Qualität der Medien Studie 5/2020 - Mediale Lebenswelten junger Schweizerinnen und Schweizer - Fög

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Qualität der Medien Studie 5/2020 - Mediale Lebenswelten junger Schweizerinnen und Schweizer - Fög
Forschungszentrum
Öffentlichkeit und Gesellschaft

                                  Qualität der Medien
                                  Studie 5/2020
                                  Mediale Lebenswelten junger
                                  Schweizerinnen und Schweizer

                                  fög – Forschungszentrum Öffentlichkeit und
                                  Gesellschaft / Universität Zürich
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                           Mediale Lebenswelten junger
                           Schweizerinnen und Schweizer
                           Lisa Schwaiger

    Zusammenfassung

    Besonders bei den jungen Schweizerinnen und Schweizern ist der Social-Media-Konsum stark ausgeprägt,
    während klassische Medien immer seltener genutzt werden. Social Media dienen dabei vor allem der Unter-
    haltung und dem persönlichen Austausch, das dort aufzufindende journalistische Angebot ist dabei nicht in
    diesem Masse ausgeprägt. Die Gefahr einer «News-Deprivation», also einer Unterversorgung an Nachrich-
    ten, ist bei der jungen Zielgruppe daher besonders hoch. Im Rahmen dieser Studie gehen wir der Frage nach,
    wie die Medien- und Nachrichtennutzung von 20- bis 25-jährigen Schweizerinnen und Schweizern
    ­beschrieben werden kann. Mittels einer qualitativen Onlinestudie wurden 19 Personen dieser Zielgruppe
     ­untersucht. Durch den Einsatz unterschiedlicher Methoden konnten Ergebnisse gewonnen werden, die ­einen
      vertieften Einblick in die medialen Lebenswelten junger Schweizerinnen und Schweizer erlauben. Die starke
      Nutzung digitaler Plattformen spiegelt sich in der grossen Bedeutung des Smartphones als alltäglicher Be-
      gleiter wider. Die Nachrichtennutzung läuft so häufig «nebenbei» oder zufällig ab. Von hoher Relevanz sind
      zudem die persönlichen Kontakte, mit denen Informationen ausgetauscht und diskutiert werden, online wie
      auch offline. Am glaubwürdigsten für die Jungen gelten noch immer klassische Medien. Hier ist die Erwar-
      tung hoch, dass journalistische Standards eingehalten werden. Die junge Zielgruppe zeigt zudem eine hohe
      Affinität gegenüber mobilisierenden Themen, die die junge Generation betreffen. Die persönliche Betroffen-
      heit und das individuelle Interesse motivieren die Jungen, sich stärker mit Nachrichten auseinanderzuset-
      zen. Das Interesse an Nachrichten kann in diesem Fall sogar sehr stark ausgeprägt sein. Vom profes­sionellen
      Journalismus wünscht sich die Zielgruppe, dass stärker auf ihre Bedürfnisse eingegangen wird. Nachrichten
      sollen ansprechend (z.B. audiovisuell) aufbereitet, leicht verständlich und gut in den Alltag integrierbar sein.
      Ein Mehrwert journalistischer Angebote ergibt sich für die Jungen laut Selbstauskunft vor allem dann, wenn
      Beiträge unterschiedlicher Medienmarken auf einer einzigen Plattform konsumiert werden können.

    1          Einleitung                                     basierte Nachrichtennutzung bei den Jungen wesent-
                                                              lich. Die auf den Digitalplattformen rezipierten

    I    n den vergangenen Jahren hat der wiederkehrende
         Befund des Jahrbuchs Qualität der Medien der
    ­so­genannten News-Deprivation für Diskussion ge-
                                                              Nachrichten konzentrieren sich dabei stark auf die
                                                              individuellen Interessen der Nutzerinnen und Nut-
                                                              zer (Geers, 2020). Die Nutzung von Social Media
     sorgt. Unter «News-Deprivation» versteht man eine        über das Smartphone ist bei der jungen Zielgruppe
     ­unterdurchschnittliche Versorgung mit Nachrichten.      be­sonders populär, dabei n
                                                                                        ­ ehmen Nachrichten aller-
      Aktuelle Daten zeigen einen Zuwachs an Schweize-        dings einen geringen Stellenwert ein (Kümpel, 2020).
      rinnen und Schweizern, auf die dieses Nachrichten-            Im Zuge dieser Studie möchten wir uns spezi-
      nutzungsmuster zutrifft (fög, 2020). Wie in den         fisch der Zielgruppe der 20- bis 25-Jährigen und ih-
      quantitativen Befunden der Newsrepertoirefor-           rem Medien- und Nachrichtennutzungsverhalten
      schung ersichtlich ist, steigt vor allem bei jungen     widmen, um unsere bisherigen quantitativen Er-
      Schweizerinnen und Schweizern der Social-Media-         kenntnisse der Newsrepertoireforschung detaillier-
      Konsum zu Nachrichtenzwecken von Jahr zu Jahr,          ter interpretieren zu können. Dabei weiten wir den
      während die Nutzung traditioneller Nachrichten­         Blick auf Medienrepertoires. Darunter versteht man
      angebote abnimmt (Schneider & Eisenegger, 2019).        die Gesamtheit aller Medien, die eine Person regel-
      Dies spiegelt sich im Repertoire der «News-Depri-       mässig nutzt (Hasebrink & Popp, 2006). Der Begriff
      vierten» wider. Diese Erkenntnis wird durch weitere     Medienrepertoire beschränkt sich demnach nicht auf
      aktuelle Studien aus den Niederlanden und aus           die individuelle Nachrichtennutzung. Von Interesse
      Deutschland gestützt, wonach der Anteil an Per­         ist insbesondere, inwiefern Nutzerinnen und Nutzer
      sonen, die selten oder kaum Nachrichten nutzen,         unterschiedliche Medien und Inhalte, online und off-
      ­unter den jungen Erwachsenen besonders stark aus-      line, miteinander kombinieren (Hasebrink & Hepp,
       geprägt ist (Geers, 2020). Zudem ist die plattform­    2017). Um vertiefte Erkenntnisse zu erlangen, wurde
2                         Mediale Lebenswelten junger Schweizerinnen und Schweizer

    ein qualitatives Studiendesign gewählt. In Ab­            darin, dass spezifische Phänomene detailliert und mit
    grenzung zur quantitativen Medien- oder News­             möglichst grosser Offenheit näher untersucht wer-
    repertoireforschung, z.B. mittels Befragungsdaten         den. Diese Studie stellt die Bevölkerungsgruppe der
    (Edgerly, 2015; Schneider & Eisenegger, 2018), ist es     jungen Erwachsenen in den Mittelpunkt. Konkret
    primäres Ziel der qualitativen Repertoireforschung,       wurden 19 Schweizerinnen und Schweizer aus der
    das Warum in Erfahrung zu bringen. Über unter-            Deutschschweiz zwischen 20 und 25 Jahren für die
    schied­liche methodische Ansätze können so vielfälti-     Studienteilnahme gewonnen.1 Alle Teilnehmenden
    gere Daten gewonnen werden, in denen Individuen           nutzen laut Selbstauskunft für den Nachrichtenkon-
    ihre Mediennutzung detailliert beschreiben oder           sum in erster Linie Social Media, während sie tradi­
    aufzeichnen. So können beispielsweise sogenannte          tionelle Medien wie Presse, Radio oder TV kaum oder
    ­Medientagebücher genutzt werden, in denen Stu­           gar nicht nutzen. Neben Alter und Nachrichten­
     dienteilnehmende ihre individuelle Mediennutzung         nutzungsmuster wurde weiter auf eine Durchmi-
     täglich zusammenfassen (Hasebrink & Hepp, 2017).         schung der Bildungsniveaus geachtet. Um mögliche
     Sie bekommen Sortieraufgaben, um ihre Nutzungs-          Bildungsunterschiede bezüglich der Mediennutzung
     präferenzen visuell darzustellen (Schrøder, 2019),       in Erfahrung zu bringen, wurden zwei Gruppen ge­
     oder sie erzählen von ihrer medialen Lebenswelt im       bildet: Die erste Gruppe setzte sich aus Teilneh-
     Rahmen von Tiefeninterviews (Toff & Nielsen, 2018)       merinnen und Teilnehmern mit einem Ausbildungs-
     und Gruppendiskussionen (Schmidt, Merten, Hase-          level unter Maturitätsniveau zusammen, die zweite
     brink, Petrich & Rolfs, 2019). In der vorliegenden       Gruppe aus Personen, die über einen höheren Bil-
     Studie wurden unterschiedliche qualitative For-
     ­                                                        dungsabschluss verfügen. Die Studienteilnehmenden
     schungsmethoden miteinander verknüpft, um detail-        wussten, dass der Schwerpunkt der Studie auf dem
     lierte Erkenntnisse zu gewinnen. Um die Studienteil-     persönlichen Medien- und Nachrichtenkonsum liegt.
     nehmerinnen und -teilnehmer in ihrer Lebenswelt          Bezugnehmend auf die Literatur zur qualitativen Re-
     abzuholen, wurde eine spezielle Onlineplattform          pertoireforschung entschieden wir uns für qualitative
     genutzt, die über unterschiedliche Geräte (z.B. Desk-    Methodenvielfalt und kombinierten unterschiedliche
     top, Smartphone) abgerufen werden konnte. Als            Erhebungsinstrumente, die auf einem für diese Stu-
     ­Erhebungsmethoden wurden Medientagebücher, ­Fo-         die erstellten Onlineportal zusammengetragen
      rumsdiskussionen, Chats und Sortieraufgaben mit­        ­wurden (Kernwert, 2020). Das Portal war mit per­
      einander kombiniert.                                     sönlichem Link über PC, Tablet und Smartphone auf-
            In der vorliegenden Studie möchten wir her-        rufbar. Insgesamt absolvierten die Studienteilneh-
      ausfinden, welche Medienkanäle bei den jungen            merinnen und -teilnehmer auf der Plattform vier
      Schweizerinnen und Schweizern besonders populär          ­unterschiedliche, moderierte Aufgaben, auf die sie
      sind und warum diese bevorzugt werden. Wir inter-         mittels persönlichen Zugangslinks zugreifen konn-
      essieren uns dabei vor allem für das Informations-        ten. Erstens wurde zu Beginn der Studie ein einstün-
      verhalten der Digital Natives und stellen die Frage,      diger, schriftlicher Live-Chat mit den beiden Grup-
      wie Junge für den professionellen Journalismus wie-       pen geführt, um einen ersten Eindruck über das
      dergewonnen werden können.                                Nachrichtenverständnis der Zielgruppe in Erfahrung
                                                                zu bringen. Zweitens wurden die Teilnehmenden auf-
                                                                gefordert, ein Medientagebuch zu führen und ihre
    2          Methode                                          tägliche Nachrichtennutzung auf dem Portal festzu-
                                                                halten. Inhaltlich wurde im Tagebuch mittels eines

    F     ür die vorliegende Studie wurde ein qualitatives
          Design gewählt. Bisherige quantitative Ergeb-
    nisse der Repertoireforschung, die in diesem und
                                                                Kurzfragebogens unter anderem nach den rezipierten
                                                                Beiträgen, Medienkanälen sowie nach der Gefühls­
                                                                lage und dem Interesse während des Nachrichten-
    ­früheren Jahrbüchern angeführt sind (Schneider &           konsums g­ efragt. In drei Foren wurde drittens den
     Eisenegger, 2019) (fög, 2020), dienten dabei als           Teilnehmenden die Möglichkeit zur Diskussion
     ­wesentlicher Startpunkt für die qualitative Erhebung.     unterein­ander gegeben. Fokussiert wurden hierbei
      Ein zentraler Vorteil qualitativer Forschung besteht      der persönliche Umgang mit Nachrichten (Wie ge-

                                                              1     Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurden teils über Online­
                                                                   aufrufe des fög und teils über ein externes Rekrutierungsbüro aus­
                                                                   gewählt. Wir möchten uns an dieser Stelle herzlich bei unseren
                                                                   ­S tudienteilnehmenden für ihren Einsatz bedanken!
3                          Mediale Lebenswelten junger Schweizerinnen und Schweizer

    langt die Zielgruppe an Nachrichten und inwiefern
    tauscht sie sich darüber aus?), Recherchewege bei der
    Suche nach Nachrichten/Informationen und die Ein-
    schätzung des Schweizer Medienmarktes. Viertens
    wurden im Erhebungszeitraum zwei Tagesaufgaben
    gestellt: Hier wurde ­einerseits die bevorzugte Me­
    diennutzung und die Glaubwürdigkeit von Medien
    thematisiert, andererseits die Wahrnehmung und
    das Interesse an gesellschaftlichen Ereignissen. Die
    Studie wurde ­online vom 18. bis zum 29. Mai 2020
    durchgeführt. Durch die Datenerhebung während der
    Corona-Pandemie, bei der im Untersuchungszeit-
    raum nach wie vor einschneidende Massnahmen wie
    z.B. Versammlungsverbote galten, konnten aktuelle
    Befunde hinsichtlich des Nachrichtennutzungs­
    verhaltens im Zuge der g­lobalen Krise gesammelt
    werden. Sämt­   liche Beiträge der Teilnehmenden         Darstellung 1: Häufigkeit der verwendeten Wörter durch
    ­wurden qualitativ inhaltsanalytisch ausgewertet.        die Teilnehmerinnen und Teilnehmer

                                                             Die Darstellung (Wordcloud) zeigt, welche Wörter wie häufig im Rahmen
                                                             der Studie von den Teilnehmenden genutzt wurden. Je grösser das Wort,
                                                             desto häufiger wurde es verwendet.
    3          Resultate

    I  m Zuge der Datenauswertung wurden sämtliche
       von den Studienteilnehmenden verfassten Text-
    und Bilddaten im Hinblick auf die Forschungsfragen       3.1        Medienrepertoires junger Erwachsener
    analysiert und kategorisiert. Darstellung 1 verschafft
    einen ersten Überblick über die Inhalte, die von der
    Zielgruppe der Jungen über alle Aufgaben hinweg
    ­diskutiert wurden. Die Grösse eines jeden Wortes
                                                             I   m Rahmen dieser Studie wurden Schweizerinnen
                                                                 und Schweizer untersucht, die laut Selbstauskunft
                                                             eine hohe Social-Media-Affinität vorweisen und tra-
     spiegelt dabei dessen quantitative Häufigkeit in den    ditionelle Nachrichtenkanäle wie TV, Radio und
     Textdaten wider. So fiel während der Feldphase ab­      Presse eher meiden. In Bezug auf die jährlich durch-
     gesehen vom Überthema «Nachrichten» und damit in        geführten Newsrepertoirestudien des fög (fög, 2020)
     Verbindung stehenden Wörtern wie «Artikel» oder         (Schneider & Eisenegger, 2019) lässt sich die befragte
     «Themen» häufig der Begriff «Corona» als zentrales      Zielgruppe am ehesten der Gruppe der «New World»
     Kommunikationsereignis. Auch Digitalplattformen         zuordnen, die von einem hohen Online-News- und
     wie Instagram, WhatsApp, Google oder YouTube haben      Social-Media-Konsum gekennzeichnet ist. Die Teil-
     für die Jungen einen hohen Stellenwert (vgl. Darstel-   nehmerinnen und Teilnehmer der vorliegenden
     lung 1).                                                ­Studie bilden daher den generellen Trend einer wach-
           In den folgenden Unterkapiteln werden die          senden Social-Media-Nutzung für den Newskonsum
     zentralen Erkenntnisse der Studie präsentiert. Zu-       ab.
     nächst wird ein Überblick über die Medienreper-                Die 19 Teilnehmenden wurden aufgefordert,
     toires der 20- bis 25-jährigen Schweizerinnen und        ihre genutzten Medienkanäle bezüglich ihrer Nut-
     Schweizer gegeben. Danach wird das Informations-         zungshäufigkeit in einem Soziogramm zu platzieren
     verhalten der Zielgruppe resümiert. Abschliessend        (vgl. Darstellung 2). Um die medialen Lebens­welten
     werden praktische Implikationen gezogen und An-          der jungen Zielgruppe zu ergründen, beschränkte
     sätze vorgeschlagen, wie Junge für den Journalismus      sich die Aufgabe nicht nur auf die Nachrichtennut-
     wiedergewonnen werden können.                            zung, sondern bezog sich generell auf die Medien-
4                                                Mediale Lebenswelten junger Schweizerinnen und Schweizer

                                                                                   tausch mit Freundinnen und Freunden sowie der
                                                                                   Familie genutzt, z.B. im Rahmen von WhatsApp-
                                             7                                     Gruppenchats. Google ist primäre Informations­
                                                            2                      quelle bei den Jungen und überzeugt aufgrund der
                                                                                   einfachen Handhabung und schnellen Recherche-
                       1
                                                                                   möglichkeiten. Die Audioplattform Spotify, für deren
                                                                   12
                                                                                   Nutzung ein Grossteil der Jungen bereit ist zu
                                                       5
                                                                                   ­zahlen, ersetzt das klassische Radio mehr und mehr.
                                     6
     8                                                                              Zusätzlich zu den persönlichen Musikpräferenzen
                           10                                                       wird die Plattform für das Hören von Podcasts ge-
                                         Ich                            9
                                                                                    nutzt. Die Zahlungsbereitschaft für die Plattform
                                                       14
                                         4                                          Netflix ist unterschiedlich ausgeprägt. Nicht alle Jun-
                 11                                                                 gen sehen hinter der Nutzung der Plattform einen so
                                                                                    grossen Mehrwert, um dafür bezahlen zu wollen. Bei
                                                            15
                                                                                    allen weiteren beschriebenen Plattformen wird
                                13                 3                                ­gerade die kostenlose Nutzung geschätzt. Unter den
                                                                                     Digitalplattformen liegt bei den 20- bis 25-Jährigen
                                                                                     Facebook nicht mehr im Trend und spricht eine ältere
                                                                                     Zielgruppe an, so auch Twitter. Snapchat wiederum
                                                                                     wird vor allem von den unter 20-Jährigen genutzt.
                                                                                     Wie zu erwarten, liegen die klassischen Nachrichten-
1    Facebook              6    Google                      11   Online-News         kanäle TV, Radio und Presse am äusseren Rand des
2    Twitter               7    TV                          12   Radio               Kreises. Sie werden demnach seltener genutzt und
3    Snapchat              8    Blogs                       13   Netflix
4    WhatsApp              9    Print Qualität              14   Instagram           als «altmodisch» eingeschätzt. Wenn, dann wird auf
5    YouTube               10   Spotify                     15   Print Boulevard     die Online-Nachrichtenseiten oder News-Apps ein-
                                                                                     zelner Medientitel zurückgegriffen. Online-Blogs
Darstellung 2: Nutzungshäufigkeit von Medienkanälen                                  hingegen spielen kaum eine Rolle für die Jungen. Das
                                                                                     klassische Fernsehen ist hauptsächlich im Kreis der
Die Darstellung zeigt die Nutzungshäufigkeit unterschiedlicher Medien­
kanäle unter den 20- bis 25-jährigen Studienteilnehmerinnen und -teilneh­
                                                                                     Familie für die Jungen von Relevanz und gilt als Me-
mern. Je näher ein Kanal in der Kreismitte platziert ist, umso häufiger wird         dienkanal für die «Älteren». Der TV-, Presse- und
er genutzt.                                                                          Radiokonsum läuft bei den Jungen daher häufig
                                                                                     ­
Lesebeispiel: Die Plattformen YouTube, Instagram, WhatsApp und Google
­werden von den Jungen besonders häufig genutzt.
                                                                                     «nebenbei» oder gar «ungewollt». Zum Beispiel,
                                                                                     ­
                                                                                     wenn die Familie besucht wird und die Kanäle bei
                                                                                     den Eltern im Hintergrund laufen, wenn beim Auto-
                                                                                     fahren das Radio läuft oder im Zug eine Gratis-
             nutzung im Alltag. Wie zu erwarten, sind es – un­                       zeitung aufliegt: «Ich sitze 3h im Zug und hier liegt die
             abhängig vom Bildungsniveau der Studienteil-                            heutige Ausgabe der 20Minuten.»
             nehmenden – vor allem die audiovisuellen Social-                              Ein gänzlich anderes Bild zeigt sich, wenn die
             Media-Plattformen YouTube, Instagram und Spotify,                       20- bis 25-Jährigen nach der Glaubwürdigkeit der
             die von den jungen Schweizerinnen und Schweizern                        Medienkanäle gefragt werden. Die Studienteil­
             im Alltag – auch nebenbei oder zur Ablenkung – häu-                     nehmerinnen und -teilnehmer platzierten bei dieser
             fig genutzt werden. YouTube kann als Hauptmedien-                       Aufgabe erneut die Medienkanäle in ein Soziogramm.
             quelle für die untersuchte Zielgruppe betrachtet                        Je näher sich diese in der Kreismitte befinden, desto
             werden und überzeugt aufgrund der Kombination                           glaubwürdiger wird ein Medienkanal beurteilt (vgl.
             von Information und Unterhaltung. Instagram dient                       Darstellung 3). Entgegen der geringen Nutzungs­
             einerseits zur Vernetzung mit Freundinnen und                           häufigkeit werden die traditionellen Medienkanäle
             Freunden, aber auch dazu, Lifestyle-Beiträge zu kon-                    TV, Radio und Presse als besonders glaubwürdig er-
             sumieren. WhatsApp wird vordergründig zum Aus-                          achtet. Unter diesen klassischen Kanälen werden
5                                            Mediale Lebenswelten junger Schweizerinnen und Schweizer

                                                                               Nutzer hier selbst in der Hand haben, welche Quel-
                                                                               len der vorgeschlagenen Treffer sie rezipieren.
                 1
                                                                               ­Social-Media-Plattformen hingegen werden – trotz
                                         2                         3            der hohen Nutzungshäufigkeit – als am wenigsten
                         4                          5
                                                                                glaubwürdig eingeschätzt. Dies liegt vor allem laut
                                                                                Aussage der Studienteilnehmerinnen und -teilneh-
                                         6                                      mer daran, dass jeder bzw. jede auf Social Media
                 8                                           10                 ­Inhalte verbreiten kann, darunter auch desinforma­
                          7                                                      tive Beiträge wie Fake News oder Verschwörungstheo­
                                                    9                            rien: «Sachen wie Insta, Facebook, Twitter etc – jeder
                                       Ich                    15                 kann hier schreiben was ihm gerade passt.» oder: «Ich
                              11
                                                                                 bin sehr auf Instagram und Youtube aktiv und kann
                                        12                                       ­bestätigen, dass wirklich viele Lügen verbreitet werden
                                                                                  können, da alle ihre eigene Meinung dazu interpretie-
                                                             14                   ren. Am Schluss weiss man nicht was richtig oder falsch
                             13
                                                                                  ist.» Social Media werden ausserdem als eine Art
                                                                                  Scheinwelt angesehen, in der vor allem die eigene
                                                                                  Selbstdarstellung im Vordergrund steht. Interessan-
                                                                                  terweise sind jedoch die Erwartungen an verschiede-
                                                                                  ne Social-Media-Plattformen im Vergleich zu tradi­
                                                                                  tionellen Medienkanälen unterschiedlich. So wird an
1    Facebook             6        Google               11   Online-News          Unterhaltungskanäle wie Instagram und Co. nicht
2    Twitter              7        TV                   12   Radio                unbedingt der Anspruch erhoben, dass die Inhalte
3    Snapchat             8        Blogs                13   Netflix
4    WhatsApp             9        Print Qualität       14   Instagram            immer glaubwürdig sind. Die junge Zielgruppe re-
5    YouTube              10       Spotify              15   Print Boulevard      flektiert demnach das eigene Mediennutzungs­
                                                                                  verhalten kritisch. Problematisch bleibt dennoch,
Darstellung 3: Glaubwürdigkeit von Medienkanälen                                  dass die Nutzungshäufigkeit von Social Media bei
                                                                                  den bis 25-Jährigen vergleichsweise so hoch ist, dass
Die Darstellung zeigt die Glaubwürdigkeit unterschiedlicher Medienkanäle
unter den 20- bis 25-jährigen Studienteilnehmerinnen und -teilnehmern. Je
                                                                                  von einer Unterversorgung mit klassischen, quali­
näher ein Kanal in der Kreismitte platziert ist, desto glaubwürdiger wird er      tativ hochwertigen journalistischen Medien auszu­
eingeschätzt.                                                                     gehen ist.
Lesebeispiel: Die traditionellen Medienkanäle TV, Radio und Presse werden
von den Jungen als besonders glaubwürdig eingeschätzt.

                                                                               3.2         Informationsverhalten

             a­ llerdings bestimmte Formate auch kritisch bewertet
              und von den Teilnehmenden als Boulevardmedien
              («Problematisch sehe ich, dass wir relativ viele Boule-
                                                                               W        as verstehen die jungen Schweizerinnen und
                                                                                        Schweizer eigentlich unter Nachrichten? Die
                                                                               Beantwortung dieser Frage ist wesentlich, um über-
              vard-Zeitungen haben», oder «20min / Blick und alle              haupt Aussagen über Nachrichtennutzungsmuster
              ähnlichen Formate sind ja klassische Boulevard­                  treffen zu können. Wir haben den Nachrichtenbegriff
              pressen») oder «Trash-TV» («Trash-Sender wie RTL                 im Rahmen von zwei Live-Chats diskutiert. Beson-
              oder 3+») bezeichnet. Prinzipiell gehen die Studien-             ders die Gruppe der Studienteilnehmenden mit ei-
              teilnehmenden bei professionellen Informations­                  nem höheren Bildungsniveau (mindestens Maturität)
              medien aber von einer höheren journalistischen                   zeigt hier eine sehr reflektierte Einordnung des
              Qualität und dem Einhalten journalistischer Stan-                ­Begriffes, z.B.: «Nachrichten sind für mich Berichte
              dards aus, weshalb sie diese als glaubwürdig er­                  ­darüber was in der Welt passiert.» Die Gruppe denkt
              achten. Google wird vor allem deshalb als relativ                  beim Begriff Nachrichten demnach an das «Welt­
              glaubwürdig eingeschätzt, da die Nutzerinnen und                   geschehen», «Informationen», «Aktuelles» von «allge-
6                          Mediale Lebenswelten junger Schweizerinnen und Schweizer

     meiner Relevanz» aus unterschiedlichen Bereichen,         ganze Nationen zusammenbringt, kann das Smart-
     z.B. Politik, Kultur oder Soziales. Spontan verknüp-      phone als «digitales Lagerfeuer» interpretiert wer-
     fen die Jungen auch TV- und Radionachrichten und          den. Über das Smartphone findet demnach ein
     Nachrichtenartikel damit, also vorwiegend traditio-       ­wesentlicher Teil des sozialen Austauschs sowie der
     nelle Medien. Auch der Begriff Softnews fällt in der       Informationsweitergabe statt. Die Jungen repräsen-
     Diskussion, worunter die Jungen vor allem sensatio-        tieren insofern eine Always-on-Gesellschaft. Dabei
     nelle, personalisierte Nachrichten verstehen, die          sind es vor allem Social-Media-Plattformen, die über
     «teilweise sogar besser ankommen» und ebenso zur           den Tag hinweg «nebenbei» genutzt werden und auf
     Nachrichtenkultur zählen wie seriöse Nachrichten,          denen man häufig per Zufall auf Nachrichten stösst.
     obwohl sie «weniger wichtig» sind. Medien werden als       Dieser «zufällige» Newskonsum passiert beispiels-
      Vermittler von Nachrichten gesehen. Diese starke          weise beim routinierten Scrollen durch die News-
      ­Reflexion der Einordnung des Nachrichtenbegriffes        Feeds der genutzten Plattformen wie Instagram.
       war ansatzweise auch bei der Gruppe der Teilneh-         Eine wesentliche Rolle bei der Informationsbeschaf-
       menden ohne Maturität ersichtlich. Auch hier fielen      fung nimmt dabei das soziale Netzwerk – also die
       die Assoziationen «Nachrichten aus aller Welt über       Freundinnen und Freunde auf den Plattformen – ein.
    ­jedes Thema», «Weltgeschehen» und «Informationen»          Auf viele Nachrichten wird die junge Zielgruppe erst
     sowie konkrete Themenbereiche wie «Wirtschaft»,            dann aufmerksam, wenn Bekannte einen Beitrag
     «Politik» oder «Promis» und «Sport». Sehr rasch            ­darüber teilen oder sie sogar in einem Beitrag mar-
     ­wurden bei dieser Gruppe mit dem Begriff Nachrich-         kieren. Oder aber über Influencer auf Social Media,
      ten konkrete Nachrichtenkanäle oder -formate ver-          die Newsbeiträge verbreiten oder selbst aufbereiten.
      knüpft, so beispielsweise Zeitungen, aber auch Social-     Eine Markenbindung ist in diesem Fall nicht vorhan-
      Media-Plattformen wie Google und Instagram. Nicht          den. Wir bezeichnen dies als emergenten Medien-
      nur die Gratiszeitung 20 Minuten und die Tagesschau        konsum (fög, 2018, 2019, 2020). Darunter versteht
      wurden in diesem Zusammenhang thematisiert, son-           man eine Abkehr vom gebündelten, markengestütz-
      dern auch SMS als Nachrichten. Uneinig war sich die        ten Medienkonsum. Nutzerinnen und Nutzer steu-
      Gruppe mit niedrigerem Bildungsniveau, ob Boule-           ern demnach nicht mehr konkrete Medientitel an,
      vardnachrichten unter diesen Begriff fallen: «Richtige     sondern rezipieren – vor allem auf digitalen Platt­
      Nachrichten sind für mich die von seriösen Quellen.»       formen – ihr persönliches Nachrichtenbündel. So
            Die Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer           beispielsweise über die vorselektierten News auf
      wurden im Rahmen der Studie zudem nach ihrem In-           dem Smartphone oder über Schlagzeilen, wie sie auf
      formationsverhalten gefragt. Wie gehen die Jungen          dem iPhone automatisch vorgeschlagen werden.
      vor, wenn sie Nachrichten suchen? Wie stossen sie          Wenn die Jungen markengestützt News konsumie-
      überhaupt auf Nachrichten? Wie gehen sie mit Nach-         ren, dann über News-Apps bestimmter Medientitel,
      richten um? Und hat die Corona-Pandemie etwas an           für die aber von der Zielgruppe in der Regel nicht be-
      ihrem Nachrichtennutzungsverhalten verändert?              zahlt wird. Ausschlaggebend dafür, ob die auf Social
                                                                 Media oder in anderen Apps gefundene Nachrichten
                                                                 in der Tiefe gelesen werden, sind vor allem der Titel
    Das Smartphone als «digitales Lagerfeuer»                    und gegebenenfalls das Bild. Wenn ein Thema auf
                                                                 ­besonderes Interesse stösst, wird der Beitrag geteilt,
    Nicht nur hinsichtlich der Frage, wie die Jungen auf          also über das eigene Profil weiter gestreut, oder es
    Nachrichten stossen, zeigt sich die zentrale Rolle des        wird weiter darüber recherchiert. Zur aktiven Infor-
    Smartphones im Alltag der Zielgruppe. Das Smart-              mationssuche motiviert somit vor allem, wenn das
    phone kann als ständiger Begleiter der Jungen be-             Thema im Bekanntenkreis aufkommt (sei es über
    trachtet werden, das sowohl zum sozialen Austausch,           Social-Media-Postings oder den persönlichen Aus-
    zur Unterhaltung, aber auch für den Newskonsum                tausch, s.u.). Rechercheweg Nummer 1 ist dabei – wie
    genutzt wird. Während das Fernsehen metaphorisch              bereits erwähnt – die Suchmaschine Google: «weil an-
    gerne mit dem modernen Lagerfeuer verglichen                  dere Kanäle nicht die Bandbreite an News verspricht
    wird, vor dem sich die Familie versammelt und das             wie Google». Google überzeugt aufgrund seiner Er-
7                           Mediale Lebenswelten junger Schweizerinnen und Schweizer

    gebnisvielfalt, der einfachen und schnellen Hand­ unterschiedliche Kenntnisse und Meinungen aufein-
    habung und dadurch, dass «relevante Ergebnisse» be- anderstossen und Diskussionen entstehen können.
    reits auf der ersten Seite erscheinen.

                                                                 Persönliche Betroffenheit, Interessenleitung
    «Messengerisierung» und die Rolle                            und Identifikation
    des persönlichen Austausches
                                                                 Bei den Jungen sind vor allem jene Kommunikations-
    Interessante Beiträge (aus Sicht der Nutzerinnen             ereignisse des vergangenen Jahres im Gedächtnis ge-
    und Nutzer) werden vor allem über private Kanäle             blieben, die einen stark mobilisierenden Charakter
    im Bekannten- und Familienkreis geteilt. Dies in der         haben (z.B. Greta Thunberg und «Fridays for Fu-
    Annahme, dass sich der oder die andere auch für das          ture»). Das bestätigen die Befunde der Studie
    Thema interessieren könnte, wodurch das Teilen von           «Medien­nutzung und persönliche Themenagenda»
    Beiträgen stark vom jeweiligen «Gesprächspartner»            in diesem Jahrbuch: insbesondere «News-Depri­
    bzw. der «Gesprächspartnerin» abhängt. Eine we-              vierte» verfolgen sehr stark Kommunikationsereig-
    sentliche Rolle nehmen hierbei Messengerdienste              nisse mit Bewegungscharakter, die wiederum inten-
    ein, allen voran WhatsApp: «Meistens bekomme ich             siv auf Social Media verhandelt werden. Dagegen
    Nachrichten über Whatsapp: Die Artikel direkt, und           scheinen komplexere politische Ereignisse auf natio-
    dann lese ich sie auch durch wenn ich intensiv Zeit          naler oder euro­päischer Ebene, wie die Schweizer
    habe.» Von einer «Messengerisierung» (Eisenegger,            Nationalratswahlen oder das EU-Rahmenabkom-
    2019) ist daher zu sprechen, weil dieser Befund              men, von geringerer Relevanz für die junge Ziel­
    ­deutlich macht, dass sich die öffentliche Kommuni-          gruppe zu sein (Schneider & Eisenegger, 2020). Die
     kation zunehmend in private Teilöffentlichkeiten            vorliegende qualitative Studie zeigte z­udem, dass
     verschiebt. Hierfür werden beispielsweise auch              vor allem jene Nachrichten auf Interesse stossen, die
     WhatsApp-Gruppen genutzt, in denen mit mehreren             mit persön­licher Betroffenheit verbunden sind und
     Personen (Freundinnen und Freunden, Familien­               so die Identifikation mit bestimmten Personen und
     mitgliedern) über Nachrichten diskutiert und News-          Themen ermöglichen. Die 20- bis 25-Jährigen infor-
     Links ausgetauscht werden können. Es ist davon              mieren sich – unabhängig ­ihres Bildungsstandes –
     ­auszugehen, dass sich, besonders bei der hier unter-       kaum über Themen, die nicht den persönlichen Inte-
      suchten Zielgruppe, der Wandel von der öffentlichen        ressen entsprechen (es sei denn, das Thema wird im
      zur privaten Kommunikation verstärkt. Die Jungen           Bekanntenkreis diskutiert). Zudem scheint die Ziel-
      tauschen sich aber nicht nur via digitale Kanäle über      gruppe nicht das Gefühl zu ­haben, dass es wichtig
      Nachrichten aus, wie sie auch nicht ausschliesslich        wäre, sich über Themen abseits der persönlichen In-
      über Plattformen von Nachrichten erfahren. Die             teressen informieren zu müssen. Dieses Gefühl ent-
      ­Studie zeigte deutlich, dass der persönliche Face-to-     steht allenfalls dann, wenn die Jungen meinen, etwas
       Face-Austausch, beispielsweise beim Treffen mit           verpasst zu haben, weil es im privaten Umfeld zum
       Freundinnen und Freunden oder mit der Familie,            Gesprächsthema wird. Dies bedeutet aber keines-
       ­einen wesentlichen Stellenwert für die 20- bis 25-Jäh-   wegs, dass die 20- bis 25-Jährigen generell eine gerin-
        rigen hat. Besonders junge Menschen, die noch im         ge ­Affinität gegenüber Nachrichten haben. Themen,
        Elternhaus leben, werden von Familienmitgliedern         mit denen sich die J­ungen identifizieren können,
        über Nachrichten informiert, über die man z.B. am        sind durchaus Teil der individuellen Themenagen-
        Esstisch diskutiert: «Bei mir ist es so, dass wir zum    den. So beispielsweise mobilisierende Themen, die
        Beispiel am Tisch im Znüni die Themen diskutieren.»      einen grossen Stellenwert für die untersuchte Gene-
        Aber auch die Jungen, die das Elternhaus bereits ver-    ration haben. Dies zeigt sich z.B. an Bewegungen wie
        lassen haben, berichten von einem regen Austausch        «Fridays for Future» oder dem Frauenstreik 2019. Es
        über aktuelle Geschehnisse mit der Familie (Face-to-     handelt sich dabei um Themen, die junge Menschen
        Face oder über digitale Kanäle wie WhatsApp). Diese      aktivieren, ihre Wertvorstellungen widerspiegeln
        Gespräche werden vor allem deshalb geschätzt, weil       und sie auf e­iner emotionalen Ebene ansprechen:
8                           Mediale Lebenswelten junger Schweizerinnen und Schweizer

     «Frauenstreik und Fridays for Future – als Student ist       dass man sich nur noch mit diesem einen Thema be-
     es glaube ich unmöglich nicht mit diesen Themen kon-         schäftigt hat. Als Konsequenz habe ich dann vollständig
     frontiert worden zu sein.» oder: «Da es immer noch           auf Nachrichten verzichtet …» Vor allem die Gruppe
     Ungleich­behandlung gibt, Diskriminierung und weite-         ohne Maturitätsabschluss gab zudem an, dass es
     res, be­nötigt es genau solche Zeichen. Ich denke hier bin   schwierig ist, herauszufinden, welchen Medien man
     ich relativ gut informiert durch Freunde, Medien und         in diesem konkreten Fall vertrauen kann, da häufig
    ­soziale Netzwerke.». Zudem fungieren die Themen als          widersprüchliche Ergebnisse gefunden und Fake
     gruppenbildend, was sich daran zeigt, dass im per-           News oder Verschwörungstheorien verbreitet wur-
     sönlichen Umfeld und Bekanntenkreis viel darüber             den. Während die Jungen der höheren Bildungs­
     diskutiert wird – analog oder digital. In diesem Zu-         gruppe desinformative Inhalte «offensichtlich» und
     sammenhang spielt die persönliche Betroffenheit              allenfalls «unterhaltend» finden, zeigt sich die Grup-
     eine weitere ­wesentliche Rolle: «netzausbau 5G inter-       pe ohne Maturität hier unsicherer: «mer khört ver-
     essiert mich, da neben meinem haus direkt eine antenne       mehrt Fake News aber zum Teils eschs au schwerig zum
     gebaut ­werden soll, strahlenbelastung etc. interessieren    unterscheide well die sehr guet vermittlet werdet, ver-
     mich.». Themen, die junge Menschen direkt betref-            trauenswürdigi Nachrichteportal sind de gfragt.» Bei-
     fen, animieren zum entsprechenden Nachrichten-               de Bildungsgruppen sind diesbezüglich aber sehr
     konsum. Dies gilt für beide untersuchten Bildungs-           ­reflektiert und kritisch. Sie sind sich einig, dass es
     gruppen. Ein Bildungseffekt zeigt sich allenfalls             wichtig ist, Quellen zu vergleichen und zu über­
     dahingehend, dass bei der Gruppe der Studienteil-             prüfen, z.B. anhand von Artikeln des professionellen
     nehmenden ohne Maturität tendenziell ein grösseres            Journalismus oder mithilfe von Fact-Checking-Sites:
     Desinteresse an gesellschaftlichen Ereignissen ab-            «Ja ich habe eine Factchecking Seite (Correctiv.org)
     seits der persönlichen Lebenswelt festzustellen war.          aufgesucht, die über Bill Gates Verschwörungen re-
                                                                   cherchiert haben.»

    Der Corona-Overload
                                                                  3.3        Junge für den professionellen
    Die Studie wurde während der Corona-Pandemie                             Journalismus wiedergewinnen
    durchgeführt, weshalb dieses Thema – wie zu er­
    warten – besonders präsent war. Wir befragten die
    Jungen im Rahmen der Chats und Diskussionsforen,
    wie sie ihr Nachrichtennutzungsverhalten in Zeiten
                                                                  D     ie bisherigen Befunde zeigen, dass die 20- bis
                                                                        25-Jährigen zwar klassische Informationsmedien
                                                                  immer weniger nutzen und Nachrichten hauptsäch-
    der globalen Pandemie selbst einschätzen und wie              lich auf Social Media konsumieren, dennoch be-
    sie sich über das Thema informierten. Es zeigte sich          stimmten Themen gegenüber eine hohe Affinität ent-
    deutlich, dass der Newskonsum bei einem Grossteil             gegenbringen. Zudem ist die junge Zielgruppe stark
    der Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer vor                im persönlichen Austausch mit Bekannten und der
    allem zu Beginn der Corona-Krise gestiegen ist.
    ­                                                             Familie mit Nachrichten konfrontiert, weswegen die
    Gründe hierfür sind die direkte Betroffenheit durch           These einer «News Avoidance», also einer aktiven
    den Lockdown und höhere Zeitressourcen, sich                  Nachrichtenvermeidung, klar zu relativieren ist (vgl.
    Nachrichten zu widmen. Die Studienteilnehmenden               hierzu z.B. Skovsgaard & Andersen, 2019). Der Begriff
    empfanden die Corona-Berichterstattung allerdings             der «News-Deprivation», der den Aspekt der man-
    sehr bald als Informationsflut und kritisierten, dass         gelnden Versorgung mit relevanten und seriösen
    über andere Themen kaum mehr berichtet wurde                  News betont, scheint angemessener (Schneider &
    (vgl. hierzu auch Friemel, Geber & Egli, 2020). Dies          ­Eisenegger, 2019). Für den professionellen Journalis-
    führte dazu, dass viele der Jungen ihren News­                 mus stellt sich deshalb die Frage, wie junge Personen
    konsum später wieder reduzierten oder es sogar ver-            wieder stärker für qualitativ hochwertige, profes­
    mieden, Nachrichten über Corona zu konsumieren:                sionelle Newsangebote gewonnen werden können.
    «Zu viele Nachrichten und man konnte wie nicht ab-             Wir ­haben diese Frage mit den Studienteilnehmerin-
    schalten.» oder: «Mich hat eher irgendwann gestört,            nen und -teilnehmern diskutiert.
9                         Mediale Lebenswelten junger Schweizerinnen und Schweizer

    Ansprechende, zielgruppengerechte Nachrichten ich mir vorstellen auf ein paar Minuten gekürzt und je
                                                            nach Interessensbereich auf einem zugeschnitten.» In-
    Wesentlich für die junge Zielgruppe ist eine anspre- fografiken wirken auf die Jungen ansprechend und
    chende Aufbereitung der Nachrichten: «Ich wünschte helfen beim Verständnis der Inhalte.
    mir grundsätzlich mehr Nachrichten, die auch Jugend-
    liche und junge Erwachsene ansprechen und entspre-
    chend aufgebaut sind. Damit meine ich nicht das jedes Personifizierte Inhalte und Dialog
    Medienhaus jetzt einen Tiktok Account machen soll
    und von dort News verbreiten soll.» Die Ergebnisse Ein Charakteristikum der Nachrichtennutzung jun-
    der Studie haben gezeigt, dass es entscheidend ist, ger Erwachsener ist der bereits beschriebene emer-
    wie die Titel der Beiträge formuliert und aufbereitet gente Medienkonsum. Die Markenbindung hat ent-
    sind, da dies ausschlaggebend dafür ist, ob der ge- sprechend abgenommen, während sich die Ziel-
    samte Artikel gelesen wird. Titel können – dem The- gruppe der Jungen vermehrt ihr eigenes Medien­
    ma entsprechend – durchaus unterhaltender formu- menü zusammenstellt, bestehend aus einem Bündel
    liert werden. Der Inhalt sollte möglichst einfach unterschiedlicher Medienmarken. Dieses Nutzungs-
    verständlich sein, dies ist vor allem bei politischen muster, das aus demokratietheoretischer Sicht zu
    Themen zentral: «Am meisten werde ich angesprochen kritisieren ist, da die Nutzerinnen und Nutzer da-
    von Artikel, die einen packenden Titel haben und dann durch nur einen Ausschnitt der aktuellen Informa­
    noch ein Bild dazu.» Auch (Audio-)Visualisierung tionen erhalten, wird gerade von den jungen Schwei-
    spielt bei den Jungen eine Rolle, wenn es um Nach- zerinnen und Schweizern geschätzt. Sie wünschen
    richten geht. Die Nutzung von Social-Media-­ sich personalisierten Inhalt, wie es die Zielgruppe
    Plattformen ist ein wesentlicher Bestandteil ihrer von den Social-Media-Plattformen gewohnt ist: «Ich
    Lebenswelt. Diese funktionieren visualisiert und möchte personifizierten Inhalt und nicht 0815 Nach-
    personalisiert. Dabei ist der Zielgruppe aber Authen- richten sehen. Im Stil von: ‹Dieser Artikel/Beitrag/
    tizität ein Anliegen: Die Medienmarken müssen sich Video könnte dich interessieren.› Also ein Youtube mit
    nicht verstellen, um bei den Jungen zu punkten. We- Nachrichten in verschiedenen Sparten, je nach Interes-
    sentlich ist es vielmehr, die Inhalte an die Logiken se/Geschmack.» Die Nutzung einer spezifischen
    der Plattformen anzupassen. Social Media basieren ­Medienmarke ist der jungen Zielgruppe gleichzeitig
    auf schnellen Reaktionen, der Konsum von Nach- zu wenig: «Es ist sehr fragwürdig sich nur Artikel von
    richten muss für die Jungen rasch und «nebenbei» nur einer Zeitung regelmässig zu lesen. Mir wäre das
    möglich sein und die Nachrichten müssen sie in ihrer zu eintönig, ein Abo im Sinne von verschiedenen Zeit-
    persönlichen Lebenswelt ansprechen. Wenn das In- schriften zusammen würde eher Sinn machen. (Packa-
    teresse bei den Jungen geweckt ist, informieren sie ge, wo man individualisiert auf seine Interessen Artikel
    sich auch weiter über das Thema. Wenn nicht sogar aus Zeitungen lesen kann)» Die Jungen wünschen
    über den Social-Media-Link selbst, können zumin- sich demnach ein Bündel an Nachrichtenartikeln
    dest über die Suchplattform Google als Vermittler ­unterschiedlicher Medienmarken, das idealerweise
    professionelle Nachrichtenmedien angesteuert wer- über eine App aufgerufen werden kann, die wichtigs-
    den. Auch Audio- und Videoformate können je nach ten Informationen enthält und nach persönlichen
    Alltagssituation ansprechend für die junge Zielgrup- Interessen ausgerichtet ist. Auch eine Dialogfunk­
    pe sein: «video und audio finde ich am besten, ist be- tion würde sich die junge Zielgruppe in diesem Kon-
    quem und wenn man keine lust hat zu schauen, kann text wünschen: «… ein Forum in dem man sich Nach-
    man im hintergrund abspielen und multitasken.» Diese richten anhören kann und fragen stellen kann, falls
    sollten jedoch möglichst knapp und verständlich die man einige Sachen nicht verstehen würde.» Professio-
    wichtigsten Informationen zusammenfassen, da zu neller Journalismus kann demnach seine zweiseitige
    lange Videos oder Podcasts häufig nicht im Alltag re- Kommunikation ausbauen.
    zipiert werden: «Ich kann mir diese [Podcasts] aber
    nicht in voller Länge anhören, die dauern ja oft bis zu
    45min. Aber Nachrichten im Sinne von Podcasts könnte
10                         Mediale Lebenswelten junger Schweizerinnen und Schweizer

     Zahlungsbereitschaft                                      ren. Es handelt sich dabei um jene Gruppe, die dem
                                                               «New World»-Nachrichtennutzungsmuster zuzu­
     Ein wichtiges Thema für die jungen Schweizerinnen         ordnen ist und bei der im Falle einer Nachrichten­
     und Schweizer sind auch die Kosten der Informa­           unterversorgung von einer «News-Deprivation»
     tionsangebote. Ihnen ist zwar bewusst, dass profes­       ausge­gangen wird (Schneider & Eisenegger, 2018).
     sioneller Informationsjournalismus auf Einnahmen          Die 19 Studienteilnehmenden bearbeiteten mode-
     angewiesen ist, trotzdem stellen sie den Mehrwert         rierte Aufgaben auf einer Onlineplattform und disku-
     z.B. eines Zeitungs- oder Online-Nachrichtenabon-         tierten in Foren und Chats miteinander.
     nements infrage. Kritisiert werden ausserdem Pay-                 Hinsichtlich der Nutzungshäufigkeit unter-
     walls, die das Lesen gesamter Artikel ohne Abo un-        schiedlicher Medien zeigt sich – wie erwartet – eine
     möglich machen. In diesem Fall werden die Artikel         deutliche Präferenz hinsichtlich digitaler Platt­
     schlicht ignoriert. Kostenlose Beiträge zu gesell-        formen. Vor allem audiovisuelle Plattformen wie
     schaftlich relevanten Themen sehen die 20- bis            ­Instagram und YouTube überzeugen die Jungen.
     25-Jährigen sogar als Art Schweizer «Grundrecht»:          ­Messengerdienste wie WhatsApp dienen weiter
     «Wichtige Ereignisse sollten direkt ans Smartphone:         zum persönlichen Austausch mit Freundinnen bzw.
     ich finde sogar, die ganz wichtigen und unmittelbaren       Freunden und der Familie. Generell ist für die junge
     geschehenisse soll man am besten aufs handy per sms         Zielgruppe der persönliche Kontakt mit dem priva-
     oder popup bekommen, weil ich selber merke, dass ich        ten Umfeld von grosser Wichtigkeit, sei es über digi-
     eigentlich keine ahnung von nichts habe, ich könnte         tale Kanäle oder Face-to-Face. Mit klassischen Me­
     nichtmal erzählen, was gerade abgeht.» oder: «Haben         dien wie TV, Radio oder Presse kommen die Jungen
     wir denn nicht das Recht kostenlos und seriös darüber       vor allem dann in Kontakt, wenn sie im Elternhaus
     informiert zu werden, was in der Welt passiert?» Diese      damit konfrontiert werden (z.B. über Zeitungs­
     begründete Kritik ist gerade bei der jungen Zielgrup-       abonnements oder das gemeinsame Fernsehen am
     pe zu berücksichtigen, die häufig über beschränkte          Abend), wenn «nebenbei» das Radio läuft oder Gra-
     finanzielle Ressourcen verfügt. Eine Zahlungsbereit-        tiszeitungen in öffentlichen Verkehrsmitteln liegen.
     schaft entsteht erst dann, wenn ein Mehrwert hinter         Trotzdem werden klassische Medien deutlich glaub-
     dem Nachrichtenabonnement erkannt wird: «Um                 würdiger eingeschätzt als z.B. Social-Media-Platt­
     eine Gebühr zu verlangen braucht es mehr als nur            formen. Junge Erwachsene gehen davon aus, dass
     Standards.» Solange Junge das Gefühl haben, wichti-         klassische Medien journalistische Standards ein­
     ge Informationen kostenlos über ihre gewohnten              halten, als weniger glaubwürdig werden Boulevard-
     ­Kanäle beziehen zu können, wird kaum eine Zah-             medien erachtet. Unter den Digitalplattformen gilt
      lungsbereitschaft eintreten. Die Plattform Spotify         auch die Suchmaschine Google als glaubwürdig, da
      kann hier als Beispiel gesehen werden, für deren           hier die Leserinnen und Leser selbst anhand der vor-
      Nutzung viele junge Menschen bereit sind zu zahlen.        geschlagenen Treffer die Qualität der Links kritisch
      Die Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer sind            einschätzen können. Bei anderen Social-Media-Ka-
      sich hinsichtlich der Zahlungsbereitschaft einig, un-      nälen ist die Erwartung hinsichtlich glaubwürdiger
      abhängig von ihrem Bildungsniveau.                         Inhalte gering, da diese eher als Unterhaltungskanäle
                                                                 gesehen werden.
                                                                       Bezogen auf das Informationsverhalten konnte
     4          Fazit                                            festgestellt werden, dass das Smartphone eine zen­
                                                                 trale Rolle in den Alltagswelten der jungen Schweize-

     D    ie vorliegende Studie befasste sich mit der Frage,
          wie die Lebenswelten von 20- bis 25-jährigen
     Schweizerinnen und Schweizern hinsichtlich ihres
                                                                 rinnen und Schweizer einnimmt. Als ständiger Be-
                                                                 gleiter nutzen die Jungen Apps und Social-Media-
                                                                 Kanäle im Sinne einer täglichen Routine. Entspre-
     Medien- und Nachrichtenkonsums beschrieben wer-             chend stösst die junge Zielgruppe daher eher zufällig
     den können. Wir fokussierten uns hierbei vor allem          auf Nachrichten, z.B. wenn Freundinnen und Freun-
     auf Personen, die einen hohen Social-Media-Konsum           de oder auch Influencerinnen und Influencer Bei­
     aufweisen und selten traditionelle Medien konsumie-         träge teilen. Wenn die Jungen Beiträge interessant
11                         Mediale Lebenswelten junger Schweizerinnen und Schweizer

     finden, nutzen sie Goo­gle, um weiter zu recherchie-      richtenbeiträge aufgrund persönlicher Interessen
     ren. Eine zentrale Rolle bei der Informationsbeschaf-     selektiert werden, ist allerdings nicht gewährleistet,
     fung nehmen auch die persönlichen Netzwerke ein.          dass Nutzerinnen und Nutzer über die Gesamt­
     Die Jungen gelangen so beispielsweise über Whats-         gesellschaft und unterschiedliche Gesellschafts­
     App auf News und diskutieren diese allenfalls in          sphären ausreichend informiert werden. Hier sind
     Chats. Mindestens genauso wichtig ist allerdings der      Ansätze gefragt, die erlauben, den persönlichen wie
     persönliche Austausch, z.B. beim Abendessen im            auch gesellschaftlich-demokratischen Anforderun-
     ­familiären Kreis oder mit Freundinnen und Freun-         gen gerecht zu werden. Auch die Darstellungsform
      den, der häufig in Studien zu wenig berücksichtigt       von journalistischen Inhalten muss sich an die Le-
      wird. Hier wird vor allem geschätzt, dass unter-         benswelten der Jungen anpassen. Weil Social Media
      schiedliche Meinungen und Ansichten aufeinander-         einen wesentlichen Stellenwert für diese Zielgruppe
      stossen. Gesellschaftliche Er­    eignisse bleiben den   haben, müssten auch professionelle journalistische
      Jungen besonders dann im Gedächtnis, wenn sie sich       Beiträge entsprechend aufbereitet werden. Hier
      mit den Themen identifizieren können. Dies war           kann mit audiovisuellen Beiträgen gearbeitet wer-
      beispielsweise bei mobilisierenden Themen wie
      ­                                                        den, die junge Menschen schon anhand des Titels in
      «Fridays for Future» oder dem Frauenstreik der
      ­                                                        ihrer Lebenswelt ansprechen. Die Aufbereitung der
      Fall. Auch die persönliche Betroffenheit ist in diesem   Inhalte muss verständlich und grafisch unterstützt
      Zusammenhang wichtig. So wurde beispielsweise            sein, sodass diese im Alltag, «nebenbei», aufgenom-
      die Corona-Berichterstattung sehr stark verfolgt, vor    men werden können. Sobald Junge ihren persön­
      allem zu Beginn der Pandemie. Kritisiert wurde aller-    lichen Bezug zu einem Thema finden, erkennen sie
      dings, dass während dieser Zeit andere gesellschaft­     den Mehrwert professioneller journalistischer An­
      liche Themen vom Journalismus zu wenig beachtet          gebote und sind allenfalls sogar dazu bereit, für diese
      wurden. Dieser Overload an Corona-Berichterstat-         zu zahlen.
      tung führte bei vielen schliesslich zu einer bewussten          Die Ergebnisse der vorliegenden Studie basie-
      Nachrichtenvermeidung.                                   ren auf der Selbstauskunft unserer Studienteil­
               Der Medienkonsum der 20- bis 25-Jährigen        nehmerinnen und -teilnehmer. Kritisch reflektiert
      kann als emergent bezeichnet werden. Einzelne            werden muss daher, dass soziale Erwünschtheit bei
      ­Medienmarken werden demnach kaum direkt ange-           den Auskünften eine Rolle spielen kann. Den jungen
       steuert, vielmehr erstellen sich die Nutzerinnen und    Schweizerinnen und Schweizern war bewusst, dass
       Nutzer eigene Bündel an Nachrichten unterschied­        sie an einer universitären Studie zum Thema Nach-
       licher Quellen. Dies spiegelt sich auch in den Erwar-   richten- und Mediennutzung teilnehmen. Nicht aus-
       tungen der Zielgruppe an die journalistischen An­       zuschliessen und auch zu erwarten ist daher, dass sie
       gebote wider. Die Jungen wünschen sich einerseits,      sich mit ihrem persönlichen Nachrichtenkonsum im
       dass nicht nur Artikel einer einzigen Medienmarke       Studienzeitraum stärker und kritischer auseinander-
       auf Plattformen zur Verfügung stehen und anderer-       gesetzt haben als sonst und allenfalls mehr Nach-
       seits, dass Beiträge den persönlichen Interessen        richten konsumiert haben. Auch müsste eine tatsäch-
       ­entsprechend vorselektiert werden. Dies könnte bei-    liche Zahlungsbereitschaft der Jungen, sofern pro-
        spielsweise in Form von medienübergreifenden Apps      fessionelle journalistische Angebote für die Ziel­
        umgesetzt werden und würde voraussetzen, dass          gruppe weiter ausgebaut würden, weiter untersucht
        (Schweizer) Medienhäuser verstärkt miteinander         werden.
        kooperierten. Dennoch müssen personifizierte                  Dennoch zeigt diese Studie, dass die jungen
        Nachrichtenangebote kritisch reflektiert werden.       Schweizerinnen und Schweizer, unabhängig von
        Aus einer demokratietheoretischen Perspektive ist      ­ihrem Bildungsstand, kritisch und reflektiert sind.
        eine algorithmische, personifizierte Selektion von      Sie sind durchaus empfänglich für professionellen
        Nachrichten problematisch. Die Studie zeigt zwar        Journalismus, alleine wegen seiner Glaubwürdigkeit.
        deutlich, dass für Nachrichten mit persönlichem         Wenn junge Menschen mit Themen ihrer persön­
        ­Bezug und subjektivem Interesse eine höhere Be­        lichen Lebenswelt konfrontiert werden, kann das
         reitschaft besteht, diese zu rezipieren. Wenn Nach-    ­Interesse an Nachrichten sogar äusserst ausgeprägt
12                                     Mediale Lebenswelten junger Schweizerinnen und Schweizer

             sein und zu Diskussionen im persönlichen Umfeld                   sich ein Bild der Gesellschaft, unabhängig von indivi-
             führen. Die journalistische Herausforderung besteht               duellen Interessen, machen können. Nur so können
             darin, den Bedürfnissen der jungen Zielgruppe ge-                 Junge in ihrer demokratischen Verantwortung ge-
             recht zu werden und trotzdem zu erreichen, dass sie               stärkt werden.

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