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Demenz-Report: wie sich die Regionen in
Deutschland, Österreich und der Schweiz auf die
Alterung der Gesellschaft vorbereiten können
Sütterlin, Sabine; Hoßmann, Iris; Klingholz, Reiner
Monographie / monograph
Zur Verfügung gestellt in Kooperation mit / provided in cooperation with:
SSG Sozialwissenschaften, USB Köln
Empfohlene Zitierung / Suggested Citation:
Sütterlin, S., Hoßmann, I., & Klingholz, R. (2011). Demenz-Report: wie sich die Regionen in Deutschland, Österreich
und der Schweiz auf die Alterung der Gesellschaft vorbereiten können. Berlin: Berlin-Institut für Bevölkerung und
Entwicklung. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0168-ssoar-321483
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Berlin-Institut für Bevölkerung
und Entwicklung
Berlin-Institut
für Bevölkerung und Entwicklung
Schillerstraße 59
10627 Berlin
www.berlin-institut.org
Demenz-Report
Wie sich die Regionen in Deutschland, Österreich und der Schweiz
Das Berlin-Institut dankt der Robert Bosch Stiftung für auf die Alterung der Gesellschaft vorbereiten können
die Unterstützung bei der Erstellung dieser Studie.
Berlin-Institut
ISBN 978-3-9812473-4-3
++++ wenn die Babyboomer ins Rentenalter kommen, fehlen potenzielle Betreuungspersonen +++ Abwanderungsregionen sind besonders gefordert +++ die Medizin hat nur wenig anzubieten +++ Solidarität muss neu gelernt werden +++ die Entwicklung der Kosten ist schwer abzuschätzen +++ Demenz gehört zum
Leben +++ betreuende Angehörige entlasten +++ die Selbstbestimmung von Menschen mit Demenz stärken +++ neue Wohnformen: Alternativen zu Haus und Heim +++ mindestens eine Million mehr Menschen mit Demenz bis 2050 in Deutschland +++ woher kommen die Pflegekräfte? +++ Angebote vernetzen +++++Mit Ihrer Spende oder Zustiftung unterstützen Sie die unabhängige Arbeit des Berlin-Instituts Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung ist ein unabhängiger Thinktank, der sich mit Fragen globaler demografischer Veränderungen und der Entwicklungspolitik beschäftigt. Das Institut wurde 2000 als gemeinnützige Stiftung gegründet und hat die Aufgabe, das Bewusstsein für den demografischen Wandel zu schärfen, nachhaltige Entwicklung zu för- dern, neue Ideen in die Politik einzubringen und Konzepte zur Lösung demografischer und entwicklungspolitischer Probleme zu erarbeiten. Das Berlin-Institut erstellt Studien, Diskussions- und Hintergrundpapiere, bereitet wissen- schaftliche Informationen für den politischen Entscheidungsprozess auf und betreibt ein On- line-Handbuch zum Thema Bevölkerung. Weitere Informationen, wie auch die Möglichkeit, den kostenlosen regelmäßigen Online- Newsletter „Demos“ zu abonnieren, finden Sie unter www.berlin-institut.org. Das Berlin-Institut finanziert sich über Projektzuwendungen, Spenden und Forschungs- aufträge. Das Institut ist als gemeinnützig anerkannt und erhält keinerlei öffentliche Grund- förderung. Spenden und Zustiftungen an das Berlin-Institut sind steuerlich absetzbar. Bankverbindung: Bankhaus Hallbaum BLZ 250 601 80 Konto 20 28 64 07 Bei Überweisungen bitte unbedingt Name und Adresse angeben, damit eine Spendenquittung zugestellt werden kann. Kontakt: Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung Schillerstraße 59 10627 Berlin Telefon 030 22324845 Telefax 030 22324846 E-Mail: info@berlin-institut.org
Berlin-Institut für Bevölkerung
und Entwicklung
Demenz-Report
Wie sich die Regionen in Deutschland, Österreich und der Schweiz
auf die Alterung der Gesellschaft vorbereiten könnenImpressum Herausgeber: Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung Schillerstraße 59 10627 Berlin Telefon: (030) 22 32 48 45 Telefax: (030) 22 32 48 46 E-Mail: info@berlin-institut.org www.berlin-institut.org Erste Auflage Februar 2011 Autoren: Sabine Sütterlin, Iris Hoßmann, Reiner Klingholz Steuerungsgruppe: Reimer Gronemeyer, Martin Polenz, Almut Satrapa-Schill, Petra Weritz-Hanf Wissenschaftliche Beratung: Christian Behl (Interdisziplinäres Forschungszentrum für Neurowissenschaften der Universität Mainz), Ylva Köhncke (Institut für Psychologie der Humboldt-Universität zu Berlin) Lektorat: Margret Karsch, Renate Wilke-Launer Organisation: Christian Kutzner Gestaltung: Jörg Scholz, Köln (www.traktorimnetz.de) Druck: Gebrüder Kopp GmbH & Co. KG, Köln Der überwiegende Teil der thematischen Landkarten wurde auf Grundlage des Programms EasyMap der Lutum+Tappert DV-Beratung GmbH, Bonn, erstellt. Das Berlin-Institut dankt der Robert Bosch Stiftung für die Unterstützung bei der Erstellung dieser Studie.
INHALT DEMENZ IST EIN TEIL DES LEBENS ....................................................................................4 DAS WICHTIGSTE IN KÜRZE ..............................................................................................6 1 – ALLMÄHLICHES VERGESSEN ........................................................................................8 2 – IMMER MEHR MENSCHEN MIT DEMENZ .....................................................................14 3 – WER KÜMMERT SICH UM DIE WACHSENDE ZAHL VON MENSCHEN MIT DEMENZ?.....29 4 – WIE KÖNNEN SICH GESELLSCHAFT UND POLITIK VORBEREITEN?............................56 HIER FINDEN SIE INFORMATIONEN UND HILFE...............................................................75 QUELLEN UND ANMERKUNGEN........................................................................................77
„Wenn ich drei Mal was frag‘, ja gut, das ist
halt so. Das muss akzeptiert werden, ja.“
Karl-Heinz Kleine, München1
DEMENZ IST EIN TEIL
DES LEBENS
Die modernen Gesellschaften der Länder, die 2008 betrug der Anteil unter 20-Jähriger Was bedeutet dieser Prozess für unsere
sich früh industrialisiert haben, stehen vor in den 27 EU-Mitgliedstaaten 21,7 Prozent, Gesellschaft? Sicher, die damit verbundenen
einem Wandel, den es in der Geschichte der während die Altersgruppe 60 Jahre und älter Herausforderungen sind neu. Aber sie stellen
Menschheit so noch nicht gegeben hat. Durch auf 22,4 Prozent kam.2 uns auch nur vor Aufgaben, wie sie jede
die niedrigen Kinderzahlen wachsen die Generation auf andere Weise erlebt – und im
Bevölkerungen kaum noch oder sie schrump- Deutschland ist beim demografischen Allgemeinen meistert.
fen bereits, wie dies in Deutschland der Fall Wandel gewissermaßen als Pionier voran-
ist. Gleichzeitig steigt die Lebenserwartung gegangen. Hier sind die Kinderzahlen Der erste Schritt im Umgang mit dem Wandel
weiter an. Die Bevölkerung altert somit aus besonders früh eingebrochen, daher hat besteht darin zu erkennen, dass die Zeiten
zwei Gründen: weil wenige Menschen nach- sich das Verhältnis bereits stark zugunsten des scheinbar immerwährenden Wachstums
kommen und viele sehr viel älter werden. der Älteren verschoben: 18,8 Prozent unter vorbei sind. Das öffnet den Blick dafür, dass
20-Jährige stehen hier 25,9 Prozent von 60 wir zwar immer länger gesund bleiben beim
Das hat dazu geführt, dass in Europa mitt- und mehr Jahren gegenüber.3 Aufgrund der Älterwerden, dass aber die Zahl jener, die
lerweile mehr ältere Menschen als Teenager heutigen Geburtenzahlen und des beobach- Unterstützung benötigen, dennoch steigt.
leben. teten Trends bei der Lebenserwartung lässt Denn so erfreulich es ist, dass unser Leben
sich voraussagen, dass sich dieser Effekt in länger dauern kann – untrennbar damit ver-
den kommenden Jahrzehnten weiter verstär- bunden ist, dass gegen das Ende hin häufig
ken und der Anteil Hochaltriger zunehmen Krankheiten auftreten, die früher nur deshalb
wird. Im Jahre 2050 dürfte jeder siebte seltener waren, weil weniger Menschen bis
Bewohner der Bundesrepublik Deutschland ins hohe Alter überlebten. Im Kampf gegen
80 Jahre oder mehr zählen. Österreich und
die Schweiz, die in diese Untersuchung mit
einbezogen wurden, befinden sich auf dem
gleichen Weg, sie sind nur noch nicht so weit
fortgeschritten.
4 Demenz-ReportSeuchen oder gegen Krebs hat die Medizin Wir müssen lernen, mit Demenz zu leben. Wir insgesamt 69,4 Millionen Einwohnern betrof-
zwar große Fortschritte gemacht. Typische dürfen zwar nicht vergessen, dass Demenz fen sein, also fast vier von hundert. Das sind
Alterserkrankungen wie Arthrose oder eine Krankheit ist, aber wir sollten in erster zu viele, um sie in Heimen von Fachpersonal
Altersblindheit kann sie aber bisher nicht Linie den Mitmenschen mit Demenz sehen versorgen zu lassen – selbst wenn es von
verhindern. In besonderem Maße gilt dies für und dafür Sorge tragen, dass er mit seinen beidem genug gäbe. Strukturschwache Re-
demenzielle Erkrankungen, die uns an unse- Wünschen und Fähigkeiten in soziale Bezüge gionen, aus denen die Jungen abgewandert
rer empfindlichsten Stelle treffen – an unse- eingebunden bleibt. Das ist leider noch nicht sind und eine überwiegend ältere Bevölke-
rem Geist und Verstand. Sie lassen sich bis oder nicht mehr selbstverständlich. rung zurückgelassen haben, sind damit in
dato nicht einmal wirklich aufhalten. Und sie besonderem Maße gefordert.
betreffen immer mehr Mitmenschen. In der Im frühen Stadium von Demenz ist ein ganz
Schweiz, die Demenzen in der Sterbestatistik normaler Umgang mit den Betroffenen mög- Demografischer Wandel erfordert einen
erfasst, stehen diese nach Herz-Kreislauf-Er- lich und erwünscht. Menschen mit Demenz klaren Blick auf das, was überhaupt möglich
krankungen und Krebs neuerdings an dritter sind aber auch dann noch Teil der Gesell- ist. Und mehr Solidarität, als wir sie in den
Stelle bei den häufigsten Todesursachen.4 schaft, wenn sie sich vielleicht nicht der goldenen Jahren für nötig hielten. Damals
Norm entsprechend verhalten. Forschungs- konnte und wollte der Staat viele soziale
Demenzen setzen der Vorstellung, natur- ergebnisse zeigen, dass auch in Spätstadien Aufgaben übernehmen, die heute, in Zeiten
wissenschaftlicher Fortschritt könne alle der Erkrankung noch reiche emotionale Res- knapperer Kassen, nicht mehr im gewohnten
körperlichen und geistigen Funktionsstörun- sourcen erschlossen werden können. Unsere Umfang geleistet werden können. Die inner-
gen irgendwann in den Griff bekommen, Haltung Menschen mit Demenz gegenüber familiäre und innergesellschaftliche Hilfe
einen empfindlichen Dämpfer auf. Diabetiker schafft die Rahmenbedingungen, die darü- hat mit dem sozialen Wandel abgenommen.
wissen, wann sie ihren Blutzuckerspiegel mit ber entscheiden, ob dieses Krankheitsbild Solidarität muss in einer Gesellschaft, die
Insulin drosseln müssen, manches kaputte mit Ängsten und Vorurteilen besetzt bleibt zudem durch Zuwanderer aus anderen Kul-
Knie oder verkalkte Hüfte lassen sich durch oder als eine von vielen Facetten des Lebens turen vielfältiger geworden ist, neu definiert
ein künstliches Gelenk ersetzen. Gegen akzeptiert wird und damit für alle leichter zu und neu gelernt werden. Den Wandel, der uns
Demenz hat die Medizin bislang wenig anzu- bewältigen ist. alle betrifft, können wir nicht aufhalten. Aber
bieten und es gibt keine Anzeichen dafür, wir können – und werden – unser Bild einer
dass sich daran kurzfristig etwas ändern Die Alterung der Gesellschaft und die damit modernen Gesellschaft verändern. Und damit
würde. Menschen mit Demenz können von verbundene Zunahme demenzieller Erkran- das Bild von uns selbst.
einem bestimmten Stadium der Erkrankung kungen kosten mit Sicherheit viel Geld – für
an nicht mehr sagen, ob ihnen etwas weh tut Diagnosen, Medikamente und andere Thera-
oder ob sie etwas benötigen. Sie brauchen pien, für Pflege und Betreuung. Der Gedanke Berlin, im Januar 2011
vor allem menschliche Zuwendung, Einfüh- lässt Menschen im erwerbsfähigen Alter
lungsvermögen und Zeit, denn sie äußern womöglich schaudern, klamme Kommunen, Dr. Reiner Klingholz
ihre Bedürfnisse oft über die Mimik oder die Kantone, Bundesländer und Staaten sowieso. Direktor Berlin-Institut für Bevölkerung
Körperhaltung. Doch mit Geld allein lässt sich angesichts der und Entwicklung
absehbaren Entwicklung wenig ausrichten:
Bei einer Bevölkerung von 77,4 Millionen
im Jahre 2030 dürften in Deutschland zwei
Millionen Menschen mit Demenz leben, im
Jahre 2050 könnten sogar 2,6 Millionen von
Berlin-Institut 5DAS WICHTIGSTE
IN KÜRZE
Der Begriff Demenz bezeichnet eine ganze Einige Regionen im Osten Deutschlands Kommunen tun also gut daran, die Öffent-
Gruppe von Krankheitsbildern, bei denen liegen heute schon über diesem Durch- lichkeit auf den Umgang mit gelegentlich
wichtige Gehirnfunktionen wie Gedächtnis, schnitt, die Werte dort dürften sich bereits desorientierten Mitbürgern vorzubereiten
Orientierung, Sprache und Lernfähigkeit 2025 verdoppelt haben. Zu diesem Zeitpunkt sowie Fantasie und Engagement zu fördern,
nach und nach unwiederbringlich verloren erreichen die starken Jahrgänge der „Baby- um ein Unterstützungssystem jenseits der
gehen. Mit rund zwei Dritteln aller Fälle ist boomer“ das Rentenalter. Die nachfolgenden heutigen Institutionen aufzubauen. Es gibt
die Alzheimer-Krankheit die häufigste Form. Generationen, die sich als Kinder, Schwie- viele Ideen und Modelle, die Lebensqualität
Die Wahrscheinlichkeit, an Demenz zu er- gerkinder, Enkel oder auch als professionelle von Menschen mit Demenz in allen Stadien
kranken, steigt nach dem 65. Lebensjahr steil Pflegekräfte um demenziell Erkrankte küm- der Erkrankung zu fördern. Und es gibt viele
an. Dabei sind aufgrund der höheren Lebens- mern könnten, fallen deutlich kleiner aus. Möglichkeiten, den pflegenden Angehörigen,
erwartung des weiblichen Geschlechts mehr Daraus ergibt sich eine Lücke, die zu füllen die heute die Hauptlast tragen, etwas davon
Frauen als Männer betroffen. eine wichtige gesellschaftliche und politische abzunehmen. Einige Beispiele sind in den
Aufgabe darstellt. letzten beiden Kapiteln dieses Berichtes dar-
Nach aktuellen Schätzungen leben heute gestellt. Die Empfehlungen, die sich daraus
rund 1,3 Millionen Menschen mit Demenz Vor besonderen Herausforderungen stehen ableiten, sind nachfolgend zusammengefasst.
in Deutschland. In Österreich sind es rund dabei wiederum jene Regionen, deren
130.000 und 120.000 in der Schweiz. Im Bevölkerungsstruktur von Alterung und Ab-
Durchschnitt kommen somit rund 1.500 wanderung geprägt ist, in denen also heute
Menschen mit Demenz auf 100.000 Einwoh- schon relativ wenige potenziell Betreuende
ner. Weil die Bevölkerungen generell altern, im Erwerbsalter für die über 65-Jährigen
dürfte sich dieser Anteil in Österreich und da sind. Diese Regionen übernehmen eine
der Schweiz bis zum Jahr 2050 verdoppeln. Pionierrolle, denn früher oder später wird die
In Deutschland, das sich kaum noch durch Entwicklung auch Regionen erreichen, die
Zuwanderung verjüngt, ist in diesem Zeit- heute noch vergleichsweise jung sind.
raum deutlich mehr als eine Verdoppelung zu
erwarten. Um den Herausforderungen zu begegnen,
ist nicht in erster Linie Geld nötig. Immer
mehr Heime zu bauen, taugt kaum als
Zukunftsstrategie, da deren Betrieb sehr
teuer ist und teilweise schon heute zu wenig
qualifiziertes Personal zur Verfügung steht.
Vielmehr fehlt es an Aufklärung. Demenz ist
heute häufig mit Ängsten und Tabus besetzt,
nicht zuletzt, weil die Forschung bis dato
kein Heilmittel gefunden hat. Umdenken ist
gefordert: Demenz ist ein normaler Teil des
Alterns. Menschen mit Demenz können ein
weitgehend selbstbestimmtes Leben führen,
wenn ihre Umgebung darauf eingestellt ist.
6 Demenz-ReportDAS WICHTIGSTE IN KÜRZE
Was kann der Staat tun? Was können Kommunen, Was kann jede und jeder
Kreise, Kantone tun? Einzelne tun?
die demografischen Daten zur Kennt-
nis nehmen und auf dieser Grundlage sich informieren sich informieren
eine Demenz-Strategie entwickeln
Projekte und Modelle studieren, sich engagieren
die gesetzlichen Regelungen zur Handbücher und Internetportale nutzen,
Versorgung Pflegebedürftiger den gute Ideen nachahmen betreuende Angehörige unterstützen
Bedürfnissen von Menschen mit Demenz
anpassen vorhandenen Sachverstand ausfindig bei Verdacht auf demenzielle Erkran-
machen und nutzen kung bei sich selbst oder nahestehen-
pflegende Angehörige unterstützen den Personen fachlichen Rat suchen,
und deren Motivation auch in Zukunft die bestehenden Einrichtungen abklären lassen
erhalten, etwa durch Anrechnung von und Organisationen einbinden und
Betreuungszeiten auf die Rente, die untereinander vernetzen bei Diagnose Demenz die Zeit nutzen
Förderung von Teilzeitarbeit, oder durch und rechtzeitig Vollmachten erteilen,
direkte Leistungen die Öffentlichkeit informieren Finanzielles und juristische Fragen
regeln
ehrenamtliches Engagement anregen aktiv gegen Tabus kämpfen
und fördern
das Recht von Menschen mit
Forschung gezielt fördern: sowohl Demenz auf ein selbstbestimmtes Leben Eine Liste mit Links und anderen
biomedizinische als auch Versorgungs- vertreten Informationsquellen findet sich am
forschung, Datenerhebung et cetera Schluss des Berichts.
Diskussionsforen und andere
Möglichkeiten bieten, sich mit dem
Thema auseinanderzusetzen
die Bürgerinnen und Bürger, ein-
schließlich der nachwachsenden
Generationen, mit ins Boot holen, ihre
Kreativität herausfordern, ein Klima
schaffen, das zur Beteiligung einlädt
ehrenamtliches Engagement anregen
und auch anerkennen
die Schaffung alternativer Wohn-
formen unterstützen
Demenz in Orts- oder Stadtteilplanung
einbeziehen
Berlin-Institut 7ALLMÄHLICHES
1 VERGESSEN
„Wir hatten uns den Ruhestand jedes Wochenende im Wechsel besuchten, Die Mitarbeiter eines Altersheimes, in dem
anders vorgestellt“ gab Frau R. ihren Job in Hannover auf und Frau R. ihn während eines Kuraufenthaltes
zog in das großzügige Einfamilienhaus ein, vorübergehend unterbrachte, verwiesen sie
Auf den ersten Blick ist nichts Außergewöhn- das Herr H. einst selbst gebaut hatte. Dieser an eine Gedächtnisklinik. Sie bekam einen
liches zu erkennen. Peter H., 72 Jahre, ist hatte inzwischen die Firma aufgelöst. Die Termin – sechs Monate später. Doch als es
ein stattlicher, gepflegt gekleideter Mann. Er beiden genossen einen aktiven Ruhestand so weit gewesen wäre, wurde eine Gallen-
lacht fröhlich, als er die zur Begrüßung an- mit Fahrradtouren, Reisen und anderen blasenoperation nötig. Zu diesem Zeitpunkt
gebotene Hand drückt. Herr H. hat Demenz. Unternehmungen. war Herr H. bereits nicht mehr in der Lage,
Ohne die Unterstützung seiner Lebensge- die Einverständniserklärung für den Eingriff
fährtin Sigrid R., 60, könnte er seinen Alltag Vor fünf Jahren fielen Frau R. erstmals Verän- zu unterschreiben, seine Söhne erhielten
nicht bewältigen. Morgens hilft sie ihm derungen an ihrem Partner auf. Mit der Mor- eine Vollmacht. Schließlich fand sich eine
beim Aufstehen, wäscht ihn und zieht ihn genzeitung war er merkwürdig schnell fertig. andere Klinik, die kurzfristig die für eine
an. Wenn Frau R. ihm dann die Zahnbürste Mit dem Auto fuhr er Schlangenlinien. Ein- sichere Diagnose notwendigen Tests und
reicht, lacht er diese an, weiß aber nichts mal kehrte er von einem Fahrradausflug mit Untersuchungen vornahm.
damit anzufangen. Es kommt vor, dass er einer Acht im Rad zurück, ohne erklären zu
mit den Fingern isst, weil ihm der Gebrauch können, wie es dazu gekommen war. In dem Damit konnte Frau R. nun offiziell Pflege-
des Bestecks entfallen ist. Ein Gespräch mit Laden, in dem er seit jeher einkaufte, wusste leistungen beantragen. Denn längst war die
ihm zu führen ist nicht möglich, er vermag er plötzlich nicht mehr, wo der Zucker steht. Versorgung ihres Lebensgefährten zu einem
allenfalls die Stimmung seines Gegenübers Die zwei erwachsenen Söhne von Herrn H., kräftezehrenden 24-Stunden-Job geworden:
zu erfassen. denen sie davon erzählte, winkten ab: Im Zwei Mal pro Nacht muss sie aufstehen,
Alter ein bisschen schusselig zu werden sei um die Inkontinenzeinlagen zu wechseln.
„Wie ein großes Kind“, sagt Frau R. und doch normal. Doch dann sollte die Küche Ständig muss sie ihn ermuntern, Flüssigkeit
wischt sich eine Träne aus dem Augenwin- neu gefliest werden und Herr H. scheute sich zu sich zu nehmen, muss darauf achten, dass
kel: „Es ist traurig zu sehen, wie ein so guter sichtlich, die Arbeit in Angriff zu nehmen, er seine Medikamente einnimmt, ihn zum
Mensch verfällt und nicht mehr er selbst ist. die er früher mit links erledigt hätte. Da Friseur, zur Fußpflege und zu Arztterminen
Wir hatten uns das ja anders vorgestellt.“ wurde ihr klar: „Hier stimmt was nicht.“ chauffieren. Um den ganz normalen Pa-
pierkram muss sie sich sowieso kümmern,
Peter H. ist gelernter Maurer und hat lange Bis dann die Diagnose Alzheimer-Demenz um Überweisungen, Versicherungen und
als selbständiger Kleinunternehmer Ein- feststand, gingen nochmals fast zwei Jahre dergleichen. Die Söhne, 46 und 40 Jahre
familienhäuser oder Ställe für die Bauern ins Land. „Ich hatte doch keine Erfahrung“, alt, haben zwar alle Vollmachten, sie rufen
in der ländlichen Gegend nordwestlich von sagt Frau R., „und er hat seine Ausfälle wohl auch regelmäßig an und besuchen das Paar.
Hamburg gebaut, wo er auch aufgewachsen bemerkt, aber versucht zu verstecken“. Anpacken muss Frau H. indessen allein.
ist. Früh verwitwet, lernte er im Jahre 1999 Auch, indem er sich immer mehr zurück-
Sigrid R. aus Hannover kennen, die ein Jahr zog, alle Kontakte abbrach, um sich nicht
zuvor ebenfalls Witwe geworden war. Nach erklären zu müssen. Als er sich morgens
einem Jahr, in dem sich die frisch Verliebten nicht mehr waschen wollte, holte sich Frau
R. zeitweilig Hilfe bei dem mobilen Pflege-
dienst der Diakonie.
8 Demenz-ReportWas ist Demenz? Was ist der Unterschied zwischen
Alzheimer und Demenz?
Der Begriff Demenz leitet sich von dem la-
teinischen Wort dementia ab und bedeutet Demenz ist der Überbegriff. Eine der mög-
wörtlich „ohne Verstand“. Früher fiel darunter lichen Formen von Demenz ist die Alzheimer-
jede Art von geistiger Störung. Heutzutage Krankheit, benannt nach dem Münchner
bezeichnet Demenz eine ganze Gruppe von Neurologen Alois Alzheimer, der 1906
Krankheitsbildern. Den Betroffenen kommen erstmals die charakteristischen Veränderun-
Inzwischen ist ihr ein Teil der Last abge- nach und nach wichtige Funktionen des Ge- gen im Gehirn einer verstorbenen Patientin
nommen. Nachdem der erste Antrag auf hirns abhanden: Gedächtnis, Denken, Orien- beschrieben hatte. Dabei bilden sich Protein-
KAPITEL 1
Anerkennung der Pflegebedürftigkeit, tierung, Auffassung, Rechnen, Lernfähigkeit, Ablagerungen im Hirngewebe, so genannte
ohne die es keine finanzielle Hilfe für pro- Sprache und Urteilsvermögen. Amyloid-Plaques zwischen den Nervenzellen
fessionelle Unterstützung gibt, abgelehnt und faserförmig verklumpte so genannte
worden war und Frau R. eine Weile erfolg- Das Bewusstsein ist dabei nicht getrübt. Tau-Proteine innerhalb der Zellen. Möglicher-
los herumtelefoniert hatte, fand sie bei der Halluzinationen können sich einstellen; weise tragen diese Ablagerungen dazu bei,
Kreis-Beratungsstelle für Pflege, getragen Betroffene sprechen etwa von einem „Film“, dass die Nervenzellen absterben und Signale
von der Alzheimer Gesellschaft, endlich die den sie parallel zur Realität wahrnehmen. zwischen den verbliebenen Nervenzellen
richtigen Informationen. Binnen kurzem Neben den genannten „kognitiven“ Funktio- nicht mehr richtig weitergeleitet werden.
war Herr H. im Besitz eines Behinderten- nen – also jenen, die der Wahrnehmung und Wie das genau geschieht, wird jedoch noch
ausweises und erhielt Leistungen aus Erkenntnis dienen – verändert sich manch- erforscht. Die Alzheimer-Krankheit macht
der gesetzlichen Pflegeversicherung. Er mal auch die Persönlichkeit. Dies äußert mit geschätzten zwei Dritteln aller Fälle
stieß zum Dienstags-Treff der örtlichen sich individuell unterschiedlich. Menschen den Hauptanteil unter den verschiedenen
Alzheimer Gesellschaft, wo Ehrenamtliche mit Demenz können einen heiteren Gemüts- Demenz-Formen aus.5
Menschen mit Demenz in kleinen Gruppen zustand aufweisen, sie können aber auch
betreuen – für Sigrid R. drei freie Stunden, antriebslos wirken oder in unkontrollierte
in denen sie auch mal wieder an sich den- Gefühlsausbrüche verfallen.
ken konnte. Später erhielt Herr H. einen
Platz in einer professionellen Tagespflege.
Dort verbringt er inzwischen vier Tage die
Woche, wird morgens zwischen acht und
Sonstige
neun Uhr mit einem Kleinbus abgeholt Alzheimer ist die häufigste Alzheimer-
und gegen Abend wieder bis zur Haustür Form von Demenz Mischformen Demenz
5
gebracht. Und ist sichtlich zufrieden. von Demenz
Die Alzheimer-Krankheit ist unter
den demenziellen Erkrankungen 15
„Er kann sich wieder über schöne Blumen bei weitem die häufigste. Nicht
freuen oder über gutes Essen“, erzählt in allen Fällen lässt sich jedoch
Sigrid R.: „Überhaupt ist er ganz lieb, er genau feststellen, welche Form
lacht viel, ist bisher nie aggressiv gewor- vorliegt. Die Angaben schwanken
denn auch je nach Quelle.
den. Und wenn ich ihn umarme und sage:
Peterchen, ich hab dich lieb, dann umarmt Vaskuläre
15
er mich zurück.“ Demenz
65
Berlin-Institut 9Was ist die Ursache von Welche weiteren Formen von Werden nur alte Leute dement?
Alzheimer? Demenz gibt es?
Alter ist der entscheidende Risikofaktor: Nach
Die Wissenschaft hat bislang nicht zu ergrün- Ähnlich wie bei der Alzheimer-Krankheit dem 65. Lebensjahr steigt die Wahrschein-
den vermocht, warum sich bei Alzheimer- kommt es auch bei der Lewy-Körperchen- lichkeit, an Demenz zu erkranken, deutlich
Patienten Ablagerungen im Gehirn bilden. Demenz und bei der Pick-Krankheit zum an. Weniger als drei Prozent der Erkrankun-
Sie kann auch nicht erklären, warum manche Absterben von Nervenzellen in bestimmten gen treten unterhalb dieser Altersgrenze auf,
Menschen in geistiger Gesundheit alt werden, Gehirnregionen. Bei der Pick-Krankheit, sie werden als Demenz mit frühem Beginn
obwohl nach ihrem Tod massive Ablagerun- im Fachjargon fronto-temporale Demenz bezeichnet.7
gen in ihrem Gehirn zu finden sind. Solche genannt, betrifft dies vorrangig Areale, die
widersprüchlichen Befunde kennt man aus das Verhalten kontrollieren.
Studien an Ordensschwestern, die über viele
Ist Demenz erblich?
Lebensjahre beobachtet werden konnten und Auch eine gestörte Durchblutung der Blut-
die ihre Gehirne nach dem Tod der Forschung gefäße im Gehirn oder mehrere kleine Hirn-
zugänglich gemacht hatten. schläge können letztlich zu dem beschrie- Bestimmte genetische Voraussetzungen,
benen Krankheitsbild führen.6 Dies wird beispielsweise solche, die mit der Regulie-
als vaskuläre (lateinisch für gefäßbedingte) rung der Blutfette zu tun haben, spielen bei
Demenz bezeichnet. Etwa 15 Prozent der der Entstehung der Alzheimer-Krankheit eine
auftretenden Demenzen entfallen auf diese Rolle. Sie sind jedoch nicht der alleinige Aus-
Form, weitere 15 Prozent auf Mischformen löser, sondern lediglich ein Risikofaktor.8
von Alzheimer- und vaskulärer Demenz.
Außerdem kann Demenz als Begleiterschei- Bei der familiären Alzheimer-Krankheit hin-
nung anderer Krankheiten auftreten, bei- gegen reichen einzelne Genveränderungen
spielsweise bei Parkinson, bei einer Infektion aus, um das Krankheitsbild hervorzurufen.
mit HIV, bei Tumoren oder nach schweren Sie kommt aber sehr selten vor. In den
Schädel-Hirn-Verletzungen. betroffenen Familien tritt die Erkrankung
häufig bereits in jüngeren Jahren auf, das
Ob Nervenzellen absterben oder Durchblu- heißt vor dem 60. Lebensjahr. Wer mehrere
tungsstörungen Schäden anrichten – die nahe Verwandte hat, die vorzeitig an Demenz
sichtbaren Symptome unterscheiden sich erkrankt sind, muss mit einem gegenüber
bei den verschiedenen Formen von Demenz dem Durchschnitt der Bevölkerung erhöhten
wenig. Nur die Geschwindigkeit, mit welcher eigenen Demenz-Risiko rechnen. Umgekehrt
der kognitive Verfall fortschreitet, fällt unter- liegt allerdings nicht jedem Fall von Demenz
schiedlich aus. Manchmal lässt sich nicht ab- mit frühem Beginn eine vererbte Genverän-
schließend klären, welche Form im Einzelfall derung zugrunde.
vorliegt oder ob es sich um eine Mischform
handelt. Für das Leben mit Demenz ändert
dies wenig.
Demenzartige Ausfälle können auch als Folge
extremer Mangelerscheinungen auftreten,
zum Beispiel bei starker Austrocknung oder
bei einer Fehlfunktion der Schilddrüse. Im
Unterschied zu den zuvor aufgezählten For-
men von Demenz verschwinden diese Aus-
fälle jedoch, sobald der zugrunde liegende
Mangel behoben ist.
10 Demenz-ReportMenschen mit beginnender Demenz gehen
Wo liegt die Grenze zwischen Wie verläuft die Erkrankung und
einem Arztbesuch womöglich aus dem Weg,
Alterszerstreutheit und Demenz? wie lange dauert sie?
aus Scham oder weil sie den Gedanken an
eine Erkrankung verdrängen. Da ein Patient
Es ist normal, ab und zu die Hausschlüssel aber nur mit seinem Einverständnis medi- Bei jedem betroffenen Menschen etwas an-
zu verlegen. Wenn aber jemand sein Schlüs- zinisch untersucht werden kann, benötigen ders. Zu Beginn fallen manchmal kognitive
selbund im Kühlschrank oder anderen un- Angehörige viel Fingerspitzengefühl, um bei- Störungen auf (siehe „Wo liegt die Grenze
sinnigen Stellen verstaut und dies nicht nur spielsweise bei einem ohnehin anstehenden zwischen Alterszerstreutheit und Demenz?“).
einmal, heißt es aufmerken. Typische erste Termin das Thema anzusprechen. Grundsätz- Grob lassen sich drei Stadien unterscheiden.
Anzeichen sind auch massive Wortfindungs- lich kann der Hausarzt, ein Allgemeinprak- Zur Bewertung ziehen die Experten dabei
störungen oder das Nichterkennen eigentlich tiker oder Internist die Verdachtsdiagnose meist das Ergebnis des „Mini-Mental-Status-
KAPITEL 1
vertrauter Gegenstände, Personen und Orte. stellen und die medizinische Versorgung Tests“ heran: Der Maximalwert beträgt 30
Wenn mehrere kognitive Funktionen, etwa übernehmen. Die Diagnose sichern sollte Punkte. Bei weniger als 24 Punkten spricht
das Gedächtnis und der Orientierungssinn, aber eine spezialisierte Praxis für Neurologie man von leichter Demenz, bei weniger als 20
sich über ein halbes Jahr hinweg fortschrei- und Psychiatrie, eine Gedächtnissprechstun- von mittlerer und bei weniger als zehn Punk-
tend verschlechtern, sollte man zur Abklärung de oder „Memory Clinic“.11 ten von schwerer Demenz.
einen Arzt aufsuchen.
Für die Diagnose sind die Aussagen beglei- Menschen mit Demenz im Anfangsstadium
Die Medizin spricht bei Menschen mit sol- tender Angehöriger über Ausfälle und den können im Großen und Ganzen ein normales
chen Auffälligkeiten, die ihren Alltag normal Zeitraum, in dem diese zu beobachten waren, Leben führen. Nur komplizierte Aufgaben
bewältigen, von „leichter kognitiver Beein- wichtig. Mithilfe psychologischer Untersu- zu erledigen fällt ihnen schwer. Wenn sie
trächtigung“. Dieser Zustand mündet in vie- chungen wie dem „Mini-Mental-Status-Test“ Schwierigkeiten mit der räumlichen Orientie-
len, aber nicht in allen Fällen in eine Demenz, oder dem Uhren-Zeichen-Test („Zeichnen rung haben, müssen sie eventuell das Auto-
meist vom Alzheimer-Typ.9 Sie eine Uhr, deren Zeiger auf zehn vor elf fahren aufgeben oder, falls noch berufstätig,
stehen“) lässt sich dann der Verdacht auf die Arbeit. Hinzu können passives Verhalten
Demenz recht einfach eingrenzen. Ergänzend oder depressive Verstimmungen kommen.
müssen bestimmte Blutwerte analysiert wer- Im mittleren Stadium ist eine selbständige
Wer stellt die Diagnose und wie?
den, um möglicherweise behandelbare zu- Lebensführung mit Unterstützung möglich.
grunde liegende Erkrankungen auszuschlie- Betroffene können einfache Tätigkeiten
Je früher eine Demenz eindeutig diagnos- ßen. Bildgebende Verfahren wie Computer- verrichten. Mitunter entgleitet ihnen jedoch
tiziert wird, desto besser. Denn so können Tomografie oder PET-Scan machen eventuell die Kontrolle über ihre Gefühle. Schreitet
Betroffene selbstbestimmt und in aller Ruhe, vorliegende Tumore sichtbar und geben im die Krankheit weiter voran, können sie kaum
gemeinsam mit der Familie, dem Freundes- Fall einer Alzheimer- oder anderen degenera- noch ein eigenständiges Leben führen: Sie
kreis und gegebenenfalls dem Arbeitgeber, tiven Form von Demenz Aufschluss über das vermögen nicht mehr zu sprechen, innere
ihre Angelegenheiten regeln und ihre weitere Ausmaß der Zerstörungen im Hirngewebe. Unruhe treibt sie und oft gerät der Tag-Nacht-
Lebenssituation planen. Außerdem verbes- Rhythmus durcheinander.
sert eine frühe Diagnose die Aussichten, den
Rückgang der kognitiven Leistungen mit Me- Bei einer schweren Demenz geht allmählich
dikamenten, aber auch mit Rehabilitations- auch die Kontrolle über Appetit, Durst und
maßnahmen und Trainings hinauszuzögern. andere Körperfunktionen verloren. Dadurch
stellen sich in diesem dritten Stadium
Die Diagnose mag zunächst schockieren, sie in ganz besonderem Maße zusätzliche,
verschafft aber auch Klarheit, der betroffenen alterstypische Erkrankungen ein: Unter-
Person wie auch den Angehörigen. Und sie ernährung, Muskelschwund und mangelnde
hilft, Fehlbehandlungen zu vermeiden.10
Berlin-Institut 11Bewegungskoordination können zu Stürzen
Kann man vorbeugend etwas Bewahrt Bildung vor Demenz?
führen, die ein hohes Risiko für Knochen-
gegen Demenz tun?
brüche bergen.12 Die geschwächte körper-
eigene Abwehr lässt schwer Demenzkranke Auch Intellektuelle sind nicht dagegen gefeit,
auch anfälliger für Infektionen werden, etwa Zumindest das Risiko für vaskuläre Demenz wie das in einem eindrücklichen Film doku-
Lungenentzündungen, die zum Tode führen lässt sich beeinflussen: durch alles, was die mentierte Beispiel des Tübinger Rhetorik-
können. Eine fortgeschrittene Demenz erfor- Blutgefäße schützt. Wer sich also gesund Professors und Literaten Walter Jens zeigt.21
dert einen hohen Aufwand an Betreuung, den ernährt, viel bewegt und nicht raucht, wer Es gibt aber Hinweise, dass das Gehirn von
die Angehörigen oft nicht mehr leisten kön- Gewicht, Blutdruck, Blutzucker und Blut- Menschen, die ein geistig und sozial sehr
nen. Sie ist daher der mit Abstand wichtigste fettwerte im Auge behält beziehungsweise aktives Leben führen, eine gewisse „Reserve“
Anlass für die Aufnahme in ein Pflegeheim.13 behandeln lässt, hat bessere Aussichten auf hat. Es kann also angehäuftes Wissen noch
Jedes der drei Stadien dauert durchschnitt- ein Alter in Gesundheit. Ein solcher Lebens- lange nutzen, auch wenn die Fähigkeit zum
lich drei Jahre. Bei Alzheimer kann die stil schützt womöglich bis zu einem gewissen Lernen, Denken und Kombinieren allmählich
Erkrankung sowohl viel langsamer als auch Grad auch vor der Alzheimer-Krankheit, da verschwindet.22
schneller ablaufen.14 sich die beiden Formen von Demenz mischen
können und – falls Gefäßerkrankungen wei-
In den meisten Ländern taucht Demenz terhin in gleichem Maße zunehmen wie dies Kann man Demenz heilen?
in den Sterberegistern nicht als direkte in den letzten Jahren der Fall war – in Zukunft
Todesursache auf. Denn selbst wenn eine zunehmend überlappen können.16
Nein. Die Wissenschaft hat bis dato keine
Diagnose vorlag, ist schwer festzustellen, ob
Substanz gefunden, die an den Wurzeln
die Demenz als Grunderkrankung oder doch Ein guter körperlicher Allgemeinzustand und
ansetzt und so die manifeste Erkrankung
eine Folgeerkrankung zum Tod geführt hat. eine fett- und cholesterinarme Ernährung gel-
zurückdrängt, heilt oder sogar eine vorbeu-
Die Schweiz macht eine Ausnahme und folgt ten als möglicher Schutz vor der Alzheimer-
gende Wirkung hat. Daran wird sich nichts
darin der Weltgesundheitsorganisation, die Krankheit. Wissenschaftlich eindeutig lässt
ändern, solange die Vorgänge im Gehirn
1995 Demenz als Todesursache definierte, es sich das jedoch nicht belegen. Dasselbe gilt
nicht aufgeklärt sind, die zur Zerstörung
aber den Ländern überließ, dies in die natio- für Nahrungsbestandteile wie Omega-3-Fett-
von Nervenzellen und zur Entstehung von
nalen Register zu übernehmen.15 säuren, für cholesterinsenkende Medikamen-
Alzheimer- und anderen degenerativen
te und Hormone wie Östrogen und Leptin:
Formen von Demenz führen. Zwar dringen
Bislang ließ sich die vermutete vorbeugende
aus den Forschungslabors immer wieder
Wirkung nicht nachweisen.17
Nachrichten über diesen oder jenen vielver-
sprechenden Stoff, aber bislang hat jeder
Britische Psychiater warnten kürzlich davor,
enttäuscht, lange bevor es überhaupt zur
dass die bei manchen Jugendlichen verbreite-
klinischen Erprobung kam.
te Unsitte des Komasaufens ebenso wie jede
Form von Alkoholismus dereinst zu einem
Anstieg der vaskulären Demenzen führen
könnte.18 Offenbar hat Schottland eine Zu-
nahme von Demenzfällen im jüngeren Alter
im Zusammenhang mit Alkohol verzeichnet.
In jüngster Zeit hat sich zudem herausge-
stellt, dass chronischer Schlafmangel mit
einem erhöhten Risiko für Alzheimer-Demenz
einher geht.19 Dies gilt auch für schwere
Depressionen.20
12 Demenz-ReportEs gibt aber inzwischen Medikamente, die
Was brauchen Menschen mit Wie häufig ist Demenz?
den Abbau der geistigen Funktionen zumin-
Demenz?
dest verzögern. Seit 1996 sind so genannte
Acetylcholin-Esterase-Hemmer erhältlich. Je nachdem, welche Statistik man zu Rate
Sie bewirken, dass bei leichter und mittel- Die Behandlung medizinischer Probleme, zieht, sind zwischen 0,9 und 1,7 Prozent der
schwerer Alzheimer-Demenz die Gehirnzellen die Versorgung mit Medikamenten und die Gesamtbevölkerung Europas über 30 Jahren
untereinander wieder besser kommunizieren körperliche Pflege sind natürlich elementare von Demenz betroffen. Betrachtet man nur
können und schieben so den Verfall um ei- Voraussetzung. Mindestens ebenso wichtig die Bevölkerung über 65 Jahren, beträgt der
nige Monate, im Höchstfall anderthalb Jahre für das Befinden der erkrankten Person und Anteil zwischen sechs und neun Prozent,
hinaus. Diese Mittel können Nebenwirkungen den Verlauf der Erkrankung sind aber Beglei- wobei die Wahrscheinlichkeit, an Demenz
wie Übelkeit, Erbrechen oder Durchfälle tung und Kommunikation, also menschliche zu erkranken, mit zunehmendem Alter steil
auslösen, die sich durch langsame Steigerung
KAPITEL 1
Nähe. ansteigt: Sie verdoppelt sich etwa alle fünf
der Dosis jedoch meist vermeiden lassen. Altersjahre.
Seit 2002 steht mit Memantin ein Wirkstoff Zu Beginn benötigen Menschen mit Demenz
zur Verfügung, der ähnliche Wirkungen bei vor allem Unterstützung bei der Bewälti- Nach aktuellen Schätzungen leben in
mittelschwerer bis schwerer Alzheimer- gung des Alltags und bei den Aktivitäten, Deutschland rund 1,3 Millionen Menschen
Demenz entfaltet.23 Bei leichter kognitiver die ihnen noch möglich sind. Wenn sie mit Demenz, um 130.000 sind es in Öster-
Beeinträchtigung scheinen die genannten später ihre Gedanken, Wünsche oder auch reich mit seinen 8,4 Millionen Einwohnern
Medikamente jedoch keinen Effekt zu haben, Schmerzempfindungen nicht mehr in Worte und 120.000 in der 7,7 Millionen Häupter
auch bei vaskulärer Demenz haben sie nur zu fassen vermögen, teilen sie diese immer zählenden Schweiz.26 Mehr als zwei Drittel
schwache Wirkung gezeigt, weshalb sie aus- noch mittels Mimik, Lautäußerung oder Kör- der Menschen mit Demenz sind Frauen. Sie
schließlich für die Behandlung von Alzheimer- perhaltung mit. Pflegende müssen lernen, haben nicht etwa ein höheres Erkrankungs-
Demenz zugelassen sind.24 diese Mitteilungsformen zu „lesen“, ebenso, risiko, sondern leben einfach im Durchschnitt
mit gelegentlichen aggressiven Ausbrüchen, länger und sind daher in den Altersgruppen
Die beste Behandlung, die ein an Demenz mit Bewegungsdrang und anderen „Macken“ mit steigender Demenzwahrscheinlichkeit
erkrankter Mensch nach dem Stand der wis- umzugehen. Die dazu notwendigen Kennt- stärker vertreten.
senschaftlichen Erkenntnis erfahren kann, nisse können Angehörige und Laien-Helfer
besteht daher aus drei Säulen: erstens einer inzwischen in Kursen, mithilfe von Broschü-
Beratung, die alle zur Verfügung stehenden ren und Büchern oder im Internet erwerben.
Versorgungsstrukturen ausschöpft, zweitens Ebenso wichtig ist aber auch, dass Menschen
Anregung der verbliebenen geistigen Fähig- mit Demenz in ihrer Nachbarschaft Verständ-
keiten, der Gefühle, der Erinnerungen und nis finden. Einem verwirrten Mitbürger, der
der Motorik durch entsprechende Therapien, sich verlaufen hat, oder einer alten Frau, die
sowie drittens einer angepassten Behandlung mehrmals täglich immer das Gleiche ein-
mit den vorhandenen Medikamenten. Diese kauft, lässt sich leicht helfen, wenn man rich-
werden aber zurzeit nicht in ausreichendem tig reagiert. Dazu müssen die Bewohner des
Maße eingesetzt.25 Dorfes oder des Quartiers, die Angestellten
von Geschäften und Banken, die Polizeibeam-
ten und Feuerwehrleute informiert sein. Das
gelingt mithilfe von leicht zugänglichen Infor-
mationen, Zeitungsartikeln, Radiosendungen
oder Schulungskursen.
Berlin-Institut 13IMMER MEHR
2 MENSCHEN MIT DEMENZ
2.1 Weniger Nachwuchs In Deutschland leben heute rund 1,3 Millio- Verschärft wird diese Entwicklung noch
nen Menschen mit Demenz. Bis zum Jahr durch die steigende Lebenserwartung. Im
bei steigender 2050 wird sich diese Zahl Schätzungen zu- Deutschen Reich unter Bismarck konnten
Lebenserwartung folge verdoppeln.27 Bis dahin werden aber im männliche Neugeborene mit einer durch-
Vergleich zu heute deutlich weniger Jüngere schnittlichen Lebensspanne von 35,6 Jahren
Europa schrumpft und altert. In den einzel- da sein. Damit fehlen nicht nur Einzahler in rechnen, weibliche mit 38,4 Jahren. Heute
nen Ländern geschieht dies in unterschied- die Sozialsysteme, sondern auch professio- beträgt die Lebenserwartung bei der Geburt
lichem Ausmaß. Die Ursachen sind jedoch nelle Pflegekräfte sowie Söhne, Töchter oder 77,3 beziehungsweise 82,5 Jahre. Mit diesen
überall die gleichen: Erstens steigt die Schwiegerkinder, die sich um die Erkrankten Werten befindet sich Deutschland im euro-
Lebenserwartung, zweitens liegen die Ge- kümmern können. päischen Mittelfeld, ebenso wie Österreich.
burtenraten heute deutlich niedriger als noch Die Schweiz hingegen nimmt mit 79,7 Jahren
vor dreißig, vierzig Jahren. Dadurch wächst Seit rund zwanzig Jahren bekommen Frauen für Männer, 84,4 für Frauen sowohl in Europa
der Anteil älterer Menschen an der Gesamt- in Deutschland im Laufe ihres Lebens durch- als auch weltweit einen Spitzenplatz ein.28 In
bevölkerung, während am unteren Ende der schnittlich nur noch höchstens 1,4 Kinder. Deutschland könnte den jüngsten Daten zu-
Bevölkerungs-„Pyramide“ immer weniger In Österreich waren es im gleichen Zeitraum folge jeder zweite Mann mindestens den 80.
Junge nachkommen. Da die Wahrscheinlich- maximal 1,5 und in der Schweiz knapp 1,6 Geburtstag erreichen, jede zweite Frau könn-
keit, an Demenz zu erkranken, mit dem Alter Kinder je Frau. Das bedeutet, dass jede Kin- te, statistisch gesehen, 85 Jahre alt werden.
zunimmt, wird mit dem wachsenden Anteil dergeneration um ein Drittel kleiner ist als
über 65-Jähriger auch die Zahl der Menschen die jeweilige Elterngeneration. Zuwanderung
mit Demenz ansteigen. macht einen Teil des Geburtenrückganges
wett. Sie kann jedoch die Alterung nicht
verhindern, zumal der größere Teil der Ein-
gewanderten sich auf Dauer in der neuen
Heimat einrichtet und hier alt wird.
Wir werden immer älter 90 Entwicklung der Lebens-
erwartung 1950 bis
86 2050 für ausgewählte
Dank medizinischer Fortschritte, besserer Ernährung
und weniger verschleißender Arbeitsbedingungen 82 Länder
werden die Bewohner der Industrienationen seit Japan
Mitte des 19. Jahrhunderts stetig älter. Altersforscher 78
Schweiz
gehen davon aus, dass sich dieser Trend fortsetzt.
74 Schweden
Seit 1950 ist die durchschnittliche Lebenserwartung
bei Geburt in Österreich bereits um rund 14 Jahre Österreich
70
gestiegen, in Deutschland um zwölf Jahre und in der Deutschland
Schweiz um fast 13 Jahre. Prognosen der Vereinten 66
Nationen zufolge können die Bewohner dieser Länder (Datengrundlage: Popu-
62 lation Division of the
bis 2050 mit einer Zunahme um weitere rund fünf
1950 - 1955
1955 -1960
1960 -1965
1965 -1970
1970 - 1975
1975 -1980
1980 -1985
1985 -1990
1990 -1995
1995 -2000
2000 -2005
2005 -2010
2010 -2015
2015 -2020
2020 -2025
2025 -2030
2030 -2035
2035 -2040
2040 -2045
2045 -2050
Jahre rechnen. Die Kurven für Schweden und Japan Department of Economic
sind hier zusätzlich dargestellt, um zu zeigen, dass and Social Affairs
sich die Lebenserwartung in hoch entwickelten of the United Nations
Ländern mit der Zeit angleicht. Secretariat)
14 Demenz-ReportWas bedeuten diese Entwicklungen? Heute Der Hut wird breiter, die Basis schmaler Deutschland 2008
zählen 7,6 Prozent der Weltbevölkerung 65 100 und älter Männer Frauen
Wie im Zeitraffer lässt sich mithilfe der grafischen
Jahre und mehr. Nach der mittleren Prognose- 95
Aufgliederung nach Altersgruppen die Alterung 90
Variante der Vereinten Nationen steigt dieser in Deutschland zeigen. Die Form der früheren 85
Anteil bis zum Jahr 2030 auf 11,7 Prozent, bis „Bevölkerungspyramide“ ist 2008 nur noch zu 80
75
2050 dürfte er sich auf 16,2 Prozent mehr als erahnen, sie ähnelt mehr einem Pilz. 2050 hat der 70
verdoppelt haben. Da die Lebenserwartung Nachwuchs, also die Basis, einen immer breiter 65
werdenden Hut zu tragen. 60
aller Voraussicht nach weiter ansteigt, wird 55
vor allem der Anteil Hochaltriger wachsen. 50
Bevölkerungsaufbau nach Altersjahren in 45
In den Industrienationen machen 80-Jährige Deutschland 2008, 2030 und 2050 in Prozent 40
und Ältere heute vier bis sechs Prozent der (Datengrundlage: Statistisches Bundesamt 35
Deutschland, 12. koordinierte Bevölkerungs- 30
Bevölkerung aus. Im Jahre 2030 werden in 25
vorausberechung Variante 1-W2) 20
Deutschland, Frankreich, Österreich und der
15
Schweiz sieben bis acht Prozent aller Einwoh- 10
ner über 80 Jahre alt sein.29 Entsprechend 5
0
hat auch die Zahl der über Hundertjährigen,
früher eine vernachlässigbare Größe, stark sagen die Statistiker einen noch höheren Deutschland 2030
zugenommen und wird weiter wachsen. Anstieg voraus, auf zwölf bis 14 Prozent,
100 und älter
Zwischen 2030 und 2050 gewinnt die Ent- je nachdem, welche Annahmen über die 95
wicklung noch an Dynamik, weil dann die Entwicklung von Geburtenhäufigkeit, Lebens- 90
KAPITEL 2
85
Babyboomer in die obersten Altersgruppen erwartung und Zuwanderung man zugrunde 80
vorrücken. Damit steigt voraussichtlich auch legt.30 Rund 14 Prozent Hochaltrige im Jahr 75
70
die Zahl der Menschen mit Demenz stark an. 2050 – das bedeutet, jeder siebte Bewohner 65
der Bundesrepublik Deutschland ist dann 60
55
Deutschland und Italien weisen heute schon mindestens 80 Jahre alt. In dieser Altersgrup- 50
die ältesten Gesellschaften Europas auf. Der pe ist die Wahrscheinlichkeit, an Demenz zu 45
40
Anteil der Bevölkerung, der 65 Jahre und erkranken, besonders hoch. 35
30
mehr zählt, beträgt in Italien 20,4 Prozent, 25
in Deutschland 20,5 Prozent – also deutlich 20
15
mehr als das europäische Mittel von 16,3 2.1.1 Alt ist nicht gleich alt – wie leben 10
Prozent. Auch Österreich mit 17,6 und die Menschen über 65 heute? 5
0
Schweiz mit 17,3 Prozent liegen darüber. Den
Prognosen der Vereinten Nationen zufolge Wann man alt ist, hängt nicht nur vom sub-
Deutschland 2050
dürfte bis zum Jahre 2050 in den genannten jektiv „gefühlten“ Zustand ab, sondern auch
Ländern etwa jeder dritte Bewohner die 65 davon, wer Alter definiert und unter welchen 100 und älter
95
überschritten haben. Der Anteil Hochaltriger Gesichtspunkten. Das Risiko für Demenz 90
ab 80 dürfte sich in Italien von heute 6,1 beginnt mit 65 anzusteigen. Deshalb sei hier 85
80
Prozent auf 13,4 Prozent bis 2050 mehr als 65 als Grenze genommen, im Bewusstsein, 75
dass „die Alten“ keine homogene Gruppe 70
verdoppeln. Für Deutschland, wo der Anteil 65
Hochaltriger heute bei 5,1 Prozent liegt, bilden, sondern nach Phasen des letzten 60
55
Lebensabschnittes unterschieden werden: 50
von den „jungen Alten“ bis zum Greis, von 45
40
„älteren Arbeitnehmern“ über Vorruheständ- 35
ler, Frührentner und jüngere Rentner bis hin 30
25
zu den Hochaltrigen. 20
15
10
5
0
0,75 0,5 0,25 0 0,25 0,5 0,75
Berlin-Institut 15Für die Schweiz gilt dies in besonderem
Deutschland hat weniger Hochbetagte als gedacht – unter diesen Maße: Hier hatte die Bevölkerung in den
aber deutlich mehr Demenzkranke Kriegsjahren nicht hungern müssen. Es gab
also keinen Mangel zu kompensieren. Die
Die amtliche Statistik in Deutschland gibt die Zahl der über 90-Jährigen viel zu hoch an. Westdeutschen dagegen futterten während
Das haben Wissenschaftler vom Rostocker Zentrum zur Erforschung des Demografischen der Wirtschaftswunderjahre kräftig drauflos
Wandels und vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung berechnet. Das Pro- und handelten sich damit vermehrt „Zivi-
blem ist lange bekannt: Wegen anhaltenden Widerstandes gegen mögliche Verletzungen lisationskrankheiten“ wie Bluthochdruck,
des Datenschutzes konnten in Deutschland seit 1987 keine Volkszählungen mehr durch- Übergewicht und Diabetes ein. Südlich des
geführt werden. Die Behörden helfen sich damit, dass sie die bei den letzten Zählungen Rheins hatte es keine Bombenangriffe gege-
festgestellten Bestände der kommunalen Karteien einfach fortschreiben. Je länger dies ben. Es gab kaum Arbeitslosigkeit und keine
jedoch geschieht, desto größer werden die Fehler, die zum Beispiel dadurch entstehen, Währungsreform, die, wie in Deutschland,
dass wegziehende Personen vergessen, sich bei der alten Wohngemeinde abzumelden. Erspartes einfach verschwinden ließ.33 Aller-
Als „Karteileichen“ bleiben sie im Bestand und schieben sich bei der Fortschreibung in dings ist die Kluft zwischen Reich und Arm,
immer höhere Altersgruppen vor. Da die Gruppe der Hochbetagten jedoch ohnehin klein wie für die Schweiz insgesamt, auch inner-
ist, fallen hier auch kleine Fehler umso stärker ins Gewicht. Erst seit 2005, seit das Ein- halb der Bevölkerungsgruppe im Rentenalter
wohnermeldeverfahren geändert wurde, ist dieser Fehler wenigstens für alle Personen, besonders groß.
die seither umgezogen sind, ausgeschlossen.
Heutige Senioren leben überwiegend in Zwei-
Die Rostocker Wissenschaftler haben nun die tatsächliche Entwicklung der Sterblich- oder Einpersonenhaushalten. In der Schweiz
keit in der Zeit vor den letzten Volkszählungen rekonstruiert und diese mit den Daten wohnt gut die Hälfte aller über 65-Jährigen zu
der Rentenversicherung abgeglichen. Damit konnten sie berechnen, um wie viel die Be- zweit, 31 Prozent leben allein, nur elf Prozent
standszahlen korrigiert werden müssen, wobei die alten Bundesländer besonders stark in anderen Arten von Haushalten, wobei
betroffen sind: Ende 2004 lag dort der Wert für Männer über 90 um etwa 40 Prozent zu hier Altersheime eingeschlossen sind.34 In
hoch, bei Frauen um etwa 15 Prozent.31 Wenn aber weniger Hochaltrige in Deutschland Österreich wohnen 48 Prozent der in Privat-
leben als bisher angenommen und wenn die Zahlen für Demenzfälle in dieser Altersgrup- haushalten lebenden Personen ab 65 Jahren
pe zutreffen, bedeutet dies vermutlich, dass der Anteil Demenzkranker unter den über zu zweit und rund ein Drittel allein, darunter
90-Jährigen deutlich höher liegt als bisher gedacht. überwiegend Frauen.35 In Deutschland hat
sich das Verhältnis in den letzten Jahren
deutlich zugunsten der Zweipersonenhaus-
halte verschoben, hier lebten 2009 rund
Wer im Erscheinungsjahr des vorliegenden Die Menschen im Rentenalter leben denn 60 Prozent zu zweit und ein Drittel allein,
Werkes sein 65. Lebensjahr vollendet, ist auch verhältnismäßig gut. In Deutschland davon ebenfalls die Mehrheit weiblich.36 Weil
demnach 1946 oder früher geboren. Die gibt es den Altenberichten zufolge, die Frauen generell länger leben, gibt es bei den
Mehrheit der westdeutschen Altengenera- Experten im Auftrag der deutschen Bundes- über 65-Jährigen einen deutlichen Frauen-
tion stand in der Phase des Wiederaufbaus regierung seit 1993 in jeder Legislaturperio- überschuss: 58 zu 42 ist das Geschlechter-
und des Wirtschaftswunders mitten im de erstellen, zwar erhebliche Unterschiede, verhältnis in allen drei Ländern. 2008 waren
Leben, gründete eine Familie, arbeitete. Die vor allem zwischen Ost und West. Insgesamt in Deutschland nur zehn Prozent aller Männer
allermeisten waren sozialversichert, viele wächst aber die Zahl älterer Menschen, die ab 60 Jahren verwitwet, bei den Frauen
konnten zusätzlich etwas auf die hohe Kante ein selbständiges Leben führen, die leistungs- waren es hingegen 36 Prozent.37
legen, um im Alter abgesichert zu sein. Die fähig, körperlich und psychisch wenig beein-
Bürgerinnen und Bürger der ehemaligen trächtigt sowie gesellschaftlich aktiv sind, Der 65. Geburtstag markiert in den meisten
DDR wurden nach der Wiedervereinigung in und die auch über ein finanzielles Polster westeuropäischen Ländern die offizielle
dieses System eingegliedert, erhalten also verfügen.32 Schwelle zum Rentenalter – jedenfalls für
auf die Erwerbsbiografie bezogene Renten, Männer; für Frauen liegt sie in der Schweiz
haben aber vor 1989 kaum privat Vorsorge bei 64, in Österreich bei 60 Jahren, in
treffen können. Deutschland ist sie für beide Geschlechter
gleich. Die meisten 65-Jährigen arbeiten
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