Gemeinsam. Stark. Machen! - Im Blickpunkt - Sozialwerk St. Georg
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4 | Sozialwerk St. Georg | EinBlick 1/2017 Im Blickpunkt
Im Blickpunkt
Gemeinsam
Jenny Kapteina wird durch
Oliver Kapteina und Margarete
Pysik-Klyscz gestärkt – mehr hierzu
auf S. 15. (Foto: Barbara Bechtloff)Im Blickpunkt EinBlick 1/2017 | Sozialwerk St. Georg | 5
m. Stark. Machen!
Kraft schöpfen,
Neues wagen:
Empowerment im
Sozialwerk St. Georg.
Von Stefan Kuster.
Gemeinsam.
Stark.
Machen! 2017
F achbegriffe stammen bisweilen aus dem Englischen
und müssen entsprechend importiert werden. So
mancher Ausdruck schafft es dabei unverändert in un-
sere Sprache. Vielleicht wird auch einmal „Empowerment“ im
Duden stehen, das Jahresthema des Sozialwerks St. Georg. In
Anlehnung an unser Leitmotiv „Gemeinsam. Anders. Stark.“
übersetzen wir Empowerment für uns mit: „Gemeinsam.
Stark. Machen!“
Wie kann Empowerment gelingen und wie verändert es das
Leben und Arbeiten im Sozialwerk St. Georg? Warum legen wir
gerade jetzt Wert auf Empowerment und wie hängt es mit den
Zielen des Sozialwerks und dem neuen Bundesteilhabegesetz
zusammen? Machen wir uns mithilfe der Beispiele auf den fol-
genden Seiten gemeinsam stark – für ein Miteinander auf Au-
genhöhe, damit jeder Mensch seine Fähigkeiten und Potenziale
angemessen entfalten kann. 6 | Sozialwerk St. Georg | EinBlick 1/2017 Im Blickpunkt
Empowerment – eine Haltungsfrage
D | „Ich will mich
avon, was sich hinter dem Begriff Empowerment
verbirgt, haben viele Menschen mit Assistenzbe-
darf eine recht genaue Vorstellung. Und da sie als weiterentwickeln!“ (Daniel Göddeke)
Experten in eigener Sache seit geraumer Zeit ihr Wissen an
Mitarbeitende im Assistenzdienst weitergeben, hatte Vor- Birte Petersen beschreibt die aus der amerikanischen Ge-
stand Wolfgang Meyer die Idee, dieses Thema auch Mitar- meindepsychologie stammende Empowerment-Idee als
beitenden der Zentralen Unternehmensbereiche näherzu- Denkwechsel: Während in früheren Jahren Leistungen für
bringen. Dieser Workshop hatte nun im Februar Premiere: bedürftige Menschen vor allem vor dem Hintergrund der
Fürsorge erbracht wurden, steht Empowerment im Zei-
| „Empowerment ist für chen der Emanzipation und knüpft damit unmittelbar am
Konzept Qualität des Lebens an.
jeden wichtig!“ (Oliver Kapteina) Fürsorge ist vor allem durch den Gedanken gekennzeichnet,
dass die Hilfeleistenden die Hilfe für die Betroffenen be-
Auf der Begrüßungsfolie der Präsentation Empowerment stimmen. Aus einem häufig durchaus liebevollen Handeln
– Was ist das? Wie kann das gehen? ist das Wort „Power“ entsteht ein Machtgefälle, das die Rollen von Hilfegeben-
kräftig unterlegt. Daniel Göddeke (Schmallenberg), Thors- dem und Hilfeempfänger festschreibt. Empowerment zielt
ten Hillebrand (Bad Fredeburg), Siegfried Wolff und Oliver darauf, Augenhöhe zwischen den Beteiligten herzustellen.
Kapteina (beide Gelsenkirchen) hatten die Workshops mit Oliver Kapteina bezieht die Teilnehmenden mit ein: Er mo-
Unterstützung von Birte Petersen (Referat bilden & entwi- deriert eine Gruppenarbeit mit der Aufgabe, zu überlegen,
ckeln) und Simone Laube (Lenne-Werkstatt) vorbereitet. wie Empowerment gut funktionieren kann und wie nicht.
Als es um die Frage geht, welche Schlüsse daraus zu ziehen
seien, entwickelt sich ein interessanter Dialog: „Welcher
Mensch ist nicht irgendwann einmal hilfebedürftig und
braucht Empowerment?“, fragt Oliver Kapteina und stellt
fest, dass es bei diesem aktivierenden Ansatz auch darum
geht, die Klienten „rauszuholen aus ihrer Komfortzone“.
Siegfried Wolff bemerkt: „Gute Kommunikation ist dabei
wichtig – und zu überlegen, wie ich erkennen kann, was der
Einzelne an Unterstützung benötigt.“ Daniel Göddeke meint
hierzu: „Aber das muss Schritt für Schritt geschehen – man-
che schaffen gleich einen großen Schritt, andere eher kleine.“
Er bekennt: „Ich stelle mir das durchaus schwierig vor, zu
unterscheiden, wann Assistenz nötig ist und wann nicht.“
Das Team des Empowerment-Seminars (v. l.): Oliver Siegfried Wolff wirft ein: „Die Empowerment-Idee braucht
Kapteina, Daniel Göddeke, Siegfried Wolff, Torsten auf jeden Fall Zeit; wir stehen da noch am Anfang. Es geht
Hillebrand an der Gitarre, Birte Petersen und Simone darum, einen Weg zu finden, wie der Einzelne so gefördert
Laube. (Foto: Regina Bruns) wird, dass er mehr und mehr selbst entscheiden kann.“ Und
er erläutert: „Ein Persönlicher Assistent darf nicht verhindern,
„Empowerment steht im Englischen für Ermächtigung“, dass jemand schlechte Erfahrungen macht.“ Man müsse diese
erklärt Daniel Göddeke. „Es bedeutet für die Assistenz, vielmehr zulassen und fragen: „Was lerne ich daraus?“
Verantwortung zu übergeben, und für die Klienten, Selbst-
verantwortung zu übernehmen.“ Damit, so Göddeke, sei | „Ich möchte die Kommunika
Folgendes gemeint: „Mit Unterstützung sollen die Men-
schen selbst Verantwortung für ihr Leben übernehmen. tion zwischen Mitarbeitenden
Und sie müssen bereit sein, diese Verantwortung auch zu und Klienten fördern!“ (Siegfried Wolff)
übernehmen“, erklärt er. Menschen mit Unterstützungsbe-
darf fühlten sich oft fremdbestimmt, weil Andere Entschei-
dungen für sie treffen. Empowerment bedeute hier: „Men- Begleiten, strukturieren, Fehler zulassen – diese Berufsauf-
schen mit Assistenzbedarf möchten stark werden. Sie wol- fassung gelte es zu verinnerlichen, so ein Resümee des Se-
len selbst über ihr Leben bestimmen. Und dafür möchten minars; Empowerment sei eine Frage der Haltung. Weil
sie die Unterstützung bekommen, die sie brauchen.“ eben nicht mehr der Profi alleine der Experte sei, sondernIm Blickpunkt EinBlick 1/2017 | Sozialwerk St. Georg | 7
Einfluss nehmen
Gemeinsam.
Stark.
Machen! 2017
„Gemeinsam. Stark. Machen!“ – wie
hier im Christophorushaus in Lippstadt,
wo Jan Lauken, Vorsitzender des Nutzer-
beirats des Christophorushauses, auch
durch Nathalie G., eine gute Freundin,
gestärkt wird. Mehr Fotos auf:
www.gemeinsam-stark-machen.de
Foto: Barbara Bechtloff
Jan Lauken (30) ist Vorsitzender des Nutzerbeirats des Chris- schen Inhalte des BTHG schlau machen sollen und nicht
tophorushauses, einem Wohnverbund mit Angeboten insbe- einfach glauben, damit sei alles gut.
sondere für Menschen mit psychischer Erkrankung in Lipp-
stadt. In der integrierten Tagesstätte Tagwerk Am Mondschein
sagt er: „Mich stärkt zu wissen, was passiert, und darauf
? Wie war das für Sie, am Strategie-Workshop des
Vorstands mit den Leitungskräften im September 2016
Einfluss nehmen zu können!“ Ergänzend sagt Lauken: in der Alten Schule in Recklinghausen teilzunehmen?
„Mich stärken meine Freunde und Gesellschaft“ – zum Bei-
spiel, wie auf dem Foto zu sehen, Nathalie G., eine gute
Freundin. Was er bezüglich Empowerment zuletzt erlebt hat,
! Es war interessant zu sehen, welche Ideen der Vorstand
für die Zukunft des Sozialwerks St. Georg hat und in wel-
cher Art Präsentationen aufgebaut und gehalten werden.
verrät er im Interview:
? Was haben Sie in der Strategie-Sitzung des Ver-
? Was macht Sie stark?
waltungsrats des Sozialwerks präsentiert und wie
waren die Reaktionen?
! Ich bin immer ganz froh, wenn ich mich mit Leuten über
das aktuelle Geschehen unterhalten kann, zum Beispiel
über Politik, Stadtgeschehen, Kultur; zu wissen, was um
! Wir haben präsentiert, wie wir uns das Wohnen im Sozial-
werk unter Berücksichtigung des BTHG in der Zukunft
vorstellen. Aus unserer Präsentation ist vor allem hervorzu-
mich herum geschieht, macht mich stark. heben, dass wir sowohl mehr selbstbestimmtes Wohnen in
? Was haben Sie in der letzten Zeit erlebt, was Sie
gestärkt hat?
eigenen Wohnungen oder kleinen WGs wünschen, als auch
das gewohnte Konzept der Wohneinrichtung immer als Al-
ternative brauchen. Dazu sind wir auf die benötigten Ar-
! Ich habe seit Mitte 2016 an vielen Workshops des Sozial-
werks teilgenommen. Ich bin im letzten Jahr auch zur
Demo am Landtag in Düsseldorf gefahren, organisiert von
beitskräfte und Wohnungsanpassungen, das Wohnumfeld
und die Kostenträger eingegangen. Der Verwaltungsrat war
interessiert, aber man konnte deutlich erkennen, dass es
der Lebenshilfe. Da habe ich mit vielen anderen für ein bes- hier – anders als bei unseren anderen Präsentationen – immer
seres Bundesteilhabegesetz demonstriert. auch um finanzielle Machbarkeit ging und nicht nur darum,
? Wofür haben Sie da genau demonstriert und was
war dabei das Wichtigste für Sie?
„wie es schön wäre“.
? Wer oder was stärkt Sie bei Ihrer Arbeit im Beirat
! Dass zum Beispiel fünf von neun Punkten zutreffen müs-
sen, damit man leistungsberechtigt ist, war so eine Sa-
des Christophorushauses? Wie stärken Sie sich viel-
leicht gegenseitig?
che, die problematisch war und bleibt. Auch, dass man nicht
ausreichend ansparen darf, weil das dann einbehalten wird,
sobald man den Job verloren hat und zeitweilig wieder auf
! Am meisten stärkt mich zu sehen, dass sich durch unsere
intensive Arbeit Erfolge zeigen und Veränderungen be-
wirkt werden. Es ist immer gut zu wissen, nicht alleine für
Sozialhilfe angewiesen ist, das ist ein Problem. Das Wichtigs- etwas eintreten zu müssen und bei Gesprächen, zum Bei-
te, warum ich teilgenommen habe, war, darauf aufmerksam spiel mit einer Fachleitung, sich gegenseitig zu stärken.
zu machen, dass sich die Politiker und Bürger über die kriti- Stefan Kuster | EinBlick-Redaktion8 | Sozialwerk St. Georg | EinBlick 1/2017 Im Blickpunkt
„Ich bin, wie ich bin!“, und: „Scheitern gehört dazu“, gibt
Daniel Göddeke den Teilnehmenden mit auf den Weg.
| „Ich will etwas bewegen!“
(Torsten Hillebrand)
Torsten Hillebrand hatte zum Seminar seine ganz eigenen
„Übersetzungen“ des Begriffs Empowerment mitgebracht:
von ihm selbst gesungene und mit Gitarre begleitete Lieder
wie Kleiner Rebell von Tom Astor: „Du bist nicht allein |
Denn es gibt nicht nur Herzen aus Stein | Sag, was du
denkst und vergiss nie dein Ziel | Denn Ja-Sager gibt’s viel
Mitarbeitende der Zentralen Unternehmensbereiche bei zu viel.“
einer Empowerment-Übung. (Foto: Regina Bruns) Und auch für Hand in Hand, zur Melodie von Amazing
Grace, erntete er reichlich Applaus bei den Teilnehmen-
den: „Wenn nur ein Freund fest zu mir hält | Wenn alles
auch der Klient selbst, in eigener Sache. Auf der anderen sonst zerbricht | Dann glaub’ auch ich an diese Welt |
Seite, so Birte Petersen, gehe es für die Mitarbeitenden Denn jemand glaubt an mich. | Nur Hand in Hand, da sind
aber auch nicht darum, sich zurückzulehnen und zu sagen: wir stark | Und keiner ist allein | Wir brauchen die Gemein-
„Ist ja alles Selbstbestimmung!“ Der Klient müsse zuerst samkeit | Drum lasst uns Freunde sein.“
Klarheit über sich selbst gewinnen und dann Ziele festset- Geplant sind neben monatlichen Empowerment-Infoveran-
zen. Empowerment sei nicht einfach und könne auch un- staltungen für Klienten nun auch Trialoge zwischen Ange-
bequem sein – „wenn man aber Freude an der Entwick- hörigen, Betroffenen und Profis, um diese an einen Tisch
lung von Menschen hat, dann gelingt es“, sagt Petersen. zu bringen und auch so Empowerment zu fördern.
Empowerment – (k)ein neuer Ansatz
W
arum Empowerment gerade jetzt, als Jahres betriebs INTZeit-Arbeit gGmbH oder die Reorganisation
thema 2017? Für die Menschen im Sozialwerk der Pflegedienstleistungen sind weitere Beispiele für strate-
St. Georg wie für viele Menschen mit Assis- gische Unternehmensentscheidungen, die in diesem Sinne
tenzbedarf wird dieses Jahr ein wichtiges Jahr werden: Im getroffen wurden. Das BTHG mag noch jung sein, die In-
vergangenen Dezember ist nach vielen Jahren der Vorbe- halte ziehen sich aber schon lange durch die Unterneh-
reitung und Beratung das Bundesteilhabegesetz (BTHG) mensstrategie des Sozialwerks St. Georg. „Denn unser Ziel
beschlossen worden. Es ist ein Meilenstein für Menschen ist es seit jeher und wird es bleiben, den Klientinnen und
mit Assistenzbedarf hin zur Umsetzung der 2008 beschlos- Klienten ein möglichst selbstbestimmtes Leben, eine gute
senen UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) in nati- Qualität des Lebens zu ermöglichen.“
onales Recht. Das BTHG ist damit Folge und Ausdruck der
neuen Rechte, die die UN-BRK Menschen mit Behinde- | „Beteiligen, Bemächtigen,
rung zuspricht.
„Als innovativer Anbieter sozialer Dienstleistungen stellt Befähigen!“ (Wolfgang Meyer)
sich das Sozialwerk St. Georg bereits seit vielen Jahren
auf die im Grunde schon seit der Verabschiedung der UN- Das Jahresthema 2017 im Sozialwerk St. Georg laute ge-
Konvention absehbaren Veränderungen ein, stellt sich in nau deshalb Empowerment. Wolfgang Meyer: „Dieser alte
Teilen neu auf“, sagt Vorstand Wolfgang Meyer. Seit eini- Leitgedanke des Sozialwerks, nämlich das Beteiligen, Be-
gen Jahren steht deshalb zum Beispiel das Thema Arbeit mächtigen, Befähigen, ergibt sich als Aufgabe nun auch
und Beschäftigung besonders im Fokus. Hierzu gehört die unmittelbar aus dem Bundesteilhabegesetz.“
stärkere Verzahnung der Werkstätten auf der lokalen Ebe- Um es Menschen weiterhin zu ermöglichen, selbst Verant-
ne mit weiteren Wohn- und Assistenzdienstleistungen des wortung für ihr Leben zu übernehmen, schaut der Vor-
Sozialwerks. Auch die Zusammenarbeit mit weiteren Ko- stand nun intensiv auf die Gestaltung der konkreten lan-
operationspartnern vor Ort fördert das Inklusionsziel, das desspezifischen Rahmenbedingungen des BTHG für
sich aus dem BTHG ergibt. Der Ausbau des Inklusions Nordrhein-Westfalen: „Wir sind gespannt auf die Umset-Im Blickpunkt EinBlick 1/2017 | Sozialwerk St. Georg | 9
Werkstattrat und mehr
Gemeinsam.
Stark.
Machen! 2017
„Gemeinsam. Stark. Machen!“ – wie
hier in Gelsenkirchen, wo Peter Anduschies
die Besucherinnen und Besucher der Em-
scher-Werkstatt im Empfangsbereich be-
grüßt. Christa Zander stärkt ihn bei seiner
Arbeit im Werkstattrat. Mehr Fotos auf:
www.gemeinsam-stark-machen.de
Arbeit ist ein wichtiger Teil des Lebens – für Menschen mit Im Werkstattrat gebe es eine gute Zusammenarbeit. Aktuell
und ohne Assistenzbedarf. Und Arbeit verändert sich, auch gehe es zum Beispiel um das Thema Duzen und Siezen, in
im Bereich der Werkstätten für behinderte Menschen Bezug auf die Ansprache von Klienten durch Mitarbeiten-
(WfbM). Entsprechend stellen sich diese mit ihren Angebo- de. Peter Anduschies bekennt: „Auch die Arbeit im Werk-
ten – zum Beispiel Eigenprodukten oder attraktiven Dienst- stattrat hat mich gestärkt. Und hier ganz besonders die
leistungen – neu auf. So fand gerade im März dieses Jahres Zusammenarbeit mit meiner Kollegin Christa.“
in der Emscher-Werkstatt in Gelsenkirchen ein Workshop Woran sich das denn festmachen lasse, das gewonnene
„Werkstatt der Zukunft“ statt (vgl. Artikel „Über die Zu- Selbstbewusstsein? „Man muss auch im Mittelpunkt ste-
kunft der Werkstatt“, S. 22). hen als Werkstattrat, zum Beispiel wenn man den Vorstand
An diesem Zukunftsworkshop hat auch Peter Anduschies oder die Geschäftsführung trifft.“ Oder wenn man Gruß-
(50) teilgenommen. Für viele Besucherinnen und Besucher worte hält. Ob beim Sommerfest oder bei der Einweihung
ist die Emscher-Werkstatt mit seinem Gesicht verbunden, des Schwerstmehrfachbehinderten-Bereichs mit Gästen
denn der Gelsenkirchener begrüßt sie im Empfangsbereich, aus Politik und Gesellschaft: Immer hat Peter Anduschies
beantwortet Fragen und weist den Weg. Peter Anduschies mit Bravour seinen Mann gestanden.
sagt: „Mich stärken meine Frau, meine Beiratskollegin Stefan Kuster | EinBlick-Redaktion
Christa Zander und ein selbstbestimmtes Leben!“
Der Vorsitzende des Werkstattrats erzählt stolz: „Ich bin seit
30 Jahren im Sozialwerk. Und ich war damals der erste ex-
terne Beschäftigte der Emscher-Werkstatt.“ Denn schon
bald, nachdem die Emscher-Werkstatt 1986 gegründet wor-
den war, öffnete sie sich auch für Menschen mit Assistenzbe-
darf, die nicht in einer Einrichtung des Sozialwerks wohnen.
|„
Selbstbewusst geworden“
Aus dem elterlichen Zuhause ist Peter Anduschies im Jahr
2003, zusammen mit seiner Frau, in eine eigene Wohnung
im Stadtteil Bulmke-Hüllen in der Gelsenkirchener Altstadt
gezogen, mittendrin – „inklusives Wohnen“, wie er es nennt.
Für viele Beschäftigte ist er ein Vorbild: Wie er im Beirat die
Interessen der Klientinnen und Klienten vertritt. Wie er
sein Leben meistert, auch angesichts des Rollstuhls, auf
den er angewiesen ist. „Ja, mir ist ein selbstbestimmtes Le-
ben sehr wichtig“, sagt Anduschies und resümiert: „Ich bin
selbstbewusst geworden, seitdem ich mein eigenes Leben
führe.“ Fotos: Barbara Bechtloff10 | Sozialwerk St. Georg | EinBlick 1/2017 Im Blickpunkt
Ausdauer war nicht nur beim gemeinsamen
Laufen von Menschen mit und ohne Assis-
tenzbedarf aus dem Sozialwerk, zuletzt
2016 rund um die Schalke-Arena, gefragt
– auch die Umsetzung des Assistenz
konzepts „Qualität des Lebens“ bleibt ein
„Langstreckenlauf“. (Foto: Regina Bruns)
zung des Bundesteilhabegesetzes, die es jetzt zu stemmen bot auf Zeit – schon beim Einzug des Klienten soll und
gilt, und bringen uns gerne mit ein“, sagt Meyer. (Lesen muss das thematisiert werden“, so Bernshausen. „Ein Le-
Sie mehr zum Bundesteilhabegesetz auf Seiten 20-21.) ben ohne professionelle Assistenz bleibt das Ziel.“ Deshalb
„Menschen stärken, ihr Leben zu gestalten und Neues zu heiße es seit der Einführung des Assistenzkonzepts Quali-
wagen, dass sie sagen: ‚Ich nehme mein Leben in die Hand‘, tät des Lebens im Jahr 2012 zum Beispiel „Zukunftspla-
um mehr Teilhabe zu erreichen, das wollen wir mit unse- nung“ statt „Betreuungsplanung“ oder „Persönliche Assis-
rer Empowerment-Initiative bewirken“, bekräftigt Vorstand tenz“ statt „Bezugsbetreuer“.
Gitta Bernshausen. Es sei zum einen das besagte aktuelle Die Einführung der Qualität des Lebens mit der Einfüh-
politische Thema. „Wir wollten das aber schon immer“, rung der Teilhabebegleitung sei ein Paradigmenwechsel
stimmt Bernshausen mit Meyer überein. gewesen – und sei beileibe kein „Sprint“, sondern bleibe
ein „Langstreckenlauf“.
| „Empowerment braucht einen Angesichts dessen bemerkt Bernshausen: „Viele im Sozial-
werk St. Georg hatten bei der Einführung des Bundesteil-
langen Atem!“ (Gitta Bernshausen) habegesetzes ein Aha-Erlebnis: Da sind wir ja schon recht
gut aufgestellt.“ Bei früheren, darauf vorbereitenden Unter-
„Ein Mensch ist mehr als die Summe seiner Einschränkun- nehmensentscheidungen habe es manchmal geheißen:
gen“, gibt sie zu bedenken. Die Wirkung dieser Einschrän- „Warum eigentlich wir?“ Jetzt aber zahle sich aus, dass das
kungen gelte es auszugleichen. Denn das Ziel klassischer Sozialwerk seit 2009 sein neues Assistenzkonzept entwickelt
Sozialarbeit sei ja, „sich selbst überflüssig zu machen.“ Das hat. „Man muss manchmal einen langen Atem haben“, re-
Leben in Wohneinrichtungen sei idealerweise ein „Ange- sümiert Bernshausen.
Empowerment – im Leitbild?
Basis für das Sozialwerk St. Georg ist dabei stets das Leitbild Wichtig zu betrachten ist hier auch der Zusammenhang von Sozi-
„Gemeinsam. Anders. Stark.“ des Unternehmens. Dort ist alwerk, Klient und Sozialraum. Mit Blick auf die Quartiersar-
der Begriff Empowerment zwar nicht ausdrücklich erwähnt; beit lautet dabei die Leitfrage: „Wer braucht wen für Empow-
das Empowerment-Ziel, dass Klientinnen und Klienten des So- erment?“ Das Leitbild stellt dazu fest: „Dienste und Einrichtungen
zialwerks sich selbst stärken und/oder bemächtigt werden, sind in ihrem Wirken aktiver Teil ihres jeweiligen Sozialraums. Sie
findet sich aber zum Beispiel im Passus über die Personzent- fördern die Gestaltung von Nachbarschaft – unter Nutzung und
rierung. Hier geht es um das Fokussieren auf die Potenziale Anregung aller Ressourcen, die an dem vom Klienten gewählten
des Menschen anstelle einer defizitorientierten Sichtweise: Wohnort im Gemeinwesen zur Verfügung stehen.“
„Ausgangspunkt aller Dienstleistungen sind immer der indivi- Beispiel Bildung als Wirkungsfeld zur Stärkung des Menschen
duelle Bedarf der Person und ihre ganz persönlichen Wün- – hierzu heißt es im Leitbild: „Bildung, Arbeit und Tagesge-
sche, Fähigkeiten und Entwicklungsmöglichkeiten. Es staltung sind wichtige Wirkungsfelder in Bezug auf das Einbe-
kommt darauf an, die persönlichen Ressourcen gemeinsam zogensein und Sinn gebend für die Qualität des Lebens von
aufzuspüren, erfahrbar zu machen und für die persönliche Menschen. Sie wirken durch die Erweiterung des sozialen Netz-
Entwicklung zu nutzen. Ziel ist es, Menschen mit Assistenz- werkes unmittelbar auf ihr Selbstwertgefühl und die soziale
bedarf ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.“ Sie sol- Inklusion.“
len nach „Kräften mitwirken und sich befähigen, (...) un- Zum Leitbild des Sozialwerks St. Georg:
abhängig leben zu können.“ www.gemeinsam-anders-stark.de/leitbildIm Blickpunkt EinBlick 1/2017 | Sozialwerk St. Georg | 11
Stammkunde im Bildungsatelier
Gemeinsam.
Stark.
Machen! 2017
„Gemeinsam. Stark. Machen!“ – wie
hier in Winkhausen, wo Sebastian Er-
misch im Rahmen des WissensWert-Bil-
dungsateliers durch Astrid Kyllar-Schaefer
gefördert wird. Mehr Fotos auf:
www.gemeinsam-stark-machen.de
Sebastian Ermisch (35) lebt seit einigen Jahren in der großes Hobby ist Geschichte, aktuell bearbeitet er gemein-
Wohneinrichtung Haus Winkhausen und sagt: „Mich sam mit Astrid Kyllar-Schaefer ein Buch über Ägypten.
stärkt die Einzelförderung!“ Damit meint er die Einzel-
förderung des WissensWert-Bildungsateliers, die er seit | „Unabhängiger werden“
etwa drei Jahren nutzt.
Das Bildungsatelier bietet seit nunmehr sechs Jahren im Auf die Frage, warum ihm diese zusätzliche Unterstützung
Unternehmensbereich Westfalen-Süd Bildungsangebote für so wichtig ist, antwortet er: „Ich möchte im Alltag unab-
Menschen mit und ohne Assistenzbedarf an. Neben einer hängiger werden. Durch die Mathematik- und Recht-
Wohnschule und dem ganzjährigen Seminar- und Workshop- schreibübungen gelingt es mir mittlerweile viel leichter,
Programm ist die Einzelförderung eine von drei Säulen des meine Einkäufe zu erledigen – zum Beispiel die einzelnen
Bildungsateliers. In mittlerweile elf Wohneinrichtungen Beträge zu addieren oder die Produktnamen zu lesen
und Tagesstätten kümmern sich drei Lehrkräfte um die in- klappt schon viel besser, als noch vor ein paar Jahren.“
dividuelle Förderung der jeweiligen Klienten. Sebastian Ermisch hat vor drei Jahren auch schon die
Die Inhalte sind dabei so vielfältig wie die Teilnehmenden Wohnschule besucht. Er überlegt kurz und sagt: „Ich bin
selbst. Projektkoordinator Christoph Tigges erläutert: „Es also schon Stammkunde des Bildungsateliers!“
kann sich um lebenspraktische Dinge handeln, wie etwa Stefan Kuster | EinBlick-Redaktion
die Uhr lesen zu lernen oder Bildrezepte zu deuten, um
sich unabhängiger selbst versorgen zu können.“ Aber auch
konkrete Schul- und Ausbildungsbegleitung sei in Anbe-
tracht vieler jüngerer Klienten zunehmend gewünscht.
Andere wiederum wollen einfach ihre Kenntnisse und Fähig-
keiten auffrischen. Christoph Tigges: „Im Prinzip sind der
Einzelförderung keine Grenzen gesetzt; der Unterrichtsin-
halt gestaltet sich grundsätzlich nach den Ideen und Wün-
schen der Teilnehmenden.“ Dies geschehe teilweise in
Rücksprache mit der Wohneinrichtung, der Schule oder
dem Jugendamt. „Häufig sind die Themen auch zielrele-
vant im Rahmen der individuellen Zukunftsplanung des
Klienten“, berichtet Tigges mit Blick auf die Ziele, die die
Klienten in Bezug auf das Assistenzkonzept Qualität des
Lebens des Sozialwerks regelmäßig für sich definieren.
Doch zurück zu Sebastian Ermisch: Er legt großen Wert auf
Kontinuität und nutzt die Unterstützung durch die Lehr-
kraft Astrid Kyllar-Schaefer wöchentlich. Seine Einzelförde-
rung dauert etwa 30 bis 40 Minuten. Die Fächer Mathema-
tik und Deutsch interessieren ihn dabei besonders. Sein Fotos: Christoph Tigges12 | Sozialwerk St. Georg | EinBlick 1/2017 Im Blickpunkt
Die acht „Domänen“ zur
Orte des Empowerments
U
m Menschen die Macht über ihr Mehrere „Wohnschulen“ stärken Men-
eigenes Leben zu geben, unter- Persönliche Entwicklung –
schen mit Assistenzbedarf ganz lebens-
stützt das Sozialwerk sie auf ver-
schiedene Weise, damit sie zum Beispiel Ent-
Das persönliche Plus
praktisch (siehe nachfolgenden Ab-
schnitt).
scheidungen fällen, für sich eintreten oder Auch die Berufsbildungsbereiche der
Die
Verantwortung für sich und andere überneh-
acht „Domänen“ zur Qualität
• des Lebens
Dinge lernen,
verschiedenen Werk- an und denen
Tagesstätten
men können. Dabei gibt es konkrete Orte Sie
sindinteressiert
in diesem Sinn ein sindOrt des Em-
und ganz verschiedene Möglichkeiten zu Persönliche Entwicklung – powerments.RechteMöglichkeiten
– zur Be-
Bildung und persönlicher Entwicklung. An-
Das persönliche Plus
• Dinge lernen, an denen
• Fähigkeiten
rufsausbildung bietet erlernen,
Mit Recht ... und Respekt!
zum Beispiel auch
• Ihre Rechte im Privatleben
gebote finden Klientinnen und Klienten im die INTZeit-Arbeit gGmbH, der Inklusi-
Bildungsprogramm von bilden & entwi-
Sie interessiert sind
• Fähigkeiten erlernen,
um unabhängiger
onsbetrieb
• Die Möglichkeit, dass Siezu werden
des
sagen,Sozialwerks.
was Sie denken, undAllgemein
dass
um unabhängiger zu werden man Ihnen zuhört
ckeln oder im Bildungsangebot des Wissens- • Für sich selbst sorgen können • Für sich• Sich
gesprochen: selbst
Überall sorgen
dort, können
wo Bildung
politisch engagieren
oder mitmachen
Wert-Bildungsateliers (siehe „Stammkunde • Eigenen Interessen nachgehen können und Qualifizierung stattfinden, wird
im Bildungsatelier“, Seite 11).
• Zugang zu Informationen haben
• Eigenen
Empowerment Interessen
gefördert. nachgehen
Selbstbestimmung – Emotionales Wohlbefinden –
Mein Wille, mein Weg! • ZugangIchzufühlInformationen
mich gut! haben
• Ihre eigene Wahl treffen • Gut für sich und das eigene
• Ihre eigene Meinung sagen seelische Wohl sorgen
• Nach Ihren persönlichen • Einen guten Umgang mit Sorgen oder
Zielen und Wünschen handeln Lösungen für Probleme finden
Eine Schule fürs Leben Selbstbestimmung – • Sich zu Hause und woanders
gut und sicher fühlen
Soziale Beziehungen –
Beziehungsweise ...
Mein Wille, mein Weg!
Physisches Wohlbefinden –
Gesundheit, Sport und Ernährung
B
eispiel Wohnschule: Selbstbestimmt und •eigenstän- imhaben,
Die Kontakte, die Sie nördlichen Westfalen zum• Beispiel fürunddie
Sich bewegen Kreise
gut dabei Coes-
fühlen
oder die Zeit, die Sie mit Ihrer Familie• Ihre eigene Wahl
• Eine abwechslungsreiche treffen
und gesunde
dig zu leben ist ein Grundbedürfnis jedes Menschen.
und/oder Freunden feld oder Soest – möchten Menschen
verbringen mit
Ernährung haben einer geistigen
Die Ambulanten Wohnschulen des Sozialwerks• Der Respekt– Behinderung
oder die Rückmeldung, oder Lernbehinderung dabei unterstützen,
die Sie von Ihrer Familie oder
Freunden bekommen
• Ihre eigene Meinung
• Bei Erholungs-
mitmachen sagen
und Freizeitaktivitäten
ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und eine möglichst
• Die Unterstützung, die Sie von Ihrer
eigenständige
Familie und Freunden bekommen •Lebensführung
Nach Ihren persönlichen
zu verwirklichen. Der Empo-
werment-Leitspruch
• Der Respekt, den Sie von anderen „Ich nehme mein Leben selbst in die
Hand!“ passt hierZielen und Wünschen handeln
erhalten
also optimal. Ausgangspunkt sind dabei
Soziale Inklusionimmer – der individuelle BedarfMaterielles
der Kursteilnehmenden
Wohlbefinden – und
Mittendrin! Nix los ohne Moos?
ihre ganz persönlichen Wünsche, Fähigkeiten und Ent-
• Die gemeinschaftlichen Aktivitäten, • Mit dem eigenen Geld zurecht-
wicklungsmöglichkeiten im Hinblick
an denen Sie teilnehmen auf eine Verbesserung
und auskommen
ihrer Qualität des Lebens.
• Die Kontakte, die Sie in Ihrer • Eine bezahlte Arbeitsstelle haben
Nachbarschaft haben • Persönlich wichtige Dinge
Dieter Kornmann, Geschäftsführer
• Sich gegenseitig helfen des Sozialwerks St. Georg
besitzen
Westfalen-Nord,
• Die Mitgliedschaften,
in Organisationen haben
die Sie
Soziale Beziehungen –
ist vom Erfolg der Wohnschule im Sinne
des Empowerments, des Stärkens der teilnehmenden Men-
Beziehungsweise ...
schen mit Assistenzbedarf, überzeugt.
| „Menschen • Die findenKontakte, eine diePerSie haben,
spektiveoder die Zeit,
für sich!“ dieKornmann)
(Dieter Sie mit Ihrer
und/oder Freunden verbringen
Er schwärmt: „Die Geschichten, die die Teilnehmerinnen und
• Der
Teilnehmer hinterher Respekt
erzählen, sind deroder die Rückmeld
größte Ansporn, die
Wohnschule vielendie Sie von
Menschen Ihrer
anzubieten, Familie
damit diese eine oder
Perspektive für sich finden.“ Das sei für das Sozialwerk auch
Freunden
eine Möglichkeit, in der Region, wo bekommen
es keine anderen eigenen
Einrichtungen gebe, bekannter zu werden. Er bekräftigt: „Die
• Die Unterstützung, die Sie von
Wohnschule ist im besten Sinne gemeinnützig.“
Lesen Sie die ganzeFamilie undaufFreunden
Geschichte bekomm
den Seiten 32-33:
„Plakat-Power“: Wolfgang Meyer und Gitta Bernshausen präsentieren „Was macht … die Wohnschule Dülmen?“
das Jahresthema 2017 des Sozialwerks „Gemeinsam. Stark. Machen!“ • Der Respekt, den Sie von ande
vor dem Begegnungszentrum Schacht Bismarck in Gelsenkirchen.
(Foto: Stefan Kuster)
erhaltenIm Blickpunkt EinBlick 1/2017 | Sozialwerk St. Georg | 13
Verantwortung übernehmen
Gemeinsam.
Stark.
Machen! 2017
„Gemeinsam. Stark. Machen!“ – wie
hier im Secondhandladen Pünktchen und
Kariert, wo Daniela Lambrecht und Marita
Schüpphaus Kleidung und mehr verkau-
fen. Mehr Fotos auf:
www.gemeinsam-stark-machen.de
Daniela Lambrecht (25) arbeitet in Hamm. Sie sagt: und erledigt sie schnell und verantwortungsbewusst.“
„Mich stärken Frau Schüpphaus und die Arbeit im Daraufhin sagt Daniela Lambrecht: „Frau Schüpphaus be-
Laden Pünktchen und Kariert!“ handelt mich genau wie die anderen Mitarbeitenden, ich
Der Secondhand-Laden in Hamm ist bei Kunden so beliebt, werde da nicht in Watte gepackt.“ Sie fügt hinzu: „Ein gu-
dass er sich seit diesem Jahr selbst trägt und nicht mehr auf tes Arbeitsklima ist mir wichtig und dass der Kunde eine
die Förderung durch die Aktion Mensch angewiesen ist. gute Beratung bekommt.“ Und zum Schluss bekennt sie:
Das inzwischen breite und teils hochwertige Angebot – „Gerne will ich weiter Schritt für Schritt lernen.“
Kleidung, Schuhe und, abhängig von den Spenden, auch Stefan Kuster | EinBlick-Redaktion
Sonderartikel wie Spielzeug oder Bücher – trägt dazu bei,
dass der Laden „eine schwarze Null schreibt“, sagt Fach
leiter Sven Hoppe.
Vor allem aber können dort Förderschüler des Kooperations-
partners Erich-Kästner-Schule und Menschen mit Assis-
tenzbedarf, die durch das Sozialwerk begleitet werden, das
Arbeiten kennenlernen: „Wir bieten hier ein Arbeitsum-
feld, das dem Alltag möglichst nahe kommt“, so Hoppe.
|„
Verantwortung ist super!“
Ihren Anteil am Erfolg des Modeladens hat sicherlich auch
Daniela Lambrecht. Sie erzählt: „Ich bin seit der Eröffnung
2013 dabei. Ich habe hier an der Kasse gearbeitet und ge-
lernt, die Kunden zu beraten.“ Nun könne sie den Laden
auch selbstständig öffnen oder am Ende des Betriebs den
Kassenabschluss machen. „Hier Verantwortung zu über-
nehmen hat mein Selbstwertgefühl gesteigert. Die Verant-
wortung, die ich bekomme, ist super!“
Daniela Lambrecht hat früher im Kontrapunkt Hamm-
Heessen gelebt, einem Wohnverbund des Sozialwerks. Seit
drei Jahren lebt sie nun aber schon selbstständig in einer
eigenen Wohnung in Hamm.
Daniela Lambrecht kannte aus dem Kontrapunkt bereits
Marita Schüpphaus, die dort als Persönliche Assistentin ar-
beitete. Die heutige Verkaufsleiterin des Ladens sagt: „Frau
Lambrecht verfügt über eine gute Auffassungsgabe. Sie
Fotos: Barbara Bechtloff
übernimmt mit großer Freude alle anfallenden Aufgaben14 | Sozialwerk St. Georg | EinBlick 1/2017 Im Blickpunkt
Offenheit, Mut und Verantwortung
D
r. Fritz Krueger ist seit 2010 Ombudsmann des So- werk St. Georg Entscheidungs- und Selbstbestimmungsfä-
zialwerks St. Georg. Der Begriff „Ombud“ kommt higkeit zuzuerkennen, sei kein Gnadenakt, so Krueger. „Es
aus dem nordischen Sprachraum und bedeutet bedeutet vielmehr, unvoreingenommen und vorbehaltlos
Vermittlung, Vertretung, Unterstützung. Der Ombuds- zu respektieren, dass jeder Mensch in der Lage ist, etwas
mann wurde vom Vorstand und dem Verwaltungsrat be- zu bewirken und Einfluss zu nehmen – das gilt auch für die
mächtigt, sich für die Menschen einzusetzen, die Dienstleis- angestellten Mitarbeitenden.“
tungen des Sozialwerks in Anspruch nehmen. Er hilft, „dass Fritz Krueger hat ein offenes Ohr für die Wünsche und Pro-
sich Menschen mit Ohnmachtserfahrungen selbst bemächti- bleme der Menschen mit Assistenzbedarf im Sozialwerk.
gen“, so Dr. Krueger. Er trifft sich zum Beispiel regelmäßig mit den Beiräten der
Einrichtungen und der Werk- und Tagesstätten. Auf diese
| „Ohn-Macht verhindern!“ Weise erfährt er vieles über die Lebens- und Arbeitsbedin-
(Dr. Fritz Krüger) gungen im Sozialwerk. „Als Ombudsmann stärke ich aber
auch die Mitarbeiterschaft darin, die Anliegen, Beschwer-
Der Ombudsmann erläutert: „Offenheit, Mut und Verant- den und Kritik als Chance zu betrachten und somit ge-
wortung sind Tugenden, die im Sozialwerk St. Georg Em- meinsam konstruktive Lösungen zu finden und so die
powerment ermöglichen, die jedem Menschen mit Hilfebe- Dienstleistungen kontinuierlich zu verbessern. Empower-
darf Macht im Sinne der Unternehmensidee zugestehen ment ist also keine Einbahnstraße.“
und damit Ohnmacht verhindern.“ Menschen im Sozial-
Herzlich willkommen!
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mpowerment-Beispiel Willkommensmappe: Damit Gemeinsam. Anders. Stark.ilige ssGe orn
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ich bemächtigt werde, selbstbestimmt zu handeln, Herzlich willkommen
im Sozialwerk St. Georg!
brauche ich zunächst einmal Informationen über
die Menschen, die mich umgeben, die Möglichkeiten, die
ich in meiner Wohneinrichtung und darüber hinaus habe, Um IhnenDerIhr AnkoGeorgmme der n im atro
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über das Quartier, in dem ich lebe, den Sozialraum. Erst dann geleSt. Geor und Ihren des Sozial-
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kann ich mein Leben tatsächlich in die eigene Hand nehmen.
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„Es gibt nichts Gutes,
außer man tut es.“
(Erich Kästner)
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den nächsten Karten.
Start im Sozialwerk eine Willkommensmappe durch die
Einrichtungen und Dienste erhalten. Die Mappe enthält
gesammelt die grundsätzlichen Informationen rund um die
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tet Handzettel mit allgemeinen Informationen, zum Bei-
spiel über das Leitbild, den Namenspatron des Unterneh-
mens, über das Assistenzkonzept Qualität des Lebens, die Der Vorstand schreibt in seinem Grußwort zur Mappe im
Persönliche Assistenz oder über den Ombudsmann. Außer- Sinne des Empowerments unter anderem: „Nutzen Sie die
dem sind standardmäßig individuell gestaltbare Handzettel Chancen, die das Sozialwerk Ihnen bietet. Sie werden viele
mit Informationen über die Einrichtung und den jeweiligen neue Menschen kennenlernen. Wir möchten Sie ermuti-
Beirat integriert. Separat können bei Bedarf weitere Hand- gen und einladen: Finden Sie in den Gesprächen und Be-
zettel mit lokalen Informationen – zum Beispiel über dau- gegnungen mit ihnen gemeinsam heraus, welche Unter-
erhafte interne Angebote oder externe Selbsthilfegruppen stützung zu Ihnen passt, welche Assistenz genau für Sie
und Treffpunkte etc. – online gestaltet, bestellt und durch persönlich richtig ist. Wir wünschen Ihnen eine starke Zeit
die Einrichtungen und Dienste nachträglich den Mappen im Sozialwerk St. Georg, ganz im Sinne unseres Leitmotivs
beigefügt werden. ‚Gemeinsam. Anders. Stark.‘“Im Blickpunkt EinBlick 1/2017 | Sozialwerk St. Georg | 15
Expertin in eigener Sache
Gemeinsam.
Stark.
Machen! 2017
„Gemeinsam. Stark. Machen!“ – wie
hier in der TS EigenArt in Gelsenkirchen,
wo Jenny Kapteina durch ihren Mann
Oliver und ihre Persönliche Assistentin
Margarete Pysik-Klyscz gestärkt wird.
Mehr Fotos auf:
www.gemeinsam-stark-machen.de
Jenny Kapteina (30) hat im Kunstbereich der Tagesstätte ten Konfliktsituationen am besten verhalten soll: bei Mei-
EigenArt gewissermaßen ein Heimspiel: Eine ganze Reihe nungsverschiedenheiten etwa, in Situationen, wo etwas aus
ihrer farbenfrohen Bilder sind hier im Raum verteilt zu be- der Welt geschafft werden muss. Jenny Kapteina meint:
wundern. „Denn im Grunde bin ich ein sehr harmoniebedürftiger
Die Gelsenkirchenerin ist seit 2006 Klientin des Ambulant Mensch, eher der zurückgezogene Typ, der versucht, die
Betreuten Wohnens. Sie sagt: „Mich stärken mein Mann, meisten Sachen mit sich selbst auszumachen.“ Sie brauche
meine Persönliche Assistentin – und mein Kater!“ diese ihre beiden Vertrauenspersonen – „damit ich nie wie-
Jenny Kapteina beschreibt mit Blick auf die von ihr geschaf- der in meine dunklen Löcher der Stille und Depression falle“,
fenen Kunstwerke: „Mal ist es die Kunst in der Tagesstätte, wie sie es beschreibt.
die mich stärkt, mal ist es ein Seminar wie „Train the Trainer“, Margarete Pysik-Klyscz erklärt: „Durch die Teilnahme an
bei dem ich 2016 in sechs Sitzungen darauf vorbereitet wur- psycho-edukativen Gesprächsrunden erweitert Frau Kapteina
de, selbst Seminare zu geben.“ Nicht alle Teilnehmenden ihre Handlungskompetenzen im Umgang mit ihrer Erkran-
haben die Ausbildung durchgehalten – Jenny Kapteina aber kung. Der damit erreichte Zustand von Selbstverantwortung
schon, und darauf ist sie schon ein wenig stolz, merkt man und Selbstbestimmung befähigt sie, anspruchsvolle Aufga-
ihr an. Und so referiert sie jetzt ungefähr einmal im Monat ben zu übernehmen.“
eineinhalb Stunden lang aus eigener Perspektive, als „Exper- Zum Schluss sagt Jenny Kapteina noch, Kater Felix tue sein
tin in eigener Sache“, im Einführungsseminar für neue Mit- Übriges, um ihr Kraft zu geben: „Wenn Menschen nicht an
arbeitende des Sozialwerks über das diesjährige Jahresthema mich herankommen, schaffen es immer noch die Tiere!“
Empowerment. Ein weiteres Seminar mit ihr als Dozentin, Stefan Kuster | EinBlick-Redaktion
diesmal für Klientinnen und Klienten, ist schon in Vorberei-
tung: eine Fortbildung über das Schutzkonzept des Sozial-
werks „A wie achtsam“.
|„
Halt und Sicherheit“
Dann kommt Jenny Kapteina zum Kern und bekennt: „Mir
ist es wichtig, dass ich verstanden werde als Borderlinerin.“
Menschen mit der sogenannten Borderline-Störung, einer
psychischen Erkrankung, benötigen ein besonders Halt bie-
tendes Umfeld. Jenny Kapteina berichtet: „Die Sicherheit,
die gerade die beiden – mein Mann Oliver und meine Per-
sönliche Assistentin, Frau Pysik-Klyscz – mir geben, ist mir
sehr wichtig!“ Sie erläutert: „Wir reflektieren oft, wie etwas
gelaufen ist. Dadurch erhalte ich so manche Anregung, wie
ich Dinge verändern, Verhaltensweisen oder mein Leben
umgestalten kann.“ Zum Beispiel, wie sie sich in bestimm- Fotos: Barbara Bechtloff16 | Sozialwerk St. Georg | EinBlick 1/2017 Im Blickpunkt
Schutzkonzept „A wie achtsam“
E
mpowerment bedeutet auch, stark zu letzt mit der Veröffentlichung des gleichnamigen umfas-
sein oder zu werden gegenüber jegli- senden Schutzkonzepts zur Prävention von Gewalt,
cher Form von Gewalt. Seit 2011 hat Missbrauch und Diskriminierung. Prävention ist da-
sich das Sozialwerk auf den Weg gemacht, durch zu einem Querschnittsthema geworden, das
um ein Zeichen gegen Gewalt im Umgang im Alltag selbstverständlich werden muss. Ein
miteinander zu setzen: so zum Beispiel 2012 Mittel hierfür sind Veranstaltungen zum
mit Leitlinien gegen sexuelle Gewalt, 2013 mit Schutzkonzept auf Einrichtungsebene (lesen
der Benennung der Präventionsbeauftragten und Sie hierzu „Workshop zum Schutzkonzept“
seitdem mit der Ausbildung von Präventionsberatern, seit auf Seite 29).
2014 mit der Schulung aller Mitarbeitenden zur Gewalt-
prävention und der Kampagne „A wie achtsam“ oder zu- Stefan Kuster | EinBlick-Redaktion
Empowerment: Mitmachen! Mich stärkt:
Machen Sie mit bei unserer Aktion zum Jahresthema Empow-
erment und gehen Sie auf www.gemeinsam-stark-ma-
chen.de! Dort finden Sie nicht nur viele weitere Fotos zu den
Geschichten dieses Blickpunkts, sondern haben auch die Mög-
lichkeit, ein Foto von sich hochzuladen. Überlegen Sie dazu:
Was stärkt Sie ganz persönlich? Wer macht Sie stark?
Wer oder was hilft Ihnen dabei, Ihr Leben in die Hand
zu nehmen?
Schreiben Sie Ihre Antwort dann einfach auf das diesem
EinBlick beiliegende Plakat – oder laden Sie es sich von un- ne können Sie auch ein Foto zusammen mit einer Person
serer Internetseite herunter und drucken es aus. Halten Sie machen, die Sie stärkt. Und vielleicht gibt es einen besonde-
Ihr schriftliches Statement dann einfach in die Kamera. Ger- ren Ort, den Sie mit Empowerment verbinden, an dem das
Bild entstehen kann? Das Foto laden Sie anschließend auf
www.gemeinsam-stark-machen.de hoch, zeigen damit Ge-
sicht und werden Teil unserer Empowerment-Initiative. Die-
se Internetseite wird im Jahresverlauf mit weiteren Inhalten
ergänzt werden. Es lohnt sich also, immer mal wieder darauf-
zuschauen!
Seien Sie zum Beispiel gespannt auf einen Film, der gerade
entsteht. Für diesen Kurzfilm zum Thema Empowerment
haben Menschen mit und ohne Assistenzbedarf in der Tages-
stätte EigenArt in Gelsenkirchen gemeinsam das Drehbuch
entwickelt. Die Gruppe begibt sich dabei als Ermittlerteam à
la Sherlock Holmes auf die Suche „nach dem, was uns stark
macht“. Das Team ist auf seiner filmischen Ermittlungsreise
dem „Geheimnis des Starkwerdens“ auf der Spur und trifft
Menschen, die über ihre persönlichen Erfahrungen mit Em-
powerment sprechen – um das bunte und vielfältige Ange-
bot zum Thema Empowerment im Sozialwerk St. Georg zu
zeigen.
Stefan Kuster | EinBlick-RedaktionSie können auch lesen