Bitte hier keine Schlacke deponieren - Gemeinde Gossau ZH
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Vergleichsweise gross und zusammenhängend: Das Tägernauer Holz
mitten im Siedlungsgebiet des Zürcher Oberlands.
Bitte hier keine
Schlacke deponieren
Im Zürcher Oberland tobt ein Kampf zwischen Kanton und Kezo entwickelte in Zusammenarbeit mit dem kantonalen
Gemeinden um eine Schlackendeponie im Wald. Der Abfall Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft ( Awel ) und mit der
muss irgendwo hin. Technische Neuerungen helfen wenig. eigens dafür gegründeten Stiftung ‹ Zentrum für nachhalti-
ge Abfall- und Ressourcennutzung › ( Zar ) die weltweit erste
Text: Im Tägernauer Holz spielt sich eine helvetische Version Anlage für die Aufbereitung von Trockenschlacke mittels
Samuel Schlaefli des biblischen Dramas von David und Goliath ab. Hier Thermorecycling. Betrieben wird diese durch die ZAV
die Zürcher Oberländer Gemeinden Gossau und Grünin- Recycling auf dem Kezo-Areal. Durch Sieben und Brechen
gen, die ihren Forst um jeden Preis retten wollen. Dort der werden rund 15 Prozent Metalle abgetrennt, darunter Alu-
mächtige Kanton Zürich, der 7000 Bäume zum Bau einer minium, Eisen, Stahl, Kupfer, in kleineren Mengen auch
Schlackendeponie fällen will. 2009 wurden sechs Hektar Gold und Silber. Diese werden an Händler weiterverkauft.
oder rund acht Fussballfelder Mischwald in Kantonsbesitz Die Aufbereitung soll ökonomisch und ökologisch sinnvoll
als Standort für eine Deponie von 750 000 Kubikmetern sein, denn zurück bleibt eine sauberere Restschlacke. De-
in den kantonalen Richtplan aufgenommen, gestützt auf poniert werden muss diese trotzdem.
eine Evaluation aus den Neunzigerjahren, die 250 mögli- Laut dem Awel ist die Deponie Tägernauer Holz aber
che Deponiestandorte im Kanton prüfte. Als Hauptkrite- nicht nur für die zentrale Lagerung der Schlacke nötig.
rien galten die Geologie des Untergrunds und die Grund- Es brauche sie auch, weil die Bevölkerung wächst. Der
wassersituation, und in Bezug auf beide erwies sich das Kanton Zürich geht von einem Wachstum von heute 1,52
Tägernauer Holz als geeignet. auf 1,82 Millionen Menschen bis im Jahr 2040 aus. Im
wahrscheinlichsten Zukunftsszenario des Awel wird die
Schlackenaufbereitung zentralisieren Menge thermisch zu verwertender Abfälle zwischen 2015
Der Standort ist für den Kanton noch aus anderen und 2035 um 130 000 Tonnen auf 830 000 Tonnen zuneh-
Gründen attraktiv: Die Kehrichtverwertung Zürcher Ober- men – mit entsprechenden Folgen für die Schlackendepo-
land ( Kezo ) liegt nur elf Kilometer vom Tägernauer Holz nierung. In der Richtplan-Teilrevision von 2016 wurde
entfernt. Sie betreibt die zweitgrösste Kehrichtverwer- deshalb das bis dahin festgesetzte Deponievolumen von
tungsanlage ( KVA ) des Kantons und verbrennt den Haus- 750 000 Kubikmeter gleich auf das Doppelte, auf 1,5 Mil
und Gewerbekehricht von 36 Gemeinden im Einzugsge- lionen Kubikmeter erweitert.
biet, was die Hälfte des verbrannten Kehrichts ausmacht. Letztes Jahr informierte die Kezo die Gemeinderäte
Hinzu kommt Gewerbekehricht, zu 15 Prozent aus Ge- von Gossau und Grünigen über das geplante « Leuchtturm-
meinden ausserhalb des Kantons und zu fünf Prozent aus projekt Deponie ». Schon während des Deponiebetriebs
dem Ausland, zehn Prozent des Abfalls sind örtlich nicht soll der Wald etappenweise wieder aufgeforstet werden.
zuordenbar. Jährlich ergibt das 200 000 Tonnen Abfall. Langfristig soll er sogar noch an biologischer Qualität ge-
30 000 Tonnen bleiben dabei nach der Metallentfrach- winnen. Die 15 bis 20 Lastwagen, die die Schlacke täglich
tung als Schlacke zur Deponierung zurück. In Zukunft sol- aus Hinwil über die Forchstrasse in die Deponie bringen,
len aber nicht nur diese auf der geplanten Deponie im Tä- werden mit Elektrobatterien betrieben. Der durch die
gernauer Holz landen, sondern auch die Schlackenabfälle Forchstrasse zweigeteilte Wald soll für Tiere mit einem
der übrigen vier KVA des Kantons mit Ausnahme der KVA Wildwechsel wieder verbunden werden. Schliesslich rech-
Josefstrasse in Zürich, die 2021 geschlossen wird. Die neten die Planer noch vor, dass der Transport in die De-
32 Hochparterre 8 / 19 — Bitte hier keine Schlacke deponieren
32-37_Muell_8_19.indd 32 24.07.19 07:37Anlagen für die Abfallentsorgung
im Kanton Zürich
Kehrichtverwertungsanlage
Deponie bestehend
Deponie geplant
Deponie mit Bahnanschluss
Deponie mit Bahnanschluss geplant
maximal ein Standort in Betrieb
maximal ein Standort pro Deponietyp in Betrieb
Bahnlinie
1 Weiach, Hardrüten ( Typ B ) 2
2 Eglisau, Schwanental ( B ) 1
3 Neftenbach, Fuchsbüel 4
3
4 Henggart, Egg
5 Winterthur, Riet ( D, E ) 6
6 Wiesendangen, Ruchegg 5
7 P fungen, Bruni 7
8 KVA Winterthur
9 Lufingen, Häuli ( C, D, E ) 8
9 10
10 L ufingen, Leigrueb, ( C, D )
11 Niederhasli, Feldmoos
12 Rümlang, Chalberhau
13 K VA Limeco, Dietikon 11
14 Kehrichtheizkraftwerk Hagenholz
15 KVA Josefstrasse, bis 2021 12
16 Egg, Büelholz
17 K VA Kezo, Hinwil 13 14
18 G ossau / Egg, Lehrüti
19 G rüningen / Gossau, Tägernauer Holz ( D )
20 Gossau, Wissenbüel 15
21 Oetwil am See / Egg, Chrüzlen ( B, D, E )
22 Rüti, Goldbach
23 Obfelden, Tambrig ( C, D, E )
24 KVA Horgen
25 Horgen, Längiberg
26 M aschwanden / Obfelden, Fuchsloch
27 M aschwanden / Obfelden, Holzweid 17
16
28 Wädenswil, Neubühl
29 Wädenswil, Luggenbüel 18
19
20
21
Typ A: Aushub unverschmutzt 22
Typ B: Inertstoff
Typ C: Reststoff / Altlastmaterial 23
24
Typ D: Schlacke 26 27 25
Typ E: Reaktorstoffe ( spezielle Rückstände, 28
unter anderem von Kanalisationsreinigung, 29
Hochwasser, Bränden, Bauabfällen )
Die Deponien bestehen aus einem oder mehreren
Kompartimenten des Typs B, C, D oder E.
Bei den Typen B und E nimmt die abgelagerte
Menge ab, bei den Typen C und D leicht zu.
Quelle: Kanton Zürich, Stand 2017
ponie Tambrig bei Obfelden auf der anderen Seeseite, wo CO -Reduktion, Kampf gegen den Klimawandel und das
²
bisher fast die Hälfte der Kezo-Schlacke deponiert wird, Artensterben debattieren. » Eine Aufforstung – Experten
jährlich mehr CO verursachen würde, als die 7000 gero- rechnen mit 25 Jahren nach Deponieende – würde Iten
²
deten Bäume aufnehmen könnten. Eine unabhängige Prü- nicht mehr erleben. Er ist überzeugt: « Dass das Awel am
fung dieser Rechnung fehlt allerdings. Tägenauer Holz festhält, liegt nicht an mangelnden Alter-
nativen, sondern daran, dass der Kanton die Rentabilität
Linke und Rechte geschlossen gegen Deponie der ZAV Recycling erhöhen will. » Er verweist auf einen
Das Deponiemarketing kam bei den beiden betrof- Artikel im ‹ Beobachter › vom letzten September. Darin ana-
fenen Gemeinden schlecht an. Ihre Gemeinderätinnen lysierten Experten die Zahlen der ZAV Recycling. Sie wei-
und Gemeinderäte sind geschlossen gegen die Deponie. se eine « Horrorbilanz » auf und sei nur zur Hälfte ausgelas-
Von den zwölf Kantonsräten des Bezirks Hinwil waren im tet. Der Artikel führte zu einer Anfrage im Kantonsrat, in
Februar mit einer Ausnahme alle gegen die Deponie, egal deren Beantwortung der Regierungsrat zwar das angeb-
ob SVP oder Grüne. Jörg Kündig ( FDP ), Gemeindepräsi- liche finanzielle Desaster erläutert und relativiert. Doch
dent von Gossau, gehört dazu. « Meine Priorität ist es, die umgekehrt wird auch deutlich, dass es in der Abfallwirt-
Wohnqualität in meiner Gemeinde sicherzustellen », sagt schaft immer auch um Rentabilität geht. Um Auslastung
er und verweist darauf, dass der Standortfaktor Umwelt und Profit zu sichern, schätzt Alois Iten, sei es deshalb
für die Gemeinde zentral sei und der Wald in einem Nah zentral, dass die ZAV Recycling einerseits die Schlacke
erholungsgebiet liege, das für den gesamten Kanton von aus dem gesamten Kanton verarbeiten und andererseits
Helmling und Becherling
Bedeutung sei. Kündig kann auf viel Unterstützung zäh- die Rückstände möglichst nah deponieren könne. « Unsere Die folgende Doppelseite
len. Eine Interessengemeinschaft organisierte bereits Gemeinden werden zum ‹ Güselchübel › der Region. » zeigt Pilze, die allesamt im
drei Demonstrationen. An die letzte Demo im Februar Für Kezo-Geschäftsführer Daniel Böni hingegen gibt Tägernauer Holz wachsen.
Fotografiert wurden sie in
seien 600 Unterstützerinnen gekommen, erzählt Alois es keinen Deponiestandort, der die Bevölkerung mit Ver-
den letzten Jahren von
Iten, Mitinitiator der Proteste. « Für die meisten ist es kehr, Lärm und Staub weniger stark belasten würde. Die Alois Iten, Pilzkontrolleur
schlicht irrsinnig, 7000 Bäume zu fällen, während wir über Waldbiologie im Tägernauer Holz sei « nicht wirklich → und Gegner der Deponie.
Hochparterre 8 / 19 — Bitte hier keine Schlacke deponieren 33
32-37_Muell_8_19.indd 33 24.07.19 07:37Blauer Rindenpilz Buchenblatt-Helmling Rädchentintling Violetter Lacktrichterling
Beschleierter Zwitterling Ohrlöffelstacheling Scharlachroter Prachtbecherling Bogenblättriger Feuchtwaldhelmling
Helmling Violetter Rötelritterling Reinweisses Hängeröhrchen Langstielige Becherlorchel
Buchenblatthelmling Rotköpfiger Schleimpilz Perlpilz Netzschleimpilz
Zunderschwamm am Sporen Filzige Langfusslorchel Fleischroter Gallertbecher Chromelosporium carneum
34 Hochparterre 8 / 19 — Bitte hier keine Schlacke deponieren
32-37_Muell_8_19.indd 34 24.07.19 07:37Grünspanträuschling Geweihförmige Koralle Glimmertintling Grauer Grasschleimpilz
Halsbandschwindling Stinkschwindling Überhäuteter Helmling Helmling mit Helmlingschimmel
Striegelige Tramete Halbkugeliger Borstling Stahlblauer Rötling Schmetterlingstramete
Hexenröhrling Purpurschwarzer Wasserkopf Speisemorchel Schneeweisser Tintling
Spaltblättling Weisser Adernabeling Dunkelgraues Filzbecherchen Flockenstieliger Hexenröhrling
Hochparterre 8 / 19 — Bitte hier keine Schlacke deponieren 35
32-37_Muell_8_19.indd 35 24.07.19 07:38→ wertvoll ». Das Awel sieht dies ähnlich, weil dieses « Kampf um Flächen »
Waldstück kein Schutzgebiet und in erster Linie zur Holz- Der Zürcher Abfallzoff ist kein Einzelfall. « Wir erhal-
nutzung vorgesehen ist. Jakob Bodmer, der ehemalige ten zurzeit viele Anfragen von Gemeinden zur Unterstüt-
Staatsförster im Staatswald Grüningen, widerspricht dem: zung gegen geplante Deponien – viele in Waldgebieten »,
Der Staatswald Grüningen sei ein gesunder Mischwald in sagt Raimund Rodewald, Geschäftsführer der Stiftung
einer natürlichen Lebensgemeinschaft mit hohem ökolo- Landschaftsschutz Schweiz, und nennt als Beispiele die
gischem Wert, vorhanden seien bereits jetzt die ganze Pa- Standorte Düdingen, Kappelen, Cholwald, Kallnach und
lette von verschiedenen Baumarten in verschiedenen Al- Uster. « Meist sind wir jedoch machtlos, weil ein Richtplan
tersklassen sowie wertvolle Naturverjüngungen, schreibt entscheid hinter der Planung steckt und die Interessen-
er auf der Website der Deponiegegner. abwägungen von Kanton und Bund bereits vorgenommen
Privatdeponien in der Umgebung, zum Beispiel in Lu- wurden. » Rodewald beobachtet einen raumplanerischen
fingen, auf die die Deponiegegner gerne hinweisen, sind « Kampf um Flächen », wobei dem Wald – anders als den
für Kezo-Geschäftsführer Böni kein Ausweg: « Damit wür- landwirtschaftlichen Nutzflächen – in Bundesbern die
de die Gesamtabfallverwertung für den Kanton viel teurer. » Lobby fehle. Er kritisiert, dass der tatsächliche Bedarf an
Dass die heutige Anlage nur halb ausgelastet sei, stimme Deponievolumen oft schwierig nachzuvollziehen und zu
nicht. Die Berechnungen des ‹ Beobachters › würden sich überprüfen sei. Er werde in der öffentlichen Diskussion
auf die Kapazitäten im Endausbau bis 2025 beziehen. Auch oft einfach als gegeben betrachtet.
dass die Deponie aus wirtschaftlichen Überlegungen vo- Um Schlackenmengen zu reduzieren, hoffen viele auf
rangetrieben werde, verneint Böni: « Es geht darum, den die Technologie. Im Massnahmenplan der Abfall- und Res-
Abfallpfad zu optimieren, die Entsorgung langfristig zu sourcenwirtschaft für 2015 bis 2018 hatte sich der Kanton
sichern und das Volumen der Deponie optimal zu nutzen. » Zürich das Ziel gesetzt, bis 2024 nur noch zehn Prozent
« Die Menge reduzieren » andere Deponiestandorte unterstützen – das Ziel ist, dass
es keine weiteren mehr braucht. Weniger Abfall produzie-
Interview: Rahel Marti ren und mehr Kreislaufwirtschaft ist der einzige Weg.
An der Karte der Deponie-Standorte fällt auf,
Der Kanton Zürich hat die Wahl des Tägernauer dass Deponien häufiger im ländlichen Raum liegen.
Holzes sorgfältig abgewogen. Warum sind Sie trotzdem Ist das eine unfaire Verteilung ?
gegen die Deponie ? Die Standorte sind gemäss dem Regionenmodell verteilt,
Marionna Schlatter: Deponien sind immer ‹ Nimby ›-Themen – das regelt, wo welche Stoffe am besten gelagert werden.
‹ not in my backyard ›. Sie sind nötig, aber niemand will sie. Je nach Art der Deponie gibt es wenig Spielraum, Aushub
Unter diesem Gesichtspunkt kann man sich durchaus fra- etwa soll nicht weit herumgekarrt werden. Und dass De-
gen, wie die Wahl getroffen wurde. Im Wald stört die Depo- ponien in weniger besiedelten Räumen liegen, ist sicher
nie am wenigsten Menschen, der Wald gehört dem Kanton, sinnvoll, weil weniger Menschen betroffen sind. Der Sied-
es gibt keine Nachbarn, mit denen man verhandeln muss, lungsabfall für die Kezo in Hinwil wird allerdings von weit
die Hauptstrasse ist schon da. Das Tägernauer Holz ist herangeschafft, er kommt auch aus anderen Kantonen
vielleicht nicht der beste, sondern der einfachste Standort. und teils aus Süddeutschland.
Ist einfach nicht auch ein legitimes Kriterium, Nun hat der Kanton Zürich mit Martin Neukom einen
wenn weniger Menschen betroffen sind ? neuen grünen Baudirektor. Hat er bereits das Gespräch
Doch – aber da wäre noch die Natur. Das Kulturland hat gesucht mit den Gegnern der Deponie ?
mit den Bauern eine starke Lobby und steht heute auch im Das Geschäft wurde schon vor den Wahlen vom Regie-
öffentlichen Fokus. Dem Wald fehlt diese Lobby. rungsrat an den Kantonsrat überwiesen und dieser disku-
Dafür steht hinter dem Wald das starke Waldgesetz. tiert es voraussichtlich nach den Sommerferien.
Die Rodung muss kompensiert werden. Sie sprechen von Abfallreduktion. Doch die
Ob das öffentliche Interesse für die Rodung überwiegt Zürcher Bevölkerung wird gemäss Prognosen bis 2040
und sie daher mit dem Waldgesetz vereinbar ist, ist un- auf 1,82 Millionen Menschen wachsen.
ter Rechtsexpertinnen umstritten. Die Gegner der Depo- Wie soll da die Abfallmenge kleiner werden ?
nie haben darum angekündigt, den Rechtsweg zu prüfen. Geht es oder nicht – das ist immer die Frage. Aber probie-
Zudem ist nicht klar, ob und wie tatsächlich wieder auf- ren müssen wir es. Wir könnten den Abfall, der verbrannt
geforstet wird. Im Moment klingt es danach, als würde wird, schon heute verkleinern, wenn wir zuvor mehr Stoffe
die Deponie zum Zwischenlager, um mehr Stoffe aus der rezyklieren würden. Laut Angaben des Bundes sind in der
Schlacke ziehen und wiederverwerten zu können. Dafür Zusammensetzung des Hauskehrichts noch rund zwanzig
muss sie aber bestehen bleiben. Aus unserer Sicht geht Prozent ohne Weiteres verwertbar, hauptsächlich bioge-
es deshalb auch um einen Präzedenzfall bei der Aufwei- ne Abfälle. Auch bei den Verpackungen der Grossverteiler
chung des Waldschutzes. gibt es Potenzial.
Bei allem Protest – irgendwo muss die Schlacke hin. Warum unternimmt der Kanton wenig in diese Richtung ?
Welchen besseren Weg sehen Sie ? Recyclinghöfe sind Gemeindebetriebe. Was sie zum Re-
Die bestehenden Schlackendeponien sind noch nicht voll, zyklieren anbieten, das sammelt und rezykliert die Be-
wir haben Kapazitäten für zwanzig bis dreissig Jahre. Und völkerung auch. Aber was nicht angeboten wird, das wird
diese Zeit gilt es zu nutzen, um die Abfallmenge zu redu- eben auch nicht gesammelt. Darum müsste der Kanton
zieren. Der Protest ist in diesem Bezug auch taktisch. Der den Gemeinden mehr vorschreiben, was sie sammeln und
Kanton Zürich geht stets von einer wachsenden Abfall- rezyklieren müssen. Das war bisher nicht mehrheitsfähig.
menge aus, aber er unternimmt nichts, um sie zu verrin- Marionna Schlatter ist Kantonsrätin, Präsidentin Grüne Kanton Zürich, Vor-
gern. Dieses System wollen wir nicht mit Vorschlägen für stand Grüne Schweiz, Vorstand Grüne Bezirk Hinwil.
36 Hochparterre 8 / 19 — Bitte hier keine Schlacke deponieren
32-37_Muell_8_19.indd 36 24.07.19 07:38der aufbereiteten Schlacke in Deponien des Typs D zu la- also Abfälle minutiös bis zu geringsten Mengen zu rezyk-
gern – vorab dank technologischer Entwicklung. Die Geg- lieren und schädliche Stoffe zu zerstören. Das sei gut ge-
ner der Tägernauer Deponie stützen sich unter anderem meint, so Bunge, « aber unbezahlbar teuer ». Stattdessen
auf diese Prognose. Wenn die Schlackenmengen durch würden Schadstoffe als ‹ Recycling › getarnt in der Um-
technologische Fortschritte künftig deutlich zurückgehen, welt verteilt. Das ergebe zwar weniger ‹ Abfall ›, aber eine
wozu braucht es dann noch neue Deponien ? höhere Umweltbelastung.
Rainer Bunge, Professor an der Hochschule Rappers-
wil, beschäftigt sich seit Jahren mit Abfallaufbereitung. Er Suffizienz gegen Deponiestress
ist skeptisch: « Da die Recyclingkapazitäten in der Schweiz Die Erkenntnis ist weder überraschend noch attrak-
weitgehend erschöpft sind und das Bruttoinlandprodukt tiv: Will man raumplanerische Konflikte um neue Depo-
weiter wachsen wird, werden auch Abfall- und Schlacken- nien verhindern, heisst der Weg Suffizienz. Rechnet man
mengen weiter ansteigen. » Potenzial sieht er weniger in alle Abfallarten zusammen, fallen jährlich knapp drei Ton-
der Schlackenreduktion als in der Verbesserung der Qua- nen Abfall pro Kopf an, der grösste Teil davon Bauabfälle.
lität, damit die Schlacke unbedenklich über lange Zeit ge- 716 Kilogramm sind Siedlungsabfälle, dreimal so viel wie
lagert werden könne. Mittlerweile ist auch der Kanton zu- 1970 – Tendenz steigend. Die 7000 Bäume im Tägernauer
rückgekrebst: Der Regierungsrat antwortete im November Holz sollen auch deshalb gefällt werden, weil wir in im-
2018 auf eine kritische Anfrage, seine Prognosen seien zu mer kürzeren Zyklen neue Smartphones kaufen und unnö-
optimistisch gewesen. Die Verbreitung und Entwicklung tige Produkte wieder wegschmeissen. Die Politik könnte
neuer Aufbereitungsverfahren fehle, sie seien deshalb den Wandel hin zu einem Lebensstil mit weniger Konsum
nicht wirtschaftlich. Pro Natura und die Grünen fordern durch Lenkungsabgaben unterstützen.
deshalb vom Kanton mehr Investitionen in neue Verfahren. Ob die Schlackendeponie im Tägernauer Holz tatsäch-
Ein anderer Weg, um das Deponievolumen zu redu- lich eingerichtet wird, hängt nun vom Kantonsrat ab, der
zieren, wäre, die Mineralik, also vorab Keramik und Glas, die Richtplanrevision voraussichtlich im Herbst beraten
aus der aufbereiteten Schlacke zu nutzen, etwa im Stras wird. Laut Kezo-Geschäftsführer Daniel Böni ist die Pla-
senbau, wie es in Deutschland gemacht wird. « Eine sol- nung weit fortgeschritten, er möchte noch dieses Jahr mit
che Verwertung ist skandalös », warnt allerdings Rainer der Umweltverträglichkeitsprüfung im Tägenauer Holz
Bunge. « Die Mineralik enthält oft noch relativ hohe Men- beginnen. Laut der Baudirektion kann die Kezo frühes-
gen an Schwermetallen. Diese sollten auf keinen Fall in tens Ende 2020 mit einer Baubewilligung rechnen. Das ist
den Baustoffkreislauf gelangen. » Sein Forschungsteam jedoch unwahrscheinlich. David wird sich weiter gegen
hat Keramikscherben analysiert und hohe Konzentratio- Goliath wehren: Die Gemeinden Gossau und Grüningen
nen an Cadmium, Uran, Arsen und Antimon gefunden. Des- haben die Kosten für allfällige Gerichtsgänge bereits ins
halb hält Bunge auch wenig von Rufen nach ‹ Zero waste ›, Gemeindebudget aufgenommen.
Deponien: wer, was, wo material ( 19 Prozent ). Bauabfälle sind bezüglich umwelt-
verträglicher Deponierung relativ unproblematisch ( De-
Im Umweltschutzgesetz und in der Abfallverordnung legt ponietyp A und B ). Problematischer sind die Klassen C
der Bund den Rahmen für die Abfallbewirtschaftung fest. ( Reststoffe ), D ( Schlacke ) und E ( Reaktorstoffe ). Laut dem
Bewilligungen für die Errichtung und den Betrieb von Verband der Betreiber der Abfallverwertungsanlagen gibt
Kehrichtverwertungsanlagen ( KVA ) und Deponien sind es schweizweit 29 Deponien, die durch kommunale Zweck-
Kantonss ache. Deponien können nur an Standorten er- verbände oder durch private Firmen betrieben werden. In
richtet werden, die der kantonale Richtplan dafür zuweist. fünf ‹ Cercles déchets › werden Fragen der Abfallverwer-
Vor dem Bau prüft der Kanton auf Stufe Nutzungsplan die tung überregional und mit Beteiligung des Bundes bespro-
Umweltverträglichkeit. Laut der Stiftung Landschafts- chen und koordiniert. Grundsätzlich gilt die Maxime, dass
schutz sind die Chancen für einen Erfolg jedoch gering. der Abfall in der Region verwertet und deponiert wird, wo er
Die Schweizer Bevölkerung produziert jährlich acht- anfällt. Überregionale Planungen sind möglich. So gesche-
zig bis neunzig Millionen Tonnen Abfall. Den grössten hen in der Innerschweiz, wo sich die Kantone Nidwalden,
Anteil machen Bauabfälle aus ( 84 Prozent ), darunter Aus- Obwalden, Zug, Uri und Schwyz mit Luzern für die KVA- und
hub- und Abbruchmaterial ( 65 Prozent ) sowie Rückbau- Deponieplanung zusammengeschlossen haben. ●
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