BÜRGERENERGIE REGIONALE ENTWICKLUNG MIT - Bündnis ...

 
BÜRGERENERGIE REGIONALE ENTWICKLUNG MIT - Bündnis ...
REGIONALE ENTWICKLUNG MIT
BÜRGERENERGIE
BÜRGERENERGIE REGIONALE ENTWICKLUNG MIT - Bündnis ...
REGIONALE ENTWICKLUNG MIT BÜRGERENERGIE

     1. Auflage 2018

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BÜRGERENERGIE REGIONALE ENTWICKLUNG MIT - Bündnis ...
INHALT
Vorwort.  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  . 04

      #1 Das Bündnis Bürgerenergie. .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  . 05
      #2 Kurze Geschichte der Bürgerenergie.  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  . 07
      #3 Politischer Rahmen für die Bürgerenergie .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  . 10
      #4 Regionale Potenziale von Bürgerenergie. .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  . 13
      #5 Praxisbeispiel Bürgerwindpark Grenzstrom Vindtved .  .  .  .  .  .  .  .  .  . 17
      #6 Neue EU-Vorgaben zur regionalen Bürgerenergie.  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  . 20
      #7 Dr. Philipp Boos im Interview zu den neuen EU-Vorgaben .  .  .  .  .  . 23
      #8 Handlungsempfehlungen .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  . 25

Impressum .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  . 28

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VORWORT
     BÜRGERENERGIE IST GUT FÜR
     DIE REGIONALE ENTWICKLUNG

     Liebe Leserinnen und Leser,

                                  die Anfänge der Energie-       Aus Sicht des Bündnis‘ Bürgerenergie ist diese Entwick-
                                  wende reichen zurück in        lung fatal. Die Reduktion von Energie-Projekten auf ihren
                                  die 70er und 80er Jahre.       angeblichen Preis gefährdet nicht nur die Akzeptanzbe-
                                  Damals haben Pionierin-        reitschaft der Menschen vor Ort, sondern wirkt auch
                                  nen und Pioniere nicht         negativ auf die Energiewende insgesamt. Während der
                                  nur die Technologien           Ausbau der Solarenergie in Deutschland bereits seit ei-
                                  der Erneuerbaren Ener-         nigen Jahren eingebrochen ist, ging es zuletzt der Win-
                                  gien    vorangetrieben,        denergie an den Kragen – mit der Folge, dass die Zahl
                                  sondern auch für ihre          der Genehmigungen extrem zurückgegangen ist, weil die
                                  Nutzung, für Geneh-            Akteure keine Sicherheit mehr haben, ihre Windprojekte
                                  migungsverfahren und           auch umsetzen zu können.
                                  Vergütungen gekämpft.
     Dies war von Anfang an ein Prozess, der regional ver-       Dieser Bericht stellt systematisch dar, welche Vorteile
     ankert war. Die örtlichen Behörden, die Rathäuser,          Bürgerenergieprojekte für die regionale Entwicklung ha-
     die Nachbarschaft, die Medien und viele mehr wa-            ben – ein Aspekt, der in der Diskussion oft viel zu kurz
     ren nicht nur Ansprechpartner, sondern wurden oft           kommt. Denn das bürgerschaftliche Energie-Engagement
     zu Verbündeten und Beteiligten. Denn wenn Projekte          erhöht nicht nur die Akteursvielfalt, sondern ist eine
     aus der Mitte der Bürgerschaft entstehen und in zi-         gänzlich alternative Herangehensweise an wirtschaft-
     vilgesellschaftlichem Engagement umgesetzt werden,          liche Projekte. Damit sich die Bürgerenergie entfalten
     profitieren nicht nur Investoren, Umwelt und Klima,         kann, ist sie jedoch auf faire Rahmenbedingungen ange-
     sondern auch die Regionen, in denen sie entstehen.          wiesen. Wie sich diese Rahmenbedingungen entwickelt
                                                                 haben und wieso die zukünftigen EU-Vorgaben einen
     Inzwischen sind Erneuerbare Energien die mit Abstand        Hoffnungsschimmer darstellen, erläutern wir ebenfalls.
     günstigste Form der Energieerzeugung. Trotzdem versu-
     chen einige politische Akteure und Konzerne, die Ener-      Ich wünsche Ihnen eine spannende und aufschluss-
     giewende in der Öffentlichkeit als teures Experiment zu     reiche Lektüre.
     brandmarken. Dies hat dazu geführt, dass bei der Be-
     wertung von neuen Projekten nur noch der Preis pro er-      Herzlichst, Ihr
     zeugter Kilowattstunde eine Rolle spielt – egal, wie hoch
     die Netzanbindungskosten sind, die das Projekt hat; und
     egal, ob das Projekt die Region und die dort lebenden       Malte Zieher,
     Bürgerinnen und Bürger einbindet oder nicht.                Vorstand Bündnis Bürgerenergie e.V.

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Thomas Banning von naturstrom
                                                                                                          hält einen Vortrag auf dem
                                                                                                ­ ürgerenergie-Konvent 2014 in Fulda
                                                                                                B

#1 VORSTELLUNG
DAS BÜNDNIS BÜRGERENERGIE

„WIR WOLLEN UNSERE ENERGIE SELBST ERZEUGEN“
Die Energiewende braucht Bürgerenergie. Ohne die             kratischen Mitmach-Projekt für das Gemeinwohl. Damit
Initiative von Pionierinnen und Pionieren und den            dies gelingt, muss es den Menschen möglich sein, einfach
Druck aus der Bevölkerung wäre es nie zur Energie-           und fair am Energiemarkt teilzuhaben. Dafür kämpft das
wende gekommen. Und auch weiterhin sind es vor               Bündnis Bürgerenergie erfolgreich mit seinen Mitgliedern.
allem die Kraft und Innovation der Bürgerinnen und
Bürger, die die Transformation des Energiesystems            Durch seine Tätigkeiten ist das Bündnis Vordenker und
zum Schutz unseres Klimas vorantreibt. Das Bündnis           Multiplikator der dezentralen Energiewende in Bürger-
Bürgerenergie bietet diesen Akteuren eine Plattform.         hand. Es bündelt die Ideen und Tätigkeiten von Bürger­
                                                             energie-Akteuren und bietet ihnen damit eine Plattform,
Bürgerenergie speist sich aus dem natürlichen Wunsch         von der andere Menschen und Initiativen lernen können,
der Menschen, ihre Belange in die eigenen Hände zu           um gemeinsam aktiv zu werden. Das Bündnis Bürgerener-
nehmen. „Wir wollen unsere Energie selbst erzeugen“          gie ist ein Netzwerk, das Wissen vermittelt – und ein Im-
war und bleibt das Motto der Bürgerenergie. So vielfäl-      pulsgeber, der die Interessen der Bürgerenergie gegen-
tig die Menschen, so vielfältig ist dabei auch die Bürger­   über Politik, Verbänden und Medien vertritt.
energie: sei es die Solaranlage auf dem Hausdach, der
gemeinsame Bürgerwindpark, die Bürgersolaranlage             Das Bündnis Bürgerenergie wurde 2014 von elf Orga-
auf dem Schuldach, das Bürgerenergie-Quartier, das ge-       nisationen und Unternehmen gegründet und umfasst
meinschaftliche Nahwärmenetz, das Bioenergiedorf, das        mittlerweile über 200 Mitglieder, die zusammen über
Elektromobil-Ladenetz in Bürgerhand, der Bürgerstrom-        500.000 Energiebürgerinnen und Energiebürger aus ganz
handel oder die Sektorenkopplung von unten.                  Deutschland vereinen. Im Dialog mit der Öffentlichkeit
                                                             und in der Gemeinschaftsbildung setzt sich das Bündnis
Wenn Bürgerinnen und Bürger ihre Ideen in ihrer Heimat-      für Bürgerenergie als tragende Säule der Energieversor-
region umsetzen können und sich dadurch stärker mit ihrer    gung ein. Anhand der Prinzipien Selbstbestimmung, Par-
Energieversorgung identifizieren können, wird eine echte     tizipation, Verantwortung und Demokratie entsteht so
Teilhabe möglich – und die Energiewende wird zum demo-       eine „Kultur der Bürgerenergie“.

                                                                                                                            05
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Nur gemeinsam sind wir stark                                          ildungsveranstaltungen zu innovativen
                                                                        ■ B
     „Nur gemeinsam sind wir stark“ – das war nicht nur die               Geschäftsmodellen und
     Gründungsidee des Bündnisses, sondern ist auch bis heute
     sein Erfolgsrezept. So hat das Bündnis Bürgerenergie mit sei-         ampagnen zur Kommunikation der
                                                                        ■ K
     nen Mitgliedern und Partnern entscheidend dazu beigetra-             Vorteile von Bürgerenergie.
     gen, dass die Europäische Union das Thema Bürgerenergie
     als das anerkennt, was es ist: ein integraler Bestandteil des      Seien Sie dabei und werden Sie Teil der Bürgerenergie-­
     Energiesystems. Erstmals definiert Europa in der Erneuer-          Gemeinschaft!
     baren-Energien-Richtlinie ein konkretes und weit gehendes
     Recht auf erneuerbare Eigenversorgung und für Erneuerba-           Das Bündnis Bürgerenergie ist so stark wie seine Mitglie-
     re-Energie-Gemeinschaften. In vielen Ländern Europas wird          der. Diese steuern Wissen und Erfahrung bei, welche das
     damit Bürgerenergie und der erneuerbare Eigenverbrauch             Bündnis in seiner Aufgabe als Vermittlungs-Plattform mit
     erstmals ermöglicht. Auch Deutschland ist zu Verbesserun-          allen Akteurinnen und Akteuren der Bürgerenergie teilen
     gen verpflichtet. Dazu beigetragen haben viele Gespräche           kann. Andererseits profitieren alle Mitglieder von regel-
     mit Vertreterinnen und Vertretern der Kommission sowie             mäßigen Hintergrundinformationen durch das Bündnis
     Parlamentarierinnen und Parlamentariern in Brüssel und             Bürgerenergie. Auf Grundlage dieser geteilten Wissens-
     Berlin. Zusätzliche Wirkung entfaltete eine vom Bündnis            basis werden gemeinsame Aktionen möglich, die für ein-
     Bürgerenergie gestartete Petition an den deutschen Wirt-           zelne Akteure nicht umzusetzen wären. So erreicht die
     schaftsminister Peter Altmaier (CDU), die über 19.000 Men-         Bürgerenergie eine hohe Sichtbarkeit in der Öffentlich-
     schen unterzeichnet haben.                                         keit und ist kompetenter Ansprechpartner für Medien,
                                                                        Politik und Branche.
     Um auch weiterhin so erfolgreich arbeiten zu können, ist
     das Bündnis Bürgerenergie auf Spenden und zusätzliche              Alle Mitglieder können sich in die Entscheidungsprozes-
     Mitglieder angewiesen. Denn es stehen vielfältige Auf-             se im Bündnis Bürgerenergie aktiv einbringen, in Arbeits-
     gaben an:                                                          gruppen mitarbeiten oder sich online austauschen. So
                                                                        erweitert sich die Identifikation der Menschen mit der
        ie Begleitung der Umsetzung von EU-Richtlinien
     ■ D                                                                Energiewende über die eigene Region hinaus – und es
       und Verordnungen in nationales Recht,                            wächst ein bundesweites Netzwerk, in dem sich Enga-
                                                                        gierte kennen lernen, ihre Ideen und Meinungen austau-
     ■ S tudien zur Weichenstellung der Energiepolitik, um             schen und gemeinsam politisch und wirtschaftlich aktiv
        die Klimaziele unter Beteiligung der Bürgerinnen                werden können.
        und Bürger zu erreichen,

     Ratssprecherin Beate Petersen auf dem Bürgerenergie-Konvent 2017   Networking gehört zum Bürgerenergie-Konvent dazu –
     in Bochum                                                          wie hier 2015 in Erfurt

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Die Tvind-Mühle kurz nach ihrer
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#2 GESCHICHTE
KURZE HISTORIE DER BÜRGERENERGIE

WIE UNSERE ENERGIEVERSORGUNG
DEMOKRATISCHER WURDE
Spätestens seit dem zweiten Atomausstieg im Jahr                  den Kohleausstieg. Ihren gesellschaftlichen Ursprung
2011 ist der Begriff „Energiewende“ in Deutschland                hat die Energiewende allerdings in der Anti-Atomkraft-­
fast jeder und jedem bekannt. Dabei ist das Phä-                  Bewegung der 70er Jahre. Deren Fokus lag in der Kritik und
nomen dahinter viel älter – und unzertrennlich mit                im Widerstand gegen die energetische und militärische
der Bürgerenergie verbunden. Diese war und ist das                Nutzung der Atomkraft. In Wyhl in Baden-Württemberg
schlagende Herz der Energiewende.                                 beispielsweise wurde zum dort geplanten Atomkraftwerk
                                                                  erfolgreich Nein gesagt: „Nai hämmer gsait“. Doch die Anti-
                                                                  Atomkraft-­Bewegung hat auch zur Gründung unabhängi-
Ursprung in der Anti-Atomkraft-­Bewegung                          ger Forschungseinrichtungen wie dem Öko-Institut geführt
Erstmals wurde der Begriff Energiewende 1980 vom Öko-­            sowie den vielfältigen Anstrengungen von Pionierinnen
Institut benutzt – als Titel eines Buchs, das Energie­szenarien   und Pionieren zur Entwicklung Erneuerbarer Energien und
für den Atom- und Ölausstieg aufzeigte, nicht jedoch für          deren Einsatz den Weg geebnet.

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Ein beeindruckendes Beispiel für Pioniergeist ist die          Entwicklung von Technik,
     Tvind-Mühle aus Dänemark. Per Annonce suchte die al-           Genehmigungsprozessen und
     ternative Tvind-Schule im Jahr 1975 Menschen, um ge-           Vergütungsmodellen
     meinsam die damals größte Windenergieanlage der Welt           Erfolgreicher waren die Bürgerinnen und Bürger, die
     in Westjütland zu bauen. Daraufhin bauten 400 Lehre-           jahrelang dafür kämpften, die Wind- und Solarenergie
     rinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler sowie viele        zu entwickeln und einsetzen zu dürfen. Einer von ihnen
     Freiwillige ein Windrad mit einer 2-Megawatt-Turbine,          war Dietrich Koch. Als er 1975 nach Mettingen in ein
     die allerdings von Anfang an auf 1 Megawatt Leistung           Haus mit Feuerofen und nur zwei Steckdosen zog, wollte
     gedrosselt lief und am 26.03.1978 die Stromproduktion          RWE 50.000 Mark von ihm für einen leistungsstärkeren
     aufnahm. Bis Ende 2014 hatte die Anlage 150.540 Be-            Netzanschluss. Dietrich Koch zahlte nicht und kaufte sich
     triebsstunden und produzierte über 20 Gigawattstunden          stattdessen eine Windturbine von Henk Lagerweij, einem
     Strom. Die Windenergieanlage ist noch weitestgehend            niederländischen Tüftler, dessen Unternehmen weltweit
     mit den Originalteilen in Betrieb, einzig die Rotorblätter     als erstes drehzahlvariable Windenergieanlagen mit pas-
     und ihre Lager mussten seitdem ausgetauscht werden.            siver Pitchregelung auf den Markt brachte, die noch heu-
                                                                    te Stand der Technik sind. Koch brauchte für die Anlage
     Die großen Konzerne sprangen auf den Energiewen-               eine Genehmigung, doch damals gab es keine passende
     de-Zug auf und akquirierten dutzende Millionen D-Mark          Kategorie. Also erzählte er den Behörden, er baue einen
     an Förder­geldern für die Weiterentwicklung der Wind­          Atombunker und brauche dafür Strom. Den Beamten
     energie. Am Projekt Growian waren beispielsweise               gefiel die Idee und sie genehmigten die Anlage, obwohl
     die Hamburgischen Electricitäts-Werke, die Schleswig-­         Koch nie einen Bunker baute. Die Anlage ragte jedoch
     Holsteinische Stromversorgungs AG und der RWE-­                eine Armlänge aus dem LKW heraus, der sie aus den Nie-
     Konzern beteiligt. Sie errichteten eine 3-Megawatt-­           derlanden über die Grenze transportierte. Die deutschen
     Turbine, die nur 420 Betriebsstunden erreichte. Das            Grenzbeamten forderten daraufhin eine Polizeieskorte
     Projekt war von Anfang an nur ein Feigenblatt: „Wir            für den Transport. Koch hatte jedoch schon einen Kran
     brauchen ­Growian, um zu beweisen, dass es nicht geht.         für den Aufbau der Anlage bestellt und konnte nicht war-
     Growian ist so etwas wie ein pädagogisches Modell, um          ten. Also rief er einen lokalen TV-Sender an, der sofort
     Kernkraftgegner zum wahren Glauben zu bekehren“, sag-          zur Grenze kam, worauf hin die Behörden einlenkten und
     te der damalige RWE-Vorstand Günther Klätte auf einer          den Transport gewähren ließen.
     Hauptversammlung des ­Konzerns.

     Turbinen der Bürgerwindparks in Friedrich-Wilhelm-Lübke-Koog

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Behörden und Genehmigungsprozesse waren damals
nicht auf die Erneuerbaren Energien ausgerichtet – eben-
so wenig wie die zu der Zeit geltenden Vergütungsmodel-
le. Heinrich Bartelt errichtete seine erste Windenergie-
anlage 1988 und überzeugte RWE-Vertreter nach einigen
Runden Schnaps, seinen Stromzähler bei Einspeisung
rückwärts laufen lassen zu dürfen. Doch so viel Glück und
Geschick hatten nicht alle. Erst 1991 sprach die Bundes­
regierung mit ihrem Stromeinspeisungsgesetz Wind­
energieanlagen 75 Prozent des Endkundenpreises für die
Einspeisung zu, woraufhin sich die Windenergie in den
90ern entwickeln konnte. Unter den ersten Nutzern der
Regelung waren Bauern in Schleswig-Holstein, die 1992
den Bürgerwindpark Lübke-Koog mit 14 Windrädern
realisierten – damals der größte Auftrag für die Gara-
gen-Firma Enercon, die zu dieser Zeit aus zwei Personen
bestand. 2004, nach mehreren Erweiterungen und Repo-
wering-Maßnahmen, waren 95 Prozent aller Haushalte
in Lübke-Koog am Windpark beteiligt. Für RWE hingegen
war die Einspeisevergütung ein Unfall, „den wir nicht ha-
ben kommen sehen“.

Für die Photovoltaik, die mit dem Stromeinspeisungsge-
setz sogar 90 Prozent des Endkundenpreises bekam, war
dies zur Entwicklung und zum wirtschaftlichen Einsatz
der Technologie allerdings nicht ausreichend. Auf Betrei-
ben von Wolf von Fabeck und dem Solarenergie-Förder­        1999 erhielt die Tvind-Mühle einen markanten rot-weißen Anstrich
verein aus Aachen, Ernst Schrimpff und dem Sonnen-
kraft Freising e.V. sowie dem Energiewende-Vorkämpfer
Hans-Josef Fell wurden 1993 in Aachen, Freising und         Erfolg der Bürgerenergie
Hammelburg die weltweit ersten Beschlüsse zur kos-          Die bis 2016 installierte Leistung an Erneuerbaren Energi-
tendeckenden Einspeisevergütung in Höhe von bis zu          en geht zu 42 Prozent auf Bürgerinnen und Bürger zurück
zwei D-Mark pro Kilowattstunde für Solarstrom erwirkt.      – das ist fast drei Mal so viel wie alle Energiekonzerne
Aachen begrenzte die Vergütung anfangs auf Anlagen          zusammen auf den Weg gebracht haben. Was ist also die
von insgesamt einem Megawatt Leistung. Die Idee wurde       Energiewende? Auf jeden Fall ist sie der Grundstein für
von mehr als 200 Kommunen übernommen und bereite-           die Entwicklung Erneuerbarer Energien. Sie ist viel mehr
te dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) im Jahr 2000       Graswurzelbewegung als ein wie auch immer gearteter
und der solaren Revolution den Weg. Zwischen 2010 und       Masterplan. Aufgrund der regionalen Verankerung und
2012 wurde in Deutschland im Schnitt pro Stunde etwa        der Beteiligung von Millionen Menschen bedeutet sie
ein Megawatt an Solarleistung zugebaut. Die Einspeise-      zudem eine weitgehende Demokratisierung der Energie­
vergütung war dafür Wegbereiter und Garant. „Politiker      versorgung. Und wann begann die Energiewende? Viel-
haben die Photovoltaik weiter voran gebracht als Wis-       leicht in den 70ern mit der Anti-Atomkraft-Bewegung
senschaftler“, so Adolf Goetzberger, Gründer des Fraun-     und den ersten Windpionierinnen und -pionieren, viel-
hofer-Instituts für Solare Energiesysteme.                  leicht in den 90ern mit dem Stromeinspeisungsgesetz
                                                            und der kostendeckenden Einspeisevergütung, vielleicht
                                                            2000 mit dem EEG – aber sicher nicht erst im Jahr 2011,
                                                            in Folge der Katastrophe in Fukushima und dem darauf
                                                            folgenden zweiten Atomausstieg.

                                                                                                                               09
BÜRGERENERGIE REGIONALE ENTWICKLUNG MIT - Bündnis ...
#3 POLITIK
                                                                                                         Die Klima-Allianz fordert
     POLITISCHER RAHMEN FÜR DIE BÜRGERENERGIE                                                               „Raus aus der Kohle –
                                                                                                        Rein in die Bürgerenergie“

     DIE AUSGEBREMSTEN PIONIERINNEN
     UND PIONIERE
     Der 1. April 2000 kann mit Fug und Recht als histori-      Mit dem frühen EEG fanden viele engagierte Grup-
     sches Datum bezeichnet werden. Denn an diesem Tag          pen und Privatpersonen erstmals verlässliche Rah-
     trat das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) in Kraft.       menbedingungen vor, um sich aktiv gegen den Klima-
     Die Energiewende erhielt damit einen institutionellen      wandel einzusetzen. Unzählige Menschen wurden zu
     Rahmen. Seit damals wurde das Gesetz mindestens            „energethischen“ Vorreiterinnen und Vorreitern einer
     sechsmal substanziell und unzählige Male im Detail         CO2-neutralen (Energie)-Wirtschaft und schlossen sich
     verändert. Es ist nahezu unmöglich, alle Änderungen        in Bürgerenergiegesellschaften zum Bau von Windrä-
     im Einzelnen nachzubilden. Aber es lassen sich zwei        dern oder Solaranlagen zusammen. Die dezentrale
     große Entwicklungen zeigen, die die Chancen der Bür-       Energieversorgung, zu Beginn der Elektrifizierung im
     gerenergie geprägt haben. Bis 2012 hat ein grundsätz-      19. Jahrhundert im ganzen Land die Regel, erlebte eine
     lich gutes Gesetz zu einer Blüte der Bürgerenergie ge-     „erneuerbare“ Renaissance. Die Bürgerinnen und Bürger
     führt. Ab 2012 wurde der Bürgerenergie systematisch        jagten den Stromriesen Marktanteil um Marktanteil ab.
     die Luft zum Atmen abgeschnürt. Schauen wir uns            Mit Beginn der 2010er-Jahre war die Bürgerenergie da-
     diese Entwicklungen genauer an.                            mit auf dem Weg, den Markt zur Erzeugung von Erneu-
                                                                erbaren Energien zu dominieren. Mit dem EEG konnten
                                                                sich erneuerbar bewegte Bürgerinnen und Bürger auf
     Die Blüte der Bürgerenergie                                das Wesentliche konzentrieren: lokal den Klimaschutz
     Der Erfolg des ursprünglichen EEG überstieg die kühns-     voranzutreiben. Indem die installierten Anlagen auf der
     ten Erwartungen: So stieg die Erzeugung erneuerbaren       Basis verlässlicher, berechenbarer Finanzierung und mit
     Stroms bis zum Ende des ersten EEG-Jahrzehnts fast um      überschaubaren bürokratischen Anforderungen gebaut
     das Dreifache. Die Photovoltaik, Anfang des Jahrtausends   werden konnten, trauten sich viele Menschen zu, die
     noch Nischentechnologie, wuchs neben der Windkraft         einst den selbsternannten „Experten“ der Stromindust-
     zur zweiten Säule sauberer Energieversorgung heran.        rie überlassenen Herausforderungen selbst zu meistern.

10
Die Bürgerenergie im Würgegriff                                Die nächste Bundesregierung, die Große Koalition un-
der Bürokratie                                                 ter der CDU-Kanzlerin Angela Merkel und Vizekanzler
Kurz nach der ersten EEG-Dekade wuchs der politische           Sigmar Gabriel (SPD), ging von Anfang an rücksichtslos
Druck auf dieses Erfolgsmodell. Am Anfang stand die            der Bürgerenergie an den Kragen. Und das sehr syste-
sogenannte Photovoltaik-Novelle. Die Minister Norbert          matisch, weil der Gesetzgeber den Energiebürgerinnen
Röttgen (CDU) und Philipp Rösler (FDP) setzten dem             und -bürgern das zumutete, was sie überhaupt nicht
Photo­voltaik-Boom ein Ende. Ein „atmender“ Deckel             vertragen können: Bürokratie, genauer: überbordende
beim Photovoltaik-Ausbau von lediglich 2,5 bis 3,5 GW          Bürokratie. Das erste EEG war klein, handlich und gut: Es
pro Jahr statt den erreichten 7,5 GW in den Jahren vor-        kam gerade mit zwölf Paragraphen auf drei Seiten aus.
her sowie eine radikale Kürzung der Vergütung bedeute-         Das EEG 2017 hat hingegen 173 Paragraphen und einen
te einen Kahlschlag für die florierende Solarwirtschaft.       Umfang von 134 Seiten.In drei Bereichen zeigt sich das
                                                               Bürokratie-Monster besonders:
Das öffentliche Klima für die Energiewende wurde auch da-
nach immer unfreundlicher. Tonangebend war der damalige        1. Einführung von Ausschreibungen:
Umweltminister Peter Altmaier (CDU), der mit der „Strom-           Chaos statt Wettbewerb
preisbremse“ Wahlkampf gegen die Erneuerbaren machte.          Die Idee hinter Ausschreibungen lautete: Bevor Anla-
Er konnte dies nur tun, weil zwei fundamentale politische      genbetreiberinnen und -betreiber eine Förderzusage er-
Irrtümer die EEG-Umlage ansteigen ließen, die nun von          halten, müssen sie in einem Preiswettbewerb um eine
Energiewende-Gegnern als vermeintliche Kennzahl für die        festgelegte Menge von Erzeugungskapazität konkurrie-
angeblich „ausufernden“ Kosten der Energiewende miss-          ren. Viele Beobachterinnen und Beobachter warnten
braucht wurde. Zum einen sorgten fallende Börsenstrom-         vergeblich vor den verheerenden Folgen dieses sehr
preise aufgrund der nicht vorhandenen Brennstoffkosten         technokratischen Instruments. Sogar die EU-Wettbe-
der Erneuerbaren dafür, dass die Differenz zwischen den        werbskommissarin Margrethe Vestager stellte klar, dass
Durchschnittsvergütungen aller Erneuerbaren Energien-­         die Mitgliedsstaaten Projekte bis zu gewissen Größen
Anlagen und dem Marktpreis in den folgenden Jahren nicht       (bei Wind: 18 Megawatt!) ohne Preiswettbewerb för-
kleiner wurde – trotz rapide sinkender Erzeugungskosten.       dern durften. Zu Recht, denn die Idee vom „fairen Wett-
Vor allem aber sind die Industrieprivilegien zu nennen, wel-   bewerb“ ist illusorisch: Bürgerenergie-Projekte schicken
che die damalige schwarz-gelbe Bundesregierung massiv          immer nur ein Projekt ins Rennen, größere kommerzielle
ausweitete. Denn ausgerechnet die größten industriellen        Anbieter hingegen können das Risiko, in der Ausschrei-
Stromverbraucher tragen seitdem nichts mehr zur Finanzie-      bung nicht zum Zuge zu kommen, über mehrere Projekte
rung der Energiewende bei. Umso mehr müssen normale            streuen. Ohne Gewissheit über eine gesicherte Vergü-
Verbraucherinnen und Verbraucher zahlen.                       tung traut sich kaum jemand, in die Finanzierung und
                                                               Planung eines komplexen Projektes einzusteigen.

                                                               Schon bei den Photovoltaik-Freiflächenanlagen zeichne-
                                                               te sich früh ab, dass die Bürgerenergie bei Ausschreibun-
                                                               gen den Kürzeren zieht: hier waren etwa die im Solarbe-
                                                               reich traditionell starken Genossenschaften nur minimal
                                                               vertreten. Ein Warnzeichen für die ab 2017 geplanten
                                                               Wind-Ausschreibungen. Gemeinsam mit der nicht ab-
                                                               reißenden Kritik aus der Branche lenkte das Bundeswirt-
                                                               schaftsministerium ein und entwickelte Sonderregeln für
                                                               Bürgerenergiegesellschaften.

                                                               Bürgerenergiegesellschaften wurden damit erstmals ge-
                                                               setzlich definiert. Eine Bürgerenergiegesellschaft nach
                                                               EEG muss aus mindestens zehn natürlichen Personen
                                                               aus dem Landkreis, in dem der Windpark errichtet wird,
Bürgerenergie-Aktive beim Aktionstag „Rise for ­Climate“
am 08.09.2018 vor dem Paul-Löbe-Haus gegenüber dem
­Bundeskanzleramt

                                                                                                                           11
bestehen. Diese natürlichen Personen müssen insgesamt         3. Bestrafung für Eigenverbraucher
     51 Prozent der Stimmrechte in der Bürgerenergiegesell-        Bis 2012 gab es im EEG einen Eigenverbrauchsbonus.
     schaft innehaben. Niemand darf mehr als zehn Prozent          Wer seinen Strom selbst erzeugte und diesen verbrauch-
     der Stimmrechte halten.                                       te, ohne ihn durch ein öffentliches Stromnetz zu leiten,
                                                                   bekam eine separate Förderung. Dass diese 2012 abge-
     Die Sonderregeln für solche Bürgerenergiegesellschaften       schafft wurde, wurde mit einer möglichen Überförde-
     umfassten längere Realisierungsfristen und Preisvortei-       rung begründet. Mit einem gewissen Recht, denn Strom
     le. Doch die Regelungen hatten nicht den gewünschten          aus Photovoltaikanlagen war so billig geworden, dass
     Effekt. Benutzt haben die Regelungen in den ersten Aus-       es diesen Eigenverbrauchsbonus nicht mehr brauch-
     schreibungsrunden vor allem Projektierungsbüros, welche       te. Doch kaum zwei Jahre später schlug Bundeswirt-
     die erforderliche Zusammensetzung einer Bürgerenergie-        schaftsminister Gabriel mit dem Vorschlaghammer auf
     gesellschaft „nachgebaut“ haben. Die Projektierer wollten     den Eigenverbrauch ein. Er setzte durch, dass auf selbst
     damit die um zwei Jahre verlängerte Realisierungsfrist        verbrauchten Strom eine anteilige EEG-Umlage bezahlt
     nutzen, um später günstigere Anlagen kaufen zu können.        werden muss, wenn der Strom aus Anlagen mit mehr als
     Diesen verfehlten Effekt hat der Gesetzgeber erkannt und      zehn Kilowatt installierter Leistung oder mit einem Jah-
     mittlerweile das EEG geändert. Damit besteht seit Februar     resertrag von mehr als 10.000 Kilowattstunden stammt.
     2018 nicht mehr die Möglichkeit, vom Vorteil der verlän-      Diese Regel bedeutete für viele Eigenverbrauchsmodelle
     gerten Realisierungsfrist Gebrauch zu machen. Im Gegen-       das Aus. Schlimmer wirkte aber noch der folgende, nicht
     teil muss die Bundesimmissionsschutzgenehmigung nun           begründete und auch nicht begründbare Beschluss: Ei-
     bereits beim Gebotszeitpunkt vorliegen. Den Bürgerener-       genverbrauch liegt nur dann vor, wenn Anlagenbetreiber
     giegesellschaften im Sinne des EEG 2017 bleibt als einziger   und Stromverbraucher die gleiche Person sind – in allen
     Vorteil in Ausschreibungsverfahren nun, dass sie stets den    anderen Fällen wird die volle EEG-Umlage veranschlagt.
     in einer Runde ermittelten Höchstpreis erhalten – in der
     Praxis keine wirkliche Hilfe für echte Bürgerenergie. Eine    Die neue Regulierung des Eigenverbrauchs ist ein Mus-
     Regelung, die Chancengleichheit verspricht, war bis zum       terbeispiel für ausufernde Bürokratie. Denn für ihre
     Redaktionsschluss dieses Berichts nicht in Sicht.             Auslegung brauchte die zuständige Bundesnetzagentur
                                                                   geschlagene 135 Seiten. Sie schuf damit eine Rechtsma-
     2. Keine regionale Direktvermarktung                         terie, die so komplex ist, dass fast nur noch Anwältinnen
         trotz Marktprämie                                         und Anwälte oder andere Expertinnen und Experten sie
     2012 wurde eine Prämie für die Direktvermarktung von          durchschauen.
     Grünstrom eingeführt, die seit 2014 für die meisten Anla-
     gen die Standardförderung darstellt. Das Problematische
     daran ist, dass gleichzeitig ein sogenanntes Doppelver-       Gemeinsam für den zukünftigen Erfolg
     marktungsverbot gilt. Es besagt: Wer für seinen Strom         Die nüchterne Bilanz der Energiepolitik der vergangenen
     eine Förderung in Anspruch nimmt, darf für diesen kei-        vier Jahre lautet: Die Bürokratisierung – von der Einfüh-
     ne Herkunftsangaben gegenüber einem Dritten – zum             rung der Ausschreibungen über die Verhinderung von
     Beispiel den Stromverbraucherinnen und -verbrauchern          regionaler Direktvermarktung bis hin zur Bestrafung des
     – machen. So wird es beispielsweise Energiegenossen-          Eigenverbrauchs – hat den Höhenflug der Bürgerenergie
     schaften sehr schwer gemacht, den Genossenschaftsmit-         vorerst gestoppt und damit auch die Energiewende ge-
     gliedern den selbst erzeugten Strom als Eigenstrom zu         bremst. Anders als viele Energiewende-Gegnerinnen und
     verkaufen. Gleichzeitig wurden die Grünstromprivilegi-        -Gegner es darstellen, ist Bürgerenergie nicht lediglich
     en, die bisher die dezentrale Vermarktung von Ökostrom        ein „Spielplatz“ auf dem Markt. Im Gegenteil ist die Lage
     erlaubt hatten, ersatzlos gestrichen. So wurde die regi-      in der Bürgerenergie deutlicher Gradmesser für den Zu-
     onale Direktnutzung von Strom – ein Kernanliegen von          stand der gesamten Energiewende. Mit der Bürgerener-
     vielen Bürgerenergiegesellschaften und der Schlüssel für      gie leidet die Energiewende. Oder, ins Positive gewen-
     eine schnelle Dekarbonisierung auch des Verkehrs- und         det: Nur wir gemeinsam können das Menschheitsprojekt
     Wärmebereichs durch die Sektorenkopplung – weitge-            Energiewende zum Erfolg führen. Packen wir’s an!
     hend unmöglich gemacht.

12
Bürgerenergie-Aktive zu Besuch im Bio­energie­
                                                                         dorf Schlöben, wo eine ­Genossenschaft Biogas­
                                                                             anlage, Nahwärmenetz und Hackschnitzel-­
                                                                             Spitzenlastkessel gemeinschaftlich betreibt

#4 REGIONALE ENTWICKLUNG
REGIONALE POTENZIALE VON BÜRGERENERGIE

MOTOR FÜR WERTSCHÖPFUNG, AKZEPTANZ
UND TEILHABE VOR ORT
Bürgerenergie ist und war seit jeher vor allem regio-       Gewerbetreibenden über die öffentliche Verwaltung und
nal verwurzelt. Die Menschen, die sich in der Bürger­       Politik bis hin zu Bildungseinrichtungen und letztlich al-
energie engagieren, tragen zu einer aktiven regio-          len Bürgerinnen und Bürgern.
nalen Zivilgesellschaft und zu erheblicher regionaler
Wertschöpfung bei. Die Motivation der Bürgerinnen           Länder und Kommunen spielen eine wichtige Rolle, bei-
und Bürger ist groß – sofern ihnen die Chance zur           spielsweise in der Entwicklung regionaler Energie- und
Teilhabe an der Energiewirtschaft gegeben wird.             Klima­konzepte. Sollen jedoch die örtlichen Potenziale ge-
                                                            nutzt werden, ist es entscheidend, dass Menschen ihre Re-
                                                            gionen durch eigene Handlungen mitgestalten können. Hier
Die Akteure regionaler Entwicklung                          setzt die Bürgerenergie an, die ihre Wirkung in aller Regel
Regionale Entwicklung ist der Ansatz, die sozialen, wirt-   für die jeweilige Region entfalten möchte. Die Bürgerener-
schaftlichen und umweltbezogenen Aspekte einer Re-          gie bietet einen Beteiligungs-, aber auch einen Entfaltungs-
gion zu verbessern. Regionale Entwicklung kann zentral      raum, in dem konkrete Projekte umgesetzt werden können.
vom Staat ausgehen oder „von unten“ erreicht werden,
also durch die Nutzung der vor Ort vorhandenen Poten-
ziale. Die nachhaltige Regionalentwicklung denkt dabei      Die Motivation der
auch Umweltaspekte mit: Die Lebensqualität in einer Re-     Bürgerinnen und Bürger
gion soll verbessert werden, aber unter Beachtung der       Ein zentrales Leitmotiv der Bürgerenergie ist es, an der
Wirkungen, die die Lebens- und Wirtschaftsweise für an-     nachhaltigen regionalen Entwicklung selbst mitzuwirken.
dere Regionen hat. Dafür sollen möglichst viele Akteure     Denn Bürgerenergie speist sich aus dem Wunsch der
aus der Region beteiligt werden – von Handwerk- und         Menschen, nicht mehr nur passive Konsumentinnen und

                                                                                                                           13
Ursula von Hofacker von der Montessori-Schule in Neuötting freut sich über den Strom der nahe gelegenen
     Lärmschutzwand mit integrierten Solarmodulen

     Konsumenten zu sein, sondern die Belange in die eige-                     Individuelle Motive wie Bezug von Energie und Rendite
     nen Hände zu nehmen. Den eigenen Strom selbst zu er-                      sind laut der Umfrage ebenfalls wichtig, finden sich aber
     zeugen ist dabei, laut einer Emnid-Umfrage aus dem Jahr                   erst am Ende der zur Auswahl stehenden Motive.
     2013, nicht nur ein Wunsch von sechs Prozent der Pio-
     nierinnen und Pionieren, die dies bereits unternehmen.
     Weitere 56 Prozent wollen ihren Strom selbst erzeugen,                    Nutzeffekte von Bürgerenergie
     benötigen aber mehr Zeit oder zusätzliches Wissen. Zehn                   auf die regionale Entwicklung
     Prozent sind unentschieden und nur 28 Prozent sagen,                      Bürgerenergie führt zu Engagement innerhalb der Re-
     die Stromerzeugung sei Sache der Energieversorger.                        gion. Wer aktiv vor Ort Energievorhaben realisiert, der
                                                                               nutzt die gegebenen Chancen und entfaltet sich in ersten
     Die Menschen streben also nach Teilhabe und Hand-                         Projekten. Dadurch reißen die Akteure ihre Mitbürgerin-
     lungsautonomie. Den Wunsch, selbstbestimmt und                            nen und Mitbürger mit, von denen sich viele häufig zum
     selbständig die Energiewende voranzubringen, erfül-                       ersten Mal aktiv mit Energiewirtschaft auseinanderset-
     len sie sich im Rahmen der Bürgerenergie allerdings im                    zen. Oft entwickeln sich durch das Engagement an einem
     Bewusstsein um die globale Dimension der drohenden                        konkreten Projekt auch der Erwerb neuer Kompetenzen
     Klimakatastrophe und die vielfältigen desaströsen Aus-                    und ein Engagement-Transfer in neue, innovative Vorha-
     wirkungen auf das Leben auf der Erde. Zum Motiv der                       ben. Oft beginnt eine Bürgerenergiegesellschaft mit der
     Handlungsautonomie gesellt sich also der Wunsch nach                      reinen Produktion Erneuerbarer Energien. Doch im Laufe
     gelebter gesellschaftlicher Verantwortung. Die Men-                       der Zeit folgen meist weitere Projekte, zum Beispiel regi-
     schen wollen regional handeln, sind sich aber überregi-                   onale Stromtarife, Energie-Effizienz-Beratungen, Elektro-­
     onaler, gesellschaftlicher Zusammenhänge bewusst. Die                     Car-Sharing oder der Betrieb von Nahwärmenetzen. Es
     Energiewende und den Umweltschutz voranzubringen                          entsteht eine starke Zivilgesellschaft, die sich vor Ort
     sind die beiden wichtigsten Motive der Bürgerenergie-­                    einbringt.
     Akteure, so eine Umfrage der Leuphana Universität
     Lüneburg aus dem Jahr 2014, die das Bündnis Bürger­                       Wer in den Regionen Energieprojekte umsetzen will,
     energie und der BUND in Auftrag gegeben haben. Erst                       muss überzeugen können – sei es die Nachbarschaft,
     danach kommen regionale Wertschöpfung und Teilhabe.                       Naturschützerinnen und -schützer oder Behördenan-

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gestellte. Die Bürgerenergie hat hier klare Vorteile, da                höher der Grad der Beteiligung der Menschen, desto
die Projekte aus der Mitte der Bürgerschaft selbst ent-                 höher ist die Akzeptanz. Denn die Energieversorgung
stehen. Auf die breite Einbindung lokaler Akteure wird                  wird erfahrbar und gestaltbar.
von vornherein geachtet. Durch die planerische und
finanzielle Teilhabe ergeben sich Transparenz und Mit-
bestimmung. Vorhandene Widerstände können effektiv                      Regionale Wertschöpfung
abgebaut werden und der Energiesektor wird erheblich                    durch Bürgerenergie
demokratischer. Durch die Vielfalt dezentraler Akteure                  Bürgerenergie trägt in erheblichem Umfang zur regiona-
wurde in Deutschland bereits das Oligopol der großen                    len Wertschöpfung bei. Systematisch hat diesen Aspekt
Energieversorger gebrochen. Geld und Einfluss werden                    beispielsweise eine Studie des Instituts dezentrale Ener-
auf deutlich mehr Menschen verteilt, und es entstehen                   gietechnologien und der Uni Kassel im Jahr 2016 unter-
nachhaltige und demokratische Wirtschaftsprozesse.                      sucht. Diese vergleicht die regionale Wertschöpfung von
Statt zu Staatsmonopolisten, multinationalen Konzernen                  Windparks der Stadtwerke-Union Nordhessen, die stets
und globalen Finanzströmen fließt das Geld zu den Men-                  regionale Bürgerenergiegesellschaften beteiligen, mit
schen und lokalen Unternehmen vor Ort.                                  Windparks, die extern projektiert und betrieben wer-
                                                                        den.. Die Windparks der Stadtwerke-Union Nordhessen
Durch die Möglichkeit zur finanziellen Teilhabe und                     kommen auf einen Anteil an regionaler Wertschöpfung
zur Mitarbeit vor Ort entsteht eine enorme Identi-                      in Höhe von 58,5 Prozent, während externe Windparks
fikation der Menschen mit ihren Energieprojekten                        nur einen siebenprozentigen Anteil erreichen. Bürger­
und der Energiewende insgesamt. Die gesteigerte                         energie erreicht also hier mehr als das Achtfache der re-
örtliche Kommunikation führt zu Vertrauen, es ent-                      gionalen Wertschöpfung.
steht eine emotionale Bindung und Bürgerenergie
wird zu einem Stück Heimat. Durch diese Möglich-                        Die regionale Wertschöpfung der Windparks der Stadt-
keit zur Identifikation mit der eigenen, dezentralen                    werke-Union Nordhessen teilt sich wie folgt auf: 36 Pro-
Energieversorgung werden Ängste abgebaut und ne-                        zent gehen in Investitionen in den Standort und laufende
gative Einstellungen gelöst. Neue soziale Strukturen                    regionale Umsätze der lokalen Wirtschaft. 8,5 Prozent
entstehen und führen zu einer empirisch belegten                        gehen als Gewerbesteuern an die Kommunen, 52,9 Pro-
Erhöhung der Akzeptanz lokaler Energieprojekte. Je                      zent an die regionalen Investoren – also Bürgerinnen und

Den Strom der Mieterstrom-Solaranlage von Greenpeace Energy nutzen das Hamburger Künstlerhaus Frise sowie die rund 50 Mieter direkt vor Ort

                                                                                                                                              15
Bürger sowie Kommunen. 2,6 Prozent gehen darüber                  die Politik vom Ziel her denken und sich auf das Prinzip
     hinaus als Zinszahlungen an lokale Banken. Pachtzah-              der Subsidiarität besinnen. Subsidiarität bedeutet, dass
     lungen werden ausgeklammert, da sie im Studiendesign              Selbstbestimmung, Eigenverantwortung und Entfaltung
     dem Land Hessen zufließen und daher keine direkte re-             der Fähigkeiten vor Ort ermöglicht werden soll, indem es
     gionale Wertschöpfung auslösen. Zahlreiche Studien zei-           den Menschen und Regionen überlassen wird, ihre eige-
     gen darüber hinaus, dass die Transformation des Ener-             nen Belange in die eigenen Hände zu nehmen, solange
     giesystems einen klar positiven Effekt auf die regionalen         sie dazu in der Lage sind. Die überregionale oder natio-
     Arbeitsmärkte hat.                                                nale Ebene soll erst dann helfend eingreifen, wenn die
                                                                       Regionen vor Hürden oder Problemen stehen.

     Vom Ziel her denken – Gründe für ein                              In die Energiewirtschaft übertragen entspricht dem Prin-
     dezentrales Energiesystem                                         zip der Subsidiarität der so genannte zellulare Ansatz.
     Die Motivation der Menschen, an der regionalen Ener-              Hier werden Erzeugung und Verbrauch von Energie auf
     gieversorgung mitzuwirken, ist groß, der gesellschaftli-          der niedrigsten Ebene in kleinteiligen „Energiezellen“
     che Nutzen hoch und die regionale Wertschöpfung durch             ausbalanciert. Denn die effizienteste Lösung ist es, den
     Bürgerenergie erheblich. Dennoch hängt alles von den              Strom dort zu verbrauchen, wo er erzeugt wird. Die un-
     Chancen der Menschen ab, am Markt teilhaben zu kön-               tersten Zellen bilden sich dynamisch, vom Eigenversor-
     nen. Wie in Kapitel 3 beschrieben, konnten Bürgerinnen            gungs-Haushalt mit Photovoltaik-Anlage und Speicher
     und Bürger bis ins Jahr 2012 hinein ohne großes Risiko            bis hin zum Straßenzug mit gemeinsamer Erzeugungsan-
     in die erneuerbare Energieerzeugung investieren und die           lage und Gemeinschaftsspeicher. Die lokalen Energiezel-
     entsprechenden Anlagen selbst betreiben. Dies hat zur             len werden durch Energienetze und digitale Kommuni-
     Entfaltung von erheblichem Bürgerengagement geführt.              kationssysteme untereinander verbunden und bilden je
     Die Menschen hatten das Gefühl von Teilhabe und die               nach Notwendigkeit übergeordnete größere Energiezel-
     Möglichkeit zur Entwicklung der eigenen Region. Dies ist          len. Dieser „Graswurzel-Ansatz“ entspricht dem dezen-
     seit 2012 erheblich schwerer geworden.                            tralen Charakter der Erneuerbaren Energien und bietet
                                                                       die Möglichkeit der Partizipation aller Menschen.
     Was es heute braucht, ist ein neuer förderlicher Rahmen
     für das Engagement der Vielen – ein weitgehendes und              Ein dezentrales, zellulares Energiesystem ist deutlich wi-
     unbürokratisches Recht auf Bürgerenergie, das es den              derstandsfähiger als ein zentrales Energiesystem. Zwar
     Bürgerinnen und Bürgern erlaubt, ihre Ideen vor Ort               können sowohl zentrale als auch dezentrale Systeme
     umzusetzen und ihr Potenzial zu entfalten. Dabei sollte           beispielsweise von Hackern angegriffen werden. Wenn
                                                                       die lokalen Energiezellen jedoch als Inselnetz betrieben
                                                                       werden, ist die Fähigkeit zur Aufrechterhaltung sowie
                                                                       Wiederherstellung des Systems deutlich größer.

                                                                       Ein dezentraler, zellularer Ansatz zur nachhaltigen regi-
                                                                       onalen Entwicklung führt zu einer deutlich gleichmäßi-
                                                                       geren Verteilung der kommunalen Wertschöpfung als in
                                                                       einem zentralistisch angelegten Energiewende-Szenario.
                                                                       Insbesondere der ländliche Raum erfährt eine Aufwer-
                                                                       tung – und strukturschwache Regionen erhalten die
                                                                       Möglichkeit, sich selbständig zu entwickeln. Erneuerba-
                                                                       re Ressourcen stehen anders als die fossilen Energien in
                                                                       allen Regionen zur Verfügung, was zur erheblichen Re-
                                                                       duzierung von Energieimporten beitragen kann und zu
                                                                       deutlich mehr Verteilungs- und Chancengerechtigkeit
                                                                       zwischen den Regionen führt.
     Ein Mitglied der UrStrom BürgerenergieGenossenschaft Mainz lädt
     das CarSharing-Elektro-Auto nach Ende der Nutzung

16
Horst Leithoff und Reinhard Christiansen, Geschäftsführer
                                                                                  des Bürgerwindparks Grenzstrom Vindtved

#5 PRAXISBEISPIEL
BÜRGERWINDPARK GRENZSTROM VINDTVED

ERFOLG DURCH VERTRAUEN UND TRANSPARENZ
Horst Leithoff war von Anfang an überzeugt, dass         an Land auf Herz und Nieren für den Betrieb auf hoher
Windenergie nicht nur einen wesentlichen Beitrag         See getestet werden sollten. Ziel des Bürgerwindparks
zum Klimaschutz leisten soll, sondern auch zur regi-     ist es, Wirtschaftskraft zurück in die Region zu holen und
onalen Entwicklung. Mit einer „Gemeinwohlbilanz“         den Gemeinden durch Gewerbesteuern mehr Gestal-
für den Bürgerwindpark Grenzstrom Vindtved,              tungsfreiheit zu geben. Die Bürgergesellschaft liegt ganz
dessen Co-Geschäftsführer er ist, wollte er syste-       in Bürgerhand und betreibt die Anlagen selbst. Das Un-
matisch untersuchen, welche positiven Effekte der        ternehmen gehört 200 regional verankerten Komman-
Windpark für die Region und die Gesellschaft hat.        ditisten, die überwiegend Privatpersonen sind. Es gibt
Damit ist Horst Leithoff ein echter Pionier, denn der    keinen Gesellschafter, der durch seinen Stimmenanteil
Bürgerwindpark Grenzstrom Vindtved ist der erste         bestimmenden Einfluss nehmen könnte.
Windpark in Deutschland, der eine solche Gemein-
wohlbilanz aufgestellt hat.
                                                         Errichtung des Bürgerwindparks
Der Bürgerwindpark Grenzstrom Vindtved besteht aus       Um den Windstrom in das Übertragungsnetz einspeisen
zwei Teilen: Zum Einen aus einem Repowering-Projekt,     zu können, wurde mit sechs weiteren Bürgerwindparks
das 32 kleinere, in ganz Nordfriesland verteilte Wind­   ein eigenes Umspannwerk errichtet. Gemeinsam mit
energieanlagen mit insgesamt 4,9 Megawatt Leistung       dem regionalen Verteilnetzbetreiber wurde darüber hin-
durch vier moderne Windenergieanlagen mit zusammen       aus ein Temperatur-Monitoring der Übertragungsleitun-
9,2 MW ersetzte. Zum Anderen besteht der Windpark        gen realisiert, so dass fast doppelt so viel Strom abtrans-
aus einem Testfeld von drei 6,1-Megawatt-Turbinen, die   portiert werden konnte wie vorher.

                                                                                                                               17
Der Bürgersolarpark Ellhöft, an dem auch der Bürgerwindpark Grenzstrom Vindtved Anteile hält.
     Im Hintergrund sind Anlagen des Bürgerwindparks zu sehen

     Der Bürgerwindpark ist im Landschaftsbild weithin sicht-                  ■    ...ist an einer Genossenschaft beteiligt, die Elektro-
     bar und hat Einfluss auf die landwirtschaftliche Nutzung                        mobilität in der Region voranbringen möchte. Die
     sowie auf Vögel und Wildtiere. Zum Ausgleich hat die                            Genossenschaft forciert den Ausbau von Ladesta-
     Bürgergesellschaft mit den Naturschutzbehörden ein                              tionen und bietet einen Kauf oder ein Leasing von
     Konzept für die naturnahe Bewirtschaftung von Aus-                              E-Bikes und -Autos zu günstigen Konditionen.
     gleichsflächen entwickelt. Dazu wurde ein eigener Na-
     turschutzverein gegründet, der die Ausgleichsflächen                      ■    ...ist beteiligt an der Gesellschaft „Energie des
     der Bürgerwindparks verwaltet.                                                  ­Nordens“. Im Rahmen der Modellregion „Norddeut-
                                                                                      sche Energiewende 4.0“ will die Gesellschaft eine
                                                                                      Power-to-Gas-Anlage bauen, deren Elektrolyseur
     Vielfältige Aktivitäten in der Region:                                           bei Netzüberlastungen Wasserstoff produzieren
     Grenzstrom Vindtved...                                                           und in die Gasleitungen einspeisen soll. So kann
                                                                                      erneuerbarer Strom in Form von Wasserstoff für
     ■    ...hat mit anderen nordfriesischen Bürgerwindparks                         die spätere Nutzung gespeichert werden.
           eine Breitbandgesellschaft gegründet und finan-
          ziert, um den Ausbau von schnellem Internet in der                   ■    ...ist an der ARGE Netz beteiligt, die mit einem
          ländlichen Region sicherzustellen. Selbst in struk-                        vernetzten „Erneuerbaren Kraftwerk“ eine intelli-
          turschwächsten Gegenden wurde auf diesem Weg                              gente Verknüpfung von unterschiedlichen erneuer-
          eine Glasfaseranbindung für die Bewohnerinnen                             baren Stromerzeugern, Speichern und industriellen
          und Bewohner realisiert.                                                  Verbrauchern anstrebt. So soll eine sichere Strom-
                                                                                    versorgung ausschließlich auf Basis Erneuerbarer
                                                                                    Energien gewährleistet werden.

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■ ... hat eine Stiftung ins Leben gerufen, die soziale       1,4 Millionen Euro Gewerbesteuer ab und zahlen
   Zwecke und Energiesparmaßnahmen fördert. Die               834.000 Euro Pachtzahlungen, 6,6 Millionen Euro Aus-
   Stiftung hat beispielsweise solarbetriebene Stra-          schüttungen sowie 410.000 Euro Geschäftsführer-
   ßenlaternen an Bushaltestellen und Schulwegen              gehälter. Insgesamt entspricht dies einer regionalen
   realisiert.                                                Wertschöpfung in Höhe von über 9,3 Millionen Euro.
                                                              Verglichen mit Windparks externer Investoren, die
■ ...möchte in Zukunft gemeinsam mit den umlie-              häufig ausschließlich die Pachtzahlungen in der Region
   genden Bürgerwindparks eine flächendeckende,               lassen, entspricht dies einer elffachen regionalen Wert-
   so genannte „bedarfsgerechte Befeuerung“ der               schöpfung.
   Windenergieanlagen realisieren. Ziel ist, dass die
   Warnlichter der Bürgerwindparks nur dann akti-             „Einen Bürgerwindpark kann man nur durch Vertrauen
   viert werden, wenn sich tatsächlich ein Flugobjekt         und Transparenz verwirklichen. Wir müssen die Men-
   nähert. Diese Innovation nach neuestem Stand der           schen von Anfang an mitnehmen und den Windpark zu
   Technik soll unnötige Lichtimmissionen in Form von         ihrem Windpark machen“, sagt Horst Leithoff. Mit dem
   nächtlichem Blinken reduzieren.                            ideellen und wirtschaftlichen Erfolg haben er und seine
                                                              Kolleginnen und Kollegen mit den Bürgerwindparks dazu
                                                              beigetragen, dass die Akzeptanz für Windkraft in der Re-
Regionale Wertschöpfung                                       gion fast ungebrochen hoch ist.
Der Bürgerwindpark hat von Beginn an eine gerechte
Gewerbesteueraufteilung zwischen den beteiligten Ge-
meinden initiiert. Dabei wurde auch ein Gewerbesteuer-
ausgleich mit einer Gemeinde vereinbart, in der diverse
kleine Windmühlen im Zuge des Repowerings abgebaut
wurden. Insgesamt zahlt der Bürgerwindpark jedes Jahr
rund 270.000 Euro Gewerbesteuer. Die Pachtverträge
sind so gestaltet, dass die Erträge des Windparks nicht
nur einigen wenigen, sondern möglichst vielen Anrainer-
innen und Anrainern zufließen.

Jede Kommanditistin und jeder Kommanditist erhält eine
jährliche Ausschüttung von durchschnittlich 5.000 Euro,
wodurch die Kaufkraft der Region in jedem Jahr um etwa
eine Million Euro erhöht wird. Dies führte zu einer spürba-
ren Belebung der regionalen Wirtschaft

Wo es vertretbar war, wurden regionale Akteure einge-
bunden. Der Kabel- und Wegebau wurde von regionalen
Unternehmen ausgeführt, die Service-Stationen werden
mit lokalen Arbeitskräften betrieben, die kaufmännische
und technische Betriebsführung wird aus der Region
durchgeführt und auch der Direktvermarkter des Stroms
kommt aus der Region.

Neben dem Bürgerwindpark Grenzstrom Vindtved ist
Horst Leithoff Geschäftsführer zweier weiterer Bürger-
windparks in der Region. Zusammen haben diese drei
Gesellschaften mehr als 900 Kommanditistinnen und
Kommanditisten. In Summe führen diese Windparks
                                                              Horst Leithoff

                                                                                                                         19
Die EU-Kommission sieht
                                                                                                    die Bürgerinnen und Bürger
                                                                                                     im Kern der Energie-Union

     #6 EU-VORGABEN
     NEUE RICHTLINIEN ZUR REGIONALEN BÜRGERENERGIE

     EINE HISTORISCHE CHANCE
     In den kommenden Jahren bietet sich für die Bürger­          Trotz dieser klimapolitischen Ambitions- und Verant-
     energie in Deutschland eine große Chance – denn die          wortungslosigkeit lässt sich allerdings auch sehr Gutes,
     Bundesregierung muss die in der EU beschlossene              ja Historisches aus dem Paket herauslesen. Zum ersten
     Rahmensetzung für die Energiepolitik in nationales           Mal nämlich überhaupt werden grundsätzliche Rechte
     Recht umsetzen. Wir möchten Ihnen zeigen, welche             definiert: Jede Stromverbraucherin und jeder Stromver-
     Möglichkeiten und Herausforderungen die EU-Richt-            braucher erhält das Recht, Strom selbst zu erzeugen, zu
     linien bieten.                                               speichern und zu verkaufen – und dabei fair behandelt
                                                                  zu werden. Bürgerenergiegesellschaften erhalten die
     Im Jahr 2020 läuft die derzeitige energiepolitische Rah-     gleichen Rechte wie Stromverbraucherinnen und -ver-
     mensetzung der Europäischen Union aus. Bereits im            braucher, in Bezug auf Stromhandel sind diese sogar
     November 2016 hat die Europäische Kommission einen           noch weitreichender. Zwar stimmt es, dass auch heute
     Vorschlag für deren Erneuerung vorgelegt. Das Paket aus      in Deutschland kein Gesetz und keine Verordnung ver-
     acht Richtlinien- und Verordnungstexten hat sie unter die    bietet, Strom selbst zu erzeugen, zu speichern und zu
     Überschrift „Clean Energy for all Europeans“ gestellt. Der   handeln. Doch ein explizites Recht schafft doch eine
     Titel klingt verheißungsvoll, doch die großen Linien sind    ganz andere Realität. Denn vom Tag des Inkrafttretens
     insgesamt enttäuschend. So konnten sich das Europäi-         des europäischen Energiepakets an kann jede Strom-
     sche Parlament und der Ministerrat der Mitgliedsstaaten      verbraucherin und jeder Stromverbraucher sowie jede
     gerade einmal auf ein Ausbauziel der Erneuerbaren Ener-      Bürgerenergiegesellschaft klagen, wenn sie oder er der
     gien von 32 Prozent am gesamten EU-Energieverbrauch          Meinung ist, in der Ausübung der Rechte behindert zu
     in einigen. Alle Experten meinen: Das reicht nicht aus,      werden. Und diese Wahrnehmung haben vermutlich vie-
     um die klimapolitischen Ziele Europas und die Verpflich-     le, die sich für Bürgerenergie engagieren.
     tungen aus dem Pariser Klimaabkommen zu erfüllen.

20
Bürgerenergie bezogenen Ausschreibungskriterien bis
                                                                      hin zu eigenen Ausschreibungen nur für Bürgerenergie.
                                                                      Den Mitgliedsstaaten steht es aber auch frei, Bürger­
                                                                      energieprojekten eine Mindest-Einspeisevergütung zu
                                                                      gewähren – jedenfalls, sofern es sich um kleinere Pro-
                                                                      jekte handelt. Die Schwellenwerte hierfür legt die Kom-
                                                                      mission eigenständig fest. Aktuell liegen sie bei einem
                                                                      Mega­watt; im Falle von Windenergie bei sechs Anlagen
                                                                      von jeweils maximal drei Megawatt.

                                                                      Heute ist überhaupt noch nicht absehbar, wie die Bun-
                                                                      desregierung die Pflicht umsetzen wird, etwas für Bür-
                                                                      gerenergie bei Ausschreibungen zu tun. Es gilt weiterhin,
                                                                      vor allem darauf hinzuwirken, dass die Politik von der
                                                                      Möglichkeit Gebrauch macht, für kleinere Bürgerener-
                                                                      gieprojekte eine fixe Einspeisevergütung einzuführen.
Malte Zieher und Marco Gütle übergeben Bundeswirtschaftsminister
Peter Altmaier eine Petition, die Deutschland zur Unterstützung der
europaweiten Rechte von Bürgerenergie-Akteuren aufruft
                                                                      Regionale Direktvermarktung
                                                                      Weitreichender sind die Rechte, die der europäischer
Wenn man etwas genauer auf die einzelnen Inhalte dieses               Gesetzgeber Eigenverbraucherinnen und -verbrauchern
„Rechts auf Prosum“1 und des Rechts auf Bürgerenergie                 und Bürgerenergiegesellschaften einräumt, wenn es um
schaut, dann sieht man: An manchen Stellen werden die                 die regionale Direktvermarktung von Bürgerstrom geht.
für die Bürgerenergie seit 2012 einsetzenden, äußerst ne-             Denn die Richtlinien sehen vor, dass Eigenverbrauche-
gativen Entwicklungen der deutschen Energiepolitik, die               rinnen und -verbraucher Energie handeln und Bürger­
wir im dritten Kapitel beschrieben haben, zumindest teil-             energiegesellschaften den Energieaustausch zwischen
weise korrigiert. Hervorzuheben ist besonders, dass der               ihren Mitgliedern organisieren dürfen. Dies öffnet also
europäische Gesetzgeber erkannt hat, dass immer mehr                  eine Tür zum Bürgerstromhandel, wie ihn das Bündnis
bürokratische Anforderungen Gift für Bürgerenergie sind.              Bürgerenergie in einem Impulspapier des Analyseinsti-
                                                                      tuts Energy Brainpool hat beschreiben lassen. Bisher ist
                                                                      Bürgerstromhandel aufgrund der hohen administrativen
Ausschreibungen                                                       Hürden, die das Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) für
Leider gilt diese Korrektur nur sehr eingeschränkt für die            Stromlieferungen vorsieht – gleich von wem an wen –
Ausschreibungen. Sie bleiben das zentrale Instrument                  praktisch unmöglich.
für die Förderung von Erneuerbaren Energien. Allerdings
wird den Mitgliedsstaaten auferlegt, bei der Entwicklung              Insofern könnte es durchaus bedeutsam sein, dass in
ihrer Förderinstrumente die Besonderheiten von Bürger­                den entsprechenden Richtlinien die Mitgliedsstaaten
energiegesellschaften zu berücksichtigen. Ziel ist, dass              verpflichtet werden, die Hürden zu analysieren, die die
Bürgerenergie die gleichen Chancen wie andere Markt-                  entsprechenden Aktivitäten von Bürgerenergie hem-
teilnehmer hat, wenn es um die Partizipation an der                   men. Die Mitgliedsstaaten werden dann verpflichtet, ei-
verfügbaren Förderung geht. Um dies zu erreichen, wird                nen fördernden Rechtsrahmen für Bürgerenergie zu ent-
den Mitgliedsstaaten eine breite Palette an Maßnahmen                 wickeln, der alle nicht gerechtfertigten regulatorischen
vorgeschlagen. Sie reicht von der Information über die                und administrativen Hürden aufhebt. Weiterhin erhalten
technische und finanzielle Unterstützung, die Reduktion               Bürgerenergiegesellschaften das Recht, sogenannte ge-
des administrativen Aufwands, die Einführung von auf                  meinschaftliche Stromnetze zu betreiben.

1   Prosum nennt man es, wenn Produktion und Konsum (von Energie) in einer Person oder Gemeinschaft zusammenfällt

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