Herausforderung Klimawandel - Antworten und Forderungen der deutschen Versicherer
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Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e. V. Herausforderung Klimawandel Antworten und Forderungen der deutschen Versicherer
2 HERAUSFORDERUNG KLIMAWANDEL
Inhaltsverzeichnis
3 Wenn Keller überfluten ...
Gegenwart
4 Naturgewalten verursachen Milliardenschäden
6 Grünes Licht für mehr Nachhaltigkeit
Zukunft
9 Forschungsdesign: Fragestellung und Zielsetzung
10 Ergebnisse: Sturm und Hagel
12 Ergebnisse: Hochwasser
Schlussfolgerungen
14 Fazit: Unwetter werden extremer und teurer
16 Forderungen der deutschen Versicherer
18 Auch Hausbesitzer sollten handeln
19 ImpressumHERAUSFORDERUNG KLIMAWANDEL 3
Wenn Keller überfluten …
Weltweit wurden im vergangenen Jahr 950 konkrete Schadenszenarien für die Zukunft Nach dreijähriger For
schungsarbeit liegen
Naturereignisse registriert, neun Zehntel da- ermittelt. Hauptaugenmerk lag dabei auf den
erstmals konkrete
von waren wetterbedingte Ereignisse, wie in Deutschland am häufigsten auftretenden Schadenszenarien für
Stürme, Unwetter, Überschwemmungen Naturkatastrophen: Sturm und Hagel sowie die nächsten Jahr
zehnte vor.
oder Dürren. In Europa hat der Wintersturm Hochwasser. Überschwemmungsschäden
Xynthia Schäden von über 4,3 Milliarden Euro durch Starkregenereignisse, die mittlerweile
verursacht. Und in Deutschland litt 2010 be- einen hohen Anteil am Schadengeschehen
sonders Sachsen unter wiederholten Hoch- in Deutschland ausmachen, werden in einer
wasserereignissen. separaten Untersuchung 2012 näher analy-
siert.
Die Versicherungswirtschaft trägt für ihre
Kunden die finanziellen Folgen nahezu aller Die deutsche Versicherungswirtschaft hat
Unwetterereignisse. Die Menschen profitieren somit einen bis dato einzigartigen Blick in die
vom Versicherungsschutz für ihr Hab und Gut, Zukunft geworfen, um Antworten auf die zen-
sie bekommen ihre Schäden ersetzt, wenn der tralen Fragen zu geben:
Keller überflutet wird oder Bäume auf Häuser
stürzen. Das soll auch in Zukunft so bleiben. Sind die Folgen des Klimawandels auch in
Umso wichtiger wird die Frage, welches Aus- Zukunft noch versicherbar?
maß die Naturkatastrophen in den nächsten Auf welche Veränderungen müssen wir uns in
Jahrzehnten annehmen werden. Deutschland einstellen?
In Zusammenarbeit mit führenden Klima Fragen, die auch die Bundesregierung im Rah-
forschern hat die deutsche Versicherungs- men der deutschen Anpassungsstrategie an
wirtschaft die wetterbedingten Schäden der den Klimawandel stellt.
letzten Jahrzehnte mit unterschiedlichen
Klimamodellen verknüpft und dabei erstmals4 HERAUSFORDERUNG KLIMAWANDEL | GEGENWART
Große Naturgewalten in Deutschland
Große Naturgewalten in Deutschland
Versicherungsschäden in Mio. Euro
Versicherungsschäden in Mio. Euro
Naturgewalten verur 2000 2.400
1.800
sachen Milliardenschäden1500
1000 900 820
500
2003 litt ganz Europa unter den Folgen des500 440
300
Jahrhundertsommers. Und 7 Jahre später, 0
1999 2002 2002 2007 2008 2010 2010
2010, wurden wieder Rekorde gebrochen. In
Sturm Sturm Sachsen-
Sturm Elbe- Sturm Emma/ Sturm
den vergangenen 500 Jahren schwitzte Euro- Lothar Flut
Jea- Hoch-
Kyrill Kirsten Xynthia wasser
nette
pa nicht so sehr wie 2010 – noch nie war es so
heiß, noch nie war eine größere Fläche Europas Quelle: Münchner Rück, GDV
betroffen. Deutschland hatte diesmal Glück: Hochwasser / Überschwemmungen
Denn die Hitzewelle hatte ihren Schwerpunkt
in Ost- und nicht in Mitteleuropa. Somit Die Hochwasser 2002 an Elbe und Donau
bleibt der Jahrhundertsommer 2003 weiter waren die teuersten Überschwemmungskata-
2001 2003 2005 2007 2009
der Hitzespitzenreiter in Deutschland. strophen
1980 1990 der2000letzten Jahre.2004
2004 Rund 1,82006Milliarden
2008
Euro überwiesen die deutschen Versicherer an
200
Die Niederschläge Steigende Temperaturen und damit einherge- die Betroffenen. Ursache für1995 das Jahrhundert-
nahmen in den ver
hende Dürreperioden sind auch hierzulande hochwasser war eine b-Wetterlage (gespro-
gangenen 100 Jahren Volkswirtschaftliche Schäden
vor allem im Westen ein ernst zu nehmendes Problem. Für die Ver- chen: Fünf-B-Wetterlage). Dabei handelt es sich
Versicherungstechnische Schäden
und Südwesten sicherer liegen die größten Gefahren von Wet- um Tiefdruckgebiete, die sich über dem Mittel- Elbeflut 2002
Deutschlands deutlich Sturm „Lothar“ 1999
zu, besonders in den
terextremen aber woanders: meer mit Feuchtigkeit aufladen und zu starken
Wintermonaten. Niederschlägen an den Nordseiten der Alpen
Im Osten hingegen Stürme und der Mittelgebirge führen. Als Folge steigen
regnete es vor allem im
Sommer weniger. die Pegelstände. Die Anzahl der b-Wetterlagen
Die für die deutschen Versicherer schaden- ist in den letzten Jahren gestiegen.
trächtigsten Naturkatastrophen waren in den
vergangenen Jahrzehnten Stürme und Über- Überschwemmungen treten aber nicht nur
schwemmungen. Heftige Stürme wie Kyrill entlang von Flüssen auf. Intensive Starkregen
(2007), Emma (2008) oder Xynthia (2010) sind verursachen auch weitab von Gewässern als
vielen noch in unguter Erinnerung. Sturzfluten für erheblichen Schaden.
Kyrill schlägt sie alle
Schäden nach Landkreisen
Schadenhäufigkeit in ‰
< 1,5
≥ 1,5
≥ 3,0
≥ 6,4
≥ 19,3
≥ 38,7
≥ 77,4
≥ 100
≥ 150
≥ 200
≥ 250
≥ 300
Sturm Lothar 1999 Sturm Jeanette 2002 Sturm Kyrill 2007GEGENWART | HERAUSFORDERUNG KLIMAWANDEL 5
72 Prozent aller Hauseigentümer Der Gesamtverband
ohne Elementarschadenversicherung der Deutschen Versi-
cherungswirtschaft
Um Gebäude nicht nur gegen Sturm und Hagel, (GDV) stellt seit Janu-
sondern auch gegen andere Naturgefahren wie ar 2011 den Versiche-
Gefährdungs-
Sturzfluten oder Flussüberschwemmungen rungsunternehmen klasse
versichern zu können, hat die deutsche Versi- neue unverbindliche 4
3
cherungsbranche das Zonierungssystem ZÜRS Musterbedingungen
2
Geo (Zonierungssystem für Überschwem- für die Wohngebäude- 1
mung, Rückstau und Starkregen) entwickelt. versicherung zur Ver- Gewässer
Aus den bislang verfügbaren Daten der Was- fügung. Die bisher nur
serwirtschaft und der Versicherungswirtschaft zusätzlich abschließ-
wurde ein bundeseinheitlicher Datensatz zur bare Elementarschadenversicherung ist jetzt Geoinformationssystem
ZÜRS
Risikoeinschätzung aufgebaut. Das Ergebnis: von vornherein darin enthalten. Die neuen Ver-
98,5 Prozent aller Gebäude lassen sich heute sicherungsverträge bieten somit zusätzlichen Um Überschwemmun
gen von Flüssen und
problemlos gegen Überschwemmung ver- Schutz bei Naturgefahren. Diese umfangreiche Gewässern risikogerecht
sichern. Lediglich 1,5 Prozent der Haushalte Versicherungslösung soll nicht nur in Hoch- kalkulieren zu können,
haben die deutschen
benötigen eine individuelle Versicherungslö- wassergebieten zu mehr finanziellem Schutz
Versicherer 2001 ZÜRS
sung, da sie in stark hochwassergefährdeten der Menschen führen, sondern die Breite der entwickelt. Bis heute
Regionen liegen. Betroffene und Versicherer Bevölkerung für einen Schutz gegen die Folgen wurden mehr als 20
Millionen Adresskoordi
sollten dabei Themen wie schadenverhüten- von Naturgefahren sensibilisieren. Kunde und naten in das System ein
de Maßnahmen oder erhöhte Selbstbehalte Versicherer können sich natürlich auch gegen gespeist, rund 200 000
Kilometer Fließgewässer
besprechen. Dennoch wird es auch in Zukunft den Elementarbaustein entscheiden.
in das System integriert
Gebäude geben, für die es keine wirtschaftlich und Überschwemmungs
sinnvolle Versicherungslösung gibt. Konzepte für die Landwirtschaft daten bei mehr als
200 Wasserwirtschafts
ämtern gesammelt.
ZÜRS Public – Hochwasserdaten für alle Landwirte sind in der Regel gegen Verluste
durch Hagelschläge versichert. Anders sieht
Damit auch die breite Öffentlichkeit Zugang das bei Naturgefahren wie Sturm, Starkregen,
zu den ZÜRS-Daten erhält, plant die Versiche- Hochwasser, Hitze oder Dürre aus. Nehmen
rungsbranche, in Zusammenarbeit mit der öf- solche Ereignisse zu, ist es fraglich, ob speziel-
fentlichen Hand, ZÜRS Public einzuführen. Mit le Hilfen von EU, Bund und Ländern die exis-
Hilfe von ZÜRS Public können sich interessierte tenzbedrohenden Einkommensverluste weiter
Bürger, Behörden und Unternehmen künftig kompensieren können. Die Versicherungswirt-
darüber informieren, welche Gebiete beson- schaft hat ein Konzept für eine umfassende
ders hochwassergefährdet sind. landwirtschaftliche Mehrgefahren-Versiche-
rung entwickelt. Um diesen nachhaltigen
Rundumschutz für das eigene Haus Lösungsansatz in die Realität umzusetzen,
bedarf es jedoch politischer Unterstützung.
72 Prozent aller Hausbesitzer besitzen immer Spätestens mit einer Neuordnung der EU-
noch keine Elementarschadenversicherung für Agrarpolitik nach 2014 sollte dieses Thema
ihr Wohngebäude. Das kann und soll jetzt an- auch auf der Tagesordnung der deutschen
ders werden. Landwirte stehen.6 HERAUSFORDERUNG KLIMAWANDEL | GEGENWART
Grünes Licht für mehr Nachhaltigkeit
Die Naturgefahren verursachen schon heute die breite Öffentlichkeit umfangreich über
Milliardenschäden. Umso wichtiger ist es, Gefahren und Präventionsmaßnahmen zu
dafür zu sorgen, die Auswirkungen des informieren.
Klimawandels so weit wie möglich zu mini-
mieren. Privater Klimaschutz
Die Versicherungswirtschaft unterstützt die Ein Beispiel: Eine sich derzeit neu entwi-
Absicht der EU und der Bundesregierung, ckelnde alternative Energiequelle ist die so-
Zahlreiche Versicherer ein weltweites Klimaschutzabkommen mit genannte Geothermie. Dabei werden in der
haben sich zum Ziel
anspruchsvollen Reduktionszielen zu verein- Erdkruste vorhandene Energiequellen ange-
gesetzt, den eigenen
Geschäftsbetrieb baren – und geht mit gutem Beispiel voran: zapft, um einzelne Häuser oder ganze Dörfer
klimaneutral zu Viele Unternehmen der Branche haben be- mit Strom und Wärme zu versorgen. Für viele
gestalten.
reits Schritte hin zu einem klimafreundliche- Experten ist die Geothermie eine relevante
ren Geschäftsbetrieb umgesetzt. Sie unter- Energie- und Wärmeversorgung der Zukunft.
stützen ferner die Klimaforschung mit ihren Die deutschen Versicherer begleiten die Ent-
Erkenntnissen und Schadenerfahrungen. Mit wicklung dieser Technologie von Anfang an.
neuen Produkten und individuellen Versi- Sie besitzen mittlerweile Erfahrungen mit
cherungslösungen reagieren die Versicherer den Bohr- und Explorationsrisiken und kön-
bereits heute auf die zu erwartenden Folgen nen dadurch Versicherungsschutz für anste-
und nehmen gleichzeitig die Aufgabe wahr, hende Projekte anbieten.
Mit Sicherheit Sonne:
Die Zahl der Neuinstal
lationen von Solar
stromanlagen nahm
in den letzten Jahren
kontinuierlich zu.GEGENWART | HERAUSFORDERUNG KLIMAWANDEL 7
Immer mehr Hausbesitzer und Eigentümer der Einsatzkräfte im Brandfall schnell und
meinen es ernst mit dem Klimaschutz und sicher gelöscht werden können.
leisten mit Solarstromanlagen und ande-
ren alternativen Energieträgern ihren ganz Versicherungsschutz für neue Technologien
persönlichen Beitrag zur CO2-Emissionsre-
duktion. Da der Staat die Solarstromanlagen Der strukturelle Umbau der Energiewirt-
finanziell fördert, ist für viele Verbraucher die schaft ist eine der wichtigsten Maßnahmen
umweltfreundliche Sonnenenergie die ers- im Kampf gegen den Klimawandel. Deutsch-
te Wahl. Die deutschen Versicherer fördern land hat sich dabei ehrgeizige Ziele gesetzt:
dieses private Engagement, indem sie maß- So soll der Anteil an erneuerbarer Energie
geschneiderte Absicherungsmöglichkeiten am Gesamtenergieverbrauch von derzeit 9,5
geschaffen haben. Solarstromanlagen kön- Prozent auf 20,1 Prozent im Jahr 2020 und
nen so bereits ab der Montage vor Risiken auf etwa 50 Prozent im Jahr 2050 gesteigert
geschützt und gegen nahezu alle Ereignisse werden. Im Fokus stehen dabei Anlagen zur
und deren Folgen individuell versichert wer- Nutzung von Sonne, Wind, Wasser, Biomasse
den. Darüber hinaus hat die Versicherungs- und Erdwärme. Die Versicherungswirtschaft
wirtschaft zusammen mit dem Deutschen engagiert sich seit vielen Jahren, um For-
Feuerwehrverband und weiteren Institutio- schung, Entwicklung und Einsatz im Bereich
nen Konzepte entwickelt, wie Gebäude mit der erneuerbaren Energien flexibel zu versi-
Solarstromanlagen auch ohne Gefährdung chern.
Geothermieanlage in
der Praxis
Um neue Technologien
für die Gewinnung er
neuerbarer Energien zu
versichern, müssen die
Versicherer frühzeitig
in Entwicklungsprozes
se einbezogen werden.8 HERAUSFORDERUNG KLIMAWANDEL | GEGENWART
Der erste deutsche Offshore-Windpark Energie aus den Wüsten Nordafrikas nach Eu-
ropa transportiert werden.
Die Versicherungswirt 2009 wurden 45 km nördlich der Insel Borkum
schaft unterstützt seit
zwölf Windenergieanlagen des ersten deut- Speicherung von CO2 (CCS)
Jahren die Offshore-
Stiftung der Windener schen Windparks auf hoher See errichtet: alpha
giehersteller. ventus. Bis Ende Januar 2011 hat alpha ventus Die Abscheidung von CO2 am Kraftwerk und
insgesamt mehr als 230 Gigawattstunden kli- dessen Verpressung in den Untergrund (CCS
mafreundlichen Windstrom eingespeist. Die = Carbon Capture and Storage) ist ein wei-
deutschen Versicherer haben von Beginn an teres ehrgeiziges Projekt der Energiewirt-
die Test- und Aufbauphase begleitet. schaft für den Klimaschutz. Inwiefern die
mit dieser Technologie einhergehenden Ri-
Sonnenenergie aus Afrika siken versichert werden können, hängt zum
einen von ihrer Beherrschbarkeit und zum
Die Wüsten der Erde empfangen von der Son- anderen von den gesetzlichen Vorgaben ab.
ne in sechs Stunden mehr Energie, als die Während die CO2-Abscheidung („Capture“)
Menschheit in einem Jahr verbraucht. Aus die- und der Transport grundsätzlich versicher-
sem Grund hat der Rückversicherer Munich Re bar sind, lässt sich das Gefahrenpotential der
2009 mit der DESERTEC Foundation eine In- dauerhaften CO 2-Speicherung („Storage“)
dustrieinitiative zur Umsetzung der Vision nach jetzigem Forschungsstand noch nicht
vom „Strom aus der Wüste“ ins Leben gerufen. abschließend abschätzen. Ebenso wie die For-
Mit solarthermischen Kraftwerken und wei- schungserkenntnisse sollten sich hier auch
teren erneuerbaren Energieformen soll über Versicherungslösungen nach und nach entwi-
neue Hochspannungsgleichstromleitungen ckeln können.ZUKUNFT | HERAUSFORDERUNG KLIMAWANDEL 9
Forschungsdesign: Fragestellung und Zielsetzung
Der Klimawandel bedeutet für alle Teile der dessen Folgen Aussagen über eine Änderung
Gesellschaft eine große Herausforderung. in den Extremereignissen, hier speziell Stürme,
Eine wichtige Aufgabe der Versicherungswirt- Hagel und Hochwasser, zulässt. In einem zwei-
schaft ist es, Prognosen darüber zu erstellen, ten Schritt wurden die gefundenen Klimatrends
welche Schäden zukünftig durch Naturgewal- in finanzielle Schäden übersetzt, um dadurch
ten entstehen können und ob die Versicherer Trends in der Schadenentwicklung ableiten zu
in der Lage sind, sie zu versichern – zu akzep- können.
tablen Preisen für den Kunden.
Schadenszenarien bis 2100
Einzigartige Kooperation von Wissenschaft
und Versicherern Die untersuchten Zeiträume wurden in klima-
tologisch sinnvolle 30 Jahresintervalle aufge-
Um Antworten auf diese Fragen geben zu teilt, um belastbare Schadenszenarien zu er-
können, haben die deutschen Versicherer halten. So sind die deutschen Versicherer heute
die Zusammenarbeit mit international aner- in der Lage, konkrete Schadenszenarien für
kannten Wissenschaftlern des Potsdam-In- den Zeitraum von heute bis zum Jahr 2100 für
stituts für Klimafolgenforschung, der Freien Deutschland zur Verfügung zu stellen. Die Mo-
Universität Berlin und der Universität Köln dellrechnungen weisen dabei die versicherten
gesucht. Das Ergebnis: eine wissenschaftli- Schäden auf Basis der heutigen Kennzahlen
che Studie, die erstmals konkrete Schadens- und Werte aus.
zenarien für Deutschlands Zukunft ermög-
licht. 1 Ausgangspunkt
der Untersuchung sind
die Erkenntnisse des klimatische politische
IPCC -Berichts 2007,
2 Veränderung Rahmen-
wonach erhöhte CO2- Sind die Folgen bedingungen
Werte zu einem Tempe- des Klimawandels
raturanstieg führen. in Deutschland
zukünftig
Verhalten
Dabei wurde ana- versicherbar? Wert-
der privaten
lysiert, ob das vor- entwicklung
Haushalte
handene Wissen über der Gebäude
den Klimawandel und
Wie stark die Folgen
des Klimawandels sein
werden, hängt aus
1 Die vollständige Studie „Auswirkungen des Klimawandels auf die Sicht der Versicherer
Schadensituation in der deutschen Versicherungswirtschaft“ ist ab Mitte
von vier zentralen
2011 auf www.gdv.de abrufbar.
Einflussfaktoren ab.
2 IPCC: Intergovernmental Panel on Climate Change10 HERAUSFORDERUNG KLIMAWANDEL | ZUKUNFT
Ergebnisse: Sturm und Hagel
In der Vergangenheit zählten Winterstürme Neben der generellen Zunahme von Sturm-
wie Kyrill zu den schadenträchtigsten Natur- schäden lassen sich drei konkrete Ergebnisse
katastrophen – ein Trend, der sich fortsetzt. festhalten:
1. Hagelschäden im Sommer nehmen zu.
Die Schäden Sturm/Hagel werden teurer
Mittlerer, jährlicher Schadensatz 1984-2008 im Vergleich zu ... 2. Im Westen Deutschlands werden die
Sturmschäden am stärksten zunehmen.
- ganzjährig -
3. Die extremen Unwetter werden noch
heftiger, die Schäden nehmen deutlich
2011-2040 2041-2070
zu.
80
Ø: + 7 % 60
Ø: + 28 %
Im Sommer mehr Schäden
40
30
20
10
0
Verknüpft man die Ergebnisse der Klima-
forschung mit den bisher ermittelten Scha-
Änderung in %
densätzen bei Sturmschäden, lässt sich für
Deutschland eine durchschnittliche Steige-
rung der Schäden von 7 Prozent für die Jahre
- Sommerhalbjahr - 2011 bis 2040 erwarten. Von 2041 bis 2070
liegt dieser Wert bei einer Steigerung von bis
2011-2040 2041-2070 zu 28 Prozent.
80 Auffällig ist, dass vor allem die Sommermona-
Ø: + 25 % Ø: + 61 %
60 te schadenträchtiger und damit auch teurer
40
30
werden können. Für den Zeitraum 2011 bis
20
10
2040 ist im Sommer mit einer Zunahme der
0
Schäden von 25 Prozent zu rechnen. Die Stei-
Änderung in % gerung in den Wintermonaten liegt hingegen
bei lediglich 1 Prozent.
Infolge des Klimawandels werden die Schäden
- Winterhalbjahr - in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts wei-
ter steigen. Von 2041 bis 2070 ist in den Som-
2011-2040 2041-2070
mermonaten mit einer Steigerung von über
60 Prozent zu rechnen, in den Wintermonaten
Ø: + 1 %
80
Ø: + 16 % liegt der Wert im Mittel bei 16 Prozent.
60
40
30
20
10
0
1 000 Szenarienrechnungen mit dem Klimamodell STAR-II
Änderung in %
lassen vermuten, dass die Schäden teurer werden.ZUKUNFT | HERAUSFORDERUNG KLIMAWANDEL 11
Im Westen was Neues
Winterstürme werden heftiger
Schäden und deren Änderung im Periodenvergleich
Schon heute lässt sich er-
kennen, dass der Westen Mittlerer jährlicher Schadensatz in ‰ Relative Änderung in %
Deutschlands unter Stürmen
mehr zu leiden hat als der
1961-2000 2071-2100
Rest des Landes. In Zukunft
wird sich dies nach heutigen
Erkenntnissen verstärken.
Vor allem gegen Ende dieses < 0,04 < -25
≥ 0,04 ≥ -25
Jahrhunderts können wir von ≥ 0,06 ≥ -10
≥ 0,08
≥0
einer starken Zunahme der ≥ 0,10
≥ 10
≥ 0,12
Zahl der Schäden im Westen ≥ 0,14 ≥ 25
≥ 0,16 ≥ 50
Deutschlands ausgehen. Da- ≥ 0,18 ≥ 75
≥ 0,20 ≥ 100
bei zeigen die untersuchten
Szenarien in manchen Regi-
Analyse der Windspitzen im globalen Klimamodell ECHAM 5 legen den Schluss nahe, dass sich die Winterstürme
onen einen Anstieg von über deutlich verändern.
100 Prozent.
Extreme Stürme werden noch heftiger
Die Zunahme der durchschnittlichen Schäden ist vor allem auf die Intensivierung einzelner außergewöhnlich hefti-
ger Stürme zurückzuführen. Das zeigt der Vergleich der stärksten Stürme der Gegenwart mit den stärksten Stürmen
der Zukunft bis 2100. Mit anderen Worten: Einzelne, extreme Unwetter prägen in Zukunft das Schadengeschehen.
Mittlere und kleinere Ereignisse beeinflussen die Schäden dagegen vermutlich weniger.
Stärke
Stärkeder
derSchadenereignisse
Schadenereignissesteigt
steigt
Simulierte Schäden* der 10 extremsten Stürme je Zeitraum. Nach der Simulation mit dem globalen Klimamodell ECHAM5 ergibt sich für
Schadenssatz* der 10 schadenträchtigsten Ereignisse je Periode (ECHAM5-Ensemble) in
Schadensatz in ‰ einzelne Stürme in Zukunft folgendes Bild: Die Schäden der stärksten Stürme
werden gegenüber den heutigen Stürmen deutlich zunehmen. Der Schadensatz,
also das Verhältnis von Schadensumme zur Versicherungssumme*, steigt um das
1,4 4-Fache, von 0,35 (1971-2000) auf über 1,4 (2071-2100).
1,2
1,0
1971-2000 2011-2040 2041-2070 2071-2100
0,8
0,6
0,4
0,2
0
1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10.
*mit Versicherungssummen von 2007 Rang des Ereignisses (Sturm)12 HERAUSFORDERUNG KLIMAWANDEL | ZUKUNFT
Um Aussagen über die zukünftige Hochwasserentwicklung zu
Ems
Weser
treffen, wurden die fünf größten deutschen Flüsse und deren Elbe
Einzugsgebiete analysiert. Damit sind 88 Prozent der Fläche der
Bundesrepublik Deutschland auf das künftige Hochwasserverhal
ten untersucht worden.
Rhein
Ergebnisse: Hochwasser
Donau
Die größten Risiken liegen auch in Zukunft in
den Folgen des Starkregens und an den Ufern
der großen Flüsse Deutschlands. Um Aus-
sagen über die zukünftige Entwicklung der
Hochwasserschäden treffen zu können, wur- Überschwemmungsschäden generell steigen,
den die Pegelentwicklungen der fünf großen wobei es je nach Szenario, Realisation und Sze-
deutschen Flüsse Rhein, Donau, Elbe, Ems und narioperiode zu einer Verdreifachung der Zahl
Weser näher untersucht. der Schäden bis zum Jahr 2100 kommen kann.
Insgesamt 5 473 Flussabschnitte wurden ge- Entwicklung der Pegelstände
nauer betrachtet, um regionale Klimaszenarien
durchspielen zu können. Diesen Flussabschnit- Beispiel Elbe: Grundlage der Berechnung waren
ten wurden dann über eine Extremwertstatis- die Pegelstände in der Zeit von 1961 bis 1990
tik Schadenfunktionen zugeordnet, die durch am Messpunkt Neu Darchau im Landkreis Lü-
Gegen Ende des Jahr die Versicherer bereitgestellt wurden. Insge- chow-Dannenberg. In zwei unterschiedlichen
hunderts ist vermehrt
samt standen sieben Klimarealisationen aus Realisationen wurden die möglichen Entwick-
mit stark ansteigenden
Pegelständen zu zwei regionalen Klimamodellen zur Verfügung lungen des Pegelstandes berechnet. Das Er-
Regionale Hochwässer in Zukunft
rechnen. (CCLM, REMO). Beide wurden mit dem Nieder- gebnis: Während es in der ersten Hälfte dieses
schlagsabflussmodell SWIM verbunden. Jahrhunderts vermutlich keine größeren Verän-
derungen geben wird, ist in der zweiten Hälfte
Ein robustes Ergebnis der Untersuchung ist, ein erheblicher Anstieg der Elbe-Pegelstände
dass unter Klimawandelbedingungen die zu erwarten.
Quelle: Münchner Rüc
Entwicklung des mittleren Schadens* pro Wiederkehrintervall
in tausend Euro
Pegelstände der Elbe
Entwicklung eines 30-jährlichen Hochwassers der Elbe (1961 bis 2100, Pegel Neu Darchau)
1971-2000 2011-2040
Abfluss [m³/s]
Die Abbildung zeigt die
Abflussmenge eines
9000 Realisation 1
Hochwassers, das im
Realisation 2
8000 Durchschnitt alle 30
Unsicherheit Jahre zu erwarten
7000
ist. Danach könnten
6000 in Zukunft die Hoch
wasserpegel an der
5000 Elbe deutlich steigen.
Allerdings zeigen die
4000
Schadenszenarien
3000 auch eine große Band
breite an möglichen
1960 1980 2000 2020 2040 2060 2080 2100 Ergebnissen.
Wiederkehrintervall (Jahre)ZUKUNFT | HERAUSFORDERUNG KLIMAWANDEL 13
Die Winter werden milder, der größere Niederschlag wird immer weniger in Form von Schnee,
sondern als Regen niedergehen. Damit kann sich auch die Charakteristik des Winters ändern.
Denn durch den Rückgang des Schnees fließen die Regenmengen ungebremst oberflächlich ab
und lassen die Flüsse anschwellen. Überschwemmungen sind in Deutschland die Folge.
Häufiger auftretende Hochwasser Steigendes Schadenniveau
Obwohl die Ergebnisse noch mit großen Un- Durch die Zunahme an Hochwasserereignis-
sicherheiten behaftet sind, lassen sich klare sen werden in den nächsten Jahrzehnten die
Tendenzen ablesen. Die Wiederkehrintervalle Kosten für Überschwemmungsschäden in
der Hochwasser, wie wir sie zwischen 1971 die Höhe schnellen. Im Durchschnitt aller Be-
und 2000 alle 50 Jahre erlebten, werden in rechnungen (Realisationen) steigt die Zahl der
allen Szenarien kleiner. Das heißt, es ist in Zu- Schäden bis Ende des Jahrhunderts auf über
kunft davon auszugehen, dass in Deutschland das Doppelte der aktuellen Schäden an.
Hochwasser und Überschwemmungen häufi-
ger werden.
Regionale Hochwässer in Zukunft
Entwicklung des mittleren langjährlichen Schadenniveaus in tausend Euro
Mittlerer
EntwicklungSchaden proSchadens*
des mittleren pro WiederkehrintervallHydrologische
Wiederkehrintervall EntwicklungModellierung nach verschiedenen
des langjährlichen Szenarien, jeweils
Schadenniveaus
in mehreren Realisationen, basierend auf Klimadaten von...
in tausend Euro
Mittelwerte aus mehreren hydrologischen Hydrologische Modellierungen mit verschiedenen Szenarien basierend auf
Modellierungen, Werte in Millionen Euro CCLM- bzw. REMO-Klimadaten, Werte in Millionen Euro
1971-2000 CCLM REMO Durchschnitt
2000
2011-2040
1500
1500
2041-2070
1250 2071-2100
1000 1000
750
500 500
250
0 0
0,5 1 5 10 50 100 1500
Wiederkehrintervall (Jahre) 1961-2000 2011-2040 2041-2070 2071-2100
*) Mittelwerte aus allen hydrologischen Modellierungen, Unsicherheiten ausgeblendet
Die Abbildung quantifiziert extreme Überschwemmungs Für das heutige Klima ergibt sich ein durchschnittlicher Schaden von 500 Millionen
ereignisse: Hochwasserschäden, die heute alle 50 Jahre wieder Euro pro Jahr durch Hochwasser. In Zukunft dürfte diese Schadenerwartung
kehren und einen Schaden von etwa 750 Millionen Euro verur deutlich steigen. Aber auch hier zeigen sich deutliche Spannbreiten möglicher
sachen, können in Zukunft mehr als doppelt so teuer werden. Entwicklungen.14 HERAUSFORDERUNG KLIMAWANDEL | SCHLUSSFOLGERUNGEN
Fazit: Unwetter werden extremer und teurer
Allgemein lässt sich heute festhalten: Wir Auch wenn die wissenschaftlichen Schaden
werden in Deutschland in den nächsten Jahr- szenarien zum Ende des Jahrhunderts mit
zehnten mit häufiger auftretenden Unwetter Unsicherheiten behaftet sind, sind deutliche
ereignissen und zunehmenden finanziellen Anzeichen für eine besorgniserregende Ent-
Schäden rechnen müssen. Unter dem Einfluss wicklung erkennbar.
des Klimawandels kann dabei die Intensität
einzelner Naturkatastrophen stark ansteigen. Hochwasser
Zusammengefasst für die untersuchten Felder
Sturm und Hochwasser bedeutet dies: Durch den Klimawandel werden Über-
schwemmungsschäden zunehmen. Bis zum
Sturmereignisse Ende dieses Jahrhunderts kann mit einer
Verdoppelung – je nach Szenario auch mit ei-
Die Höhe der Schäden Im Laufe der nächsten Jahrzehnte muss in ner Verdreifachung – der Schäden gerechnet
nimmt beträchtlich zu
Deutschland mit intensiveren Stürmen ge- werden. Das bedeutet: Bei Sturmereignissen
und die Wiederkehrin
tervalle verkürzen sich. rechnet werden. Die Forschung spricht hier von ist wie auch bei Überschwemmungen davon
Wiederkehrperioden, die in Zukunft deutlich auszugehen, dass die Wiederkehrperioden
verkürzt eintreten können. Ein Beispiel: Ein be- kürzer werden. Hochwasser mit einer Inten-
sonders schadenträchtiges Sturmereignis von sität, die wir heute im Durchschnitt alle 50
einer Intensität, wie wir sie heute alle 50 Jahre Jahre erleben, können zukünftig etwa alle 25
erleben, kann zukünftig alle 10 Jahre eintreten. Jahre eintreten.
Auch die Windgeschwindigkeiten können sich
drastisch erhöhen und einzelne Sturmereig Die Untersuchungen zeigen, dass das Kli-
Je stärker der Klima nisse deutlich höhere Schäden als der bisher ma stärker als bisher durch Schwankungen
wandel voranschreitet,
stärkste Sturm unter heutigen Klimabedin- geprägt sein wird. Mit anderen Worten: Je
mit desto größeren
Überschwemmungs gungen generieren. Insgesamt ist mit einer Zu- größer der CO2-Ausstoß, desto schneller wird
schäden muss nahme der Sturmschäden bis zum Jahr 2100 der Klimawandel in Zukunft voranschreiten,
gerechnet werden.
um mehr als 50 Prozent zu rechnen. umso extremer werden die SchwankungenSCHLUSSFOLGERUNGEN | HERAUSFORDERUNG KLIMAWANDEL 15
ausfallen. Bei ungebremstem CO2-Ausstoß Versicherer werden auch in Zukunft kollektive
werden wir uns wohl am oberen Rand der Risiken übernehmen, die sich aus den Natur-
heute erkennbaren Schwankungsbreiten gefahren, einem sich verändernden Klima und
bewegen, d. h., die Schäden werden höchst- neuen Technologien ergeben. Versicherung ist
wahrscheinlich noch weiter zunehmen. So aber natürlich nur ein Baustein, wenn es um
müssen wir in Deutschland nicht nur von Fragen der Anpassung an den Klimawandel
größeren Überschwemmungsschäden aus- geht.
gehen, sondern auch mit lang anhaltenden
Dürren rechnen. Summa summarum: Die in Weiter forschen, weiter vorsorgen
Auftrag gegebene Studie zeigt, wie wichtig
konsequenter Klimaschutz ist. Die Wetterextreme der Zukunft müssen wei-
terhin verstärkt untersucht werden. Vor allem
Der Klimawandel bleibt versicherbar kleinräumige – aber schadenträchtige – Ge-
witter- und Hagelereignisse können zurzeit
Auch wenn niemand mit letzter Bestimmt- nicht von den Klimamodellen erfasst werden.
heit vorhersagen kann, wie sich der Klima- Auch bei großflächigen Stürmen sind zahlrei-
wandel entwickelt, ist heute schon sicher, che Fragen noch nicht ausreichend beleuch-
dass Deutschland von den Folgen nicht ver- tet. Das Gleiche gilt für zukünftige Hochwas-
schont bleiben wird. Die Kosten der Absiche- serereignisse. Obwohl mit der vorliegenden
rung gegen Naturkatastrophen werden sich Studie erstmals konkrete Schadenszenarien
erhöhen. Allerdings dürfte sich das Ausmaß vorliegen, sind Politik und Wissenschaft auf-
für Deutschland in einem Rahmen bewegen, gefordert, neue Erkenntnisse zu sammeln. Das
der grundsätzlich von der Versicherungswirt- gemeinsame Ziel muss es sein, die Erkenntnis-
schaft beherrscht werden kann. Trotz dieser se so für die Bürgerinnen und Bürger nutzbar
guten Nachricht dürfen wir in unseren Bemü- zu machen, dass sie sich präventiv verhalten
hungen, die Auswirkungen des Klimawandels können.
zu dämpfen, nicht stehen bleiben.16 HERAUSFORDERUNG KLIMAWANDEL | SCHLUSSFOLGERUNGEN
Forderungen der deutschen Versicherer
Alle gesellschaftlichen Gruppen sind aufgefordert, durch vorausschauendes Verhalten die Folgen des Klima
wandels abzumildern und die Treibhausgas-Emissionen nachhaltig zu senken. Nur gemeinsam lassen sich
Anpassungsmaßnahmen umsetzen und künftige Schäden wirtschaftlich beherrschen.
Forderungen an die Politik
Bund und Länder müssen ihren Aufgaben beim Schutz gegen Naturgefahren mehr als bisher gerecht wer-
den. Dabei müssen Gesetze und Vorschriften an den künftigen Entwicklungen ausgerichtet und deren
Inhalt und Umsetzung regelmäßig überprüft werden.
Bundespolitik:
Der rasante Ausbau der Offshore-Windparks stellt eine Herausforderung für die Bereitstellung der dafür erfor-
derlichen Versicherungskapazitäten dar. Der Versicherungsschutz großer Anlagen geht in die Milliardenhöhe,
der allerdings nur begrenzt auf dem Markt verfügbar ist. Um den Ausbau der Windenergie und vergleichbarer
Zukunftsprojekte nicht zu verlangsamen, wäre es wünschenswert, die Versicherungswirtschaft frühzeitig bei
der Festlegung neuer energiepolitischer Zielsetzungen in den Prozess mit einzubeziehen.
Die Klimaforschung und die Klimafolgenforschung müssen weiter gefördert und gefordert werden. Zahlreiche
Themen, wie etwa das Auftreten von Extremwetterereignissen mit Starkregen, Hagel und Tornados, müssen
verstärkt beforscht und in die Klimamodelle integriert werden.
Die gemeinsame Kampagne des Freistaates Bayern und der Versicherungswirtschaft hat zu einer spürbaren
Zunahme der Versicherungsdichte bei Elementarschaden-Versicherungen geführt. Eine bundesweite von allen
Ländern getragene Kampagne ist deshalb wünschenswert. Dabei ist wichtig, dass von Seiten des Bundes und
der Länder klar kommuniziert wird, dass, wer auf möglichen privaten Versicherungsschutz verzichtet, nicht auf
staatliche Hilfen im Katastrophenfall hoffen kann.
In der Landwirtschaft müssen die Voraussetzungen für eine Mehrgefahrenversicherung gegen Naturgefahren
geschaffen werden. Hierzu gehört die Harmonisierung der Steuersätze für sämtliche Naturgefahren auf dem
Niveau der heutigen Hagelversicherung. Gleichzeitig muss das Risikomanagement und die Eigenvorsorge der
Landwirte gestärkt und dies bei der anstehenden Umverteilung der Fördermittel berücksichtigt werden.
Landespolitik:
Die Flächennutzungsplanung muss vorhandene Risikogebiete berücksichtigen, extrem hochwassergefährdete
Regionen sind kein Bauland.
Rückhalte- und Überflutungsflächen müssen klar ausgewiesen werden, um die Wirkung von Extremnieder-
schlägen abzumildern.
Informationen zu Extremwetterereignissen müssen der breiten Öffentlichkeit rasch und ungehindert zur
Verfügung gestellt werden.
Lehrpläne für Schulen und Betreuungsinhalte für Kindergärten müssen die Voraussetzungen für ein grund
legendes Verständnis für die Ursachen und Folgen des Klimawandels schaffen.
Maßnahmen sind länderübergreifend zu planen und abzustimmen.SCHLUSSFOLGERUNGEN | HERAUSFORDERUNG KLIMAWANDEL 17
Forderungen an Städte und Gemeinden
Gebiete, die durch Naturereignisse maßgeblich gefährdet sind, sind kein Bauland. Städte und
Gemeinden setzen die Bürger unkalkulierbaren Gefahren aus, wenn sie weiterhin Baugebiete in
gefährdeten Gebieten ausweisen.
Städte und Gemeinden müssen Flächen als Rückhalte- und Überflutungsflächen ausweisen.
Entwässerungssysteme sind so auszulegen, dass auch künftige Starkregenmengen sicher abgeführt
werden können.
Vorausschauender Hochwasserschutz ist gefragt: Mobile Hochwasserschutzsysteme haben sich im
Kampf gegen die Fluten als flexible und schnell einsetzbare Schutzsysteme bewährt. Sie ergänzen
die klassischen Schutzsysteme wie Deiche und Dämme. Regelmäßige Katastrophenschutzübungen
mit der Bevölkerung wirken nachhaltig.
Forderungen an Bauplaner und Architekten
Architektonische Freiheit und Naturgefahrenschutz sind kein Widerspruch. Architekten und Bau-
planer können bereits mit einfachen Mitteln Schäden wirkungsvoll vermeiden:
Dachkonstruktionen müssen an höhere Sturmbelastungen anpasst werden.
Bei der energetischen Sanierung müssen Baumaterialien eingesetzt werden, die den zu erwarten-
den Naturgefahren wie Hagelschlag Widerstand bieten.
Öffnungen sollten gegen Starkregen und Oberflächenwasser geschützt werden.
Forderungen an die Wirtschaft
Neue Technologien – besonders im Rahmen der erneuerbaren Energien – sind der Schlüssel zum
wirksamen Klimaschutz. Die deutschen Versicherer verfügen über eine umfangreiche Experti-
se, die die Wirtschaft im Entwicklungs- und Produktionsprozess schon frühzeitig nutzen kann.1
Dadurch bekommt der Hersteller maßgeschneiderte Versicherungslösungen für neue Produkte.
Um neue Technologien für die Gewinnung erneuerbarer Energien zu versichern, müssen die Versi-
cherer frühzeitig in Entwicklungsprozesse einbezogen werden.
1 siehe GDV-Broschüre: Erneuerbare Energien: Gesamtüberblick der Technischen Versicherer im GDV über den technologischen Entwicklungsstand und das
technische Gefährdungspotential. Berlin 2010. 386 Seiten. www.gdv.de.18 HERAUSFORDERUNG KLIMAWANDEL | SCHLUSSFOLGERUNGEN
Auch Hausbesitzer sollten handeln
Die Auswirkungen eines Hochwassers sind meist nur präsent, wenn große Flüsse über die Ufer
treten und das Fernsehen Bilder zeigt, auf denen Wassermassen Autos wie Spielzeug durch die
Straßen treiben. Aber dass einem Hausbesitzer durch Starkregen der Keller vollläuft und dadurch
ein hoher Schaden entsteht, kommt viel häufiger vor als ein sogenanntes Jahrhunderthochwas-
ser mit medienwirksamen Katastrophenbildern.
Nur wer die Gefahren und die Vorsorgemöglichkeiten kennt, kann wirksam handeln. Der eigene,
persönliche Beitrag zur Schadenprävention ist dabei nicht zu unterschätzen:
Alternative Energiequellen sollten sinnvoll genutzt werden. Dabei muss genau geprüft werden,
welche Energiequellen am besten passen (Photovoltaikanlagen, Geothermie, Solarthermie etc.).
Bauvorhaben müssen vorausschauend geplant und durchgeführt werden, z. B. bei der Auswahl des
Bauplatzes oder bei der Wahl der Baumaterialien.
Eine Reihe von Schutzmaßnahmen für Wohngebäude (Rückstauventil, Rückstauklappen, Hebe
anlagen, Dachverstärkung, Tauchpumpen und Notstromgeneratoren) sind heute möglich. Viele
Menschen halten diese Maßnahmen zwar für sinnvoll, nutzen sie aber nicht, da ihnen die Kosten
zu hoch erscheinen.
Jeder Hausbesitzer sollte wissen, ob sein Wohngebäude und die von ihm bewohnte Gegend über-
schwemmungsgefährdet ist. Aus diesem Grund präsentiert die Versicherungswirtschaft 2012 zu-
sammen mit dem HochwasserKompetenzCentrum in Köln den sogenannten Hochwasserpass. Der
Hochwasserpass ermöglicht individuelle Risikoanalysen und benennt konkrete Präventionsmaß-
nahmen. Weitere Informationen: www.hkc-koeln.de.
Unwetterwarndienste bieten eine gute Möglichkeit, rechtzeitig Schutzmaßnahmen zu ergreifen.
Einige Versicherer informieren ihre Kunden bereits regelmäßig über aktuelle Sturmwarnungen.
Präventionsmaßnahmen für Hausbesitzer in Hochwasserregionen
Ein wichtiger Beitrag für die Versicherbarkeit von Gebäuden in stark gefährdeten Gebieten sind
schadenverhütende Maßnahmen des Hausbesitzers. Für Hochwasserregionen sollten unter an-
derem die folgenden Punkte berücksichtigt werden:
Kellerfenster, Türen und Lichtschächte sind mit Sicherungssystemen gegen Eindringen von Was-
ser auszustatten.
In gefährdeten Räumen – zum Beispiel im Erdgeschoss – können Fliesen mögliche Schäden
minimieren.
Wertgegenstände und teure elektrische Geräte sollten nur in den oberen Stockwerken aufbewahrt
werden. Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e. V. Wilhelmstraße 43 / 43G, 10117 Berlin Postfach 08 02 64, 10002 Berlin Tel. +49 30 2020-5000 Fax +49 30 2020-6000 berlin@gdv.de www.gdv.de/klimawandel
Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e. V.
Wilhelmstraße 43 / 43G, 10117 Berlin
Postfach 08 02 64, 10002 Berlin
Tel. 0 30 / 20 20 - 50 00 · Fax 0 30 / 20 20 - 60 00
berlin@gdv.de, www.gdv.de
Stand: 24. Mai 2011
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