Corona drückt auf viele Einkommen - Schwere Zeiten für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer - Arbeitnehmerkammer ...

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Corona drückt auf viele Einkommen - Schwere Zeiten für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer - Arbeitnehmerkammer ...
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Jörg Muscheid

Corona drückt auf viele
Einkommen

Schwere Zeiten für Arbeitnehmerinnen und
Arbeitnehmer

In aller Kürze:                                                           Kurzarbeitergeld für Niedrig­
                                                                          verdiener: An der Grenze zum
                                                                          Existenz­minimum
Der massive Einsatz von Kurzarbeit infolge der wirtschaftlichen Fol-
gen der Corona-Pandemie hat die Arbeitswelt im Jahr 2020 geprägt.         Kurzarbeit sichert Arbeitsplätze, hat aber für die
Erstmals seit Jahren gehen die Einkommen der Arbeitnehmerinnen            betroffenen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer
und Arbeitnehmer zurück: Im zweiten Quartal 2020 war ein Minus            empfindliche Einbußen zur Folge. Angesichts der
von 5,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zu verzeichnen. Vor allem        überdurchschnittlich hohen Löhne im Land Bremen
Beschäftigte mit niedrigen Löhnen sind erheblich betroffen. Es ist        mag das auf den ersten Blick verkraftbar erschei-
zu befürchten, dass 2020 nur den Beginn schwerer Zeiten für viele         nen, doch ist das eben nur ein „Durchschnittswert“
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer markiert. Daher bedarf es              über alle Branchen und Qualifikationen. Dahinter
unter anderem einer Stärkung der Tarifbindung, einer offensiven Min-      verbergen sich massive Unterschiede zwischen den
destlohnpolitik sowie einer Qualifizierungsoffensive zur Bewältigung      Verdiensten in den einzelnen Branchen wie auch
des Strukturwandels.                                                      zwischen hoch und niedrig qualifizierten Beschäf-
                                                                          tigten. Vor allem die vielen Tausend Beschäftig-
                                                                          ten in den schlecht bezahlten Branchen Gastrono-
                                                                          mie und Handel mussten Einkommenseinbußen
                                                                          hinnehmen. Ein Koch oder eine Köchin in Voll-
                                                                          zeitbeschäftigung verdient „normalerweise“ rund
                        Das vergangene Jahr stand ganz im Zeichen         2.280 Euro, eine Servicekraft in der Gastronomie
                    der Corona-Pandemie mit seinen schlimmen Aus-         rund 1.840 Euro, ein Verkäufer oder eine Verkäufe-
                    wirkungen. Auch in der Wirtschaft und auf dem         rin im Einzelhandel rund 2.450 Euro.2 Bei solchen
                    Arbeitsmarkt hat diese Pandemie bereits jetzt deut-   Bruttoverdiensten verbleiben netto für einen Allein-
                    liche Spuren hinterlassen, die ohne den massiven      stehenden nur rund 1.330 Euro bis 1.670 Euro. Vor
                    Einsatz von finanziellen Hilfen des Staates deut-     diesem Hintergrund ist zu befürchten, dass mit dem
                    lich gravierender ausgefallen wären. Arbeitsmarkt-    Kurzarbeitergeld viele Niedrigverdienerinnen und
                    politisch war Kurzarbeit das Mittel der Wahl: Über    -verdiener an die Grenze des Existenzminimums
                    70.000 Beschäftigte waren im April und Mai im         geraten.
                    Land Bremen in Kurzarbeit. Für die Situation auf
                    dem Arbeitsmarkt hat die Kurzarbeit, die 2020         Ein zweiter Aspekt kommt in diesem Zusammen-
                    in einem historisch einmaligen Ausmaß genutzt         hang zum Tragen: Nur wenige Unternehmen wie
                    wurde, viele Tausend Arbeitsplätze zunächst erhal-    Daimler oder Airbus stocken das Kurzarbeitergeld
                    ten können.1

                    1   Vgl. zu den Auswirkungen ausführlich Jathe/       2   Vgl. Entgeltatlas der Bundesagentur für Arbeit.
                    Geraedts (2020).                                      Jeweils Mittelwert, Stand Dezember 2019.
— 01 Arbeit, Wirtschaft und Finanzen                      — 49

auf. Eine erste Auswertung des Wirtschafts- und       die Bedeutung von Teilzeitbeschäftigung und Mini-
Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) für die      jobs für den Arbeitsmarkt wie auch gerade für den
aktuelle Situation in Deutschland macht deutlich,     Niedriglohnbereich verkannt werden: Betrach-
dass vor allem Beschäftigte, die tarifvertraglich     tet man die Stundenlöhne, reicht nach Berechnun-
abgesichert sind, eine Aufstockung erhalten; rund     gen des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ)4 die
58 Prozent im Vergleich zu lediglich 34 Prozent der   Spanne von „nur“ 10,7 Prozent in Hamburg bis hin
Beschäftigten in Unternehmen ohne Tarifbindung.3      zu 34,1 Prozent in Thüringen. Damit ist der Nied-
Es ist zudem zu vermuten, dass vor allem größere      riglohnsektor in Deutschland – unter Einbeziehung
Unternehmen dazu in der Lage sind. Aber gerade        aller Jobs – einer der größten in der Europäischen
Branchen wie der Handel haben eine geringe Tarif-     Union. Hinsichtlich der Verdienstunterschiede bei
bindung und sind vor allem von kleinen und mittle-    Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigten wird daher auf
ren Unternehmen geprägt.                              den Bericht zur Lage der Arbeitnehmerinnen und
                                                      Arbeitnehmer 2019 verwiesen.5
Im Folgenden sollen daher kurz die allgemeine Ein-
kommensentwicklung sowie die Branchenverdienste
dargestellt werden, bevor der Aspekt der Niedrig-
lohnbeschäftigung eingehender thematisiert wird.
Der Fokus liegt dabei in diesem Artikel durchgän-
gig auf den Vollzeitbeschäftigten. Damit soll nicht
                                                      4   Vgl. Institut Arbeit und Qualifikation (2020). Berech-
                                                      net auf Basis des sozioökonomischen Panels SOEP für
                                                      das Jahr 2018.
3   Vgl. WSI-Verteilungsbericht (2020).               5   Vgl. Muscheid (2019).
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Im Ländervergleich ist Bremen nach                            Im Vergleich zu den anderen „alten“ Bundeslän-
wie vor überdurchschnittlich                                  dern liegen die bremischen Bruttomonatsverdienste
                                                              der Vollzeitbeschäftigten in der unteren Hälfte; die
Wie sieht die aktuelle Situation aus? Vollzeitbe-             Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer verdienen
schäftigte mit Bremen als Arbeitsort verdienten im            hier rund 230 Euro mehr als in Niedersachsen, aber
zweiten Quartal 2020 durchschnittlich 3.898 Euro              weniger als in den beiden anderen Stadtstaaten.
monatlich. Hinzu kamen rund 422 Euro pro Monat
an Sonderzahlungen. Im Ländervergleich zei-
gen sich nach wie vor deutliche Unterschiede zwi-
schen den „alten“ und den „neuen“ Bundesländern.

Abbildung 1:
Durchschnittliche Bruttomonatsverdienste von Vollzeitbeschäftigten im Bundesländervergleich
2. Quartal 2020 (ohne Sonderzahlungen)

                         Hamburg                                                                                  4.365 €

                           Hessen                                                                                4.219 €

                           Bayern                                                                          4.054 €

           Baden-Württemberg                                                                               4.050 €

                             Berlin                                                                        4.013 €

          Nordrhein-Westfalen                                                                             3.946 €

                          Bremen                                                                         3.898 €

                    Deutschland                                                                         3.868 €

                 Rheinland-Pfalz                                                                       3.715 €

                  Niedersachsen                                                                      3.670 €

            Schleswig-Holstein                                                                       3.612 €

                         Saarland                                                              3.487 €

                    Brandenburg                                                               3.291 €

                 Sachsen-Anhalt                                                            3.259 €

                         Sachsen                                                           3.207 €

   Mecklenburg-Vorpommern                                                                 3.119 €

                        Thüringen                                                    3.097 €

                                      0      500      1.000    1.500    2.000     2.500      3.000      3.500      4.000    4.500   5.000

Quelle: Statistisches Bundesamt
©  Arbeitnehmerkammer Bremen
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Enorme Verdienstunterschiede in den                            gut bezahlte Arbeitsplätze anbieten. Arbeitsplätze,
Branchen                                                       die zudem überwiegend tarifvertraglich abgesi-
                                                               chert sind. Im Durchschnitt aller Industriebranchen
Hinter den „durchschnittlichen“ Bruttoverdiens-                erzielen Vollzeitbeschäftigte ein Einkommen von
ten verbergen sich deutliche Unterschiede zwi-                 4.099 Euro. Das sind rund 270 Euro mehr als im
schen den einzelnen Branchen. Im Bundesvergleich               Durchschnitt der Dienstleistungsbranchen. Hier gibt
ist das Land Bremen vor allem bei den industriel-              es zwar auch Branchen mit hohen Löhnen, wie zum
len Arbeitsplätzen stark aufgestellt: In der Indus­trie        Beispiel die Finanzdienstleistungen, bei den Dienst-
finden sich eine ganze Reihe von Global Playern                leistungen sind aber auch viele Branchen mit deut-
wie Daimler, Airbus, ArcelorMittal, OHB etc., die              lich unterdurchschnittlicher Bezahlung.6

Abbildung 2:
Durchschnittliche Bruttomonatsverdienste von Vollzeitbeschäftigten im Land Bremen
nach Branchen im 2. Quartal 2020 (ohne Sonderzahlungen)

                 Finanzen und Versicherungen                                                   4.822 €
          Herstellung von Metallerzeugnissen                                                4.724 €
                      Erziehung und Unterricht                                              4.644 €
              Information und Kommunikation                                                4.478 €
        Unternehmensnahe Dienstleistungen                                                 4.403 €
               Gesundheits- und Sozialwesen                                              4.294 €
          Grundstücks- und Wohnungswesen                                                 4.224 €
                                         Großhandel                                      4.198 €

                         Öffentliche Verwaltung                                         4.143 €

                       Verarbeitendes Gewerbe                                         4.099 €

                                          Insgesamt                                  3.898 €
                         Dienstleistungsbereich                                   3.829 €
                                            Logistik                             3.672 €
                                     Baugewerbe                                 3.604 €
            Herstellung von Glas und Keramik                                  3.198 €
    Herst. von Gummi- und Kunststoffwaren                              2.898 €
                        Post- und Kurierdienste                     2.597 €

                                                       0    1.000     2.000      3.000      4.000        5.000

Quelle: Statistisches Landesamt Bremen
©  Arbeitnehmerkammer Bremen

                                                               6    In einzelnen Branchen gibt es auf Landesebene ver-
                                                               gleichsweise wenige Fallzahlen, sodass die Aussagekraft
                                                               zum Teil deutlich eingeschränkt ist, die betrifft zum Bei-
                                                               spiel die Gastronomie, den Einzelhandel und sonstige
                                                               Dienstleistungen. Diese Branchen werden hier nicht im
                                                               Detail dargestellt.
— 52                   — Bericht zur Lage 2021

Gender Pay Gap nach wie vor hoch                              Kinderbetreuung über familiäre Unterstützung bis
                                                              hin zur häuslichen Pflege, was sich in beruflicher
Der Gender Pay Gap liegt in Deutschland bei rund              Hinsicht in einem hohen Anteil an Teilzeitbeschäf-
21 Prozent; im Land Bremen ist er aufgrund der                tigung, Brüchen in der Berufsbiografie etc. nieder-
Wirtschaftsstruktur mit 22 Prozent geringfügig                schlägt. Der Blick auf die Branchen im Land Bremen
höher. Insgesamt ist er in den letzten Jahren lang-           zeigt deutliche Unterschiede bei den Stundenlöhnen
sam gesunken, aber nach wie vor leisten Frauen den            und damit beim Verdienst für Frauen und Männer:
Hauptteil der sogenannten Care-Arbeit – von der               Sie sind am höchsten bei den Unternehmensdienst-
                                                              leistungen, am niedrigsten in der Gastronomie.

          Abbildung 3:
          Abstand der Stundenlöhne von Frauen zu Männern im Land Bremen,
          2. Quartal 2020 nach Wirtschaftszweigen (ohne Sonderzahlungen)

                        Unternehmensdienstleistungen         −24,9 %

                        Gesundheits- und Sozialwesen            −23,1 %

                          Erbringung von Finanz- und                −22,1 %
                        Versicherungsdienstleistungen

                                                   Handel            −20,2 %

                      Information und Kommunikation                    −19,7 %

                  Grundstücks- und Wohnungswesen                       −19,4 %

                             Erbringung von sonstigen                     −17,1 %
                     wirtschaftlichen Dienstleistungen

                               Verarbeitendes Gewerbe                         −16,2 %

                               Erziehung und Unterricht                        −15,2 %

                     Dienstleistungsbereich insgesamt                            −14,8 %

                                     Verkehr und Lagerei                          −13,8 %

                               Öffentliche Verwaltung,                                          −6,0 %
                      Verteidigung, Sozialversicherung

                                             Gastgewerbe                                                −2,0 %

                                                            −30 %    −25 %     −20 %    −15 %   −10 %    −5 %    0%

          Quelle: Statistisches Landesamt Bremen
          ©  Arbeitnehmerkammer Bremen
— 01 Arbeit, Wirtschaft und Finanzen                — 53

Ausgeprägter Niedriglohnsektor im                           und Arbeitnehmer im Niedriglohnbereich. Nach
Land Bremen                                                 der Definition der OECD gilt als Beschäftigter im
                                                            Niedriglohnbereich, wer bei einer Vollzeittätigkeit
Wie bereits eingangs betont, sind niedrige Löhne in         weniger als zwei Drittel des mittleren Entgelts aller
Deutschland weitverbreitet. Aber auch wenn man              sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten
die Teilzeitbeschäftigten sowie Minijobberinnen             erzielt. Der Schwellenwert für den Niedriglohn der
und -jobber außer Acht lässt und nur die „Normal-           Vollzeitbeschäftigten liegt aktuell bei 2.267 Euro im
arbeitsverhältnisse“, also die Vollzeitarbeitsplätze,       Monat. In Deutschland verdient nahezu jeder fünfte
betrachtet, finden sich viele Arbeitnehmerinnen             Beschäftigte (18,8 Prozent) weniger.

Abbildung 4:
Vollzeitbeschäftigte im Niedriglohnbereich 2019,
Anteil an allen Vollzeitbeschäftigten in Prozent

        22,0 %                                                                   20,9 %

        20,0 %                 18,8 %

         18,0 %
                                                        16,4 %
         16,0 %

         14,0 %

         12,0 %

         10,0 %
                            Deutschland                 Bremen                Bremerhaven

Quelle: Sonderauswertung der Bundesagentur für Arbeit
©  Arbeitnehmerkammer Bremen

Auch im Hinblick auf Niedriglöhne zeigen sich im            Vergleichsstädten von Bremen reicht von 17,9 Pro-
Übrigen deutliche Unterschiede zwischen Männern             zent in Dortmund bis hin zu 9,2 Prozent in Stutt-
und Frauen: Während bundesweit nur 15,5 Prozent             gart. Im Vergleich mit den westdeutschen Großstäd-
der vollzeitbeschäftigten Männer einen Niedriglohn          ten liegt Bremen damit im oberen Drittel.
erhalten, ist es bei den Frauen jede Vierte (25,8 Pro-
zent), die für einen Niedriglohn arbeitet.                  Nur geringe Fortschritte beim Abbau von Niedrig-
                                                            löhnen konnten in den vergangenen Jahren erzielt
                                                            werden. Während die Entwicklung des Niedriglohn-
Stand und Entwicklung: Bremen im                            bereichs in den letzten Jahren in Deutschland rück-
Städtevergleich                                             läufig war und die Quote von 21,1 Prozent 2011
                                                            auf 18,8 Prozent 2019 sank, verzeichnete die Stadt
Beim Niedriglohnbereich gibt es große regionale             Bremen in diesem Zeitraum nur einen leichten
Unterschiede zwischen den Bundesländern wie                 Rückgang von 0,6 Prozentpunkten. Der Vergleich
auch zwischen den Städten. Wie sieht die Situa-             Bremens mit anderen Großstädten zeigt die unter-
tion im Land Bremen aus? Die aktuelle Sonderaus-            schiedliche Dynamik in den einzelnen Städte, wobei
wertung der Bundesagentur für Arbeit zeigt für              vor allem die Städte in den neuen Bundesländern
die Stadt Bremen einen Niedriglohnbereich von               profitieren konnten.
16,4 Prozent. Die Spanne bei den ähnlich großen
— 54                 — Bericht zur Lage 2021

       Abbildung 5:
       Bremen im Städtevergleich: Entwicklung des Niedriglohnbereichs seit 2011
       in Prozentpunkten

               −8,8 %                                                                                          Leipzig

                        −7,8 %                                                                                 Dresden

                                  −6,5 %                                                                       Berlin

                                                                        −2,0 %                                 Hamburg

                                                                        −1,9 %                                 München

                                                                        −1,9 %                                 Köln

                                                                         −1,7 %                                Stuttgart

                                                                                 −0,7 %                        Nürnberg

                                                                                 −0,7 %                        Frankfurt a. M.

                                                                                  −0,6 %                       Bremen

                                                                                  −0,4 %                       Düsseldorf

                                                                                               0,2 %           Dortmund

                                                                                                   0,6 %       Essen

                                                                                                       1,4 % Duisburg

             −10,0 %          −8,0 %          −6,0 %           −4,0 %       −2,0 %         0,0 %       2,0 %

       Quelle: Sonderauswertung der Bundesagentur für Arbeit 2020
       ©  Arbeitnehmerkammer Bremen

                                                               Stand und Entwicklung: Bremer­
                                                               haven im Städtevergleich

                                                               Deutlich schlechter als in Bremen sieht die Situation
                                                               in Bremerhaven aus. Bremerhaven verzeichnet aktu-
                                                               ell 20,9 Prozent Beschäftigte mit Niedriglohn und
                                                               liegt damit an der Spitze der ähnlich großen west-
                                                               deutschen Vergleichsstädte. Wilhelmshaven liegt an
                                                               zweiter Stelle mit einem Anteil von 20,8 Prozent;
                                                               den niedrigsten Wert der Vergleichsstädte hat Salz-
                                                               gitter mit einem Anteil von 10,3 Prozent.

„Bei der Entwicklung des                                       Auch bei der Entwicklung des Niedriglohnsek-
                                                               tors kann keine Entwarnung gegeben werden. Die
Niedrig­lohnsektors kann keine                                 stärksten Rückgänge verzeichneten auch hier die
Entwarnung gegeben werden.“                                    ostdeutschen Vergleichsstädte. Bei den westdeut-
                                                               schen Städten war das Bild uneinheitlich, wie die
                                                               Abbildung 6 zeigt. Bremerhaven verzeichnet hier
                                                               sogar eine Zunahme des Niedriglohnbereichs um
                                                               1,6 Prozentpunkte seit 2011.
— 01 Arbeit, Wirtschaft und Finanzen                            — 55

Abbildung 6:
Bremerhaven im Städtevergleich: Entwicklung des Niedriglohnbereichs seit 2011
in Prozentpunkten

           −9,5 %                                                                                                Jena

                          −6,5 %                                                                                 Schwerin

                                   −5,6 %                                                                        Cottbus

                                                      −1,6 %                                                     Osnabrück

                                                             −1,1 %                                              Oldenburg

                                                             −1,0 %                                              Fürth
                                                             −1,0 %                                              Koblenz

                                                              −0,7 %                                             Salzgitter

                                                              −0,6 %                                             Pforzheim

                                                              −0,6 %                                             Remscheid

                                                                                0,2 %                            Wilhelmshaven

                                                                                    0,7 %                        Würzburg

                                                                                        1,6 %                    Bremerhaven
                                                                                                3,1 %            Offenbach
                                                                                                 3,4 %           Bottrop

      −12,0 % −10,0 %       −8,0 %     −6,0 %     −4,0 %       −2,0 %       0,0 %    2,0 %       4,0 %   6,0 %

Quelle: Sonderauswertung der Bundesagentur für Arbeit 2020
©  Arbeitnehmerkammer Bremen

2020 erstmals deutlicher Rückgang                                       Teil durch das Kurzarbeitergeld abgefedert. Betrof-
der Löhne                                                               fen davon waren im Land Bremen im April und Mai
                                                                        rund 70.000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer,
Die gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen                            also jeder fünfte Beschäftigte. Sie befanden sich
der letzten Jahre waren günstig für die Lohnent-                        mindestens teilweise in Kurzarbeit.7
wicklung. Neben der stabilen Konjunkturentwick-
lung hatten vor allem die niedrige Inflation und                        In diesem Zusammenhang muss allerdings berück-
gute Tarifabschlüsse dazu geführt, dass der Trend                       sichtigt werden, dass es sich beim Lohnrückgang
wieder nach oben gezeigt hat.                                           von 4,9 Prozent um einen Durchschnittswert han-
                                                                        delt. Wie bereits eingangs betont, sind Branchen
Vor diesem Hintergrund waren in den letzten Jah-                        wie die Gastronomie, der Einzelhandel, die Kultur
ren stets Verdienstzuwächse zu verzeichnen. Auch                        etc. besonders betroffen; andere dagegen kaum, wie
noch im ersten Quartal 2020 war die Entwicklung                         der Blick auf die unterschiedlichen Leistungsgrup-
positiv. Der Lockdown im Zusammenhang mit der                           pen deutlich macht.
Corona-Pandemie hat im zweiten Quartal 2020
im Land Bremen wie in Deutschland insgesamt zu
einem Rückgang der Löhne geführt: nominal um
4,9 Prozent. Der Hauptgrund für diese Entwicklung
ist der Rückgang der bezahlten Wochenstunden.
Die finanziellen Verluste werden dabei nur zum

                                                                        7    Zahlen für den Herbst/Winter 2020 lagen bei Redak-
                                                                        tionsschluss noch nicht vor.
— 56                    — Bericht zur Lage 2021

          Abbildung 7:
          Lohnentwicklung 2016 bis 2020
          Veränderung des Nominallohnindex (2015 = 100) gegenüber dem Vorjahreszeitraum
          in Prozent

                   6,0 %
                                                        4,4 %
                   4,0 %                                                   3,0 %          2,6 %
                                     1,7 %
                   2,0 %

                   0,0 %
                                     2016                2017              2018           2019           2020
                  −2,0 %

                  −4,0 %

                 −6,0 %                                                                                 −4,9 %

          Quelle: Statistisches Landesamt Bremen; 2020: 2. Quartal
          ©  Arbeitnehmerkammer Bremen

Vor allem Niedriglohnbezieher ver-                                   Ausblick: Die Krise hat erst begonnen
dienen weniger
                                                                     Nach den Lockerungen im Sommer 2020 gibt es
Besonders betroffen sind die unteren Leistungs-                      aktuell wieder weitreichende Kontaktbeschränkun-
gruppen: die Ungelernten und Angelernten. Bei den                    gen, die sich letztlich auch bei den Einkommen der
Ungelernten betrug der Rückgang der nominalen                        Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer niederschla-
Löhne im zweiten Quartal 2020 14,2 Prozent gegen-                    gen werden. Nach einem weiteren leichten Rück-
über dem Vorjahr, bei den angelernten Arbeitneh-                     gang im dritten Quartal ist schon jetzt absehbar,
merinnen und Arbeitnehmern sogar 17,9 Prozent.                       dass die negative Lohnentwicklung sich verstärkt
Die Werte sind fast doppelt so hoch wie im Bun-                      auch im vierten Quartal 2020 und im ersten Quartal
desdurchschnitt (minus 7,4 Prozent bei den Unge-                     2021 fortsetzen wird, von den mittel- und langfristi-
lernten beziehungsweise minus 8,9 Prozent bei den                    gen Folgen ganz abgesehen.
Angelernten).
                                                                     Der negativen Lohnentwicklung und der sich
Fachkräfte haben einen Rückgang von 3,9 Pro-                         abzeichnenden Zunahme der Lohnungleichheit
zent (Bund: minus 4,8 Prozent) zu verzeichnen. Am                    sollte entgegengewirkt werden. Wichtigstes Instru-
geringsten waren die Lohneinbußen bei den heraus-                    ment zur Reduzierung von Lohnungleichheit ist die
gehobenen Fach- und Führungskräften mit minus                        Stärkung der Tarifbindung. Sie sollte durch umfas-
2,7 Prozent (Bund: minus 2,4 Prozent beziehungs-                     sende Tariftreueregelungen bei öffentlicher Auf-
weise minus 2,0 Prozent).                                            tragsvergabe und erleichterten Voraussetzungen
                                                                     für die Allgemeinverbindlicherklärung von Tarif-
                                                                     verträgen gestützt werden (siehe Artikel „­Erosion
                                                                     der Tarifbindung im Land Bremen“ in diesem Band).
                                                                     Außerdem gilt es, durch eine offensive Mindest-
                                                                     lohnpolitik auf Bundes- und Landesebene die Löhne
                                                                     im unteren Einkommensbereich zu stützen. Daher
                                                                     ist die Erhöhung des Landesmindestlohns auf
                                                                     12 Euro ein richtiger Schritt. Die Dynamik bei der
                                                                     Entwicklung des Bundesmindestlohns lässt aller-
                                                                     dings deutlich zu wünschen übrig.
— 01 Arbeit, Wirtschaft und Finanzen                     — 57

Abbildung 8:
Lohnenwicklung im 2. Quartal 2020 nach Leistungsgruppen
Nominallohnindex, Veränderungsrate gegenüber dem Vorjahresquartal

                                                                                             Arbeitnehmer in
                                                                        −2,7                 leitender Stellung

                                                                       −2,7                  Herausgehobene Fachkräfte

                                                                   −3,9                      Fachkräfte

        −17,9                                                                                Angelernter Arbeitnehmer

                     −14,2                                                                   Ungelernte Arbeitnehmer

    −20,0   −18,0   −16,0      −14,0   −12,0   −10,0   −8,0     −6,0    −4,0   −2,0    0,0

Quelle: Eigene Berechnung
©  Arbeitnehmerkammer Bremen

Zudem muss gesehen werden, dass die wirtschaft-                   Gleichwohl darf die Frage nicht aus dem Blickfeld
lichen Ausgangsbedingungen in der Corona-Pan-                     geraten, ob die aktuellen wirtschaftlichen Auswir-
demie zwischen den Bundesländern ungleich                         kungen nur eine kurzfristige Zäsur darstellen, wie
verteilt sind. Das Land Bremen hat seine struktu-                 es in einigen Modellrechnungen bislang angenom-
rellen Schwächen in den letzten Jahren nur teil-                  men wird. Vor dem Hintergrund der weltweiten
weise überwunden. Einzelne positive Entwicklun-                   Betroffenheit und der nach wie vor unzureichenden
gen haben im Ergebnis nicht zu einer nachhaltigen                 Kenntnis über die Dauer der Pandemie sind auch
Erholung geführt. Der Blick auf den Zeitraum der                  längerfristige Probleme denkbar, zumal der lang
Finanzkrise 2008 bis 2019 macht deutlich: Bremen                  anhaltende konjunkturelle Aufschwung bereits 2019
ist abgekoppelt von der durchschnittlichen Entwick-               sein Ende gefunden hat. Ein wichtiges Instrument
lung bei Wirtschaft und Beschäftigung; im Vergleich               zur Flankierung der Pandemie und des Struktur-
der Bundesländer belegt Bremen einen der hinte-                   wandels wäre eine präventive und proaktive Wei-
ren Plätze. Zudem ist der Anteil prekärer Beschäfti-              terbildungsoffensive für Beschäftigte und Arbeits-
gung im Land Bremen besonders hoch, wie auch die                  lose, die insbesondere Geringqualifizierte und
Abhängigkeit der Wirtschaft von der weltwirtschaft-               Beschäftigte in Krisenbranchen adressiert.
lichen Lage.

Mit den beschlossenen Hilfsprogrammen von Bund
und Ländern ist ein wichtiger Schritt vollzogen
worden, um den Angebots- und Nachfrageschock
infolge der Corona-Pandemie zu mindern und Per-
spektiven auf dem Arbeitsmarkt zu schaffen.8

8   Dazu ausführlich „Arbeitnehmerorientierte Politik in
und nach der Krise – Impulse für einen Bremen-Fonds“;
Stellungnahme der Arbeitnehmerkammer Bremen, Mai
2020.
— 58

Literatur

Institut Arbeit und Qualifikation (2020): IAQ zum Nied-
   riglohnsektor in Deutschland.
   Enorme Spanne zwischen den Ländern. Pressemit-
   teilung vom 11.11.2020.

Jathe, Jan/Geraedts, Regine (2020): Corona und die Fol-
   gen – Auswirkungen auf die Arbeitswelt im Land
   Bremen. KammerKompakt Nr. 4 Ausgabe Dezember
   2020, Arbeitnehmerkammer Bremen (Hrsg.).

Muscheid, Jörg (2019): Niedrige Inflation, steigende
   Tarifabschlüsse: 2018 war ein gutes Jahr. In: Arbeit-
   nehmerkammer Bremen (Hrsg.), Bericht zur Lage der
   Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Land Bre-
   men 2019, S. 43–50. https://arbeitnehmerkammer.de
   /fileadmin/user_upload/Downloads/Jaehrliche_Publi
   kationen/Lagebericht_2019_Muscheid_Jahr_2018.pdf.
   Zugriff am 17.02.2021.

WSI-Verteilungsbericht (2020): Die Einkommensun-
   gleichheit wird durch die Corona-Krise noch weiter
   verstärkt.
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