An der Wiege Europas - Irische Buchkultur des Frühmittelalters

 
An der Wiege Europas - Irische Buchkultur des Frühmittelalters
An der Wiege Europas –
             Irische Buchkultur des
             Frühmittelalters
             Sommerausstellung 2018
             Stiftsbibliothek St. Gallen
             13. März bis 4. November 2018

             DIDAKTISCHE UNTERLAGEN FÜR DEN SELBSTÄNDIGEN
             AUSSTELLUNGSBESUCH MIT DER KLASSE

Klosterhof 6d, 9000 St.Gallen / Schweiz
Telefon +41 71 227 34 16, Fax +41 71 227 34 18
www.stiftsbibliothek.ch
An der Wiege Europas - Irische Buchkultur des Frühmittelalters
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Liebe Lehrerinnen und Lehrer

St. Gallen und Irland, das ist eine alte und besondere Geschichte. Sie berührt, auch wenn sie uns
heute nur noch in Form von Puzzlestücken begegnet, in gut einem Dutzend irischer Handschriften
und Fragmente aus dem 7. bis 12. Jahrhundert sowie weiteren Spuren von Iren in St. Galler
Handschriften. Wer sie betrachtet, steht an der Wiege des mittelalterlichen Europa.
Die Manuskripte berichten von einer speziellen Beziehung des Gallusklosters zu Irland. Trotz
einzigartiger Vielfalt bleibt die Überlieferung jedoch fragmentarisch. Das reizt zur Interpretation
und zur Spekulation über eine faszinierende und weitgehend untergegangene Hochkultur am
Rand Westeuropas. Die Handschriften fesseln uns, aber auch die Lücken tun es.
Aus Anlass des Europäischen und Schweizer Jahrs des Kulturerbes 2018 präsentiert die
Stiftsbibliothek im Sommer 2018 ihren einmaligen Bestand an Handschriften zur irischen
Buchkultur des Frühmittelalters. Auch der Stand der Forschung wird aufgezeigt. Die fachliche
Diskussion in den letzten Jahrzehnten war rege und hat zusammen mit neuen Entdeckungen die
Argumente geschärft, etwa in Bezug auf die irische Herkunft von Gallus, die konkrete irische
Präsenz im Kloster St. Gallen oder den Einfluss irischer Gelehrsamkeit auf das geistige Leben auf
dem Kontinent.

Cornel Dora
Stiftsbibliothekar
An der Wiege Europas - Irische Buchkultur des Frühmittelalters
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Inhalt
1.     Besuch der Stiftsbibliothek: Organisatorisches ................................................................................. 4
     1.1.     Adresse und Kontaktangaben Stiftsbibliothek St. Gallen .......................................................... 4
     1.2.     Öffnungszeiten .......................................................................................................................... 4
     1.3.     Angebote für Schulklassen ........................................................................................................ 4
2.     Allgemeine Informationen ................................................................................................................ 6
     2.1.     Bezüge Lehrplan 21 ................................................................................................................... 6
       2.1.1.         2. Zyklus ............................................................................................................................. 6
       2.1.2.         3. Zyklus ............................................................................................................................. 7
3.     Zur Ausstellung .................................................................................................................................. 8
     3.1.     Heilige und ihre Geschichten..................................................................................................... 8
     3.2.     Von den Mühen des Schreibens .............................................................................................. 11
     3.3.     Löcher in Handschriften und wie man sie flicken kann ........................................................... 12
     3.4.     Eine Geheimschrift der Iren .................................................................................................... 13
     3.5.     Die Kunst der Ornamentik ....................................................................................................... 16
     3.6.     Der Alltag der Mönche ............................................................................................................ 18
4.     Aufgaben und Aktivitäten................................................................................................................ 20
     4.1.     Heilige und ihre Geschichten................................................................................................... 20
     4.2.     Von den Mühen des Schreibens .............................................................................................. 27
     4.3.     Löcher in Handschriften und wie man sie flicken kann ........................................................... 27
     4.4.     Eine Geheimschrift der Iren .................................................................................................... 27
     4.5.     Die Kunst der Ornamentik ....................................................................................................... 28
     4.6.     Der Alltag der Mönche ............................................................................................................ 33
5.     Lösungen ......................................................................................................................................... 36
     5.1.     Heilige und ihre Geschichten................................................................................................... 36
     5.2.     Von den Mühen des Schreibens .............................................................................................. 41
     5.3.     Löcher in Handschriften und wie man sie flicken kann ........................................................... 41
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5.4.   Eine Geheimschrift der Iren .................................................................................................... 43
5.5.   Die Kunst der Ornamentik ....................................................................................................... 44
5.6.   Der Alltag der Mönche ............................................................................................................ 45
An der Wiege Europas - Irische Buchkultur des Frühmittelalters
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1. Besuch der Stiftsbibliothek: Organisatorisches

1.1. Adresse und Kontaktangaben Stiftsbibliothek St. Gallen
Stiftsbibliothek St. Gallen                    +41 71 227 34 16 (T)
Klosterhof 6D                                  +41 71 227 34 18 (F)
9000 St. Gallen

Auskunft und Anmeldung
Sekretariat Stiftsbibliothek
tours@stibi.ch, +41 71 227 34 16

1.2. Öffnungszeiten
Montag bis Sonntag
10.00–17.00 Uhr

Über Sonderöffnungszeiten anlässlich Feiertagen, Ausstellungswechseln o. ä. informieren Sie sich
bitte unter: www.stibi.ch/museum/öffnungszeiten.

Von Montag bis Freitag wird Schulklassen, die eine Führung gebucht haben, schon ab 8.30 Uhr
Eintritt in die Stiftsbibliothek gewährt.

1.3. Angebote für Schulklassen
Führungen für Schulklassen: Gallus, Handschriften und Pantoffeln – Die Stiftsbibliothek
entdecken!
5. bis 9. Klasse; 50 Minuten; CHF 120.00 plus CHF 7.00 pro SchülerIn. Der Eintritt ist für
Schülerinnen und Schüler der Kantone AR und SG gratis.
Bei einem Besuch der Stiftsbibliothek St. Gallen verschmelzen Wissen um (früh)mittelalterlich
Überliefertes, überwältigende Sinneseindrücke barocker Baukunst und unmittelbares Erleben.
Ausgangspunkt und Hauptspielort jeder Führung für Schulklassen bildet der einmalig gestaltete
Bibliothekssaal. Von den Anfängen mit Gallus und dem Bären über die frühe Blütezeit des Klosters
vor dem Jahr 1000 bis hin zur barocken Anlage und der Klosteraufhebung lässt sich hier der Bogen
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spannen. Weshalb muss man im Bibliothekssaal Pantoffeln tragen? Warum wurde im
9. Jahrhundert ein Klosterplan gezeichnet? Was sucht eine ägyptische Mumie in der
Stiftsbibliothek? Die reiche Geschichte der Stiftsbibliothek eröffnet ein breites thematisches
Spektrum und lädt zu Fragen und Diskussionen ein. Je nach Schulstufe wird auch Bezug auf die
jeweils aktuelle Ausstellung in den Vitrinen genommen.

Forschungs-Workshops für Schulklassen: Der St. Galler Erd- und Himmelsglobus
5. bis 9. Klasse; 75 Minuten; CHF 160.00 plus CHF 7.00 pro SchülerIn. Der Eintritt ist für
Schülerinnen und Schüler der Kantone AR und SG gratis.
Repräsentatives Kunstobjekt und wissenschaftliches Arbeitsinstrument in einem – der
St. Galler Erd- und Himmelsglobus der Stiftsbibliothek St. Gallen steht bei den interaktiven
Forschungs-Workshops für Schulklassen im Fokus! Von fachkundigen Führerinnen und Führern
werden die Schülerinnen und Schüler in Gruppen mit stufengerechten «Forschungsaufträgen»
betraut und erarbeiten so selbständig und spielerisch spannendes Wissen zum thematischen
Universum rund um den Globus. Das Zeitalter der Entdeckungen und die Kartografie in der Frühen
Neuzeit kommen dabei ebenso zur Sprache wie mysteriöse Sternbilder oder fantastische
Meeresungeheuer, die verschlungenen Wege des Globus in die Stiftsbibliothek St. Gallen oder die
kunstvolle Herstellung der Globus-Replik.
Die Arbeitsblätter, welche als Grundlage für die Forschungsaufträge dienen, stehen als Download
bereit (http://www.stibi.ch/de-ch/museum/vermittlung/materialien.aspx) und können eingesehen
werden. Ebenso können die Anschauungsmaterialien und Forschungs-Tools für einen selbständigen
Ausstellungsbesuch mit der Schulklasse reserviert werden.

Allgemeine Bemerkungen
Buchen Sie Ihre Führung frühzeitig! Wir empfehlen zwei Monate im Voraus. Ihre Buchung bedarf in
jedem Fall einer Rückantwort/Bestätigung.
Die maximale Gruppengrösse für eine Führung liegt bei 25 Personen. Ist die Klasse grösser, müssen
zwei Gruppen gebildet werden.
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2. Allgemeine Informationen
Die vorliegenden Unterlagen für Lehrpersonen enthalten Anregungen, wie ein Besuch der
Stiftsbibliothek mit Fokus auf die Sommerausstellung «An der Wiege Europas. Irische Buchkultur
des Frühmittelalters» im Unterricht vor- und nachbereitet werden kann.
Die vorgeschlagenen Übungen und Aufgaben sollen einen Besuch der Ausstellung zu einem
aktivierenden und nachhaltigen Erlebnis mit Ihrer Schulklasse machen und sind für eine
Durchführung vor Ort konzipiert.

2.1. Bezüge Lehrplan 21
Bezüge zum Lehrplan lassen sich sowohl im Fachbereich «Natur, Mensch, Gesellschaft» bzw. in den
ab dem 3. Zyklus ausdifferenzierten Fachbereichen «Räume, Zeiten, Gesellschaften» und
«Sprachen» herstellen.

2.1.1. 2. Zyklus
NMG 9.2. Die Schülerinnen und Schüler …
e) … können früher und heute vergleichen. Was ist gleich geblieben? Was hat sich geändert?

NMG 9.3. Die Schülerinnen und Schüler …
c) … können aus Funden und alten Gegenständen (z. B. alte Handschriften) Vorstellungen über das
Leben einer früheren Gesellschaft gewinnen (z. B. Mittelalter).
e) … können sich aus Sachtexten, Karten, Quellen ein differenziertes Bild einer historischen Epoche
erarbeiten.

NMG 9.4 Die Schülerinnen und Schüler …
c) … können erklären, aufgrund welcher Merkmale sich fiktive Geschichten von realen Geschichten
unterscheiden.
d) … können die Absichten von Sagen und Mythen erklären.
e) … können Kriterien geleitet Sagen und Mythen von geschichtlichen Darstellungen unterscheiden.

MI.1.2 Die Schülerinnen und Schüler …
c) … können mithilfe von vorgegebenen Medien lernen und Informationen zu einem bestimmten
Thema beschaffen (z. B. Buch, Zeitschrift, Lernspiel, Spielgeschichte, Website).
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e) … können Informationen aus verschiedenen Quellen gezielt beschaffen, auswählen und
hinsichtlich Qualität und Nutzen beurteilen.

ERG.2.1 Die Schülerinnen und Schüler …
a) … können über Sinn und Nutzen gesellschaftlicher und individueller Werte und Normen
nachdenken und Normen entsprechend aushandeln.

2.1.2. 3. Zyklus
RZG 5.3. Die Schülerinnen und Schüler …
d) … können eine Quelle oder eine Darstellung zum Alltag eines Menschen in der Schweiz in einer
Bibliothek oder einem Archiv finden, lesen und analysieren (z. B. Alltag im Kloster).

RZG 7.1. Die Schülerinnen und Schüler …
a) … können nach einem Museumsbesuch einen Ausstellungsgegenstand beschreiben und dazu
eine Geschichte erzählen

MI.1.1 Die Schülerinnen und Schüler …
g) können Funktion und Bedeutung der Medien für Kultur, Wirtschaft und Politik beschreiben und
darlegen, wie gut einzelne Medien diese Funktion erfüllen (z. B. Manipulation).

ERG 4.1. Die Schülerinnen und Schüler …
c) … können die Bedeutung zentraler Gestalten aus den Religionen anhand von Leben und Lehren
sowie ihrer Darstellung und Verehrung erläutern. Die Schülerinnen und Schüler können diese aus
verschiedenen Perspektiven betrachten (z. B. historisch, ästhetisch, kulturell)
d) … können in ausgewählten religiösen Texten Vorstellungen, Auslegungen und Lehren der
betreffenden Religionen erschliessen.

ERG 4.2. Die Schülerinnen und Schüler …
c) … können ausgewählte Gebote und Regeln verschiedener Religionen erläutern und
entsprechende Auslegungen, Bräuche und Verhaltensweisen im Alltag erkennen und respektieren
(z. B. Ernährung, Kleidung, Ruhezeiten).
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3. Zur Ausstellung
Die irische Buchkunst des Frühmittelalters ist von berückender Schönheit. Sie ist Ausdruck der
Blüte einer Mönchskultur, die vom 6. bis 9. Jahrhundert die geistige Entwicklung Europas
wesentlich mitprägte. Nirgends kann dies so exemplarisch aufgezeigt werden wie im 612 vom Iren
Gallus gegründeten Kloster St. Gallen. In der Stiftsbibliothek ist die schönste Sammlung irischer
Handschriften des Frühmittelalters auf dem europäischen Festland erhalten geblieben. Wer sie
betrachtet, steht an der Wiege des mittelalterlichen Europa.
Die Ausstellung bietet folgende historische Themen an, die mit der Klasse erarbeitet werden
können: Heilige und ihre Geschichten, von den Mühen des Schreibens, Löcher in Handschriften
und wie man sie flicken kann, eine Geheimschrift der Iren, die Kunst der Ornamentik, der Alltag
der Mönche.
Die folgenden Unterkapitel dienen zur inhaltlichen Vorbereitung für Lehrpersonen,
Aufgaben/Aktivitäten und Lösungen sind in den Kapiteln 4 und 5 zu finden.

3.1. Heilige und ihre Geschichten

Irische und St. Galler Heilige
Die meisten heute noch bekannten Vertreter der irischen Kultur und Mission im Frühmittelalter
sind kirchliche Heilige. Die Könige und Künstler dagegen sind fast vollständig vergessen gegangen.
Einige dieser Heiligen wirkten vor allem in Irland, andere begaben sich nach Schottland, und noch
andere zogen weiter weg auf das europäische Festland. Eine ganze Reihe dieser Heiligen hat in
St. Gallen Spuren hinterlassen.
Für die Schaffung von Heiligenkulten bestand im Kloster St. Gallen vom 7. bis 11. Jahrhundert ein
besonderes Know-how. Beim Heiligenkult werden die Heiligen verehrt. So zum Beispiel auch die
st. gallischen Heiligen Gallus, Otmar und Wiborada. Auch irische Heilige wurden in St. Gallen
besonders gerne verehrt, insbesondere Kolumban und Magnus seit dem Frühmittelalter und der
fast aus dem Nichts aufsteigende Eusebius im Spätmittelalter.
Alle diese Kulte haben ihre eigene Geschichte und sind auf ihre eigene Weise speziell. Einige der
uns bekannten Kulte sind historisch glaubwürdiger als andere. Es ist die Aufgabe von
Frühmittelalterforschern herauszufinden, wie viel in den Geschichten wahr oder erfunden ist. Das
ist aber nicht immer ganz einfach.
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Patrick, der irische Nationalheilige
Die frühesten Lebensgeschichten des heiligen Patrick stammen erst aus dem 7. Jahrhundert. Da
sie erst zwei Jahrhunderte nach seinem Tod entstanden und zudem den eigenen Interessen der
Kirche von Armagh dienten, darf nicht alles geglaubt werden, was darin über den heiligen Patrick
steht.
Gesichertes Wissen um den heiligen Patrick stammt vornehmlich aus zwei von ihm selber
verfassten Schriften. Trotz fehlender Zeit-, Personen- und Ortsangaben lassen sich daraus
folgende Informationen herausschälen:
Patrick stammte aus Britannien. Sein Vater Calpurnius war Diakon der christlichen Kirche und
römischer Zivilbeamter. Als beinahe Sechzehnjähriger wurde Patrick von irischen Piraten nach
Irland entführt, wo er sechs Jahre als Viehhirt in Gefangenschaft verbrachte und im christlichen
Glauben Trost suchte. Nach erfolgreicher Flucht begab er sich nach Britannien, erhielt eine
geistliche Ausbildung, wurde zum Diakon und dann zum Bischof geweiht. Darauf kehrte er nach
Irland zurück, wo er im 5. Jahrhundert seine missionarische und kirchliche, manchmal
konfliktreiche Tätigkeit entfaltete.
Patrick wurde oft zum Apostel aller Iren erhoben. Auch wurde er vielerorts als alleiniger Bischof
Irlands erwähnt, obwohl neben Patrick auch ein Bischof namens Palladius in Irland missionierte.
Patrick erhält somit eine herausragende Position und wird als alleiniger Nationalheiliger
gehandelt. Entgegen seinen eigenen Schriften soll Patrick sogar seinen Vater dazu bewegt haben,
Mönch zu werden.

Columba von Iona
Columba von Iona gehört zu den bekanntesten irischen Heiligen. Er wurde um 520/522 in eine
einflussreiche irische Dynastie geboren. Er erhielt eine christliche Ausbildung und gründete
mehrere Klöster in Irland. Mit ca. 43 Jahren verliess er zusammen mit zwölf Gefährten Irland, um
in Schottland den christlichen Glauben zu verbreiten. Seine wichtigste Klostergründung in
Schottland war Iona (Hy) auf einer der Inseln der Inneren Hebriden. Dort starb Columba 597.
Adomnán, der neunte Abt von Iona (679–704), verfasste die Lebensbeschreibung (Vita) von
Columba. Die älteste Handschrift davon kam im 8. Jahrhundert auf den Kontinent und wurde um
850/875 in St. Gallen kopiert, wobei der Text gekürzt wurde. Vor allem spezifisch irische Elemente
entfielen, etwa Orts- oder Personennamen, so dass der Text für die St. Galler Mönche wichtiger
wurde. Die Vita des Columba enthält übrigens die älteste Beschreibung des Ungeheuers von Loch
Ness.
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Auf der letzten Seite der St. Galler Handschrift (Cod. Sang. 555, S. 166) findet man das älteste
Porträt des heiligen Columba von Iona. Mit Hilfe moderner Bildbearbeitung konnte die verblasste
Federzeichnung besser sichtbar gemacht werden.

Gallus und die Anfänge St. Gallens
Gemäss den drei überlieferten Lebensbeschreibungen war Gallus ein Ire. Folgende Punkte
untermauern diese Annahme: Erstens sein besonderes Verhältnis zu Kolumban, dem irischen
Lehrer und Mönchsvater von Gallus, von dem er geprägt worden ist, zweitens der Besuch einer
Gruppe von sechs irischen Mönchen im Jahr 629 mit der Bitte, dass Gallus die Nachfolge von Abt
Eustasius von Luxeuil übernehmen soll. Und drittens die Ablehnung der Wahl zum Bischof von
Konstanz unter Hinweis auf seine ferne Heimat, vermutlich zwischen 630 und 640.
Die Ausgrabungen in der südlichen Altstadt von St. Gallen von 2009 bis 2013 zeigten, dass Gallus
nicht wie bis anhin angenommen allein in einer kleinen Zelle (einfach ausgestatteter Raum, der
den Mönchen ein zurückgezogenes Leben erlaubt) im Wald lebte. Bereits im 7. Jahrhundert
wurde der gesamte heutige Klosterbezirk genutzt. Zahlreiche Pfostenlöcher, die in den Grabungen
von 1963 bis 1967 in der Kathedrale zum Vorschein kamen, bezeugen eine Siedlung aus
Ständerbohlenbauten. Der Gebetsraum (Oratorium) lag im Bereich der heutigen Galluskapelle, wo
auch die ersten frommen Bewohner St. Gallens bestattet wurden.

Somit war die «Galluszelle» schon in den ersten Jahrzehnten eher eine «Gallussiedlung», in der
eine Mönchsgemeinschaft lebte. Das zeigt sich auch anhand der Textstellen, in denen von
Bebauung und Urbarmachung die Rede ist, und die sich durch die archäologischen Funde
bestätigen lassen.

Als Gründungsheiliger stand Gallus von Anfang an im Zentrum dieser Siedlung und des sich
bildenden Klosters. Seine Lebensgeschichte verbreitete sich bis ins heutige Süddeutschland. Darin
befindet sich auch die berühmte Legende der Begegnung Gallus’ mit dem Bären.

Magnus: Bier, Bär und ein langes Leben
Auch der heilige Magnus ist ein St. Galler Hausheiliger. Die nach ihm benannte Kirche St. Mangen
einige Schritte nördlich des heutigen Marktplatzes war von 898 bis 1528 ein wichtiges Zentrum
der Magnus-Verehrung. Hier wurde seine Armreliquie aufbewahrt (Körperteile von Heiligen als
irdischer Überrest wurden für die kultische religiöse Verehrung verwendet). Der Tradition nach
half diese besonders gegen Engerlinge.
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Wahrscheinlich entstand die Magnuslegende, als gegen Ende des 9. Jahrhunderts die Armreliquie
von Augsburg nach St. Gallen gebracht wurde. Sie besteht aus zwei Teilen:

Im ersten Teil gilt Magnus (oder Magnoald) zunächst als Schüler von Kolumban und dann von
Gallus. Bereits in Irland soll er zu ihrer Mönchsgruppe gestossen sein. Demnach müsste er um 570
geboren worden sein. Als Schüler von Gallus holt er 615 Kolumbans Abtsstab nach St. Gallen.
Später unterrichten sie gemeinsam den späteren St. Galler Abt Otmar. Abt Otmar lebte von ca.
690 bis 759. Gallus lebte laut den Quellen von ca. 550 bis 640.

Der zweite Teil enthält die Geschichte, dass Magnus nach dem Tod von Gallus St. Gallen verlässt.
Im Allgäu gründet er eine Hüttensiedlung, vertreibt dort die letzten Dämonen und tötet mit
Kolumbans Abtsstab einen Drachen. 26 Jahre lang lebt er als Einsiedler, bis er im Alter von 73
Jahren stirbt. Er erhält Besitztümer u. a. vom Frankenkönig Pippin. Dieser starb im Jahr 768.

Der Bezug zu Kolumban und Gallus wird auch in mehreren Magnuswundern sichtbar.

3.2. Von den Mühen des Schreibens
Das Schreiben war im Mittelalter eine mühsame Arbeit. Davon erzählen einige Randbemerkungen
in einer der ausgestellten Handschriften, Cod. Sang. 904
(https://www.e-codices.unifr.ch/de/searchresult/list/one/csg/0904).
Diese Handschrift enthält die lateinische Grammatik des spätantiken Autors Priscian von
Caesarea, der im frühen 6. Jahrhundert wirkte. Priscians Grammatik war für die Christen in Irland
ein wichtiges Hilfsmittel, um die lateinische Sprache zu erlernen. Denn da Irland nie Teil des
römischen Reichs gewesen war, stellte Latein dort eine Fremdsprache dar. Gleichzeitig war es
aber die Sprache der Kirche – wer die Bibel studieren wollte, musste Latein beherrschen.
Die Abschrift in Cod. Sang. 904 entstand um die Mitte des 9. Jahrhunderts in Irland, vielleicht in
Bangor oder Nendrum. Sie enthält über 9400 Anmerkungen am Rand oder zwischen den Zeilen,
davon knapp zwei Drittel in lateinischer und gut ein Drittel in altirischer Sprache. Diese fast 3500
altirischen Glossen machen die Handschrift besonders bedeutend, denn sie spielten eine zentrale
Rolle bei der Erforschung der altirischen Sprache.
Besonders spannend sind die altirischen Randbemerkungen, in denen die Schreiber über Mühen
des Schreibens sprechen:
•      «Ein Segen für die Seele des Fergus [Name des Schreibers]. Amen. Mir ist kalt» (S. 114)
•      «Ach, meine Hand!» (S. 176)
•      «Das Pergament ist rauh und das Schreiben» (S. 195)
•      «Diese Seite ist nicht sehr langsam geschrieben» (S. 195)
12

•       «Neues Pergament, schlechte Tinte, ich sage nichts mehr» (S. 217)
•       «Die Tinte ist dünn» (S. 248)

Cod. Sang. 904, S. 114, oberer Rand: Die oben übersetzte Glosse lautet auf Altirisch: bendacht. for anm[m]ain
ferguso. amen. mar uar dom. Auch wenn das Altirische für uns kaum verständlich ist, so lässt sich doch der
Name «ferguso» vielleicht entziffern. Allerdings sind die Buchstaben der irischen Minuskel nicht ganz einfach
zu lesen, vor allem das e und das lange s dürften Schwierigkeiten bereiten.

3.3. Löcher in Handschriften und wie man sie flicken kann
Die Handschrift mit der Priscian-Grammatik wurde, wie fast alle frühmittelalterlichen
Handschriften in Europa (einige wenige Handschriften aus Papyrus ausgenommen), aus
Pergament hergestellt. Recht viele Seiten weisen Löcher auf, was zeigt, dass nicht das
allerbeste Pergament verwendet wurde. Pergament war ein kostbarer Beschreibstoff. Eine
Grammatik war zwar wichtig zum Erlernen der Fremdsprache Latein, aber sie hatte doch nicht
dieselbe Bedeutung wie etwa eine Bibelabschrift oder eine Handschrift für den Gottesdienst,
die daher meistens auf besserem Pergament geschrieben sind.
Löcher im Pergament liessen sich bei der Herstellung kaum vermeiden. Die Tierhaut, aus der
das Pergament hergestellt wurde, wurde nach dem Entfernen von Haaren und Unterhaut unter
grosser Spannung getrocknet. Dabei konnten selbst kleine Schadstellen (entstanden etwa
durch Verletzungen des Tiers oder durch Schnitte beim Abhäuten oder Enthaaren) zu
grösseren runden oder ovalen Löchern gezogen werden.
Meistens schrieben die mittelalterlichen Schreiber einfach um die Löcher herum. Manchmal
aber wurden die Löcher auch sorgfältig geflickt. In der Priscian-Handschrift sind in manche
Löcher mit einzelnen schwarzen Pferdehaaren passgenau zugeschnittene Pergamentstücke
eingenäht.
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Cod. Sang. 904, S. 75, obere Hälfte: zwei mit zugeschnittenen Pergamentstücken geflickte Löcher.

3.4. Eine Geheimschrift der Iren
Einige der Bemerkungen am Seitenrand in Cod. Sang. 904 sehen geheimnisvoll aus, wie ein
Stab mit geraden und schrägen Querstrichen. Sie sind in der sogenannten Ogham-Schrift
geschrieben.

Cod. Sang. 904, S. 70: Anmerkung in Ogham-Schrift am oberen Seitenrand.

Dieses Zeichensystem ist in vorchristlicher Zeit in Irland entstanden. Es erscheint dort und in den
westlichen Teilen Englands und Schottlands vom ersten bis sechsten Jahrhundert in Inschriften
auf Steinen, von denen heute noch 400 Beispiele bestehen, und später (im Spätmittelalter) auch
in Handschriften.
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Das Alphabet kann mit Hilfe des «Buchs der Oghams» («In Lebor Ogaim») entschlüsselt werden,
das in drei Handschriften aus dem Spätmittelalter und der frühen Neuzeit überliefert ist. Die
Zeichen können mit Hilfe der folgenden Tabelle in lateinische Buchstaben übertragen werden:

              ᚐ ᚑ ᚒ ᚓ ᚔ ᚋ ᚌ ᚍ ᚎ ᚏ ᚆ ᚇ ᚈ ᚉ ᚊ ᚁ ᚂ ᚃ ᚄ ᚅ
 Ogham

 Lateinisch a      o   u    e     i    m g      ng    z     r    h   d    t    c    q    b    l   v    s    n

Zu beachten ist, dass die Zeichen für a, e, i, o und u im verwendeten Unicode-Zeichensatz fast wie Punkte
aussehen, während sie in Cod. Sang. 904 deutlich als senkrechte Striche gezeichnet sind.

Die Inschriften auf den Ogham-Steinen nennen in der Regel Personennamen in der Genitivform,
drücken also die Idee «Der Stein des …» aus. Es ist ungeklärt, ob die Steine den Landbesitz der
genannten Person oder ihr Grabmal ausdrücken. Allerdings gilt Letzteres als wahrscheinlicher.
Hier ein Beispiel. Der erwähnte Stammesname Ciarraige lebt bis heute im Namen der Grafschaft
Kerry weiter:

 Ogham                                        Altirisch                  Deutsch

 ᚛ᚉᚑᚔᚂᚂᚐᚁᚑᚈᚐᚄᚋᚐᚊᚔᚉᚑᚏᚁᚔ                        coillabotas maqi corbi (Der Stein) Coílubs, Sohn des Corb,

 ᚋᚐᚊᚔᚋᚑᚉᚑᚔᚊᚓᚏᚐᚔ                               maqi mocoi qerai           Sohn (Abkömmling des Stammes)
                                                                         der Ciarraige.

Während das Ogham auf Steinen meist vertikal geschrieben wurde, finden wir in Handschriften
fast immer die horizontale Schreibweise. So auch im St. Galler Priscian, in dem die Ogham-
Eintragungen jeweils am unteren oder oberen Rand der Handschrift stehen. Mit Ausnahme der
ersten sind alle in altirischer Sprache verfasst. Die drei ersten auf den Seiten 50, 70 und 170 geben
vielleicht den Tag an, an dem der Schreiber den Text schreibt, vom Frühling bis zum Weissen
Sonntag. Die nächsten vier Eintragungen, auf den Seiten 193, 194, 195 und 196, drücken aus, dass
etwas korrekt oder korrigiert ist. Den Abschluss bildet eine wohl sehr persönliche Bemerkung des
Schreibers: altirisch «latheirt» bedeutet gemäss dem altirischen Lexikon Bier [Lait] + getötet [ort],
also in etwa: «Vom Bier getötet» oder etwas eleganter: «Ich habe einen Kater».
Diese Stellen im St. Galler Priscian sind die bei weitem ältesten in einem Buch überlieferten
Oghamzeichen.
15

Seite   Ogham               Altirisch                Deutsch

50
        ᚛ ᚃᚔᚏᚔᚐᚈᚓᚐᚆᚑᚇᚓᚑᚔᚓ   feria cai hodie (lat.)   Fest des Caius heute (22.4.)

70
        ᚛ᚃᚓᚂᚋᚐᚏᚈᚐᚔᚅ         fel martain              Fest Martins (11.11.)

170
        ᚛ᚋᚔᚅᚉᚆᚐᚄᚉ           min chasc                kleine Ostern

193
        ᚛ᚉᚑᚉᚐᚏᚈ             cocart                   korrekt

194
        ᚛ᚉᚑᚉᚐᚏᚈ             cocart                   korrekt

195
        ᚛ᚉᚑᚉᚐᚏᚈ             cocart                   korrekt

196
        ᚛ᚐᚉᚑᚉᚐᚏᚈᚔᚃᚅᚑ        a cocartin so            ist korrekt so

204
        ᚛ᚂᚐᚈᚆᚓᚔᚏᚈ           latheirt                 vom Bier getötet
16

3.5. Die Kunst der Ornamentik
Die irische Buchmalerei vereinigt Elemente der keltischen Kunst, wie etwa Spiralmotive, mit
Flechtbandornamenten (in denen wahrscheinlich Einflüsse aus dem Mittelmeerraum
aufgenommen und weiterentwickelt wurden) und ursprünglich germanischen Tiermotiven.
Typisch ist bei Letzteren, dass die Tiere nicht naturalistisch dargestellt werden, sondern stark
stilisiert, und in der Regel in sich selbst oder ineinander verschlungen sind.
In irischen Evangeliaren oder Handschriften für den Gottesdienst findet man oftmals ganzseitige
Zierseiten mit Ornamenten oder figürlichen Darstellungen, grossen geschmückten Initialen und
Schrift in Ziermajuskeln (Grossbuchstaben).
Beispiele hierfür sind in der Ausstellung in Vitrine 6 zu sehen (der mittleren Vitrine auf der linken
Seite des Saals). Hier eine Doppelseite aus dem Irischen Evangeliar von St. Gallen, Cod. Sang. 51
(geschrieben um 780, wahrscheinlich in Mittelirland):

Cod. Sang. 51, S. 208/209: Der Evangelist Johannes und der Beginn des Johannes-Evangeliums
17

Diese Handschrift enthält die Texte der vier Evangelien. Jedes Evangelium beginnt mit einer
Doppelzierseite. Auf der linken Seite ist jeweils der Evangelist mit seinem Symbol zu sehen:
       Matthäus: Engel: https://www.e-codices.unifr.ch/de/csg/0051//2
       Markus: Löwe [in dieser Handschrift ist allerdings Markus umgeben von allen vier
        Symbolen dargestellt] https://www.e-codices.unifr.ch/de/csg/0051//78
     Lukas: Stier https://www.e-codices.unifr.ch/de/csg/0051//128
     Johannes: Adler https://www.e-codices.unifr.ch/de/csg/0051//208
Auf der rechten Seite beginnt jeweils der Text mit einem fast die ganze Seite ausfüllenden
Grossbuchstaben (Initiale).
Ausserdem gibt es noch zwei weitere verzierte Doppelseiten. Eine der Seiten nennt man
«Teppichseite», weil die ganze Seite mit Ornamenten ausgefüllt ist, so dass sie fast aussieht wie
ein Teppich:

Cod. Sang. 51, S. 6: «Teppichseite»
18

3.6. Der Alltag der Mönche
Kolumban von Luxeuil (um 543–615), der bedeutendste irische Klostergründer des heutigen
Europa, schrieb für das Zusammenleben der Mönche seiner Klostergründungen in Luxeuil und
seiner Umgebung zwei Regeln: eine «Klosterregel» und eine «Mönchsregel». In der «Klosterregel»
stand etwa, dass die Mönche jeden Tag über ihre Sünden nachdenken und beichten mussten.
Leute, die nichts mit dem Mönchsleben zu tun hatten, mussten auch mehrmals während ihres
Lebens beichten, jedoch nicht täglich. Zudem waren die Strafen weniger hart als für die Mönche.
Vor dem 6. /7. Jahrhundert durfte man nur einmal im Leben beichten. Die meisten Menschen
machten das gegen Ende des Lebens. In Irland wurde dann eingeführt, die Beichte auch mehrmals
zu wiederholen.
Kolumbans «Mönchsregel» (Regula monachorum) ist eine strenge Regel, die es als Mönch im
Alltag zu befolgen galt. Sie behandelt zentrale Konzepte des Mönchslebens: Gehorsam,
Schweigen, Essen und Trinken, Beherrschung von Habsucht und Eitelkeit, Keuschheit, Liturgie,
Unterscheidungsgabe, «Abtötung» (des eigenen Willens) und Vollkommenheit des Mönchs.
Kolumban mahnt aber gleichzeitig, wie wichtig es ist, sich selbst im Guten vor Übertreibung zu
hüten: «Wenn aber die Abtötung das Mass überschreitet, wird sie ein Laster, nicht eine Tugend
[…].»

Cod. Sang. 1191, S. 289: Beginn der Mönchsregel Kolumbans
19

Die kleinformatige Handschrift in der Ausstellung (Cod. Sang. 1191, s. Abbildung oben) ist ein sehr
später Textzeuge der Regula monachorum. Sie wurde vom St. Galler Mönch Bernhard Hartmann
(1581–1665) im Jahr 1596 oder 1598 geschrieben. Sie enthält diverse Texte über die klösterliche
Disziplin in deutscher und lateinischer Sprache sowie deutsche und lateinische Gebete. Die
Mönchsregel von Kolumban scheint also im späten 16. Jahrhundert Lehrstoff in der Ausbildung
der St. Galler Novizen (angehende Mönche) gewesen zu sein.
Die beiden Regeln Kolumbans wurde von St. Galler Mönchen noch im späten 16. bis frühen
17. Jahrhundert mehrmals kopiert. Diese späten Abschriften zeigen, dass die Mönche des
Gallusklosters an ihren geistigen Wurzeln interessiert waren.

«Über die zwölf Hauptübel der Welt»
Der Text über die «Zwölf Hauptübel der Welt» entstand um 650 in Irland. Der Verfasser ist
unbekannt.
20

4. Aufgaben und Aktivitäten
4.1. Heilige und ihre Geschichten

Patrick, der irische Nationalheilige
Die frühesten Lebensgeschichten des heiligen Patrick stammen erst aus dem 7. Jahrhundert. Da
sie erst zwei Jahrhunderte nach seinem Tod entstanden und zudem den eigenen Interessen der
Kirche von Armagh dienten, darf nicht alles geglaubt werden, was darin über den heiligen Patrick
steht.
Patrick stammte aus Britannien. Sein Vater Calpurnius war Diakon (das ist ein Amt, bevor man
zum Priester wird) in der christlichen Kirche. Als Patrick beinahe sechzehn Jahre alte war, wurde
er von irischen Piraten nach Irland entführt, wo er sechs Jahre als Viehhirt in Gefangenschaft
verbrachte und im christlichen Glauben Trost suchte. Nach erfolgreicher Flucht begab er sich nach
Britannien, erhielt eine geistliche Ausbildung, wurde zum Diakon und dann zum Bischof geweiht.
Darauf kehrte er nach Irland zurück. Dort brachte er im 5. Jahrhundert den Menschen den
christlichen Glauben näher.
Patrick wurde vielerorts als einziger Bischof Irlands erwähnt, obwohl neben Patrick auch ein
weiterer Bischof namens Palladius in Irland den christlichen Glauben verbreitete. Patrick wird
somit als alleiniger Nationalheiliger betrachtet.
Fragen/Aktivitäten:
       Überleg dir, wie du an Informationen über eine Person kommst, die dich interessiert. Welche Medien
        nutzt du hierzu?
       Patrick wird in vielen Schriften als zu seiner Zeit einziger Bischof Irlands betrachtet, was aber offenbar
        nicht stimmt. Was bedeutet es nun für dich, wenn du weisst, dass bereits in alten Handschriften nicht
        alle Informationen ganz der Wahrheit entsprachen?
       Wie könnte man es sich erklären, dass manche Informationen in alten und auch modernen Medien
        nicht genau so wiedergegeben wurden, wie sie sich zugetragen haben?
       Findest du es schwieriger bei der Erzählung einer Person oder einem schriftlichen Dokument
        festzustellen, ob die Informationen wahr sind oder nicht?
       Wie wurden Informationen im Mittelalter weiterverbreitet? Such dazu Hinweise im Internet.
       Verfasse eine glaubwürdige oder unglaubwürdige Meldung über dich selbst, lies sie deinen
        Mitschülerinnen und -schülern vor. Dann lass sie raten, ob die Information stimmt oder nicht.
       Im Internet findet man viele Bilder. Sind wirklich alle real? Schau dir folgende Fotos an und entscheide,
        ob sie die Wahrheit zeigen oder womöglich bearbeitet worden sind.
21

Bild 1 – Orchideen mit Blüten, die Affen ähneln

Bild 2 – Fund eines Skeletts einer Meerjungfrau in der Nähe des Schwarzen Meers
22

Bild 3 – Seltener schwarzer Löwe

Bild 4 –Zwillinge

Fragen/Aktivitäten:
       Über welches Bild bist du am meisten erstaunt?
       Was kannst du aus dieser Aktivität für deine persönliche Mediennutzung lernen?
23

Columba von Iona
Adomnán, der neunte Abt von Iona (679–704), verfasste die Lebensbeschreibung (Vita) von
Columba. Die älteste Handschrift davon kam im 8. Jahrhundert auf den europäischen Kontinent
und wurde um 850/875 in St. Gallen kopiert, wobei der Text gekürzt wurde. Vor allem spezifisch
irische Elemente entfielen, etwa Orts- oder Personennamen, so dass der Text für die St. Galler
Mönche wichtiger wurde. Die Vita des Columba enthält übrigens die älteste Beschreibung des
Ungeheuers von Loch Ness.
Auf der letzten Seite der St. Galler Handschrift (Cod. Sang. 555, S. 166) findet man das älteste
Porträt des heiligen Columba von Iona. Mit Hilfe moderner Bildbearbeitung konnte die verblasste
Federzeichnung besser sichtbar gemacht werden.
24

Fragen/Aktivitäten:
       Handelt es sich bei der gezeichneten Person wirklich um Columba? Warum?
       Schau dir die Zeichnung genau an: Was siehst du?

Gallus und die Anfänge St. Gallens
Als Gründungsheiliger stand Gallus von Anfang an im Zentrum der kleinen Siedlung und des sich
bildenden Klosters. Seine Lebensgeschichte verbreitete sich bis ins heutige Süddeutschland. Darin
befindet sich auch die berühmte Legende der Begegnung Gallus’ mit dem Bären.
Fragen/Aktivitäten:
       Was ist eine Legende?

       Lies die Legende von Gallus und dem Bären aufmerksam durch:

        «Gallus hatte sich nach seiner Trennung von Kolumban im Jahr 612, vom ortskundigen
        Diakon Hiltibod begleitet, von Arbon aus in die Einsamkeit des Steinachtals begeben. Nach
        dem gemeinsamen Nachtmahl legte sich Hiltibod zur Ruhe, während Gallus vor dem
        Kreuz, das er aus Haselruten geformt und woran er sein Reliquientäschchen gehängt
        hatte, betete. Von den Essensresten angelockt, kam ein Bär vom Berg herunter. Gallus
        gebot ihm im Namen des Herrn, Holz zu bringen. Der Bär gehorchte dem Heiligen,
        schleppte einen Holzklotz herbei und legte ihn ins Feuer. Zum Lohn dafür reichte ihm der
        Gottesmann Brot, gebot ihm aber, aus diesem Tal zu weichen und fortan in den Bergen
        und Höhen zu wohnen.»
       Was hast du verstanden? Besprecht zu zweit eure Eindrücke der Legende.
       Was erscheint dir an der Geschichte merkwürdig? Was könnte sich wirklich so ereignet haben?
       Kennst du eine Legende? Erzähl sie einem Mitschüler / einer Mitschülerin.
       Was möchte die Geschichte über die Person Gallus aussagen?
       Gallus war ein Heiliger und hat viele Spuren hinterlassen. Er war ein Vorbild für viele Menschen zur
        damaligen Zeit. Warum war Gallus wohl ein Vorbild für seine Zeitgenossen?
       Überleg dir, ob du auch ein Vorbild hast und beantworte folgende Fragen: Wer ist dein Vorbild?
        Warum?
       Das Wort Vorbild bedeutet, dass sich eine Person in den Augen des Betrachters «vorbildlich» verhält.
        Welche Verhaltensweisen findest du vorbildlich? Warum?
25

       Durch die Medien heute erfährt man viel mehr über berühmte Personen als früher. Auch sie können als
        Vorbilder gelten. Was ist, wenn sich diese Prominenten nicht «vorbildlich» verhalten? Was denkst du
        darüber?

Magnus: Bier, Bär und ein langes Leben
Fragen/Aktivitäten:
       Lies den folgenden Text über den heiligen Magnus aufmerksam durch:

        Auch der heilige Magnus ist ein St. Galler Hausheiliger. Die nach ihm benannte Kirche
        St. Mangen einige Schritte nördlich des heutigen Marktplatzes war von 898 bis 1528 ein
        wichtiges Zentrum der Magnus-Verehrung. Hier wurde seine Armreliquie aufbewahrt
        (Körperteile von Heiligen als irdischer Überrest wurden für die kultische religiöse
        Verehrung verwendet). Der Tradition nach half diese besonders gegen Engerlinge.

        Wahrscheinlich entstand die Magnuslegende, als gegen Ende des 9. Jahrhunderts die
        Armreliquie von Augsburg nach St. Gallen gebracht wurde. Sie besteht aus zwei Teilen:

        Im ersten Teil gilt Magnus (oder Magnoald) zunächst als Schüler von Kolumban und dann
        von Gallus. Bereits in Irland soll er zu ihrer Mönchsgruppe gestossen sein. Demnach
        müsste er um 570 geboren worden sein. Als Schüler von Gallus holt er 615 Kolumbans
        Abtsstab nach St. Gallen. Später unterrichten sie gemeinsam den späteren St. Galler Abt
        Otmar. Abt Otmar lebte von ca. 690 bis 759. Gallus lebte laut den Quellen von ca. 550 bis
        640.

        Der zweite Teil enthält die Geschichte, dass Magnus nach dem Tod von Gallus St. Gallen
        verlässt. Im Allgäu gründet er eine Hüttensiedlung, vertreibt dort die letzten Dämonen
        und tötet mit Kolumbans Abtsstab einen Drachen. 26 Jahre lang lebt er als Einsiedler, bis
        er im Alter von 73 Jahren stirbt. Er erhält Besitztümer u. a. vom Frankenkönig Pippin.
        Dieser starb im Jahr 768.
       Findest du heraus, warum diese zweiteilige Geschichte über Magnus nicht wahr sein kann?
26

Das Bierwunder von Magnus
27

Fragen/Aktivitäten:
       Was ist ein Wunder?
       Welches Wunder könnte im Bild oben wohl geschehen sein? Überleg dir ein Wunder zum Bild und
        erzähl es dann einer Mitschülerin / einem Mitschüler.
       Hast du schon mal ein Wunder erlebt?
       Wo benützt du überall das Wort Wunder? Und verwendest du es dem eigentlichen Sinn entsprechend?

4.2. Von den Mühen des Schreibens
Fragen/Aktivitäten:
       Einige Schreiber haben persönliche Bemerkungen an den Rand der Handschrift mit Priscians Grammatik
        geschrieben (z. B. «Mir ist kalt», «Ach, meine Hand!», «Das Pergament ist rauh und das Schreiben»,
        «Neues Pergament, schlechte Tinte, ich sage nichts mehr» oder «Die Tinte ist dünn»).
        Warum haben sie sich wohl gerade über diese Dinge beklagt?
       Stell dir vor, du hättest gerade einen ganz langen Aufsatz geschrieben und du könntest am Rand
        aufschreiben, wie du dich gerade fühlst. Was würdest du schreiben?
       Mittelalterliche Schreiber haben die Schreibfeder nur mit drei Fingern (Daumen, Zeigefinger und
        Mittelfinger) gehalten und die Hand beim Schreiben nicht aufgestützt. Versuch einmal, einige Zeilen so
        zu schreiben. Was fällt dir auf?

4.3. Löcher in Handschriften und wie man sie flicken kann
       Auf welchen Materialien hat man im Mittelalter geschrieben?
       Warum haben mittelalterliche Handschriften oft Löcher in den Seiten? Warum hat man die
        Pergamentstücke mit Löchern nicht einfach weggeworfen?
       (beim Besuch in der Stiftsbibliothek) Findest du in einer oder mehreren Handschriften der Ausstellung
        Seiten mit Löchern? Grosse oder kleine? Haben die Schreiber einfach um die Löcher herum geschrieben
        oder haben sie versucht, sie zu flicken?

4.4. Eine Geheimschrift der Iren
In der Handschrift mit der Priscian-Grammatik (Cod. Sang. 904) findet man auf manchen
Seitenrändern geheimnisvolle Eintragungen, die wie ein Stab mit geraden und schrägen
Querstrichen aussehen. Sie sind in der sogenannten Ogham-Schrift geschrieben.
28

Dieses Zeichensystem ist in vorchristlicher Zeit in Irland entstanden. Es erscheint in Irland und in
den westlichen Teilen Englands und Schottlands vor allem in Inschriften auf Steinen.
Die Zeichen lassen sich mit Hilfe der folgenden Tabelle in unsere Schrift übertragen:
 Ogham
              ᚐ ᚑ ᚒ ᚓ ᚔ ᚋ ᚌ ᚍ ᚎ ᚏ ᚆ ᚇ ᚈ ᚉ ᚊ ᚁ ᚂ ᚃ ᚄ ᚅ
 Lateinisch a     o    u    e     i    m    g    ng    z     r    h   d    t    c     q    b    l   v     s    n

Beispiel für ein Wort in Ogham-Schrift:               ᚔᚏᚂᚐᚅᚇ                   (Irland)

Fragen/Aktivitäten:
       Fertige eine alphabetisch geordnete Liste der Ogham-Zeichen an. Überlege dir, durch welche
        Buchstaben du die Buchstaben ersetzen könntest, die in der Ogham-Schrift nicht vorkommen (zum
        Beispiel das f).
       Schreibe deinen Namen in Ogham-Schrift. Variante: Alle schreiben ihre Namen in Ogham-Schrift auf
        kleine Zettel, die Zettel werden gemischt und dann wieder verteilt. Versuche, den Namen, den du
        gezogen hast, zu entziffern.
        Hinweis: Ziehe zuerst eine waagerechte Linie und schreibe dann die einzelnen Zeichen oberhalb und
        unterhalb der Linie. Lass nach jedem Zeichen ein wenig Platz, damit klar ist, wo ein Zeichen endet und
        das nächste anfängt. Die Zeichen für a, e, i, o und u sehen in der Tabelle fast wie Punkte aus. Sie lassen
        sich besser lesen, wenn du sie als kleine Striche zeichnest, die die waagerechte Linie kreuzen.
       (beim Besuch in der Stiftsbibliothek) Kannst du auf der aufgeschlagenen Seite in Cod. Sang. 904 eine
        Eintragung in Ogham-Schrift entdecken? Kannst du sie entziffern?

4.5. Die Kunst der Ornamentik
Typische Elemente der irischen Buchmalerei sind mit Spiralen gefüllte Kreise, kunstvoll
geflochtene Bänder und Tiere, die miteinander oder in sich selbst verschlungen sind.

Fragen/Aktivitäten:
       Betrachte die folgende «Teppichseite» aus dem irischen Evangeliar (Cod. Sang. 51).
29
30

      Welche Elemente der irischen Buchmalerei (Spiralmotive, Tiere, Flechtband) kannst du wo auf der
       Teppichseite entdecken?
      Wie viele Tiere sind auf der Teppichseite insgesamt versteckt?
      Was für Tiere könnten dargestellt sein?
      (beim Besuch in der Stiftsbibliothek) Suche Tiere oder Tierköpfe in den ausgestellten Handschriften.

Irisches Flechtband kann aus einem Band bestehen, das mit sich selbst verflochten ist, oder aus
mehreren Bändern, die ineinander gewoben sind. Auf den ersten Blick ist das gar nicht so einfach
zu erkennen.
      Zeichne die markierten Flechtbänder auf der folgenden Seite nach und finde so heraus, aus wie vielen
       Bändern das Geflecht jeweils besteht. Am besten verwendest du dabei verschiedenfarbige Stifte. Du
       kannst auch die vergrösserten Ausschnitte benutzen, das macht es einfacher.
31

        3

1

    2
32
33

4.6. Der Alltag der Mönche
Kolumban von Luxeuil (um 543–615) schrieb für die Mönche seiner Klostergründungen u. a. eine
Mönchsregel.1 Es ist eine strenge Regel, die es als Mönch im Alltag zu befolgen galt. Sie behandelt
zentrale Inhalte des Mönchslebens: Gehorsam, Schweigen, Essen und Trinken, Beherrschung von
Habsucht und Eitelkeit, Keuschheit, Liturgie, Unterscheidungsgabe, «Abtötung» (des eigenen
Willens) und Vollkommenheit des Mönchs.

Kolumbans Mönchsregel
Fragen/Aktivitäten:
          In der Mönchsregel von Kolumban werden in zehn Kapiteln die Grundlagen des Lebens im Kloster
           niedergeschrieben. Dazu kommen auch konkrete Anweisungen. Lies folgende Regel zum Essen und
           Trinken durch:

           Regel Nr. 3: Von Speise und Trank
           «Die Speise sei schlicht und werde abends eingenommen, indem Übersättigung
           vermieden wird und beim Trank Trunkenheit, sodass beides das Leben erhält und nicht
           schädigt: Kohl, Bohnen, Mehl mit Wasser vermischt, zusammen mit einem kleinen Laib
           Brot, damit der Magen nicht belastet und der Verstand nicht verwirrt wird. Denn in der
           Tat: jene, die ewigen Lohn verlangen, müssen allein auf Nützlichkeit und Notwendigkeit
           bedacht sein. Wie man bei der Arbeit Mass halten muss, so auch daher beim Einsatz des
           Lebens. Denn das ist wahre Diskretion, die Möglichkeit geistigen Fortschritts durch die
           Abtötung des Fleisches zu erhalten. Wenn aber die Abtötung das Mass überschreitet, wird
           sie ein Laster, nicht eine Tugend; denn die Tugend unterhält und enthält viel Gutes.
           Deshalb muss man täglich fasten, wie man sich auch täglich erquicken muss. Und während
           man täglich essen muss, ist dem Leib geringer und spärlicher zu willfahren, denn man
           muss deshalb täglich essen, weil man täglich Fortschritte machen, täglich beten, täglich
           arbeiten und täglich lesen muss.»
          Was verstehst du?
          Warum hatten die Mönche wohl Regeln zur Nahrungsaufnahme?
          Könnte diese Regel noch heute für unser Leben Bedeutung haben? Warum ja, warum nein?

          Was wäre, wenn es in unserer Gesellschaft keine Regeln gäbe? Fändest du das gut oder schlecht und
           warum?

1
    Auf der Mauer, Ivo (Hrsg.): Columban von Luxeuil. Mönchsregeln, St. Ottilien 2007.
34

«Über die zwölf Hauptübel der Welt»
Der Text über die «Zwölf Hauptübel der Welt» entstand um 650 in Irland. Der Verfasser ist
unbekannt. In zwölf Kapiteln werden die Hauptübel der Welt vorgestellt:
                                                                              1. ein Weiser ohne gute
                                                                              Werke
                                                                              2. ein Greis ohne
                                                                              Religion
                                                                              3. ein junger Mann
                                                                              ohne Gehorsam
                                                                              4. ein Reicher ohne
                                                                              Freigebigkeit
                                                                              5. eine Frau ohne
                                                                              Sittsamkeit
                                                                              6. ein Herr ohne
                                                                              moralische Stärke
                                                                              7. ein ehrgeiziger Christ
                                                                              8. ein hochmütiger
                                                                              Armer
                                                                              9. ein ungerechter
                                                                              König
                                                                              10. ein nachlässiger
                                                                              Bischof
                                                                              11. ein Volk ohne
                                                                              Ordnung
                                                                              12. ein Volk ohne
                                                                              Gesetz
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Fragen/Aktivitäten:
       Lies die 12 «Hauptübel» durch. Welche Punkte könnten noch heute für uns Gültigkeit haben? Welche
        nicht und warum?
       Wähle einen Punkt aus und überlege dir, warum dieser wohl zu dem Zeitpunkt, als der Text entstanden
        ist, für die damalige Gesellschaft wichtig war?
       Besonders häufig wurde das neunte Kapitel über den ungerechten König in andere Texte von damals
        aufgenommen. Warum war dieses Kapitel für die Menschen des Frühmittelalters wohl besonders
        wichtig?
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5. Lösungen
Die Lösungen zu den Fragen sind jeweils in kursiver Schrift ersichtlich. Zudem sind teilweise
weiterführende Inputs für Lehrpersonen aufgeführt, mit welchen die Antworten noch ergänzt
werden können.

5.1. Heilige und ihre Geschichten
Patrick, der irische Nationalheilige
Fragen/Aktivitäten:
       Überleg dir, wie du an Informationen über eine Person kommst, die dich interessiert. Welche Medien
        nutzt du hierzu?
       Patrick wird in vielen Schriften als zu seiner Zeit einziger Bischof Irlands betrachtet, was aber offenbar
        nicht stimmt. Was bedeutet es nun für dich, wenn du weisst, dass bereits in alten Handschriften nicht
        alle Informationen ganz der Wahrheit entsprachen?
       Wie könnte man es sich erklären, dass manche Informationen in alten und auch modernen Medien
        nicht genau so wiedergegeben wurden, wie sie sich zugetragen haben?
        Die mündliche Verbreitung von Informationen ist sehr individuell und unvollständig. Je mehr Personen
        etwas weitererzählen, desto stärker wird die Geschichte verändert, durch die eigene Wahrnehmung,
        Absichten, Wortwahl, Auslassungen, Ausschmückungen, Gedächtnisleistungen.
        Die eigenen Interessen und Absichten eines jeden stehen im Vordergrund. Daher kann es sein, dass
        vielleicht auch einzelne Informationen weggelassen oder hinzugefügt werden.
        Im Fall von Patrick ist es wohl so, dass man ihn als einzige Persönlichkeit im grossen Stil verehren und in
        den Kreis der Heiligen erheben wollte und daher die Informationen zu Palladius wegliess. So erscheint
        Patrick als eine noch beeindruckendere Person. Man kann sich somit als gläubige Person an nur einer
        Persönlichkeit orientieren, was einem z. B. bei der Suche nach der eigenen Identität Unterstützung
        bieten kann.
       Findest du es schwieriger bei der Erzählung einer Person oder einem schriftlichen Dokument
        festzustellen, ob die Informationen wahr sind oder nicht?
       Wie wurden Informationen im Mittelalter weiterverbreitet? Such dazu Hinweise im Internet.
       Verfasse eine glaubwürdige oder unglaubwürdige Meldung über dich selbst, lies sie deinen
        Mitschülerinnen und -schülerinnen vor. Dann lass sie raten, ob die Information stimmt oder nicht.
       Im Internet findet man viele Bilder. Sind wirklich alle real? Schau dir folgende Fotos an und entscheide,
        ob sie die Wahrheit zeigen oder womöglich bearbeitet worden sind.
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Bild 1 – Orchideen mit Blüten, die Affen ähneln
Reales Bild: Die Blume heisst Dracula gigas (grosser Drachen).

Bild 2 – Fund eines Skeletts einer Meerjungfrau in der Nähe des Schwarzen Meers
Manipuliertes Bild: Meerjungfrauen sind Kreaturen aus Legenden und der Mythologie und sind nicht real.

Bild 3 – Seltener schwarzer Löwe
Manipuliertes Bild: Das Bild eines weissen Löwens, den es wirklich gibt, wurde via Bildmanipulation verändert.

Bild 4 –Zwillinge
Reales Bild: Die beiden Kleinkinder sind Zwillinge und wurden im April 2005 geboren. Die Eltern stammen beide
auch von Eltern mit unterschiedlichen Wurzeln ab.

Fragen/Aktivitäten:
       Über welches Bild bist du am meisten erstaunt?
       Was kannst du aus dieser Aktivität für deine persönliche Mediennutzung lernen?

Zur vertieften Thematisierung des Umgangs mit Medien im Schulunterricht sind folgende Seiten zu empfehlen:

https://www.saferinternet.at/fileadmin/files/Materialien_2014/Wahr_oder_falsch_im_Internet.pdf

https://www.br.de/sogehtmedien/stimmt-das/luegen-erkennen/un-wahrheiten-luegen-erkennen124.html
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Columba von Iona
Fragen/Aktivitäten:
       Handelt es sich bei der gezeichneten Person wirklich um Columba? Warum?
        Der Name S. COLUMBA in Majuskelschrift (Grossbuchstaben) identifiziert die abgebildete Person.
       Schau dir die Zeichnung genau an: Was siehst du?
        Columba ist in betender Haltung dargestellt. Heutzutage legt man die Hände zum Beten allerdings meist
        ineinander. Er steht auf einem stilisierten Berg. Rechts befindet sich ein Altar, auf dem ein hausförmiger
        Schrein für Reliquien, ein Kreuz und ein weiterer Schrein oder ein Buchbeutel stehen.

Gallus und die Anfänge St. Gallens
Fragen/Aktivitäten:
       Was ist eine Legende?
        Etwas, was erzählt, angenommen, behauptet wird, aber nicht den Tatsachen entspricht.
       Lies die Legende von Gallus und dem Bären aufmerksam durch:

        «Gallus hatte sich nach seiner Trennung von Kolumban im Jahr 612, vom ortskundigen
        Diakon Hiltibod begleitet, von Arbon aus in die Einsamkeit des Steinachtals begeben. Nach
        dem gemeinsamen Nachtmahl legte sich Hiltibod zur Ruhe, während Gallus vor dem
        Kreuz, das er aus Haselruten geformt und woran er sein Reliquientäschchen gehängt
        hatte, betete. Von den Essensresten angelockt, kam ein Bär vom Berg herunter. Gallus
        gebot ihm im Namen des Herrn, Holz zu bringen. Der Bär gehorchte dem Heiligen,
        schleppte einen Holzklotz herbei und legte ihn ins Feuer. Zum Lohn dafür reichte ihm der
        Gottesmann Brot, gebot ihm aber, aus diesem Tal zu weichen und fortan in den Bergen
        und Höhen zu wohnen.»
       Was hast du verstanden? Besprecht zu zweit eure Eindrücke der Legende.
       Was erscheint dir an der Geschichte merkwürdig? Was könnte sich wirklich so ereignet haben?
       Kennst du eine Legende? Erzähl sie einem Mitschüler/einer Mitschülerin.
       Was möchte die Geschichte über die Person Gallus aussagen?
        Gallus war eine besondere Person, von der sogar Tiere in ihren Bann gezogen wurden. Er erscheint als
        eine übermenschliche Person, die eine besondere Verbindung zu Gott hat.
        Input Lehrperson: Die älteste Darstellung der Legende von Gallus und dem Bären (etwa 895) ist auf dem
        Rückendeckel eines der wichtigsten Bücher der Stiftsbibliothek St. Gallen zu sehen (https://www.e-
        codices.unifr.ch/de/csg/0053/bindingC). Dieses Buch heisst Evangelium Longum und enthält Lesungen
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