Häuser, Palisaden - und "Gärten"? - vor über 5000 Jahren Das neolithische Dorf Überlingen-Osthafen

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Häuser, Palisaden - und "Gärten"? - vor über 5000 Jahren Das neolithische Dorf Überlingen-Osthafen
Häuser, Palisaden – und „Gärten“? –
                               vor über 5000 Jahren
                               Das neolithische Dorf Überlingen-Osthafen
                               Ob schon die jungsteinzeitlichen Bauern der Pfahlbausiedlungen am Boden-
                               see Linsen und Erbsen in Gärten im heutigen Sinne angebaut haben, ist nicht
                               genau zu sagen. Ungeachtet dessen bot die 2021 in Überlingen stattfin-
                               dende Landesgartenschau einen Anlass, die spätestens seit 1935 bekannten
                               Pfahlfeldreste vor Überlingen durch die Landesdenkmalpflege näher zu unter-
                               suchen, um diese besser schützen zu können. Dabei wurden der Erhaltungs-
                               zustand erfasst sowie neues Material für Datierung und Untersuchung der
                               Holzarten geborgen, Funde aus privaten Sammlungen und dem Stadtmuseum
                               Überlingen gesichtet und neu eingeordnet. Die jungsteinzeitliche Siedlung
                               existierte nach ersten Ergebnissen der laufenden dendrochronologischen Ana-
                               lysen ab dem Jahr 3197 v. Chr. Ihr Beginn ist somit etwa 20 Jahre vor der ersten
                               Bauphase der nahegelegenen Seeufersiedlung von Nußdorf-Strandbad anzu-
                               setzen. Im Umfeld, dem heutigen Stadtgebiet, wurden Äcker bewirtschaftet
                               und neben Getreide Lein und Mohn angebaut, wie erste archäobotanische
                               Analysen zeigen.
                               Joachim Köninger/ Sabine Hagmann/ Tanja Märkle/ Elena Marinova/ Oliver Nelle

                               Pfähle vor Überlingen –                              sein: Auf der von Ludwig Erb angefertigten geo-
                               schon lange bekannt?                                 logischen Spezialkarte von Baden (Blatt Mainau)
                                                                                    wird am Ufer vor Überlingen ein ausgedehntes
                               Mit der Landesgartenschau rückten die Überlinger     Pfahlbauareal ausgewiesen.
                               Pfahlbauten in den Fokus der Denkmalpflege. Der      Bis Anfang der 1990er Jahre basierte das Wissen
                               Bodensee gilt manchen „als Wiege der deutschen       zu den Überlinger Seefundstellen auf Angaben der
Glossar
                               Gartenbaukunst (…). Schon die Menschen in den        Sammler, die seit den 1960er Jahren Funde auf-
Brandschicht                   prähistorischen Pfahlbausiedlungen am See gärt-      gelesen hatten und Angaben zu den Fundarealen
Eine Kulturschicht, die        nerten“ (aus: Sehnsuchtsorte, Magazin der Schlös-    machten. Demnach stammte das Fundmaterial
überwiegend aus dem            ser, Burgen, Gärten und Klöster in Baden-Würt-       aus den Flachwasserzonen östlich des 1977 an-
Schutt abgebrannter Pfahl-     temberg 2020/21). Allerdings dürften die jung-       gelegten Osthafens und westlich davon aus dem
häuser besteht.                steinzeitlichen „Gärten“ kaum dem entsprochen        Bereich des heutigen Strandbades.
                               haben, was heute unter einem Garten zu verste-       Die zwischen 1993 und 2003 vom Landesdenkmal-
Detritus                       hen ist.                                             amt Baden-Württemberg durchgeführten Prospek-
lat. „Abrieb“, bezeichnet      Die Überlinger Pfahlbauten standen lange Zeit im     tionsmaßnahmen brachten erste Informationen
zerfallende organische
                               Schatten der bereits in den 1860er Jahren ent-       zur Ausdehnung und zum Zustand der einzelnen
Substanzen (Reste von to-
ten Pflanzen und Tieren) in
                               deckten Seeufersiedlungen im benachbarten Nuß-       Fundstellen. Demnach lassen sich vier Siedlungs-
Gewässern im Zustand der       dorf und Maurach, die leichter zugänglich und        areale unterscheiden (Abb. 1). Kulturschichten und
Aufschließung, bildet die      durch ihren Fundreichtum wesentlich lukrativer       Pfahlfeld in nennenswerter Ausdehnung konnten
Matrix der Kulturschichten.    waren. Dem Archiv des Überlinger Stadtmuseums        indes einzig für die Station Überlingen-Osthafen
                               zufolge dürften die Überlinger Pfahlbauten frü-      festgestellt werden (Abb. 2). Die Ufersiedlungen
Horgener Kultur                hestens in den 1880er Jahren entdeckt worden         am Mantelhafen und am Strandbad liegen über-
eine jungsteinzeitliche Kul-   sein. Frühe Fundvermerke datieren in die 1890er      wiegend unter Uferaufschüttungen und sind so-
tur zwischen 3400 und
                               Jahre. In den einschlägigen Veröffentlichungen des   mit Nachforschungen weitgehend entzogen. Die
2800 v. Chr. auf dem Ge-
                               19. und frühen 20. Jahrhunderts wurden dagegen       Station am Yachthafen wurde seit dessen Anlage
biet der Schweiz und des
südlichen Baden-Württem-       für das Ufer der Stadt Überlingen keine Pfahlbau-    in den 1930er Jahren sukzessive durch ausgrei-
bergs, mit zahlreichen See-    ten vermeldet. Spätestens im Jahr 1935 müssen        fende Baggerungen bis auf Kulturschichtreste vor
ufersiedlungen.                Pfähle und Strukturen jedoch bekannt gewesen         der Schwallwand des Hafens größtenteils beseitigt.

                        126    Denkmalpflege in Baden-Württemberg   2 | 2021
Häuser, Palisaden - und "Gärten"? - vor über 5000 Jahren Das neolithische Dorf Überlingen-Osthafen
1 Ufersiedlungen in der
                                                                                                                                               Siedlungskammer von

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                                                                             ch
                                                                          ba
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                                                                         b
                                                                      To
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                                                                                                                                               Kulturschicht
                               1                                                                                                               Im wassergesättigten
                                                                                                                                               Milieu der Seesedimente
                                            2                                                                                                  mente unter Sauerstoff-
                                                                                                                                  ac
                                                                                                                                       h       abschluss hervorragend
                                                                                                                             ßb
                                                                                                                        Nu                     erhalten gebliebener Sied-
                                                                                                                                               lungsabfall. Insbesondere
                                                                         3                                                                     hervorzuheben sind die
                                                                                                   B2                                          zahlreichen makroskopi-
                                                                                                                                               schen und mikroskopi-
                                                                                           4                                                   schen Pflanzenreste
     250      0      250       500 m                                                                                                           (Früchte, Samen, Blätter,
                                                                                                                                               Pollen, Hölzer) und Tier-
   1 Überlingen-Mantelhafen
   2 Überlingen-Yachthafen
                                   A Überlingen, Gräben der mittelalterlichen Stadtmauer
                                   B potentielle Anbauflächen                                      5                C                          reste (neben Knochen und
   3 Überlingen-Strandbad           1 Parabraunerden/-rendzinen aus Geschiebemergel,                                                           Geweih auch Insekten-
   4 Überlingen-Osthafen
   5 Nußdorf-Seehalde
                                    2 Parabraunerden aus würmzeitlichen Schottern
                                   C Bodenseeried                                                             6                                sowie Parasitenreste) die
   6 Nußdorf-Strandbad             D Hügelland eiszeitlicher Drumlins                                                                          außerhalb der Feuchtge-
   7 Nußdorf-Constantinhalde                                                                                                               7
                                                                                                                                               biete und Seen kaum er-
                                                                                                                                               haltungsfähigen organi-
Sämtliche Siedlungsreste am Mantelhafen und am                                    Im März 2009 wurden drei Erosionsmarker gesetzt              schen Funde wie z. B. ge-
                                                                                                                                               webte Textilien aus Flachs
Yachthafen liegen ganzjährig zum Teil in erheb-                                   und in der Folgezeit bis 2018 regelmäßig abgele-
                                                                                                                                               oder Geflechte aus Gehölz-
licher Wassertiefe. Ohne Tauchausrüstung sind nur                                 sen (Abb. 3). Die festgestellten Abspülungen, vor            bast, darunter Netze und
die landseitigen Areale am Osthafen zugänglich.                                   allem aber der Umstand, dass das Pfahlfeld in wei-           Schnüre, Reste von Schu-
                                                                                  ten Teilen im Abgang begriffen ist, machten aus              hen und Hüten, Holz-
Überlingen-Osthafen                                                               denkmalpflegerischen Gründen eine systemati-                 gegenstände und -abfälle
                                                                                  sche Pfahlfeldaufnahme nötig, die seit 2019 unter            (Beilgriffe, Pfeile und Pfeil-
                                                                                                                                               bögen, Holzabfälle wie
In einem ersten Prospektionstauchgang im Jahr                                     Einsatz satellitengestützter GPS-Systeme stattfin-
                                                                                                                                               Späne).
1993 konnte östlich des Osthafens das Pfahlfeld                                   det (Abb. 4). Bis Januar 2021 konnten knapp 1000
und an dessen seeseitigem Rand ein an der Ober-                                   Pfähle kartiert und durch Beproben gesichert wer-
fläche austretender Kulturschichtstreifen lokalisiert                             den. Die Oberfläche des umgebenden Seegrundes
werden. In weiteren Tauchgängen wurde das                                         wird mithilfe von georeferenzierten Drohnenauf-
Fundareal mehrfach abgeschwommen, die an der                                      nahmen fortlaufend dokumentiert (Abb. 5), um
                                                                                                                                               2 Überlingen-Osthafen
Oberfläche sichtbaren Pfahlfeldbereiche und Kul-                                  mögliche tiefgreifende Veränderungen am See-                 aus der Drohnenperspek-
turschichtabschnitte ausgesteckt und per Hand-                                    grund bereits im Vorfeld erkennen zu können. Zu-             tive. Die Arbeitsboote in
GPS eingemessen. Einzelne bereits 1993 zu Da-                                     dem wurden vier weitere Erosionsmarker im bis                der Flachwasserzone
tierungszwecken entnommene Eichenpfahlpro-                                        dato weniger bekannten östlichen Pfahlfeld ge-               liegen über den Pfahlbau-
ben blieben zunächst undatiert.                                                   setzt.                                                       resten am Osthafen.
Häuser, Palisaden - und "Gärten"? - vor über 5000 Jahren Das neolithische Dorf Überlingen-Osthafen
Fundstellen wie auch die Schutzmaßnahmen sehr
                                                                                  unterschiedlich waren und sind.
                                                                                  Die Pfahlbaustationen vor Überlingen gehören
                                                                                  nicht zu den nominell auf der Welterbeliste ver-
                                                                                  zeichneten Fundstellen, dennoch sind sie als as-
                                                                                  soziierte Pfahlbaustationen als Teil des Phänomens
                                                                                  im Welterbeantrag enthalten. Sie sind von großer
                                                                                  Bedeutung für Fragen zur vorgeschichtlichen Be-
                                                                                  siedlung am Überlinger See.

                                                                                  Quaggamuscheln und Kamberkrebse

                                                                                  Im Überlinger See wird seit geraumer Zeit das Um-
                                                                                  feld der Ufersiedlungen durch neu eingewanderte
                                                                                  Arten zum Teil tiefgreifend verändert. Die erstmals
                                                                                  Ende der 1990er Jahre bei Wallhausen gesichteten
                                                                                  Kamberkrebse (Orconectes limosus) destabilisieren
3 Taucher beim Ablesen      Es ist aber bereits jetzt schon absehbar, dass ohne   durch flach in die weiche Seekreide gegrabene
eines Erosionsmarkers –     flankierende aktive Schutzmaßnahmen die Sied-         Bauten den Sedimentkörper und fördern die Flä-
Holzpflöcke mit bekann-     lungsreste von Überlingen-Osthafen kaum im See-       chenerosion. Die im Jahr 2016 im Bodensee durch
ten Höhen- und Lage-        grund zu erhalten sein werden. Es ist zu diskutie-    Taucher entdeckte Quaggamuschel (Dreissena ros-
koordinaten dienen als
                            ren, ob das gefährdete Pfahlfeld und der Kultur-      triformis) hat 2018 die Flachwasserzonen des Über-
Bezugsgröße beim Mes-
                            schichtstreifen durch eine schützende, aber teure     linger Sees erreicht. Sie bildet seitdem flächende-
sen des Seegrundniveaus
im Markerbereich mit
                            Kiesabdeckung der Erosion entzogen oder aber die      ckende Muschelteppiche (Abb. 6) und zentime-
einer eigens hierfür kon-   Sicherung von Pfahlfeld und Kulturschicht durch       terdicken Besatz an den Pfählen (s. a. Abb. 3).
struierten Messhilfe.       die komplette Beprobung der Pfähle und die Aus-       Soweit dies bis jetzt zu beurteilen ist, fördert dies
                            grabung ausgewählter Schichtabschnitte ge-            die Entstehung von Erosionsrinnen zwischen den
                            währleistet werden soll.                              Muschelbänken. Was die Beobachtung der Ufer-
                                                                                  siedlungen betrifft, so sind vormals offenliegende
                            Welterbe-Monitoring                                   Flächen durch die Muschelbänke dem beurteilen-
                                                                                  den Blick entzogen. Das Monitoring wird dadurch
                            Monitoringmaßnahmen vor Überlingen geschehen          erheblich erschwert.
                            im Rahmen eines fünfjährigen Gesamtkonzeptes
                            zur Erfassung des Erhaltungszustandes der Feucht-     Das Pfahlfeld von Überlingen-Osthafen
                            bodenfundstellen in Baden-Württemberg. Bei der
                            Erarbeitung der Antragsunterlagen für den seriel-     Das bis dato anhand der deutlich den Seegrund
                            len transnationalen Welterbeantrag „Prähistori-       überragenden Eichenpfähle kartierte Pfahlfeld
4 Kartierung freigelegter   sche Pfahlbauten um die Alpen“ in den Jahren          wurde in einer Gesamtfläche von 265 m2, verteilt
und etikettierter Pfähle    2004 bis 2010 entstand erstmals ein Inventar der      auf vier senkrecht zum Ufer liegende Streifen, sys-
mit Präzisions-GPS im       Fundstellen im gesamten Alpenraum. Dabei wurde        tematisch aufgenommen. Insgesamt wurden 984
Flachwasser.                deutlich, dass sowohl der Kenntnisstand zu den        Pfähle bei Tauch-Einsätzen für eine Holzartenbe-
                                                                                  stimmung und dendrochronologische Datierung
                                                                                  beprobt. Das Pfahlfeld erstreckt sich demnach in
                                                                                  einem 20 bis 25 m breiten uferparallelen Streifen
                                                                                  auf einer Länge von 120 m. Werden die im Westen
                                                                                  bis in die 1970er Jahre offenliegenden Bereiche
                                                                                  hinzugenommen, sind es etwa 200 m Länge. Im
                                                                                  Osten ist die Ausdehnung nicht abschließend ge-
                                                                                  klärt. Berücksichtigt man die ernst zu nehmenden
                                                                                  Angaben der Privatsammler zur Herkunft ihrer
                                                                                  Funde, so könnte das Pfahlfeld uferparallel ehe-
                                                                                  mals 400 bis 500 m lang gewesen sein. Schon
                                                                                  beim derzeitigen Untersuchungsstand ist klar, dass
                                                                                  das Pfahlfeld wesentlich größer ist als bisher an-
                                                                                  genommen. Richtung Ufer sind die Pfähle bereits
                                                                                  bis in den Spitzenbereich erodiert (Abb. 7) und so-
                                                                                  mit nur noch die tiefer gegründeten erhalten. Das
                                                                                  Pfahlfeld ist hier im Verschwinden begriffen.
Häuser, Palisaden - und "Gärten"? - vor über 5000 Jahren Das neolithische Dorf Überlingen-Osthafen
5 Georeferenzierte
                                                                                                                      Drohnenaufnahme des
                                                                                                                      Seegrundes mit einge-
                                                                                                                      tragenen Oberflächen-
                                                                                                                      befunden und aufgenom-
                                                                                                                      menen Pfahlfeldflächen.

                                                                                                                      Pfahlfeld
                                                                                                                      Fläche mit Pfahlstümpfen
                                                                                                                      im Seegrund, welche die
                                                                                                                      Ausdehnung von Sied-
                                                                                                                      lungsarealen und Pfahlbau-
                                                                                                                      stationen markieren. Ein
                                                                                                                      Pfahlfeld ist somit die
                                                                                                                      Summe der Pfähle einer
                                                                                                                      oder mehrerer Pfahlbau-
                                                                                                                      siedlungen (Station).

Seeseitig wird das Pfahlfeld durch mehrere bis zu      Die Anlage fällt somit in den äußerst spannenden
2 m breite Streifen dicht beieinander stehender        Abschnitt der Horgener Kultur, der sich durch mas-
Pfähle begleitet (Abb. 8). Teilweise dürften diese     sive Einflüsse aus dem Einzugsgebiet der Donau
palisadenartig angeordneten Pfahlreihen aufgrund       auszeichnet, was vor allem an der Gefäßkeramik
einiger Radiokarbon-datierter Pfähle der Horgener      festzumachen ist. Verbunden werden damit tech-
Anlage angehören (zur Datierung siehe unten). Die      nische Innovationen: zum einen Rad und Wagen,                  6 Dichter Quagga-
seeseitig vorhandenen Pfahlreihen müssen jünger        der Einsatz von Zugtieren und der Beginn des                   muschelbesatz im Pfahl-
sein, da sie in den Ablagerungen über der Horge-       Pflugackerbaus; zum anderen die Intensivierung                 feldbereich. Oberflächen-
ner Kulturschicht stecken. Sie könnten somit bron-     der Textilproduktion, gebunden an verstärkten                  beschaffenheit und
                                                                                                                      Pfähle werden erst nach
zezeitlich datieren.                                   Leinanbau zur Gewinnung von Flachsfasern – er-
                                                                                                                      dem Abräumen der
                                                       kennbar an den zahlreichen Spinnwirteln im kera-
                                                                                                                      Muschelschicht erkenn-
Bauhölzer und erste Datierungen                        mischen Fundmaterial.                                          bar. Dicht von Muscheln
                                                                                                                      überzogener Eichenpfahl
Gut die Hälfte der bisher geborgenen Pfähle ist auf    Kulturschichten und botanische Funde                           (schwarzer Pfeil) und
die Holzart bestimmt. Sie stammen überwiegend                                                                         frisch ausgeworfenes
von Eschen, Eichen und Pappeln. Hölzer von Erlen       Durch geologische Bohrungen in vier Fluchten und               Seesediment eines Kam-
sind mit 15 Prozent an vierter Stelle und von Wei-     einem Aufschluss wurde der Sedimentaufbau in                   berbaues (roter Pfeil).
den mit 6 Prozent vertreten. Ferner wurde Mate-
rial von Birken, Ahornbäumen, Rotbuchen, Hasel-
sträuchern und Linden verwendet. Holzartenspek-
trum und relative Verteilung ähneln auffällig dem
Pfahlfeld von Nußdorf-Strandbad. Auch dort wur-
de hauptsächlich mit Eschen- und Eichenholz
gebaut, auch dort ist die Pappel die dritthäufigste
vertretene Gehölzart. Dendrochronologische Ana-
lysen an den jahrringreichsten Eichenhölzern erga-
ben Fälldaten, die von 3197 v. Chr. bis 3131 v. Chr.
streuen. Es lassen sich also schon jetzt verschie-
dene Bauphasen zur Zeit der mittleren Horgener
Kultur erkennen. Die möglicherweise erste Phase
beginnt gut 20 Jahre vor der ersten Phase der Sied-
lung Nußdorf-Strandbad. Weitere Bauphasen deu-
ten sich als entweder parallel oder auch alternie-
rend zu Nußdorf an.

                                                                      Denkmalpflege in Baden-Württemberg   2 | 2021   129
Häuser, Palisaden - und "Gärten"? - vor über 5000 Jahren Das neolithische Dorf Überlingen-Osthafen
7 Pfahlspitzen vom            der Flachwasserzone erfasst. Demnach ist der land-    ten darauf hin, dass die steinzeitliche Landnutzung
landseitigen Rand des         wärtige Seegrund bereits bis auf den anstehenden      die Ausbreitung der Obstsorten wie Äpfel, Hasel,
Pfahlfeldes.                  glazialen Ton erodiert. Seekreide ist in einem bis    Brombeeren und ähnliche begünstigten. Die licht-
                              40 m breiten Bereich vor der Halde, dem Steilabfall   liebenden kleinen Bäume und Sträucher, die große
8 Dicht steckende Pfähle
                              zwischen Flachwasserzone und dem eigentlichen         Mengen an Früchten und Nüssen produzieren, wa-
aus dem Bereich der
                              Seebecken, erhalten geblieben. In Haldennähe          ren bestimmt willkommener und wahrscheinlich
Palisaden am seeseitigen
Rand des Pfahlfeldes. Der
                              konnten zumindest am seeseitigen Rand des Pfahl-      geschützter Bestandteil der durch Beweidung und
Pfahlstreifen läuft quer      feldes zwei Kulturschichtabschnitte erfasst wer-      weitere menschliche Tätigkeiten gelichteten Ei-
durch die Horgener Kul-       den. Der steil nach unten ziehende und wenige         chenmischwälder. Somit führte die steinzeitliche
turschicht und sollte         Meter breite uferparallele Schichtstreifen konnte     Landnutzung zu einer deutlichen Veränderung der
demnach jünger datieren.      insgesamt auf etwa 50 m nachgewiesen werden.          Waldzusammensetzung und schuf durch diese
                              Das geborgene Fundmaterial weist die organi-          menschliche Tätigkeit während der Horgener Zeit
                              schen Detritusschicht(en) der Horgener Kultur zu.     auch eine Art vorgeschichtliche „Gärten“ am Bo-
                              Seewärts davon konnten in den Bohrkernen bis          densee.
                              dato keine weiteren, das heißt jüngeren Kultur-
                              schichten, wie sie im Altfundbestand des Städti-      Funde aus Grabungen und Sammlungen
                              schen Museums angezeigt sind (siehe unten), er-
                              bohrt werden.                                         Das von der Oberfläche und aus den Schichtkeilen
                              Eine Sedimentprobe aus der Kulturschicht wurde        geborgene Fundmaterial ist ausgesprochen spär-
                              archäobotanisch analysiert und erlaubt somit Ein-     lich. Es besteht aus wenigen Horgener Scherben
                              blicke in die horgenzeitliche Landwirtschaft und      von Gefäßkeramik, Steinbeilbruchstücken und
                              Landnutzung in Überlingen. Die Probe mit einem        -meißeln, Silices und dem Fragment eines gegos-
                              Volumen von 860 ml enthielt insgesamt 10 617 bo-      senen Bronzestückes. In Privatsammlungen finden
                              tanische Funde, darunter zahlreiche Reste von Kul-    sich vorwiegend (aus Silex gefertigte) Steinarte-
                              turpflanzen, Wildobst und Nüsse. Es konnten           fakte, Funde aus anderen Materalien sind dagegen
                              6 Kulturpflanzenarten nachgewiesen werden, vier       selten. Herausragend ist hier eine Dolchklinge aus
                              verschiedene Getreide (Gerste, Einkorn, Emmer         dichtem, an seinen Rändern trotz dunkler Patinie-
                              und Nacktweizen) und zwei Ölpflanzen (Lein und        rung durch einen dem Rohmaterial mit dunklen,
                              Mohn). Neben den Kulturpflanzen sind die Funde        punktförmigen Einschlüssen. Zu vermuten ist, dass
9 Flächenretuschierter        von Sammelobst, zum Beispiel die Wildapfel- und       es sich hierbei um nordischen Kreideflint handelt
Dolch aus mutmaßlich          Haselnuss-Funde so häufig, dass sie nur aus 20 Pro-   (Abb. 9), wobei die genauere Herkunft aus dem
baltischem Flint aus der      zent der 2 mm-Schlämmfraktion ausgelesen wur-         Raum zwischen Baltikum und Nordfrankreich erst
Sammlung Peter Huhn,          den, um eine repräsentative Stichprobe zu bekom-      anhand der mikroskopischen Bestimmung der im
Verbleib LAD (Länge circa
                              men. Diese Funde bestätigen auch frühere Beob-        Objekt eingeschlossenen Mikrofossilien zu präzi-
10 cm).
                              achtungen aus Allensbach-Strandbad (Maier             sieren sein wird. Der Silexdolch dürfte den Horge-
                              2015), dass während der Horgener Zeit am Bo-          ner Siedlungsphasen des 32. Jahrhunderts v. Chr.
                              densee Wildäpfel, Haselnüsse, Erdbeeren, Himbee-      zuzuordnen sein.
                              ren, Brombeeren aber auch Holunder, Judenkir-
                              schen und Weißdorn eine große Bedeutung in der        Bestände im Museum der Stadt
Station, auch Pfahlbau-       Ernährung hatten. Die meisten dieser Sammel-          Überlingen
station
                              pflanzen gehören zur Vegetation des Waldrandes
Uferabschnitt mit mehre-
                              und der Waldlichtungen, daher muss auf aufge-         Wie an vielen Uferabschnitten des Bodensees sind
ren Pfahlbausiedlungen,
deren Kulturschichten
                              lichtete Wälder zu dieser Zeit in der Umgebung        auch die Funde aus der Flachwasserzone vor Über-
und Pfahlfelder sich über-    von Überlingen geschlossen werden. Etliche ähn-       lingen im städtischen Museum nicht nach Statio-
schneiden und überlagern      liche Obstfunde aus Mitteleuropa seit der Mittle-     nen getrennt inventarisiert. Insofern war lange un-
können.                       ren Steinzeit und besonders der Jungsteinzeit deu-    klar, von welcher Fundstelle das Material eigent-

                        130   Denkmalpflege in Baden-Württemberg   2 | 2021
lich stammt. Die Nachforschungen konnten nun         Dorfzaun umgeben. Dies ist neu, denn Palisaden
etwas Klarheit schaffen: Aus der bereits im          dieses Zuschnitts im Kontext der Horgener Kultur
18. Jahrhundert überdeckten Station Mantelhafen      waren am Bodensee bislang erst aus deren Spät-
können die Funde kaum kommen. Die im Tief-           phase im 30./ 29. Jahrhundert v. Chr. zu belegen.
wasser zugänglichen Kulturschichtreste datieren      Die besondere Bedeutung der Horgener Anlage
nach Radiokarbonmessungen in das frühe 4. Jahr-      gibt Anlass dazu, weitere Sondierungen und Ana-
tausend v. Chr. Ebenso fällt die Station im Yacht-   lysen durchzuführen. Vor allem gilt es zu klären,
hafen aus, die dort erhaltene Kulturschicht befin-   wie weit das Pfahlfeld heute noch nach Osten
det sich im Haldenbereich und datiert gleichfalls    reicht. Zudem geht die Suche nach Resten einer an-
ins frühe 4. Jahrtausend v. Chr. Die Funde im Mu-    genommenen bronzezeitlichen Besiedlung weiter.
seum gehören jedoch aufgrund typologischer Ein-      Denn wenn auch jetzt schon klar ist, dass in der
ordnungen allesamt jüngeren Besiedlungsphasen        Umgebung des Horgener Dorfes bereits vor über
an, die unter den Funden und durch die Dendro-       5000 Jahren Kulturpflanzen angebaut wurden, ist
daten vom Osthafen vertreten sind. Zudem ist ein-    die Dauer und Intensität der neolithischen Anbau-
zig das Siedlungsareal Osthafen bei Niedrigwasser    aktivitäten oder gar „Gärten“ im Umfeld der Sied-
in Watstiefeln begehbar. Zu den Dendrodaten des      lung noch Gegenstand der Forschung.
32. Jahrhunderts v. Chr. passen zudem die durch
Leisten und Doppelknubben verzierten Horgener        Literatur
Scherben im Städtischen Museum Überlingen bes-
tens.                                                Joachim Köninger, Petra Kieselbach, Karlheinz Step-
Auch für die im Museum vorhandenen Bronzen           pan, Alfred Galik, Oliver Nelle, André Billamboz, Wolf-
und Keramikscherben der frühen und späten            gang Ostendorp und Christiane Runge-Froböse: Nuß-
Bronzezeit (Abb. 10) kommt als Fundort vor Über-     dorf-Strandbad. Die Horgener Pfahlbausiedlung an
lingen eigentlich nur der Osthafen in Frage, zumal   der Liebesinsel. Befunde und Funde aus den Sonda-
sich unter den jetzt gehobenen Funden das Bruch-     gen und Prospektionsarbeiten des «Projektes Boden-
stück einer gegossenen Bronze befindet. Unsicher     see-Oberschwaben » 1981, 1982, 1992 und 1993, in:
ist momentan noch, ob einzelne Pfahlreihen der       Hemmenhofener Skripte 12, Freiburg i. Br. 2020.
seeseitigen Pfahlstreifen der bronzezeitlichen Be-   Renate Ebersbach, Martin Mainberger, Julia Gold-
siedlung zuzuweisen sind.                            hammer und Wolfgang Ostendorp: Archäologische
Das im Städtischen Museum aufbewahrte spät-          Denkmalpflege in der Uferzone des Bodensees, in: Hil-
neolithische und bronzezeitliche Fundmaterial aus    mar Hoffmann, Wolfgang Ostendorp: Seeufer: Wel-
dem Überlinger Seeufer dürfte demnach also           len – Erosion – Schutz – Renaturierung. Handlungs-
mehrheitlich aus der Station Überlingen-Osthafen     empfehlungen für den Gewässerschutz – Ergebnisse
stammen.                                             aus dem ReWaM-Verbundprojekt HyMoBioStrategie,
                                                     Konstanz 2019, S. 119– 126.
Fazit und Fortsetzung                                Prehistoric Pile Dwellings around the Alps. World Her-
                                                     itage Nomination, 2010, Database of Sites, MAP.
Die Sondagen in der Station am Osthafen förder-      Adalbert Müller: Unterwasserarchäologische Prospek-
ten schon jetzt Überraschendes zutage. Die Art der   tionsarbeiten vor Überlingen/ Bodensee, in: Nachrich-
Funde im Zusammenhang mit der Sondierung der         tenblatt Arbeitskreis Unterwasserarchäologie (NAU)
übrigen Überlinger Stationen zeigt, dass das Fund-   8, 2001, S. 85–88.
material im Überlinger Stadtmuseum aus der Sta-      Ursula Maier 2015 Archäobotanische Untersuchung
tion im Osthafen stammt. Die Pfahlfeldaufnahme       von Kulturschichtproben aus der Fundstelle Allens-
führt vor Augen, dass auch rudimentär erhaltene      bach-Strandbad – Grabung 2003. Hemmenhofener
Pfahlfelder wissenschaftlich bedeutsam sind. Die     Skripte 10: S. 227– 238
das gesamte 32. Jahrhundert abdeckende abde-
ckenden Dendrodaten und die Streuung der da-         Dr. Joachim Köninger
tierten Pfähle nahezu im gesamten Pfahlfeld las-     Terramare – archäologische Dienstleistungen
sen allein durch ihre Größe und Dauer eine be-       Astrid-Lindgren-Straße 4
deutende Horgener Seeufersiedlung erkennen, die      79100 Freiburg i. Br.
im Wechsel oder zeitgleich mit jener von Nußdorf                                                                     10 Frühbronzezeitliche
                                                                                                                     Bronzenadel. Die unter
bestand und eine doppelte Belegung der Sied-         Sabine Hagmann
                                                                                                                     Patinierung liegende Ver-
lungskammer von Nußdorf-Überlingen anzeigt.          Tanja Märkle
                                                                                                                     zierung am Nadelkopf
Zweifelsohne war – obwohl durch Fundmaterial         Dr. Elena Marinova                                              (schräg stehende Strich-
kaum repräsentiert – der spätneolithische Sied-      Dr. Oliver Nelle                                                gruppen) und am Nadel-
lungsplatz von Überlingen-Osthafen der gewich-       Landesamt für Denkmalpflege                                     schaft (stehende Drei-
tigere von beiden: Er war deutlich größer und zu-    im Regierungspräsidium Stuttgart                                ecke) ist nur undeutlich
mindest phasenweise von einem palisadenartigen       Dienstsitz Hemmenhofen                                          zu erkennen.

                                                                     Denkmalpflege in Baden-Württemberg   2 | 2021   131
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