WAS IST DAS EIGENTLICH? - BIOTOP TROCKENRASEN URBANITÄT & VIELFALT - Urbanität ...

Die Seite wird erstellt Richard Wild
 
WEITER LESEN
WAS IST DAS EIGENTLICH? - BIOTOP TROCKENRASEN URBANITÄT & VIELFALT - Urbanität ...
BIOTOP TROCKENRASEN
WAS IST DAS
EIGENTLICH?
   URBANITÄT & VIELFALT
WAS IST DAS EIGENTLICH? - BIOTOP TROCKENRASEN URBANITÄT & VIELFALT - Urbanität ...
IMPRESSUM                                                                                                INHALT
© Projekt Urbanität & Vielfalt in Berlin & Brandenburg (Späth-Arboretum der Humboldt-Universität
zu Berlin, Botanischer Garten der Universität Potsdam)

Adresse: 		Botanischer Garten der Universität Potsdam
			Maulbeerallee 3                                                                                       WORAN ERKENNT MAN EINEN TROCKENRASEN?                04
			14469 Potsdam
                                                                                                         TROCKENRASENSTANDORTE IN BERLIN UND BRANDENBURG      06
E-Mail: 			info-berlin@uundv.de
Telefon: 			030/2093-98372
			            (Sprechzeit von März bis September, Mi 14-18 Uhr)                                         WELCHE ARTEN GIBT ES IN EINEM TROCKENRASEN?          08
Persönlich: 		 U&V-Archefläche im Jelena-Santic-Friedenspark (U Kienberg),
			            Betreuung: März bis September, Samstag von 13 bis 17 Uhr                                  ANPASSUNG DER ARTEN AN DEN LEBENSRAUM TROCKENRASEN   14
Saatgut senden an: Urbanität & Vielfalt
                                                                                                         WIESO WACHSEN TROCKENRASENARTEN AUCH
			Späth-Arboretum
			Späthstr. 80/81						                                                                                 AUF BESSEREN STANDORTEN?                             17
			12437 Berlin
                                                                                                         WELCHE INSEKTEN LEBEN IN EINEM TROCKENRASEN?         20
Konzept: 		                     Louica Philipp
Text: 			                       Dr. Christian Schwarzer, Gesa Domes, Jakob Schulz,                       WIESO SIND TROCKENRASENBIOTOPE IN BERLIN UND
			                             Rene von Hagen, Lea Potrafke, Jonathan Neumann
                                                                                                         BRANDENBURG BEDROHT?                                 24
Illustrationen: 		              Jil Roßberg, Tamara Knecht
Cover: 			                      Noreen Matthes
Layout: 			                     Susanna Schmidt, Noreen Matthes                                          WIE KANN ICH IN MEINEM GARTEN EINEN
                                                                                                         TROCKENRASEN ANLEGEN?                                26
Weitere Informationen zu unseren Pflanzen und Veranstaltungen gibt es unter:
                                        www.uundv.de                                                     WIMMELBILD                                           28

FÖRDERHINWEIS
Gefördert durch das Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Natur-
schutz und nukleare Sicherheit. Diese Broschüre gibt die Auffassung und Meinung des Zuwendungsempfän-
gers des Bundesprogramms Biologische Vielfalt wieder und muss nicht mit der Auffassung des Zuwendungs-
gebers übereinstimmen.

EIN PROJEKT VON
WAS IST DAS EIGENTLICH? - BIOTOP TROCKENRASEN URBANITÄT & VIELFALT - Urbanität ...
URBANITÄT & VIELFALT – Ein Projekt für alle
Das Projekt Urbanität und Vielfalt in Berlin und Branden-
burg hat sich zum Ziel gesetzt, seltene regionale Pflanzen
auf geeigneten urbanen Flächen wieder anzusiedeln –
durch die Beteiligung aller Interessierten, auch ohne natur-
schutzfachlichen Hintergrund.

Bisher hatten wir große Erfolge durch unser Konzept, Jung-
pflanzen an Pflanzenpat*innen auszugeben, welche die
Pflanzen pflegen und das selbst gewonnene Saatgut zu-
rückschicken. Daraus ziehen wir neue Jungpflanzen, um          BIOTOP TROCKENRASEN
zusammen mit Pflanzenpat*innen und in Absprache mit
den Naturschutzbehörden weitere Flächen zu bepflanzen.         WAS IST DAS
Wir konzentrieren uns dabei auf 34 Pflanzenarten, welche       EIGENTLICH?
im Raum Berlin-Brandenburg mit seinen sandigen Böden
ursprünglich weit verbreitet waren:

Pflanzen aus dem Lebensraum Trockenrasen.

Doch was ist das eigentlich, ein Trockenrasen?
Was macht ihn so besonders und erhaltenswert?
Wieso ist er gerade in Berlin und Brandenburg ein
wichtiger Lebensraum und wodurch ist er bedroht?

Diese Broschüre soll sich diesen Fragen widmen und das
Interesse am Schutz eines wirklich außergewöhnlichen
Lebensraums wecken.

Viel Spaß beim Lesen!
WAS IST DAS EIGENTLICH? - BIOTOP TROCKENRASEN URBANITÄT & VIELFALT - Urbanität ...
Die Vegetation der Trockenrasen, die oft
                                                                                               Je nach Ausgangsgestein und chemischen               auch als Magerrasen bezeichnet werden,
                                                                                               Bodeneigenschaften können zwei überge-               ist geprägt von flachwüchsigen und lü-
                                                                                               ordnete Kategorien von Trockenrasenge-               ckig verteilten Gräsern, Kräutern, sowie
                                                                                               sellschaften unterschieden werden:                   Halbstrauchpflanzen, die bestens an die
                                                                                               Sandtrockenrasen und Kalktrockenrasen.               vorherrschenden Umweltbedingungen
                                                                                               Beide Vegetationstypen lassen sich ihrer-            angepasst sind. Sie sind trockenresistent,
                                                                                               seits je nach Standortbedingungen in zahl-           wärme- und lichtliebend und gelten als
                                                                                               reiche Ausprägungen untergliedern, die sich          wahre Hungerkünstler, die mit wenigen
                                                                                               im Hinblick auf die vorkommenden Arten               Nährstoffen gut zurechtkommen.
WORAN                                                                                          unterscheiden.
                                                                                                                                                    Diese Eigenschaften sind notwendig, da-
ERKENNT                                                                                                                                             mit die Pflanzen auf den meist extremen
                                                                                                                                                    Standorten überleben können. Die Flora
MAN EINEN                                                                                                                                           der europäischen Trockenrasen ist geprägt

TROCKENRASEN?                                                                                                                                       von Pflanzengesellschaften, die besonders
                                                                                                                                                    artenreich sind. Durch Projekte wie „Urba-
                                                                                                                                                    nität & Vielfalt“ oder „LIFE Trockenrasen“
Ein Trockenrasen ist Grünland, das sich        die dort siedelnden Pflanzen sind ihnen                                                              werden die wertvollen und für Branden-
auf sandigen Böden herausbildet. Cha-          direkt ausgesetzt. Die offenen Standorte                                                             burg typischen Trockenrasen geschützt,
rakteristisch für diesen Biotoptyp sind        sind besonders im Sommer sehr viel tro-                                                              erhalten und wiederhergestellt.
nährstoffarme, südexponierte Standorte.        ckener und wärmer, im Winter dagegen
Nahezu alle Trockenrasenvorkommen im           wesentlich kälter als es im Waldesinneren
nordostdeutschen Tiefland sind durch den       der Fall wäre. Die klimatischen Bedingun-                                                 halboffener           typische Gräser,    Habitat seltener
                                                                                           nährstoffarmer,
Menschen entstanden und Relikte einer          gen ähneln somit denen von kontinentalen    durchlässiger, oft       Trockenheit          Standort mit lo-      Kräuter und Halb-   Insekten, Vögel
einst weit verbreiteten Kulturlandschaft.      Steppen, mediterranen Karstfluren, Sand-    sandiger Boden                                ckerem Bewuchs        straucharten        und Reptilien
Seit der Jungsteinzeit wurden große Teile      dünen oder alpinen Hochlagen.
Mitteleuropas zugunsten landwirtschaft-
licher Nutzung gerodet. Ertragsschwache        Die Pflanzenarten, die sich hier zu neuen
Standorte, die sich für Ackerbau nicht eig-    Lebensgemeinschaften zusammenfinden,
neten, wurden zu Weiden oder durch re-         stammen ursprünglich aus diesen natürlich
gelmäßige Mahd zu Wiesen umgewandelt.          waldfreien Vegetationszonen und sind an
                                               die dort vorherrschenden Standortverhält-
Die einst bewaldeten Flächen weisen            nisse angepasst. Die meisten heute noch
insbesondere hinsichtlich ihrer Tempera-       bestehenden Trockenrasen würden sich
tur-, Wind- und Feuchtigkeitsverhältnisse      ohne entsprechende Pflegemaßnahmen
deutlich veränderte mikroklimatische           (z.B. extensive Beweidung mit Schafen und
Bedingungen auf. Ohne ein schützendes          Ziegen oder ein- bis zweischürige Mahd)
Blätterdach können Sonnenstrahlen unge-        durch natürliche Sukzession nach und nach
hindert auf den Erdboden gelangen und          wieder zu Wäldern entwickeln.

                                                                                           Schaubild eines Trockenrasens von Tamara Knecht

                                          04                                                                                                   05
WAS IST DAS EIGENTLICH? - BIOTOP TROCKENRASEN URBANITÄT & VIELFALT - Urbanität ...
Die Döberitzer Heide                                                        Die Pontischen Hänge
                                                   Dieses ehemalige Truppen-                                                   von Lebus
TROCKENRASEN                                       übungsgelände wurde bis 1991
                                                   militärisch genutzt und blieb so
                                                                                                                               Der absolute Klassiker unter
                                                                                                                               den Trockenrasen!
STANDORTE                                          weitgehend von einer Bewirt-
                                                   schaftung verschont. So entstand
                                                                                                                               Jedes Jahr zieht das hier
                                                                                                                               reichlich vorkommende Früh-
BERLIN & BRANDENBURG                               eine wertvolle Offenlandschaft,                                             lings-Adonisröschen (Adonis
                                                   die vielen, zum Teil sehr seltenen                                          vernalis) zahlreiche Besu-
Trockenrasen können in ihrer Artenvielfalt         Tier- und Pflanzenarten Lebens-                                             cher:innen zur Blütezeit an,
mit den tropischen Regenwäldern mithal-            raum bietet. Später wurde das                                               weshalb das Gebiet auch als
ten, sind aber ebenso in ihrer Existenz            Gebiet von der Sielmann-Stif-                                               „Adonishänge“ bekannt ist.
bedroht. Wo also kann man diese arten-             tung aufgekauft und lockt nun                                               Doch an den exponierten
reichen Ökosysteme noch in voller Pracht           mit einem weitläufigen Netz von                                             Steilhängen finden sich auch
erleben? Wir haben Euch eine Übersichts-           Wanderwegen um die große, um-                                               noch etliche weitere seltene
karte erstellt, die einige Standorte in und        zäunte Wildkernzone herum.                                                  Trockenrasen-Arten.
um Berlin darstellt. Sie wird stetig aktua-        Mit etwas Glück lassen sich                                                 Schon 1921 wurde das Gebiet
lisiert und ist in der neusten Version als         Wisent, Przewalski–Pferd oder                                               unter Schutz gestellt und ist
interaktive Karte auf unserer Homepage             Wiedehopf beobachten - und                                                  somit das zweitälteste Natur-
verfügbar. Stellvertretend für diese vielen        natürlich auch seltene Pflanzen                                             schutzgebiet Brandenburgs.
Einzelstandorte möchten wir an dieser              am Wegesrand.                          Havelland               Märkisches
Stelle drei Gebiete vorstellen – womög-                                                                           Oderland
lich ja auch als Inspiration für den nächs-                                                              BERLIN
ten Wochenendausflug? Diese Auswahl ist
familienfreundlich ausgeschildert und mit          Die Glindower Alpen
öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen.
                                                   Wie, Alpen in Brandenburg?
                                                   Ja, richtig gelesen. Zwar bietet
Bitte denkt daran, dass sich einige Stand-
                                                   das Gebiet als Produkt vom To-
orte in Naturschutzgebieten befinden und                                                     Potsdam
                                                   nabbau für die mittlerweile still-
verhaltet Euch umsichtig.                                                                   Mittelmark
                                                   gelegte Ziegelindustrie nicht das
                                                   Knacken von rekordverdächtigen
                                                   Höhenmarken, aber das macht es
                                                   nicht weniger sehenswert.
                                                   Das einzigartige Relief aus schatti-
                                                   gen Hang- und Schluchtwäldern,
                                                   kleinen Gewässern im Talgrund
                                                   und Offenflächen auf trockenen,
                                                   sandigen Anhöhen bietet zahlrei-
                                                   che ökologische Nischen für Flora
                                                   und Fauna auf engstem Raum.

                                                                                                                                           Grafik: Noreen Matthes
                                              06
WAS IST DAS EIGENTLICH? - BIOTOP TROCKENRASEN URBANITÄT & VIELFALT - Urbanität ...
Skabiosen-Flockenblume (Centaurea scabiosa)
                                                                                     Foto: Anika Dreilich

WELCHE ARTEN
GIBT ES IN EINEM
TROCKENRASEN?
Trockenrasen beherbergen eine einzigartige Vielfalt von Gräsern und krautigen Pflan-
zen. Sie zählen zu den artenreichsten Biotopen. Die Pflanzen, die in einem Trockenrasen
wachsen, müssen mit den besonderen Bedingungen zurechtkommen, die ihnen dieser
Lebensraum bietet. Wie der Name bereits verrät, sind die Böden wasserarm und häufig
auch nährstoffarm, daher nennt man sie auch Magerrasen.

Doch Trockenrasen ist nicht gleich Tro-            geprägt. Aufgrund der typischerweise vor-
ckenrasen: Durch unterschiedliche Be-              herrschenden Vegetation werden sie auch
dingungen bezüglich des Klimas, Bodens,            Steppen- und Trespenrasen genannt.
Wasser- und Nährstoffhaushalts, lassen             Viele der U&V-Projektarten kommen hier
sich Trockenrasen weiter differenzieren.           vor: das Steppen-Lieschgras (Phleum
Verschiedene Kombinationen dieser Bedin-           phleoides), die Skabiosen-Flockenblume
gungen bieten dabei einen Lebensraum für           (Centaurea scabiosa), die Ästige Gras-
unterschiedliche Pflanzengemeinschaften.           lilie (Anthericum ramosum) und das
Diese Pflanzengemeinschaften sind Unter-           Kelch-Steinkraut (Alyssum alyssoides).
suchungsgegenstand in einem Teilgebiet
der Pflanzenökologie und werden anhand             Die genaue Artenausstattung eines Kalk-Tro-
ihrer Artenzusammensetzung unterschie-             ckenrasens ist jedoch weiterhin von der
den. Eine erste Unterteilung erfolgt jedoch        Kontinentalität seines Standorts bestimmt.
anhand des Boden-pH-Werts. Die meisten             Kontinentale Lagen werden durch die klima-
Trockenrasengesellschaften finden sich auf         tischen Besonderheiten großer Landmassen
eher basischen (pH 6-7,5), oft kalkhaltigen        beeinflusst. Sie sind von heißen, trockenen
                                                   Sommern und sehr kalten Wintern geprägt.
Böden. Sie werden daher Kalk-Trockenra-
sen genannt. Es gibt aber auch Trocken-
rasengesellschaften, die auf sandigen,             Auf submediterranen Kalk-Trockenrasen
etwas saureren Böden zu finden sind.               mit warmen Sommern und kalten Wintern,
Sie werden Sand-Trockenrasen genannt.              zum Beispiel im Südwesten Deutschlands,
Kalk-Trockenrasen finden sich in klimatisch        findet sich die Pflanzengemeinschaft der
trockenen Regionen auf flachgründigen Bö-          Trespenrasen.
den. Optisch sind sie von hohen Gräsern

                                              08
WAS IST DAS EIGENTLICH? - BIOTOP TROCKENRASEN URBANITÄT & VIELFALT - Urbanität ...
Typische Arten der Trespenrasen sind                                                  Zu dem hier vorkommenden kontinenta-
neben der namensgebenden Aufrechten                                                   len Pfriemengras-Steppenrasen gehören
Trespe (Bromus erectus) auch die U&V-Pro-                                             ebenfalls einige U&V-Arten, wie unter an-
jektarten Karthäuser-Nelke (Dianthus                                                  derem das Pfriemengras (Stipa capillata),
carthusianorum), Heide-Nelke (Dianthus                                                das Federgras (Stipa pennata), die Nied-
deltoides) und Tauben-Skabiose (Scabiosa                                              rige Segge (Carex supina), die Schwärzliche
columbaria). Je nach pflanzenverfügbarem                                              Wiesen-Küchenschelle (Pulsatilla pratensis
Niederschlag lassen sich Trespenrasen wei-                                            subsp. nigricans), der Ähren-Blauweiderich
ter unterteilen. Trespen-Volltrockenrasen                                             (Veronica spicata) und auch der Berg-Haar-
kommen vor allem an besonders strah-                                                  strang (Peucedanum oreoselinum). An den
lungsreichen Hängen mit extremen som-                                                 Oderhängen bei Lebus kommt noch das in
merlichen Trockenphasen, z.B. im Kaiser-                                              Brandenburg seltene Adonisröschen (Ado-
stuhl (bei Freiburg), vor. Typisch sind hier                                          nis vernalis) hinzu.
die Gewöhnliche Küchenschelle (Pulsatilla
vulgaris) als auch der Schmalblättrige Lein
(Linum tenuifolium).

Trespen-Halbtrockenrasen kommen in
etwas kühleren Gegenden mit stabilerem
Wasserhaushalt vor. Hier gibt es viele
Orchideenarten. Typisch sind dort auch
einige unserer U&V-Projektarten, wie z. B.
die Golddistel (Carlina vulgaris), der Steif-
haarige Löwenzahn (Leontodon hispidus)
und der Berg-Haarstrang (Peucedanum
oreoselinum).

Kalk-Trockenrasen gibt es jedoch nicht nur
in der submediterranen Region, sondern
auch in kontinentalen Lagen des mittle-
ren und östlichen Mitteleuropas, wozu
Brandenburg bereits gehört. Sie zeichnen                                                                          Schwärzliche Wiesen-Küchenschelle (Pulsatilla pratensis subsp. nigricans)
sich durch einen sehr geringen Jahresnie-                                                                                                                                 Foto: Jil Roßberg
derschlag von maximal 550 mm/Jahr aus.
Die hier entstehenden Steppenrasen sind                                                 Zusammenfassend unterscheidet man innerhalb der Kalk-Trockenrasen zuerst zwi-
Lebensraum der Bläulichen Wolfsmilch                                                    schen kontinentalem und sub-mediterranem Klima und anschließend nach den
(Euphorbia segueriana), des Sand-Finger-                                                extremen oder weniger extremen Lebensbedingungen. So sind die Standorte der
krauts (Potentilla cinera), sowie den zahlrei-                                          Trespen-Volltrockenrasen und Pfriemengras-Steppenrasen trockener als die der
chen Pfriemen- und Federgras-Arten (Stipa                                               Trespen-Halbtrockenrasen und Kratzdistel-Zwenkenrasen. Daher werden die Tres-
sp). Charakterarten sind außerdem unsere                                                pen-Volltrockenrasen und Pfriemengras-Steppenrasen auch häufig unter dem Begriff
Projektarten, wie das Ohrlöffel-Leimkraut                                               „Volltrockenrasen“ zusammengefasst, wohingegen Trespen-Halbtrockenrasen und
(Silene otites) und der Liegende Ehrenpreis                                             Kratzdistel-Zwenkenrasens als „Halbtrockenrasen“ bezeichnet werden.
(Veronica prostrata).
                                                      Golddistel (Carlina vulgaris)
                                                              Foto: Anika Dreilich
                                                 10                                                                                 11
WAS IST DAS EIGENTLICH? - BIOTOP TROCKENRASEN URBANITÄT & VIELFALT - Urbanität ...
Auf den Sand-Trockenrasen wachsen we-                                                                            Im submediterranen und subatlantischen
niger Gräser, dafür aber mehr kleine, krau-                                                                      Raum findet man hingegen auf flachgründi-
tige Pflanzen als auf den Kalk-Trockenrasen.                                                                     gen Kies- oder Sandböden die Kleinschmie-
Ihre Struktur ist daher oftmals lückiger. Der                                                                    lenrasen. Diese beherbergen verschiedene
sandige, nährstoffarme Boden ist oft noch                                                                        Arten der Filzkräuter (Filago), Haferschmie-
flachgründiger als die Böden der Kalktro-                                                                        len (Aira), Federschwingel (Vulpia) und den
ckenrasen. Aufgrund der geringen Was-                                                                            Kleinen Vogelfuß (Ornithopus perpusillus).
serspeicherfähigkeit sind sie noch stärker
gefährdet auszutrocknen. Sandtrockenra-                                                                          Die dritte Gruppe der Sand-Trockenrasen
sen bilden die natürliche Pioniervegeta-                                                                         bilden die Sandsteppen in subkontinenta-
tion in Tal- oder Schmelzwassersandebe-                                                                          len Regionen mit intensiver Sommertro-
nen oder auf Binnendünen nahe großer                                                                             ckenheit. Hierzu gehört auch der Blaugrüne
Flüsse. Viele der heutigen Flächen waren                                                                         Schillergrasrasen. Dieser ist nach dem da-
jedoch ursprünglich Wälder, die einst zur                                                                        für charakteristischen Blaugrünen Schiller-
Beweidung gerodet wurden.                                                                                        gras (Koeleria glauca) benannt, welches
                                                                                                                 ebenfalls eine U&V-Projektart ist. Hier fin-
Typische Arten der Sand-Trockenrasen sind                                                                        det sich häufig der Feld-Beifuß (Artemisia
der Frühlings-Spark (Spergula morisonii),                                                                        campestris), das Kegelfrüchtige Leimkraut
der Kleine Sauerampfer (Rumex acetosella                                                                         (Silene conica) und eine weitere Pflanze
ssp. tenuifolius)und der Nacktstängelige                                                                         unserer Projektarten, die Sand-Strohblume
Bauernsenf (Teesdalia nudicaulis), sowie                                                                         (Helichrysum arenarium).
unsere Projektart, das Berg-Sandglöckchen
(Jasione montana).                                                                                               Darüber hinaus findet man auf vielen
                                                                                                                 Sand-Trockenrasen Arten der Heidenel-
Auch die Sand-Trockenrasen können weiter                                                                         ken-Grasnelken-Gesellschaft, insbeson-
unterteilt werden. Auf sehr mageren, sau-                                                                        dere in der Nähe großer Flüsse im Nord-Os-
ren, lockeren und tiefgründigen Sandböden                                                                        ten Deutschlands. Hierzu gehören auch
des (sub-) atlantischen Raums finden sich                                                                        unsere Projektarten die Gewöhnliche Gras-
ausgeprägte Silbergrasfluren, für welche                                                                         nelke (Armeria maritima subsp.elongata),
die Sand-Segge (Carex arenaria), Silbergras                                                                      das Ohrlöffel-Leimkraut (Silene otitis), die
(Corynephorus canescens), Sand-Horn-                                                                             Heide-Nelke (Dianthus deltoides) und der
kraut (Cerastium semidecandrum) und                                                                              Ähren-Blauweiderich (Veronica spicata).
auch unsere U&V-Projektart Sand-Thymian
(Thymus serpyllum) typisch sind.

                                                     Gewöhnliche Grasnelke (Armeria maritima subsp. elongata)
                                                                                          Foto: Anika Dreilich

                                                12                                                          13
WAS IST DAS EIGENTLICH? - BIOTOP TROCKENRASEN URBANITÄT & VIELFALT - Urbanität ...
Besonders in trockenen Regionen wie               Einige Pflanzen besitzen außerdem eine
                                                                                          Sandwüsten und Steppen, aber auch auf             dichte, weiße Behaarung, welche die Erhit-
                                                                                          unseren Sand-Trockenrasen, geht viel Was-         zung minimiert und die Verdunstung durch
ANPASSUNG DER                                                                             ser durch den schnellen Abfluss im san-
                                                                                          digen Boden verloren. Eine weitere Her-
                                                                                                                                            Schaffung eines windstillen Raums über
                                                                                                                                            den Spaltöffnungen hemmt. Die Blätter des
ARTEN AN DEN                                                                              ausforderung ist eine starke Verdunstung
                                                                                          durch hohe Sonneneinstrahlung. Diese
                                                                                                                                            Haar-Pfriemengrases (Stipa capillata) sind
                                                                                                                                            leicht behaart und besitzen nur an der Blat-
LEBENSRAUM                                                                                Herausforderungen haben zur Entwicklung           toberseite Spaltöffnungen. Bei Trockenheit

TROCKENRASEN                                                                              zahlreicher Anpassungen geführt:                  rollt sich das Blatt nach oben zusammen,
                                                                                                                                            sodass die Spaltöffnungen windgeschützt
                                                                                          Eine besonders effektive Anpassung ist die        sind, wodurch die Verdunstung gehemmt
Um mit den Lebensbedingungen im Tro-                                                      Ausbildung bzw. Verdickung einer Wachs-           wird.
ckenrasen zurechtzukommen, müssen die                                                     schicht auf den Blattoberflächen, wodurch
hier vorkommenden Arten daran ange-                                                       die Verdunstung minimiert wird.
passt sein. Das auf den ersten Blick größte
„Problem“ ist die geringe Verfügbarkeit von
Wasser. Doch wozu brauchen Pflanzen ei-
gentlich Wasser?

     Pflanzen benötigen Wasser zu verschiedenen Zwecken:
     Ein besonders für kleine krautige Pflanzen wichtiger Zweck ist die Stabilisation
     ihres Sprosses und ihrer Organe durch das Zusammenspiel von Zellwanddruck
     und Zellinnendruck. Dieser ist von der Füllung der Zellen mit Wasser abhängig.
     Daher welken Pflanzen, d.h. sie verlieren ihre Stabilität, wenn es ihnen an Wasser
     mangelt. Da pflanzliche Zellen zu einem großen Teil aus Wasser bestehen, ist
     Wasser auch für das Wachstum unabdingbar. Der wichtigste wasserverbrau-
     chende Prozess ist die Photosynthese, bei der Wasser aus dem Boden und
     Kohlendioxid aus der Atmosphäre unter Sonneneinstrahlung in Zucker umge-
     wandelt werden. Mengenmäßig geht jedoch das meiste Wasser durch Verdun-
     stung verloren, wenn für die Aufnahme des Kohlendioxids die Spaltöffnungen
     der Blätter geöffnet sind. Außerdem brauchen Pflanzen das Wasser für ihren
     internen Stofftransport. Zum Beispiel werden die Photosyntheseprodukte in
     einer wässrigen Lösung von den Blättern zu den Speicherorganen transportiert.
     Aber auch die durch die Wurzeln aufgenommenen Nährstoffe werden in Wasser
     gelöst und in alle anderen Bereiche der Pflanze geleitet.

                                                                                                                                                          Haar-Pfriemengras (Stipa capillata)
                                                                                                                                                                        Foto: Anika Dreilich

                                              14                                                                                       15
WAS IST DAS EIGENTLICH? - BIOTOP TROCKENRASEN URBANITÄT & VIELFALT - Urbanität ...
In Gegenden mit periodisch abwechseln-            damit die Verdunstung reduziert wird. Der-
den Regen- und Trockenzeiten, legen man-          artige Anpassungen der Blätter an Trocken-
che Pflanzen in kleinen, mit einer Membran        heit bezeichnet man zusammenfassend als
umgebenen Hohlräumen, Wasservorräte               „skleromorph“ oder „xeromorph“.
an, wodurch die Blätter sichtbar anschwel-
len. Diese sogenannte Sukkulenz findet            Zusätzlich zu diesen äußerlichen Anpas-
man nicht nur bei Wüstenpflanzen, son-            sungen, gibt es auch Anpassungen in der
dern auch beim heimischen Milden Mauer-           Photosynthese. Die sogenannten C4-Pflan-
pfeffer (Sedum sexangulare), der auch auf         zen fixieren das CO2 effektiver, und können
Kalk-Trockenrasen vorkommt, wenn der              dadurch häufiger ihre Spaltöffnungen ge-
Oberboden dort schwach sauer ist.                 schlossen halten, sodass weniger Wasser
                                                  verloren geht. Viele Gräser und Nutzpflan-
Auch die Wurzeln können als Speicher für          zen aus warmen und trockenen Regionen,
Nährstoffe und Wasser umgebildet sein,            wie Mais, Hirse und Zuckerrohr nutzen die
was man z.B. bei dem Steifhaarigen Löwen-         Photosynthese-Form. Eine andere Form
zahn (Leontodon hispidus) erkennen kann.          der Anpassung ist die CAM-Photosynthese.          WIESO WACHSEN
Diese Projektart ist auf Halbtrockenrasen
zu finden. Viele der oben genannten Cha-
                                                  Hier wird das CO2 in den kühleren Nächten
                                                  aufgenommen und gespeichert.Der bereits           TROCKENRASENARTEN
rakter-Arten haben zudem sehr schmale
Blätter, wodurch die Blattoberfläche und
                                                  erwähnte Mauerpfeffer nutzt diese Form
                                                  der Photosynthese.                                AUCH AUF „BESSEREN“
                                                                                                    STANDORTEN?
                                                                                                    Trockenrasen bilden sich auf Flächen, die     Stattdessen werden Trockenrasen durch
                                                                                                    für unsere geografische Lage ungewöhn-        Gräser und Kräuter geprägt, die mit diesem
                                                                                                    liche Bedingungen wie Trockenheit und         geringen Wasser- und Nährstoffangebot
                                                                                                    Nährstoffarmut aufweisen. Daher finden        und der permanenten Sonneneinstrah-
                                                                                                    wir auf einem Trockenrasen eine gänzlich      lung zurechtkommen. Sie bringen die nö-
                                                                                                    andere Artenzusammensetzung als wir sie       tige evolutive Fitness für diesen Standort
                                                                                                    von Wegrändern, Wiesen, Weiden oder           mit. Der Begriff „Fitness“ beschreibt die
                                                                                                    Wäldern kennen. Pflanzen, wie Brenn-          Fähigkeit einer Art an einem Standort zu
                                                                                                    nesseln (Urtica sp.) oder den Löwenzahn       überdauern, zu wachsen und sich erfolg-
                                                                                                    (Taraxacum sect. Ruderalia) sucht man bei-    reich zu reproduzieren. Mit dem Standort
                                                                                                    spielsweise vergeblich. Diese beiden sonst    ist hier nicht ihr Wuchsort gemein, sondern
                                                                                                    sehr häufigen Arten brauchen Böden mit        die Komposition der Umweltfaktoren, an
                                                                                                    sehr hohem Nährstoffgehalt. Eine Trocken-     die diese Art angepasst ist.
                                                                                                    rasenfläche wäre ihnen schlicht zu mager.

                                                          Milder Mauerpfeffer (Sedum sexangulare)
                                                                            Foto: Noreen Matthes

                                             16                                                                                                  17
Unter welcher Intensität verschiedener         Setzt man die Toleranzen und Bedürfnissen
Umweltfaktoren wie Licht, Temperatur,          für verschiedene Umweltfaktoren und Res-
Kontinentalität, Feuchte, pH-Wert, Nähr-       sourcen zusammen, erhält man eine mehr-
stoff- und Salzgehalt des Bodens eine Art      dimensionale Vorstellung der Ansprüche
vorkommt, zeigen die ökologischen Zeiger-      einer Art an ihren Lebensraum.
werte nach Ellenberg. Trockenrasenpflan-
zen zeichnen sich durch hohe Licht- und        Die Kombination dieser Faktoren bezeich-
Temperaturzahlen und niedrige Feuchte-         net man als die ökologische Nische einer
und Nährstoffzahlen aus.                       Art. Auch hier bezieht sich der Begriff
                                               „Nische“ nicht darauf, wo eine Pflanze
                                               lebt, sondern eher wie sie lebt. Die ideale
                                               Kombination aller Umweltfaktoren und
                                               Ressourcen, die die artspezifisch besten
                                               Möglichkeiten zum Wachstum und der
                                               Fortpflanzung bieten, bezeichnet man als
                                               fundamentale Nische. Oft ist eine Art aller-
                                               dings nicht in einem Lebensraum, der dem
                                               Optimum ihrer fundamentalen Nische ent-
Allerdings kommt eine Art nicht ausschließ-    spricht, anzutreffen. Das liegt dann häufig
lich bei einem bestimmten Ausprägungs-         an Wechselwirkungen mit anderen Arten:
wert vor, sondern toleriert für jeden Um-      Durch biotische Faktoren wie Konkurrenz
weltfaktor ein gewisses Spektrum. Dieses       und Prädation, werden Arten an die Ränder
lässt sich glockenförmig darstellen.           ihrer ökologischen Nische vertrieben.

                                                                                                                                                      Berg-Haarstrang (Peucedanum oreoselinum)
                                                                                                                                                                             Foto: Anika Dreilich

                                                                                                Jedoch kann das Vorkommen einer Art             welche besser an ein hohes Nährstoffan-
                                                                                                auch die Bedingungen für das Vorkom-            gebot angepasst sind. Bedingungen, wie
                                                                                                men anderer Arten begünstigen, indem            Nährstoffarmut und Trockenheit mögen
                                                                                                sie beispielsweise Schatten spendet oder        daher zunächst problematisch wirken.
                                                                                                Schädlinge abwehrt. Bezieht man diese           Jedoch aus der ökologischen Perspektive
                                                                                                Faktoren mit ein, spricht man von der           lässt sich erkennen, dass es oft solche „Pro-
                                                                                                realisierten Nische. Prinzipiell könnten        bleme“ sind, die schlussendlich das Wachs-
                                                                                                Trockenrasenpflanzen also auch auf nähr-        tum bestimmter Arten erst ermöglichen.
                                                                                                stoffreicheren und feuchteren Standorten        Besonders konkurrenzschwache Arten, die
                                                                                                überleben, wachsen und Samen produzie-          sich an anderen Standorten nicht durchset-
                                                                                                ren. Allerdings würden sie bald von den         zen können, finden hier ihre ökologische
                                                                                                schnellwüchsigen Arten verdrängt werden,        Nische.
                                                                Abbildung: Ökologische Potenz

                                              18                                                                                           19
WELCHE
INSEKTEN LEBEN
IN EINEM
TROCKENRASEN?
Trockenrasen zeichnen sich durch eine            winterungsquartier den Insekten dienen.        Blauflügelige Ödlandschrecke
hohe Zahl verschiedener Pflanzenarten            Eine hohe Strukturvielfalt erzeugt auch mi-    Oedipoda caerulescens
aus. Wo viele verschiedene Pflanzen ge-          kroklimatische Unterschiede, welche zum
deihen, leben auch viele verschiedene            Beispiel Eidechsen benötigen, um sich zu       Sie bevorzugt nicht zu dicht und zu hoch
Insektenarten. Hinzu kommt, dass durch           sonnen oder auch zu verstecken. Einige         bewachsene Lebensräume. Ihren Namen
eine geringe Nährstoffverfügbarkeit eine         Insekten verhalten sich da ganz ähnlich.       verdankt sie ihren blauen Hinterflügeln,
lückige Vegetationsdecke mit vielen offe-        Durch eine erhöhte Nährstoffzufuhr, z.B.       welche besonders im Flug auffallen und
nen Bodenstellen entsteht. Dies fördert          durch Stickstoffeintrag aus der Luft, wer-     Fraßfeinde ablenken. In Ruhestellung ist
nicht nur bodenbrütende Insekten (z.B.           den nicht nur konkurrenzschwache Pflan-        sie sehr gut getarnt und kann verschie-
Wildbienen), sondern auch wärmelie-              zenarten verdrängt, auch offener Boden         dene Farben von fast schwarz über rost-
bende Arten stellen sich ein, da offener         wird besiedelt. So verlieren die Insekten      bis hellbraun annehmen. Auf günstigen
Boden gut Sonnenwärme speichern und              nicht nur ihre Wirtspflanzen, sondern auch     Flächen kann sie hohe Dichten aufbauen
wieder abgeben kann. Durch das Mosaik            das trockenwarme Mikroklima verändert          und die Luft „flimmert“ blau, wenn große
von offenen Bodenstellen und Vegetation          sich.                                          Schwärme auffliegen.
entsteht eine große Strukturvielfalt, die
von verschiedenen Entwicklungsstadien            Die hier vorgestellten Arten sind zwar nicht   Nach vier bis fünf Häutungen leben die er-
der Insekten benötigt wird. So können            auf Trockenrasen spezialisiert, jedoch dort    wachsenen Tiere von Juni bis Oktober in
z.B. hohle Pflanzenstängel, Bodenstreu           besonders häufig anzutreffen.                  den Trockenrasen und ernähren sich dort
oder tiefere Bodenschichten als Über-                                                           von krautigen Pflanzen.

                                            20                                                                                               21
Oben: Kleiner Perlmutterfalter (Issoria lathonia), rechts: Filzzahn-Blattschneiderbiene (Megachile pillidens)
                                                                                  Fotos: Jonathan Neumann

Kleiner Perlmutterfalter                                Filzzahn-Blattschneiderbiene
Issoria lathonia                                        Megachile pillidens
Dieser Tagfalter zeichnet sich durch silbrig            Diese vom Klimawandel profitierende
glänzende Flecken an der Flügelunterseite               Biene liebt trockenwarme Lebensräume
aus, welche ihm und seiner Verwandtschaft               und fliegt in einer Generation von Juni bis
den Namen gaben. Er hat die größten Fle-                August. Pollen für den Nachwuchs sammelt
cken im Verhältnis zum Flügel und ist auch              sie von verschiedenen Pflanzenfamilien
der häufigste Perlmutterfalter im Gebiet.               (polylektische Ernährung), mit einer Vor-
Anhand des Leopardenmusters auf der                     liebe für Korbblütler und Schmetterlings-
Flügeloberseite lässt sich die Art gut erken-           blütler. Eine Besonderheit der Blattschnei-
nen. Die Falter fliegen von April bis Oktober           derbienen zeigt sich im Nestbau, welcher
in drei bis vier Generationen auf offenem               in oberirdischen Hohlräumen erfolgt (z.B.
Gelände. Die Raupen, welche meistens das                unter Steinen, in Felsspalten und in Tro-
Überwinterungsstadium darstellen, ernäh-                ckenmauern). Um ihre Brutzellen zu bauen,
ren sich häufig vom Acker-Stiefmütterchen               benutzen sie Blattstücke, welche sauber
(Viola arvensis).                                       ausgeschnitten werden und je nach Funk-
                                                        tion (Wand oder Verschluß der Brutzelle)
                                                        länglich oval oder kreisrund sind.

                                                    22
Mit dem Verlust von urbanen Trockenra-               die üblicherweise besonders bestandsge-
                                                                                                 sen geht somit auch ihr erheblicher Bei-             fährdete und angepasste Pflanzenarten
                                                                                                 trag zum Arten- und Biodiversitätserhalt             beherbergen.
                                                                                                 verloren.
                                                                                                                                                      Als wichtigste Maßnahmen zum Schutz
                                                                                                 Um ihrer Gefährdung entgegenzuwirken,                der Trockenrasen gelten hier eine exten-
WARUM SIND                                                                                       bzw. um Trockenrasenflächen wiederher-
                                                                                                 zustellen, bedarf es konsequenter Maß-
                                                                                                                                                      sive Nutzung und die Pflege der Fläche,
                                                                                                                                                      um eine Verbuschung vorzubeugen. Das
TROCKENRASENBIOTOPE                                                                              nahmen und Richtlinien. So zum Beispiel              Projekt U&V schützt einige Arten dieser

IN BERLIN & BRANDENBURG
                                                                                                 die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH),            selten gewordenen Biotope durch Vermeh-
                                                                                                 die maßgeblich für das Natura-2000-Netz-             rung im Botanischen Garten der Universität

BEDROHT?                                                                                         werk ist und damit eine Vielzahl an Biotop-
                                                                                                 typen von internationaler Bedeutung un-
                                                                                                                                                      Potsdam und dem Späth Arboretum der
                                                                                                                                                      Humboldt Universität Berlin. Dabei werden
                                                                                                 ter Schutz stellt. Darin wurden auch die in          neue Flächen mit wichtigen Trockenrasen-
Der Großteil der europäischen Trocken-            Traditionelle Nutzungskonzepte wie Um-         Berlin-Brandenburg vorkommenden, aber                arten bestückt, die von Mitbürger:innen
rasen ist durch Jahrhunderte traditionel-         triebsweiden oder Wanderschäferei, die         sehr selten gewordenen trockenen und kal-            gepflegt und bestaunt werden können.
ler Landnutzung entstanden. Durch die             für einen kontinuierlichen Nährstoffaustrag    kreichen Sandrasen (Natura 2000: 6120)               Dass stetig neue Projekte, wie U&V ins
Nutzung als Mähwiese oder Schafweide              und die Eindämmung aufkommender Ge-            und die subpannonische Steppen-Trocken-              Leben gerufen werden, unterstreicht ihre
wurden kontinuierlich Nährstoffe von den          hölze sorgen, gelten heute als unwirtschaft-   rasen (Natura 2000: 6240) kategorisiert,             Notwendigkeit.
Flächen abgetragen, wodurch sich der für          lich und verlieren somit an Bedeutung. Die
Trockenrasenbiotope typische magere und           einst mageren Böden verändern sich durch
lockere Oberboden entwickelt hat.                 den Eintrag von Düngemitteln naheliegen-
                                                  der Feldwirtschaft und dem durch Stick-
Heute werden Trockenrasenökosysteme               stoffemissionen immer nährstoffreicheren
zunehmend fragmentiert oder gehen so-             Regen. So können auch gebietsfremde,
gar vollständig verloren. Hauptgrund da-          teils invasive Arten einwandern und den
für ist wohl die Aufgabe der extensiven           Trockenrasenarten zur Konkurrenz werden.
Landnutzung mit der Einführung von Mi-            Dabei breiten sich die fremden Arten un-
neraldünger und insbesondere der starke           gehindert aus, verdrängen die meist stark
Rückgang der Schäferei seit der zweiten           angepassten Arten und zerstören so die
Hälfte des 19. Jahrhunderts. Seither muss-        natürlich gewachsenen Biotope.
ten die Trockenrasen zum Zweck anderer
Nutzung weichen. An ihrer Stelle stehen           Seit Anfang des 20. Jahrhunderts ist die
heute oftmals aufgeforstete Kiefernwälder         Fläche der Kalkhalbtrockenrasen in den
oder Wohnanlagen, einige Flächen wurden           meisten Regionen Deutschlands um 80-90
auch für den Abbau von Sand und die Ge-           Prozent zurückgegangen. Vor allen in den
winnung von Zement geopfert. Zusätzlich           großen Ballungsräumen, wie Berlin-Bran-
verschwinden immer mehr der Trockenra-            denburg wird immer mehr ökologisch
senbiotope durch Verbuschung bei der die          wertvolle Fläche als Bauland genutzt und
                                                                                                   Beweidung mit Schafen im Park Sanssouci Potsdam,
Artenvielfalt meist gravierend abnimmt.           somit für lange Zeit versiegelt.                 Foto: Jakob Schulz

                                             24                                                                                                  25
misch abgeschlossen. Die verwendete Erde
                                                                                                  sollte möglichst nährstoffarm sein. Inzwi-
WIE KANN ICH                                                                                      schen gibt es von verschiedenen Anbietern
                                                                                                  Saatgut-Mischungen mit Trockenrasen-Ar-
                                                                                                                                                       Von U&V empfohlene
                                                                                                                                                     Regiosaatguthersteller für
IN MEINEM GARTEN                                                                                  ten. Oft orientieren diese sich eher am Le-         Berlin und Brandenburg:

EINEN TROCKENRASEN                                                                                bensraum Halbtrockenrasen und werden
                                                                                                  im Verkauf als „Trockenwiese“ bezeichnet.              Nagola Re GmbH

ANLEGEN?                                                                                          Doch Achtung: Manche Saatguthersteller                Alte Bahnhofstraße 65
                                                                                                                                                         03197 Jänschwalde
                                                                                                  verwenden den Begriff „Trockenrasen“ für                www.nagolare.de
                                                                                                  reine Rasenflächen, die aber keine Blüh-
                                                                                                  pflanzen enthalten.
                                                                                                                                                      Rieger Hofmann GmbH
                                                                                                                                                       In den Wildblumen 7-13
                                                                                                  Wenn das auserwählte Saatgut ausge-
                                                                                                                                                   74572 Blaufelden-Raboldshausen
                                                                                                  bracht wurde, sollte es für die ersten Wo-           www.rieger-hofmann.de
                                                                                                  chen feucht gehalten werden. Am besten
                                                                                                  passt man den Aussaatzeitpunkt der Wet-
                                                                                                  terprognose an. Bei sommerlicher Dürre           Saaten Zeller GmbH & Co. KG
                                                                                                  kann die Fläche einmal pro Woche gewäs-                   Ortsstraße 25
                                                                                                  sert werden. Bei hochwüchsigen Arten              63928 Eichenbühl-Guggenberg
                                                                                                  sollte die Fläche 1-2 mal im Jahr gemäht              www.saaten-zeller.de
                                                                                                  werden und bei kleinwüchsigen Arten 4-6
                                                                                                  mal im Jahr. Dies sollte jedoch besser durch    Verband deutscher Wildsamen-
                                                                                                  den Einsatz von Sense, Ziege oder Schaf er-    und Wildpflanzenproduzenten e.V.
                                                                                                  folgen, als durch den Rasenmäher. Um die                Perchstetten 1
                                                                                                                                                         35428 Langgöns
                                                                                                  gewünschte Nährstoffarmut zu erhalten,               www.natur-im-vww.de
Allen, die sich nun die Blütenpracht von           Für die Anlage eines Sandtrockenrasens         darf die Fläche nicht gedüngt werden. Eine
Karthäuser-Nelke und Co. im eigenen Gar-           darf der Boden nicht lehmig oder gar tonig     Verringerung des Nährstoffgehalts (Ausha-
ten wünschen oder etwas Gutes für die Bio-         sein. Stattdessen sollte er möglichst wenig    gern) wird zusätzlich durch die regelmäßige
topvielfalt tun möchten, denen haben wir           Nährstoffe enthalten und feuchtigkeitsab-      Entfernung des Mahdguts erreicht.
hier Tipps zusammengestellt, wie sie im ei-        leitend sein. Dies kann erreicht werden, in
genen Garten ein Trockenrasen-Biotop er-           dem man beherzt zur Schaufel greift und
schaffen können. Der Standort sollte nach          den Boden 40-50 cm tief aushebt. Anschlie-
Süden ausgerichtet und möglichst sonnig            ßend wird das Loch zu einem Großteil mit
sein. Sofern sich der Garten nicht schon           Kies und Schotter aufgefüllt, sodass das
in einer Dünen- oder Endmoränen-Land-              Wasser gut im Untergrund versickern kann.
schaft oder auf einem Hang aus Kalkstein           Es darf auf keinen Fall Staunässe entstehen.
mit einer nur sehr dünnen Humusschicht             Die Schotterschicht wird mit einer 5-10 cm
befindet, bedarf es einiger Vorarbeit.             dicken Schicht aus einem Sand-Erde-Ge-

                                              26
WIMMELBILD
WEITERFÜHRENDE LITERATUR
Wenn Sie mehr erfahren möchten, empfiehlt U&V folgende Literatur:

ONLINE:
LIFE Trockenrasen - aktuell laufendendes EU-LIFE Projekt (2019-2026):
https://www.life-trockenrasen.de/
LIFE Trockenrasen Projekt:
https://www.life-trockenrasen.de/projektgebiete/
Gebietskarte der NABU-Naturparadiese:
https://naturerbe.nabu.de/naturparadiese/auf-einen-blick/gebietskarte.html

BÜCHER, ZEITSCHRIFTEN UND BROSCHÜREN:
AUFDERHEIDE, Ulrike: „Rasen und Wiesen im naturnahen Garten.
Neuanlage - Pflege - Gestaltungsideen“. pala-Verlag. 2020.
KRAUSCH, Heinz-Dieter: „Die Sandtrockenrasen (Sedo-Scleranthetea) in
Brandenburg“, Mitteilungen der Floristisch-soziologischen Arbeitsgemein-
schaft. 1968. Neue Folge. Heft 13, S. 71–100.
LIFE Sandrasen (Hrsg.): „Leben im Sand“. 2019. Broschüre zum EU-LIFE
Projekt (2013-2019).
LUGV (Hrsg.): „Naturschutz und Landschaftspflege in Brandenburg - Lebens-
raumtypen der FFH-Richtlinie in Brandenburg“. 2014. Zeitschrift. Heft 3/4.
MÜLLER-STOLL, W. R. (Hrsg.): „Die Pflanzenwelt Brandenburgs“.
Gartenverlag Berlin-Kleinmachnow. 1955.
Sie können auch lesen