Die taube Zeitmaschine - Eine Zeitreise durch zwei Galaxien
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K ultu r
Die taube Zeitmaschine
– Eine Zeitreise durch zwei Galaxien
In seiner dritten Theaterproduktion begibt sich das Ensemble von Possible World
auf eine abenteuerliche Reise durch die Geschichte der Gehörlosen
von Michaela Caspar, Rafael Ugarte Chacón und Wille Felix Zante
Wenn die eigene Vergangenheit in mer weniger. Sie können Ihrem Kind rende Schauspieler. Seitdem haben
den Geschichtsbüchern nicht vor- ein CI einoperieren lassen … wir den Kurzfilm WIR., der auf inter-
kommt, ist diese unsichtbar. Deswe- nationalen Festivals gezeigt wurde,
gen gehen gehörlose und hörende H: … Wieso CI? Brauch ich nicht, ich und das Theaterstück MEDEA! DIE
Jugendliche und junge Erwachsene kann genug hören. Das brauch ich WAHRHEIT! ME DEA F! produziert.
gemeinsam auf eine Forschungsrei- nicht. Dein Beeinflussen brauch ich MEDEA! war unsere zweite Thea-
se in die Geschichte der Gehörlosen. nicht. Dein Aufzwingen brauch ich terproduktion und sehr schwierig zu
Eine erstaunliche und weitgehend nicht. Nerv nicht! Hau ab! Du hast proben. Es war ein von einem Laut-
unbekannte Geschichte von der Ent- kein Gefühl vom Kummer eines Kin- sprachler geschriebener Stücktext:
wicklung einer lebendigen Gemein- des, kein bisschen. Ein CI hilft oder ein langes Stück und für uns in der
schaft mit eigener Sprache und Kul- hilft nicht. Doof! Operation, dazu Gruppe inhaltlich kaum zu bewerk-
tur, aber auch von der Verfolgung Geld verschwenden. Ärzte beuten stelligen. Letztendlich haben wir
382 DZ 98 14 und Unterdrückung einer Minder- aus. Ich sehe sie als schlimme Leu- einen Auszug aus dem Stück ge-
heit durch eine Mehrheit. Wie sieht te, boah! ... spielt. Den Text in Gebärdensprache
es nun im Jahr 2014 aus? Ist die Zeit Meine Eltern wollen, dass ich ein zu übertragen und die Inhalte der
der Bevormundung vorüber? Was CI trage, aber ich blocke das ab, ich Gruppe nahezubringen, war kompli-
wissen Hörende überhaupt über Ge- mag das nicht. Ich möchte natürlich ziert. Irgendwie war das für mich ein
hörlose? Was Gehörlose über Hören- sein, es ist schön: meine Identität Schock. Ich hatte nicht mit so großen
de? Und was ist eigentlich ein Coch- und mein Charakter. Wenn ich spä- Unterschieden gerechnet.
lea-Implantat? ter Kinder bekomme und sie gehör- Ich las damals bereits über die Ge-
los wären, würde ich ihnen niemals schichte der Gehörlosen und begeg-
ein CI geben. Ich würde sie natürlich nete Begriffen wie „Paternalisierung“
Szene – Meinungen zum Coch- aufwachsen lassen, so wie sie sind. und „Kolonialisierung“. Nach unserer
lea-Implantat Das ist schön. Premiere war mir klar, dass ich mei-
ne Arbeitsweise verändern wollte.
N: Ich heiße N., ich bin taub. Ich habe Michaela Caspar, Regisseurin Jetzt proben wir unser neues
letztes Jahr eine Lehre abgeschlossen Stück, das den Titel Die taube Zeitma-
als Metallfacharbeiter und arbeite Berlin, Freitag, der 3. Oktober 2014, schine trägt. Wie kamen wir auf unser
in meinem Beruf. Ich möchte Meis- 10 Uhr: Ich bin gerade dabei, die Pro- Thema? Zum einen sprachen mich
ter werden und dann eine eigene Fir- ben für das Wochenende vorzube- nach unseren Vorstellungen von
ma aufbauen. Inklusiv. Die Hören- reiten. Im Dezember haben wir Pre- MEDEA! oft Hörende an. Sie woll-
den, die bei mir arbeiten, müssen ein miere und jetzt „reflektierend“ auf ten etwas über Gehörlose wissen.
bisschen gebärden lernen, damit wir unsere Probenarbeit zu blicken, ist Die meisten von ihnen wussten ein-
kommunizieren können. mir nicht möglich. Dazu bin ich zu fach nichts. Über die Geschichte der
Das CI ist für mich negativ. Grund: sehr in das Entwickeln von Szenen Gehörlosen gibt es in Schulbüchern
Die Ärzte, die ganz oben stehen, und involviert und vielleicht auch zu ner- vielleicht einen Satz, und der betrifft
die Therapeuten, beide beeinflussen vös. Hier mein Versuch einer kleinen die Zeit des Nationalsozialismus. Es
ganz stark die hörenden Eltern. Sie Beschreibung: schien mir aber, dass die Personen In-
gucken ihr gehörloses Kind an, wis- 2009 hatten wir mit unserem teresse hatten, mehr zu erfahren. Zum
sen nicht, was sie tun sollen, dann ge- ersten Theaterstück Frühling Er- anderen kenne ich fast ausschließlich
hen sie zum HNO-Arzt. Die hörenden wache! Premiere. Es spielten gehör- Hörende, die das CI als Errettung der
Eltern wissen gar nichts über Gehör- lose, schwerhörige und mehrfach- Gehörlosen verstehen und überhaupt
lose. Und dann sagt der Arzt zu ihnen: behinderte Schüler der Ernst-Adolf- nicht begreifen können, dass es Ge-
Die Gehörlosenschulen werden im- Eschke-Schule in Berlin sowie drei hö- hörlose gibt, die das CI ablehnen oder
Beitrag aus: DAS ZEICHEN 98/2014 • Zeitschrift für Sprache und Kultur Gehörloser
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ihm gegenüber kritisch sind. Für die- provisationen der Gruppe, persön- bracht. Vieles blieb in seiner improvi-
se beiden Themenkreise – Geschichte liche Positionen zum CI, eigene Le- sierten Form erhalten, manches wur-
und CI-Debatte – wollte ich nun eine benserfahrungen, selbst erstellte Zeit- de weiterentwickelt. Texte, die die hö-
Verknüpfung finden. zeugeninterviews, Recherchemate- rende Position betreffen, wurden teils
Dafür haben wir eine neue rial, das aus der Taubengemeinschaft nach dem gleichen Prinzip erarbeitet.
Arbeitsweise gefunden. Für die Posi- kommt, von Gehörlosen produzier- Zum Teil sind es Dokumente, aber ei-
tion der Gehörlosen nehmen wir nur te Filme und TV-Sendungen zu Ge- niges wurde auch direkt von unserem
„Text-Material“, das wirklich von Ge- schichtsthemen – all dies haben wir hörenden Autor geschrieben.
hörlosen stammt. Das bedeutet, dass recherchiert, angesehen und damit Auch die Musik wird auf Gehör-
der Anteil am Stück, der von Gehör- weitergearbeitet. Unser Autor, Till Ni- lose zugeschnitten sein. Der Kompo-
losen stammt, viel größer ist als bei kolaus von Heiseler, hat das Mate- nist Jan-Peter Sonntag begleitet das
unseren vorigen Produktionen. Im- rial bearbeitet und in Szenenform ge- Stück mit Klängen, die sich in dem
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Frequenzbereich bewegen, den so- Auch arbeiten wir erstmals mit einem ber nicht entscheiden kann. Aber ich
wohl Hörende als auch Gehörlose gehörlosen Dramaturgen. Nicht nur glaube, wenn man das Kind schon
wahrnehmen können. Dabei geht wegen der verschiedenen ‚Hörfähig- früh ins Sprechen reinbringt, dass
es vor allem um die Wahrnehmung keiten‘ ist diese Gruppe inklusiv, es dann wirklich andere Chancen be-
von Schall, die nicht über das Ohr ver- sind auch Menschen aus völlig ver- stehen, gerade was den Bildungsweg
läuft: Wir spüren die Musik in unse- schiedenen Lebensbereichen: von der betrifft.
ren Muskeln, auf unserer Haut, in wissenschaftlichen Mitarbeiterin aus E: CI hilft beim Hören gut, man hat
unseren Organen – das haben wir dem Bundestag bis zum Mädchen, das mehr Chancen, aber die Reaktion …
alle gemeinsam. gerade die Schule abgebrochen hat. Es ist nah am Gehirn. Ein Drittel der
Die Gruppe besteht aus 13 Dar- Für mich ist das jeden Tag wieder inte- Personen haben einen Bruch im Kör-
stellern. Sie sind gehörlos, schwerhö- ressant und es birgt immer Unerwar- per, bei zwei Dritteln klappt und läuft
rig, CI-Träger, mehrfachbehindert und tetes und Spannendes. Ich glaube und es. Aber eine Reaktion im Körper ist
hörend. Unsere Gruppe hat sich verän- hoffe, dass diese unsere dritte Thea- immer da.
dert. Sie ist ‚gehörlosenlastig‘ gewor- terproduktion unsere persönlichste J: CI bedeutet: die Aufnahme ist an-
den, und Gebärdensprache spielt eine Arbeit wird. ders, metallisch, tack tack tack tack,
größere Rolle auch im Probenprozess. anders als normale Hörende aufneh-
Einige Darsteller sind seit 2009 dabei. Improvisation zur Szene men. Ich mag das nicht.
Sie sind jetzt keine Schüler mehr. Vie- Kamerakreis – Streit ums CI I: Wenn das CI schon drin ist, dann
le haben bereits eine abgeschlossene gibt es so ein Hin und Her innen. Und
Lehre und arbeiten in ihren Berufen. C: Es ist bestimmt nicht politisch die Identität ist schlecht.
Aber es ist auch ein gehörloser, profes- korrekt, dass ich das jetzt sage, aber P: Nicht hören zu können, halte ich
sioneller Darsteller hinzugekommen, ich bin für das CI. Es ist natürlich to- für einen schlimmen Verlust an Teil-
der eine enorme Kraft, Spielfreude, tal krass, wenn man die Entschei- nahme. All die Klänge dieser Welt,
Kreativität und Wissen mit einbringt. dung für ein Kind trifft, dass das sel- natürlich oder von Menschen ge-
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macht. Das nicht haben zu können, griert werden und deswegen bin ich Stücks, die Teile, wo ich mitspiele. Es
muss furchtbar sein. Daher bin ich für das CI. ist spannend, zu früh zur Probe zu
für das CI. C: Ich glaube, es ist unrealistisch, dass kommen und die zu sehen, die vor
I: CIs machen aus Menschen Roboter. Hörende alle Gebärdensprache ler- mir spielen. Dann knüpft eine Impro-
F: Ich habe selbst ein CI. Es gibt Positi- nen. Minderheiten müssen sich an- visation an eine andere Improvisa-
ves und Negatives. Mein Gefühl zum passen. tion an, das Improvisierte wird zum
Positiven: Ich kann hören und helfen. E: Minderheiten müssen akzeptiert Text, der Text zur Szene. Der Raum
Zum Beispiel wenn Gehörlose nicht werden. Wir sind Menschen, wir sind wird komplett ausgefüllt von uns.
sprechen können, kann ich dolmet- keine Tiere. Ich weiß nicht, wann sich schon
schen. Dann helfe ich in der Kommu- einmal ein Stück so mit der Gehör
nikation und das klappt! Positiv ist Wille Felix Zante, Darsteller losengeschichte auseinandergesetzt
auch, dass ich bei meiner Arbeit die und Dramaturg hat, den Bogen von Epée übers „Drit-
Maschinen höre, die Geräusche, und te Reich“ zum CI spannt und dabei
auch hören kann, wenn sie kaputt Theater kenne ich eigentlich nur aus einen neuen Text erstellt, und ir-
sind. Das braucht das Hören. Anru- dem Publikum heraus, wenn ich es gendwie passt das Ganze auch zu-
fen geht nicht. Die Geräusche gehen mir selber angucke. Erste Erfahrun- sammen. Ich weiß nicht, wie es bei DZ 98 14 385
durcheinander. Ich brauche das Hö- gen habe ich dann viel später auf den anderen Stücken war. Vielleicht
ren für Musik und Kulturen. Dafür einem deutsch-französischen Aus- ist dadurch, dass ME DEA F! mehr auf
ist es gut. tausch gesammelt, der auch ein Thea- einem Text basierte – vielleicht mehr
E: Was ist nicht gut? Was? terworkshop war, aber eben auch nur noch als bei Frühling Erwache! – die
F: Geräusche im Kopf. Schmerzen. ein Workshop. Zweimal eine knap- Vorbereitung eher ein Auswendig-
Wenig Strom. Kopf und Herz. pe Woche, einmal in Marseille, ein- lernen gewesen. Bestimmt war es ir-
C: Wie ist das mit dir? Würdest du sa- mal in Hamburg, da dann auch die gendwo auch ein Prozess – aber der
gen, deine Welt ist hörend? Oder ge- Aufführung. Ich habe also keine Ah- fällt mir hier besonders auf. Die Zeit-
hörlos? nung, was auf mich zukommt, als maschine ist kein monumentales Pro-
W: Es gibt nur eine Welt. ich Michaela vor einem Jahr zusage, dukt einer Einzelperson, einem Ge-
Y: Für mich ist wichtig: Bist du glück- mitmachen zu wollen beim nächs- niestreich entsprungen, das dann nur
lich oder bist du unglücklich mit den ten Stück nach ME DEA F! und Früh- noch auswendig gelernt wird, son-
CIs? ling Erwache!. dern ein organisches Miteinander.
W: Hmmm. Beides gleichermaßen. Es geht langsam los – mit Brain- Der Text schleicht sich langsam in
C: Ich glaube, dass die Welt hart und storming und Ideensammlungen, die eigenen Hände und den Mund,
grausam ist und das man besser da- vier Leute in einem überdimensio- wird gedacht und ausgesprochen, als
rin bestehen kann, wenn man ein nal großen Probenraum, Overkill für wäre es ein eigener.
bisschen mehr wie die Mehrheit ist, einen Tisch und Schreibwerkzeug. Die Aufführung ist im Dezember,
also hören kann. Eine lange Pause, dann kommen die es ist jetzt Oktober. Einerseits wirkt
E: Ich bin gegen das CI, weil ich glau- ersten Proben mit den Schauspielern, die Premiere noch weit entfernt, an-
be, die Welt ist sehr, sehr hart und wo wir uns kennenlernen, wo ich dererseits weiß ich mit dem Kopf
man sollte sich nicht in eine Gesell- die anderen kennenlerne. Der Raum auch, dass zwei Monate schnell um
schaft eingliedern, in der man gar wird kleiner. Es wird improvisiert, he- sind – aber es fühlt sich an, als ob der
nicht so gut kommunizieren kann. rumgespielt. Wir lernen Zeitzeugen Zeitdruck dem Stück nur gut tun kann.
In seiner eigenen Gesellschaft kann kennen, Gehörlose aus der Nazizeit.
man viel besser einen Anhaltspunkt Wir filmen Interviews mit ihnen für Szene – die junge Darstelle-
finden! Warum sollte man sich dann das Stück. Wir proben weiter. Wieder rin C. interviewt die Seniorin
ein CI einbauen lassen? eine lange Pause. Frau K.
P: Es sollte in Deutschland keine Pa- Es wird ernst – mit Szenen, die
rallelwelten geben und deswegen sich herauskristallisieren, und ich C: Hatten Sie Sprechunterricht? War
müssen auch die Gehörlosen inte sehe immer mehr nur Teile des das schwer?
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K: Die Sprache zu lernen, war sehr wissen? Die hörenden Menschen, be- E: Hat deine Mutter Geschwister?
schlimm. War grausam. Weil ich sonders in Deutschland, die denken, S: Ja, sie hat eine Schwester. Auch
auch oft den Ton nicht richtig formu- die Taubstummen sind doof. Haben taub, auch sterilisiert. Mutters
lieren konnte. Also musste ich immer alle eine Macke. Bei den Blinden oder Schwester hatte kein Kind.
wiederholen, immer wieder wieder- bei den Krüppeln hat man mehr Ver- E: Deine Tante hatte also kein Kind?
holen. Wenn man nicht hören kann, ständnis. Aber bei den Gehörlosen S: Sie lebte kurz. Mit 23 Jahren ist sie
ist es schwierig, die richtige Ausspra- heute immer noch nicht. „Was soll gestorben. Sie wurde in der Nazizeit
che zu führen. Es waren neun harte ich mich mit dir abgeben? Du bist eingeschläfert. Ja, mit 23, so war das.
Jahre gewesen für meine Großmut- doch minderwertig.“ Das find ich E: Würdest du gerne hörend sein?
ter, um mich so weit zu bringen. So- richtig beschämend, wie die Hören- S: Nein. Ich fühle mich wohl. Ich bin
bald ich etwas nicht richtig ausge- den die Gehörlosen behandeln, find zufrieden.
sprochen habe, beim dritten, vierten ich einfach nicht gut.
Mal, bekam ich eine Schelle. Das war C: Wenn Sie selbst noch mal geboren Rafael Ugarte Chacón,
nicht schön. Ich bin auch aus dem würden, möchten Sie hören? Dramaturg
Fenster gesprungen aus dem ersten K: Schön wär’s, wenn ich hören
386 DZ 98 14 Stock, weil ich nicht mehr sprechen könnte und eine bessere Jugend ha- Was ist das Besondere an der Ästhe-
wollte, ich wollte meine Ruhe haben. ben würde, nicht so, wie ich es ge- tik unserer Inszenierungen? Wenn
Es war sehr streng. Deswegen hat- habt habe: Schläge, danke schön, ich wir für Gehörlose und Hörende spie-
te ich auch keine schöne Kindheit. möchte kein Kind mehr sein. len wollen, warum stellen wir dann
Das ist ein Vorteil und Nachteil, da- nicht einfach ein paar Dolmetscher
für kann ich heute gut reden. Wenn Szene – der junge Darsteller E. auf die Bühne? Ganz einfach: Weil
sie mich nicht dazu gezwungen hät- interviewt die Seniorin Frau S. eine Aufführung für Hörende mit Ge-
te, würde ich wahrscheinlich heute bärdensprachdolmetschern eben im-
nicht sprechen können. E: Was war dein schlimmstes Erleb- mer noch eine Aufführung primär
C: Wo ist Ihre Heimat? nis im Leben? für Hörende ist. Umgekehrt gilt das
K: Meine Heimat ist die Gehörlosen- S: Ausgebombt! Im Zweiten Welt- auch für Aufführungen in der Gehör-
welt. Zurück zu der hörenden Welt krieg. Ich war im Kindergarten. Als losenkultur, die in Lautsprache ge-
möchte ich nicht mehr gehen. Ist zu ich nach Hause kam, war alles aus- dolmetscht werden. Wir wollen aber
anstrengend für mich. Ich muss alles gebombt. Meine Mutter hat überlebt. ein Theater machen, bei dem Hören-
vom Mund ablesen. Früher konnte Ich habe geweint, geweint, geweint. de und Gehörlose von Anfang an mit
ich das noch leisten, aber jetzt funk- Mama kam zu mir, hat mich umarmt. gedacht werden. Inszenierungen,
tioniert das nicht mehr, vorbei. Das ist dann aber eine schöne Erin- die das künstlerische Potenzial, das
C: Welchen Beruf haben Sie gelernt? nerung. Gehörlose und Hörende einbringen,
K: Ach wunderbar, eine schöne Fra- E: Haben die Nazis deine Mutter ste- auch nutzen und niemanden in die
ge, die Sie mir stellen. Keinen Beruf rilisiert? Übersetzerrolle drängen. Auf diese
hab ich gelernt. Damals war das nicht S: Ja, Mama, ja. Weise hat sich in den letzten Jahren
möglich gewesen, dass man techni- E: Was ist dann passiert? War sie tap- unsere Ästhetik entwickelt, die ich
sche Zeichnerin oder Friseuse wer- fer? Oder traurig? im Theater der Hörenden und auch
den kann. Heute sieht die Welt schon S: Die Hauptsache für sie war, dass dem der Gehörlosen ansonsten nicht
ganz anders aus. Es wird auch mehr ich da war, sie hatte so eine Tochter. entdecken konnte.
für die Gehörlosen getan. Und ich Ich habe keine Geschwister. Kein Bru- Wir arbeiten viel mit Ein- und
find das gut, dass die Jungen heute der, keine Schwester, weil Mutter ste- Ausschlussverfahren. So wird der
mehr Selbstbewusstsein haben. Find rilisiert wurde, das war drei Monate Text teilweise in Gebärdensprache
ich toll. nach meiner Geburt. oder LBG, teilweise in Lautsprache ge-
C: Was glauben Sie, was Hörende E: Würdest du gerne Geschwister ha- äußert. Allerdings handelt es sich da-
über Gehörlose denken? ben? bei nicht um Verdolmetschung, son-
K: Wollt ihr wirklich die Wahrheit S: Ja. dern um eine asymmetrische Infor-
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mationsvergabe. Je nachdem, wel-
chen sprachlichen Hintergrund ich
Die taube Zeitmaschine.
habe, erhalte ich z. T. unterschiedli-
12./13./14. Dezember 2014 – 20 Uhr
che Informationen zu unterschied-
23./24./25. Januar 2015 – 20 Uhr
licher Zeit. Das bedeutet, dass je-
Ballhaus Ost
der im Publikum die Erfahrung des
Pappelallee 15
zeitweiligen Nichtverstehens und
10437 Berlin
Ausgeschlossenseins aufgrund der
Reservierung über karten@ballhausost.de oder Tel. 030 44 039 168
Sprache macht – eine Erfahrung, die
für Gehörlose alltäglich ist, aber Hö-
Mit Asya Avagyan, Johanna Böttcher, Hend El-Kadi, Emilia von
rende sehr verunsichern kann.
Heiseler, Inara Ilyasova, Erdal Kar, Eyk Kauly, Peter Marty,
Aber warum wollen wir Leute
Nikola Vujicic, Frank Weigang, Wille Felix Zante, Cordula Zielonka
verunsichern? Gehörlose und Hö-
rende sind unterschiedlich. Sie neh-
Regie: Michaela Caspar // Stück nach Improvisationen der Gruppe:
men die Welt anders wahr, haben
Till Nikolaus von Heiseler // Raum und Komposition: Jan-Peter 387
verschiedene Umgangsformen und DZ 98 14
Sonntag // Kostüm: Gabriele Wischmann // Gebärdensprachüber-
eigene Sprachen. Im Alltag führt dies
tragung und Körperarbeit: Anka Böttcher // Dramaturgie und
oft zu Unverständnis, Diskriminie-
Recherche: Rafael Ugarte Chacón, Wille Felix Zante // Video: Jens
rung und Konflikten. Wir wollen die-
Kupsch // Produktion: Daniel Schrader // Maske: Janina Kuhlmann
se Unterschiede sichtbar machen und
// Assistenz und Fotografie: Max Neu // Praktikanten: Jana Bien-
zeigen, dass die Kommunikation mit-
roth, Lena Klein, Thamara Logeswaran, Martin Weller
einander nicht immer einfach ist.
Aber dass es trotzdem geht.
Gefördert durch Aktion Mensch, den Projektfonds Kulturelle Bil-
Nicht zuletzt denke ich, dass wir
dung und den Fonds Soziokultur. Eine Produktion von Possible
mit unserer Arbeit zeigen, dass Dif-
World e. V. in Kooperation mit dem Ballhaus Ost.
ferenz und Heterogenität ein ästhe-
tisches Potenzial bergen. Inklusion
muss keine Pflichtübung und kei-
ne lästige Aufgabe sein, sondern sie
kann spannende, interessante, aufre- mit einer Gruppe aus gehör- dem Titel Theater und Taub-
gende, verstörende, lustige, traurige, losen und schwerhörigen Ju- heit bei transcript (Bielefeld) er-
provokante und erhellende Ergebnis- gendlichen sowie professionel- scheinen. Seit 2010 arbeitet er
se hervorbringen, die man sich bis- len Schauspielern zusammen. für Possible World e. V., erst als
her nicht vorstellen konnte. Und sei Die Theater- und Filmprojekte Produktionsassistent, dann als
es auch nur, dass Gehörlose und Hö- von Possible World wurden be- Dramaturg.
rende gemeinsam das Theater besu- reits für mehrere nationale und
chen. Wer hätte das schon für mög- internationale Auszeichnungen Wille Felix Zante ist taub, hat
lich gehalten? nominiert. Cochlea-Implantate und ist
schwerhörig. Er hat an der Uni-
Rafael Ugarte Chacón promo- versität Hamburg seinen Ma-
i
vierte am Institut für Theater- gister in den beiden Hauptfä-
wissenschaft der Freien Uni- chern Gebärdensprachen und
versität Berlin über Theaterauf- Amerikanistik gemacht. Bei
Michaela Caspar ist Schauspie- führungen, die sich gleicherma- Possible World e. V. ist er Dar-
lerin und Regisseurin. Seit 2008 ßen an Gehörlose und Hören- steller und Dramaturg.
arbeitet sie im gemeinnützi- de richten. Seine Doktorarbeit
gen Verein Possible World e. V. wird im Sommer 2015 unter E-Mail: mail@possibleworld.eu
Beitrag aus: DAS ZEICHEN 98/2014 • Zeitschrift für Sprache und Kultur Gehörloser
(http://www.idgs.uni-hamburg.de/de/forschung/publikationen/daszeichen.html)Sie können auch lesen