Wärmewende 2030 STUDIE - Schlüsseltechnologien zur Erreichung der mittel- und langfristigen Klimaschutzziele im Gebäudesektor - Agora Energiewende

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Wärmewende 2030 STUDIE - Schlüsseltechnologien zur Erreichung der mittel- und langfristigen Klimaschutzziele im Gebäudesektor - Agora Energiewende
Wärmewende 2030
Schlüsseltechnologien zur Erreichung der
­mittel- und langfristigen Klimaschutzziele im
 Gebäudesektor

STUDIE
Wärmewende 2030

IMPRESSUM

STUDIE                                             DURCHFÜHRUNG DER STUDIE

Wärmewende 2030                                    Hauptbearbeitung

Schlüsseltechnologien zur Erreichung der mittel-   Fraunhofer-Institut für Windenergie und
und langfristigen Klimaschutzziele im Gebäude­     Energiesystemtechnik (IWES)
sektor                                             Königstor 59 | 34119 Kassel

                                                   Norman Gerhardt, Fabian Sandau, Dr. Sarah
ERSTELLT IM AUFTRAG VON                            Becker, Angela Scholz

Agora Energiewende
Anna-Louisa-Karsch-Straße 2 | 10178 Berlin
                                                   Entwicklung Gebäudewärme und Einbindung
T +49 (0)30 700 14 35-000
                                                   von Wärmepumpen
F +49 (0)30 700 14 35-129
www.agora-energiewende.de                          Fraunhofer-Institut für Bauphysik (IBP)
info@agora-energiewende.de                         Gottschalkstr. 28 a | 34127 Kassel

                                                   Patrick Schumacher, Dr. Dietrich Schmidt

PROJEKTLEITUNG

Matthias Deutsch                                   DANKSAGUNG
matthias.deutsch@agora-energiewende.de             Wir danken den Teilnehmern des
                                                   Expertenworkshops für die Beiträge zur
                                                   Diskussion und den Verantwortlichen der in
                                                   dieser Analyse verglichenen Szenariostudien
                                                   für ihre Mitwirkung – darunter Vertreter des
                                                   Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme,
                                                   des Öko-Instituts und der Prognos AG. Die
                                                   Verantwortung für die Ergebnisse und
                                                   Schlussfolgerungen liegt ausschließlich bei Agora
                                                   Energiewende und Fraunhofer IWES und IBP.

                                                   Bitte zitieren als:
                                                   Fraunhofer IWES/IBP (2017): Wärmewende 2030.
Satz: UKEX GRAPHIC und Juliane Franz               Schlüsseltechnologien zur Erreichung der
Titelbild: iStock/bubutu-                          mittel- und langfristigen Klimaschutzziele im
Druck: produtur GmbH                               Gebäudesektor. Studie im Auftrag von Agora
                                                   Energiewende
107/01-S-2017/DE
Veröffentlichung: Februar 2017                     www.agora-energiewende.de
Vorwort
Liebe Leserin, lieber Leser,

der Klimaschutzplan 2050 der Bundesregierung gibt          Bauphysik (IBP) beauftragt, Mindestniveaus für
auch für den Gebäudesektor ein Klimaschutzziel vor:        Schlüsseltechnologien und -ansätze zur Dekarboni-
Dieser soll im Jahr 2030 nur noch 70 bis 72 ­Millionen     sierung zu untersuchen. Im Ergebnis zeigt sich, dass
Tonnen CO2 ausstoßen. Die Wärmewende bei Gebäu-            wir bei der energetischen Sanierung, der Markt-
den muss sich auf drei Pfeiler stützen: Energieeffizi-     durchdringung mit Wärmepumpen und dem Ausbau
enz, CO2-arme Wärmenetze und objektnahe Erneuer-           der Wärmenetze noch deutlich nachlegen müssen, um
bare Energien. Offen ist jedoch, wie groß der Beitrag      die Energiewende im Gebäudewärmesektor auf den
dieser Ansätze jeweils ausfallen sollte – gerade auch      richtigen Weg zu bringen.
mit Blick auf den Pfad in Richtung des ehrgeizigen
Klimaschutzziels 2050.                                     Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre!

Wir haben daher die Fraunhofer-Institute für Wind­         Ihr Dr. Patrick Graichen
energie und Energiesystemtechnik (IWES) und für            Direktor Agora Energiewende

  Die Ergebnisse auf einen Blick:

            Der Wärmesektor braucht den Ölausstieg: Der klimagerechte und kosteneffiziente Gebäude­
            wärmemix im Jahr 2030 enthält rund 40 Prozent Gas, 25 Prozent Wärmepumpen und 20 Pro­
            zent Wärmenetze – aber fast kein Öl. Während Gas in seiner Bedeutung damit ungefähr dem
            heutigen Niveau entspricht, sollten aus Klimaschutzsicht die Ölheizungen bis 2030 weitest-
    1       gehend durch Umweltwärme (Wärmepumpen) ersetzt werden. Wärmenetze sind ­ebenfalls
            zentral; bis zum Jahr 2030 vor allem in Verbindung mit Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen
            und zunehmend stärker mit Solarthermie, Tiefengeothermie, industrieller Abwärme und
            Großwärmepumpen.

            Effizienz entscheidet: Der klimagerechte Gebäudewärmeverbrauch im Jahr 2030 ist um ein
            ­Viertel kleiner als 2015. Energieeffizienz ist die tragende Säule der Dekarbonisierung, sie macht
    2        Klimaschutz kostengünstig. Hierfür ist eine Sanierungsrate von zwei Prozent pro Jahr ver-
             bunden mit einer großen Sanierungstiefe nötig. Die Trendentwicklung bei der energetischen
             Gebäudesanierung ist aber völlig unzureichend, um dieses Ziel zu erreichen.

            Die Wärmepumpenlücke: In Trendszenarien werden bis 2030 rund zwei Millionen Wärme­
            pumpen installiert – gebraucht werden aber bis dahin fünf bis sechs Millionen. Um dies zu
            errei­chen, sollten Wärmepumpen nicht nur in Neubauten, sondern auch in Altbauten frühzeitig
            installiert werden, zum Beispiel als bivalente Wärmepumpensysteme mit fossilen Spitzen-
    3       lastkesseln. Werden die Wärmepumpen flexibel gesteuert und ersetzt man bis 2030 die a   ­ lten
            ­Nachtspeicherheizungen durch effiziente Heizungen, führen die fünf bis sechs Millionen
             Wärmepumpen kaum zu einer Steigerung der Spitzenlast, die durch thermische Kraftwerke ge-
             deckt werden muss.

            Erneuerbarer Strom für die Wärmepumpen: Für 2030 brauchen wir ein Erneuerbare-Energien-­
            Ziel von mindestens 60 Prozent am Bruttostromverbrauch. Um das 2030-Klimaziel zu errei­
    4       chen, muss der zusätzliche Stromverbrauch, der aus dem Wärme- und Verkehrssektor kommt,
            CO2-frei gedeckt werden. Die im EEG 2017 beschlossenen Erneuerbare-Energien-Ausbau-Men-
            gen reichen hierfür aber nicht aus.

                                                                                                                 3
Agora Energiewende | Wärmewende 2030

4
Inhalt
Kurzfassung7

2   Hintergrund und methodischer Ansatz                                              21

3   Dekarbonisierungsoptionen in den Sektoren                                        25
    3.1 Gebäudewärme                                                                 25
    3.2 Industrielle Prozesswärme                                                    31
    3.3 Verkehr                                                                      32
    3.4 Strom                                                                        33

4	Szenarienvergleich: Mindestniveaus zum E
                                          ­ insatz von
   Schlüsseltechnologien im ­Gebäudewärmesektor                                      37
   4.1 Verglichene Szenarien                                                         37
   4.2 Treibhausgasemissionen                                                        38
   4.3 Gebäudewärmeverbrauch                                                         39
   4.4	Wärmenetze und Erneuerbare-­Energien-Optionen                                41
   4.5 Dezentrale Wärmepumpen                                                        42
   4.6	Stromverbrauch für Wärme­anwendungen                                         46
   4.7 Zusammenfassung                                                               47

5   Sensitivitätsrechnungen zum Energiesystem 2030                                   51
    5.1	Klimaziele für 2030 in Deutschland und Europa                               51
    5.2	Einführung und Übersicht der S­ ensitivitäten                               52
    5.3 Basisszenario (Basis KK)                                                     56
    5.4	Basisszenario mit Berücksichtigung von Brennstoffwechsel (Basis KK + Gas)   60
    5.5	Defizitvariante mit geringerer Dämmung (Dämm(-))                            63
    5.6	Defizitvariante mit weniger E-Mobilität (EMob(-))                           66
    5.7	Defizitvariante mit weniger dezentraler Flexibilität (Flex(-))              69
    5.8	Zusammenfassung: Wärmepumpen und Spitzenlast                                72

6   Kritische Weichenstellungen vor 2030                                             75
    6.1	Pfadabhängigkeiten 2030 für Gebäudewärme in Hinblick auf
          langfristige Klimaziele und offene Fragen                                  75
    6.2	Schlussfolgerungen für den ­Stromsektor                                     79

7   Anhang                                                                           83
    7.1	Vergleich zur Energieeffizienz­strategie Gebäude                            83
    7.2	Luftwärmepumpen, bivalente Wärmepumpensysteme,
         Erdwärmepumpen, Gaswärmepumpen und ­Ölheizungen                             84
    7.3	Kosten zusätzlicher Gasturbinen zur Deckung der Spitzenlast                 88
    7.4	Szenarioannahmen und Detailergebnisse zu Gebäuden                           88

Literaturverzeichnis89

                                                                                       5
Agora Energiewende | Wärmewende 2030

6
STUDIE | Wärmewende 2030

Kurzfassung

Wo müssen wir 2030 stehen, damit wir                            identifizieren. Besonders relevant sind dabei mögli-
die Energiewendeziele 2050 erreichen                            che Pfadabhängigkeiten – also die Frage, unter wel-
können?                                                         chen Bedingungen die Gesellschaft 2030 tatsächlich
                                                                noch die Wahl hat, sich für einen Pfad in Richtung
Der Weg zur Verringerung der deutschen Treibhaus­               95 Prozent Treibhausgasminderung bis 2050 zu ent-
gasemissionen um 80 bis 95 Prozent gegenüber 1990               scheiden.
ist noch lang. Dabei alleine auf das Zieljahr 2050 zu
schauen, birgt das Risiko, die notwendigen Maß-                 In einem zweiten Schritt werden Sensitivitätsrech-
nahmen auf die lange Bank zu schieben. Für die                  nungen für 2030 mit einem Energiesystem-Opti-
Zwischenetappe 2030 gab es bisher vor allem ein                 mierungsmodell durchgeführt. Auf dieser Basis wird
Gesamtminderungsziel von minus 55 Prozent Treib-                analysiert, inwieweit das Mindestziel einer Reduk­
hausgasemissionen gegenüber 1990 sowie ein Unter-               tion der Treibhausgase um 55 Prozent bis 2030 er-
ziel für den nicht vom EU-Emissionshandel abge-                 reicht werden kann, wenn Defizite bei einzelnen
deckten Bereich von minus 38 Prozent gegenüber                  Schlüsseltechnologien durch Maßnahmen in ande-
2005.1                                                          ren Bereichen kompensiert werden müssen. Aus-
                                                                gangspunkt der Betrachtung ist ein Basisszenario
Die vorliegende Analyse liefert robuste Leit­planken            mit einer Sanierungsrate von zwei Prozent bei hoher
für den Zwischenschritt 2030, um einen klareren                 Sanierungstiefe, mit sieben Millionen Elektro­autos
Rahmen für wichtige Zielgrößen entwickeln und                   und dem Einsatz von Oberleitungs-Lkws2 sowie der
rechtzeitig die notwendigen Maßnahmen mit dem                   systemdienlichen Steuerung von Wärmepumpen und
Planungshorizont 2030 anstoßen zu können. Sie fo-               Elektroautos. Die in den Sensitivitätsrechnungen
kussiert auf Mindestniveaus für die Durchdringung               ­variierten Parameter betreffen dabei die Gebäude­
von Schlüsseltechnologien an der Schnittstelle von               dämmung, die Durchdringung der Elektromobilität
Strom- und Wärmesektor, die bis 2030 erreicht wor-               sowie die Flexibilität von Wärmepumpen und Elek-
den sein müssen. Hierbei handelt es sich vor allem               tromobilität (Pkw und Lkw). Als weitere Nebenbe-
um Gebäudeeffizienz, Wärmenetze und Wärmepum-                    dingung muss im Rahmen des europäischen Kli-
pen, von denen die letzteren beiden vertieft analysiert          maschutzbeschlusses das Reduktionsziel (Basisjahr
werden.                                                          2005) von minus 38 Prozent bis 2030 für den deut-
                                                                 schen Nicht-Emissionshandels-Sektor eingehalten
Zur Bestimmung der Mindestniveaus werden in ei-                  werden, das heißt für die Bereiche dezentrale Wärme,
nem ersten Schritt wesentliche aktuelle Zielszenarien            Verkehr und Landwirtschaft.
für eine Treibhausgasminderung um 80 bis 95 Pro-
zent miteinander verglichen (Abbildung 1). Hieraus
ergeben sich Bandbreiten für die benötigte Entwick-
lung bis 2030 und 2050, die den bisher ­erwarteten
Trends gegenübergestellt werden, um Defizite zu

1   Zusätzlich liegen seit Ende 2016 die Sektorziele des Kli-   2   Elektro-Lkws (inklusive Batterie-elektrische und
    maschutzplans 2050 vor. Diese konnten in der vorliegen-         Plug-in-Hybrid-elektrische Lkws) haben dabei einen
    den Arbeit noch nicht berücksichtigt werden (Bundesre-          Anteil von 24 Prozent am Gesamtenergieverbrauch aller
    gierung 2016).                                                  Lkws.

                                                                                                                            7
Agora Energiewende | Wärmewende 2030

    Methodischer Ansatz: Szenarienvergleich und Sensitivitätsrechnungen                                                   Abbildung 1

                                       2030                    2050         Betrachtete Szenarien
                                                                            Energiereferenzprognose (Prognos et al. 2014)
                                  Trendszenarien          Trendszenarien    Projektionsbericht (UBA 2015)
       Szenarienvergleich                                                   BWP-Branchenprognose 2015 (BWP 2016)
      zur Bestimmung von
      Mindestniveaus und                                                    Klimaschutzszenarien (Öko-Institut et al. 2015)
            Defiziten               Zielszenarien *        Zielszenarien *
                                                                            Interaktion EE-Strom, Wärme, Verkehr (Fh-IWES et al. 2015)
                                   -80 % | -95 %          -80 % | -95 %
                                                                            Was kostet die Energiewende? (Fh-ISE 2015)

                                                                            Nebenbedingung
                                                                            -38 % Emissionen gegenüber 2005 für den Nicht-ETS-
                                   Zielszenario **
                                                                            Bereich (europäischer Lastenausgleich)
                                        -55 %

          Sensitivitäts­                                                    Defizite gegenüber Basis­Zielszenario
           rechnungen                                                       Dämmung: geringere Sanierungstiefe bei gleicher Sanie-
        zu Wärmepumpen               Defizite bei
                                                                                          rungsrate (2 %)
         und -netzen mit           • Dämmung
                                                                            E-Mobilität: keine Oberleitungs-Lkw bei ansonsten gleicher
       Optimierungsmodell          • E-Mobilität
                                                                                          Anzahl an Elektroautos (7 Mio.)
                                   • Flexibilität
                                                                            Flexibilität: kein systemdienlicher, sondern rein nachfrage-
                                                                                          gesteuerter Betrieb von Wärmepumpen und
                                                                                          Elektroautos

    * Treibhausgasemissionen 2050 gegenüber 1990     ** Treibhausgasemissionen insgesamt 2030 gegenüber 1990          Eigene Darstellung

Der klimaneutrale Gebäudebestand 2050                                  dustriehallen durch Einsparungen um durchschnitt-
muss auf Effizienz, objektnahe Erneuer-                                lich 40 bis 60 Prozent gesenkt werden. Noch mehr
bare Energien und dekarbonisierte Wär-                                 Gebäudeeffizienz erscheint angesichts einer Vielzahl
menetze setzen                                                         an Restriktionen schwer möglich. Für objektnahe Er-
                                                                       neuerbare Energie aus Umweltwärme, Solarthermie
Stand der politischen Diskussion im Bereich der                        und Biomasse mit ihren jeweiligen technologiespezi-
­Gebäudewärme ist die Energieeffizienzstrategie Ge-                    fischen Restriktionen werden „realistisch erschließ-
 bäude der Bundesregierung.3 In dieser werden Poten-                   bare“ Potenziale angegeben. Erweitert man diese um
 ziale und Restriktionen für Verbrauchseinsparungen                    aktuellere Potenzialschätzungen für Umweltwärme4
 und Erneuerbare Energien ausgewertet, um daraus ei-                   und den hierfür benötigten Wärmepumpenstrom, so
 nen Lösungsraum zum Erreichen eines nahezu klima-                     ergibt sich eine Bandbreite für objektnahe Wärme aus
 neutralen Gebäudebestands abzuleiten – das heißt eine                 Erneuerbaren Energien von 196 bis 447 Terawatt-
 Reduktion des nicht erneuerbaren Primärenergiebe-                     stunden pro Jahr.5 Die Differenz im Vergleich zum
 darfs bis 2050 um rund 80 Prozent gegenüber 2008.                     Wärmeverbrauch muss durch dekarbonisierte Wär-
                                                                       menetze erbracht werden. Alle drei Säulen der Treib-
Laut diesem Lösungsraum kann der Wärme-End­
energieverbrauch von Haushalten, Gewerbe und In-
                                                                       4    ifeu (2016)

                                                                       5    Solarthermie: 53 bis 69 Terawattstunden pro Jahr; Bio-
3     Die hier gemachten Aussagen beziehen sich dabei ins-                  masse: 69 bis 139 Terawattstunden pro Jahr; Umwelt-
      besondere auf das Hintergrundpapier (Prognos, ifeu,                   wärme: 58 bis 186 Terawattstunden pro Jahr. Hinzu
      IWU 2015) zur Energieeffizienzstrategie Gebäude                       kommt ein abgeschätzter Wärmepumpenstrom von 17 bis
      (BMWi 2015). Siehe dazu auch Bundesregierung (2016).                  53 Terawattstunden pro Jahr.

8
STUDIE | Wärmewende 2030

  Dekarbonisierungs-Optionen am Beispiel einer 40-prozentigen Verringerung des
  Endenergieverbrauchs an Wärme bei Gebäuden in TWh pro Jahr                                                                Abbildung 2

     TWh/Jahr
                                                                    objektnahe                        dekarbonisierte
                           Effizienz
     1.000                                                      erneuerbare Wärme                      Wärmenetze

                    869

      800                     - 40 %

      600                              521

                                                                         447                                74
      400

       200

                                                                         197

         0
                Energiever-       Energiever-                 Erneuerbare Wärme und                    Wärmenetze
                brauch 2008       brauch 2050                   Wärmepumpenstrom

  Schraffierte Flächen symbolisieren Bandbreiten der Effizienz- und Erneuerbaren-Potenziale. Ein Teil der objektnahen Erneuerbare-Wärme-
  Quellen kann auch in Form von Nahwärmenetzen zusammengefasst werden.
  Eigene Berechnung auf der Basis von Prognos, ifeu, IWU (2015); ifeu (2016) und eigenen Annahmen zum Wärmepumpenstrom

hausgasverringerung im Gebäudewärmesektor sind                           dann nicht, wenn auf eine Treibhausgasminderung um
beispielhaft anhand einer 40-prozentigen Verringe-                       95 Prozent gegenüber 2008 abgezielt werden soll.
rung des Wärmeenergieverbrauchs in Gebäuden in
Abbildung 2 dargestellt. Dabei ist eine gewisse Tren-                    Wärmenetze helfen vor allem in Ballungsräumen,
nunschärfe unvermeidlich, da ein Teil der objektna-                      wo der Einsatz dezentraler Erneuerbarer an Gren-
hen Erneuerbare-Wärme-Quellen auch in Form von                           zen stößt. Im Szenarienvergleich erscheint das Po-
Nahwärmenetzen zusammengefasst werden kann.                              tenzial des Ausbaus von (Fern-)Wärmnetzen von
                                                                         heute circa 10 Prozent6 auf etwa 23 Prozent des End­
Die Trendentwicklung bei Gebäudewär-                                     energiebedarfs bis 2050 deutlich steigerbar (Abbil-
meeffizienz und Wärmenetzen ist unzu-                                    dung 3), aber dennoch beschränkt, da der Großteil des
reichend.                                                                Wärmemarktes in allen Szenarien von dezentralen
                                                                         Heizkesseln bestimmt wird. Während bei den Mi-
Energieeffizienz ist die tragende Säule der Dekarbo-                     nus-80-Prozent-Szenarien noch größere Bandbrei-
nisierung. Der Schlüssel für das Erreichen klimapoli-                    ten für den notwendigen Wärmenetzanteil denkbar
tischer Zielpfade liegt in der Sanierung von Bestands-                   sind, werden die Spielräume in den Minus-95-Pro-
gebäuden. Die verglichenen Zielszenarien gehen fast                      zent-Szenarien erheblich kleiner: Bis 2030 muss sich
einheitlich von einem starken Rückgang des Wärme-                        der Anteil von Wärmenetzen am Endenergiebedarf der
verbrauchs um rund 40 Prozent bis 2030 und etwa                          Gebäude insbesondere dann deutlich steigern, wenn
60 Prozent bis 2050 gegenüber 2008 (temperatur-                          für 2050 eine Verringerung der Treibhausgasemissi-
bereinigt) aus. Die Trendentwicklung beim Wärme-                         onen um 95 Prozent gegenüber 1990 angestrebt wird.
verbrauch reicht hierfür nicht aus – ganz besonders
                                                                         6     ohne ländliche biogene Nahwärmenetze

                                                                                                                                           9
Agora Energiewende | Wärmewende 2030

Andernfalls erscheint der Sprung von einem niedrigen                       und sie haben ein großes Potenzial für Wärmenetze.
Niveau 2030 auf das hohe Niveau 2050 unrealistisch.                        Insbesondere wenn höhere Quelltemperaturen und
                                                                           damit eine höhere Effizienz möglich ist, ist auch eine
Für eine nachhaltige Dekarbonisierung der Wärme-                           frühere Wirtschaftlichkeit gegeben. Im Bereich der
netze sind eine starke Temperaturabsenkung und die                         Tiefengeothermie gibt es bereits heute einzelne Pro-
Einbindung von Tiefengeothermie, Großsolarthermie                          jekte, wohingegen Industrieabwärme bislang in ei-
oder/und Ab- und Umweltwärmenutzung (­Abwasser,                            nem äußerst geringen Maße genutzt wird.
Industrie, Flüsse, Klärwasser u. a.) mittels Groß-
wärmepumpen wesentlich. In den Sensitivitätsrech-                          Bis 2030 benötigt Deutschland fünf bis
nungen für 2030 ergibt sich ein Ausbaubedarf der                           sechs Millionen Wärmepumpen, um eine
Wärmenetze auf 15 bis 21 Prozent des Gebäudeend­                           Treibhausgasminderung um 55 Prozent
energieverbrauchs.7 Dabei erscheint insbesondere die                       im Jahr 2030 und mindestens 80 Prozent
Kombination mit Freiflächensolarthermie sinnvoll,                          im Jahr 2050 erreichen zu können.
was allerdings stark von den lokalen ­Gegebenheiten
abhängt. Hier besteht weiterer Forschungsbedarf.                           In allen Zielszenarien zeigt sich die dezentrale
Großwärme­pumpen sind heute schon wirtschaftlich,                          Wärmepumpe zur Gebäudeversorgung als eine
wenn Kühlung und Wärmbedarf gleichzeitig ­anfallen,                        Schlüsseltechnologie mit hoher bis sehr hoher
                                                                           Marktdurchdringung. Im Vergleich dazu treten in
                                                                           den Trendszenarien die Hemmnisse des gegenwärti-
7     Hier werden höhere Werte als im Szenarienvergleich 2030
      erreicht, da der größere Zubau an Kraft-Wärme-Kopp-
                                                                           gen regulatorischen Rahmens zutage. Damit klafft im
      lungsanlagen in Wärmenetzen dazu dient, Defizite bei                 Jahr 2030 eine Lücke von etwa drei bis vier Millionen
      einzelnen Schlüsseltechnologien zu kompensieren.                     Wärmepumpen zwischen dem Niveau der Trend­

    Szenarienvergleich: Anteil von Wärmenetzen am Endenergiebedarf der Gebäude in Prozent                                   Abbildung 3

    Anteil           2012         2013          2014                      2030                                 2050
    Wärme-
    netze [%]                                                Trend             Klimaziel *           Trend         Klimaziel *

                                                                          - 80 %        - 95 %                 - 80 %       - 95 %
           30

                                                                                                                            23,0 %
                                                                                                               20,7 %
           20
                                                                                                                            20,5 %
                                                             15,0 %       15,4 %        15,8 %

                                                                                                      11,1 %
                     9,6 %        9,8 %        10,1 %                                                          14,0 %
                                                             12,8 %                     13,0 %
           10

                                                                           9,2 %

            0

    * Das Klimaziel minus 80 Prozent umfasst auch Szenarien mit 83 und 85 Prozent Treibhausgasminderung.
    Prognos et al. (2014); Fh-ISE (2015); Fh-IWES et al. (2015); Öko-Institut et al. (2015); UBA/BMUB (2015)

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STUDIE | Wärmewende 2030

szenarien und dem benötigten Zielwert von fünf bis                           menetze zur Versorgung kleinerer Quartiere zum Bei-
sechs Millionen Wärmepumpen (Abbildung 4).8                                  spiel auf Basis von Erdsondenfeldern gedeckt werden.
                                                                             Hier sind die Übergänge zwischen dezentralen und
Der Wärmepumpenabsatz pro Jahr steigt in den                                 netzgebundenen Wärmepumpen fließend.
Trendszenarien zwar um rund 60 Prozent gegenüber
dem heutigen Stand, er müsste sich aber für die Errei-                       Angesichts der bestehenden Trägheiten und Rest-
chung der Zielszenarien im Mittel mehr als verfünf-                          riktionen für Veränderungen des Heizungsbestands
fachen. Hierbei ist deutlich zwischen Neubau- und                            kann man nicht zu einem beliebigen Zeitpunkt von
Bestandsgebäuden zu unterscheiden. Im Neubaube-                              einem 80-Prozent- auf einen 95-Prozent-Treib-
reich müssen gemäß Energieeinsparverordnung (fos-                            hausgasminderungs-Pfad umschwenken. Abbil-
sile) Primärenergieanforderungen eingehalten wer-                            dung 5 zeigt die Gelegenheitsfenster für einen Hei-
den, sodass Wärmepumpen trotz hoher Stromkosten                              zungstausch als gestrichelte Linien. Wenn keine
seit 2016 im Absatzmarkt eine wichtige Rolle spielen.                        Heizungssysteme vor Ende ihrer eigentlichen techni-
In Bestandsgebäuden beträgt der Anteil von Wärme-                            schen Lebensdauer ersetzt – und damit entwertet –
pumpen an allen Heizungssystemen derzeit dagegen                             ­werden sollen, ist ein ambitioniertes Mindestniveau
nur etwa zwei Prozent. Grundsätzlich können Teile                             an Wärmepumpen für 2030 notwendig. Im Vergleich
dieses Wärmepumpenmarktes auch durch Nahwär-                                  der beiden Beispielszenarien ISWV 83 und ISWV 95
                                                                              zeigt sich, dass für 2030 der Punkt des oberen lang-
                                                                              fristigen Szenariopfades angestrebt ­werden müsste,
8     Der Wert von fünf Millionen Wärmepumpen ergibt sich
      aus den weiter unten beschriebenen Sensitivitätsrech-
                                                                              was einem Wärmepumpenbestand von rund 8,1 Mil-
      nungen für 2030; der Wert von 6 Millionen aus dem Kli-                  lionen Anlagen entspricht. Eine analoge Betrachtung
      maschutzziel von minus 95 Prozent bis 2050.                             für die beiden Klimaschutzszenarien KSz 80 und

    Anzahl der Wärmepumpen im Szenarienvergleich in Millionen und Wärmepumpenlücke                                             Abbildung 4

       Installierte Wärmepumpen [Mio.]
       18

       16
                                                                                                                          Zielszenarien
       14                                                                                                                 -80 % bis -95 %
                                                                                                                          Treibhausgas-
        12                                                                                                                emissionen

       10

        8

        6

        4                         Wärmepumpenlücke                                                                        Trendszenarien

        2

        0
             2010      2015       2020        2025       2030        2035       2040        2045        2050

    Ein Teil der Wärmepumpen in Einzelobjekten kann auch in Form von Nahwärmenetzen zusammengefasst werden.
    BWP (2016); Prognos et al. (2014); Fh-ISE (2015); Fh-IWES et al (2015); Öko-Institut et al. (2015); UBA/BMUB (2015)

                                                                                                                                             11
Agora Energiewende | Wärmewende 2030

 Anzahl Wärmepumpen in den ISWV-Szenarien in Millionen                                                                             Abbildung 5

 Installierte Wärmepumpen [Mio.]
 20

                                                                                                                     Nur ein hohes
                                                                                                                     Wärmepumpen-Niveau
                                                                                                                     2030 hält die Option
     15                                                                                                              offen, auch 2050 ein
                                                                                                                     hohes Niveau erreichen
                                                                                                                     zu können.

  10

     5

                                                                                                                      Historisch
                                                                                                                      Klimaziel -95 % - ISWV-95

     0                                                                                                                Klimaziel -80 % - ISWV-83
          2010              2020                    2030                    2040                    2050

 Hinweis: Das entsprechende hohe Niveau in den Klimaschutzszenarien (KSz 95) liegt bei rund 6 Mio. Wärmepumpen (2030), um bis 2050
 dann rund 14 Mio. zu erreichen (Öko-Institut et al. 2015). Die gestrichelten Entwicklungspfade unterstellen, dass Heizungssysteme nicht vor
 Ende ihrer eigentlichen technischen Lebensdauer ersetzt werden. Diese beträgt bei fossilen Kesseln 25 Jahre.               Fh-IWES et al. (2015)

KSz 95 ergibt für 2030 rund 5,8 Millionen Wärme-                           Millionen Elektroautos im Jahr 2030 und einer früh-
pumpen. Insgesamt liegt also ein Mindestniveau                             zeitigen Einführung des Oberleitungs-Hybrid-Lkw.
2030, welches dem Pfad in Richtung minus 95 Pro-                           Außerdem bieten die neuen Stromverbraucher Fle-
zent Treibhausgasemissionen für 2050 offen hält, bei                       xibilität, weil Wärmepumpen mit Wärmespeichern
etwa 6 bis 8 Millionen Wärmepumpen.                                        installiert und Elektroautos systemdienlich geladen
                                                                           werden.
Die Dekarbonisierung mithilfe von
Wärmepumpen kann helfen, Defizite bei                                      Zur Einordnung der folgenden Ergebnisse ist vorab
Gebäudedämmung und Elektromobilität                                        festzuhalten, dass auch ein stärkerer Zubau an
bis 2030 zu kompensieren.                                                  Wärmepumpen Teil eines Heizungsmix ist, der sich
                                                                           vor dem Hintergrund der Dekarbonisierungsziele
Ob die Emissionsziele für 2030 von minus 55 Pro-                           dynamisch über die Zeit weiterentwickelt. Für das
zent Treibhausgasemissionen gegenüber 1990 und                             hier relevante Zieljahr 2030 werden im berechneten
minus 38 Prozent Emissionen im Nicht-ETS-Be-                               Basis­szenario neben Wärmepumpen auch weiterhin
reich gegenüber 2005 erreicht werden können, hängt                         in erheblichem Umfang dezentrale Gaskessel zuge-
von den Beiträgen der einzelnen Sektoren ab. Im                            baut, weil der Optimierungsalgorithmus nach der
Wärmebereich ist Gebäudedämmung entscheidend,                              volkswirtschaftlich kostengünstigsten Lösung unter
im Verkehrssektor Elektromobilität. In einem Basiss-                       der Restriktion des vorgegebenen Treibhausgasemis-
zenario für 2030 gehen wir von einer Steigerung der                        sionsziels sucht.9
Gebäudesanierungsrate auf zwei Prozent bei hoher
Sanierungstiefe und von einer starken Durchdrin-                           9     Details dazu finden sich im nächsten Abschnitt zum Ge-
gung der Elektromobilität aus, das heißt von sieben                              bäudewärmemix 2030.

12
STUDIE | Wärmewende 2030

In der Basisrechnung („Basis KK“) werden 2030                           gesetzt sind, schränken das verfügbare CO2-Budget,
knapp vier Millionen installierte Wärmepumpen                           insbesondere im Nicht-ETS-Bereich, ein, während
benötigt, um die Emissionsziele zu erreichen (Ab-                       eine höhere Wärmenachfrage durch Zubau zu decken
bildung 6). Unterstellt man eine geringere Sanie-                       ist. Durch diesen Druck werden zum einen verstärkt
rungstiefe („Dämm(-)“), steigt der Wärmeverbrauch.                      Fern­wärmelösungen eingesetzt, die die Emissionen
Die Dekarbonisierung der dezentralen Wärme-                             aus dem Nicht-ETS-Bereich der dezentralen Anla-
versorgung ist in diesem Szenario eine besondere                        gen in den ETS-Bereich verschieben, zum anderen
­Herausforderung: Bestandskessel, deren Emissionen                      wird stärker über Wärmepumpen dekarbonisiert.

 Sensitivitätsrechnung mit Anzahl installierter Wärmepumpen in 2030 und Leistung
 und Energie für Wärmepumpen*                                                                                               Abbildung 6

                         Anzahl Wärmepumpen [Mio.]

                         6

                                                                                                      5,0
                           5
                                                                                4,3
                                      3,9
                         4
                                                             3,6

                           3                                                                                            2,9

                           2

                           1

                         0
                                   Basis KK           Basis KK+Gas             Dämm-                EMob-              Flex-

                                                                     Bestand           Neubau

                                            Basisszenarien                                        Sensitivitäten
    Varianten 2030                 Basis KK           Basis KK+Gas             Dämm­                  EMob­                 Flex­
                                                    Kohlekonsenspfad                                                Keine dezentrale
                               Kohlekonsenspfad
                                                    + Brennstoffwech-   geringerer Dämm-        Geringerer Anteil   Flexibilität bei
    Annahmen                   (18,5 GW Kohle-
                                                    sel von Kohle auf   standard                von E-Mobilität     Wärmepumpen und
                               Kraftwerke)
                                                    Gas                                                             Elektroautos**
    Höchste abgerufene
    Leistung durch                    17                      11                 20                     21                   10
    Wärmepumpen [GW]
    Verbrauchte Energie-
    menge durch Wärme-                36                      22                 42                     43                   16
    pumpen [TWh]

 * Wärmepumpen beinhalten Erdwärmepumpen, monovalente und bivalente Luftwärmepumpen
 ** Elektroautos werden nicht netzdienlich geladen, Oberleitungs-Hybrid-Lkw können nicht auf Hybridbetrieb umschalten und
    Wärmepumpen werden ohne Wärmespeicher installiert

                                                                                                                                       13
Agora Energiewende | Wärmewende 2030

I­ nsbesondere wird dies durch bivalente Luftwärme-     Insgesamt zeigen die Sensitivitätsrechnungen, ­unter
 pumpen (in Kombination mit Gasspitzenlastkesseln)      welchen Bedingungen die Klimaziele 2030 noch er-
 erreicht. Die Zahl der Wärmepumpen steigt damit auf    reicht werden können. Vor dem Hintergrund einer
 über vier Millionen. Im Ausgleich dazu sinkt die An-   unsicheren weiteren Entwicklung bei der Gebäude­
 zahl der neu installierten Gaskessel.                  dämmung und der Elektromobilität sollte auf ein
                                                        robustes Mindestniveau an Wärmepumpen für das
Bei einer geringeren Durchdringung an Elektromo-        Jahr 2030 abgezielt werden, mit dem auch mögliche
bilität („EMob(-)“) wird das CO2-Budget im Nicht-       Defizite in den beiden genannten anderen Bereichen
ETS-Bereich noch stärker eingeschränkt. Im Ergeb-       kompensiert werden können. Ein solches Niveau liegt
nis muss bei der Wärmeversorgung von Gebäuden           bei fünf Millionen Wärmepumpen.
noch stärker dekarbonisiert werden: Gaskessel wer-
den deutlich weniger zugebaut, dafür kommen mehr        Der klimagerechte Gebäudewärmemix
Fernwärme und mehr und effizientere Wärmepum-           im Jahr 2030 besteht aus rund 40 Pro-
pen zum Einsatz (das heißt, der Anteil der Erdwärme-    zent Gas, 25 Prozent Wärmepumpen und
pumpen erhöht sich). Die Zahl der Wärmepumpen           20 Prozent Wärmenetzen.
steigt auf fünf Millionen im Jahr 2030, um die Ein-
haltung des Nicht-ETS-Ziels zu gewährleisten.           Eine klimagerechte Deckung des nach den Effizi-
                                                        enzmaßnahmen im Jahr 2030 noch verbleibenden
Bei fehlender Flexibilität („Flex(-)“) von Wärme-       Gebäudewärmeverbrauchs von Haushalten und Ge-
pumpen und Elektroautos verringert sich die Zahl        werbe in Höhe von 547 Terawattstunden wird durch
der Wärmepumpen auf knapp drei Millionen. Da-           einen Mix aus Gas, Wärmepumpen und Fern- und
mit weicht das Optimierungsmodell diesen unflexi-       Nahwärme bereitgestellt.
blen Verbrauchern aus. Stattdessen verschieben die
im Modell neu zugebauten Fernwärmelösungen die          Aus der Berechnung der Sensitivität EMob(-) mit
Emissionen aus dem Nicht-ETS- in den ETS-Bereich,       fünf Millionen Wärmepumpen für 2030 ergeben
wo sie durch einen verstärkten Einsatz von Gaskraft-    sich dabei folgende Anteile am Wärmeverbrauch
werken leichter kompensiert werden können. Diese        (Abbildung 7): 40 Prozent Gaskessel, von denen
kurzfristige Kostenoptimierung zahlt sich aber lang-    knapp die Hälfte bis 2030 neu zugebaut werden;
fristig nicht aus, wenn noch ambitioniertere Emissi-    22 Prozent Wärmepumpen, darunter mehr als die
onsziele erreicht werden sollen und die Elektrifizie-   Hälfte Erdwärmepumpen und knapp ein Drittel bi-
rung dieser Verbraucher unerlässlich wird. Auf lange    valente Luftwärmepumpen, die in Kombination mit
Sicht ist die Flexibilität neuer Stromverbraucher wie   Gaskesseln betrieben werden10; 20 Prozent Fernwär-
Wärmepumpen oder Elektromobilität wesentlich, um        menetze, 10 Prozent Biomasse inklusive biogener
fluktuierende Erneuerbare Energien effizient einzu-     Nahwärme­netze sowie 8 Prozent Ölkessel. Gegen-
binden. Flexibilität und die Nutzung von bivalenten     über der Ausgangsverteilung von 2015 mit einem
Wärmepumpensystemen und Oberleitungs-Lkws               gesamten Wärmeverbrauch von rund 730 Terawatt-
können beide helfen, die Höchstlast zu reduzieren.      stunden ergeben sich die größten prozentualen Ver-
                                                        änderungen bei Ölheizungen, welche die höchsten
Durch Wärmepumpen kommt es grundsätzlich zu ei-         spezifischen CO2-Emissionen aufweisen. Der Ölan-
ner Erhöhung der Spitzenlast. In den hier betrachte-    teil fällt von 25 Prozent (2015) auf 8 Prozent (2030).
ten Sensitivitäten liegt die höchste abgerufene Leis-
tung der Wärmpumpen bei 10 bis 21 Gigawatt.
                                                        10 Komplettlösungen mit beiden Wärmerzeugern sind auch
                                                           als sogenannte Hybridwärmepumpen erhältlich (BDH
                                                           2014).

14
STUDIE | Wärmewende 2030

 Gebäudewärme-Mix 2015 und 2030 mit zwei verschiedenen Ambitionsniveaus für
 Wärmepumpen als Anteile am Wärmeverbrauch in Prozent                                                                            Abbildung 7

                                                                                          2030
                   2015                                                                  2030

                                                                 Mindestniveau:                        höhere Ambitionsniveau:
                                                             5 Mio. Wärmepumpen *                      6 Mio. Wärmepumpen **

                                                                 Biomasse                                           Biomasse
                                                                (inkl. KWK)                                        (inkl. KWK)
                                                                    10 %                               Ölkessel        10 %
                                                  Ölkessel                     Wärmenetze
                              Ölkessel                                                                   6%                        Wärmenetze
                                                    8%                        (ohne biogene
                                25 %                                            Nahwärme-                                         (ohne biogene
  Gas-                                                                                                                              Nahwärme-
 kessel                                                                           netze)
                                                                                   20 %                                               netze)
  45 %                                                                                                                                 20 %
                                                                                               Gas-
                   730                                           547                                               547
                                                                                              kessel
                   TWh                                           TWh                                               TWh
                                                                                               38 %

                                 Biomasse +
                                  sonstiges                                     Wärme-
                                    20 %           Gas-                         pumpen
          Wärme-                                  kessel                          22 %                                           Wärme-
                     Wärme-
          pumpen                                   40 %                                                                          pumpen
                      netze
            1%                                                                                                                     26 %
                       9%

 * Heizungssystem-Anteile gemäß der Sensitivität EMob(-)
 ** Extrapolation von EMob(-) : Die Energiemenge von einer Million zusätzlicher Wärmepumpen (24 TWh)
    wird bei konstantem Gesamtwärmeverbrauch zu gleichen Teilen von Gas- und Ölkesseln abgezogen.
 BMWi 2016 (für 2015); eigene Berechnungen (für 2030)

Die CO2-­ärmeren Gasheizungen verlieren im glei-                         Für 2030 brauchen wir ein Erneuerbaren-­
chen Zeitraum nur fünf Prozentpunkte. Die größten                        Ziel von mindestens 60 Prozent am
Zuwächse verzeichnen dagegen Wärmepumpen und                             Bruttostromverbrauch.
Wärmenetze.
                                                                         In der hier durchgeführten Modellierung wurden
Wird ein höheres Ambitionsniveau mit sechs Millio-                       zwei Restriktionen für Deutschland im Jahr 2030
nen Wärmepumpen für 2030 angestrebt, welches den                         berücksichtigt: das Treibhausgasminderungsziel von
Pfad in Richtung minus 95 Prozent Treibhausgase-                         insgesamt minus 55 Prozent gegenüber 1990 und das
missionen für 2050 offen hält, kommt es zu weite-                        Reduktionsziel im Rahmen des europäischen Klima-
ren Verschiebungen im Gebäudewärmemix, die hier                          schutzbeschlusses von minus 38 Prozent (Basisjahr
nur mit einer Extrapolation bei gleichbleibendem                         2005) für den deutschen Nicht-Emissions­handels-
Gesamtwärmeverbrauch illustriert werden. Zieht                           Sektor. Daneben gibt es weitere Eingangsgrößen, die
man die zusätzlichen Wärmepumpen-Energiemen-                             einen relevanten Einfluss auf das Ergebnis für 2030
gen zu gleichen Teilen von Öl und Gas ab, ergibt sich                    haben. Hierzu zählen auf der Erzeugungsseite ins-
die rechte Verteilung in Abbildung 7, mit 6 Prozent                      besondere Vorgaben zur Kohlekraftwerksleistung11,
Ölkesseln, 38 Prozent Gaskesseln sowie 26 Prozent                        die angenommenen Brennstoffpreise und Erneuer-
Wärmepumpen.                                                             bare-Energien-Kosten. Nachfrageseitig geht es vor
                                                                         allem um den Nettostromexport von 32 Terawatt­

                                                                         11   auf Basis des von Agora Energiewende vorgeschlagenen
                                                                              Kohlekonsenspfades.

                                                                                                                                             15
Agora Energiewende | Wärmewende 2030

     Erneuerbare Energien-Anteil am Bruttostromverbrauch in Prozent                                              Abbildung 8

     Erneuerbare-Energien-Anteil
     am Bruttostromverbrauch [%]
     80

                     Für 2030 brauchen wir                                                                    kostenoptimaler
                                                                                         60 %                 Erneuerbare-
     60              ein Erneuerbaren-Ziel
                     von mindestens 60 % am                                                                   Energien-Anteil
                     Bruttostromverbrauch.                                                                    zur Klimaziel-
                                                                                         55 %                 erreichung 2030 *
                                                          45 %

     40                                                                                                       Ziele gemäß
                                                         40 %                                                 EEG 2017

                              32 %

     20                                                                                                       Erneuerbare-
                                                                                                              Energien-Anteil
                                                                                                              am Bruttostrom-
                                                                                                              verbrauch

      0
          2010                          2020                           2030                           2040

     * -55 % Treibhausgasemissionen insgesamt gegenüber 1990 und -38 % im Nicht-ETS-Bereich gegenüber 2005.   Eigene Darstellung

stunden12 sowie neue Stromverbraucher in den Sek-                        Kosten zu erfüllen. Daher sollte der EEG-Zielkorridor
toren Wärme und Verkehr mit den oben genannten                           entsprechend auf mindestens 60 Prozent bis zum Jahr
Annahmen zur Gebäudeeffizienz und Elektromobilität.                      2030 angehoben werden.

Um die auferlegte Emissionsbeschränkung einzuhal-                        Wärmepumpe oder grünes Gas?
ten, können im Modell verschiedene Dekarbonisie-
rungsoptionen genutzt werden, wie der Zubau von                          Die in dieser Analyse verglichenen Energiesystem-
Gaskraftwerken und Erneuerbaren Energien. Ausge-                         zielszenarien und Sensitivitätsrechnungen mit einem
hend von diesen Optionen wird der günstigste Mix                         Optimierungsmodell kommen übereinstimmend zu
ermittelt. Aus den Sensitivitätsrechnungen für 2030                      dem Ergebnis, dass Wärmepumpen in Zukunft eine
ergibt sich damit unter den dargestellten Annahmen                       wichtige Rolle bei der Wärmebereitstellung für Ge-
ein kostenoptimaler Erneuerbare-Energien-Anteil                          bäude einnehmen sollten. Gleichzeitig gibt es in der
am Bruttostromverbrauch im Bereich von knapp 58                          energiepolitischen Diskussion Stimmen, die diese
bis 62 Prozent (Abbildung 8).                                            Schlussfolgerung infrage stellen. Ein häufig vorge-
                                                                         brachtes Gegenargument ist, dass ein rascher und
Im Ergebnis zeigt sich, dass der aktuelle Erneuerbare-­                  breiter Einbau moderner Gasbrennwertkessel schnel-
Energien-Korridor – von 40 bis 45 Prozent bis 2025                       ler und günstiger CO2-Emissionen reduzieren würde.
und 55 bis 60 Prozent bis 2035 – nicht ausreicht, um                     Angesichts dieser Kontroverse sollen hier noch ein-
die übergeordneten Klimaschutzziele zu minimalen                         mal die wichtigsten Herausforderungen für Wärme-
                                                                         pumpen benannt und insbesondere im Zusammen-
12     Dieser ergibt sich aus der europäischen Strommarktsimu-
       lation für 2030.

16
STUDIE | Wärmewende 2030

hang mit der Alternative Gas verglichen werden.13                Wärme übrigbleiben.17 Zwischen den Wärmeausbeu-
Kriterien für den Vergleich sind Treibhausgasemis-               ten beider Anwendungen liegt also ein Faktor von
sionen, Energieeffizienz und Auswirkungen auf die                rund 4 bis 19. Natürlich bietet Power-to-Gas dabei
Spitzenlast.                                                     zusätzlich den Vorteil der langfristigen Speicherbar-
                                                                 keit.18 Aber selbst wenn man bei der Wärmepumpe
Während die Treibhausgasemissionen eines aus-                    die Verluste eines saisonalen Wärmespeichers hinzu-
schließlich mit fossilem Gas betriebenen Heizkessels             addiert, ändert sich diese Betrachtung nicht wesent-
über die Zeit gleich bleiben, verringert sich die heute          lich.19 Damit ist die Nutzung von Strom in Wärme-
schon geringe Emissionsintensität von Wärmepum-                  pumpen der Nutzung über Power-to-Gas aus Sicht
pen mit zunehmendem Erneuerbare-Energien-Anteil                  der Energieeffizienz grundsätzlich klar überlegen.
an der Stromerzeugung weiter. Für einen zukünftigen
Mehrverbrauch an Strom durch neue Wärmeanwen-                    Eine wichtige Herausforderung beim gleichzeitigen
dungen muss dann auch ein zusätzlicher Ausbau an                 Betrieb einer großen Anzahl von Wärmepumpen (und
Erneuerbaren Energien erfolgen.14 Will Gas hier mit-             zukünftig auch Elektroautos) stellt die Erhöhung der
halten, muss es mit steigendem Dekarbonisierungs-                Spitzenlast dar. In einem Stromsystem mit weiter
druck auch zunehmend selbst „grün“15 werden. Und                 steigenden Anteilen aus Windkraft und Photovol-
bei begrenzten Biomassepotenzialen16 wird Erdgas                 taik kann es Zeiten mit größerer und mit kleinerer
nur mithilfe von Power-to-Gas weitreichend dekar-                Erzeugung aus Erneuerbaren Energien geben – ­wobei
bonisieren können. Damit geht es in der Konsequenz               die Erzeugung aus Windkraftanlagen grundsätz-
um den konkurrierenden Einsatz von erneuerbar er-                lich besser zur Stromnachfrage für Wärmepumpen
zeugtem Strom für zwei verschiedene Anwendungen:                 in der Heizperiode passt. Diese fluktuierende Er-
Wärmepumpen und Power-to-Gas.                                    zeugung beinhaltet insbesondere auch Perioden mit
                                                                 wenig Sonnenenergie und gleichzeitig wenig Wind
Angesichts langfristig begrenzter Flächenpotenziale              (Dunkelflaute). Zusätzlich können auch noch beson-
Erneuerbarer Energien in Deutschland und abseh-                  ders niedrige Temperaturen auftreten mit besonders
baren Akzeptanzproblemen wird es darum gehen,                    hohem Heizbedarf und besonders geringer Effizienz
bei der Nutzung einer Kilowattstunde Erneuerba-                  von Wärmepumpen. In der hier durchgeführten Mo-
re-Energien-Strom auf eine möglichst hohe Energie­               dellierung wurden diese Zusammenhänge so gut wie
effizienz zu achten. Während Wärmepumpen über                    möglich abgebildet, um den Einfluss auf die Spitzen-
die Nutzung von Umweltwärme aus einer Kilo-                      last zu bestimmen: Für das repräsentative Wetterjahr
wattstunde Strom rund 3 bis 4,5 Kilowattstunden                  2006 wurde in stündlicher Auflösung fluktuierende
Heizwärme erzeugen, macht Power-to-Gas aufgrund                  Erneuerbaren-Erzeugung simuliert, zusammen mit
von Umwandlungsverlusten das Gegenteil und re-                   dynamischen, außentemperaturabhängigen Wärme-
duziert die eingesetzte Kilowattstunde Strom grund-              pumpenwirkungsgraden, die sich nach Technologien
sätzlich, sodass dann 0,24 bis 0,84 Kilowattstunden              und Gebäudetypen unterscheiden.

                                                                 17   FENES et al. (2015, Tab. A 2.5.1). Abwärmenutzung in de-
13   Weitere technische Details finden sich in Kapitel 6.1 und
                                                                      zentralen Power-to-Gas-Anlagen kann dabei helfen, die
     im Anhang 7.2.
                                                                      Ausbeute zu verbessern (dena 2016).
14   Eine weitergehende Diskussion zur Emissionsintensität
                                                                 18 Eine Eigenschaft, die Power-to-Gas als Langzeitspeicher
     des Wärmepumpenstroms findet sich in Kapitel 3.4.
                                                                    für ein Stromsystem mit hohen Anteilen Erneuerbarer
15   BDEW et al. (2016)                                             Energien sehr wichtig macht (FENES et al. 2014).

16 Vgl. Kapitel 3.1 und Fh-IWES (2015a).                         19 Prognos, ifeu, IWU (2015, Tab. 3-6)

                                                                                                                             17
Agora Energiewende | Wärmewende 2030

Hinsichtlich einer Erhöhung der Spitzenlast ist zu               im Vergleich zu anderen möglichen Dekarbonisie-
unterscheiden zwischen Fragen der Versorgungs­                   rungsoptionen vernachlässigbar sind.21
sicherheit – das heißt der Leistungsvorhaltung für die
kritischste Stunde im Jahr – und der Stromerzeugung         Das Problem der Wärmepumpenspitzenlast ist also
aus thermischen Kraftwerken über längere Zeit-              beherrschbar. Im Gegensatz dazu taucht ein solches
räume, zum Beispiel während einer Dunkelflaute. In          Problem bei Gas nicht auf, da die Gasinfrastruktur für
diesem Zusammenhang müssen drei relevante Fälle             solche Heizlasten ausreichend dimensioniert ist.
betrachtet werden:
1. Bis zum Jahr 2030 dürfte die Zunahme des Leis-           Die wohl größte Herausforderung für Wärmepumpen
   tungsbedarfs durch Wärmepumpen verkraft-                 besteht in der Notwendigkeit einer hinreichenden
   bar sein, wie die obigen Sensitivitätsrechnungen         Gebäudeeffizienz. Damit hängt ihre Durchsetzung
   zeigen. Zwar benötigen diese bis zu 21 Gigawatt          wesentlich an der Absenkung des Gebäudewärme-
   zusätzliche Spitzenleistung. Aber angesichts der         bedarfs vor allem in Bestandsgebäuden, welcher in
   heute circa 35 Gigawatt benötigten Leistung für          den hier durchgeführten Berechnungen per Annahme
   Direktstrom (insbesondere Durchlauferhitzer und          vorgegeben wurde. In den Sensitivitätsrechnungen
   Nachtspeicherheizungen) kann ein Austausch               werden beispielsweise eine Steigerung der Sanie-
   von Nachtspeicherheizungen durch Wärmepum-               rungsrate auf zwei Prozent und eine hohe Sanie-
   pen oder effiziente Gaskessel die Integration einer      rungstiefe unterstellt. Wird eine solche Verbrauchs-
   zunehmenden Zahl von Wärmepumpen in das                  reduktion in der Realität nicht erreicht, sind die
   Stromsystem ermöglichen.                                 technischen Voraussetzungen für den massiven Aus-
2. Im Jahr 2050 hängt die Deckung der Spitzenlast           bau an Wärmepumpen nicht hinreichend gegeben.
   vor allem von den Treibhausgasminderungszielen           Andererseits ist bei alten Bestandsgebäuden nicht
   und dem damit noch bestehenden Emissionsbudget           zwingend sofort eine Vollsanierung notwendig, um
   ab. Bei einem Emissionsziel von minus 80 Prozent         Wärmepumpen zu ermöglichen. Schon eine Erneue-
   bis 2050 darf der Stromsektor noch weiter (kleine        rung von Fenstern und Dach kann viel erreichen. Und
   Mengen) CO2 emittieren, sodass die Spitzenlast           auch Fußbodenheizungen sind entbehrlich, wenn
   relativ kostengünstig durch zusätzliche erdgasbe-        stattdessen Niedertemperaturradiatoren eingebaut
   triebene Gasturbinen gedeckt werden kann.20              werden, die im Vergleich nur unwesentlich schlech-
3. Bei einem ambitionierten Klimaschutzziel von             tere Ergebnisse erzielen. Außerdem können bivalente
   minus 95 Prozent darf der Stromsektor im Jahr            Luftwärmepumpen in Kombination mit Gas- oder
   2050 dagegen überhaupt kein CO2 mehr emittieren,         Ölkesseln für besonders kalte Stunden eine Brü-
   weil das verbleibende Emissionsbudget den nur            ckentechnologie darstellen, um der Herausforderung
   schwer zu dekarbonisierenden nicht energetischen
   Emissionen vorbehalten bleiben muss. Zur Siche-          21    Die Power-to-Gas-Rückverstromung in einem Gas-und-
   rung der Spitzenlast muss dann beim Betrieb der                Dampf-Kraftwerk macht aus einer Kilowattstunde Strom
   Gaskraftwerke auf Power-to-Gas zurückgegriffen                 nur noch 0,3 bis 0,38 Kilowattstunden Strom (FENES et
                                                                  al. 2015, Tab. A 2.5.1). Aus diesem Strom wird danach mit
   werden. Aufgrund der hohen Power-to-Gas-Um-
                                                                  Wärmepumpen unter Verwendung von Umweltwärme
   wandlungsverluste ist diese Form der Leistungs-                allerdings wieder eine größere Heizwärme erzeugt. Nur in
   sicherung teurer als im Fall von fossilem Gas.                 den wenigen Stunden, in denen bei Temperaturen unter
   Trotzdem gilt auch hier, dass aufgrund der weni-               null Grad Celsius der Wirkungsgrad der Luftwärmepumpe
                                                                  (COP) unter 2,5 fällt und gleichzeitig keine Erneuerbaren
   gen relevanten Stunden im Jahr diese Zusatzkosten
                                                                  Energien einspeisen, verschlechtert sich die Effizienz
                                                                  der Power-to-Gas-Rückverstromung mit Wärmepum-
20 siehe Anhang 7.3 zur Illustration der Zusatzkosten von         pe gegenüber einer Kombination von Power-to-Gas mit
   Gasturbinen im Vergleich zu Wärmepumpen                        Brennwertkessel.

18
STUDIE | Wärmewende 2030

i­ terativer Sanierung zu begegnen. Zur Vermeidung       Pfad zum Erreichen der Klimaziele 2050 lässt sich
 von Lock-in-Effekten müsste in der Anlagenausle-        damit allein aber nicht geben. Wenn grünes Gas eine
 gung dabei gewährleistet werden, dass die Leistung      Rolle im dekarbonisierten Gebäudesektor haben wird,
 der Wärmpumpe ausreicht, um das Gebäude nach            dann gegebenenfalls aufgrund von Konsumenten-
 umfassender Gebäudesanierung alleine zu versorgen.      präferenzen: Wenn ein Teil der Bürger es präferieren,
 Zudem existieren weitere innovative Wärmepum-           ihre Häuser weiterhin mit Gas zu beheizen anstatt zu
 pentechnologien wie zum Beispiel Kombinationen          sanieren beziehungsweise eine Wärmepumpe einzu-
 von Eisspeichern mit Solarabsorbern oder hocheffi-      bauen, dann sollte dies möglich sein – das Gas müsste
 ziente Direktverdampfer.22 Es gibt also unterschied-    dann nur, analog zum Strom, stetig grüner werden
 liche Möglichkeiten, um Bestandsgebäude wärme-          und würde dementsprechend teurer.
 pumpenkompatibel zu machen.
                                                         Instrumentell kann Gas auf zwei Wegen grün ge-
Nicht untersucht wurden im Rahmen dieses Projek-         macht werden:
tes mögliche Verteilnetz-Implikationen bei hoher         (1) durch sich immer weiter verschärfende CO2-
Gleichzeitigkeit im Einsatz von Wärmepumpen. Hier           Benchmarks beziehungsweise entsprechende Pri-
können weitere Kosten anfallen, die im Rahmen der           märenergiefaktoren als notwendige Anforderun-
hier durchgeführten Modellierung nicht erfasst wur-         gen an Heizungssysteme und/oder
den. Andererseits steht der Ausbau der Stromverteil-     (2) durch eine Pflicht zur Beimischung von zuneh-
netze ohnehin an und dürfte auch mit Verweis auf die        mend mehr CO2-neutralem Gas mithilfe von be-
als Alternative bereits existierenden Gasverteilnetze       grenzt vorhandener Biomasse und mittels Power-­
kaum zur Disposition stehen.23                              to-Gas.

Insgesamt erscheint der stark zunehmende Einsatz         Damit stellt sich für zukünftige Arbeiten die Frage,
von Wärmepumpen im Gebäudewärmesektor für das            welcher Entwicklungspfad für den Großteil der Be-
Energiesystem treibhausgasmindernd, energieeffi-         standsgebäude langfristig günstiger ist: in Rich-
zient und hinsichtlich der Spitzenlast beherrschbar.     tung Wärmepumpen oder in Richtung zunehmend
Seine Achillesferse ist, dass für alte Bestandsgebäude   grünem Gas. Und da die Konkurrenz um Flächen
ein Mindestmaß an energetischer Modernisierung           für Erneuerbare-Energien-Strom in Deutschland
benötigt wird – was beim alternativen Betrieb von        groß ist, wird die Antwort auf diese Frage maßgeb-
Gasheizkesseln mit fossilem Erdgas zunächst ent-         lich davon abhängen, zu welchen Kosten zukünf-
fallen kann. Allerdings muss auch der Energieträger      tig Power-to-Gas-Produkte wie Wasserstoff und
Gas einen Beitrag zur Dekarbonisierung liefern und       synthetisches Erdgas im Ausland erzeugt und nach
über die Zeit zunehmend grüner werden. Damit stei-       Deutschland importiert werden können. Zudem wird
gen die Kosten von Gas, sodass es sich immer mehr        entscheidend sein, mit welchen weiteren Power-­
lohnen wird, auch gasbeheizte Gebäude hinreichend        to-Gas-Nachfragern in Verkehr und Industrie der
zu dämmen. Langfristig erscheint grünes Gas im Be-       Gebäudewärmesektor dann konkurrieren muss, in-
stand ganz ohne Sanierung aus Kostensicht wenig          soweit diese noch schlechter elektrifiziert werden
plausibel. Hinsichtlich der Anforderungen an die Ge-     können als die Gebäudewärme – oder teilweise gar
bäudehülle mögen die ersten Schritte auf dem Weg         nicht. Diese Fragen sollen in künftigen Studien ge-
der Dekarbonisierung mit Gas also etwas einfacher        nauer untersucht werden.
ausfallen. Eine Garantie für den kostengünstigeren

22   siehe Kapitel 6.1 und Anhang 7.2 für Details

23   E-Bridget et al. (2014)

                                                                                                           19
Agora Energiewende | Wärmewende 2030

20
STUDIE | Wärmewende 2030

2          Hintergrund und methodischer Ansatz

Der Weg zur Verringerung der deutschen Treib-             zent Treibhausgasminderung bis 2050 zu entschei-
hausgasemissionen um 80 bis 95 Prozent gegen-             den. Denn eine solche Entscheidung dürfte effektiv
über 1990 ist noch lang. Dabei alleine auf das Zieljahr   nur dann möglich sein, wenn die Marktentwicklung
2050 zu schauen, birgt das Risiko, die notwendigen        bei Schlüsseltechnologien bis 2030 ausreichend ver-
Maßnahmen auf die lange Bank zu schieben. Für die         läuft.
Zwischenetappe 2030 gab es bisher vor allem ein
Gesamtminderungsziel von minus 55 Prozent Treib-          In einem zweiten Schritt werden Sensitivitätsrech-
hausgasemissionen gegenüber 1990 sowie ein Unter-         nungen für 2030 mit einem Energiesystem-Optimie­
ziel für den nicht vom EU-Emissionshandel abge-           rungsmodell durchgeführt. Auf dieser Basis wird
deckten Bereich von minus 38 Prozent gegenüber            analysiert, inwieweit das Mindestziel einer Reduk­
2005.24                                                   tion der Treibhausgase um 55 Prozent bis 2030 er-
                                                          reicht werden kann, wenn Defizite bei einzelnen
Die vorliegende Analyse liefert robuste Leitplanken       Schlüsseltechnologien durch Maßnahmen in ande-
für den Zwischenschritt 2030, um einen klareren           ren Bereichen kompensiert werden müssen. Aus-
Planungsrahmen für wichtige Zielgrößen entwickeln         gangspunkt der Betrachtung ist ein Basisszenario
und rechtzeitig die notwendigen Maßnahmen mit             mit einer Sanierungsrate von zwei Prozent bei hoher
dem Planungshorizont 2030 anstoßen zu können. Sie         Sanierungstiefe, mit sieben Millionen Elektroau-
fokussiert auf Mindestniveaus für die Durchdringung       tos und dem Einsatz von Oberleitungs-Lkws sowie
von Schlüsseltechnologien an der Schnittstelle von        der systemdienlichen Steuerung von Wärmepumpen
Strom- und Wärmesektor, die bis 2030 erreicht wor-        und Elektroautos. Die in den Sensitivitätsrechnun-
den sein müssen. Hierbei handelt es sich vor allem        gen variierten Parameter betreffen dabei die Gebäu-
um Gebäudeeffizienz, Wärmenetze und Wärmepum-             dedämmung, die Durchdringung der Elektromobili-
pen, von denen die letzteren beiden vertieft analysiert   tät (Fokus Oberleitungs-Lkws) sowie die Flexibilität
werden.                                                   von Wärmepumpen und Elektromobilität (Pkws und
                                                          Lkws). Als weitere Nebenbedingung muss im Rahmen
Zur Bestimmung der Mindestniveaus werden in               des europäischen Lastenausgleichs das Reduktions-
einem ersten Schritt wesentliche aktuelle Zielsze-        ziel (Basisjahr 2005) von minus 38 Prozent für den
narien für eine Treibhausgasminderung um 80 bis           deutschen Nicht-Emissionshandels-Sektor einge-
95 Prozent miteinander verglichen (Abbildung 9).          halten werden.
Hieraus ergeben sich Bandbreiten für die benötigte
Entwicklung bis 2030 und 2050, die den bisher er-         Auf Basis des Szenarienvergleichs und der Sensiti-
warteten Trends gegenübergestellt werden, um Defi-        vitätsrechnungen sollen die Einflussgrößen auf die
zite zu identifizieren. Besonders relevant sind dabei     notwendige Durchdringung der Schlüsseltechnolo-
mögliche Pfadabhängigkeiten – also die Frage, unter       gien ermittelt werden. Ziel ist es dabei, ein besseres
welchen Bedingungen wir 2030 tatsächlich noch die         Verständnis für die Abhängigkeiten zwischen den
Wahl haben, uns für einen Pfad in Richtung 95 Pro-        Zielen 2030 und 2050 zu vermitteln.

                                                          Während sich im Bereich der Mobilität der ener-
24 Zusätzlich liegen seit Ende 2016 die Sektorziele des
                                                          giepolitische und wissenschaftliche Konsens hin-
   Klimaschutzplans 2050 vor. Diese konnten in der
   vorliegenden Arbeit noch nicht berücksichtigt werden   sichtlich der zentralen Rolle der Elektromobilität
   (Bundesregierung 2016).                                verdichtet hat, bestehen in der Transformation der

                                                                                                               21
Agora Energiewende | Wärmewende 2030

  Methodischer Ansatz: Szenarienvergleich und Sensitivitätsrechnungen                                                   Abbildung 9

                                     2030                    2050         Betrachtete Szenarien
                                                                          Energiereferenzprognose (Prognos et al. 2014)
                                Trendszenarien          Trendszenarien    Projektionsbericht (UBA 2015)
      Szenarienvergleich                                                  BWP-Branchenprognose 2015 (BWP 2016)
     zur Bestimmung von
     Mindestniveaus und                                                   Klimaschutzszenarien (Öko-Institut et al. 2015)
           Defiziten              Zielszenarien *        Zielszenarien *
                                                                          Interaktion EE-Strom, Wärme, Verkehr (Fh-IWES et al. 2015)
                                 -80 % | -95 %          -80 % | -95 %
                                                                          Was kostet die Energiewende? (Fh-ISE 2015)

                                                                          Nebenbedingung
                                                                          -38 % Emissionen gegenüber 2005 für den Nicht-ETS-
                                 Zielszenario **
                                                                          Bereich (europäischer Lastenausgleich)
                                      -55 %

        Sensitivitäts­                                                    Defizite gegenüber Basis­Zielszenario
         rechnungen                                                       Dämmung: geringere Sanierungstiefe bei gleicher Sanie-
      zu Wärmepumpen               Defizite bei
                                                                                        rungsrate (2 %)
       und -netzen mit           • Dämmung
                                                                          E-Mobilität: keine Oberleitungs-Lkw bei ansonsten gleicher
     Optimierungsmodell          • E-Mobilität
                                                                                        Anzahl an Elektroautos (7 Mio.)
                                 • Flexibilität
                                                                          Flexibilität: kein systemdienlicher, sondern rein nachfrage-
                                                                                        gesteuerter Betrieb von Wärmepumpen und
                                                                                        Elektroautos

  * Treibhausgasemissionen 2050 gegenüber 1990     ** Treibhausgasemissionen insgesamt 2030 gegenüber 1990          Eigene Darstellung

Wärmeversorgung (Gebäude und Industrie) immer                           eingeführt. Im Mittelpunkt der Betrachtung steht
noch größere Divergenzen hinsichtlich der Rolle ein-                    dabei der Gebäudewärmesektor.
zelner Erneuerbarer Energien untereinander (Bio-                     →→ In Kapitel 4 wird auf Basis eines breiten Szenarien­
masse, Solarthermie, Umweltwärme, Tiefengeo-                            vergleichs von Minus-80-Prozent-Zielszenarien
thermie) und im Vergleich zur Gebäudesanierung,                         einerseits und Minus-95-Prozent-Zielszenarien
hinsichtlich der Rolle dezentraler Kessel versus Wär-                   anderseits die notwendige Durchdringung von
menetze sowie hinsichtlich der Rückwirkungen einer                      Schlüsseltechnologien für das Zwischenziel 2030
zunehmenden Elektrifizierung auf den Stromsektor.                       bewertet. Diese werden mit Trendszenarien kont-
Aus diesem Grund fokussiert sich die vorliegende                        rastiert, um absehbare Fehlentwicklungen zu iden-
Studie auf den Bereich der Wärme und Strom-Wär-                         tifizieren und Handlungsempfehlungen abzuleiten.
me-Kopplung, eingebunden in das Gesamtenergie-                       →→ In Kapitel 5 wird auf Basis eigener Sensitivitäts-
versorgungssystem. Sie setzt den Wärmebereich in                        rechnungen zur Erreichbarkeit eines Mindestziels
Wechselwirkung mit dem Straßenverkehr und be-                           von minus 55 Prozent Treibhausgasemissionen im
trachtet damit die Beiträge aller dieser Bereiche zur                   Jahr 2030 bewertet, wie Ziel- oder Maßnahmen-
Erreichung der Klimaziele.                                              verfehlungen in einzelnen Bereichen in anderen
                                                                        Bereichen wieder kompensiert werden müssen, um
Die Studie ist folgendermaßen aufgebaut:                                das Mindestziel sicher zu erreichen.
→→ In Kapitel 3 wird in die aktuelle Struktur des Ener-              →→ In Kapitel 6 werden Schlussfolgerungen gezogen in
   gieverbrauchs und in mögliche Dekarbonisie-                          Hinblick darauf, was robuste Pfade zur Erreichbar-
   rungsoptionen in den Sektoren Gebäudewärme,                          keit von Klimazielen für einzelne Technologien und
   industrielle Prozesswärme, Verkehr und Strom                         für die Transformation von Anwendungsbereichen
                                                                        bedeuten können.

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