Bilanzschreiben Kinderrechte und Integration - Aktuelle Erkenntnisse aus dem Kinderschutzprogramm in Deutschland - Gewaltschutz-gu.de

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Bilanzschreiben Kinderrechte und Integration - Aktuelle Erkenntnisse aus dem Kinderschutzprogramm in Deutschland - Gewaltschutz-gu.de
Bilanzschreiben
Kinderrechte und Integration
Aktuelle Erkenntnisse aus dem Kinderschutzprogramm in Deutschland
               von Plan International Deutschland e.V.
Bilanzschreiben Kinderrechte und Integration - Aktuelle Erkenntnisse aus dem Kinderschutzprogramm in Deutschland - Gewaltschutz-gu.de
Inhalt

    I.		   Kinderschutzprogramm in Deutschland                                   3

    II.    Methodik und Arbeitsweise                                             4

    		     Partizipative Risiko- und Schutzanalyse                               4
    		     Kooperation mit data42                                                5
    		     Regelmäßiger und proaktiver Austausch                                 5

    III.   Erkenntnisse aus der Arbeit mit geflüchteten Menschen                 6

    		Hintergrund                                                                6
    		Unterbringung                                                              6
    		Erstaufnahmen                                                              6
    		 Folge- und Wohnunterkünfte                                                7
    		 Gewalt- und Kinderschutz in Unterkünften                                  7
    		Sozialräumliche Anbindung                                                  8
    		 Mädchen und junge Frauen                                                 10
       Covid-19 in Unterkünften für geflüchtete Menschen                        11

    IV.    Erkenntnisspezifische Empfehlungen                                   13

    		Unterbringung                                                             13
    		Erstaufnahmen                                                             13
    		 Folge- und Wohnunterkünfte                                               13
    		 Gewalt- und Kinderschutz in Unterkünften                                 14
    		Sozialräumliche Anbindung                                                 15
    		 Mädchen und junge Frauen                                                 16
       Covid-19 in Unterkünften für geflüchtete Menschen                        17

    V.     Weiterführende Empfehlungen                                          18

    		 Einhaltung und Stärkung der UN-Kinderrechte                             19
    		Gesetzliche Verankerung der Mindeststandards und deren Implementierung
        in den Unterkünften für geflüchtete Menschen                           19
       Verbindlichkeit und unabhängiges Monitoring von unterkunftsspezifischen
        Schutzkonzepten19
                                                                                           Titelfoto: Plan International

2                                                                KINDERRECHTE UND INTEGRATION
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I. Kinderschutz programm
    in Deutschland

Plan International Deutschland e.V.

                                                                                                                                                                        Foto: Plan International/Zeynep Turkmen Sanduvac
(im Folgenden Plan International)
hat 2016 die Programmarbeit ausge­
weitet und Projektaktivitäten in
Unter­künften für geflüchtete Men-
schen innerhalb Deutschlands umge-
setzt. Die weltweit erprobten Ansätze
zum Schutz und zur Anbindung von
Schutzsuchenden an den Sozialraum
wurden um den deutschen Kon-
text erweitert und im Rahmen eines
Kinder­schutzprogrammes gemein-
sam mit Kooperationspartner:innen
in Deutschland implementiert. Das
Ziel des Kinderschutzprogrammes ist es, dass bei der                                flüchtete Menschen zum Thema Mindeststandards in
Umsetzung der UN-Kinderrechte1 in Deutschland der                                   Unterkünften konsultiert. Plan International nutzte diese
Schutz und die Integration von Kindern und Jugend­                                  Ergebnisse für die gemeinsame Arbeit mit dem Familien-
lichen mit Flucht- und Migrationserfahrungen besonders                              ministerium und UNICEF sowie weiteren Akteur:innen zur
berücksichtigt werden.                                                              Erweiterung der Mindeststandards zum Schutz geflüch-
                                                                                    teter Menschen in Unterkünften3. Seither engagieren wir
Unser Arbeitsansatz besteht darin, die Integration zu                               uns proaktiv in der Bundesinitiative zum Schutz von ge-
fördern, indem Gewalt- und Kinderschutzkonzepte um-                                 flüchteten Menschen in Unterkünften4.
gesetzt werden. Hierfür streben wir ein unabhängiges
Monitoring von Schutzkonzepten sowie die gesetzliche                                Auch auf Bundesländerebene beziehen wir geflüchtete
Verankerung der Mindeststandards zum Schutz geflüch-                                Menschen zu Themen ein, die sie direkt betreffen. So
teter Menschen an. Zu diesen und weiteren Themen, die                               werden in Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Baden-­
für die Integration relevant sind, beraten und begleiten                            Württemberg5 und Hamburg6 Geflüchtete regelmäßig bei
wir Behörden und Träger deutschlandweit.                                            der Erstellung, Etablierung und Umsetzung von Gewalt-
                                                                                    und Kinderschutzkonzepten hinzugezogen. In Bayern
Um die gleichberechtige Teilhabe am gesellschaftlichen                              werden in Kooperation mit der Regierung Unterfranken
und politischen Leben von Menschen mit Fluchterfahrung                              geflüchtete Menschen zur Stärkung und Umsetzung der
zu fördern, beziehen wir sie als Akteur:innen auf Augen-                            UN-Kinderrechte konsultiert. Zudem werden bundesweit
höhe in unsere Arbeit ein2. So wurden von uns im Zuge                               entscheidungstragende Akteur:innen regelmäßig über
der Advocacy-Arbeit auf nationaler Ebene über 150 ge-                               aktuelle Erkenntnisse unserer Arbeit informiert.

1
  https://www.kinderrechtskonvention.info/
2
  https://www.plan.de/kinderschutzprogramm-in-deutschland/kinderrechte-staerken-integration-foerdern.html
3
  https://www.bmfsfj.de/blob/117472/bc24218511eaa3327fda2f2e8890bb79/mindeststandards-zum-schutz-von-gefluechteten-menschen-in-fluechtlingsunterkuenften-data.pdf
4
  https://www.gewaltschutz-gu.de/
5
  https://www.plan.de/kinderschutzprogramm-in-deutschland/kinder-schuetzen-strukturen-staerken.html
6
  https://www.plan.de/kinderschutzprogramm-in-deutschland/kinderrechte-staerken-integration-foerdern.html

KINDERRECHTE UND INTEGRATION                                                                                                                                        3
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II. Methodik und Arbeitsweise
Durch unsere mehrjährige Erfahrung in der Arbeit in Unter­         Ziel ist es auf Missstände hinzuweisen und gleichzeitig
künften für geflüchtete Menschen mit über 300 Einsätzen,           mögliche Lösungsansätze zu bieten. Die hierbei genann-
die proaktive Mitgestaltung und Durchführung von Netz-             ten Missstände dienen nicht dazu, einzelne Personen,
werktreffen und Arbeitsgruppen, Schulungen und Fort-               Behörden, Betreiberorganisationen oder andere Akteur:in-
bildungen sowie Begleitungs- und Beratungstätigkeiten              nen in ein negatives Licht zu rücken. Sie sollen als Hilfe­
hat sich Plan International als zuverlässiger Partner für          stellung dienen, um als Gesellschaft Menschen, die bei
Integrationsakteur:innen, Kinderschutzfachkräfte, Unter-           uns Zuflucht suchen, zu schützen und ihnen die Teilhabe
kunftsbetreiber sowie Jugend- und Bezirksämter etabliert.          am gesellschaftlichen Geschehen zu erleichtern.
Zusätzlich zur Durchführung dieser Aktivitäten haben wir
zahlreiche Einzelgespräche mit geflüchteten Menschen
und Akteur:innen der Integrationsarbeit geführt.                   Partizipative Risiko- und Schutzanalyse

Zu unseren Kernaktivitäten innerhalb der Projekte gehören          Bevor bedarfsgerechte Maßnahmen zum Gewalt- und
u.a.:                                                              Kinderschutz sowie zur Förderung der Anbindung an den
                                                                   Sozialraum ergriffen werden, sieht der bedarfsorientierte
    ●	Advocacy-Arbeit und Beratung von politischen                Ansatz von Plan International vor, die Bedürfnisse der ge-
       Entscheidungsträger:innen                                   flüchteten Menschen in ihrem Wohnraum zu ermitteln und
    ●	Unterstützung von Integrationsprozessen im                  einen Überblick über die strukturellen und unterkunfts-
       Sozial­raum                                                 spezifischen Gegebenheiten zu erlangen. Eine erprobte
    ●	Präventiver Kinder- und Gewaltschutz in Unter-              Methode ist die „Partizipative Risiko- und Schutzanalyse“
       künften für geflüchtete Menschen                            (PRuSA), welche es betroffenen Menschen ermöglicht,
    ●	Auf- und Ausbau von Beteiligungsstrukturen und              potenzielle Risiko- und Schutzfaktoren in ihrem unmittel­
       Schaffung sicherer Räume                                    baren Lebensumfeld zu erkennen, sodass (weitere)
    ●	Förderung der Kultursensibilität in Kitas, Schulen          unterstützende Maßnahmen ergriffen werden können.
       und weiteren Begegnungsstätten                              Die PRuSA ist eine effektive und partizipative Methode
                                                                   um beispielsweise Orte zu identifizieren, an welchen sich
                                                                   Bewohner:innen von Unterkünften für geflüchtete Men-
Die Erkenntnisse der letzten fünf Jahre sowie Heraus­              schen sicher oder unsicher fühlen. Hierbei wird hinsicht-
forderungen, Voraussetzungen und vor allem Chancen                 lich folgender Aspekte unterschieden:
werden in diesem Schreiben u.a. aus der Arbeit der
folgenden Projekte zusammengefasst7:                                ●	Risiko- und Schutzfaktoren in der Infrastruktur
                                                                       (Gebäude, Sanitäreinrichtungen, Nahrungs­
    ●   tärkung einer kinderfreundlichen Umgebung
       S                                                               versorgung, Wasserversorgung, etc.)
       in Unterkünften für geflüchtete Menschen I                   ●	Risiko- und Schutzfaktoren für die sozial-­

      (Februar 2016 – Juni 2017 – Bundesministerium für                emotionale Entwicklung (Angebote in der Unter-
      Familie, Senioren, Frauen und Jugend – BMFSFJ)                   kunft und im Sozialraum sowie deren Nutzung,
    ● Stärkung einer kinderfreundlichen Umgebung                      Umgang mit Unterstützungsangeboten bei
       in Unterkünften für geflüchtete Menschen II                     Gewalterfahrungen, Partizipation, etc.)
       (Juli 2017 – Juni 2018 – BMFSFJ)
    ●	Schutz von Kindern und ihren Familien in Ham-
       burger Unterkünften für geflüchtete Menschen I              Dafür arbeiten die Befragten mit einem Lageplan der
       (Oktober 2016 – September 2017 – Hamburger                  Unterkunft, der alle vorhandenen Gebäude und weitere
       Sozialbehörde ehem. BASFI)                                  prägende strukturelle Merkmale abbildet (z.B. Kantine,
    ● Schutz von Kindern und ihren Familien in Ham-               Spielraum). Auf diesem Lageplan können Teilnehmer:in-
       burger Unterkünften für geflüchtete Menschen II             nen durch grüne und rote Markierungen die für sie posi-
       (Oktober 2017 – Dezember 2018 – Hamburger                   tiven und negativen Orte markieren (vgl. Abbildung 1). In
       Sozialbehörde ehem. BASFI)                                  einer abschließenden Begehung und in Einzelinterviews
    ● Kinder schützen – Strukturen stärken                        werden die Teilnehmer:innen dazu befragt, warum sie
      (Januar 2019 – Dezember 2020 – BMFSFJ)                       sich sicher oder unsicher fühlen, wo sie sich gerne oder
    ● Brücken bauen – Vernetzung der hamburg­                     ungerne aufhalten, welche Aktivitäten sie nutzen oder
       weiten Integrationsakteure auf allen Ebenen                 missen und wie sie in strukturelle Prozesse eingebunden
      (Juni 2019 – Mai 2022 – Bundesamt für Migration              und darüber aufgeklärt sind. Ziel ist es, anhand der Er-
      und Flüchtlinge – BAMF)                                      gebnisse der PRuSA die akuten Schutzbedürfnisse der
                                                                   Bewohner:innen zu erkennen und so in der Unterkunft
                                                                   und im Sozialraum Schutzfaktoren zu stärken und Risiko­
                                                                   faktoren zu mindern.

7
    https://www.plan.de/kinderschutzprogramm-in-deutschland.html

4                                                                                             KINDERRECHTE UND INTEGRATION
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Die PRuSA wurde in allen Erstaufnahmeeinrichtungen in                protokolle, Ergebnisse aus PRuSAs und weiteren Be­
Hamburg und in zehn weiteren Wohnunterkünften durch-                 fragungen zur Analyse und Visualisierung zur Verfügung. In
geführt. Die Ergebnisse wurden der jeweiligen Betreiber-             regelmäßigen Abständen finden Treffen und Absprachen
organisation anhand von ausführlichen Berichten zur                  statt, in welchen die geäußerten Bedarfe der geflüchte-
Verfügung gestellt und sind Bestandteil der Erkenntnisse             ten Menschen den vorhandenen Integrationsangeboten
dieses Bilanzschreibens.                                             visuell gegenübergestellt werden. Die unterschiedlichen
                                                                     Integrationsangebote werden dabei aus Daten der jeweili-
Ergebnisse aus Gesprächs- und Aktivitätenprotokollen,                gen Behörden ermittelt, womit ein umfassender Überblick
Befragungen anhand von Leitfäden, aktivierenden Befra-               der lokalen Angebotsstruktur erstellt werden kann. So
gungen sowie weiteren Werkzeugen zur Bedarfsanalyse                  können eventuelle Lücken datenbasiert aufgezeigt, analy-
sind ebenfalls Bestandteile dieses Bilanzschreibens.                 siert und nach Möglichkeiten effektiv geschlossen werden.

Kooperation mit data42                                               Regelmäßiger und proaktiver Austausch

data42 ist ein innovatives Wachstumsunternehmen,                     Um Erkenntnisse aus der direkten Arbeit und die daraus
welches eine „Smart Data Discovery Software“ entwickelt,             abgeleiteten Empfehlungen nachhaltig nutzen zu können,
die dazu befähigt, eigene Fragenstellungen aufgrund                  engagieren wir uns regelmäßig und proaktiv in bestehen-
von Daten interaktiv zu analysieren8. Dadurch können                 den Netzwerken, Arbeitsgruppen sowie weiteren Begeg-
Erkenntnisse aus vorhandenen Datensätzen gewonnen                    nungsstätten und unterstützen bedarfsgerecht bei der
und Entscheidungen zielführend getroffen werden. Wir                 Schaffung neuer Austauschplattformen. Wir legen hier-
vom Plan International Kinderschutzprogramm koope-                   bei ein besonderes Augenmerk auf die gleichberechtigte
rieren seit Dezember 2019 mit data42. Dabei stellen wir              Teilhabe von geflüchteten Menschen und unterstützen
data42 unter Berücksichtigung der Datenschutz-Grund­                 Formate, in welchen sich die Akteur:innen auf Augen­
ver­ordnung9 anonymisierte Gesprächs- und Aktivitäten­               höhe austauschen können.

                                                                                                                                  Foto: Plan International

Abbildung 1: Beispielkarte „Partizipative Risiko- und Schutzanalyse – PRuSA“

8
    https://data42.de/index.html
9
    https://dsgvo-gesetz.de/

KINDERRECHTE UND INTEGRATION                                                                                                 5
Bilanzschreiben Kinderrechte und Integration - Aktuelle Erkenntnisse aus dem Kinderschutzprogramm in Deutschland - Gewaltschutz-gu.de
III.	Erkenntnisse aus der Arbeit mit
      geflüchteten Menschen
Da die Arbeit des Kinderschutzprogrammes in Hamburg                                  Auch die Wohnunterkünfte unterscheiden sich in ihrer
die meisten Ressourcen gebunden hat, beziehen sich die                               strukturellen und baulichen Qualität enorm. Teilweise
Erkenntnisse vor allem auf die Projekte, die in der Hanse-                           leben Menschen in ehemaligen Bürokomplexen mit
stadt durchgeführt wurden. Durch unsere Projekte in wei-                             dunklen, langen Fluren sowie geteilten Wohn-, Koch- und
teren Bundesländern wird jedoch ersichtlich, dass sich die                           Sanitäreinrichtungen. Die Unterkünfte sind zwar nicht für
meisten Erkenntnisse decken und unsere Empfehlungen                                  einen langfristigen Aufenthalt gedacht, da das gemein­
damit übertragbar sind.                                                              same Ziel ein selbstbestimmtes Leben im privaten Wohn-
                                                                                     raum ist13. In der Realität verbleiben geflüchtete Menschen
                                                                                     jedoch mehrere Monate oder sogar Jahre in diesen Unter-
Hintergrund                                                                          künften. Besonders für Kinder, Jugendliche und Frauen
                                                                                     sind diese Unterbringungsverhältnisse eine große psychi-
Geflüchtete Menschen werden bei ihrer Ankunft in                                     sche Belastung. Zudem birgt dieser Zustand die Gefahr
Hamburg im erweiterten Ankunftszentrum (ZEA – Zentrale                               von Entwicklungsstörungen und Verhaltensauffällig­keiten
Erstaufnahme) registriert und erhalten einen sogenannten                             bei Kindern. Die zum Teil erhebliche Einschränkung der
„Ankunftsnachweis“. Nach dem „Königsteiner Schlüssel“10                              Privatsphäre macht besonders Mädchen und Frauen
wird dann entschieden, ob sie auf andere Bundesländer                                zu schaffen. Die beengten Wohnverhältnisse und das
verteilt werden oder in Hamburg bleiben dürfen. Bei einem                            Fehlen von Schutz- und Rückzugsorten führen in den
Verbleib in Hamburg werden die Menschen zunächst in                                  Familien zu vermehrtem Stress, Frustration und Aggres-
einer angrenzenden Erstaufnahme untergebracht, dort mit                              sivität. Dies stellt sowohl für Eltern als auch für Kinder
dem Nötigsten versorgt und medizinisch untersucht. Die                               und Jugendliche, vor allem aber für Mädchen und junge
dortigen Mitarbeiter:innen des Bundesamtes für Migration                             Frauen, eine Gefährdung ihrer psychosozialen Gesund-
und Flüchtlinge nehmen die Asylanträge auf und führen                                heit und Resilienz dar. Vorfälle sexueller Belästigung, Ein-
eine Erfassung nach dem Asylbewerberleistungsgesetz                                  schüchterung und Nötigung sind laut Bewohner:innen
durch. Je nach Stand des Asylverfahrens werden die                                   u.a. auf den Umstand zurückzuführen, dass es in vielen
Menschen auf weitere Erst- und Folgeeinrichtungen ver-                               Unterkünften keine psychosoziale Unterstützung gibt.
teilt. Die Dauer des Verbleibes sowie die Form der Unter-
bringung richten sich u.a. nach den Aufenthaltschancen,
dem bürokratischen Prozess des Asylverfahrens sowie                                  Erstaufnahmen
den Kapazitäten der jeweiligen Unterkünfte11.
                                                                                     In den Erstaufnahmen geben Bewohner:innen an, dass
                                                                                     die räumliche Nähe zum Büro des Sozialdienstes sowie
Unterbringung                                                                        die regelmäßigen Sprechstunden ihnen die Hemmungen
                                                                                     nehmen, diese in Anspruch zu nehmen. Ein großer Teil
Obwohl die Unterbringung und Versorgung geflüchteter                                 der Bewohner:innen lobt die unterstützende Beratung vor
Menschen in Hamburg vertraglich geregelt ist12, beste-                               Ort, bemängelt aber gleichzeitig die mangelhafte Wohn-
hen teils massive qualitative Unterschiede zwischen den                              situation, das Kantinenessen und die fehlenden Möglich-
einzelnen Unterkünften. Die geflüchteten Bewohner:in-                                keiten darauf Einfluss zu nehmen. Vor allem im Hinblick
nen klagen oft über beengte Wohnverhältnisse sowie                                   auf ihre Bleibeperspektive und zukünftige Wohnsitua-
fehlende Selbstbestimmtheit und Privatsphäre. In den                                 tion fühlen sich Bewohner:innen in den Erstauf­nahmen
Erstaufnahmeeinrichtungen teilen sich häufig mehrere                                 nicht ausreichend informiert. Oft erschweren mangelnde
Personen ein Zimmer oder einen Container, wobei einer                                Sprachkenntnisse und fehlende Informationen die Kom-
Person in der Regel nicht mehr als 7 m² Wohnfläche zur                               munikation zwischen Bewohner:innen und Unterkunfts-
Verfügung stehen. Es sind zumeist gemeinschaftlich ge-                               betreiber. Für die nachhaltige Integration von geflüchteten
nutzte sanitäre Anlagen vorhanden und die Versorgung                                 Menschen in die aufnehmende Gesellschaft sind ihre
mit Lebensmitteln erfolgt über eine extern betriebene                                Einbindung in den Sozialraum sowie die Möglichkeit ihrer
Großküche. Es besteht für die Bewohner:innen in der                                  gleichberechtigten Teilhabe Grundvoraussetzungen. Eine
Regel keine Möglichkeit, eigene Lebensmittel zu lagern,                              proaktive Beratungsarbeit und niedrigschwellige Be-
selbst zu kochen oder über die Essenszeiten selbststän-                              teiligungsstrukturen in den Unterkünften, aber auch im
dig zu entscheiden. Die fehlende Privatsphäre bei der                                Umfeld, können die Integration maßgeblich positiv be-
Nutzung der Toiletten und Duschen sowie beim gemein-                                 einflussen. Durch die proaktive Beratungsarbeit werden
samen Essen empfinden viele Geflüchtete als psychisch                                geflüchtete Menschen aktiv angesprochen, ihnen werden
stark belastend.                                                                     Möglichkeiten zur Entfaltung und Beteiligung aufgezeigt

10
   https://www.bamf.de/SharedDocs/Glossareintraege/DE/K/koenigsteiner-schluessel.html?view=renderHelp[CatalogHelp]&nn=7525838
11
   https://www.hamburg.de/innenbehoerde/erstaufnahme/
12
   https://www.hamburg.de/fluechtlinge-grundlagen/
13
   https://www.plan.de/news/detail/gemeinsam-stark-fuer-kinderschutz-und-integration.html

6                                                                                                                          KINDERRECHTE UND INTEGRATION
Bilanzschreiben Kinderrechte und Integration - Aktuelle Erkenntnisse aus dem Kinderschutzprogramm in Deutschland - Gewaltschutz-gu.de
und bestehende Angebote können dadurch besser ver-                                      teilweise seit 2016 nicht mehr aktualisiert worden. Es fin-
mittelt werden. Familien mit Kindern profitieren von der                                den kaum unabhängige Evaluierungen und Monitorings
Beratungsarbeit vor allem durch die bedarfsgerechte                                     statt. Dadurch sind Bewohner:innen, insbesondere vul-
Vermittlung von Betreuungs- und Förderungsangeboten                                     nerable Personen16, einer erhöhten Gefahr ausgesetzt,
für Kinder sowie Aus- und Weiterbildungsangeboten für                                   Opfer von Gewalt zu werden. In mehreren Bezirken stell-
Eltern. Eine proaktive Beratungsarbeit unterstützt Eltern                               ten wir fest, dass Mitarbeiter:innen und auch Akteur:innen
dabei, die Entwicklung ihrer Kinder zu fördern. Gleichzeitig                            den Schutzkonzepten – und deren Auswirkungen auf ihre
trägt sie zur psychosozialen Gesundheit der Bewohner:in-                                Arbeit – nur einen geringen Stellenwert einräumen. Die
nen bei.                                                                                Inhalte und die Verbindlichkeit der Schutzkonzepte sind
                                                                                        ebenfalls kaum bekannt.

Folge- und Wohnunterkünfte                                                              Wir beobachteten zudem eine große Diskrepanz zwi-
                                                                                        schen dem Bedarf an präventiven Maßnahmen und dem
In vielen Wohnunterkünften gibt es kaum proaktive Be-                                   tatsächlichen Handlungsspielraum der Mitarbeiter:innen
ratungsangebote auf dem Niveau der Erstaufnahmen,                                       der Betreiberorganisationen vor Ort. Während das Be-
da hier der Ansatz der Eigenständigkeit und Eigen­                                      treibermanagement sich eher nicht für proaktive und
verantwortung dominiert, welcher die Bewohner:innen zu                                  präventive Schutzmaßnahmen zuständig sieht, werden
einem selbstbestimmten Leben führen soll. Grundsätzlich                                 Mitarbeiter:innen mit konkreten Kinderschutzfällen kon-
ist diese Vorgehensweise sehr begrüßenswert, jedoch be-                                 frontiert. Die Herausforderung für diese besteht oftmals
klagen die Bewohner:innen auch hier strukturelle Heraus-                                darin, festzustellen, dass auch keine andere Institution
forderungen und mangelnde Beteiligungsmöglich­keiten.                                   diese Aufgabe übernimmt. Bei zahlreichen Gesprächen,
So fehlt die Brücke zwischen proaktiver Sozialarbeit und                                anonymen Anfragen und Beratungsaktivitäten äußerten
eigenständigem Aufsuchen sozialer Beratung. Dadurch                                     Mitarbeiter:innen verschiedener Unterkünfte und Betrei-
können externe Hilfsangebote nur begrenzt vermittelt                                    berorganisationen uns gegenüber ihre Besorgnis und
werden, was den Zugang zum Sozialraum erschwert.                                        Hilflosigkeit bezüglich der steigenden Diskrepanz zwi-
Während der Sozialsprechstunden werden sehr häufig                                      schen ihren Befugnissen und den tatsächlichen Bedürf-
organisatorische Themen wie behördliche Termine, An-                                    nissen der Bewohner:innen. So sprachen Mitarbeiter:in-
träge und Wohnungssuche von den Bewohner:innen an-                                      nen teilweise von uneinheitlichen Vorgehensweisen bei
gesprochen. Auch Angebote zur Hilfe bei psychischen                                     Verdachtsfällen, Gewaltvorfällen und Fällen vermeintli-
Belastungen und Möglichkeiten der Freizeitgestaltung für                                cher Kindeswohlgefährdung. Die in den Schutzkonzep-
Kinder werden häufig thematisiert. Die größere Anonymi-                                 ten genannten Ansprechpersonen zum Schutz vor Ge-
tät in den Folgeunterkünften, bedingt durch die räum-                                   walt sind mit ihren Kapazitäten der alltäglichen Arbeit
liche und soziale Distanz der Bewohner:innen zu den                                     bereits überlastet, wodurch Verdachtsfälle teilweise nicht
Mit­arbeitenden, führt jedoch dazu, dass Sozialsprech-                                  nachverfolgt werden können. Mangelhaftes Wissensma-
stunden weniger in Anspruch genommen werden.                                            nagement und uneinheitliche Meldewege erschweren die
                                                                                        Arbeit zusätzlich. Fälle von vermeintlicher Kindeswohl-
                                                                                        gefährdung werden zwar ausnahmslos dem Jugendamt
Gewalt- und Kinderschutz in Unterkünften                                                übergeben, eine Nachverfolgung der Bearbeitung der
                                                                                        Fälle oder die Einleitung weiterer Schritte sind jedoch laut
Das Leben in Unterkünften für geflüchtete Menschen                                      Mitarbeiter:innen eine Seltenheit. Auch Netzwerkpart-
stellt in besonderem Maße eine Gefährdung für den                                       ner:innen berichteten in Gesprächen von „mangelhafter
Schutz von Kindern dar, zumal viele der Kinder durch                                    Handlungsfähigkeit“ und „erdrückender Hilflosigkeit“.
traumatische Erfahrungen während und nach der Flucht                                    Mitarbeiter:innen der zuständigen Jugendämter bekla-
unter einer erhöhten psychischen Belastung leiden.                                      gen, dass Anträge auf „Hilfe-zur-Erziehung“ (HzE) und
Gleichzeitig entscheiden die Bedingungen, unter denen                                   Kindeswohlgefährdungsmeldungen aus Unterkünften
Kinder nach der Flucht leben, darüber, ob und wie gut                                   aufgrund der hohen Nachfrage und fehlender Kapazitä-
traumatisierende Erlebnisse verarbeitet werden können.                                  ten nur schleppend oder teilweise mangelhaft bearbeitet
Ein Kind, das nach der Flucht Erholung, Normalität und                                  werden könnten. Aufgrund fehlender Schutz- und Betei-
Familienleben erlebt (und ggf. Therapie erhält), hat die                                ligungsstrukturen in den Unterkünften haben Jugendäm-
Chance, sich trotz der erlebten Widrigkeiten gesund zu                                  ter zu wenig Kenntnis über Unterstützungsbedarfe von
entwickeln14.                                                                           Kindern. Mehrere Netzwerkpartner:innen äußerten den
                                                                                        Eindruck, dass HzE-Maßnahmen für Geflüchtete nur un-
Somit ist es ist nicht nur wichtig, die Kinder und ihre                                 gern bewilligt werden. Die Bewilligung sei stark bezirks-
Familien in ihrer psychischen Gesundheit und Resilienz zu                               abhängig und es werde im Vergleich zur „herkömmlichen“
fördern, auch eine Prävention von Gewalt in den Unter-                                  ASD-Arbeit (Allgemeiner Sozialer Dienst) mit zweierlei
künften ist unbedingt notwendig. Damit die Kinder gesund                                Maß gemessen. Dies hat zur Folge, dass Menschen mit
aufwachsen können, sind zusätzlich Gewalt- und Kinder-                                  festem Wohnsitz gegenüber Menschen in Unterkünften
schutzstrukturen erforderlich. Vorhandene Gewaltschutz-                                 für Geflüchtete bevorzugt behandelt werden.
konzepte in Hamburger Unterkünften15 sind veraltet und

14
     https://www.savethechildren.de/fileadmin/user_upload/Downloads_Dokumente/2020/SOCLES_Schutz_begleitet_gefluechteter_Kinder_Expertise.pdf
15
     https://www.hamburg.de/contentblob/7040766/1ac6020a877e2599dc5ed83b66bfdbd6/data/muster-schutzkonzept.pdf
16
     https://www.bamf.de/SharedDocs/Meldungen/DE/2018/20181015-am-baff-refugio.html?nn=282388

KINDERRECHTE UND INTEGRATION                                                                                                                      7
Bilanzschreiben Kinderrechte und Integration - Aktuelle Erkenntnisse aus dem Kinderschutzprogramm in Deutschland - Gewaltschutz-gu.de
Für einen effektiven Kinderschutz ist es notwendig,           Angebote sowie sprachliche Barrieren und fehlende Betreu-
Rollen und Zuständigkeiten in Bezug auf Kinderschutz­         ungsmöglichkeiten für Kinder für die Dauer entsprechender
themen innerhalb der Unterkunft und zwischen allen ge-        Angebote hindern viele der geflüchteten Menschen daran,
nannten Akteur:innen zu klären. Außerdem müssen klare         diese anzunehmen. Trotz der Bemühungen durch Flyer
Melde- und Verweissysteme vereinbart werden. Auch das         und Aushänge sowie Verweise während der Sozialsprech-
Mandat der Kinderschutzkoordinator:innen ist unklar und       stunden konnten Bewohner:innen nicht ausreichend von
bedarf einer Definition. Sozialarbeiter:innen vor Ort könn-   der Annahme der Angebote überzeugt werden.
ten einen großen Beitrag dazu leisten, die Lücke zwischen
Bewohner:innen der Unterkünfte und möglichen Unter-           Dieser Umstand ist auch darauf zurückzuführen, dass
stützungsangeboten zu schließen. So könnten sie eine          Angebote ohne eine vorherige Bedarfserhebung ge-
stärkere Rolle in der Informationsvermittlung übernehmen.     schaffen werden. Im Zuge einer ausführlichen Analyse
Denn das Wissen über Hilfsstrukturen und Angebote ist         der Ergebnisse von Bedarfs- und Angebotsanalysen aus
die erste Vorrausetzung, um sie überhaupt in Anspruch         den einzelnen Hamburger Bezirken haben wir festge-
nehmen zu können. Anderweitige maßgebliche Hürden             stellt, dass Integrationsangebote sich nicht hinreichend
für Bewohner:innen sind räumliche Distanz, Analphabetis-      mit den geäußerten Bedarfen decken. Diese Erkenntnis
mus, Sprachschwierigkeiten und Unsicherheiten im Um-          kann dank der Unterstützung durch data42 und dem
gang mit Behörden.                                            Analysetool Open6017 visuell dargestellt werden. Anhand
                                                              der folgenden Abbildungen wird die Verteilung der geäu-
                                                              ßerten Bedarfe gegenüber den bestehenden Angeboten
Sozialräumliche Anbindung                                     ersichtlich. Jede Eventkarte zeigt einen Bedarf, welcher
                                                              bei grün für „gedeckt“, bei rot für „nicht gedeckt“, bei
Mehrere Bewohner:innen geben an, dass sie sich scheu-         orange für „nicht gedeckt, aber mit positiver Tendenz“
en, die vielfältig vorhandenen Beratungs- und Unter­          steht. Die einzelnen Eventkarten enthalten Informationen
stützungsangebote außerhalb der Unterkünfte wahr-             über den Bezirk, die zugeordnete Angebotsgruppe, so-
zunehmen. Ein Mangel an Kenntnis über bestehende              wie die Zielgruppe(n) (vgl. Abbildung 2 und 3).

Abbildung 2: Status der Bedarfe                               Abbildung 3: Detailansicht Eventkarte

17
     https://data42.de/index.html#d42-work

8                                                                                            KINDERRECHTE UND INTEGRATION
Bilanzschreiben Kinderrechte und Integration - Aktuelle Erkenntnisse aus dem Kinderschutzprogramm in Deutschland - Gewaltschutz-gu.de
Stellt man die am häufigsten genannten Bedarfe den
häufigsten Integrationsangeboten aus Daten des Ham-
burger Transparenzportals18 gegenüber, ist zu erkennen,
dass die Hauptbedarfe den Themen Kinderbetreuung,
Ver­besserung der Wohnsituation und Elternberatung zu-
zuordnen sind. Diese stehen entgegen der Angebote,
die am häufigsten die Aspekte Sprachförderung, Berufs­
beratung sowie Fort- und Weiterbildung umfassen.

                                 3 W ohn­projekt                         2 F ort- und          3 Sprachkurs
                                                                              Weiter-
                                                                              bildungs-
        2 F reizeit­                                                         angebote
                                                                                                         4 P sycho­
             angebote                          4 E ltern­                                                  soziale
                                                 beratung­                                                  Betreuung

1 K inder­                                                         1 B erufs­
     betreuung                                                         beratung

                                      Bedarf     5 P sycho­                               Angebot       5 F reizeit­
                                                    soziale                                                 angebote
                                                    Betreuung

Abbildung 4: Die fünf am häufigsten geäußerten Bedarfe gegenüber den fünf häufigsten Angeboten

Dies verdeutlicht, dass die Hauptbedürfnisse nicht aus-            Darüber hinaus zeigen sich befragte Eltern besorgt über
reichend durch entsprechende Projekte oder Angebote                die geringe Struktur im Alltag ihrer Kinder und fehlende,
abgedeckt werden. Die geäußerten Bedarfe Freizeit-                 angemessene Beschäftigungsmöglichkeiten innerhalb
angebote und psychosoziale Beratung sind hingegen                  und außerhalb von Unterkünften. Sie bemängeln geringe
überwiegend bedarfsgerecht abgedeckt. Die geäußerten               Begegnungsmöglichkeiten mit anderen Familien außer-
Bedarfe Kinderbetreuung, Wohnprojekte und Erzie-                   halb der Unterkünfte, was ihre Hemmschwelle, Angebote
hungsberatung werden eher nachrangig durch entspre-                im Bezirk wahrzunehmen, enorm verschärft. Auch geben
chende Projekte und Angebote gedeckt. Auch wenn die                Bewohner:innen mangelndes Vertrauen und einen ge­
am häufigsten geförderten Angebote Berufsberatung,                 ringen Bezug zu Akteur:innen als Grund sozialräumliche
Fort- und Weiterbildung sowie Sprachkurse wichtige                 Angebote nicht wahrzunehmen an.
Werkzeuge für die erfolgreiche Teilhabe am gesellschaftli-
chen Geschehen sind, zeigt sich eine Diskrepanz zwischen
der Erwartungshaltung der aufnehmenden Gesellschaft
(Sprache und Beruf = Integration) und den tatsächlichen
Bedürfnissen der geflüchteten Menschen (grundlegende
Sicherheit der Familie). Erst wenn diese grundlegenden
Bedürfnisse gedeckt sind, werden voraussichtlich weiter-
führende Integrationsangebote angenommen.

18
     http://transparenz.hamburg.de/

KINDERRECHTE UND INTEGRATION                                                                                              9
Bilanzschreiben Kinderrechte und Integration - Aktuelle Erkenntnisse aus dem Kinderschutzprogramm in Deutschland - Gewaltschutz-gu.de
Mädchen und junge Frauen                                                                Kapazitäten der Kitas ausgelastet sind und zum ande-
                                                                                        ren Hemmnisse seitens der geflüchteten Eltern bestehen.
Vor allem Mädchen und jungen Frauen wird der Zugang                                     Fehlende Kenntnisse über das Betreuungsangebot und
zu sozialräumlichen Angeboten erschwert. Mütter mit                                     dessen bürokratische Abläufe sowie sprachliche Barrieren
Kleinkindern können nur in den seltensten Fällen an Quali­                              erschweren es Müttern mit Fluchterfahrung eigener Aus-
fizierungsangeboten wie Sprach- und Weiterbildungs-                                     sage nach erheblich, einen Zugang zum Kita-System zu
kursen oder weiteren integrationsfördernden Angeboten                                   finden.
teilnehmen, da häufig keine zusätzliche Kinderbetreuung
angeboten wird. Die Gefahr besteht, dass diese Frauen                                   Mädchen und junge Frauen berichten von enormen
dadurch in eine starke Abhängigkeit zu ihren männlichen                                 Heraus­forderungen in der Anbindung an den Sozial-
Partnern geraten. Das auch für geflüchtete Menschen                                     raum. Hierbei spielen patriarchale Familienstrukturen
geltende Regelangebot der Kindertagesbetreuung19 kann                                   eine erhebliche Rolle. Denn mit ihnen geht oftmals eine
oftmals nicht wahrgenommen werden, weil zum einen die                                   Sichtweise einher, in der Mädchen und junge Frauen als

                                                                                                                                                   Foto: Plan International

19
     https://www.hamburg.de/fluechtlingskinder/4619422/anspruch-kindertagesbetreuung/

10                                                                                                                KINDERRECHTE UND INTEGRATION
besonders schutzbedürftig begriffen und wahrgenommen                                      Covid-19 in Unterkünften für geflüchtete
werden. So werden sie in vielen Familien in traditionelle                                 Menschen
Rollenbilder gedrängt und genießen weniger Freiheiten
als Jungen und Männer des gleichen Alters. Selbst an                                      Die Covid-19-Pandemie hat einmal mehr die Schwach-
wichtigen Entscheidungen, welche sie teilweise direkt                                     stellen der Unterbringung von Menschen in Unterkünften
betreffen, werden sie nur selten beteiligt. Dies betrifft                                 für Geflüchtete deutlich gemacht. Angesichts der Aus-
auch Entscheidungen, die Auswirkungen auf das körper-                                     breitung der Pandemie sind Menschen weltweit dazu
liche, mentale und soziale Wohlbefinden haben können.                                     aufgerufen worden, möglichst wenig mit anderen Per-
Vor allem der Bereich der sexuellen und reproduktiven                                     sonen in Kontakt zu treten. Denn „Social Distancing“,
Gesundheit und Rechte (SRGR)20 wird kaum thematisiert.                                    die Einhaltung eines Sicherheitsabstandes zu anderen
Sexualität, sexuelle Aufklärung, sichere Verhütungs­                                      Menschen, gilt als eine der wirksamsten Maßnahmen,
methoden sowie weitere Themen zur sexuellen und re-                                       um einer rasanten Ausbreitung des Virus entgegenzu-
produktiven Gesundheit werden, teilweise auch aus                                         wirken. Vor allem diejenigen Einrichtungen, in welchen
Angst vor Stigmatisierung und Schamgefühl, tabuisiert.                                    Menschen auf engem Raum Wohn-, Koch- und Sanitär-
Für ein selbstbestimmtes und gleichberechtigtes Leben                                     einrichtungen teilen, bergen große Risiken der Virusan-
ist die Kenntnis dieser Rechte aber unabdingbar.                                          steckung und -verbreitung. Darüber hinaus steigt mit der
                                                                                          Einschränkung des Kontakt- und Bewegungsradius die
Vor allem im Bereich der Aufklärung von männlichen                                        psychosoziale Belastung der Bewohner:innen und damit
Geflüchteten sowie bei klaren Zuständigkeiten von An-                                     das Risiko von Gewaltvorfällen in den Unterkünften.
sprechpersonen in Unterkünften scheint es erhebliche
Lücken zu geben. So berichten minderjährige Mädchen                                       Die zuständigen Behörden und Betreiberorganisationen
von übergriffigen Verhaltensweisen bis hin zu Fällen                                      stehen vor der schwierigen Aufgabe, geeignete Maß-
von sexueller Belästigung, die sie in Unterkünften erlebt                                 nahmen gegen die Ausbreitung der Viruserkrankung in
haben. Beispielsweise berichtet eine 17-jährige Syrerin                                   einem Kontext zu entwickeln, welcher die Mehrzahl der
von einer Begegnung mit einem Jugendlichen in einem                                       Empfehlungen von Wissenschaft23 und Politik24 aufgrund
Fahrstuhl. Der junge Mann habe eindeutige sexuelle Äu-                                    von strukturellen und räumlichen Gegebenheiten nur
ßerungen getätigt und sie an ihrem Rock gezogen. Diese                                    begrenzt zulässt. Die Covid-19-Pandemie verdeutlicht,
Art von Vorfällen sind keine Ausnahmen. Umso besorgnis-                                   dass insbesondere Sammelunterkünfte ein Eingriff in die
erregender ist es, dass die 17-jährige in ihrer Unterkunft                                persönlichen Rechte und eine gesundheitliche Gefähr-
keine Ansprechperson ausmachen konnte, an welche                                          dung für Betroffene sind25.
sie sich hätte wenden können. Unklare Zuständigkeiten,
Schamgefühl und fehlende Informationen über Melde­                                        Plan International war im Rahmen einer Covid-19-Re-
wege hinderten sie daran, an Mitarbeiter:innen der Unter-                                 sponse26 mit Aktivitäten zu den Themen Information und
kunft heranzutreten und sich Unterstützung zu suchen.                                     Kommunikation, Gesundheit und Hygiene sowie Bildung
Viele der befragten Mädchen und jungen Frauen wünschen                                    in zwei Hamburger Unterkünften tätig. Die Erkenntnisse
sich eine gleichberechtigte Teilhabe, um ihre Anliegen vor-                               decken sich im Wesentlichen mit den Beobachtungen,
bringen zu können. Ungleiche Machtstrukturen zwischen                                     die das Kinderschutzprogramm in Deutschland während
weiblichen und männlichen Geflüchteten können zu un-                                      der vergangenen fünf Jahre gemacht hat, jedoch wurden
gleichen Bildungschancen, geschlechterbasierter Gewalt                                    ermittelte Missstände durch die Pandemie verstärkt.
und ebenso zu einer direkten Benachteiligung führen21.
Dies stellt einen Einschnitt in die Rechte der Mädchen
und jungen Frauen in den wichtigen Bereichen Bildung,
Arbeit, Wirtschaft, Soziales, Politik und Kultur dar22.

20
   https://www.plan.de/news/detail/maedchen-muessen-selbst-ueber-ihren-koerper-bestimmen-koennen.html
21
   https://www.plan.de/kampagnen-und-aktionen/girls-get-equal.html
22
   https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/themen/gleichstellung/internationale-gleichstellungspolitk/gleichstellung-im-rahmen-der-vereinten-nationen
23
   https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Hygiene.html
24
   https://www.bundesgesundheitsministerium.de/coronavirus.html
25
   https://www.plan.de/fileadmin/website/05._Ueber_uns/Plan_Handlungsempfehlung_SARS-CoV-2.pdf#Handlungsempfehlungen-SARS-CoV-2
26
   Unter Response versteht Plan International die Reaktion auf eine Krisensituation in Form von Anpassung und Weiterentwicklung von bestehenden Projekten und Aktivitäten

KINDERRECHTE UND INTEGRATION                                                                                                                                                11
Foto: Plan International

12   KINDERRECHTE UND INTEGRATION
IV. Erkenntnisspezifische
     Empfehlungen
Eine nachhaltige Verbesserung des Schutzes und der                                        Erstaufnahmen
Lebensbedingungen geflüchteter Menschen sind Grund-
lagen für ihre gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaft-                                Das Wahrnehmen von Angeboten sollte durch die Mög-
lichen Geschehen und einer daraus folgenden gelunge-                                      lichkeit mitzugestalten sowie weitere Partizipationsanreize
nen Integration. Entsprechende Integrationsmaßnahmen                                      gefördert werden. Bedarfserhebungen und zielgerichtete
sollten daher den Bedürfnissen und Lebensrealitäten                                       Beteiligungsstrukturen können zu einem nachhaltigen Ver-
der Betroffenen entsprechen. Aus diesem Grund hat das                                     trauensaufbau auf Augenhöhe führen, wodurch Hemmun-
Kinderschutzprogramm in Deutschland auf Grundlage                                         gen gemindert und aktivierende Faktoren gestärkt werden.
der oben beschriebenen Beobachtungen Empfehlungen                                         Bewohner:innen sollen nach Möglichkeit über alle sie be-
ausgearbeitet, die auf eine Verbesserung des Schutzes                                     treffenden Veränderungen rechtzeitig, niedrigschwellig
und der Lebensbedingungen geflüchteter Menschen in                                        und proaktiv informiert werden. Auch Informationen über
Unterkünften abzielen. Im Fokus stehen dabei geflüch­                                     Verfahrensabläufe, Perspektiven, Rechtsberatung und
tete Kinder und Jugendliche, insbesondere Mädchen und                                     weitere, dem Bedarf entsprechende Themen sollten nied-
junge Frauen.                                                                             rigschwellig, proaktiv und barrierefrei zur Verfügung ge-
                                                                                          stellt werden. Denn unsere Erfahrung hat gezeigt, dass
                                                                                          niedrigschwellige Beteiligungsstrukturen innerhalb der
Unterbringung                                                                             Erstaufnahmen Integrationsprozesse und den Willen an
                                                                                          Mitgestaltung sowie Teilhabe fördern. In Verbindung mit
Den massiven qualitativen Unterschieden zwischen den                                      einer aufsuchenden und bedarfsgerechten Beratungs-
einzelnen Unterkünften kann durch Standardisierungen                                      und Unterstützungsarbeit wird die Vorbereitung auf eine
und einheitliche Mindestanforderungen an die Unterbrin-                                   selbstbestimmende Lebensführung der Bewohner:innen
gung geflüchteter Menschen entgegengewirkt werden.                                        gestärkt.
Eine eindeutige Formulierung zu Mindeststandards hin-
sichtlich Bauart, Wohnfläche, Versorgung und sanitärer
Anlagen sorgt für eine gleichberechtigte und menschen-                                    Folge- und Wohnunterkünfte
würdige Unterbringung. Für die Sicherheit in der Unter-
kunft sollte es zudem Mindeststandards für bauliche                                       Ein erfolgreicher Übergang zwischen proaktiver sozialer
Schutzmaßnahmen geben27. Ausreichende Beleuchtung,                                        Beratung und einer selbstständigen Lebensführung för-
klare Wegführung, abschließbare Türen und kindgerechte                                    dert auch die Bewältigung vorhandener Herausforderun-
Sanitäranlagen sowie Rückzugsmöglichkeiten für beson-                                     gen für Bewohner:innen von Folge- und Wohnunterkünf-
ders schutzbedürftige Personengruppen sind nur einige                                     ten. Die sozialen Sprechstunden sollten proaktiver und
wichtige Voraussetzungen, welche eine Unterkunft erfül-                                   einladender gestaltet werden, sodass Anreize geschaffen
len sollte, um für schutzsuchende Menschen eine sichere                                   werden können, die den Bewohner:innen den Zugang
Umgebung zu schaffen. In allen Unterbringungsformen                                       zum Sozialraum erleichtern. Die Unterkünfte sollten ver-
sollten barrierefreie und abschließbare Wohneinheiten                                     stärkt bedarfsgerechte Kooperationen mit Akteur:innen
sowie sanitäre Anlagen vorhanden sein. Eine eigenstän-                                    im Sozialraum eingehen und die geflüchteten Menschen
dige Lebensführung sollte durch ein ausreichendes Maß                                     bei der Schaffung von Angeboten aktiv beteiligen. Die
an Privatsphäre und Rückzugsmöglichkeiten gefördert                                       Akteur:innen sollten nach Möglichkeit erste niedrig-
werden. Sichere Orte für schutzbedürftige Personen, vor                                   schwellige Angebote in den Unterkünften planen und ein
allem für Mädchen und junge Frauen, sollten in sämt­                                      gesundes Vertrauensverhältnis zur möglichen Zielgruppe
lichen Unterkünften etabliert werden. Standorte müssen                                    aufbauen. Dabei ist wichtig, dass die Bewohner:innen
dahingehend geprüft und beurteilt werden, ob diese für                                    sich aktiv beteiligen und die Angebote mitgestalten kön-
die menschenwürdige Unterbringung insbesondere von                                        nen. Kommunikation auf Augenhöhe bedeutet auch, die
Kindern, Jugendlichen und Frauen über mehrere Jahre                                       Menschen als gleichwertige Expert:innen anzuerkennen
geeignet sind. Durch die zusätzliche Einrichtung ge-                                      und sie bedarfsgerecht zu fördern. Dazu gehört auch, die
schützter Räume28 können Mädchen und junge Frauen                                         Prozesse transparent zu gestalten und einen störungs­
Zeit außerhalb ihrer beengten Wohnräume verbringen                                        freien Informationsfluss zu gewährleisten. Bewohner:innen
und beispielsweise durch angeleitete Aktivitäten ihr                                      haben ein Recht darauf, an allen sie betreffenden Ent-
Wohlbefinden fördern.                                                                     scheidungen beteiligt zu werden. Informationsteil­   habe
                                                                                          ist hierbei ebenso wichtig wie die respektvolle Kommuni-
                                                                                          kation auf Augenhöhe.

27
     https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/service/publikationen/mindeststandards-zum-schutz-von-gefluechteten-menschen-in-fluechtlingsunterkuenften/117474
28
     https://www.plan.de/kinderschutzprogramm-in-deutschland/kinderfreundliche-unterkunft-fuer-ein-gesundes-aufwachsen.html

KINDERRECHTE UND INTEGRATION                                                                                                                         13
Gewalt- und Kinderschutz in Unterkünften                   Ein gleichberechtigter und niedrigschwelliger Zugang zu
                                                           allgemeinen und kindgerechten Informationen über die
Für die gesunde Entwicklung von Kindern ist es beson-      Rechte der Kinder sowie über bedarfsgerechte Aktivi-
ders nach traumatischen Erfahrungen enorm wichtig,         täten sollte für Kinder und ihre Erziehungsberechtigten
dass wieder Erholung und Normalität sowie Ruhe und         gewährleistet sein. Maßnahmen und Aktivitäten für und
Familienleben einkehren. Die Resilienz und psychische      mit Kindern sowie ihren Familien sollten möglichst mit
Gesundheit von Kindern und ihren Familien sollten daher    zeitlichem Vorlauf proaktiv und für die Zielgruppen glei-
durch die Prävention von Gewalt gefördert werden. Auch     chermaßen zugänglich beworben werden. Dabei sollten
einer Gefährdung des Kindeswohls muss vorgebeugt           auch hier Informationen verständlich in allen gängigen
werden. Die Etablierung von Gewalt- und Kinderschutz-      Sprachen zur Verfügung gestellt und Ansprechpersonen
strukturen sollte in allen Unterkünften bevorzugt behan-   für Fragen und Anmerkungen klar benannt werden. Bei
delt werden. Ebenso muss gewährleistet sein, dass diese    digitalen Bildungs- und Beschäftigungsangeboten ist
regelmäßig aktualisiert werden. Die präventive und posi-   sicherzustellen, dass Kinder und ihre Familien über die
tive Wirkung dieser Strukturen sollte durch ein unabhän-   nötigen technischen Voraussetzungen verfügen, um diese
giges Monitoring und Evaluierung sichergestellt werden.    gleichberechtigt wahrnehmen zu können.

                                                                                                                       Foto: Plan International/Carolin Windel

14                                                                                   KINDERRECHTE UND INTEGRATION
In sämtlichen Unterkünften sollten klare Ansprech­            Integrationsangebote sollten nach Möglichkeit den Be-
personen und Mandate für einen wirksamen Gewalt- und          darf an Kinderbetreuung während der Aktivitäten berück-
Kinderschutz festgelegt sein. Diese sollten allen Bewoh-      sichtigen und entsprechende Parallelangebote für die zu
ner:innen, Mitarbeiter:innen und Akteur:innen innerhalb       betreuenden Kinder schaffen. Auch sollten im Bereich
der Unterkünfte bekannt sein. Die Ansprechpersonen für        der Beratung und Informationsvermittlung mehr Ressour-
den Gewalt- und Kinderschutz sollten zudem gut ausge-         cen zu bestehenden Möglichkeiten der Kinderbetreuung
bildet sein und im regelmäßigen Austausch mit den zu-         investiert werden. Mit niedrigschwelligen und sprachlich
ständigen Behörden stehen. Sie sollten außerdem dafür         barrierefreien Informationsmaterialien sollte proaktiv für
sorgen, dass die Gewalt- und Kinderschutzstrukturen           Kindertagesstätten (und weitere Einrichtungen) geworben
innerhalb der Unterkunft mit denen im Sozialraum ver-         und Eltern dazu ermutigt werden, diese wahrzunehmen.
bunden sind. Um angemessen auf Gewaltvorfälle und             Auch ihr Bedarf, die Wohnsituation zu verändern, sollte
auf vermeintliche Fälle von Kindeswohlgefährdung re-          ernst genommen werden. Viele Bewohner:innen haben
agieren zu können, müssen Mitarbeiter:innen regelmäßig        in den Unterkünften kein ausreichendes Sicherheits­
geschult werden. Ein einheitliches und standardisiertes       gefühl für sich und ihre Familien. Dabei können vor allem
Verfahrens- und Wissensmanagement sollte etabliert und        kindgerechte Strukturen und bauliche Voraus­setzungen
eingehalten werden. Klare und einheitliche Melde- und         die Privatsphäre und das Sicherheitsgefühl im eigenen
Verweissysteme innerhalb der Unterkünfte – und von den        Wohnraum stärken. Dies fördert wiederum die Anbindung
Unterkünften in die Hilfesysteme der Bezirke – müssen ver-    an den Sozialraum und das Annehmen von Integrations-
einbart werden. Die Mitarbeiter:innen mit entsprechendem      angeboten.
Mandat sollten alle Bewohner:innen darüber informieren,
welche Rechte insbesondere schutzbedürftige Personen          Eltern mit jüngeren Kindern sollten dabei unterstützt
haben. Besonders von Gewalt betroffene Bewohner:innen         werden, einen strukturierten Alltag und angemessene
müssen über das Unterstützungssystem sowie Beratung           Beschäftigungsmöglichkeiten für sich und ihre Kinder
und Schutzeinrichtungen informiert werden. Die Informa-       umsetzen zu können. Durch Elterntrainings, persönliche
tionen über weiterführende Hilfen sollten in den jeweiligen   Beratung und bedarfsgerechtes Informationsmaterial
Sprachen verständlich und niedrigschwellig zur Verfügung      kann dazu beitragen werden, ihren Alltag und den ihrer
stehen. Nach Möglichkeit sollten vertrauensvolle und gut      Kinder zu strukturieren. Verlässliche Routinen, Phasen
geschulte Sprachmittler:innen zu festen und regelmäßigen      des Spielens und des Lernens sowie Phasen der Bewe-
Zeiten in den Unterkünften unterstützen, um eventuelle        gung und der Entspannung wirken sich positiv auf das
Sprachbarrieren abzubauen.                                    psychosoziale Wohlbefinden der Kinder aus. Auch Eltern
                                                              können die Situation durch die Routine besser bewältigen.
Mitarbeiter:innen und Kooperationspartner:innen im Hilfe-     Die gewonnene Zuversicht wirkt sich wiederum positiv auf
system sollten auch im unmittelbaren Sozialraum Gewalt-       den Umgang mit ihren Kindern aus.
und Kinderschutzstrukturen für geflüchtete Menschen zu-
gänglich gestalten. Bewilligungen von HzE-Maß­     nahmen     Integrationsakteur:innen sollten bereits in der Unterkunft
dürfen nicht in Abhängigkeit zum Wohnort oder dem Asyl-       erste vertrauensaufbauende Aktivitäten anbieten, um
antragsstatus vergeben werden. Jugendämter, Träger der        Hemmschwellen von Bewohner:innen, Angebote außer-
Kinder- und Jugendhilfe sowie soziale Einrichtungen für       halb der Unterkunft anzunehmen, abzubauen. Speziell
Gewaltopfer müssen so ausgestattet werden, dass sie           geschulte Straßensozialarbeiter:innen sollten pro Bezirk
Gewaltvorfälle und vermeintliche Fälle von Kindeswohl-        einen stärkeren Fokus auf Unterkünfte für geflüchtete
gefährdung angemessen nachverfolgen können. Ausge-            Menschen legen, um so die Lücke zwischen den Bedürf-
bildete Sozialarbeiter:innen sollten für die Bewohner:innen   nissen in den Unterkünften zu den Angeboten im Sozial-
vor Ort durch proaktive Beratungsarbeit und Vertrauens-       raum besser schließen zu können. Die Hauptbedürfnisse,
aufbau die Lücke zwischen den Bedarfen in der Unterkunft      Kinderbetreuung, eine menschenwürdige und sichere
und dem Angebot der Hilfesysteme schließen.                   Wohnsituation sowie Elternberatung, sollten zuerst an-
                                                              gegangen werden, damit wichtige weiterführende Ange-
                                                              bote wie Berufsberatung, Fort- und Weiterbildung sowie
Sozialräumliche Anbindung                                     Sprach- und Integrationskurse ebenfalls angenommen
                                                              werden können. So kann die aufnehmende Gesellschaft
Neu geschaffene Angebote zur Förderung der Integration        sicherstellen, dass schutzsuchende Personen einen ziel-
sollten sich nach dem tatsächlichen Bedarf der Zielgrup-      führenden Zugang zum Sozialraum haben und gleich-
pen richten. So ist es zwar richtig, dass Sprachkurse ein     berechtigt am gesellschaftlichen Geschehen teilhaben
wichtiger Bestandteil für ein selbstbestimmtes und unab-      können.
hängiges Leben sind, jedoch wissen wir aus den zahlrei-
chen Befragungen und Gesprächen mit Bewohner:innen
von Unterkünften für geflüchtete Menschen, dass häufig
andere Herausforderungen im Vordergrund stehen. Diese
resultieren vor allem aus ihrer Unterbringungs­  situation
und sind eine enorme Hürde, die sie daran hindert,
weiter­führende Integrationsangebote wahrzunehmen.

KINDERRECHTE UND INTEGRATION                                                                                         15
Mädchen und junge Frauen                                     Rechte vorzuenthalten und Mädchen gegenüber Jungen
                                                             ungleich zu behandeln. Niedrigschwellig und frei von
Neben den beschriebenen Maßnahmen, spezielle An-             sprachlichen Barrieren können Mädchen und junge
gebote in Verbindung mit Kinderbetreuung zu schaffen         Frauen darin gestärkt werden, gleiche Chancen, gleiche
und niedrigschwellig auf bestehende Kinderbetreuungs­        Teilhabe sowie gleiche Möglichkeiten zu erlangen. Das
angebote hinzuweisen (siehe Absatz „Sozialräumliche          Aufbrechen ungleicher Machtstrukturen von weiblichen
Anbindung“), sollten vor allem Mädchen und junge Frau-       und männlichen Geflüchteten erhöht die Möglichkeit auf
en proaktiv über ihre Rechte und Möglichkeiten informiert    gleiche Bildungschancen und verringert geschlechter-
werden. Traditionellen Rollenbildern sollte durch stärkere   basierte Gewalt sowie eine direkte Benachteiligung von
Beteiligung von Mädchen und jungen Frauen an wichti-         weiblichen Geflüchteten. Hierfür sollten klare Zuständig-
gen Entscheidungen innerhalb der Unterkünfte entgegen-       keiten und Ansprechpersonen transparent kommuniziert
gewirkt werden. Kulturelle oder religiöse Überzeugungen      werden und vor allem für besonders schutzbedürftige
dürfen nicht als Vorwand genutzt werden, um Frauen ihre      Personen erreichbar sein. Speziell Mädchen und junge

16                                                                                     KINDERRECHTE UND INTEGRATION
Frauen benötigen die Gewissheit, dass sie nicht alleine                          siert werden. Gesellschaftliche und kulturelle Strukturen,
sind und ihren Bedürfnissen mit erhöhter Sensibilität nach-                      welche ein gleichberechtigtes Leben für Mädchen und
gegangen wird.                                                                   junge Frauen verhindern, müssen überwunden werden.
                                                                                 Hierbei ist auch die Aufklärung ihrer männlichen Ange-
Jedes Mädchen und jede Frau sollte auch in einer Unter-                          hörigen sowie deren Unterstützung von essentieller Be-
kunft für geflüchtete Menschen selbstbestimmt leben                              deutung. Ein respektvoller, gender- und kultursensibler
und den sozialen Raum um sich herum aktiv mitgestal-                             Umgang mit diesem Thema kann das Wohlbefinden von
ten können. So müssen vor allem ihre Bedürfnisse nach                            Mädchen und jungen Frauen innerhalb und außerhalb der
körper­lichem, mentalem und sozialem Wohlbefinden                                Unterkünfte erheblich steigern. Über spezielle Trainings
ernstgenommen werden. Mädchen und junge Frauen                                   kann Jungen und Männern vermittelt werden, dass eine
sollten beispielsweise gleichberechtigt ihre sexuellen und                       gleichberechtigte Gesellschaft auch für sie Vorteile hat.
reproduktiven Rechte wahrnehmen können, ohne dass                                Mit dem Einsatz aller Mitglieder einer Gemeinde können
ihre Bedürfnisse tabuisiert und sie persönlich stigmati-                         traditionelle Normen und hinderliche Praktiken, welche
                                                                                 zu Diskriminierungen und Ungleichheiten führen, nach-
                                                                                 haltig überwunden werden.

                                                                                 Alle Mädchen und Frauen sollten in der Lage sein ihre
                                                                                 Meinung frei zu äußern und für ihre Rechte einzutreten,
                                                                                 ohne dass ihnen Gewalt und Diskriminierung drohen. Als
                                                                                 Wegbereiterinnen und gleichberechtigte Mitglieder können
                                                                                 sie einen positiven gesellschaftlichen Wandel bewirken29.

                                                                                 Covid-19 in Unterkünften für geflüchtete
                                                                                 Menschen
                                                                                 Auch und gerade in Krisenzeiten sollten die Schutz-,
                                                                                 Beteiligungs- und Informationsrechte geflüchteter Men-
                                                                                 schen gelten. Grundsätzlich sollte jede Unterkunft über
                                                                                 kind- und familiengerechte Strukturen verfügen, welche
                                                                                 sicherstellen, dass schutzbedürftige Personengrup-
                                                                                 pen gehört werden und Zugang zu Informationen über
                                                                                 Covid-19, Hygiene- und andere persönlich umsetz­bare
                                                                                 Schutzmaßnahmen erhalten. Ein uneingeschränkter
                                                                                 Internet­zugang sollte in allen Unterkünften dafür sorgen,
                                                                                 dass digitale Informationen, Bildungs- und Beschäfti-
                                                                                 gungsangebote und der essentielle Zugang zu Nach-
                                                                                 richten und aktuellen Entwicklungen auch für geflüchtete
                                                                                 Menschen zur Verfügung stehen. Auf besonders schutz-
                                                                                 bedürftige Personengruppen muss mit erhöhter Sensibili-
                                                                                 tät eingegangen werden: Gerade in Ausnahmesituationen
                                                                                 sollten Ansprechpersonen zum Schutz vor Gewalt, vor
                                                                                 allem für Mädchen und junge Frauen, erreichbar sein.
                                                                                 Gewaltschutzhilfesysteme und Angebote der Kinder- und
                                                                                 Jugendhilfe müssen Kultur- und Migrationshintergrund
                                                                                 berücksichtigen und behutsam strukturiert werden. Eine
                                                                                 Krise und vor allem die Art der Unterbringung dürfen nicht
                                                                                 zu einem Ausschluss aus dem Unterstützungssystem
                                                                                 führen. Detailliertere Erkenntnisse und konkrete Hand-
                                                                                 lungsempfehlungen können aus dem Plan International
                                                                                 „Bilanzschreiben – Unterstützung von geflüchteten Men-
                                                                                 schen im Rahmen der Covid-19-Response30“ sowie der
                                                                                 „Handlungsempfehlung zum Umgang mit SARS-CoV-2 in
                                                                                 Unterkünften für geflüchtete Menschen in Deutschland31“
                                                                                 entnommen werden.
                                                      Foto: Plan International

                                                                                 29
                                                                                    https://www.plan.de/kampagnen-und-aktionen/girls-get-equal.html
                                                                                 30
                                                                                    https://www.plan.de/downloads.html?tx_psgsiteconf_downloadfile%5Bac-
                                                                                 tion%5D=download&tx_psgsiteconf_downloadfile%5Bcontroller%5D=Con-tent&tx_
                                                                                 psgsiteconf_downloadfile%5BfileHmac%5D=a7fb7368fbf2e7d6f2eeaca481ac-
                                                                                 961cbc919a1d&tx_psgsiteconf_download-file%5BfileUid%5D=41314&tx_psgsite-
                                                                                 conf_downloadfile%5BforceDownload%5D=1&cHash=b27b75178e46aa0e8629502b-
                                                                                 5f42ba8e#Bilanzschreiben
                                                                                 31
                                                                                    https://www.plan.de/fileadmin/website/05._Ueber_uns/Plan_Handlungsempfehlung_
                                                                                 SARS-CoV-2.pdf

KINDERRECHTE UND INTEGRATION                                                                                                                                    17
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