrationspolitik (Modern Migratiebeleid)15 wird              auf eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis bewerben.
den Trend zur gesteuerten Auswahl von Studierenden,
Absolventen und Fachkräften verfestigen.
    Auch wenn internationale Absolventen von diesen               2.3 Überblick über rechtliche Rahmen-
Reformen in aller Regel profitiert haben, sind sie nicht          bedingungen: Gegenläufige Entwick-
dagegen gefeit, ins Visier strengerer Kontrollen des
                                                                  lungen in einem dynamischen Feld
Zugangs zum Arbeitsmarkt zu geraten – insbesondere
dort, wo die Zuwanderung generell strenger geregelt               Die folgenden Abschnitte fassen eine Auswahl recht-
werden soll. Gängige einschränkende Maßnahmen                     licher Regelungen für internationale Studierende und
sind Vorrangprüfungen auf dem Arbeitsmarkt, Lohn-                 Absolventen in den fünf Ländern zusammen.19 Eine
grenzen, die nicht unterschritten werden dürfen, die              detaillierte Darstellung des Regelwerks findet sich in
Pflicht, bereits beim Abschluss einen Job vorzuweisen             den darauf folgenden Länderberichten. Internationale
(Schweden), oder die Verpflichtung zur Ausreise, wenn             oder bilaterale Abkommen, die bestimmten Nationa-
binnen einer gewissen Zeit kein Arbeitsplatz gefunden             litätengruppen Privilegien einräumen, konnten nicht
wurde. In den Niederlanden und Großbritannien ist der             berücksichtigt werden. Solche Regelungen bestehen
Auswahlprozess für die Zulassung zu den Hochschulen               beispielsweise mit der Türkei. So entschied der Europä-
strenger (z. B. müssen aufnehmende Universitäten                  ische Gerichtshof in einem Urteil aus dem Jahr 2008,20
zertifiziert und bei den zuständigen Ausländerbehör-              dass Studierende türkischer Nationalität, die während
den registriert sein). Beim Statuswechsel vom Studie-             ihres Studiums einer Tätigkeit nachgehen, unter das

14 Diese Regelung wird im April 2012 abgeschafft (s. Kap. 3).
15 Das Modern Migratiebeleid-Gesetz wurde im Juli 2010 verabschiedet und sollte zum 1. Januar 2011 in Kraft treten. Wegen
   technischer Schwierigkeiten musste seine Einführung allerdings verschoben werden. Das Gesetz novelliert das Ausländerrecht
   im Hinblick auf Beschäftigung, Studium und Familienzusammenführung. Mit der Neuregelung erfolgt eine selektivere Zuwan-
   derungssteuerung.
16 In Großbritannien ist es jedoch möglich, die Zeit des Studiums sowie der Arbeitssuche nach dem Studium bei der Bewerbung für
   eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis nach zehn Jahren legalen Aufenthalts geltend zu machen.
17 Es ist in Deutschland und den Niederlanden allerdings nicht möglich, vom studentischen Aufenthaltsstatus direkt in einen unbe-
   fristeten Aufenthaltsstatus zu wechseln, auch wenn die Jahre angerechnet werden können.
18 Österreich, Dänemark, Portugal und Spanien haben ihre Gesetze so reformiert, dass die Studienjahre auf die für eine dauerhafte
   Aufenthaltserlaubnis benötigte Zeit angerechnet werden (MIPEX 2012). In den meisten Staaten gilt diese Regelung zudem für
   Forschungsaufenthalte, unter die in der Regel auch Doktoranden fallen.
19 Die umfangreiche Recherche für den strukturierten Vergleich der rechtlichen Regelungen in den Ländern wurde von Eadaoin
   Ni Chaoimh, rechtspolitische Analystin bei der Migration Policy Group (MPG), durchgeführt und zusammengestellt. Darüber
   hinaus erfolgte für jedes untersuchte Land ein Faktencheck durch einen Rechtsexperten. Der Stand der Informationen ist der 1.
   Dezember 2011. Spätere Veränderungen konnten nicht aufgenommen werden, werden jedoch soweit wie möglich im Ausblick
   berücksichtigt. Alle in diesem Bericht genannten Wechselkurse sind auf dem Stand von Dezember 2011.
20 Siehe European Commission Legal Services (2008).

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