Qualität der Medien Studie 6/2020 - am fög

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Forschungszentrum
Öffentlichkeit und Gesellschaft

                                  Qualität der Medien
                                  Studie 6/2020
                                  Mediennutzung und persönliche Themen-
                                  agenda – wie das Newsrepertoire die
                                  Wahrnehmung von Kommunikations-
                                  ereignissen prägt

                                  fög – Forschungszentrum Öffentlichkeit und
                                  Gesellschaft / Universität Zürich
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                          Mediennutzung und persönliche
                          ­Themenagenda – wie das News­
                           repertoire die Wahrnehmung von
                           ­Kommunikationsereignissen prägt
                          Jörg Schneider, Mark Eisenegger

    Zusammenfassung

    Seit mehreren Jahren untersucht das fög - Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft der Univer-
    sität Zürich die Entwicklung der Newsrepertoires in der Schweiz. Newsrepertoires geben darüber Auskunft,
    welche Medien eine Person typischerweise nutzt, um sich über das aktuelle Geschehen zu informieren. Das
    aktuelle Geschehen wird anhand von Kommunikationsereignissen erfasst. Kommunikationsereignisse er­
    geben sich, wenn Medien aus aktuellem Anlass über einen gewissen Zeitraum hinweg über ein Thema be­
    richten. Die persönliche Themenagenda, also die Zusammenstellung von Kommunikationsereignissen, die
    eine Person wahrnimmt und als wichtig erachtet, ist wesentlich von ihrem Newsrepertoire geprägt. Reper-
    toiretypen der «Old World», die sich in ihrem Newskonsum vor allem auf traditionelle Nachrichtenmedien
    abstützen, haben Themenagenden, die nur wenig von der durchschnittlichen Themenagenda der Gesamt­
    bevölkerung abweichen. Die Repertoiretypen der «New World», die vor allem durch die Nutzung von Online-
    medien und Social Media gekennzeichnet sind, zeigen dagegen grössere Abweichungen von der Themen­
    agenda der Gesamtbevölkerung. Während «Intensivnutzer/innen» oft komplexe politische und wirtschaft­
    liche D
          ­ ebatten auf ihrer Agenda haben, sind «Global Surfer» von der nationalen Politikagenda weitgehend
    abgekoppelt und nehmen eher internationale Kommunikationsereignisse wahr. Die Themenagenden der
    «News-Deprivierten», also der Mediennutzerinnen und -nutzer mit einem unterdurchschnittlichen News-
    konsum, weisen typischerweise folgende Merkmale auf: hoher Softnewsgehalt, hoher Anteil an emotionalen
    und bedrohlichen Themen sowie personalisierte Kommunikationsereignisse. Es wird aber deutlich, dass die
    «News-Deprivierten» für gesellschaftspolitisch relevante Themen keineswegs verloren sind. Sie haben eine
    starke Affinität zu Kommunikationsereignissen mit Bewegungscharakter wie «Fridays for Future» oder die
    #MeToo-Debatte. Themen aus der eigenen Lebenswelt, die mit Identifikationsfiguren verbunden sind, haben
    das Potenzial, «News-Deprivierte» für das politische Geschehen zu interessieren.

    1          Einleitung                                    ger, dass sich alle in der Gesellschaft zu einem be-
                                                             stimmten Zeitpunkt über gemeinsam als relevant

    M     edien erfüllen eine Integrationsfunktion für die
          moderne Gesellschaft, indem sie eine Agenda
    der aktuellen Ereignisse und Themen präsentieren.
                                                             wahrgenommene Kommunikationsereignisse ausein-
                                                             andersetzen und sich im Diskurs über diese Themen
                                                             verständigen. Dagegen ist es wahrscheinlicher ge­
    Ereignisse und Themen, die von Medien behandelt          worden, dass sich Nutzerinnen und Nutzer auf hoch
    und dadurch mit journalistischer Aufmerksamkeit          spezialisierten Informationsinseln aufhalten.
    versehen werden, erscheinen als gesellschaftlich re-           In dieser Studie gehen wir deshalb der Frage
    levante Kommunikationsereignisse. Die Agenda der         nach, welche Kommunikationsereignisse aufgrund
    Kommunikationsereignisse bündelt die Aufmerksam-         der spezifischen Mediennutzung wahrgenommen
    keit des Medienpublikums und definiert das Spekt-        werden und welche nicht. Zentral dabei ist, wie sich
    rum der Themen, die es aktuell und gemeinsam zu          das Gesellschaftsbild aufgrund des Medienkonsums
    verhandeln gilt. Im digitalen Zeitalter haben aller-     unterschiedlich einfärbt, wobei insbesondere die
    dings die Möglichkeiten, wie, wann, wo und welche        Rolle von Social Media analysiert wird. Wir unter­
    Medieninhalte genutzt werden, markant zugenom-           suchen, welche Kommunikationsereignisse promi-
    men. Die Medienöffentlichkeit hat sich von einer         nent, welche nicht oder nur am Rande auf die Bild-
    Low-Choice- zu einer High-Choice-Öffentlichkeit          schirme der Nutzerinnen und Nutzer gelangen.
    verwandelt (van Aelst et al., 2017). Es wird schwieri-   Weiter interessiert die Frage, wie die Qualität der
2                        Mediennutzung und persönliche Themenagenda

    verfolgten Kommunikationsereignisse beschaffen         2          Methode
    ist: Handelt es sich um gesellschaftsrelevante The-
    men oder eher um partikuläre Softnews? Welchen
    Anteil haben Kommunikationsereignisse, die be-
    drohlich aufgeladene Themen oder Themen mit ver-
                                                           S    eit 2009 führt das fög als Grundlage seiner Me­
                                                                diennutzungsstudien jährlich eine repräsentative
                                                           Onlinebefragung in der Schweiz durch. Der Kern der
    schwörungstheoretischem Charakter auf die Agen-        Befragung bleibt unverändert, sodass die Datenreihe
    den der verschiedenen Nutzergruppen bringen?           inzwischen zwölf Erhebungswellen umfasst. Ins­
          Zur Untersuchung der Themenagenden setzen        gesamt wurden in diesem Zeitraum 41 118 Personen
    wir bei den Newsrepertoires der Nutzerinnen und        zu ihrer Mediennutzung befragt.
    Nutzer an. Diese geben darüber Auskunft, welche               Anhand der erhobenen Mediennutzungsdaten
    Medien eine Person typischerweise nutzt, um sich       lassen sich Newsrepertoires bilden. Für jede Befragte
    über das aktuelle Geschehen zu informieren. Wir        und jeden Befragten wird das individuelle Repertoire
    haben den Anspruch, mit unserer Typologie der
    ­                                                      von Medienangeboten bestimmt, das sie oder er ver-
    Newsrepertoires nicht nur die Newsmediennutzung        wendet, um sich zu informieren. Befragte mit ähn­
    zu beschreiben und deren Entwicklung nachzuvoll-       lichen Newsrepertoires werden induktiv durch Clus-
    ziehen. Vielmehr verfolgen wir einen erklärenden       teranalysen zu Repertoiretypen zusammengefasst.
    Ansatz, der die Konsequenzen erfasst, die mit einem    Über die zwölf Erhebungswellen von 2009 bis 2020
    bestimmten Newsrepertoire verbunden sind. Es gilt      lassen sich kontinuierlich sechs Repertoiretypen
    zu analysieren, inwiefern Newsrepertoires einen        ­beschreiben (Schneider & Eisenegger, 2016, 2018,
    substanziellen Beitrag zur Erklärung der persön­        2019).
    lichen Themenagenden leisten, der über soziodemo-             Neben dieser detaillierten Erfassung der Me­
    grafische oder milieuspezifische Unterschiede hin-      diennutzung werden die persönlichen Themenagen-
    ausgeht Hasebrink, 2008; Mourao et al., 2018;           den der Befragten anhand von Kommunikations-
    Strömbäck, 2017).                                       ereignissen bestimmt. Für die Befragung werden
          Eine besondere demokratietheoretische Her-        jeweils 20 resonanzstarke Kommunikationsereignis-
    ausforderung, die sich durch die Verlagerung der        se aus dem Vorjahr ausgewählt. Die Befragten geben
    Newskonsumation und -kommunikation in die neue          an, welche fünf «Ereignisse und Themen sie selbst
    Medienwelt ergibt, stellen insbesondere zwei Reper-     am intensivsten verfolgt» haben. Die über- bzw. un-
    toiretypen dar: «News-Deprivierte», die Informa­        terdurchschnittlich verfolgten Kommunikations-
    tionsmedien und deren Inhalte kaum mehr nutzen,         ereignisse lassen sich durch das statistische Verfah-
    und «Global Surfer», die stärker auf ausländische       ren der Residuenanalyse ermitteln. Die in den letzten
    Informationsangebote zurückgreifen und von natio-       zwölf Jahren abgefragten 240 Kommunikationsereig-
    nalen Medien bestenfalls Pendlerzeitungen kon­          nisse werden ausserdem inhaltsanalytisch nach vier
    sumieren (Schneider & Eisenegger, 2016). «News-         Variablen codiert, die sich zum Teil an die Qualitäts-
    Deprivierten» scheint aufgrund ihrer quantitativen      indikatoren zur Evaluation der Medientitel anlehnen
    (wenig News) und qualitativen (minderwertige            (fög, 2020). Mit der Codierung lassen sich die per-
    Newsangebote) Unterversorgung mit News die In-          sönlichen Ranglisten der Befragten weiter beschrei-
    formationsbasis für eine aktive politische Teilhabe     ben:
    zu fehlen. «Global Surfer» haben aufgrund der Ab-       •     Gesellschaftssphäre: Hardnews (Politik, Wirt-
    kopplung von national ausgerichteten Medien kaum              schaft) vs. Softnews (Sport, Human Interest);
    Zugang zu den Schweizer Debatten, obwohl sie poli-      •     geografischer Bezugsraum: Schweiz und/oder
    tisch und wirtschaftlich durchaus interessiert sind.          Ausland;
    Es stellt sich somit auch die Frage, inwieweit diese    •     Akteursfokus: Strukturen und Organisationen
    Repertoiretypen medial und politisch besser integ-            (Makro- und Mesoebene) vs. Personen und de-
    riert werden können. Auf diese beiden «Problem­               ren Verhalten (Mikroebene);
    typen» wird die Studie ein besonderes Augenmerk         •     Bewegungscharakter: Wie stark bezieht sich
    richten.                                                      das Kommunikationsereignis auf eine gesell-
                                                                  schaftliche Mobilisierung, im Gegensatz zum
3                          Mediennutzung und persönliche Themenagenda

          politischen Routinebetrieb im etablierten poli-
                                                                                           0     1       2        3       4       5       6   7
          tischen System?
                                                            Intensivnutzer/innen             1           2            3       4       5
    Um zu analysieren, was die Zusammensetzung der          News-Deprivierte
    persönlichen Themenagenden in Form der wahr­
                                                            Global Surfer
    genommenen Kommunikationsereignisse erklärt,
                                                            Old World Boulevard
    werden sogenannte Regressionsmodelle gerechnet.
                                                            Old World & Onlinependants
    Neben der Mediennutzung, die durch die News­
    repertoires abgebildet wird, werden die Soziodemo-      Homeland Oriented

    grafie und die Interessen der Befragten als Kontroll-   1    Socializing                         4       Information
    variablen auf ihren Erklärungsgehalt überprüft.         2    Unterhaltung                        5       Selbst Inhalte produzieren
                                                            3    Bekannten Personen folgen

                                                            Darstellung 1: Durchschnittliche Anzahl der Plattformverwendungen
    3          Resultate
                                                            Die Darstellung zeigt, wie viele unterschiedliche Verwendungen die Reper-
    3.1        Die Verwendung von Social Media              toiretypen auf Social-Media-Plattformen aufweisen. Abgefragt wurden fünf
               in den Newsrepertoires                       Nutzungsmotive (Socializing, Unterhaltung, Folgen bestimmter Personen,
                                                            Information, Produktion eigener Inhalte) auf sieben Plattformen (Face-

    D
                                                            book, Twitter, YouTube, Instagram, Snapchat, WhatsApp, XING/LinkedIn).
         ie Newsrepertoires (fög, 2020), die ihre In­       Insgesamt sind demnach bis maximal 35 Plattformverwendungen möglich
         formationen vor allem aus ­traditionellen Nach-    (n = 3495).
    richtenmedien beziehen, sind der «Old World» zuzu-      Lesebeispiel: Die «Intensivnutzer /innen» weisen im Schnitt 6,1 Plattformver-
                                                            wendungen auf.
    ordnen. Dazu gehören «Homeland Oriented» (starke
    Konzentration auf lokale und re­gionale Medienange-
    bote und weitgehender Verzicht auf digitale Medien)
    6%, «Old World Boulevard» (Nutzung von Boule-
    vardmedien, Interesse an Softnews und Sport, Nut-
    zung entsprechender Informa­tionsangebote sowohl              Der wichtigste Treiber für die Entwicklung der
    offline wie online) 8%, «Old World & Onlinepen-         Newsrepertoires ist die unterschiedliche Nutzung
    dants» (Nutzungsroutinen rund um die klassischen        von Social-Media-Plattformen. Die Nutzungsmotive
    Nachrichtenmedien, ergänzt durch die Onlinepen-         und konkreten Verwendungen der Plattformen sind
    dants traditioneller Medienmarken) 12%. Zusammen-       mehrschichtig, wie durch die Analyse der Social-Me-
    genommen sind diese News­      repertoires der «Old     dia-Nutzungen dargelegt werden konnte (Schneider
    World» 2020 nur noch bei rund einem Viertel der         & Eisenegger, 2019). Wir unterscheiden fünf Nut-
    Schweizer Mediennutzerinnen und -nutzer zu ver-         zungsmotive, das Socializing, also das Kommuni­
    zeichnen, während sie zu Beginn der Zeitreihe 2009      zieren und In-Kontakt-Bleiben mit Freunden und
    bei der Hälfte zu beobachten waren. Entsprechend        Bekannten, die Unterhaltung, das Folgen bekannter
    sehen wir einen Zuwachs bei den Repertoiretypen der     Personen, die Information und das Produzieren eige-
    «New World», die sich vor allem durch die Nutzung       ner Inhalte, die für sieben Plattformen (Facebook,
    von Newssites, Social-Media-Plattformen und sons-       Twitter, YouTube, Instagram, Snapchat, WhatsApp,
    tigen Onlineangeboten auszeichnen. «Intensivnut-        XING/LinkedIn) erhoben werden. Über alle News­
    zer/innen» (breites Interesse an News, umfangreiche     repertoiretypen hinweg dominieren Socializing und
    Nutzung unterschiedlicher Newsangebote offline          Unterhaltung, gefolgt vom Zweck, bekannten Per­
    und online) 11%, «Global Surfer» (schwerpunktmäs­       sonen zu folgen. Sich über Nachrichten zu informie-
    sig internationale und digitale Newsangebote, fast      ren, ist ein nachgeordnetes Nutzungsmotiv. Nur eine
    keine nationalen Medien) 26%, «News-Deprivierte»        Minderheit produziert selbst Inhalte, die sie über
    (unterdurchschnittlicher Newskonsum über alle Me-       ­Social Media veröffentlichen (vgl. Darstellung 1).
    dien hinweg, Newssites und ­Social Media als Haupt-           Die meisten Plattformverwendungen haben die
    quellen) 37%.                                            Repertoiretypen der «New World». Sie nutzen in der
4                         Mediennutzung und persönliche Themenagenda

    überwiegenden Mehrheit mehrere Plattformen und            3.2        Die Themenagenden des Jahres 2019
    geben in der Regel mehrere Nutzungsmotive pro
    Plattform an. Die vielfältigste Social-Media-Nutzung
    mit der im Vergleich höchsten Bedeutung der News-
    nutzung weisen «Intensivnutzer/innen» auf. Sie sind
                                                              D    ie Themenagenda zeigt, welche resonanzstarken
                                                                   Kommunikationsereignisse die Bevölkerung
                                                              2019 wahrgenommen hat (vgl. Darstellung 2).
    öfter selbst aktiv, indem sie Inhalte produzieren und           Die Politik von US-Präsident Donald Trump an
    veröffentlichen.                                          der Spitze der Themenagenda der Bevölkerung er-
           «Global Surfer» und «News-Deprivierte» sind        scheint als medialer Selbstläufer. Mehr als jede bzw.
    sich sehr ähnlich, wenn man die zusammengefassten         jeder Zweite hat Donald Trump auf der persönlichen
    Plattformverwendungen in der Abbildung betrach-           Jahresagenda. Die Nachfrage nach Berichten über
    tet. Gleichwohl zeigt sich, dass die beiden Typen un-     Trump ist ungebrochen. Als Kommunikationsereig-
    terschiedliche Plattformen für ihre Nutzungsmotive        nis weist Trump typische Merkmale des Boulevards
    bevorzugen. So nutzen «Global Surfer» Twitter sig-        auf: Personenfixierung, bewusste Grenzüberschrei-
    nifikant häufiger, insbesondere um Personen, die          tungen einerseits und skandalisierende Bericht­
    öffentlich bekannt sind, zu folgen und sich über
    ­                                                         erstattung andererseits.
    aktuelle News zu informieren. Die Businessplatt­
    ­                                                               Der Brexit kommt bei der Bevölkerung auf den
    formen XING und LinkedIn werden von ihnen eben-           zweiten Platz der Themenagenda. Da wiederholt
    falls stärker frequentiert, vor allem um sich zu ver-     Termine für finale Entscheidungen gesetzt wurden,
    netzen. Dagegen sind «News-Deprivierte» sehr viel         denen die Berichterstattung und das Publikum ent-
    stärker bei Snapchat und Instagram anzutreffen, wo-       gegenfiebern konnten, erhielt das Kommunikations-
    bei News nur eine marginale Rolle spielen. Sociali­       ereignis fortlaufend Resonanz. Zudem sorgte sicher
    zing und Unterhaltung stehen für sie im Vorder-           die teilweise als kontrovers wahrgenommene Per-
    grund. Wenn sie selbst Inhalte produzieren und            sönlichkeit von Boris Johnson für Aufmerksamkeit.
    veröffent­lichen, dann bevorzugt auf diesen beiden        Dabei kamen ähnliche boulevardeske Nachrichten­
    Plattformen.                                              logiken wie bei Donald Trump zum Tragen.
           Die Newsrepertoiretypen der «Old World» nut-             Während die ersten beiden Kommunikations-
    zen Social-Media-Plattformen signifikant weniger.         ereignisse keinen eigentlichen Bezug zur Schweiz
    Sie kombinieren kaum verschiedene Nutzungsmo­             haben, kommt auf den dritten Platz eine internatio-
    tive auf einer Plattform. Stattdessen verwenden sie       nale Bewegung, die ebenso in der Schweiz zu einem
    eine Plattform in der Regel zu dem Zweck, der mit         politischen Phänomen wurde. Die Bewegung «Fri-
    dieser Plattform üblicherweise verknüpft wird. Am         days for Future» beziehungsweise die Klimabewe-
    ausgeprägtesten ist die Social-Media-Nutzung bei          gung erhielt in den etablierten Newsmedien von Be-
    «Old World Boulevard». Die Versorgung mit Boule-          ginn an hohe und verbreitet wohlwollende Resonanz.
    vardinhalten wird inzwischen zu einem Grossteil           Der Tenor in Social Media war demgegenüber deut-
    über Social Media sichergestellt, während die klassi-     lich kontroverser. Auffällig ist, dass dieses drittplat-
    sche Boulevardzeitung an Bedeutung einbüsst. Die          zierte Kommunikationsereignis ebenfalls mass­
    Nutzergruppe «Old World & Onlinependants» nutzt           geblich durch den Fokus auf eine Person – Greta
    zwar Onlinemedien, bleibt aber bei Social-Media-          Thunberg – geprägt ist.
    Anwendungen zurückhaltend. Für die Newsversor-                  Auf Platz vier steht mit dem «Brand der Kirche
    gung spielen Social-Media-Plattformen keine wichti-       Notre-Dame in Paris» ein Kommunikationsereignis,
    ge Rolle. Die wenigsten Social-Media-Verwendungen         bei dem ein einzelner Vorfall Auslöser der Bericht­
    hat erwartungsgemäss der Repertoiretyp «Homeland          erstattung war. Die mediale Resonanz war im Unter-
    Oriented». In Bezug auf Social Media sind dessen          schied zu den Top-3-Kommunikationsereignissen
    Vertreterinnen und Vertreter bestenfalls Nachzüg-         auf einige Tage konzentriert.
    ler, ein Grossteil von ihnen verzichtet vollständig auf         Die Nationalratswahlen waren das heraus­
    Social Media.                                             ragende politische Ereignis innerhalb des politischen
                                                              Systems der Schweiz. Sie landen aber nur auf dem
                                                              fünften Platz der Themenagenda der Schweizer Be-
5                                      Mediennutzung und persönliche Themenagenda

Kommunikationsereignis                                                       0%         10               20              30              40            50             60

Politik von Donald Trump als US-Präsident                                    1               2                 3                 4            5
Streit über den Brexit und Sieg von Boris Johnson bei den Unterhauswahlen
Greta Thunberg und die Klimabewegung «Fridays for Future»
Brand der Kirche Notre-Dame in Paris
Nationalratswahlen, «Grüne Welle» im Bundeshaus
Lancierung des 5G-Mobilfunknetzes
Flüchtlingskrise und Seenotrettung im Mittelmeer
Volksabstimmung zur Steuerreform und AHV-Finanzierung (STAF)
Bewegung der Gelbwesten in Frankreich, Streiks gegen Reformpolitik
Frauenstreiktag in der Schweiz
Bürgerkriege und Unruhen im Nahen Osten
Diskussionen über das EU-Rahmenabkommen
Qualifikation der Schweizer Fussball-Nati für die Europameisterschaft 2020
Unternehmenskrise bei Boeing aufgrund der Flugzeugabstürze der 737 MAX
Internationale Wirtschaftspolitik zwischen Freihandel und Strafzöllen
Kontroverse zwischen Impfgegner/innen und Impfbefürworter/innen
Streit zwischen den CS-Bankern Thiam und Khan, Beschattungsaffäre
Rechter Terror in Deutschland: Politikermord, Anschlag auf Synagoge
Ibiza-Affäre in Österreich, Ende der ÖVP-FPÖ-Koalition
Kontroverse um Bundesanwalt Lauber wegen der FIFA-Ermittlungen

                                                                             1    Platz 1        2   Platz 2       3   Platz 3       4   Platz 4   5        Platz 5

Darstellung 2: Ranking von 20 in der Bevölkerung wahrgenommenen Kommunikationsereignissen aus dem Jahr 2019

 Die Darstellung zeigt, welche Kommunikationsereignisse aus dem Jahr 2019 von der Schweizer Bevölkerung besonders intensiv verfolgt wurden. Aus
 20 Kommunikationsereignissen, die in der Schweizer Medianöffentlichkeit besonders viel Resonanz erzeugten, sollten die Befragten (n = 3495) fünf
­auswählen und priorisieren.
 Lesebeispiel: Die Nationalratswahlen mit der sogenannte «Grünen Welle» im Bundeshaus wählten 37% der Befragten unter ihre Top-5-Kommunikationsereig-
 nisse des Jahres 2019. Für 11% war es das Kommunikationsereignis, das sie von den 20 vorgelegten am intensivsten verfolgt hatten (Platz 1).

             völkerung. Die Orientierung am vorgegebenen poli­               Unterschiede der Themenagenden zwischen den
             tischen Prozess einer Wahl sorgt für eine kontinuier-           Newsrepertoiretypen. Die Unterschiede äussern sich
             liche Berichterstattung über mehrere Wochen                     in der über- bzw. unterdurchschnittlichen Beachtung
             hinweg.                                                         von Kommunikationsereignissen, also gerade in den
                   Die Reihenfolge auf der Agenda der Schweizer              Abweichungen von der Themenagenda der Gesamt-
             Bevölkerung zeigt die zentralen Kommunikations-                 bevölkerung. Bisweilen werden dadurch Fragmentie-
             ereignisse des Jahres auf. Doch auch Themen und                 rungstendenzen sichtbar, vor allem wenn bestimmte
             Ereignisse, die in der Agenda der Gesamtbevölke-                Themenfelder und Bezugsräume auf den Agenden der
             rung weiter hinten rangieren, bilden für bestimmte              Repertoiretypen systematisch ausgeblendet ­werden.
             Nutzerinnen und Nutzer wichtige Kommunikations-                       Die Nationalratswahlen stehen bei den Reper-
             kontexte für gesellschaftliche und politische De­               toiretypen der «Old World» ganz oben. Diese Wah-
             batten. Im Vergleich zeigen sich aufschlussreiche               len werden von ihnen im Vergleich zur Gesamtbe­
6                                      Mediennutzung und persönliche Themenagenda

Kommunikationsereignis                                                       –6   –5   –4   –3   –2    –1     0     1     2     3     4     5     6

Nationalratswahlen, «Grüne Welle» im Bundeshaus
Volksabstimmung zur Steuerreform und AHV-Finanzierung (STAF)
Diskussionen über das EU-Rahmenabkommen
Kontroverse um Bundesanwalt Lauber wegen der FIFA-Ermittlungen
Streit über den Brexit und Sieg von Boris Johnson bei den Unterhauswahlen
Qualifikation der Schweizer Fussball-Nati für die Europameisterschaft 2020
Ibiza-Affäre in Österreich, Ende der ÖVP-FPÖ-Koalition
Politik von Donald Trump als US-Präsident
Rechter Terror in Deutschland: Politikermord und Anschlag auf Synagoge
Internationale Wirtschaftspolitik zwischen Freihandel und Strafzöllen
Bürgerkriege und Unruhen im Nahen Osten
Streit zwischen den CS-Bankern Thiam und Khan, Beschattungsaffäre
Brand der Kirche Notre-Dame in Paris
Unternehmenskrise bei Boeing aufgrund der Flugzeugabstürze der 737 MAX
Bewegung der Gelbwesten in Frankreich, Streiks gegen Reformpolitik
Lancierung des 5G-Mobilfunknetzes
Greta Thunberg und die Klimabewegung «Fridays for Future»
Flüchtlingskrise und Seenotrettung im Mittelmeer
Kontroverse zwischen Impfgegner/innen und Impfbefürworter/innen
Frauenstreiktag in der Schweiz

Darstellung 3: Themenagenda 2019 der Repertoiretypen der «Old World»

Die Darstellung zeigt standardisierte Residuen (als statistisches Mass der Abweichung vom Durchschnitt), die angeben, wie über- bzw. unterdurch-
schnittlich ein Kommunikationsereignis von den Repertoiretypen der «Old World» im Vergleich zum Gesamtsample wahrgenommen wird. Eine
Ab­weichung von mehr als zwei Punkten verweist auf substanzielle Unterschiede zum Gesamtsample, während geringere Abweichungen vom 0-Wert
auf eine weitgehende Übereinstimmung mit dem Gesamtsample hindeuten (Datengrundlage: Erhebung 2020, n = 902 Befragte der Repertoiretypen der
«Old World» im Vergleich zu n = 3495 Befragten insgesamt).
Lesebeispiel: Die Nationalratswahlen stehen bei den Repertoiretypen der «Old World» deutlich häufiger auf der persönlichen Agenda. Dagegen ist kein
Kommunikationsereignis signifikant seltener vertreten als auf der Agenda der Gesamtbevölkerung.

             völkerung signifikant stärker verfolgt. Die weiteren             den. Bei «Old World Boulevard» sticht die Sport­
             Kommunikationsereignisse auf der Agenda können                   orientierung heraus. Die Qualifikation der Schweizer
             ebenfalls der nationalen Politik zugeordnet werden:              Fussballnationalmannschaft für die Endrunde der
             Volksabstimmung zur Steuerreform und EU-Rah-                     Europameisterschaft wird von diesem Repertoiretyp
             menabkommen. Es zeigt sich, dass der Bezug zur                   bevorzugt auf die Agenda gesetzt. Die «Old World
             Schweiz und die Politikorientierung für die Agenden              Boulevard & Onlinependants» tragen wesentlich zur
             der Repertoiretypen der «Old World» typisch sind                 nationalen Politikorientierung bei. Langfristige und
             (vgl. Darstellung 3).                                            komplexere politische Themen sind bei diesem Re-
                   Dabei zeigen die einzelnen Repertoiretypen der             pertoiretyp überrepräsentiert. Insgesamt weicht die
             «Old World» unterschiedliche Schwerpunkte. Die                   Agenda der Repertoiretypen der «Old World» kaum
             «Homeland Oriented» haben den stärksten Heimat-                  vom Bevölkerungsdurchschnitt ab.
             fokus. Ihre Agenda scheint vor allem durch die                        Die Themenwahrnehmung der verschiedenen
             Schweiz-Seiten der Tageszeitungen bestückt zu wer-               Repertoiretypen der «New World» unterscheiden
7                                      Mediennutzung und persönliche Themenagenda

Kommunikationsereignis                                                       –6   –5   –4   –3    –2   –1    0    1     2     3     4     5     6

Kontroverse um Bundesanwalt Lauber wegen der FIFA-Ermittlungen
Ibiza-Affäre in Österreich, Ende der ÖVP-FPÖ-Koalition
Diskussionen über das EU-Rahmenabkommen
Internationale Wirtschaftspolitik zwischen Freihandel und Strafzöllen
Streit zwischen den CS-Bankern Thiam und Khan, Beschattungsaffäre
Rechter Terror in Deutschland: Politikermord und Anschlag auf Synagoge
Volksabstimmung zur Steuerreform und AHV-Finanzierung (STAF)
Bewegung der Gelbwesten in Frankreich, Streiks gegen Reformpolitik
Bürgerkriege und Unruhen im Nahen Osten
Qualifikation der Schweizer Fussball-Nati für die Europameisterschaft 2020
Streit über den Brexit und Sieg von Boris Johnson bei den Unterhauswahlen
Unternehmenskrise bei Boeing aufgrund der Flugzeugabstürze der 737 MAX
Nationalratswahlen, «Grüne Welle» im Bundeshaus
Flüchtlingskrise und Seenotrettung im Mittelmeer
Politik von Donald Trump als US-Präsident
Frauenstreiktag in der Schweiz
Kontroverse zwischen Impfgegner/innen und Impfbefürworter/innen
Lancierung des 5G-Mobilfunknetzes
Greta Thunberg und die Klimabewegung «Fridays for Future»
Brand der Kirche Notre-Dame in Paris

Darstellung 4: Themenagenda 2019 der «Intensivnutzer/innen»

Die Darstellung zeigt standardisierte Residuen (als statistisches Mass der Abweichung vom Durchschnitt), die angeben, wie über- bzw. unterdurch-
schnittlich ein Kommunikationsereignis im Vergleich zum Gesamtsample wahrgenommen wird. Eine Abweichung von mehr als zwei Punkten verweist
auf substanzielle Unterschiede zum Gesamtsample, während geringere Abweichungen vom 0-Wert auf eine weitgehende Übereinstimmung mit dem
Gesamtsample hindeuten (Datengrundlage: Erhebung 2020, n = 386 befragte «Intensivnutzer/innen» im Vergleich zu n = 3495 Befragten insgesamt).
Lesebeispiel: Die Kontroverse um Bundesanwalt Lauber und diejenige um den österreichischen Vizekanzler Strache stehen bei den «Intensivnutzer
/innen» deutlich häufiger auf der persönlichen Agenda. Dagegen ist der Brand von Notre-Dame signifikant seltener vertreten als auf der Agenda der
Gesamt­b evölkerung.

             sich dagegen stärker vom Bevölkerungsdurchschnitt.               sorgung mit entsprechenden Informationen. Sie
             Je mehr Onlinemedien und vor allem Social Media                  konsumieren und verarbeiten so viele News, dass
             genutzt werden, desto grösser sind die Unterschiede              sie auch über diese Ereignisse informiert sind, ob-
             in den Themenagenden, die sie wahrnehmen und mit                 wohl sie diese vergleichsweise weniger stark wahr­
             gesteigertem Interesse verfolgen.                                genommen haben. Aufschlussreich ist, welche Kom-
                   Besonders die «Intensivnutzer/innen» weisen                munikationsereignisse sie stärker als alle anderen
             eine sehr eigenständige Themenagenda auf, die stark              Newsrepertoire­typen verfolgen. Zum einen handelt
             vom Bevölkerungsdurchschnitt abweicht (vgl. Dar-                 es sich um rechtsstaatlich relevante, politisch-wirt-
             stellung 4).                                                     schaftliche Affären (Bundesanwalt Lauber, öster­
                   Selbst bei den unterrepräsentierten Kommuni-               reichischer Vize­kanzler Strache, CS-Top-Manager
             kationsereignissen (Brand von Notre-Dame, Klima­                 Thiam und Khan), zum anderen um wirtschafts­
             bewegung, 5G-Mobilfunknetz) kommt es bei den                     politische Themen, die weniger mit einem einzelnen
             «Intensivnutzern/innen» nicht zu einer Unterver-                 Ereignis ­verknüpft sind, sondern sich als grundsätz-
8                                      Mediennutzung und persönliche Themenagenda

Kommunikationsereignis                                                       –6   –5   –4   –3    –2    –1     0     1     2     3     4     5     6

Internationale Wirtschaftspolitik zwischen Freihandel und Strafzöllen
Unternehmenskrise bei Boeing aufgrund der Flugzeugabstürze der 737 MAX
Streit zwischen den CS-Bankern Thiam und Khan, Beschattungsaffäre
Streit über den Brexit und Sieg von Boris Johnson bei den Unterhauswahlen
Bewegung der Gelbwesten in Frankreich, Streiks gegen Reformpolitik
Diskussionen über das EU-Rahmenabkommen
Politik von Donald Trump als US-Präsident
Flüchtlingskrise und Seenotrettung im Mittelmeer
Bürgerkriege und Unruhen im Nahen Osten
Rechter Terror in Deutschland: Politikermord und Anschlag auf Synagoge
Volksabstimmung zur Steuerreform und AHV-Finanzierung (STAF)
Ibiza-Affäre in Österreich, Ende der ÖVP-FPÖ-Koalition
Lancierung des 5G-Mobilfunknetzes
Kontroverse um Bundesanwalt Lauber wegen der FIFA-Ermittlungen
Greta Thunberg und die Klimabewegung «Fridays for Future»
Qualifikation der Schweizer Fussball-Nati für die Europameisterschaft 2020
Kontroverse zwischen Impfgegner/innen und Impfbefürworter/innen
Frauenstreiktag in der Schweiz
Brand der Kirche Notre-Dame in Paris
Nationalratswahlen, «Grüne Welle» im Bundeshaus

Darstellung 5: Themenagenda 2019 der «Global Surfer»

Die Darstellung zeigt standardisierte Residuen (als statistisches Mass der Abweichung vom Durchschnitt), die angeben, wie über- bzw. unterdurch-
schnittlich ein Kommunikationsereignis im Vergleich zum Gesamtsample wahrgenommen wird. Eine Abweichung von mehr als zwei Punkten verweist
auf substanzielle Unterschiede zum Gesamtsample, während geringere Abweichungen vom 0-Wert auf eine weitgehende Übereinstimmung mit dem
Gesamtsample hindeuten (Datengrundlage: Erhebung 2020, n = 924 befragte «Global Surfer» im Vergleich zu n = 3495 Befragten insgesamt).
Lesebeispiel: Internationale Wirtschaftspolitik steht beim Repertoiretyp «Global Surfer» deutlich häufiger auf der persönlichen Agenda. Dagegen sind
die Nationalratswahlen signifikant seltener vertreten als auf der Agenda der Gesamtbevölkerung.

             liche Debatten über einen längeren Zeitraum erstre-                    Es bestätigt sich die Annahme, dass «Global
             cken (EU-Rahmenabkommen, internationale Wirt-                    Surfer» kaum in die schweizerischen Debatten ein­
             schaftspolitik).                                                 gebunden sind. Ihr Fokus liegt viel stärker auf poli­
                   «Global Surfer» verfolgen ebenfalls wirtschaft-            tischen und ökonomischen Kommunikationsereig-
             liche Themen wie Freihandel und Strafzölle inten­                nissen des internationalen Geschehens.
             siver als andere. Für sie sind Internationalität bzw.                  Noch stärkere Abweichungen von der durch-
             die internationalen Beziehungen der Schweiz das                  schnittlichen Themenagenda der Bevölkerung als bei
             prägende Kennzeichnen ihrer persönlichen Themen­                 den Typen der «Intensivnutzer/innen» und «Global
             agenda. In diesem Zusammenhang werden auch                       Surfer» zeigen sich bei den «News-Deprivierten»
             Skandalisierungen, die sich auf Unternehmen bezie-               (vgl. Darstellung 6).
             hen, stark wahrgenommen. Dem gegenüber stehen                          Bei den «News-Deprivierten» bestätigt sich der
             originäre schweizerische Kommunikationsereignisse                Befund früherer Studien, dass komplexere Kommu-
             am Ende ihrer Themenagenda, z. B. die Nationalrats-              nikationsereignisse des politischen Meinungs- und
             wahlen oder der Frauenstreik (vgl. Darstellung 5).               Entscheidungsfindungsprozesses in ihrer Themen-
9                                      Mediennutzung und persönliche Themenagenda

Kommunikationsereignis                                                       –6   –5   –4   –3    –2   –1     0     1     2     3     4     5     6

Frauenstreiktag in der Schweiz
Brand der Kirche Notre-Dame in Paris
Kontroverse zwischen Impfgegner/innen und Impfbefürworter/innen
Greta Thunberg und die Klimabewegung «Fridays for Future»
Lancierung des 5G-Mobilfunknetzes
Flüchtlingskrise und Seenotrettung im Mittelmeer
Bürgerkriege und Unruhen im Nahen Osten
Bewegung der Gelbwesten in Frankreich, Streiks gegen Reformpolitik
Politik von Donald Trump als US-Präsident
Qualifikation der Schweizer Fussball-Nati für die Europameisterschaft 2020
Rechter Terror in Deutschland: Politikermord und Anschlag auf Synagoge
Unternehmenskrise bei Boeing aufgrund der Flugzeugabstürze der 737 MAX
Ibiza-Affäre in Österreich, Ende der ÖVP-FPÖ-Koalition
Nationalratswahlen, «Grüne Welle» im Bundeshaus
Streit zwischen den CS-Bankern Thiam und Khan, Beschattungsaffäre
Volksabstimmung zur Steuerreform und AHV-Finanzierung (STAF)
Kontroverse um Bundesanwalt Lauber wegen der FIFA-Ermittlungen
Streit über den Brexit und Sieg von Boris Johnson bei den Unterhauswahlen
Internationale Wirtschaftspolitik zwischen Freihandel und Strafzöllen
Diskussionen über das EU-Rahmenabkommen

Darstellung 6: Themenagenda 2019 der «News-Deprivierten»

Die Darstellung zeigt standardisierte Residuen (als statistisches Mass der Abweichung vom Durchschnitt), die angeben, wie über- bzw. unterdurch-
schnittlich ein Kommunikationsereignis im Vergleich zum Gesamtsample wahrgenommen wird. Eine Abweichung von mehr als zwei Punkten verweist
auf substanzielle Unterschiede zum Gesamtsample, während geringere Abweichungen vom 0-Wert auf eine weitgehende Übereinstimmung mit dem
Gesamtsample hindeuten (Datengrundlage: Erhebung 2020, n = 1283 befragte «News-Deprivierte» im Vergleich zu n = 3495 Befragten insgesamt).
Lesebeispiel: Der Frauenstreik steht bei den «News-Deprivierten» deutlich häufiger auf der persönlichen Agenda. Dagegen ist die Diskussion über das
EU-Rahmenabkommen signifikant seltener vertreten als auf der Agenda der Gesamtbevölkerung.

             wahrnehmung stark unterrepräsentiert sind. Wirt-                 Social Media für die Zeitspanne des Geschehens so-
             schaftspolitische Debatten überschreiten die Auf-                zusagen weltweit auf das Einzelereignis synchroni-
             merksamkeitsschwelle der «News-Deprivierten»                     siert (Global Editors Network, 2019). Der Frauen-
             ebenfalls so gut wie nie. Dafür sind andere Kommu-               streiktag und die Klimabewegung waren mir einer
             nikationsereignisse auf der Themenagenda überver-                grossen Mobilisierung verbunden, die bestimmte
             treten. Gemeinsam ist den zuvorderst platzierten                 Milieus (linksstehende und feministisch engagierte
             Kommunikationsereignissen, die besonders für die                 Personen einerseits, ökologisch bewegte Jugendliche
             «News-Deprivierten» und für keinen anderen Reper-                andererseits) politisch aktiviert haben. Ebenso lässt
             toiretyp charakteristisch sind, dass sie auf Social              sich der sechste Platz auf der Agenda, die Flücht-
             ­Media eine vergleichsweise hohe und oftmals kon­                lingskrise und die Seenotrettung im Mittelmeer, als
              troverse Resonanz ausgelöst haben. In den Vorjahren             Themenfeld interpretieren, das solidarisierende Ak-
              landeten z. B. die #MeToo-Debatte oder der Skandal              tionen hervorgebracht hat. Hier bestätigt sich der
              über Datenmissbrauch bei Facebook ganz vorne in                 Befund früherer Studien, wonach das gesellschafts-
              ­ihrer Agenda. Beim Brand von Notre-Dame waren                  politische Bild der «News-Deprivierten» stärker
10                          Mediennutzung und persönliche Themenagenda

     durch bedrohliche Themen geprägt ist (Schneider &
     Eisenegger, 2016; Schneider & Eisenegger, 2018).                                        0%     20      40        60     80     100

     Weit vorne sind auch Themen mit potenziell ver-            Intensivnutzer/innen          1                   2           3 4
     schwörungstheoretischem Charakter wie die Kon­             Global Surfer
     troverse zwischen Impfbefürwortern und -gegnern
                                                                Old World & Onlinependants
     sowie die 5G-Debatte. Allen genannten Kommunika-
                                                                Homeland Oriented
     tionsereignissen ist gemeinsam, dass sie nicht selten
                                                                News-Deprivierte
     mit problematischen Kommunikationsformen auf
     sozialen Medien einhergehen. So verbreiteten erste,        Old World Boulevard

     zeitgleich zur Brandkatastrophe von Notre-Dame             1    Hardnews: Politik               3   Softnews: Sport
     ­­gepostete Social-Media-Meldungen die falsche Be­         2    Hardnews: Wirtschaft            4   Softnews: Human Interest
     hauptung, dass ein Terrorakt stattgefunden und den
     Brand entfacht habe (persönlich.com, 2019). Der            Darstellung 7: Hardnews- und Softnews-Kommunikations­e reignisse
                                                                auf den Themenagenden der Repertoiretypen
     Frauenstreiktag, die Klimabewegung und die Seenot-
     rettung wurden online bisweilen aggressiv abwer-
                                                                Die Darstellung zeigt, welchen Gesellschaftssphären die wahrgenommenen
     tend kommentiert und Exponentinnen der Bewe-               Kommunikationsereignisse auf der persönlichen Themenagenda zuzu­
     gungen (Feministinnen im Allgemeinen oder Greta            ordnen sind (n = 41 118 Befragte in den Jahren 2009 bis 2020). Aufgrund
                                                                der Vorauswahl von 20 resonanzstarken Kommunikationsereignissen des
     Thunberg und Carola Rackete als exemplarische
                                                                jeweiligen Vorjahres ist die Varianz der Anteilswerte beschränkt. Umso
     ­Aktivistinnen) teils grob beleidigt. Zu den Kontro-       mehr sind selbst geringe Anteilsunterschiede bedeutsam und statistisch
      versen um das Impfen und die 5G-Mobilfunktechno-          signifikant.
                                                                Lesebeispiel: Die «Intensivnutzer/innen» haben auf ihrer Agenda mit 51%
      logie kursieren im Netz und auf Social Media viele
                                                                Politik- und 27% Wirtschaftskommunikationsereignissen den höchsten
      unseriöse Informationen bis hin zu kruden Ver-            Hardnews-Anteil aller Repertoiretypen.
      schwörungsnarrationen.
             Zieht man für die «News-Deprivierten» ein
      Zwischenfazit, so zeigt sich in Bezug auf die The-
      menwahrnehmung folgendes Muster: Komplexere,      agenden quantifizierend auswerten. In jährlichen
      gesellschaftspolitische Kommunikationsereignisse  Befragungswellen wurden seit 2009 inzwischen
                                                        ­
      sind unterrepräsentiert, Katastrophen und tenden­ 240 Kommunikationsereignisse erhoben. Es zeigt
      ziell bedrohliche Themen hingegen überrepräsen-   sich, dass die Unterschiede zwischen den Repertoire-
      tiert. Ebenso sind bei den Kommunikationsereignis-typen unabhängig von Geschlecht und Alter sowie
      sen, die die «News-Deprivierten» auf ihrer Agenda thematischen Interessen der Befragten signifikant
      haben, oft verschwörungstheoretische Positionen   sind.
      und stark konfrontative, bisweilen herabwürdigende      Im Hinblick auf den Hardnews- bzw. Softnews-
      Kommunikationsformen zu beobachten.               Gehalt der Themenagenden ergeben sich signifi­
             Es zeigt sich aber auch, dass es sich bei dieser
                                                        kante Unterschiede zwischen den Repertoiretypen
      Gruppe keineswegs um intentionale Newsverweige-   (vgl. Darstellung 7).
      rerinnen und -verweiger handelt. Insbesondere bei       Es erscheint plausibel, dass «Old World Boule-
      Themen, die mit gesellschaftlichen Mobilisierungs-vard» auf seiner Themenagenda den höchsten Anteil
      prozesse einhergehen und stark mit Identifikations-
                                                        an Softnews, das heisst an Sport und Human-Inte-
      figuren verknüpft sind, sind auch die «News-Depri-rest-Kommunikationsereignissen aufweist. Der reine
      vierten» stark an Informationen interessiert.     Human-Interest-Anteil ist allerdings bei den «News-
                                                        Deprivierten» am höchsten. Den Gegenpart bilden
                                                        die «Intensivnutzer/innen», die neben Politikthemen
     3.3       Charakteristika der Themenagenden        insbesondere Wirtschaftsthemen prominent auf
                                                        ihrer Agenda haben. Ähnliche Anteilsverteilungen
                                                        ­

     Ü   ber die qualitativen Fallbeispiele konkreter haben die «Global Surfer» und die «Old World &
         Kommunikationsereignisse des Jahres 2019 hin- ­Onlinependants», obwohl sie ihre News aus relativ
     ausgehend, lassen sich die persönlichen Themen­ unterschiedlichen Newsrepertoires beziehen.
11                                    Mediennutzung und persönliche Themenagenda

                              0%      20      40       60          80   100                                0%      20       40      60       80    100

Homeland Oriented               1                  2         3                Intensivnutzer/innen          1                               2        3
Old World & Onlinependants                                                    Old World & Onlinependants
Old World Boulevard                                                           Homeland Oriented
Intensivnutzer/innen                                                          Old World Boulevard
News-Deprivierte                                                              Global Surfer
Global Surfer                                                                 News-Deprivierte

1    Schweizbezug                      3   Internationaler Bezug              1    Themenfokussierung              3   Dominanter Personenfokus
2    Schweizer und internationaler Bezug                                      2    Themenfokus mit Personenthematisierung

Darstellung 8: Geografische Bezugsräume der Kommunikations­                   Darstellung 9: Personenfokussierung in den Themenagenden
ereignisse in den Themenagenden der Repertoiretypen                           der Repertoiretypen

Die Darstellung zeigt, welchen geografischen Bezugsräumen die wahr­           Die Darstellung zeigt, wie stark der Personenfokus bei den wahrgenomme-
genommenen Kommunikationsereignisse auf der persönlichen Themen­              nen Kommunikationsereignissen auf der persönlichen Themenagenda ist
agenda zuzuordnen sind (n = 41 118 Befragte in den Jahren 2009 bis 2020).     (n = 41 118 Befragte in den Jahren 2009 bis 2020). Aufgrund der Voraus-
Aufgrund der Vorauswahl von 20 resonanzstarken Kommunikationsereig-           wahl von 20 resonanzstarken Kommunikationsereignissen des jeweiligen
nissen des jeweiligen Vorjahres ist die Varianz der Anteilswerte be-          Vorjahres ist die Varianz der Anteilswerte beschränkt. Umso mehr sind
schränkt. Umso mehr sind selbst geringe Anteilsunterschiede bedeutsam         selbst geringe Anteilsunterschiede bedeutsam und statistisch signifikant.
und statistisch signifikant.                                                  Lesebeispiel: «News-Deprivierte» haben auf ihrer Agenda mit 26% den
Lesebeispiel: «Global Surfer» haben auf ihrer Agenda mit 39% den höchsten     höchsten Anteil mit Personenthematisierung und mit 4% den höchsten
Anteil mit ausschliesslich internationalem Bezug und mit 36% den gerings-     Anteil mit starkem Personenfokus.
ten Anteil mit ausschliesslichem Bezug zur Schweiz.

                Bei den geografischen Bezugsräumen unterscheiden              den Agenden aller Repertoiretypen (vgl. Darstel-
                sich die Themenagenden der «Homeland Oriented»                lung 9). Die «News-Deprivierten» und die «Global
                und der «Global Surfer» am stärksten (vgl. Dar­               Surfer», deren Newsrepertoires am stärksten digita-
                stellung 8). Wie ihre Bezeichnungen andeuten, ha-             lisiert sind, nehmen relativ oft Kommunikations-
                ben die einen stärker das regionale und nationale             ereignisse wahr, bei denen Personen im Mittelpunkt
                Geschehen vor Augen, während die anderen eher                 der News stehen. Hier schlägt sich das stark persona-
                ­internationale Ereignisse wahrnehmen. Die geogra­            lisierte Angebot der Social Media in den Themen­
                 fischen Perspektiven markieren einen Unterschied             agenden nieder.
                 zwischen Newsrepertoires der «Old World» und der                    Der qualitative Befund aus der Themenagenda
                 «New World». Die Themenagenden der traditionel-              der «News-Deprivierten» für das Jahr 2019 bestätigt
                 len Repertoiretypen, die weiterhin vor allem durch           sich durch die quantitative Auswertung der Kommu-
                 nationale Medienangebote geprägt sind, haben eher            nikationsereigniswahrnehmung der letzten zwölf
                 einen Bezug zur Schweiz. Die stark digitalisierten           Jahre. Der Anteil der Kommunikationsereignisse mit
                 Repertoiretypen, die News zunehmend über die                 einem Bewegungscharakter ist bei allen Repertoire-
                 Plattformen der internationalen Tech-Giganten                typen der «New World» eindeutig höher (vgl. Dar-
                 konsumieren, tendieren eher zu internationalen
                 ­                                                            stellung 10). Ganz besonders hoch ist er bei den
                 Kommunikationsereignissen.                                   «News-Deprivierten». Typische Themen und Ereig-
                       Die Vorauswahl der resonanzstärksten Kom-              nisse, die von ihnen in den letzten Jahren intensiv
                 munikationsereignisse eines Jahres bringt es mit             verfolgt wurden, waren neben den aktuellen Kom-
                 sich, dass vor allem Ereignisse, die sich mit Staaten,       munikationsereignissen der Klimabewegung «Fri-
                 Institutionen oder Organisationen beschäftigen, ab-          days for Future» mit Greta Thunberg als Exponentin
                 gefragt werden. Dieser hohe Anteil ohne bzw. mit             und dem Frauenstreiktag in der Schweiz 2019 die
                 geringerem Personenfokus zeigt sich folgerichtig in          #MeToo-Debatte über Sexismus in den Jahren 2017
12                                         Mediennutzung und persönliche Themenagenda

                                                                             4          Fazit
                               0%      2      4    6     8      10    12

News-Deprivierte
Global Surfer
                                1                                2
                                                                             E    ine bedeutende gesellschaftliche Konsequenz, die
                                                                                  sich aus unterschiedlichen Mediennutzungs­
                                                                             mustern ergibt, ist die Themenwahrnehmung. Diese
Intensivnutzer/innen
                                                                             Studie untersuchte die Frage, welche Themenwahr-
Homeland Oriented
                                                                             nehmungen mit unterschiedlichen Repertoiretypen
Old World & Onlinependants
                                                                             einhergehen. Mit Blick auf die Repertoires der
Old World Boulevard
                                                                             «News-Deprivierten», die durch einen unterdurch-
1    Mittel                2    Hoch                                         schnittlichen Newskonsum geprägt sind, zeigen sich
                                                                             klare Muster: Komplexere, gesellschaftspolitische
Darstellung 10: Kommunikationsereignisse mit Bewegungs­c harakter            Kommunikationsereignisse sind unterrepräsentiert,
in den Themenagenden der Repertoiretypen
                                                                             Katastrophen und tendenziell bedrohliche Themen
                                                                             hingegen überrepräsentiert. Softnews, emotionali-
Die Darstellung zeigt, wie stark bei den wahrgenommenen Kommunika­
tionsereignissen auf der persönlichen Themenagenda ein Bewegungs­
                                                                             sierte und personalisierte News erreichen diesen Re-
charakter vorhanden ist (n = 41 118 Befragte in den Jahren 2009 bis 2020).   pertoiretyp überproportional stark. Ebenso sind bei
Aufgrund der Vorauswahl von 20 resonanzstarken Kommunikations­               den Kommunikationsereignissen, die die «News-­
ereignissen des jeweiligen Vorjahres ist die Varianz der Anteilswerte
beschränkt. Umso mehr sind selbst geringe Anteilsunterschiede bedeut-
                                                                             Deprivierten» auf ihrer Agenda haben, oft verschwö-
sam und statistisch signifikant.                                             rungstheoretische Positionen und stark konfronta-
Lesebeispiel: «News-Deprivierte» haben auf ihrer Agenda mit 10,5% den        tive, bisweilen herabwürdigende Kommunikations-
höchsten Anteil von Kommunikationsereignissen mit mittlerem und hohem
Bewegungscharakter.
                                                                             formen zu beobachten. Es zeigt sich aber auch, dass
                                                                             Kommunikationsereignisse mit Bewegungscharakter
                                                                             wie die #MeToo-Debatte oder «Fridays for Future»
                                                                             von ihnen überdurchschnittlich stark beachtet wer-
                                                                             den. Sofern Themen also Bewegungscharakter haben
                                                                             oder Identifikationsmöglichkeiten eröffnen, können
                                                                             sie die «News-Deprivierten» erreichen. Dies zeigt,
                und 2018 sowie die Proteste der Occupy-Wallstreet-           dass es sich bei diesem Repertoiretyp keineswegs um
                Bewegung gegen die Banken 2011.                              intentionale Newsverweigerinnen und -verweigerer
                      Wie stark die hohe Affinität zu Kommunika­             handelt. Je nach Situation interessieren sie sich stark
                tionsereignissen mit Bewegungscharakter bei den              für gesellschaftspolitisch relevante Themen. Voraus-
                Repertoiretypen der «New World» und vor allem bei            setzung dafür ist aber, dass die Themen lebenswelt-
                den «News-Deprivierten» auf die Nutzung von So­              lich anschlussfähig sind und Identifikationspotenzial
                cial Media zurückzuführen ist, zeigt sich bei einem          bieten.
                erneuten Blick auf die Kommunikationsereignisse                     Aber auch zu anderen Repertoiretypen hat un-
                von 2019. Nutzerinnen und Nutzer mit hoher Social-­          sere Analyse wichtige Befunde zutage gefördert. Für
                Media-Intensität lassen sich anhand einer hohen An-          den Repertoiretyp der «Global Surfer» ist charakte-
                zahl von Plattformverwendungen identifizieren (vgl.          ristisch, dass er gebildet ist, berufliche Verantwor-
                Darstellung 1, Befragte mit mindestens fünf Platt-           tung trägt und in den neuen digitalen Medienwelten
                formverwendungen werden als Nutzerinnen und                  durchaus kritisch-bewusst unterwegs ist. «Global
                Nutzer mit hoher Social-Media-Intensität identifi-           Surfer» sind trotz ihrer hohen Politik- und Wirt-
                ziert). Die entsprechende Nutzergruppe umfasst               schaftsaffinität von den schweizerischen Debatten
                rund 45% der Bevölkerung. Auf der aggregierten               jedoch weitgehend abgekoppelt. Das stellt ein demo-
                Themenagenda dieser Social-Media-Nutzerinnen
                ­                                                            kratiepolitisches Problem dar, nicht nur im Hinblick
                und -Nutzer nehmen die Klimabewegung «Fridays                auf ihre mediale Informationsversorgung, sondern
                for Future» mit Greta Thunberg als Exponentin und            auch für ihre politische Einbindung.
                der Frauenstreiktag die Plätze eins und drei ein (vgl.              In der Zeitreihe über die letzten zwölf Jahre be-
                Darstellung 11).                                             stätigt sich der Trend, dass die Repertoiretypen der
13                                     Mediennutzung und persönliche Themenagenda

Kommunikationsereignis                                                       –6   –5    –4   –3    –2    –1    0    1     2     3    4    5     6

Greta Thunberg und die Klimabewegung «Fridays for Future»
Lancierung des 5G-Mobilfunknetzes
Frauenstreiktag in der Schweiz
Ibiza-Affäre in Österreich, Ende der ÖVP-FPÖ-Koalition
Bewegung der Gelbwesten in Frankreich, Streiks gegen Reformpolitik
Streit zwischen den CS-Bankern Thiam und Khan, Beschattungsaffäre
Rechter Terror in Deutschland: Politikermord und Anschlag auf Synagoge
Bürgerkriege und Unruhen im Nahen Osten
Politik von Donald Trump als US-Präsident
Kontroverse zwischen Impfgegnern und Impfbefürwortern
Kontroverse um Bundesanwalt Lauber wegen der FIFA-Ermittlungen
Qualifikation der Schweizer Fussball-Nati für die Europameisterschaft 2020
Brand der Kirche Notre-Dame in Paris
Unternehmenskrise bei Boeing aufgrund der Flugzeugabstürze der 737 MAX
Nationalratswahlen, «Grüne Welle» im Bundeshaus
Internationale Wirtschaftspolitik zwischen Freihandel und Strafzöllen
Flüchtlingskrise und Seenotrettung im Mittelmeer
Diskussionen über das EU-Rahmenabkommen
Streit über den Brexit und Sieg von Boris Johnson bei den Unterhauswahlen
Volksabstimmung zur Steuerreform und AHV-Finanzierung (STAF)

Darstellung 11: Themenagenda 2019 der Nutzerinnen und Nutzer mit hoher Social-Media-Intensität

Die Darstellung zeigt standardisierte Residuen, die angeben, wie über- bzw. unterdurchschnittlich ein Kommunikationsereignis vom Repertoiretyp im
Vergleich zum Gesamtsample wahrgenommen wird. Eine Abweichung von mehr als zwei Punkten verweist auf substanzielle Unterschiede zum Gesamt-
sample, während geringere Abweichungen vom 0-Wert auf eine weitgehende Übereinstimmung mit dem Gesamtsample hindeuten (Datengrundlage:
Erhebung 2020, n = 1590 befragte Social-Media-Nutzerinnen und -Nutzer im Vergleich zu n = 3495 Befragten insgesamt).
Lesebeispiel: Die Klimabewegung steht bei den Nutzerinnen und Nutzern mit hoher Social-Media-Intensität deutlich häufiger auf der persönlichen
Agenda. Dagegen ist die Volksabstimmung zur Steuerreform signifikant seltener vertreten als auf der Agenda der Gesamtbevölkerung.

             «Old World» abnehmen und diejenigen der «New                     nen und Mediennutzer als politisch aktive bzw. zu
             World» zunehmen. «News-Deprivierte» mit 37% und                  aktivierende Bürgerinnen und Bürger zu erreichen
             «Global Surfer» mit 26% stellen inzwischen die                   und in die öffentliche Kommunikation einzubinden.
             Mehrheit der schweizerischen Mediennutzerinnen                   Das ist für eine breite gesellschaftliche und poli­
             und -nutzer. Gerade diese beiden Repertoiretypen,                tische Partizipation und ein stabiles demokratisches
             die paradigmatisch die veränderte Mediennutzung                  System unabdingbar.
             repräsentieren, sollten von den Medienmacherinnen                        Zu diesem Zweck muss das Potenzial von Social
             und Medienmachern allein schon als ökonomisch in-                Media genutzt werden. Sie können eine wichtige
             teressante Zielgruppen angesprochen werden. Sie                  ­Rolle bei der politischen Aktivierung spielen, wie
             werden als Digital Natives und Digital Immigrants                 ­unsere Analyse der Themenagenden gezeigt hat. Sie
             traditionelle Mediennutzungsmuster weiterhin um-                   unterstützen die Integration gerade der «News-De-
             krempeln und so für Dynamik im Medienmarkt sor-                    privierten» in die gesellschaftspolitische Öffentlich-
             gen. Nicht zuletzt gilt es aber, diese Mediennutzerin-             keit, indem sie die Wahrnehmung und Artikulation
14                                      Mediennutzung und persönliche Themenagenda

             der «jungen» Themen Klimabewegung, Frauenstreik                     Social-Media-Plattformen kursieren viele unzuver-
             und #MeToo-Debatte fördern. Perspektivisch könn-                    lässige Informationen, krude Verschwörungsnarra­
             ten die digitalen Plattformen zur strukturellen Re-                 tionen erhalten Aufmerksamkeit, und kontroverse
             präsentation dieser Anliegen im politischen Prozess                 Debatten werden oft nicht verständigungsorientiert,
             beitragen. Die Social-Media-Plattformen bieten                      sondern stark konfrontativ geführt. Hier ist wieder-
             Kommunikationsräume, in denen «News-Deprivier-                      um der professionelle Journalismus gefordert, der in
             te» und «Global Surfer» unabhängig von traditionel-                 den sozialen Medien Präsenz zeigen muss. Ihm
             len Medienangeboten und abseits klassischer Partei-                 kommt eine wichtige Rolle zu, für die aufkommende
             en politisch partizipieren können.                                  «redaktionelle Gesellschaft» (Pörksen, 2018), in der
                   In der digitalen Medienwelt eröffnen sich diese               jede und jeder eine Journalistin bzw. ein Journalist
             emanzipatorischen Möglichkeiten allerdings in ei-                   ist, journalistische Standards hochzuhalten und die-
             nem Umfeld, das problematisch sein kann. Auf den                    se bei den «Laienjournalisten» zu verankern.

Literatur

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vice-versa-e82d5ee69261                                                          neller Newsmedien und die Entstehung neuer Nutzungsmuster – wie die
                                                                                 Digitalisierung Newsrepertoires verändert. In fög – Forschungsinstitut
                                                                                 Öffentlichkeit und Gesellschaft (Hg.), Jahrbuch Qualität der Medien.
Hasebrink, U. (2008). Das multiple Publikum. In B. Pörksen, W. Loosen &
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                                                                                 onal and the European Parliaments. International Journal of Communication,
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schauen: Die Newsrepertoires der Schweizerinnen und Schweizer und ihre
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schaft (Hg.), Studien Qualität der Medien 2/2016. Basel: Schwabe.
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