Potenziale einer externen Kostenremanenzanalyse für das Controlling - Beck.de
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WISSEN
Potenziale einer externen
Kostenremanenzanalyse für das
Controlling
Am Beispiel der Luftfahrtindustrie
Kostenremanenz oder Cost Stickiness ist ein in den letzten Jahren häufig empi-
risch beforschtes Feld im Controlling. Bisher wenig Beachtung fand jedoch die
Nutzung der Kostenremanenzanalysen in der Praxis. Die Autoren zeigen am
Beispiel der Luftfahrtindustrie, wie die Methodik in die Praxis übertragen werden
kann und welche Handlungsempfehlungen sich für Unternehmen hieraus
ergeben.
Michael Graßmann, Stephan Fuhrmann und Thomas Günther
Michael Graßmann,
M.Sc., ist wissenschaft-
1. Cost Stickiness und ihre Bedeutung für bei der Beschäftigungszunahme gestiegen sind. Die licher Mitarbeiter am Lehr-
die Unternehmenspraxis tatsächlichen Kosten verbleiben auf einem höheren stuhl für Betriebliches
Niveau (K2 > K0; vgl. Tondock, 2011, S. 361). Cost Rechnungswesen/Control-
In der traditionellen Kostenrechnung wird zwi- Stickiness steht der Annahme linearer Kostenver- ling an der Technischen
schen fixen und variablen Kosten unterschieden. läufe somit konträr gegenüber. Der gegenläufige Ef-
Universität Dresden. E-Mail:
michael.grassmann@tu-
Dabei werden in der Praxis i. d. R. rein lineare Kos- fekt, stärkerer Kostenrückgang beim Mengenabbau
dresden.de
tenverläufe angenommen, wobei sich variable Kos- im Vergleich zum Kostenanstieg beim vorangegan-
ten bei Mengensteigerung um den gleichen Pro- genen identischen Mengenaufbau, wird als Anti-
zentsatz erhöhen, wie sie bei Mengenabbau fallen. Stickiness bezeichnet.
Die Symmetrie der variablen Kosten wird seit Jahr- Cost Stickiness resultiert aus dem Verhalten
zehnten in der wissenschaftlichen Forschung kont- von Managern, die Ressourcen im Falle eines
rovers diskutiert. Bereits 1925 erwähnte Hasenack Nachfragerückganges langsamer nach unten an-
erstmals Trägheitserscheinungen bei Kosten (Kos- zupassen, als im Falle eines Nachfrageanstiegs
tenremanenz; vgl. Hasenack, 1925 zitiert nach: aufzubauen. Diese fehlende Reduktion führt zum
Beltz, 2014, S. 5). Bis heute diskutiert vor allem die Aufrechterhalten ungenutzter Kapazitäten (vgl.
empirische, englischsprachige Accounting-Litera- Anderson et al., 2003, S. 48; Günther et al., 2013,
tur die Problematik auf der Basis von Jahresab- S. 303). Davon abgegrenzt werden müssen Entste- Stephan Fuhrmann,
schlussdaten unter dem Begriff der Cost Stickiness. hungsgründe, die für das Unternehmen zumin- M.Sc., ist wissenschaft-
Cost Stickiness besitzt jedoch ebenso für die Praxis dest kurzfristig nicht veränderlich sind, wie z. B. licher Mitarbeiter am Lehr-
eine hohe Relevanz, da sich Unternehmen perma- langfristig abgeschlossene Verträge (vgl. Tondock, stuhl für Betriebliches
nent gezwungen sehen, Ressourcen im Falle eines 2011, S. 361). Die Literatur gruppiert die Entste- Rechnungswesen/Control-
ling an der Technischen
Beschäftigungsrückganges kurzfristig anpassen zu hungsgründe von Cost Stickiness in drei Dimen-
Universität Dresden. E-Mail:
können, ohne hierbei die zukünftige Wettbewerbs- sionen: stephan.fuhrmann@tu-
fähigkeit bei einer sich erholenden Nachfrage zu (1) Monetäre Anpassungskosten entstehen bei dresden.de
gefährden (vgl. Beltz, 2014, S. 1). der Verringerung vorhandener Ressourcen
Abb. 1 verdeutlicht das Konzept der Cost Sticki- und sind eine ökonomisch begründbare Ur-
ness. Die Beschäftigung nimmt zunächst von x0 auf sache für Kostenremanenz. Exemplarisch
x1 zu und anschließend wieder von x1 auf x2 (= x0) lassen sich Abfindungszahlungen an freige-
ab. Es wird ersichtlich, dass die Kosten zwar zu- setzte Mitarbeiter bei Abbau, sowie Installati-
nächst von K0 auf K1 steigen, jedoch nicht im glei- ons- und Customizing-Kosten für das Anla-
chen Maße wieder abnehmen, wie sie im Vorfeld gevermögen bei Wiederaufbau nennen,
29. JAHRGANG 2017 · 3/2017 39POTENZIALE EINER EXTERNEN KOSTENREMANENZANALYSE FÜR DAS CONTROLLING
Unternehmen eignen sich jedoch nicht zur Analyse
Zentrale Aussagen
der individuellen Betroffenheit einzelner Unter-
nehmen. Anderson et al. (2003) nutzen bspw. eine
䊏 Auf der Basis von externen Quartalsdaten lassen sich Cost Stickiness-Analysen für die Praxis
Panelregression auf der Basis von 7.629 Unterneh-
umsetzbar gestalten.
men über einen Zeitraum von 19 Jahren, weshalb
䊏 Die aus einer externen Kostenremanenzanalyse gewonnenen Daten müssen bezüglich ihrer
sich lediglich statistische Schlussfolgerungen für
Schlussfolgerungen vor dem Hintergrund der spezifischen Situation eines einzelnen Unter-
diese Grundgesamtheit ergeben. Ebenso verbleibt
nehmens betrachtet werden.
unklar, welchen Einfluss Strukturbrüche im Zeit-
䊏 Externe Kostenremanenzanalyse kann das operative Controlling, insbesondere die Budgetie-
verlauf (z. B. Veränderung der Geschäftsmodelle
rung, das strategische Controlling, die Cashflow-Planung sowie die Gestaltung von Anreizsys-
der Unternehmen in der Stichprobe) auf die Ergeb-
temen bereichern.
nisse haben. Eine Identifikation des konkreten
Ausmaßes der Kostenremanenz im einzelnen Un-
(2) Soziale Anpassungskosten beinhalten nicht- ternehmen ist jedoch notwendig, um die Er-
monetäre Effekte, wie den Verlust von Ar- wünschtheit von Cost Stickiness einzuschätzen
beitsmoral, den Abbau von Humankapital und hieraus Schlussfolgerungen für die Unterneh-
durch Auflösung bestehender Teamstruktu- menssteuerung abzuleiten. Daher werden im Fol-
ren sowie den Verlust von Unternehmensre- genden die regressionsbasierten Kostenremanenz-
putation z. B. bei betriebsbedingten Kündi- analysen in eine praxisnähere, weniger datenauf-
gungen, wändige, deskriptive Kostenremanenzanalyse
(3) Empire Building bezeichnet ein Verhalten, übertragen. Auf der Basis extern verfügbarer Quar-
das zum einen vermeidbar und zum anderen talsabschlussdaten ermöglicht der vorgestellte An-
nicht unternehmerisch intendiert ist. Hie- satz die Identifikation von Cost Stickiness für ver-
Prof. Dr.
Thomas Günther ist runter fallen die Angst von Managern vor schiedene Kostenarten auf Einzelunternehmens-
Inhaber der Professur für Machtverlust oder Budgetkürzungen (vgl. ebene, indem die verhältnismäßigen Anstiege der
Betriebliches Rechnungs- Anderson et al., 2003, S. 49 f.; Günther et al., Kosten in Relation zum Umsatz in Quartalen mit
wesen/Controlling an der 2013, S. 303 f.; Mahlendorf, 2009, S. 193 f.; einem Umsatzanstieg den entsprechenden Werten
Technischen Universität Tondock, 2011, S. 361). in den Quartalen mit einem Umsatzrückgang ge-
Dresden. E-Mail: thomas.
Stufen Manager die anfallenden Anpassungskosten genübergestellt werden. Für diese deskriptive Re-
guenther@tu-dresden.de
höher ein als die Kosten für die Aufrechthaltung manenzanalyse auf Basis externer Rechnungswe-
nicht mehr benötigter Ressourcen, resultiert ggf. sendaten wird der Begriff externe Kostenrema-
eine Cost Stickiness. nenzanalyse eingeführt.
Die aufgeführten Gründe wurden empirisch, auf Dieser Beitrag stellt einen Ansatz zur praxisna-
Basis regressionsbasierter Analysen von Anderson hen Lösung des Problems hoher Datenanforderun-
et al. (2003), teilweise nachgewiesen. Hierbei wer- gen bisheriger Remanenzanalysen vor. Abschnitt 2
den die einzelnen Kostenarten mittels Datenbank- illustriert die Methodik der externen Kostenrema-
daten für eine große Anzahl von Unternehmen den nanzanalyse für den Fall der Luftfahrtindustrie.
entsprechenden Mengenänderungen, gemessen Abschnitt 3 zeigt Möglichkeiten und Einschrän-
durch das Surrogat Umsatzerlöse, ökonometrisch kungen des Verfahrenseinsatzes im Unternehmens-
gegenübergestellt. Derartige Querschnittsergebnis- alltag auf. Hierauf aufbauend verdeutlicht Ab-
se für eine großzahlige Stichprobe verschiedener schnitt 4 interne und externe Handlungsempfeh-
lungen. Ein Fazit und ein Ausblick in Abschnitt 5
schließen den Beitrag ab.
Kosten K
2. Cost Stickiness am Beispiel der
Luftfahrtindustrie
Geplante Kosten
K1 Die Luftfahrtindustrie als Repräsentant
Tatsächliche Kosten kostengeleiteter Strategietypen
In nur wenigen Branchen treffen derartig unter-
K2
Cost Stickiness schiedliche Strategien aufeinander wie in der
K0 Luftfahrtindustrie. Network-Airlines stehen hier-
bei den Low-Cost-Airlines gegenüber. Schwer-
punktmäßig unterscheiden sich beide Strategiety-
x2 x1 pen vor allem in der Strenge ihres Kostenmanage-
x0 x1 ments, weshalb diese Industrie für die Identifika-
tion von Kostenremanenz mittels externer Kosten-
x0=2 x1 remanenzanalyse interessant erscheint. Innerhalb
Beschäftigung x
der Gruppe der Network-Airlines lassen sich als
Abb. 1: Visualisierung der Cost Stickiness (in Anlehnung an Tondock, 2011, Sonderfall die Golf-Airlines benennen, da diese
S. 361) im Besitz ihrer Heimatstaaten stehen. Hieraus re-
40 CONTROLLING – ZEITSCHRIFT FÜR ERFOLGSORIENTIERTE UNTERNEHMENSSTEUERUNGWISSEN
sultieren Diskussionen in Bezug auf wettbewerbs-
belastende Subventionen (vgl. Lufthansa, 2016a, Dimension Ausprägung
S. 1 f.). Die wesentlichen Charakteristika einer
Ticketpreise Niedrig
Low-Cost-Airline fasst Abb. 2 zusammen. Für Net-
work-Airlines ergeben sich spiegelbildliche Aus- Vertrieb Direkt
prägungen. In-Flight Einheitliche Serviceklasse, hohe Sitzdichte
Während Network-Airlines sich an der Strategie
Flugzeugtyp Einzelnes Modell mit hoher Nutzungsdauer
der Qualitätsführerschaft orientieren, liegt der Fo-
kus der Low-Cost-Airlines auf einer Kostenführer- Flugstrecke Kurzstrecke, Punkt-zu-Punkt-Verbindungen
schaft (vgl. Doganis, 2006, S. 156; Groß/Schröder,
Flughäfen Sekundäre Airports, schnelle Turnarounds
2005, S. 88 f.). Vor dem Hintergrund historisch ge-
wachsener Kostenstrukturen ist die notwendige Personal Geringer Personaleinsatz
Kostenflexibilität, die diese Strategie bedingt, bei
den Network-Airlines kritisch zu hinterfragen. Abb. 2: Charakteristika des Geschäftsmodells von Low-Cost-Airlines (in An-
Die zu untersuchende Stichprobe umfasst je 20 lehnung an Doganis, 2006, S. 157)
Quartalsberichte des Zeitraumes 2011 bis 2015. Die
Network-Airlines werden durch Air France und alle jährlichen Wachstumsraten (Compound Annu- Kostenremanenz-
Lufthansa vertreten, die Low-Cost-Airlines durch al Growth Rate, CAGR) dient als Trenngröße an der analysen über-
Ryanair und Easyjet, die Golf-Airlines durch Emi- Ordinate. Die Kreisgröße stellt die Höhe des Umsat- wachen die Kosten-
rates. zes im Jahr 2015 dar. flexibilität als
Die Bedeutung des Kostenmanagements in der Die Network-Airlines besitzen noch immer eine strategischen
Luftfahrtindustrie soll in Vorbereitung auf die Dis- historisch gewachsene starke Marktstellung, die je- Erfolgsfaktor.
kussion der externen Kostenremanenzanalyse doch durch unterdurchschnittliche Wachstumsra-
durch Betrachtung der Marktdynamik untermauert ten gefährdet ist. Die Low-Cost-Airlines Ryanair
werden. Abb. 3 stellt ein auf der Basis von externen und Easyjet zeigen eine überdurchschnittliche
Daten der Jahre 2011 bis 2015 erarbeitetes Markt- CAGR. Im Hinblick auf die im Folgenden vorge-
präsenz-Marktwachstums-Portfolio dar. Die An- stellte Methodik der externen Kostenremanenzana-
wendung eines Multiindikatorverfahrens für die lyse verdeutlicht die Portfolioanalyse, dass die Net-
relative Marktpräsenz ist notwendig, da eine ein- work-Airlines durch die stark wachsenden Low-
zelne Kennzahl der Komplexität dieser Branche Cost-Airlines, die durch ein striktes Kostenma-
nicht ausreichend Rechnung trägt. Ein Wert größer nagement gekennzeichnet sind, unter Druck gera-
als Eins ist als Marktdominanz zu interpretieren. ten.
Durch die Gewichtung mehrerer Einflussfaktoren
kann ein Multiindikatorverfahren dazu führen, Empirische Befunde der Fallstudie
dass keines der betrachteten Unternehmen einen 62 % der von PwC in einer Studie befragten Vor-
Wert größer als Eins erreicht. Der Mittelwert über stände von Luftfahrtgesellschaften betrachteten die
25 %
Emirates
Compound Annual Growth Rate (CAGR)
20 %
des Umsatzes 2011 bis 2015
15 %
Easyjet
Ryanair
10 %
5%
Lufthansa
Air France
0%
1,40 1,20 1,00 0,80 0,60 0,40 0,20 0,00
-5 % Relative Marktpräsenz*
* Berechnet auf der Basis von Umsatz 2015, Anzahl der Passagiere 2015, EBIT 2015, verkaufte Sitzkilometer 2015
und Marge je angebotenem Sitzkilometer 2015 jeweils im Verhältnis zum erfolgreichsten Wettbewerber der betrach-
teten Unternehmen. Die Kennzahlen gehen hierbei gleichgewichtet in die Berechnung der relativen Marktpräsenz ein.
Abb. 3: Marktpräsenz-Marktwachstums-Portfolio
29. JAHRGANG 2017 · 3/2017 41POTENZIALE EINER EXTERNEN KOSTENREMANENZANALYSE FÜR DAS CONTROLLING
Für die Lufthansa zeigt sich z. B. ein mittlerer
Anstieg der Materialkosten von 11,39 % in Quarta-
Treibstoff len mit einem Umsatzanstieg, der hierbei im Mittel
Materialkosten Treibstoffkosten
15,19 % betrug. Die Division beider Größen führt
Treibstoffkosten
Gebühren zu einem mittleren Anstieg der Materialkosten von
Operative Kosten Gebühren
Operatives Leasing 0,750 % pro Anstieg des Umsatzes um 1 % oder
Materialkosten Flughafengebühr
Sonstige Materialkosten einer Kostensensitivität von 0,750. Für Quartale
Personalkosten Handling
Abschreibungen mit Umsatzrückgang ergibt sich pro 1 % Rückgang
Navigationsgebühren
Sonstige operative Kosten Personalkosten ein Materialkostenabbau von 0,721 %. Im Ver-
Personalkosten
(inkl. Sozialleistungen) gleich ist die lineare Kurve beim Aufbau steiler als
beim Abbau. Als Differenz ergibt sich ein Kostenre-
manenz-Effekt von 0,721–0,750 = -0,029. Das nega-
Abb. 4: Bestandteile der betrachteten Kostenarten tive Vorzeichen impliziert, dass der prozentuale
Kostenanstieg beim Umsatzanstieg den entspre-
Kontrolle der laufenden Kosten als oberste Priorität chenden prozentualen Rückgang bei einem Um-
(vgl. PwC, 2015, S. 7). Beispielhaft will Eurowings satzrückgang übersteigt, was Cost Stickiness an-
innerhalb des Zeitraums von 2015 bis 2020 die zeigt. Bei einer positiven Differenz liegt Anti-Sti-
Kosten pro angebotenem Sitzkilometer um 28 % ckiness vor und im Falle rein linearer Kostenver-
senken (vgl. Lufthansa, 2016b, S. 29). Um hierbei läufe beträgt die Differenz beider Koeffizienten
Erfolge zu erzielen, ist aus Sicht des Controllings Null.
insbesondere die Stickiness zu untersuchen, um Die empirischen Ergebnisse der Fallstudie zeigt
deren Ursachen und Erwünschtheit beurteilen zu Abb. 5. Eine Betrachtung von Emirates ist nicht
können. Basierend auf der vorgestellten Stichprobe möglich, da ausschließlich Umsatzanstiege berich-
und deren Unterteilung in die verschiedenen Stra- tet wurden. Weiterhin verdeutlicht Abb. 5 im Ab-
tegietypen erfolgt im Anschluss eine externe Kos- schnitt „Wirtschaftliche Rahmenbedingungen der
tenremanenzanalyse sowohl für aggregierte als Unternehmen im Jahr 2015“ den deutlich höheren
auch für zerlegte Kostenarten. Abb. 4 fasst die un- Markterfolg der Low-Cost-Airlines.
tersuchten Kostenarten sowie ihre Bestandteile zu- Der Stickiness-Parameter ist als relatives Maß
sammen. für die Fähigkeit eines Unternehmens zur Kosten-
Die Nutzung öffent- Die Daten für die externe Kostenremanenzanaly- anpassung im Zeitverlauf zu sehen. Er erlaubt den
lich verfügbarer se wurden aus externen Quartalsabschlüssen (inkl. Vergleich unterschiedlicher Kostenarten und Un-
Daten ermöglicht Anhangsangaben) je Unternehmen für die fünf Jah- ternehmen. Seine absolute Größe unterstreicht die
Kostenremanenz- re 2011 bis 2015 entnommen. Bei internen Analy- Notwendigkeit der Berücksichtigung von Cost Sti-
analysen mit sen kann wesentlich feiner auf Monatsabschlüsse ckiness der jeweiligen Kostenart im Controlling,
geringem Aufwand. zurückgegriffen werden. Die den Jahresabschlüs- der strategischen Planung und der Unternehmens-
sen entnommenen Daten sind rein definitorisch als bewertung. Auf der Basis der Abschlussdaten von
Aufwand zu bezeichnen, obwohl für die Kosten- 2015 für Lufthansa ist für einen hypothetischen
analyse prinzipiell Kostendaten zugrunde zu legen Anstieg des Umsatzes von 1 % in 2016 (+244,99
wären. Aus der Sicht der Autoren ist die Verwen- Mio. c) z. B. mit einem Anstieg der Personalkosten
dung externer Jahresabschlussdaten als unbedenk- von 0,366 % (+17,09 Mio. c) zu rechnen. Bei einem
lich einzustufen, da, abgesehen von den Abschrei- späteren Rückgang des Umsatzes um 1 % würden
bungen, ausschließlich Grundkosten betrachtet auf Basis der errechneten Sensitivitätskoeffizienten
werden. Wir sprechen fortan vereinfachend von die Personalkosten jedoch nur um 0,228 % (-10,66
„Kosten“ statt von „Aufwendungen“. Mio. c) sinken. Damit ergibt sich für diese hypothe-
Für die externe Kostenremanenzanalyse wird für tische Gesamtbewegung des Umsatzes im Zeitver-
jedes einzelne Quartal die prozentuale Kostenver- lauf eine Mehrbelastung von 6,43 Mio. c gegenüber
änderung einer betrachteten Kostenart zur prozen- Ryanair, die bei der gleichen Umsatzfolge keine
tualen Umsatzveränderung in Relation gesetzt, was Stickinesseffekte (Sensitivitätskoeffizient 0,000)
der Sensitivität der Kosten entspricht. Die Sensiti- aufweisen würde.
vitäten werden getrennt für Quartale mit wachsen- Im Gesamtbild zeigt sich bei den Network-Air-
den und schrumpfenden Umsätzen ermittelt. Da im lines eine deutlich stärker ausgeprägte Stickiness
Jahresabschluss nicht zwischen fixen und variab- gegenüber den Vertretern der Low-Cost-Strategie
len Kosten getrennt wird, liegen Vollkosten zu- (schattierte Felder in Abb. 5). Bei Lufthansa und
grunde, obwohl Cost Stickiness streng genommen Air France verhalten sich, abgesehen von den
nur die variablen Kosten betrifft. In den Regres- Treibstoffkosten, alle Kostenarten zumindest leicht
sionsanalysen wird dies vergleichbar gehandhabt remanent. Im Gegensatz hierzu zeigt bei Ryanair
(vgl. Anderson et al., 2003). Für externe Analysen keine Kostenart eine Remanenz. Easyjet weist ne-
ergibt sich damit eine begrenzte Möglichkeit zur ben den Personalkosten lediglich in den operativen
Berücksichtigung von Fixkostendegressionseffek- Kosten eine minimale Stickiness auf. Dies kann als
ten. Indiz dafür gesehen werden, dass die Low-Cost-
42 CONTROLLING – ZEITSCHRIFT FÜR ERFOLGSORIENTIERTE UNTERNEHMENSSTEUERUNGWISSEN Sensitivität bei einem Lufthansa Air France Easyjet Ryanair einprozentigen Umsatzanstieg Operative Kosten 0,529 0,306 0,389 0,447 Materialkosten 0,750 0,513 0,475 0,529 Personalkosten 0,366 0,023 0,181 0,255 Treibstoffkosten 0,714 0,582 0,617 0,590 Gebühren 0,674 0,651 0,499 0,551 Sensitivtät bei einem Lufthansa Air France Easyjet Ryanair einprozentigen Umsatzrückgang Operative Kosten 0,499 0,293 0,384 0,508 Materialkosten 0,721 0,437 0,536 0,591 Personalkosten 0,138 -0,130 0,097 0,255 Treibstoffkosten 0,724 0,610 0,640 0,650 Gebühren 0,661 0,598 0,561 0,628 Stickiness-Parameter der Kostenart Lufthansa Air France Easyjet Ryanair Operative Kosten -0,030 -0,013 -0,005 0,061 Materialkosten -0,029 -0,076 0,061 0,062 Personalkosten -0,228 -0,153 -0,084 0,000 Treibstoffkosten 0,010 0,028 0,023 0,060 Gebühren -0,013 -0,053 0,062 0,077 Wirtschaftliche Rahmenbedingungen Lufthansa Air France Easyjet Ryanair der Unternehmen im Jahr 2015 Umsatzrendite 2,57 % -1,14 % 14,70 % 18,45 % Umsatzwachstum 6,81 % 4,59 % 9,22 % 15,60 % Market-to-Book Ratio 1,17 -5,62 3,07 5,51 Total Shareholder Return 5,06 % -11,85 % 6,86 % 58,39 % Abb. 5: Ergebnisse zur Sensitivität der einzelnen Kostenarten Airlines ihre Kostenpositionen strikter steuern und durch eine konsequente Kostensenkung mit Maß- Low-Cost-Airlines Kostenvorteile durch einen konsequenten, teilwei- nahmen wie Leistungseinschränkungen, Nachver- zeigen eine striktere se überlinearen Kostenabbau im Falle rückläufiger handlungen mit Geschäftspartnern sowie entspre- Kostensteuerung Umsätze erreichen. chenden Stilllegungen von Flottenteilen begegnet und flexiblere Die Treibstoffkosten zeigen für beide Kategorien wird. Bei Network-Airlines ist im Gegensatz hierzu Kostenstrukturen. erwartungsgemäß ein nahezu lineares Verhalten eine Aufrechterhaltung von Strecken und Service- mit leichter Tendenz zu einer Anti-Stickiness. Die standards häufiger zu beobachten, um ein Gesamt- durchgehende Remanenz der Personalkosten bei angebot von Zubringerflügen zu Hubs inklusive allen Gesellschaften außer Ryanair ist vor dem Hin- grundlegender Servicestandards zu gewährleisten. tergrund langfristiger Arbeitsverträge sowie ent- Diese Überlegungen spiegeln sich ebenso in den sprechender Sozialstandards im Bilde einer sozial Materialkosten wider, bei denen Lufthansa und Air erwünschten Stickiness zu sehen. Im Falle von Ry- France wiederum ein Remanenzverhalten zeigen, anair spiegelt sich der umstrittene Einsatz selbst- während Easyjet und Ryanair eine Anti-Stickiness ständiger Piloten in dem nahezu komplett linearen aufweisen. Auch bei der Kostenposition der Ge- Verhalten der Personalkosten wider. Auf der über- bühren spricht die Stickiness der Network-Airlines geordneten Ebene der operativen Kosten zeigt sich dafür, dass diese im Falle sinkender Umsätze län- für Easyjet ein annähernd lineares Kostenverhal- ger an kostenintensiven Strecken festhalten, um ten, für Ryanair eine Anti-Stickiness. Bei Lufthan- ein Gesamtnetz aufrechtzuerhalten, während Low- sa und Air France hingegen existieren Anzeichen Cost-Gesellschaften konsequent kostensenkendes einer leichten Stickiness. Es ist davon auszugehen, Verhalten im Rahmen von Nachverhandlungen der dass Umsatzrückgängen bei den Low-Cost-Airlines Gebühren oder auch Streckeneinstellungen betrei- 29. JAHRGANG 2017 · 3/2017 43
POTENZIALE EINER EXTERNEN KOSTENREMANENZANALYSE FÜR DAS CONTROLLING
Treibstoff
Network-Airlines: Anti-Sticky
Low-Cost-Airlines: Anti-Sticky
Materialkosten
Network-Airlines: Sticky
Low-Cost-Airlines: Anti-Sticky
Operative Kosten
Gebühren
Network-Airlines: Sticky
Network-Airlines: Sticky
Low-Cost-Airlines: Nicht eindeutig
Low-Cost-Airlines: Anti-Sticky
(Tendenz Anti-Sticky)
Personalkosten
Network-Airlines: Sticky
Low-Cost-Airlines: Nicht eindeutig
(Tendenz Sticky)
Abb. 6: Ergebnisse der Cost Stickiness-Analyse je Kostenart
Kostenremanenz- ben. Abb. 6 fasst die Ergebnisse grafisch zusam- pro Passagierkilometer geprägt. Wird dieser Er-
analysen dienen als men. lösrückgang nicht durch einen entsprechenden
wirksames Tool zur Im Gesamtbild zeigt die Fallstudie der Luftfahrt- Auslastungsanstieg kompensiert, führt dies zu
Wettbewerberana- industrie, dass anhand einer geringen Anzahl ex- einem Umsatzrückgang, der jedoch ohne ent-
lyse. tern verfügbarer Quartalsberichte mittels der Me- sprechende Kostensenkungsprogramme nicht
thode der externen Kostenremanenzanalyse Auf- zu sinkenden Kosten führen kann, da kein Ab-
schlüsse sowohl über die eigenen Kostenrema- sinken des Volumens vorliegt. In Branchen, die
nenzstrukturen als auch die Positionen möglicher durch eine hohe Preisdynamik gekennzeichnet
Konkurrenten gewonnen werden können. Derartige sind, sollte die Verwendung einer Cost Sticki-
Ergebnisse bieten aufbauend auf die strategische ness-Analyse differenziert nach Mengen- und
Portfolioanalyse einen Ansatzpunkt zur Einschät- Preiseffekten erfolgen.
zung wachstumsstarker Konkurrenten. Bei der In- 䊏 Ein unterproportionaler Kostenanstieg kann
terpretation dieser Einschätzungen sollten jedoch auch auf Fixkostendegressionseffekte, wie
folgende Einschränkungen der Methodik Beach- bspw. eine Verteilung der Fixkosten pro Flug auf
tung finden: eine höhere Ticketanzahl, die in höheren Um-
䊏 Ausreißer, ausgelöst z. B. durch eine plötzlich satzerlösen resultiert, zurückzuführen sein.
ausbleibende Nachfrage, wirken durch die im Insbesondere vor dem Hintergrund dieser Ein-
Gegensatz zu einer Regressionsanalyse begrenz- schränkungen ist in der Praxis darauf zu achten,
te Fallzahl verzerrender. die gewonnenen Einblicke nicht ohne die Beach-
䊏 Wie bei Regressionsanalysen zur Cost Stickiness tung des jeweiligen Umfeldes in Handlungen um-
(vgl. u. a. Anderson et al., 2003) werden Men- zusetzen. Die Ergebnisse der Fallstudie müssen da-
genveränderungen über den Umsatz gemessen. her beispielhaft sowohl in Bezug auf die eingangs
Umsatzänderungen können sich jedoch sowohl vorgenommene strategische Analyse, jedoch auch
aus Preis- als auch aus Mengenänderungen erge- im weiteren unternehmerischen Gesamtkontext be-
ben. Ein physikalisches Mengenmaß (z. B. Sitz- trachtet werden, wozu Abschnitt 3 ausgewählte
kilometer) ist, falls verfügbar, vorzuziehen. Da Anknüpfungspunkte bietet.
viele Luftfahrtgesellschaften sowohl ein Passa-
gier- als auch ein Cargo-Geschäft betreiben, 3. Bedeutung der fallspezifischen
musste in der Fallstudie auf den Umsatz zurück- Interpretation der Ergebnisse
gegriffen werden. Es sei jedoch darauf hingewie-
sen, dass zwischen dem Umsatz und den ver- Im Rahmen der externen Kostenremanenzanalyse
kauften Sitzkilometern z. B. bei Lufthansa eine zeigen sich im Fallbeispiel Unterschiede hinsicht-
Korrelation von +0,88 und bei Ryanair von lich des Ausmaßes der Cost Stickiness. Hieraus
+0,98 besteht, sodass die Annäherung in der sollten jedoch keine vorschnellen Schlüsse auf
Fallstudie angemessen erscheint. Wettbewerbsvorteile oder -nachteile gezogen wer-
䊏 Die Stickiness einzelner Kostenpositionen muss den. Der Aufbau von Überkapazitäten und die da-
vor dem Hintergrund der Modellvereinfachung mit einhergehende Stickiness kann beabsichtigt
gesehen werden. Der derzeitige Luftfahrtmarkt sein, z. B. als strategisches Mittel im Verdrän-
ist von stark sinkenden Durchschnittserlösen gungswettbewerb, aber auch das Resultat eines
44 CONTROLLING – ZEITSCHRIFT FÜR ERFOLGSORIENTIERTE UNTERNEHMENSSTEUERUNGWISSEN
unternehmerisch nicht intendierten Empire Buil-
Implikationen für die Praxis
dings sein. In der Praxis ist daher stets auf eine fall-
spezifische Interpretation der Koeffizienten zu ach- 䊏 Auf der Basis öffentlich verfügbarer Daten kann die Methodik der externen Kostenremanenz-
ten. Folgende Faktoren können Schlussfolgerungen
analyse ohne große Komplexität vereinfacht und praxisgerecht umgesetzt werden.
aus einer externen Kostenremanenzanalyse beein- 䊏 Externe Kostenremanenzanalysen bieten sowohl für das Controlling als auch für die Jahres-
flussen:
abschlussanalyse, Unternehmensbewertung, strategische Planung und die Risikobewertung
Gesamtwirtschaftliche Entwicklung (vgl. Ander-
vielfältige Potenziale.
son et al., 2003, S. 61) 䊏 Die externe Remanenzanalyse macht deutlich, ob kostenbasierte Strategietypen im Wettbe-
䊏 Informationen über das gesamtwirtschaftliche
werb umsetzbar sind.
Umfeld, wie Wachstum und Inflation, sind für 䊏 Cost Stickiness sollte unter Abwägung von möglichen zukünftigen Nachfrageerholungen, An-
das Unternehmen eine wichtige Planungsgröße.
passungskosten sowie immateriellen Effekten betrachtet werden, was u. U. zu gewünschter
䊏 Starkes makroökonomisches Wachstum führt
Remanenz führen kann.
aufgrund positiver Zukunftserwartungen (z. B.
mehr Fluggäste) i. d. R. zu höherer Stickiness.
䊏 Folge: Intendierte Stickiness, da Kapazitäten gung des asymmetrischen Rückganges der Kosten Ergebnisse der
(z. B. bei saisonalen Schwankungen) bereits nach einem Kapazitätsaufbau. Hieraus folgen als Kostenremanenz-
jetzt für zukünftiges Wachstum bereitgestellt Handlungsempfehlungen: analyse sind
werden. 䊏 Nutzung der Daten zur Kostenremanenz zur kontextspezifisch
Anlagenintensität (vgl. Anderson et al., 2003, proaktiven Steuerung und Sensibilisierung für zu interpretieren.
S. 61) Kostenremanenz in Zeiten starken makroökono-
䊏 Anlagevermögen kann einen wesentlichen Pro- mischen oder unternehmensspezifischen Wachs-
duktionsfaktor darstellen. tums,
䊏 Ein hohes Verhältnis des Anlagevermögens zum 䊏 Schneller Abbau überschüssiger Kapazitäten
Umsatz begünstigt Stickiness, da eine Anpas- im Rahmen unrentabler Überangebote, die über
sung von Anlagevermögen zu Veräußerungskos- eine Remanenzanalyse im Zeitverlauf identifi-
ten und einem Verlust investierter Installations- ziert werden können,
kosten führt (z. B. operatives Leasing vs. Besitz 䊏 Ableitung realistischer Kostenplanungen bei er-
der Flugzeuge). warteten Umsatzveränderungen durch die Nut-
䊏 Folge: Intendierte Stickiness, da hohe Wieder- zung berechneter Sensitivitätskoeffizienten.
aufbaukosten der Kapazität bei möglicher späte- Im Rahmen des strategischen Controllings ist ins-
rer Erholung der Nachfrage (z. B. Erneuerung besondere eine Plausibilisierung der Langfristpla-
der Flotte). nungen auf der Basis historischer Erfahrungen vor-
Managementanreize (vgl. Brüggen/Zehnder, 2014; zunehmen, woraus sich folgende Handlungsemp-
Wiersma, 2010) fehlungen ergeben:
䊏 Starke Corporate Governance fördert i. d. R. ein 䊏 Beachtung von realistischen Kostensenkungs-
effizientes Kostenmanagement. potenzialen bei der Planung von Umsatzrück-
䊏 Stickiness steigt mit der Fristigkeit des Vergü- gängen zur Vermeidung von a priori unrealisti-
tungssystems, da kurzfristig kein Anreiz besteht schen Kostensenkungszielen,
Ressourcen abzubauen, aber langfristig Vorteile 䊏 Stärkere Berücksichtigung der Zusammenhänge
aus möglicher Nachfrageerholung (z. B. Auf- zwischen Kostenverhalten und strategischer
rechterhaltung des Gesamtnetzes bei Network- Ausrichtung insbesondere bei bestehendem
Airlines) bestehen. oder drohendem Kostenwettbewerb,
䊏 Folge: Intendierte Stickiness bei realistisch zu 䊏 Berücksichtigung von Kostenremanenz vor In-
erwartender Nachfrageerholung, jedoch nicht vestitionsentscheidungen und systematische
intendierte Stickiness bei Empire Building- Eruierung von Alternativen für Kapazitätsauf-
Überlegungen des Managements (z. B. Saisonef- bau (Lohnfertigung, Outsourcing, Franchising
fekt vs. Verluststrecke). etc.).
Im Bereich der Corporate Governance sollte stär-
4. Handlungsempfehlungen ker auf eine differenzierte Betrachtung des Kosten-
verhaltens eingegangen werden, was folgende
Aufbauend auf die fallspezifische Interpretation der Handlungsempfehlungen impliziert:
Sensitivitätskoeffizienten ergeben sich verschiede- 䊏 Sensibilisierung des Managements für Cost Sti-
ne Zielgruppen, für die die externe Kostenrema- ckiness und aktive Suche durch Geschäftsfüh-
nenzanalyse relevant ist. Die folgenden unterneh- rung und Aufsichtsgremien nach Wachstumsop-
mensinternen und -externen Handlungsempfehlun- tionen zur Vermeidung von Unterauslastung,
gen zeigen konkrete Einsatzmöglichkeiten auf: 䊏 Vorgabe erreichbarer Ziele in Anreizsystemen
und Zielvereinbarungen unter Beachtung inten-
Interne Handlungsempfehlungen dierter Stickiness, wobei insbesondere für die
Im Rahmen des operativen Controllings ergibt sich interne Steuerung eine Trennung der Mengen-
die Notwendigkeit einer stärkeren Berücksichti- und Preiseffekte vorzunehmen ist,
29. JAHRGANG 2017 · 3/2017 45POTENZIALE EINER EXTERNEN KOSTENREMANENZANALYSE FÜR DAS CONTROLLING
䊏 Begrenzung von Empire Building von Mana- in die Kostenflexibilität von Konkurrenzunter-
gern, nehmen ermöglicht. Insgesamt eröffnet das aufge-
䊏 Berücksichtigung sozial erwünschter Aufrecht- zeigte Vorgehen Fortschritte für das operative und
erhaltung von Kapazitäten (z. B. beim Personal), strategische Controlling, ebenso wie für Finanz-
䊏 Gezielte Vermeidung von Reputationsrisiken analysen, Ratings oder Unternehmensbewertun-
durch zu radikale oder volatile Anpassungen gen sowie die Corporate Governance und das Risi-
(inkl. Berücksichtigung der dadurch von Mana- komanagement. Aus Sicht der Autoren sollte der
gern nicht abbaubaren Kosten). externen Kostenremanenzanalyse daher eine
deutlich stärkere Bedeutung beigemessen werden,
Externe Handlungsempfehlungen um die Prognosegüte bei Planungsrechnungen zu
Kostenremanenz- Neben der Anwendung im Controlling zur Selbst- erhöhen.
analysen erhöhen analyse birgt auch die unternehmensexterne An-
die Prognosegüte wendung der Kostenremanenzanalyse vielfältige Literatur
von Planungsrech- betriebswirtschaftliche Potenziale:
nungen. 䊏 Klare Berücksichtigung der Sensitivitätskoeffi- 䊏 Anderson, M. C./Banker, R. D./Janakiraman, S.,
zienten in der Unternehmensbewertung bei der Are Selling, General, and Administrative Costs
Erstellung von Cashflow-Planungen zur Vermei- „Sticky“?, in: Journal of Accounting Research,
dung zu optimistischer Schätzungen in Peri- 41. Jg. (2003), H. 1, S. 47–63.
oden mit Umsatzrückgängen, 䊏 Beltz, P., Analyse des Kostenverhaltens bei zu-
䊏 Berücksichtigung der Sensitivitätskoeffizienten rückgehender Beschäftigung in Unternehmen,
in der externen Jahresabschlussanalyse als Maß Wiesbaden 2013.
unternehmerischer Flexibilität, als Indikator für 䊏 Brüggen, A./Zehnder, J. O., SG&A cost stickiness
die Anpassungsfähigkeit eines Unternehmens and equity-based executive compensation: Does
und als Risikofaktor bei konjunkturellen Schwan- empire building matter?, in: Journal of Manage-
kungen, ment Control, 25. Jg. (2014), H. 3–4, S. 169–192.
䊏 Stärkere Plausibilisierung erstellter Analysten- 䊏 Doganis, R., The airline business, 2. Aufl., Lon-
prognosen durch die Ermittlung von branchen- don-New York 2006.
spezifischen Sensitivitätskoeffizienten, 䊏 Groß, S./Schröder, A., Low Cost Airlines in Eu-
䊏 Abbildung des Erfolgsrisikos aus der begrenzten ropa: eine marktorientierte Betrachtung von Bil-
Kostenabbaubarkeit in Zeiten rückläufiger Um- ligfliegern, Dresden 2005.
sätze über die Aufnahme der Sensitivitätskoeffi- 䊏 Günther, T. W./Riehl, A./Rößler, R., Cost sticki-
zienten in Diskriminanzanalysen bei Bonitäts- ness: state of the art of research and implicati-
und Going Concern-Analysen sowie als Indika- ons, in: Journal of Management Control, 24. Jg.
tor in Risikobewertungen des Risikomanage- (2013), H. 4, S. 301–318.
ments, 䊏 Hasenack, W., Betriebskalkulationen im Bankge-
䊏 Nutzung der Sensitivitätskoeffizienten als Key werbe, Berlin 1925.
Performance Indikator (KPI) in Balanced 䊏 Lufthansa, Expert Session Eurowings. Manage-
Scorecards oder zur strategischen Unterneh- ment Presentation, 2016b, https://investor-rela-
mens- oder Wettbewerbsanalyse. tions.lufthansagroup.com/de/veranstaltungen/
Die vielfältigen unternehmensinternen und -exter- konferenzen-roadshows/praesentation-2016-06-
nen Einsatzbereiche und Handlungsempfehlungen 10.html, Stand: 16.09.2016.
untermauern, dass eine sachgerechte Interpretation 䊏 Lufthansa, Politikbrief 2/2016. Für Entscheider
der Kostenremanenz Unternehmen aller Größen- in Politik, Medien und Wirtschaft, 2016a,
klassen und Branchen bereichern kann. Im folgen- https://www.lufthansagroup.com/fileadmin/
den Abschnitt sollen die vorgestellten methodi- downloads/de/politikbrief/02_2016/epaper/#/0,
schen Ansatzpunkte zusammengefasst werden. Stand: 07.11.2016.
䊏 Mahlendorf, M., Sticky Cost Issues – Kostenre-
5. Fazit manenz bei Nachfrageschwankungen, in: Con-
trolling & Management, 53. Jg. (2009), H. 3,
Cost Stickiness stellt ein in der Literatur bereits S. 193–195.
seit langem diskutiertes Phänomen dar, wurde je- 䊏 PwC, 2015 PwC Global Airline CEO Survey,
doch trotz seiner weitreichenden Relevanz bisher 2015, http://www.pwc.com/us/en/industrial-
unzureichend in betriebswirtschaftliche Analysen products/publications/assets/pwc_2015_glo-
der Praxis aufgenommen (vgl. Günther et al., bal_airline_ceo_survey.pdf, Stand: 07.11.2016.
2013, S. 315 ff.). Der vorliegende Beitrag verdeut- 䊏 Tondock, R., Kostenremanenz, in: Zeitschrift für
licht, dass eine Analyse der Kostenremanenz ver- Controlling, 23. Jg. (2011), H. 7, S. 361–363.
schiedener Unternehmen auf der Basis von Daten 䊏 Wiersma, E., The Impact of the Reward Structu-
des externen Rechnungswesens umsetzbar ist. Die re on Stickiness, 2010, http://papers.ssrn.com/
Analyse der Luftfahrtindustrie zeigt, dass die ex- sol3/papers.cfm?abstract_id=1668758, Stand:
terne Kostenremanenzanalyse konkrete Einblicke 18.08.2016.
46 CONTROLLING – ZEITSCHRIFT FÜR ERFOLGSORIENTIERTE UNTERNEHMENSSTEUERUNGWISSEN
Literaturtipps aus dem Online-Archiv
http://elibrary.vahlen.de
Die Säulen der
Harald L. Schedl und Patric Heß, Ertragssteige-
Kostenrechnung.
䊏
rungen durch effektives Preismanagement, Aus-
gabe 08–09/2010, S. 471–478.
䊏 Peter Hoberg, Modifizierte Kalkulation von
Preisuntergrenzen, Ausgabe 01/2017, S. 4–11.
Stichwörter
# Erfolgskennzahl # Fallstudie # Luftfahrt
# Kostenmanagement # Kostenremanenz
Keywords
# Aviation # Case Study # Cost Management
# Cost Stickiness # Key Performance Indicator
Summary
Until today, cost stickiness remains a research field
that is often addressed. However, there is currently
almost no practical guidance for an inclusion into
daily business practice. By taking the example of 2017. VIII, 415 Seiten. Gebunden € 59,–
the airline industry, the authors demonstrate how a ISBN 978-3-8006-5287-7
cost stickiness analysis can be transferred into cor-
Portofrei geliefert: vahlen.de/16487873
porate practice and derive recommendations for
corporate usage.
Dieser außergewöhnliche Band
stellt die zentralen Argumentationslinien zusam-
men, die für die heutige Kostenrechnung grundle-
gend sind. Treffsicher, markant, aber auch unter-
haltsam zeigen sie Ihnen,
■ wie wertvolle Basisüberlegungen der Kostenrech-
nung oft entwaffnend einfach formuliert werden
können,
■ dass längst geklärte und nach wie vor offene Fra-
gen deutlicher auseinandergehalten werden kön-
nen, als dies in methodischen Detaildiskussionen
bisweilen den Anschein hat,
■ worin die Problematik scheinbar naheliegender
Rezepte liegen kann und
■ wie sich generell erfolgversprechende Wege von
bereits erprobten Irrwegen abgrenzen lassen.
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29. JAHRGANG 2017 · 3/2017 47Sie können auch lesen