DFP: Antidepressive Pharmakotherapie: Aktueller Stand und neue Entwicklungen - Krause und Pachernegg

 
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DFP: Antidepressive Pharmakotherapie: Aktueller Stand und neue Entwicklungen - Krause und Pachernegg
Journal für

 Neurologie, Neurochirurgie
 und Psychiatrie
             www.kup.at/
 JNeurolNeurochirPsychiatr   Zeitschrift für Erkrankungen des Nervensystems

DFP: Antidepressive
                                                                               Homepage:
Pharmakotherapie: Aktueller Stand
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und neue Entwicklungen                                           JNeurolNeurochirPsychiatr

Baghai TC, Volz HP, Möller HJ                                          Online-Datenbank
                                                                         mit Autoren-
Journal für Neurologie
                                                                      und Stichwortsuche
Neurochirurgie und Psychiatrie
2011; 12 (1), 70-81

                                                                                            Indexed in
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 Krause & Pachernegg GmbH • Verlag für Medizin und Wirtschaft • A-3003 Gablitz
 P.b.b. 02Z031117M,            Verlagsor t : 3003 Gablitz, Linzerstraße 177A /21           Preis : EUR 10,–
DFP: Antidepressive Pharmakotherapie: Aktueller Stand und neue Entwicklungen - Krause und Pachernegg
EINLADUNG ZUM WEBINAR
   MS UND DIE VERBORGENEN
   SYMPTOME DER KOGNITION
                      Freitag, 12. November 2021 | 16.00 bis 18.00 Uhr
  Erkenntnisse zum Thema “MS & Kognition” werden von nationalen und
  internationalen Experten und Expertinnen vorgetragen. Die Vorträge decken
  die wissenschaftliche Perspektive über Diagnose, neuropsychologische
  Aspekte als auch die Patientensicht eines Betroffenen ab.                                                             Hier geht´s zum Programm

  Wissenschaftlicher Vorsitz
                                                                                                REFERENT*INNEN
                                    Univ.-Prof. Dr. Christian Enzinger                                           Univ.-Prof. Dr.                               Prof. Dr. Dipl.-Psych.
                                    MBA, FEAN                                                                    Christian Enzinger                            Iris-Katharina Penner
                                    Uniklinik Graz
                                                                                                                 MBA, FEAN                                     Düsseldorf
                                                                                                                 Uniklinik Graz

                                                                                                                 Prim. Univ.-Prof. Dr.                         Priv.-Doz. Mag. Dr.
                                                                                                                 Elisabeth Fertl                               Daniela Pinter
                                                                                                                 Wien                                          Uniklinik Graz

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   https://medahead-fortbildung.at/event/ms-und-kognition-2021/
                                                                                                                     Entsprechende Vorkehrungen für die Veranstaltung und bei der Veranstaltung werden
                                                                                                                     nach der aktuellen COVIDGesetzgebung bzw. COVID-Verordnung getroffen.
                                                                  Live-Übertragung aus Wien                          Laut Regelwerk der Ärztekammer (Ärztlicher Verhaltenskodex) und Pharmaindustrie
                                                                                                                     (Pharmig Verhaltenskodex) gilt diese Einladung ausschließlich für Ausübende von
                                                                                                                     Gesundheitsberufen und ist nicht übertragbar.

                                                                                                                                                  Novartis Pharma GmbH
                                                                                                                                                  Jakov-Lind-Straße 5 / Top 3.05, 1020 Wien
                                             Mit freundlicher Unterstützung der Novartis Pharma GmbH                                              Tel.: 01-866 57-0, Fax.: 01-866 57 16369, www.novartis.at
                                                                                                                                                  Datum der
                                                                                                                                                        der Erstellung
                                                                                                                                                            Erstellung 10/2021
                                                                                                                                                                       11/2021 AT2110041868
                                                                                                                                                                                AT2111021580

                          Schlaganfall Akademie
                          Fortbildungsreihe zum Thema Stroke

                          ÖGSF Online-Fortbildung
                          Management raumfordernder Hirninfarkte
                          15. November 2021 14.00 bis 15.00 Uhr

                                                                                                                          Referent:
                                                                                               Priv.-Doz. DDr. Simon Fandler-Höfler
                                                                                                             Universitätsklinik für Neurologie
                                                                                                               Medizinische Universität Graz

                                  Jetzt online unter
                                                                                                                   Onlineanmeldung
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                          Die Teilnahme an dieser Fortbildungsveranstaltung ist Angehörigen der Fachkreise
                          gemäß Pharmig VHC Artikel 2.2 vorbehalten und ist nicht übertragbar.

                          Wissenschaftlicher Fortbildungsanbieter:
                          Österreichische Schlaganfall Gesellschaft, 1070 Wien                                                    Mit freundlicher Unterstützung von
Antidepressive Pharmakotherapie                                              DFP
                     Antidepressive Pharmakotherapie:
                  Aktueller Stand und neue Entwicklungen
                                                             T. C. Baghai1, H. P. Volz2, H. J. Möller1

 Kurzfassung: Während der vergangenen Deka-              lichkeit der Therapie in die Therapieplanung mit-    high rate of non-responsiveness during antide-
 de wurden vielversprechende neue Substanzen             einbezogen werden.                                   pressant treatment, a latency of sometimes sev-
 und Therapieprinzipien in die Pharmakotherapie             Die Erforschung neuer Behandlungsmöglich-         eral weeks until clinical improvement and remis-
 depressiver Störungen eingeführt, die nicht nur         keiten ist von höchster Wichtigkeit, um in Zukunft   sion can be achieved, and a variety of possible
 die serotonerge und noradrenerge Neurotrans-            bessere klinische Strategien in der Behandlung       side effects also present during treatment with
 mission verstärken, sondern ebenso das Dopamin-         depressiver Erkrankungen gewährleisten zu kön-       modern compounds.
 oder das Melatonin-System beeinflussen.                 nen. Dies ist zudem von herausragender sozio-           Predominantly depression of medium to high
    Die Hauptvorteile neuer Substanzen bestehen          ökonomischer Bedeutung.                              severity should be treated pharmacologically. In
 in der Erweiterung des Behandlungsspektrums                                                                  case of severe depression dually acting antide-
 und der besseren Verträglichkeit im Vergleich zu        Schlüsselwörter: Antidepressiva, selektive Se-       pressants may be of advantage. Besides the se-
 älteren Präparaten. Fortbestehende Probleme             rotonin-Wiederaufnahmehemmer, trizyklische           verity of the disease subtypes of depression,
 sind immer noch eine zu hohe Nichtansprech-             Antidepressiva, Melatonin, Dopamin, MAO-             specific symptoms as well as age and comor-
 rate, die Wirklatenz von mitunter einigen Wo-           Hemmer                                               bidity of the patients may play a role in influenc-
 chen sowie verschiedene unerwünschten Arz-                                                                   ing the treatment course. The treatment provid-
 neimittelwirkungen, die auch bei Einsatz moder-                                                              ing the highest response probability and the
 ner Substanzen auftreten können.                        Abstract: Antidepressive Pharmacotherapy             best tolerability should be preferred in treat-
    Vor allem mittel- bis schwergradige Depres-          – State of the Art and Recent Develop-               ment plans.
 sionen sollten pharmakotherapeutisch behandelt          ments. During the past decade a variety of              The study of new treatment options is of ma-
 werden, wobei bei besonders schweren Depres-            promising new compounds was launched onto            jor importance to provide better strategies for
 sionen dual wirksame Substanzen überlegen               the market not only enhancing serotonergic and       the clinical management of depression in the fu-
 sein können. Neben dem Schweregrad der De-              noradrenergic neurotransmission, but also influ-     ture, and is thus also of great socio-economic
 pression können die Subtypologie und Sympto-            encing the dopamine and the melatonergic             importance. J Neurol Neurochir Psychiatr
 matik der Erkrankung sowie Alter und Begleit-           receptor system.                                     2011; 12 (1): 70–81.
 erkrankungen der Patienten eine den Therapie-              The main advantages of the newer drugs are
 verlauf beeinflussende Rolle spielen. Hierbei soll-     the broadening of the treatment spectra and a Key words: antidepressants, selective sero-
 ten sowohl die Wahrscheinlichkeit eines Thera-          far better tolerability profile in comparison to tonin reuptake inhibitors, tricyclic antidepres-
 pieerfolges als auch die bestmögliche Verträg-          older compounds. Still unresolved issues are the sants, melatonin, dopamine, MAO inhibitors

„ Einleitung                                                                         1980er- und 1990er-Jahren, der selektiven Noradrenalin-Wie-
                                                                                     deraufnahmehemmer (NARI), der Neueinführung von dual
Die Therapie depressiver Erkrankungen ist häufig eine Kom-                           wirksamen selektiven Serotonin- und Noradrenalin-Wieder-
binationstherapie mit individuellen Schwerpunkten, die durch                         aufnahmehemmern (SNRI), noradrenerg und spezifisch sero-
die jeweilige Ausgestaltung des Krankheitsbilds determiniert                         tonerger, die α-Rezeptoren blockierender Antidepressiva
werden. Die typische Symptomatik depressiver Störungen ist                           (NaSSA), der Dopamin- und Noradrenalin-Wiederaufnahme-
in Tabelle 1 dargestellt.                                                            hemmer (DNRI) sowie selektiver reversibler MAOI („rever-
                                                                                     sible inhibitors of the monoaminooxidase A“ [RIMA]) war
Grundpfeiler der antidepressiven Therapie sind die Phar-                             ein enormer Fortschritt vor allem bezüglich der Verträglich-
makotherapie, die Psychotherapie und die Soziotherapie.                              keit antidepressiver Pharmakotherapien erreicht. Dies gilt ins-
Während manchmal bei leichteren Depressionen auf eine                                besondere für die Behandlungssicherheit und für medizinisch
Pharmakotherapie verzichtet werden kann, ist dies bei schwe-                         relevante Nebenwirkungen (eine ausführliche Übersicht über
ren Depressionen kaum möglich. Insofern stellte die Ent-                             den aktuellen Stand ist bei [1] zu finden).
deckung antidepressiv wirksamer Substanzen einen Meilen-
stein der Therapie dieser Erkrankungen dar. 1951 wurden                              Obwohl die neueren Antidepressiva vor allem anticholinerge
die antidepressiven Wirkeigenschaften des Monoamino-                                 unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW) weitgehend
oxidasehemmers („monoamine oxidase inhibitor“ [MAOI])                                vermissen lassen, ist eine Reihe möglicher anderer UAW zu
Iproniazid, 1958 des trizyklischen Antidepressivums (tri-                            beachten (Tab. 2). Insbesondere sind bei NARI Tremor, Tachy-
cyclic antidepressant [TCA]) Imipramin beschrieben. Mit der                          kardie und Unruhe zu nennen, bei SSRI Appetitminderung,
Entwicklung der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehem-                              Gewichtsreduktion, Übelkeit, Kopfschmerzen sowie sexuelle
mer (selective serotonin reuptake inhibitor [SSRI]) in den                           Funktionsstörungen. Über letztere UAW wird nur selten ohne
                                                                                     explizites Nachfragen suffizient berichtet. Bei zusätzlich
                                                                                     antihistaminerg wirkenden Antidepressiva, z. B. NaSSA, ist
Eingelangt am 2. Februar 2009; angenommen nach Revision am 29. Mai 2009              an Müdigkeit sowie Gewichtszunahme zu denken [2].
Aus der 1Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Ludwig-Maximilians-Universität
München und der 2 Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und psychosomatische        Ein weiteres Problem bei der Pharmakotherapie der Depres-
Medizin Schloss Werneck, Werneck
Korrespondenzadresse: PD Dr. med. Thomas C. Baghai, Klinik für Psychiatrie und
                                                                                     sion ist die mitunter mehrwöchige Latenz bis zur antidepressi-
Psychotherapie, Ludwig-Maximilians-Universität München, D-80336 München,             ven Wirksamkeit. Dies gilt sowohl für TCA als auch für die
Nußbaumstraße 7; E-Mail: Baghai@med.uni-muenchen.de                                  große Gruppe der neueren Antidepressiva. Die Tatsache, dass

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Antidepressive Pharmakotherapie

beispielsweise während einer Wachtherapie ein deutlicher            Tabelle 1: Symptomatik depressiver Störungen (Mod. nach
antidepressiver Effekt bei zwei Drittel der depressiven Patien-     [1]).
ten bereits am nächsten Tag zu verzeichnen ist [3] sowie Hin-
                                                                    Kategorie                        Symptome
weise für eine antidepressive Wirksamkeit von Ketamin nach
bereits 72 Stunden [4], belegt eindrucksvoll, dass ein Thera-       Affektive Symptome               –   Depressive Verstimmung
pieeffekt bereits innerhalb einer kurzen Zeitspanne, wenn                                            –   Anhedonie
                                                                                                     –   Angst
auch bislang meist nur vorübergehend, erreicht werden kann.         Psychomotorische Störungen       –   Hemmung
Ein weiteres Problem bei der Pharmakotherapie der Depres-                                            –   Agitation
sion ist die Non-Response von ca. 30 % [5]. Häufig wird in                                           –   Energie- und Lustlosigkeit
diesem Fall auf ein Präparat mit einem anderen Wirkprinzip          Denkstörungen, Störungen von     –   Schuldgefühle
                                                                    Konzentration, Merkfähigkeit und –   Wertlosigkeitsgefühle
gewechselt oder eine Augmentationsstrategie, z. B. mit Lithi-       Gedächtnis                       –   Synthymer, kongruenter und
um, durchgeführt. Bei fortbestehendem Nichtansprechen                                                    parathymer, inkongruenter
stellt weiterhin die Elektrokonvulsionstherapie (EKT) das                                                Wahn
                                                                                                     –   Verminderte Konzentrations-
Mittel der Wahl dar [6].                                                                                 fähigkeit
                                                                                                    –    Gedächtnisstörungen
Im Folgenden werden die Grundprinzipien einer antidepressi-         Psychovegetative und somatische –    Schlafstörungen (Schlaflosig-
                                                                    Beschwerden                          keit, morgendliches Früherwa-
ven Pharmakotherapie dargestellt. Zudem wird vergleichend                                                chen)
erläutert, wo Unterschiede und Gemeinsamkeiten verschiede-                                           –   Tagesschwankungen
ner pharmakodynamischer Wirkprinzipien der derzeit erhält-                                           –   Appetit- und Gewichtsverlust
                                                                                                     –   Sexuelle Funktionsstörungen
lichen Antidepressiva hinsichtlich der Wirksamkeit und Ver-                                          –   Obstipation
träglichkeit festgestellt werden können. Ziel ist daher zu er-                                       –   Schmerzsyndrome, veränder-
läutern, welche differenzialtherapeutischen Möglichkeiten                                                tes Schmerzempfinden
                                                                                                     –   Hypertonie
für depressive Patienten derzeit oder in naher Zukunft zur                                           –   Tachykardie
Verfügung stehen.                                                   Somatische Veränderungen         –   Hyperkortisolämie
                                                                                                     –   Schilddrüsenfunktionsstörung
                                                                                                     –   Schlafpolygraphische Verände-
„ Behandlungsziele                                                                                       rungen
                                                                                                     –   Hippokampusatrophie
Traditionell wird die Behandlung depressiver Erkrankungen                                            –   Genetische Risikofaktoren
in die Therapieabschnitte Akuttherapie, Erhaltungstherapie                                           –   Erhöhtes kardiovaskuläres
                                                                                                         Risiko
und Rezidivprophylaxe eingeteilt [7, 8]. Ziel der Behandlung
ist es, nach möglichst kurzer Zeit zunächst ein Ansprechen auf
die Therapie zu erreichen. Dies wird meist durch eine 50%ige       Analysen abgebildet werden, bei denen nach oben genannten
Symptomreduktion definiert, die beispielsweise mittels der         Kriterien Placebo-Verum-Differenzen von ca. 20 % errechnet
„Hamilton Depression Rating Scale“ (HAM-D) [9] oder der            werden können. Dies entspricht einer so genannten NNT
„Montgomery-Åsberg-Depression Rating Scale“ (MADRS)                („number needed to treat“) von 5, d. h. es müssen 5 Patienten
[10] gemessen werden kann. Das klinische Management de-            behandelt werden, damit einer von der Behandlung profitiert
pressiver Erkrankungen geht jedoch weit über diese Kriterien       [15]. Eine solche NNT von 5 wird als mittelstarke bis starke
hinaus. Das Ziel der klinischen Remission wird häufig nicht        Wirksamkeit angesehen und entspricht den diesbezüglichen
einheitlich definiert [11], letztlich ist aber die vollständige    Werten vieler Therapien, die z. B. in der inneren Medizin
Symptomfreiheit ohne Vorliegen der diagnostischen Kriteri-         Standardtherapien sind. Beispielsweise müssen nach einem
en der depressiven Erkrankung das klare Behandlungsziel.           Herzinfarkt 187 Patienten mit Acetylsalicylsäure behandelt
Bei klinischen Prüfungen antidepressiver Behandlungen wird         werden, um einen weiteren Todesfall durch Herzinfarkt zu
eine Annäherung oft dadurch erzielt, dass ein absoluter Sum-       verhindern (NNT = 187) [16].
men-Score, beispielsweise bei der HAM-D-Skala von ≤ 7, er-
reicht oder unterschritten werden soll. Dies gilt als Vorausset-   Aus Sicht der behandelten Patienten bestehen die wichtigsten
zung, mittel- bis langfristig eine vollständige Wiederherstel-     Remissionskriterien in einer Rückkehr zu Optimismus,
lung der prämorbid vorhandenen sozialen und beruflichen            Selbstvertrauen und der prämorbid üblichen Selbsteinschät-
Leistungsfähigkeit zu erreichen. Neben der vollständigen Ge-       zung, die ein normalisiertes Funktionsniveau auf allen Ebe-
sundung ist es das Ziel der antidepressiven Behandlung, wei-       nen einschließt [17]. Besonders wichtig ist dieses Therapie-
tere Krankheitsepisoden zu verhindern und eine zumindest           ziel aber auch deshalb, weil nur nach möglichst vollständiger
ausreichende Lebensqualität zu erhalten [12].                      Remission von einem reduzierten Rückfallrisiko ausgegan-
                                                                   gen werden kann [18, 19].
Die in einer Metaanalyse von Kirsch et al. [13] publizierten
mittleren Placebo-Verum-Differenzen bei SSRI-Therapie von          „ Einleitung einer antidepressiven
insgesamt 2 Punkten auf der HAM-D-Skala entsprechen da-
gegen keineswegs dem individuell erreichbaren Therapieziel,          Pharmakotherapie
sondern verursachen eher eine Verunsicherung der behandel-         Eine erste antidepressive Pharmakotherapie sollte neben einer
ten Patienten, die zu unkalkulierbaren Risiken für die Betrof-     guten klinischen Wirksamkeit, die im Mittel für alle zugelas-
fenen führen kann [14]. Vielmehr kann das individuelle Be-         senen Antidepressiva in gleichem Maße anzunehmen ist [20]
handlungsziel, das häufig durch eine sequenzielle und kombi-       (Ausnahmen, die für spezielle Subgruppen depressiver Pati-
nierte Behandlung erreicht wird, besser durch Responder-           enten gelten, werden in den folgenden Kapiteln genauer erläu-

                                                                                         J NEUROL NEUROCHIR PSYCHIATR 2011; 12 (1)   71
Antidepressive Pharmakotherapie

 Tabelle 2: Ursachen unerwünschter Arzneimittelwirkungen (UAW) (aus [1]).
 Einfluss auf Rezeptoren            Wirkmechanismus der UAW            Typische UAW (Rezeptor)
 oder Neurotransmitter

 M1-Rezeptor                        antimuskarinisch/anticholinerg     –   Mundtrockenheit                        –   Hyperhidrosis
                                                                       –   Akkommodationsstörungen                –   Kognitive Störungen
                                                                       –   Obstipation                            –   Delir
                                                                       –   Miktionsstörungen                      –   Kardiale Arrhythmien
                                                                       –   Verschlechterung eines Engwinkel-
                                                                           glaukoms
 H1-Rezeptor                        antihistaminerg                    – Sedierung                                – Appetitsteigerung
                                                                       – Benommenheit                             – Gewichtszunahme
                                                                       – Tagesmüdigkeit                           – Metabolisches Syndrom
 α1/2-Rezeptor                      antiadrenerg                       – Hypotonie
 NA-Transporter                     Noradrenalin-Wiederaufnahme-       – Tremor                                   – Unruhe
                                    hemmung/noradrenerge Effekte       – Mundtrockenheit                          – Schlafstörungen
                                                                       – Tachykardie                              – Hypertonie
 5-HT-Transporterblockade/          Serotonin-Wiederaufnahme-          –   Kopfschmerz (5-HT1D)                   – Übelkeit (5-HT3)
 5-HT-Rezeptoragonismus             hemmung/serotonerge Effekte        –   Unruhe, Agitation, Akathisie (5-HT2)   – Diarrhö (5-HT4)
                                                                       –   Angst, Panik (5-HT2)                   – Schwindel (5-HT3)
                                                                       –   Verminderter Appetit (5-HT2)           – Serotoninsyndrom
                                                                       –   Gewichtsreduktion (5-HT2)                (alle 5-HT-Rezeptoren)
                                                                       –   Schlafstörungen (5-HT2)                – Emotionslosigkeit (SIADH)1
                                                                       –   Sexuelle Dysfunktion (5-HT2)           – Erhöhtes Blutungsrisiko2
 1   Syndrom der inadäquaten ADH- (antidiuretisches Hormon-) Sekretion (Hyponatriämie und generalisierte epileptische Anfälle möglich).
 2
     Durch verminderte Thrombozytenzahl oder verringerte Thrombozytenaggregation.

tert), besonders gut verträglich sein, um die Therapietreue der            makodynamischen Wirkmechanismen (Blockade des Seroto-
behandelten Patienten zu fördern. Als Mittel der ersten Wahl               nintransporters) und somit die klinische Effektivität sehr ähn-
gelten daher vor allem in Ländern, in denen der ökonomische                lich sind, ergeben sich in der praktischen Anwendung vor
Druck dem nicht entgegensteht, SSRI, NARI, RIMA oder se-                   allem aufgrund der Verschiedenheit der UAW-Spektren, des
lektiv dual wirkende Antidepressiva (SNRI, NaSSA, DNRI).                   Interaktionspotenzials und unterschiedlicher Eliminations-
Allerdings können weiterhin auch diejenigen TCA eingesetzt                 halbwertszeiten klinisch relevante Unterschiede.
werden, die weniger starke anticholinerge und antihistaminer-
ge Eigenschaften besitzen. Die Behandlung mit irreversiblen                Wirksamkeit und Effektstärke von SSRI werden im Vergleich
MAOI sowie antidepressive Augmentations- und Kombina-                      zu anderen Antidepressiva im Allgemeinen ähnlich gesehen
tionsstrategien und die EKT bleiben zunächst schwierig zu                  [23]. Gleiches gilt für den Effektivitätsvergleich zwischen
behandelnden depressiven Störungen mit erhöhter Pharmako-                  verschiedenen SSRI [24]. Ein leichter Vorteil von Escitalo-
therapieresistenz vorbehalten. Lediglich Symptomkomplexe,                  pram gegenüber Citalopram [25–27] und Paroxetin [26], so-
die bei alleiniger Gabe von Antidepressiva zunächst nicht                  wie von dual wirksamen SNRI [28] gegenüber Fluoxetin wur-
rasch genug beeinflussbar sind, wie z. B. Depressionen mit                 den allerdings beschrieben. Im Vergleich zu NaSSA ergaben
psychotischen Symptomen oder mit ausgeprägter Insomnie                     sich widersprüchliche Hinweise, während zunächst ein Vor-
(bei gleichzeitiger Behandlung mit nicht-sedierenden Anti-                 teil angenommen wurde [29], konnte dieser in einer kürzlich
depressiva), erfordern häufig eine entsprechende Begleit-                  veröffentlichten Metaanalyse lediglich nominell bestätigt
behandlung z. B. mit Neuroleptika oder Hypnotika.                          werden, ein statistisch signifikanter Unterschied ergab sich
                                                                           jedoch nicht [30]. Escitalopram war in einer Metaanalyse im
Im Folgenden werden die in Europa derzeit verfügbaren Anti-                Vergleich zu anderen SSRI (Citalopram, Fluoxetin, Sertralin)
depressiva kurz vorgestellt (Tab. 3). Die Wirksamkeitsdaten                und dem SNRI Venlafaxin hinsichtlich der Ansprechge-
beziehen sich meist auf randomisierte kontrollierte Studien                schwindigkeit von Vorteil [31]. Bei Subgruppen stationär be-
(„randomized controlled trial“ [RCT]), die an Erwachsenen                  handelter depressiver Patienten und besonders schwer kran-
im Alter zwischen 18 und 65 Jahren durchgeführt wurden.                    ker Patienten ergaben sich allerdings Vorteile von TCA, vor
Aus historischen Gründen wird eine gemischte Klassifikation                allem Amitriptylin im Vergleich zu SSRI [32, 33].
nach Wirkmechanismen und chemischer Struktur beibehal-
ten, die medizinisch sinnvolle Einteilung nach Wirkmecha-                  Vergleicht man SSRI hinsichtlich anderer klinisch rele-
nismen wird jedoch betont. Aktuelle Leitlinien in deutscher                vanter Parameter, so sind besonders Citalopram [34],
und englischer Sprache sind bei Bauer et al. [21, 22] zu fin-              Escitalopram [35] und Sertralin [36] aufgrund ihrer hohen
den.                                                                       Selektivität und des geringen Interaktionspotenzials her-
                                                                           vorzuheben. Eine besonders gute Wirksamkeit gerade bei
Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer                                   ängstlich gefärbten depressiven Syndromen wurde für
(SSRI)                                                                     Escitalopram [35], Paroxetin [37] und Fluvoxamin [38]
Zurzeit sind in Europa 6 SSRI zur Behandlung depressiver                   beschrieben, während für Fluoxetin [39] und Sertralin
Erkrankungen zugelassen: Citalopram, Escitalopram, Fluoxe-                 [36] besonders gute Behandlungserfolge bei atypischen
tin, Fluvoxamin, Paroxetin und Sertralin. Obwohl die phar-                 Depressionen publiziert wurden.

72      J NEUROL NEUROCHIR PSYCHIATR 2011; 12 (1)
Antidepressive Pharmakotherapie

 Tabelle 3: Dosierungsempfehlung für Antidepressiva (aus [1]).
 Wirkstoff                     Dosisempfehlung des Herstellers              Wirkstoff                   Dosisempfehlung des Herstellers

                               Startdosis     Erhaltungstherapie                                        Startdosis      Erhaltungstherapie
                                  (mg)             (mg/Tag)                                               (mg)               (mg/Tag)

 Agomelatin                      25                 25–50                   Mianserin                       30                  60–120
 Amitriptylin                    25–75              150–300                 Milnacipran1                    50                  100–200
 Amitriptylinoxid                30–60              180–300                 Mirtazapin                      15                  30–45
 Amoxapin1                       50                 100–400                 Moclobemid                      150–300             300–600
 Bupropion                       100                200–300                 Nefazodon1                      100                 300–600
 Citalopram                      20                 20–60                   Nortriptylin                    25–50               75–300
 Clomipramin                     25–50              100–250                 Paroxetin                       20                  20–60
 Desipramin                      25–75              100–300                 Phenelzin1                      15                  30–90
 Dibenzepin1                     120–180            240–720                 Protriptylin1                   10                  20–60
 Dosulepin/Dothiepin             75                 75–150                  Reboxetin                       4                   8–12
 Doxepin                         25–75              150–300                 Selegilin1 oral                 30                  30–60
 Duloxetin                       60                 60–120                              transdermal         6                   6–12
 Escitalopram                    5–10               10–20                   Sertralin                       50                  50–200
 Fluoxetin                       20                 20–80                   Tianeptin1                      37,5                37,5
 Fluvoxamin                      50–100             100–300                 Tranylcypromin                  10                  20–40
 Imipramin                       25–75              150–300                 Trazodon                        50–100              200–600
 Isocarboxacid1                  20                 20–60                   Trimipramin                     25–50               150–400
 Lofepramin1                     70                 140–210                 Venlafaxin                      75                  75–375
 Maprotilin                      25–75              150–225                 Viloxazin1                      100                 200–500
 Melitracen1                     20                 20–30
 1
     Derzeit in vielen Ländern Europas noch nicht oder nicht mehr zur Behandlung depressiver Störungen zugelassen bzw. erhältlich.

Fluoxetin und sein pharmakologisch aktiver Metabolit zeich-              rend ihre Effektivität bei atypischen und eher antriebsarmen
net sich durch eine Eliminationshalbwertszeit von mehr als               Depressionen besser ist. SSRI sind im Vergleich zu älteren
300 Stunden [39] im Vergleich zu 15–30 Stunden bei anderen               trizyklischen Präparaten also deutlich besser verträglich ge-
SSRI [40] aus. Dies kann aufgrund des Ausbleibens von Ab-                genüber anderen neueren Präparaten (SNRI, NaSSA, RIMA),
setzeffekten nach (zu) schneller Dosisreduktion oder durch               es sind, erneut mit Ausnahme von Escitalopram, keine
die Möglichkeit der Gabe nur 1× pro Woche [39] im Sinne                  wesentlichen Unterschiede erkennbar [23]. Absetzeffekte
eines „antidepressiven Depotpräparats“ von Vorteil sein,                 sind vor allem nach zu raschem Absetzen des ältesten SSRI
schränkt jedoch die Verwendung aufgrund einer schlechteren               Paroxetin zu erwarten [44]. Hinsichtlich der Sicherheit erge-
Steuerbarkeit und einer auch nach dem Absetzen wochenlang                ben sich aufgrund der geringeren kardiovaskulären Toxizität
bestehenden Interaktionsgefahr (z. B. bei dem Wunsch, eine               deutliche Vorteile sowohl gegenüber den TCA [45] als auch
dann kontraindizierte MAOI-Therapie einzusetzen) deutlich                gegenüber SNRI [46].
ein. Zu beachten ist auch, dass bei einer Behandlung mit
Paroxetin milde anticholinerge Effekte mit deutlich höherer              Selektive Noradrenalin-Wiederaufnahme-
Wahrscheinlichkeit als bei den selektiveren anderen SSRI                 hemmer (NARI)
auftreten können [37].                                                   Bislang ist Reboxetin der einzige NARI, der in Europa zur
                                                                         Behandlung depressiver Erkrankungen zugelassen ist (andere
Das Profil serotonerger UAW [41] umfasst gastrointestinale               Substanzen mit ähnlichem Wirkmechanismus wurden entwe-
Störungen (Übelkeit, Erbrechen, Diarrhö), Unruhe und Agita-              der in der Entwicklung gestoppt oder erhielten die Indikation
tion, Schlafstörungen, Benommenheit und Kopfschmerzen.                   zur Behandlung anderer Erkrankungen). Im Vergleich zu an-
Vor allem bei Langzeittherapie kann es nicht selten zu sexu-             deren Antidepressiva wurde Reboxetin als ähnlich gut wirk-
ellen Funktionsstörungen (Libidominderung, Anorgasmie,                   sam beschrieben. Ein Vergleich mit dem TCA Imipramin er-
erektile Dysfunktion, verzögerte Ejakulation) kommen. Des-               gab keinen Unterschied [47], bei Vergleich mit dem SSRI
orientierung, Unruhe und Myoklonien können zusammen mit                  Sertralin ergab sich ebenfalls kein unterschiedliches Anspre-
Hyperreflexie und Tremor auf ein potenziell lebensbedroh-                chen auf die Therapie [48]. In dieser Studie konnten lediglich
liches Serotonin-Syndrom, das mit höherer Wahrscheinlich-                hinsichtlich der Remissionsraten Vorteile von Reboxetin fest-
keit bei Überdosierung oder Interaktionen auftritt, hinweisen            gestellt werden. Bei generell gleich guter Wirkung konnten
[42].                                                                    bei einer Subgruppe schwer depressiver Patienten Vorteile von
                                                                         Reboxetin im Vergleich zu Fluoxetin detektiert werden [49],
Zusammenfassend kann man den meisten SSRI mit Ausnah-                    gleiches galt für Patienten mit antriebsarm-depressiven Syn-
me von Escitalopram [43] eine leichte Unterlegenheit gegen-              dromen nach Schlaganfall im Vergleich zu Citalopram [50].
über dual wirkenden Antidepressiva bei schweren Depressio-               Hingegen fanden sich bei Depressionen mit melancholischen
nen, die häufig stationär behandelt werden, attestieren, wäh-            Symptomen Vorteile von TCA gegenüber dem NARI [51].

                                                                                                J NEUROL NEUROCHIR PSYCHIATR 2011; 12 (1)   73
Antidepressive Pharmakotherapie

Das Sicherheits- und Verträglichkeitsprofil von Reboxetin ist    satz von Duloxetin geringer zu sein [55], allerdings wurden
bislang in allen Studien gut [52] und vor allem den TCA ge-      auch hier mehr UAW als bei einer Paroxetin-Behandlung
genüber überlegen. Im Vergleich zu SSRI wird bei NARI-           registriert [63].
Therapie seltener über sexuelle Funktionsstörungen [53] so-
wie seltener über Nervosität, Ängstlichkeit und gastrointesti-   Typische UAW von SNRI sind (vor allem bei Gabe unretar-
nale Störungen berichtet [51]. Typische UAW nach Gabe von        dierter Präparate [70] und höheren Dosierungen [71]) gastro-
Reboxetin sind hingegen Unruhe, Schlafstörungen und ver-         intestinale Störungen, sexuelle Funktionsstörungen, Blut-
mehrtes Schwitzen. Selten können Tachykardie, Mundtro-           drucksteigerungen durch noradrenerge Effekte und Absetz-
ckenheit, Blutdrucksteigerung und Gewichtsverlust auftreten.     effekte bei zu raschem Therapieabbruch. Die Toxizität von
Trotz des Fehlens anticholinerger Effekte können durch           Venlafaxin bei Überdosierung liegt, wie bereits beschrieben,
α-Rezeptor-agonistische Effekte Miktionsstörungen auftre-        zwischen der von TCAs und SSRIs [46].
ten. In diesem Fall kann die Gabe des α1A-Rezeptorantago-
nisten Tamsulosin hilfreich sein.                                Zusammenfassend bereichern SNRI das zur Verfügung ste-
                                                                 hende Pharmakotherapiespektrum wesentlich und werden in
Reboxetin erweitert das Spektrum der verfügbaren Anti-           der klinischen Routine auch häufig bei Pharmakotherapie-
depressiva um die Möglichkeit, eine sehr selektive und damit     resistenz nach Gabe von selektiven Substanzen mit nur einem
gut verträgliche Therapie ohne große Interaktionsgefahr          Wirkmechanismus eingesetzt. Die Verträglichkeit ist dabei
durchzuführen, die zudem antriebsfördernde Eigenschaften         insgesamt sehr gut, die Sicherheit ausreichend.
ohne Sedierung und Appetitsteigerung aufweist.
                                                                 Noradrenerge und spezifisch serotonerge Anti-
Selektive Noradrenalin- und Serotonin-                           depressiva (NaSSA) – α -Rezeptor-blockierende
Wiederaufnahmehemmer (SNRI)                                      tetrazyklische Antidepressiva
Die erste Gruppe in der Reihe der dual wirkenden selektiven      Vor allem das neuere Mirtazapin verstärkt aufgrund einer
Monoamin-Wiederaufnahmehemmer stellen die SNRI dar. In           α2-adrenergen Blockade von Auto- und Heterorezeptoren die
Europa sind Venlafaxin und Duloxetin zur Behandlung              Serotonin- und Noradrenalinfreisetzung. Eine zusätzliche
depressiver Störungen zugelassen. Obwohl für Duloxetin im        serotonerge Wirkung resultiert aus der synergistisch wirken-
Vergleich zu Venlafaxin eine stärkere Blockade des Seroto-       den Noradrenalinfreisetzung, die eine erhöhte Feuerrate sero-
nin- und Noradrenalintransporters beschrieben wurde [54]         tonerger Raphé-Zellen durch Stimulation von α1-Adreno-
(für den Serotonintransporter gilt dies vor allem im niedrige-   rezeptoren an serotonergen Zellkörpern verursacht. Zudem
ren Dosisbereich), wurde eine ähnliche klinische Effektivität    wird diese Erhöhung durch die gleichzeitige Blockade von
für alle SNRI (einschließlich Milnacipran, für das eine Zulas-   α2-adrenergen Heterorezeptoren an serotonergen Nerven-
sung im deutschsprachigen Raum lediglich in Österreich, je-      endigungen unterstützt, die ansonsten der verstärkten Feuer-
doch nicht in Deutschland und in der Schweiz vorliegt) postu-    rate entgegenwirken würde [72]. Bei Mianserin wirkt dage-
liert [55], auch nach Metaanalysen wurden für beide Substan-     gen der α1-antagonistische Effekt dem α2-antagonistischen
zen gleiche Ansprechraten publiziert [56].                       Effekt eher entgegen. Beide Präparate besitzen eine hohe
                                                                 Affinität zu histaminergen H1-Rezeptoren, dies unterstützt
Für Venlafaxin wurden im Vergleich zu den SSRI Sertralin         sowohl die sedierenden und schlaffördernden als auch die
[57] und Fluoxetin [58] vergleichbare Ansprechraten gefun-       appetitanregenden Eigenschaften beider Substanzen.
den. Bei direktem Vergleich mit Escitalopram wurden z. T.
widersprüchliche Ergebnisse publiziert [59, 60]. In Meta-        Mirtazapin und Mianserin werden als mindestens genauso
analysen konnte dagegen im Vergleich zu Fluoxetin oder           wirksam wie TCA beschrieben [73, 74] und haben gegenüber
Paroxetin vor allem bei Berücksichtigung der Remissions-         anderen modernen Antidepressiva einige Vor- [75], aber auch
raten ein Vorteil von Venlafaxin gefunden werden [28, 55,        Nachteile. Zusätzlich zu den antidepressiven Effekten wird
61]. Für Duloxetin gilt Ähnliches, sowohl eine Überlegenheit     eine günstige Wirkung auf Schlafstörungen beschrieben [76],
gegenüber Paroxetin [62] als auch eine gleich gute Wirksam-      zudem berichtet neben einigen retrospektiven Studien auch
keit im Vergleich zu Paroxetin [63] und Escitalopram [64]        eine prospektive, randomisierte, kontrollierte Studie von
wurden publiziert. Im Vergleich zu TCA (Milnacipran vs.          einem schnelleren Ansprechen auf die Therapie im Vergleich
Imipramin) [65] und NaSSA (Venlafaxin vs. Mirtazapin) [66]       zum SSRI Paroxetin [77]. Auch gegenüber Fluoxetin konnte
konnten keine signifikanten Effektivitätsunterschiede gefun-     eine bessere Reduktion depressiver Symptome beobachtet
den werden. Hervorzuheben ist neben der antidepressiven          werden [78]. Im Vergleich zu NARI oder SNRI konnte hinge-
Wirksamkeit eine signifikante Reduktion von Schmerzsyn-          gen kein Vorteil hinsichtlich eines schnelleren Ansprechens
dromen bei Einsatz von SNRI [67, 68], dies gilt insbesondere     gefunden werden [79, 80].
für Duloxetin, das auch bei der Behandlung von Schmerzsyn-
dromen unabhängig von depressiven Erkrankungen, z. B. bei        Die Verträglichkeit von NaSSA wird deutlich besser als
der diabetischen Polyneuropathie, wirksam war [69].              die von TCA eingeschätzt [81], die Sicherheit wird der von
                                                                 SSRI gleichgesetzt [80]. Typische serotonerge UAW wie
Im Vergleich zu TCA wurde ein deutlich günstigeres Spek-         z. B. sexuelle Funktionsstörungen und gastrointestinale Stö-
trum an möglichen UAW für SNRI beschrieben [55], aller-          rungen sind nach Gabe von Mirtazapin seltener zu beobachten
dings konnte im Vergleich zum SSRI Sertralin für Venlafaxin      [82], dies beruht wahrscheinlich auf den 5-HT2- und 5-HT3-
ein höheres Risiko für Absetzeffekte und Blutdrucksteige-        Rezeptor-blockierenden Eigenschaften. Die häufigsten UAW
rung gezeigt werden [57]. Das UAW-Risiko scheint bei Ein-        entstehen dagegen durch antihistaminerge Eigenschaften der

74   J NEUROL NEUROCHIR PSYCHIATR 2011; 12 (1)
Antidepressive Pharmakotherapie

NaSSA, in erster Linie sind initiale Benommenheit und Sedie-        des geringeren Risikos für sexuelle Funktionsstörungen. Bei
rung sowie eine Appetitsteigerung mit konsekutiver Ge-              bipolarer Depression ist der Einsatz von DNRI aufgrund des
wichtszunahme zu nennen [81]. Die Gefahr einer im weiteren          geringeren Switch-Risikos, vor allem im Vergleich zu ande-
Verlauf deutlichen Gewichtszunahme kann bei einigen Pati-           ren dual wirkenden Antidepressiva, von besonderem Vorteil.
enten durch das Frühsymptom massiver Heißhungerattacken             Ein im Vergleich zu anderen Antidepressiva höheres Risiko,
in den ersten Behandlungstagen rechtzeitig erkannt werden.          epileptische Anfälle auszulösen muss vor allem bei Über-
Vor allem für Mirtazapin kann die Entwicklung oder Verstär-         dosierungen, aber auch bei prädisponierenden Begleiterkran-
kung eines Restless-Legs-Syndroms (RLS) eine relativ häufi-         kungen beachtet werden.
ge UAW sein [83]. Als sehr seltene, aber potenziell lebens-
bedrohliche UAW ist für beide Präparate die Verstärkung             Unselektive Serotonin- und Noradrenalin-
oder Auslösung einer Neutropenie [84] und für Mianserin die         Wiederaufnahmehemmer, tri- und tetra-
Gefahr einer Agranulozytose zu beachten [85].                       zyklische Antidepressiva (TCA)
                                                                    Tri- und tetrazyklische Antidepressiva können anhand ihrer
NaSSA erweitern das Spektrum dual wirkender Antidepres-             pharmakodynamischen Wirkprinzipien in Substanzgruppen
siva bei sehr guter Wirksamkeit vor allem auch bei depres-          eingeteilt werden, welche überwiegend, aber nicht selektiv,
sionsassoziierten Schlafstörungen. Das Sicherheits- und Ver-        die monoaminerge Neurotransmission durch Wiederaufnah-
träglichkeitsprofil ist dabei deutlich besser als bei den meisten   mehemmung verstärken. Während Clomipramin überwie-
TCA, wobei metabolische Veränderungen oder eine RLS-                gend serotonerg, Maprotilin überwiegend noradrenerg und
Symptomatik die Therapietreue beeinflussen können.                  Trimipramin überwiegend dopaminerg wirkt, entfalten die
                                                                    übrigen TCA (Amitriptylin, -oxid, Desipramin, Dosulepin,
Dopamin- und Noradrenalin-Wiederaufnahme-                           Doxepin, Imipramin, Nortriptylin, Protriptylin) ihre Wirkung
hemmer (DNRI)                                                       durch kombinierte serotonerge und noradrenerge Effekte.
Bupropion ist das einzige derzeit erhältliche dual wirkende         Tianeptin wird hingegen als modifiziertes Trizyklikum be-
Antidepressivum, das die noradrenerge und dopaminerge               zeichnet, das adaptive Veränderungen kortikaler Serotonin-
Neurotransmission vor allem durch eine selektive Wiederauf-         transporter induziert [99] und die antidepressive Wirkung
nahmehemmung beider Monoamine aus dem synaptischen                  über eine Modulation des glutamatergen Systems [100] und
Spalt verstärkt [86]. Es ist damit neben dem NARI Reboxetin         über neuroprotektive Effekte entfalten könnte [100].
eines der wenigen Antidepressiva ohne Wirkung auf das zen-
tralnervöse Serotoninsystem [87].                                   TCA können meist unabhängig vom Subtyp depressiver Er-
                                                                    krankungen eingesetzt werden. Eine im Vergleich zu SSRI
Die antidepressive Wirksamkeit von Bupropion war in Ver-            bessere Wirkung von TCA wurde bei besonders schweren
gleichsstudien nicht verschieden von der Wirkung der SSRI           Depressionen und bei hospitalisierten Patienten beschrieben
Sertralin [88], Fluoxetin [89] und Paroxetin [90], dem SNRI         [32, 33]. Für Tianeptin wurde lediglich in einer Studie eine
Venlafaxin [91] sowie der TCA Doxepin [92], Amitriptylin            Unterlegenheit gegenüber Fluoxetin erwähnt [101], während
[93] und Imipramin [91]. Da bei Behandlung mit Bupropion            alle anderen RCT eine den SSRI vergleichbare Effektivität
eine sedierende Wirkkomponente fehlt, zeigte sich allerdings        belegten [102]. Eine deutlich schwächere Evidenz liegt hin-
beim direkten Vergleich mit TCA eine deutlichere Verbesse-          gegen für die beschriebene bessere Wirksamkeit von TCA in
rung von Schlafparametern nach Gabe von Doxepin [92].               höherem Alter [103] oder die besonders gute Wirksamkeit
Aufgrund eines möglicherweise geringeren Risikos der                antriebssteigernder TCA wie z. B. Clomipramin und Desipra-
Induktion einer Manie oder Hypomanie („Switch-Risiko“)              min bei gehemmten Depressionen [104] vor. Aufgrund der
[94] wird Bupropion trotz des dualen Wirkmechanismus zur            guten Beeinflussbarkeit chronischer neuropathischer Schmerz-
Behandlung bipolarer Depressionen empfohlen [95].                   syndrome durch TCA (klassischer Vertreter ist hier vor allem
                                                                    Amitriptylin [105]) haben TCA, die sowohl auf die sero-
Hinsichtlich der Verträglichkeit ergeben sich durch das Feh-        tonerge als auch auf die noradrenerge Neurotransmission wir-
len anticholinerger und antihistaminerger Effekte Vorteile          ken, ihren besonderen Stellenwert in der Behandlung von De-
von Bupropion im Vergleich zu TCA [92], durch das Fehlen            pressionen mit komorbiden Schmerzsyndromen. Allerdings
serotonerger Wirkungen konnte eine niedrigere Rate an gas-          konnte bei diesen Krankheitsbildern eine ebenso gute Wirk-
trointestinalen Beschwerden und an sexuellen Funktionsstö-          samkeit von NaSSA [106] und SNRI [107] gezeigt werden.
rungen im Vergleich zu den SSRI Sertralin [88] und Fluoxetin        Bei der Behandlung atypischer Depressionen, die durch
[89] registriert werden. Obwohl die Induktion generalisierter       Appetitsteigerung, Hypersomnie, die so genannte „bleierne
zerebraler Krampfanfälle durch Bupropion ein eher seltenes          Schwere in Armen oder Beinen“ und eine seit Langem beste-
Ereignis darstellt [96], muss dieser möglichen UAW bei zu-          hende (und nicht nur auf Episoden der affektiven Störung be-
sätzlichen Risikofaktoren wie Alkoholentzug oder Elektro-           schränkte) Überempfindlichkeit gegenüber Zurückweisun-
lytstörungen bei Anorexie oder Bulimie [97], bei Patienten          gen, die zu deutlichen sozialen oder beruflichen Beeinträchti-
mit vorbekannter Epilepsie sowie vor allem nach Überdosie-          gungen führt, charakterisiert sind, scheinen TCA im Ver-
rungen [98] besondere Beachtung geschenkt werden.                   gleich zu MAO-Hemmern und SSRI hingegen eher eine un-
                                                                    terlegene pharmakotherapeutische Option darzustellen [108].
Dopamin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer erwei-
tern das Spektrum dual wirkender, antriebsfördernder Anti-          Bei den meisten TCA stellen anticholinerge (Mundtrocken-
depressiva bei günstigem Profil vor allem hinsichtlich des          heit, Akkomodationsstörungen, Obstipation, Miktionsstörun-
Fehlens sedierender und appetitfördernder Wirkungen sowie           gen bei Prostatahypertrophie, Erhöhung des Augeninnen-

                                                                                        J NEUROL NEUROCHIR PSYCHIATR 2011; 12 (1)   75
Antidepressive Pharmakotherapie

drucks bei Engwinkelglaukom) und antihistaminerge (Mü-          ren Depressionen angehoben werden kann [116]. Im Ver-
digkeit, Benommenheit, Appetitsteigerung, metabolisches         gleich zu SSRI und TCA werden keine Wirksamkeitsunter-
Syndrom) UAW Einschränkungen dar, die sich auf die Behand-      schiede angenommen. Der MAOBI Selegilin wird in Europa
lungssicherheit, Compliance und Therapietreue auswirken         bei oraler Gabe zur Behandlung des Mb. Parkinson eingesetzt.
[1]. Ebenso muss eine mögliche Erhöhung des Switch-Risi-        Signifikante antidepressive Effekte des transdermalen Sys-
kos bei bipolaren Depressionen berücksichtigt werden [109].     tems konnten belegt werden, in der niedrigsten wirksamen
Zudem ist die Toxizität von TCA im Vergleich zu moderneren      Dosierung von 6 mg/24 h sind keine dietätischen Maßnahmen
Antidepressiva höher, dies gilt im Besonderen für die erhöhte   erforderlich [117].
Kardiotoxizität bei Überdosierungen mit QTc-Zeit-Verlänge-
rung beispielsweise im Zusammenhang mit suizidalem Verhal-      Trotz der guten Wirksamkeit werden irreversible MAOI auf-
ten [110], wobei sich einige TCA, beispielsweise Tianeptin      grund ihres Potenzials für schwere UAW, wie z. B. hypertone
[111] oder Desipramin, durch deutlich schwächere anticho-       Krisen bei Diätfehlern mit tyraminreicher Nahrung oder Gabe
linerge und kardiotoxische UAW auszeichnen.                     sympathomimetischer Medikation, heute als Therapieoption
                                                                der 2. Wahl betrachtet [118]. Gleiches gilt für Ultra-Hoch-
Seit Entdeckung von Imipramin waren TCA weltweit die pri-       dosisstrategien bei schwer zu behandelnden Depressionen
märe Option für antidepressive Pharmakotherapien und noch       [119]. Ohne Diätfehler sind nicht selten eher hypotone Kreis-
heute ist Amitriptylin das einzige Antidepressivum, das in      laufreaktionen zu beobachten, bei Hochdosistherapie sowie
der Liste der essenziellen Pharmaka der Weltgesundheits-        nach abruptem Absetzen kann ein Delir auftreten. Es wurde
organisation (WHO) geführt wird. Nach Einführung von se-        diskutiert, ob Absetzeffekte sowie Symptome einer Substanz-
lektiveren und daher meist besser verträglichen modernen        abhängigkeit möglicherweise durch dopaminerge Effekte von
Antidepressiva haben TCA ihren Status als Therapieoption        Tranylcypromin sowie amphetaminartige Effekte der Abbau-
der ersten Wahl zumindest in den meisten Industrienationen      produkte entstehen [120]. Aufgrund der Gefahr eines Seroto-
verloren. Nichtsdestoweniger repräsentieren sie gerade bei      ninsyndroms dürfen MAOI nicht mit anderen serotonerg wir-
schwierig zu behandelnden, so genannten „therapieresisten-      kenden Substanzen kombiniert werden. Bei irreversiblen
ten“ Depressionen weiterhin eine bislang nicht vollständig      MAOI ist bei Therapieumstellungen eine definierte Wartezeit
ersetzbare Behandlungsmöglichkeit, die bei Beachtung der        einzuhalten. Bei Umstellungen von serotonergen Antidepres-
genannten Kontraindikationen auch ausreichend verträglich       siva auf Tranylcypromin sollte ein Abstand von 5 Halbwerts-
und relativ sicher ist.                                         zeiten, d. h. meist ca. 5–7 Tagen eingehalten werden (ledig-
                                                                lich bei vorherigem Einsatz von Fluoxetin sollte der Abstand
Monoaminooxidasehemmer (MAOI, RIMA,                             auf mindestens 5 Wochen ausgedehnt werden), bei umgekehr-
MAOBI)                                                          ter Reihenfolge sollte ein Abstand von 14 Tagen eingehalten
Derzeit werden 3 verschiedene Subtypen von Monoamino-           werden [1]. Bei Einsatz eines RIMA kann ein solcher Abstand
oxidasehemmern in der Therapie depressiver Erkrankungen         aufgrund der kürzeren Wirkung auf 3 Tage reduziert werden
eingesetzt. Zu den unselektiven und irreversiblen MAO-          [1]. Bei Einsatz von RIMA muss bei üblichen Dosierungen
Hemmern gehört Tranylcypromin, für das aufgrund der irre-       keine Diät eingehalten werden, bei Hochdosistherapie
versiblen Enzymhemmung im zentralen Nervensystem von            > 900 mg/d können Interaktionen mit tyraminreicher Nah-
bis zu 2 Wochen spezielle Sicherheitsabstände bei Einsatz vor   rung allerdings wieder klinische Relevanz erlangen [121].
anderen Antidepressiva und spezifische Diätrichtlinien gelten   Ebenso muss auf mögliche Interaktionen mit anderen sero-
(s. u.). Nach serotonergen Antidepressiva muss entsprechend     tonergen Substanzen bis hin zum Serotoninsyndrom geachtet
der Halbwertszeit dieser Substanzen zur Vermeidung der          werden [122]. Ebenso muss bei Verordnung von Selegilin
Gefahr eines Serotoninsyndroms ebenfalls ein Sicherheits-       (transdermales Applikationssystem) von 9 oder 12 mg/d eine
abstand eingehalten werden. Aufgrund der selektiven und re-     tyraminarme Diät eingehalten werden.
versiblen MAO-Hemmung durch Moclobemid ist bei Einsatz
dieses Präparats im üblichen Dosisbereich keine Diät erfor-     Irreversible MAOI bereichern das Spektrum therapeutischer
derlich. Gleiches gilt für den MAO-B-Hemmer Selegilin bei       Möglichkeiten gerade bei schwierig zu behandelnden Depres-
transdermaler Anwendung im niedrigen Dosisbereich, der          sionen, werden aber aufgrund des Potenzials schwerer UAW
allerdings in Europa bislang noch nicht zur Behandlung de-      nur als Therapie der 2. Wahl eingesetzt. RIMA und MAOBI
pressiver Erkrankungen zugelassen ist.                          stellen eine sehr gut verträgliche, aber im klinischen Alltag
                                                                nicht ganz so wirksame Therapiealternative dar.
Für irreversible MAOI wird ein den TCA vergleichbares
Wirksamkeitsprofil berichtet, das allerdings überwiegend an     Melatoninagonist und selektiver 5-HT2c-Anta-
ambulanten Patienten untersucht wurde [112]. Im Vergleich       gonist
zur SNRI/NaSSA-Kombinationstherapie mit Venlafaxin und          Im Gegensatz zu reinen Melatoninagonisten wurde für
Mirtazapin konnte kein signifikanter Unterschied hinsichtlich   Agomelatin, welches das neue Therapieprinzip des MT1-
der Wirksamkeit gezeigt werden [113]. Zumindest in retro-       und MT2-Melatonin-Rezeptoragonisten bei gleichzeitigem
spektiven Studien wurde eine gute Effektivität gerade bei       selektiven 5-HT2c-Serotoninantagonismus repräsentiert,
therapieresistenten depressiven Erkrankungen [114] und bei      eine gute antidepressive Wirksamkeit belegt [123]. Zudem
antriebsarmen [115] und atypischen [108] Depressionen be-       konnte ohne direkt sedierende Wirkkomponente sowie ohne
richtet. Für den RIMA Moclobemid wird in einer Metaana-         Unterdrückung des REM- (rapid eye movement-) Schlafs
lyse eine im Vergleich zu Tranylcypromin etwas niedrigere       eine gute Wirkung auf Schlafstörungen beobachtet werden
Effektstärke berichtet, die durch Dosissteigerung bei schwe-    [124, 125].

76   J NEUROL NEUROCHIR PSYCHIATR 2011; 12 (1)
Antidepressive Pharmakotherapie

Im Vergleich zum SSRI Paroxetin [126] sowie zum SNRI              „ Antidepressive Pharmakotherapie bei
Venlafaxin [127] zeigte Agomelatin eine vergleichbare gute          Jugendlichen
antidepressive Wirksamkeit bei gleich hohen Remissions-
raten.                                                            Das klinische Bild eines depressiven Syndroms zeichnet sich
                                                                  bei Kindern und Jugendlichen häufig durch Verhaltensauffäl-
Verträglichkeitsuntersuchungen zeigten dabei dosisabhängig        ligkeiten und psychosoziale Schwierigkeiten anstelle der
UAW, die im Mittel nicht häufiger als bei Placebogabe auftra-     klassischen affektiven Symptome aus. Die wissenschaftliche
ten [126]. Insbesondere fanden sich im Vergleich zum SNRI         Evidenz für die Wirksamkeit und Verträglichkeit von Anti-
Venlafaxin weniger häufig sexuelle Funktionsstörungen             depressiva ist bei dieser Altersgruppe aufgrund der aktuellen
[127] sowie im Vergleich zu dem SSRI Paroxetin ein geringe-       Studienlage im Vergleich zu Erwachsenen weniger gut fun-
res Risiko für Absetzeffekte [128].                               diert. Mitte der 1980er-Jahre wurde eine erste, gut konzipierte
                                                                  kontrollierte Studie mit TCA bei Jugendlichen durchgeführt
Eine Zulassungsempfehlung des zuständigen Ausschusses             [142], eine gute antidepressive Wirksamkeit wurde jedoch
der europäischen Zulassungsbehörde EMEA wurde bereits             nicht belegt. Metaanalytisch konnte hingegen eine signifikan-
2008 publiziert [129], die Zulassung durch die EMEA er-           te antidepressive Wirkung von TCA bei kleiner Effektstärke
folgte Anfang 2009. Das Präparat ist in Deutschland seit April    gezeigt werden [143]. Seitdem wurde vor allem der Einsatz
2009 erhältlich, in Österreich ist es aktuell (Juli 2009) eben-   von SSRI bei Kindern und Jugendlichen untersucht. Eine bes-
falls verfügbar.                                                  sere antidepressive Wirkung als bei Placebobehandlung wur-
                                                                  de erstmals für Fluoxetin belegt [144]. Später konnte auch
Aufgrund der besonders guten Verträglichkeit und des neuen        eine signifikante Wirksamkeit von Paroxetin [145] und
pharmakodynamischen Wirkprinzips stellt Agomelatin eine           Citalopram [146] und von Escitalopram [147] bei Jugendli-
wesentliche Bereicherung des therapeutischen Spektrums dar.       chen gezeigt werden. Zu den genannten SSRI wurden aller-
Insbesondere die kurz- bis mittelfristig schlaffördernde Wir-     dings auch Negativbefunde publiziert, gleiches gilt für Venla-
kung ohne sedierende und appetitsteigernde Effekte würde es       faxin und Mirtazapin. Andere Substanzen wie z. B. MAOI
zu einer klinisch sehr interessanten Behandlungsalternative       und der DNRI Bupropion wurden bislang bei Jugendlichen
machen.                                                           nicht untersucht.

Pflanzliche Präparate: Hypericum perforatum                       Bei Jugendlichen besteht die bislang robusteste Evidenz für
Obwohl pflanzliche Präparate im Einsatz gegen depressive          den wirkungsvollen Einsatz von Fluoxetin. Für neuere Anti-
Erkrankungen weit verbreitet sind, ist eine antidepressive        depressiva sollten zunächst weitere kontrollierte Studien
Wirksamkeit lediglich für Johanniskraut (Hypericum perfo-         abgewartet werden, um zu einer validen abschließenden Beur-
ratum) belegt. Als Wirkmechanismen wurden zunächst vor            teilung zu kommen. Unabhängig von den bisherigen Studien-
allem serotonerge Mechanismen analog den SSRI und den             ergebnissen gilt, dass sorgfältiges und engmaschiges Thera-
MAOI diskutiert [130, 131]. Untersuchungen der vergange-          piemonitoring sowie eine besonders gute Psychoedukation
nen Jahre zeigten allerdings, dass Hyperforin durch die Be-       von Patienten und Familien erforderlich sind.
einflussung von Natrium-Ionen Kanälen nicht nur Eigen-
schaften eines Serotonin-, Noradrenalin- und Dopamin-             „ Besonderheiten der antidepressiven
wiederaufnahmehemmers besitzt, sondern seine antidepres-
sive Wirkung möglicherweise über neurotrophe Effekte ent-           Pharmakotherapie bei älteren Patienten
faltet [132, 133].                                                Bei älteren Patienten ist eine adäquate Therapie depressiver
                                                                  Erkrankungen besonders wichtig, da sie häufig vorkommen,
In ausreichend hoher Dosierung, d. h. bei ausreichendem           häufig einen rezidivierenden Verlauf zeigen und signifikant
Hypericingehalt der Präparation, ist es durchaus zur Behand-      mit medizinischen Komorbiditäten [148] sowie mit einer er-
lung leicht- bis mäßiggradiger Depressionen geeignet [134].       höhten Mortalität [149] assoziiert sind. Zudem reagieren älte-
In Vergleichsstudien konnte eine den SSRI Citalopram [135],       re Patienten besonders sensibel auf UAW, bei antidepressiven
Fluoxetin [136], Paroxetin [137] und Sertralin [138] ebenbür-     Pharmakotherapien leiden sie vor allem unter kardiovasku-
tige Wirkung belegt werden.                                       lären und behandlungsassoziierten kognitiven Nebenwirkun-
                                                                  gen [150].
Die Sicherheit und Verträglichkeit von Hypericum wurde
insgesamt als sehr gut und besser als bei SSRI [137] oder TCA     Für die SSRI Fluoxetin, Sertralin und Paroxetin [151–153]
[139] beurteilt. Trotzdem muss das Risiko einer Photosensi-       sowie für Venlafaxin [77] konnte im Vergleich zu Placebo bei
bilisierung sowie eines nicht unbeträchtlichen Interaktions-      älteren Patienten eine signifikant bessere Wirkung gezeigt
potenzials beachtet werden [134]. Aufgrund der serotonergen       werden. Bei TCA, die aufgrund ihres UAW-Profils für ältere
Wirkung sollte Hypericin nicht mit MAOI kombiniert werden         Patienten weniger gut geeignet sind, gibt es häufig nur be-
[130], zudem wurden Interaktionen mit Digoxin [140] sowie         grenzte Evidenz für eine signifikante Wirksamkeit [151]. In
mit oralen Kontrazeptiva [141] berichtet.                         einer Metaanalyse konnte die signifikante Wirksamkeit von
                                                                  TCA, SSRI und MAOI gut belegt werden [155].
Johanniskraut bereichert das Spektrum gut verträglicher anti-
depressiver Therapien, wenn beachtet wird, dass es im Gegen-      Während antidepressiver Therapien leiden geriatrische Pati-
satz zu allen anderen Antidepressiva nicht zur Behandlung         enten häufiger unter orthostatischen Regulationsstörungen
schwerer Depressionen geeignet ist.                               und Sedierung. Deswegen lösen derzeit SSRI aufgrund ihres

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Antidepressive Pharmakotherapie

 Tabelle 4: Cytochrom-P-450-Hemmer und -Induktoren (Mod. nach [1]).
 Antidepressiva und              CYP-Induktoren (+) und             Antidepressiva und          CYP-Induktoren (+) und
 andere CYP-450-Substrate        CYP-Hemmer (–)                     andere CYP-450-Substrate    CYP-Hemmer (–)

 Broccoli                                                           Ketoconazol                 CYP3A –
 (Brassica oleracea)             CYP1A2 +                           Koffein                     CYP1A2 –
 Carbamazepin                    CYP2C9 +, CYP3A +                  Levomepromazin              CYP2D6 –
 Cimetidin                       CYP1A2 –, CYP2D6 –, CYP2D6 –       Mexiletin                   CYP3A –
 Ciprofloxacin                   CYP1A2 –                           Mifepriston                 CYP3A –
 Clarithromycin                  CYP3A –                            Nefazodon                   CYP3A –
 Dexamethason                    CYP2C9 –                           Nevirapin                   CYP3A +
 Dihydralazin                    CYP1A2 –                           Norfloxazin                 CYP1A2 –
 Diltiazem                       CYP3A –                            Omeprazol                   CYP1A2 +
 Efavirenz                       CYP3A +                            Paroxetin                   CYP2D6 –
 Erythromycin                    CYP3A –
                                                                    Phenytoin                   CYP2C9 +, CYP3A +
 Fluoxetin                       CYP2C19 –, CYP2D6 –
                                                                    Primidon                    CYP2C9 +
 Fluvoxamin                      CYP1A2 –, CYP2C9 –, CYP2C19 –
                                                                    Rauchen (Nikotin)           CYP1A2 +
 Grapefruitsaft
 (Citrus paradisi)               CYP3A –                            Rifampicin                  CYP1A2 +, CYP2C9 +, CYP3A +
 Haloperidol                     CYP2D6 –                           Ritonavir                   CYP1A2 +, CYP3A –
 Indinavir                       CYP3A –                            Rofecoxib                   CYP1A2 –
 Intraconazol                    CYP3A –                            Saquinavir                  CYP3A –
 Johanniskraut                                                      Valproinsäure               CYP3A –, CYP2C9 –
 (Hypericum perforatum)          CYP2C9 +, CYP3A +                  Verapamil                   CYP3A –

besseren Verträglichkeitsprofils TCA bei der Behandlung             Verschiedene Antidepressiva und ihre Metaboliten sind rele-
dieser Patientengruppe ab [154, 156]. Gerade ältere Patienten       vante Hemmer des Cytochrom-P-450-Systems. Daher können
haben aufgrund internistischer Komorbiditäten und der des-          pharmakokinetische Interaktionen wichtige klinische Konse-
halb durchgeführten pharmakologischen Kombinations-                 quenzen haben, da Substanzen wie z. B. Fluoxetin, Paroxetin,
therapien ein höheres Risiko, unter UAW und Interaktionen           Fluvoxamin, Trimipramin u. a. Substrate oder Hemmer des
zu leiden (s. u.) [157]. Aufgrund eines häufig bei älteren Pati-    Cytochroms P 450 sind. Seit Langem bekannte Beispiele sind
enten eingeschränkten hepatischen Metabolismus und einer            die Interaktionen zwischen TCA und Fluoxetin [157] oder
verminderten renalen Eliminationsrate sind geeignete Dosie-         Fluvoxamin [161].
rungen häufig niedriger anzusetzen [158]. Ein Therapie-
beginn im niedrigen Dosisbereich und ein in Abhängigkeit            In Tabelle 4 ist eine Auswahl einiger Antidepressiva, Nah-
von der Verträglichkeit langsames Aufdosieren in den thera-         rungs- und Genussmittel sowie internistischer Präparate auf-
peutischen Dosisbereich werden daher empfohlen.                     geführt, die eine potente Hemmung oder Induktion der
                                                                    Cytochrom-P-450-Isoformen CYP1A2, CYP2C9, CYP2C19,
Im Gegensatz zu jüngeren Patienten ist es auch nach anfängli-       CYP2D6 and CYP3A4/5 verursachen [162, 163]. Zur opti-
cher schneller Besserung [155] oft erforderlich, länger zu          malen Therapiebegleitung kann daher therapeutisches Drug-
warten, bis beurteilt werden kann, ob eine ausreichende             Monitoring (TDM) dringend empfohlen werden, um die Aus-
Remission vorliegt. Häufig vergehen bis zu 12 Wochen, bis           wirkungen potenzieller pharmakokinetischer Interaktionen
ein ausreichender therapeutischer Effekt beobachtet werden          auf die Plasmaspiegel der verabreichten Antidepressiva und
kann, mindestens 6 Wochen Behandlung sind erforderlich,             somit möglicherweise auch auf die Wirksamkeit und Verträg-
um optimale Therapieeffekte zu erzielen [155]. Nach Remis-          lichkeit der Therapie besser abschätzen zu können [164].
sion muss wie bei jüngeren Patienten eine konsequente Erhal-
tungstherapie für mindestens 6 Monate durchgeführt werden,          „ Interessenkonflikt
um die Wahrscheinlichkeit für Rezidive deutlich zu senken
[159].                                                              TCB erhielt Vortrags- oder Beraterhonorare der Firmen Astra-
                                                                    Zeneca, Glaxo-Smith-Kline, Janssen-Cilag, Organon, Pfizer
                                                                    und Servier.
„ Pharmakokinetische Interaktionen
                                                                    HJM hat von den folgenden Firmen Forschungsgelder erhal-
Viele ältere, aber auch jüngere Patienten mit somatischen Ko-
                                                                    ten, ist Mitglied des Advisory Boards oder aber erhält Hono-
morbiditäten erhalten neben der antidepressiven Pharmako-
                                                                    rare für Vorträge: AstraZeneca, Bristol-Myers Squibb, Eisai,
therapie weitere, häufig internistische Pharmakotherapien. Des
                                                                    Eli Lilly, GlaxoSmithKline, Janssen Cilag, Lundbeck, Merck,
Weiteren ist es gerade bei Pharmakotherapieresistenz depressi-
                                                                    Novartis, Organon, Pfizer, Sanofi-Aventis, Schering-Plough,
ver Erkrankungen trotz begrenzter wissenschaftlicher Evidenz
                                                                    Schwabe, Sepracor, Servier und Wyeth.
nicht unüblich, pharmakologische Kombinationstherapien
durchzuführen. In der Folge können UAW erwartet werden,             HPV hat Honorare als Berater bzw. für die Teilnahme an Ad-
wenn eine pharmakodynamische Interaktion beispielsweise zu          visory Boards erhalten von: Astra/Zeneca, Eli Lilly, Lundbeck,
einer Erhöhung der Plasmaspiegel verabreichter Medikamente in       Pfizer, Schwabe, Janssen, Otsuka, Merz und Wyeth; sowie für
toxische Bereiche führt. Interaktionen, die zu einer Erniedrigung   Vortragstätigkeiten von Astra/Zeneca, Eli Lilly, Lundbeck,
der Plasmaspiegel z. B. durch Enzyminduktion führen, können         Schwabe, Janssen, Merz, Wyeth, Lichtwer, Steigerwald,
hingegen zu einem Nichtansprechen auf die Therapie führen.          Hormosan und Bristol-Myers Squibb

78   J NEUROL NEUROCHIR PSYCHIATR 2011; 12 (1)
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