ICH BIN IMMER NOCH ICH - LEBEN MIT HIV/AIDS IN SÜDAFRIKA

 
ICH BIN IMMER NOCH ICH - LEBEN MIT HIV/AIDS IN SÜDAFRIKA
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Ich bin ImMer
      noch iCH
     Leben mit HIV/Aids in Südafrika
ICH BIN IMMER NOCH ICH - LEBEN MIT HIV/AIDS IN SÜDAFRIKA
3 POSITIV LEBEN

INHALT      Editorial

         4 SCHAU, ICH LEBE NOCH
            Im Porträt: Vier junge Menschen berichten über ihr Leben mit HIV/Aids

         6 LEBEN IN KHAYELITSHA
            Bericht aus dem Township

          7 REPUBLIK SÜDAFRIKA: ZAHLEN UND FAKTEN
         8 HIV/AIDS – ANSTECKUNG UND VERLAUF
         9 DER HIV-TEST
         10 DAS VIRUS BLEIBT IMMER IM BLUT
            Interview über Chancen und Risiken der Behandlung

         12 WENN DU MICH LIEBST...
            Aufklärung und Vorbeugung: Warum Kondome allein keine Lösung sind

         14 HERAUSFORDERUNG ZUKUNFT
            Immer mehr Patienten brauchen Behandlung

         15 ZUGANG ZU MEDIKAMENTEN SCHAFFEN
            Die Medikamentenkampagne

         16 GEMEINSAM IM KAMPF GEGEN AIDS
            ärzte ohne grenzen und die treatment action campaign (TAC)

         18 KLEINES LEXIKON
         19 IMPRESSUM

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ICH BIN IMMER NOCH ICH - LEBEN MIT HIV/AIDS IN SÜDAFRIKA
positiv leben
             Als wir in Khayelitsha, einem Township in der Nähe von Kapstadt,
             ankommen, ist dort Sommer. Die Menschen sind fröhlich und
             die Straßen lebendig. Kaum zu glauben, dass dieses Land von
             einer tödlichen Krankheit so stark betroffen ist wie kaum ein an-
             deres weltweit: Fast jeder neunte Südafrikaner ist mit HIV
             infiziert, unter den 15- bis 49-Jährigen sogar jeder fünfte. Das
             sind rund 5,5 Millionen Menschen.

             Für ärzte ohne grenzen wollen wir – ein kleines Filmteam und
             ich – über das Thema HIV/Aids in Khayelitsha berichten. Khaye-
             litsha ist ein Township, ein slumartiges Wohnviertel mit ho-
             her Arbeitslosigkeit und großer Armut. Die Infektionsraten dort
             sind dramatisch, und doch gibt es auch gute Nachrichten: Im
             Jahr 2001, als kaum jemand glaubte, dass Aids-Behandlung un-
             ter sehr einfachen Bedingungen möglich sein könnte, begann
             ärzte ohne grenzen mitten im Township mit der Therapie von
             Aids-Patienten. „Ohne modernste Medizin geht das doch nicht“,
             meinten die einen. „Da kommt doch keiner, Aids ist ein Tabu“,
             glaubten die anderen. Heute, nur wenige Jahre später, erhalten
             dort mehr als 5.000 Menschen lebensverlängernde Medika-
             mente.

             Dennoch ist HIV/Aids immer noch ein großes Problem. Wir trafen
             vier junge Menschen, die auf unterschiedliche Art mit der Krank-
             heit konfrontiert sind. Vier junge Leute, die die Zeit der Sorgen
             und Ängste kennen und trotzdem den Mut haben, nicht vor dieser
SÜDAFRIKA    Krankheit davonzulaufen. Diese vier – die beiden jungen Frauen
             Nokubonga und Nolubono sowie die jungen Männer Thembelihle
             und Athini – kommen hier zu Wort.

             Wir berichten auch darüber, wie die Aids-Behandlung verläuft,
             was in der Aufklärung dringend getan werden muss und welche
             Herausforderungen in der Zukunft bevorstehen. Aids ist nicht
             heilbar. Doch ein Leben mit HIV/Aids ist möglich.

             Alina Kanitz
             Öffentlichkeitsarbeit
             ärzte ohne grenzen

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Schau ,
    ich lebe noch
       Nolubono Sigonyela
          Ich bin Nolubono Sigonyela, 22 Jahre alt und seit zwei Monaten
          wieder verliebt. Ich habe meinem Freund erzählt, dass ich HIV-
          positiv bin, aber er glaubt mir nicht. Er sagt, ich sähe so gesund aus,
          gar nicht wie die anderen. Auf jeden Fall benutzen wir Kondome.

          Angesteckt habe ich mich bei meinem Ex-Freund. Ich war 19. Erst
          haben wir Kondome benutzt. Aber später haben wir einander ver-
          traut und die Kondome weggelassen. Doch dann sah ich seine
          Symptome. Er hat sich geweigert in die Klinik zu gehen und einen
          Test machen zu lassen. Da habe ich mich von ihm getrennt. Bis zum
          Schluss hat er abgestritten, HIV-positiv zu sein. Ich selbst habe den
          Test gemacht. Ich hatte große Angst, und danach habe ich eine
          Woche lang nur geweint.

          Ich hatte niemanden, dem ich wirklich vertrauen konnte. Meine
          Mutter ist gestorben, als ich zehn war. Mein Bruder und ich sind bei
          einer Tante aufgewachsen. In der Zeit nach dem Test habe ich meine
          Mutter wirklich sehr vermisst.

          Seit einem Jahr nehme ich nun meine Medikamente, jeden Tag
          genau um 9 und um 21 Uhr. Als nächstes will ich meinen Schulab-
          schluss nachholen. Nach dem Test hatte ich einfach die Schule ge-
          schmissen. Ich dachte, dass ich sowieso sterben würde. Nun bereue
          ich es. Denn schau, ich lebe noch.

        Athini Madubela
          Ich heiße Athini Madubela und bin 20 Jahre alt. Ich konnte so nicht
          weitermachen, chillen und Spaß haben. Ich musste meinen HIV-
          Status wissen. Deshalb habe ich mich testen lassen: Ich bin HIV-po-
          sitiv. Vergangenes Jahr war ich in einen Autounfall verwickelt, viel-
          leicht habe ich mich da infiziert.

          Meine Mutter ist auch HIV-positiv. Sie weiß es seit ein paar Monaten.
          Nun muss ich ihr sagen, dass ich ebenfalls positiv bin, aber ich habe
          Angst davor. Eine Mutter will doch immer das Beste für ihr Kind,
          oder?
          Nein, ich denke nicht ständig an den Tod. Man kann auch mit Aids
          ein positives Leben führen, denn es gibt eine Behandlung. Ich wür-
          de später gern hauptberuflich als Schiedsrichter arbeiten. Es macht
          mir großen Spaß auf dem Fußballplatz zu stehen.

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Nokubonga Yawa
  Ich heiße Nokubonga Yawa, und das hier ist meine dreijährige Toch-
  ter Sinaye, die ich sehr liebe. Ich lebe mit meiner Mutter, meiner
  Cousine, meiner Schwester und meinem Bruder in einem kleinen
  Haus mit zwei Räumen. Es ist sehr eng, und wir schlafen zu viert in
  einem großen Bett. Ich träume davon, irgendwann ein eigenes
  Schlafzimmer zu haben.

  Ich bin HIV-positiv, aber meine Tochter ist negativ. Ich war 16, als ich
  gleichzeitig erfuhr, dass ich schwanger und HIV-positiv bin. Ich hat-
  te mich bereits von meinem Freund getrennt und habe seitdem kei-
  nen Kontakt mehr zu ihm. Ich kenne auch meinen eigenen Vater
  nicht. Die ganze Familie lebt ohne Väter.

  Es war eine anstrengende Zeit damals. Ich habe geglaubt, dass ich
  mit meiner Situation alleine bin. Doch dann kam ich in die Klinik,
  und der Raum war voll, voll mit jungen Frauen und Mädchen, die
  schwanger und HIV-positiv waren. Ich besuchte eine Beratungsgrup-
  pe, in der ich erfuhr, wie ich eine Übertragung des HI-Virus auf mein
  Baby verhindern kann. Zum Glück gibt es Medikamente dagegen.

  Meine Mutter hat mich in dieser Zeit sehr unterstützt. Doch es war
  nicht leicht. Die Nachbarn tratschten über mich. Es hat einige Zeit
  gebraucht, bis ich den Mut hatte, offen dazu zu stehen. Nun fühle
  ich mich frei, richtig frei. Damit dieses Gefühl auch andere junge
  Menschen haben, engagiere ich mich bei der Selbsthilfeorganisation
  TAC, der treatment action campaign. Ich helfe freiwillig in einer
  Jugendklinik und bilde mich als Beraterin weiter. Wir müssen raus-
  gehen und mit den Leuten reden.

 Thembelihle Bulana
  Ich wäre gerne richtig stark, so stark wie ein Wrestler. Ich bin ein
  großer Fan davon. In meinem Zimmer habe ich viele Poster. Mein
  Name ist Thembelihle Bulana, ich bin 17 Jahre alt und gehe zur
  Schule. Ich wohne hier in Khayelitsha direkt über einem Kindergar-
  ten. Meine Großmutter arbeitet dort, und ich helfe ihr: Morgens ho-
  len wir die Kleinen von zu Hause mit dem Auto ab und fahren sie
  zum Kindergarten. Nachmittags bringen wir sie wieder heim. Ich
  liebe Kinder.

  Meine Mutter ist HIV-positiv. Sie weiß es seit einigen Jahren und
  muss täglich ihre Medikamente nehmen. Sie hat es mir nicht selbst
  erzählt. Ich habe es aus der Zeitung erfahren. Das war nicht leicht.
  Als meine Freunde aus der Schule hörten, dass meine Mutter HIV-
  positiv ist, redeten sie viel. Einige alte Freunde habe ich deshalb
  verloren.

  Ich konzentriere mich zurzeit sehr auf die Schule. Ich mache mir
  Sorgen um meine Zukunft, deshalb will ich lernen und studieren,
  um später eine gute Arbeit zu finden. Früher dachte ich, dass meine
  Mutter immer für mich da ist. Nun denke ich oft daran, dass sie
  eines Tages sterben wird. Doch im Moment geht es ihr gut. Ich weiß,
  dass sie noch so lange leben wird, bis ich meine Ausbildung been-
  det habe. Das gibt mir Hoffnung.

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Die Band Bongx singt in einem Shebeen
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LEBEN IN
KHAYELITSHA
Der Nachmittag ist die lebendigste Zeit in Khayelitsha. Die Stra-
ßen sind voller Menschen, die von der Arbeit kommen oder ihre
                                                                     Khayelitsha ist ein Township am Rand von Kapstadt an der süd-
                                                                     afrikanischen Küste des Indischen Ozeans. 1983 wurde Khayelitsha
Wäsche am Gemeinschaftsbrunnen waschen. Kinder spielen mit           von der damaligen Apartheidsregierung als Wohnsiedlung für
Zaunlatten Baseball, Frauen stehen hinter Verkaufsständen, wo        Schwarze gegründet, heute ist dieses Township eines der größten
fettes Fleisch vor sich hin schmort. Andere gehen einfach nur spa-   in Südafrika. Schätzungsweise 600.000 Menschen leben heute
zieren – so wie Nolubono. Mit Freundinnen schlendert sie den         dort, es können aber auch viel mehr sein.
sandigen Weg zur Hütte der Tante, hier und da bleibt sie stehen,
um einen Schwatz zu halten. An so einem späten Nachmittag hat        HÜTTEN BIS ZUM HORIZONT
sie auch ihren neuen Freund kennengelernt. „Ich war mit meiner       Bis zum Horizont erstrecken sich die sogenannten Shacks – Hütten
Freundin unterwegs. Er hat mich gesehen und angesprochen             aus Holz, Pappe und Wellblech, vielfach auf Sand gebaut. Man-
und seit ein paar Monaten sind wir ein Paar“, sagt Nolubono und      che Viertel bestehen auch aus einfachen, kleinen Steinhäusern.
lacht.                                                               Meist lebt eine ganze Familie in ein bis zwei Räumen, der Platz ist
                                                                     eng, doch immerhin gibt es in etlichen Hütten Strom und neben-
                                                                     an gemauerte Toilettenhäuschen mit einem Außenwaschbecken.

                                                                     Die Lebensverhältnisse sind einfach, häufig arm, und doch hat
                                                                     sich seit Ende der Apartheid einiges getan. Die Verwaltung hat
                                                                     begonnen, eine städtische Struktur zu schaffen: An den Knoten-
                                                                     punkten gibt es geteerte Straßen, Tankstellen, Supermärkte und
                                                                     auch einzelne Einkaufszentren, die sich kaum von europäischen
                                                                     unterscheiden. Das Polizeirevier ist unweit vom neuen Kranken-
                                                                     haus, die Schulen wirken modern und Vorortzüge verbinden das
                                                                     Township mit Kapstadt. Doch schon die Fahrtkosten sind für viele
                                                                     zu teuer. Auch an Snacks wie Pizza oder Cola ist nicht zu denken.
                                                                     Meist gibt es Bohnen, Reis, Kohl und mal ein wenig Huhn.
    Einkaufszentrum in                                               Manchmal gibt es auch gar nichts zu essen.
           Khayelitsha.

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                                                                                                               PRE TORIA
                                                                                       JOHANNE SBURG
                                                                                                        GAUTENG
                                                                                   NORTH-WEST-
                                                                                   PROVINCE                   MPUMALANGA

                                                                                                                   KWAZULU-
                                                                                           FREE STATE
                                                                                                                   NATAL

                                                                 NORTHERN CAPE

An den Straßenrändern gibt es viele                                                              OSTKAP
kleine Läden, Friseure, Schuhmacher
und Gemüsestände.                                                                        EASTERN CAPE

                                                           WESTERN CAPE

                                                    K APSTADT
                                      KHAYELIT SHA

                                                                             REPUBLIK SÜDAFRIKA
                                                                             Bevölkerung
                                                                             Rund 45 Millionen Einwohner, davon 79 Prozent Schwarze,
NACHTS KOMMT DIE GEWALT                                                      9 Prozent Weiße, 9 Prozent sogenannte Coloureds, 3 Prozent
Die Arbeitslosenquote ist hoch in Khayelitsha. Die Schätzungen               Asiaten.
schwanken zwischen 30 und weit mehr als 60 Prozent. Hinzu
                                                                             Sprache
kommen zahlreiche Tagelöhner, die morgens an der Autobahn-
                                                                             Elf Landessprachen, die alle offiziell anerkannt sind, darunter
zufahrt stehen und auf ein Arbeitsangebot für den Tag warten.
                                                                             English, isiXhosa (eine der Hauptsprachen in Khayelitsha) und
Entsprechend groß sind die Armut, Not und Verzweiflung der
                                                                             Afrikaans.
Menschen. Khayelitsha zählt in Südafrika zu den Orten mit der
höchsten Kriminalitätsrate. Der Friedhof ist voller Gräber junger            Religion
Menschen. Das liegt nicht nur an HIV/Aids, sondern auch an der               75,5 Prozent Christen, sonst Hindus, Muslime und Juden.
Gewalt. So fröhlich und bunt die Tage, so gefährlich ist die Nacht.
                                                                             Geschichte
„Jung sein ist nicht leicht in Khayelitsha“, sagt Thembelihle.
                                                                             Ab dem 17. Jahrhundert erst holländische, später britische
Überfälle bis hin zu Vergewaltigungen, Bandenkriegen und Mord
                                                                             Kolonie, 1910 Gründung der Südafrikanischen Union, der
passieren jede Nacht. Auch Nokubonga und Athini verbringen die
                                                                             Vorgängerin der heutigen Republik Südafrika. Im 20. Jahrhun-
Abende nach Einbruch der Dämmerung meist zu Hause.
                                                                             dert verschärft sich die Rassentrennung. Durch zahlreiche
Nur Nolubono geht regelmäßig aus, am liebsten in das „Water-                 Apartheidsgesetze verliert die sogenannte nichtweiße
front“. Das Shebeen – so heißen in Khayelitsha Kneipen – ist nur             Bevölkerung alle Rechte. Es werden getrennte Wohnviertel
ein paar Schritte von ihrer Hütte entfernt. Es ist sechs Uhr und             für Schwarze und Coloureds geschaffen, die Townships.
noch hell, als sie mit ihrer Freundin dort ankommt. Das Shebeen
                                                                             Die Anti-Apartheidsbewegung, darunter der ANC (Afrikani-
ist voller Menschen. Sie reden und flirten, tanzen und trinken,
                                                                             scher Nationalkongress), führt einen jahrzehntelangen
lachen und amüsieren sich. Ein paar Stunden noch, dann macht
                                                                             Befreiungskampf, der Anfang der 1990er Jahre erfolgreich ist.
das „Waterfront“ zu, denn aus Sicherheitsgründen schließen die
                                                                             1994 wird der Befreiungskämpfer Nelson Mandela (ANC) der
meisten Shebeens und Tavernen gegen 20 oder 21 Uhr. Manchmal
                                                                             erste schwarze, frei gewählte Präsident der Republik Südafrika.
sitzt Nolubono dann noch mit ein paar Freunden vor ihrem Shack,
bevor sie die Tür für die Nacht mit einem Vorhängeschloss ver-               Wirtschaft und Gesundheit
schließt.                                                                    Der rohstoffreiche Industriestaat gilt als „Wirtschaftsloko-
                                                                             motive“ im südlichen Afrika. Die Zentren der großen Städte,
                                                                             in denen noch immer hauptsächlich Weiße leben, sind sehr
                                                                             modern. Auch die medizinische Versorgung dort ist sehr gut.
                                                                             In Townships wie Khayelitsha hingegen gibt es zwar eine
                                                                             Grundversorgung und ambulante Kliniken, aber viel zu
                                              Eine Beerdigung:               wenige. Ein Krankenhaus mit stationären Betten gibt es nicht.
                                              Verwandte und Freunde
                                              singen kirchliche Lieder,      HIV /Aids
                                              während die Familie
                                                                             Etwa 5,5 Millionen Menschen leben mit HIV/Aids. 320.000
                                              (links) trauert.
                                                                             Menschen sterben jedes Jahr an Aids, und jeder Neunte ist
                                                                             mit dem HI-Virus infiziert.

                                                                             Quellen: UNAIDS, ärzte ohne grenzen, Auswärtiges Amt, Außenministerium
                                                                             Südafrika

                                         ¹                                                                                                        7
ICH BIN IMMER NOCH ICH - LEBEN MIT HIV/AIDS IN SÜDAFRIKA
Athini hat sich zu einem freiwilligen Test ent-
                                                                                          schieden. Bevor Blut abgenommen wird, erhält
                                                                                              er ein Aufklärungs- und Beratungsgespräch.

HIV / Aids
Ansteckung und Verlauf
WAS IST HIV, WAS IST AIDS?
Aids ist die Abkürzung für Acquired Immune Deficiency Syndrome
(erworbene Abwehrschwäche-Krankheit). Ursache von Aids ist
die Ansteckung mit HIV, dem Humanen Immunschwäche-Virus,
das 1983 entdeckt wurde. HIV-positiv zu sein meint, mit dem          WIE VERLÄUFT DIE KRANKHEIT?
Virus infiziert zu sein, von Aids spricht man nach dem Auftreten     Die Ansteckung mit HIV verläuft meist unbemerkt, manche Infi-
von Krankheitssymptomen.                                             zierte zeigen jedoch kurz nach der Ansteckung grippeähnliche
                                                                     Symptome. Menschen, die HIV in sich tragen, sind bereits wenige
WIE WIRD HIV ÜBERTRAGEN?                                             Stunden nach ihrer eigenen Infektion ansteckend, sie können
HIV wird durch einige Körperflüssigkeiten von Mensch zu Mensch       danach jedoch noch mehrere Jahre beschwerdefrei leben, ohne
übertragen. Wenn es zu einer Ansteckung mit HIV kommt, ver-          etwas an sich selbst zu bemerken (erstes und zweites Stadium).
mehrt sich der Aids-Erreger im Körper. Stark virushaltige Flüssig-
                                                                     Befallen werden die CD4-Zellen, die ein wesentlicher Teil der Ab-
keiten sind Blut, Samenflüssigkeit (Sperma), Scheidenflüssigkeit
                                                                     wehrzellen (weiße Blutkörperchen) sind und das Immunsystem
(Vaginalsekret) und Muttermilch. Wenn eine dieser Flüssigkeiten
                                                                     koordinieren. HIV dringt in diese Zellen ein, vermehrt sich in ih-
auf Schleimhäute oder in offene Wunden gerät, ist eine Anste-
                                                                     nen und zerstört sie. Dadurch sinkt die Zahl dieser Abwehrzellen,
ckung möglich.
                                                                     und das Immunsystem kann sich nicht mehr gegen Krankheiten
Geschlechtsverkehr ist der Hauptübertragungsweg. Auch wenn           wehren.
beide Partner HIV-positiv sind, sollten sie trotzdem Kondome be-
                                                                     Nach der beschwerdefreien Zeit treten erste Symptome auf wie
nutzen, da es Doppelinfektionen mit verschiedenen HIV-Varian-
                                                                     Fieber, nächtliche Schweißausbrüche, Durchfall, Gewichtsverlust
ten geben kann.
                                                                     und Hautausschlag. Im weiteren Verlauf kommen schwere Infek-
                                                                     tionen hinzu, die Lunge, Magen, Darm, Haut oder Gehirn betref-
         HIV KANN ÜBERTRAGEN WERDEN DURCH                            fen können, wie zum Beispiel Tuberkulose (Stadium drei und
                                                                     vier). Man nennt diese Erkrankungen opportunistische Infekti-
       • jede Form von ungeschütztem Geschlechtsverkehr              onen. Auslöser sind oft harmlose Erreger, gegen die sich der ge-
         mit einer infizierten Person
                                                                     schwächte Körper jedoch nicht mehr wehren kann.
       • Blut-zu-Blut-Kontakt, z. B. durch den Gebrauch
         einer benutzten Spritze                                     In diesem Stadium wird die Krankheit „Aids“ oder auch „Vollbild
       • in einigen Fällen bei der Geburt oder beim Stillen          Aids“ genannt. Die Infektionen führen ohne Behandlung schließ-
                                                                     lich zum Tod.

WAS FÜHRT NICHT ZUR ANSTECKUNG?                                      KANN MAN DEN VERLAUF DER ERKRANKUNG
Das HI-Virus ist außerhalb des menschlichen Körpers sehr emp-        BEEINFLUSSEN?
findlich und geht schnell zugrunde. HIV wird sicher zerstört durch   Die Lebenserwartung hängt von den verfügbaren Medikamenten
Reinigungsmittel, Austrocknung oder Erhitzen. Kondome schüt-         ab, kann aber durch gesunde Ernährung, Sport, strikte Tablet-
zen beim Geschlechtsverkehr.                                         teneinnahme sowie regelmäßige medizinische Untersuchungen
                                                                     positiv beeinflusst werden.

                                                                     In ärmeren Ländern ist die Lebenserwartung meist bedeutend
          HIV WIRD NICHT ÜBERTRAGEN DURCH                            geringer als beispielsweise in Deutschland oder Nordamerika,
       • Anhusten, Anniesen oder über die Luft                       weil die Bedingungen für ausgewogene Ernährung, Hygiene (z. B.
          (Tröpfcheninfektion)                                       beim Trinkwasser) und die medizinische Versorgung schlechter
       • Händeschütteln                                              sind und viele Menschen kaum Zugang zu Medikamenten haben.
       • den Besuch von Schwimmbädern oder Saunen
       • Küssen oder Austausch von Zärtlichkeiten
       • die gemeinsame Benutzung von Toiletten,
          Wäsche, Handtüchern, Geschirr und Besteck
       • Insektenstiche
8
ICH BIN IMMER NOCH ICH - LEBEN MIT HIV/AIDS IN SÜDAFRIKA
Der Test                                                                HIV/AIDS IN ZAHLEN
WAS PASSIERT BEI EINEM HIV-TEST?
In den Projekten von ärzte ohne grenzen beginnt ein Test mit          • Rund 40 Millionen Menschen sind weltweit mit HIV infiziert,
                                                                        davon allein 25 Millionen im südlichen Afrika. Drei Millionen
einem Beratungsgespräch. Hier wird über den Ablauf, aber auch
                                                                        Menschen sterben jedes Jahr an den Folgen von Aids, mehr
über Befürchtungen und Ängste sowie mögliche Konsequenzen
                                                                        als vier Millionen Infektionen werden im selben Zeitraum
gesprochen. Für den anschließenden Test verwendet ärzte ohne
                                                                        neu diagnostiziert.
grenzen Schnellteststreifen. Diese Schnelltests sind preiswert und
zeigen nach wenigen Minuten ein Ergebnis. Das ist besonders in        • Etwa sieben Millionen Menschen weltweit brauchen
ärmeren Ländern wichtig, wenn der Weg in die Gesundheitszen-            Behandlung, nur ca. 2,5 Millionen erhalten sie zurzeit.
tren weit und teuer ist. Dort erfahren die Betroffenen ihr Ergeb-
nis sofort, damit sie kein zweites Mal kommen müssen. Außer-          • In Südafrika leben 5,5 Millionen Menschen mit HIV/Aids.
                                                                        Das ist jeder fünfte Erwachsene zwischen 15 und 49 Jahren.
dem sind Labortests, wie sie in Deutschland üblich sind, in
ärmeren Ländern aus technischen Gründen oftmals schwer oder           • In Khayelitsha sind schätzungsweise zwischen 50.000 und
gar nicht möglich.                                                      70.000 Menschen HIV-positiv, alle werden irgendwann
                                                                        lebensverlängernde antiretrovirale Medikamente (ARV)
Für den Schnelltest wird – wie bei Athini – aus dem Finger Blut
                                                                        benötigen.
abgenommen und auf den Teststreifen gegeben. Werden im Blut
Antikörper gegen HIV gefunden, ist das Ergebnis HIV-positiv. In       • Im Jahr 2007 erhalten mehr als 5.000 Patienten in Khayelitsha
diesem Fall wird direkt im Anschluss mit einem zweiten Test das         eine ARV-Therapie. Im Jahr 2010 werden voraussichtlich
erste Ergebnis überprüft. Ist der ebenfalls positiv, ist die Person     15.000 bis 20.000 Menschen in Behandlung sein.
mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mit HIV infiziert.
                                                                      • In Deutschland sind rund 56.000 Menschen HIV-positiv,
Ist dies der Fall, wird der Betroffene psychologisch betreut und        allein im Jahr 2006 infizierten sich 2.600 Menschen neu und
weiterüberwiesen. Es wird erneut Blut abgenommen, um ver-               600 Menschen starben.
schiedene Blutwerte zu bestimmen, unter anderem den CD4-
Wert, der entscheidend für den Beginn der Behandlung ist. Athi-         Quelle: UNAIDS, WHO, ärzte ohne grenzen und Robert-Koch-Institut.
ni erfährt seinen CD4-Wert zwei Wochen später: 550/µl. Das ist          Die meisten Zahlen sind Schätzwerte und stammen aus den Jahren 2005
                                                                        und 2006.
gut, eine Behandlung beginnt in den Projekten von ärzte ohne
grenzen meist bei weniger als 200/µl.

                                      Das Ergebnis ist eindeutig
                                      und wurde durch einen
                                      zweiten Test bestätigt:
                                      Athini ist HIV-positiv.

                                                                                                                                              9
ICH BIN IMMER NOCH ICH - LEBEN MIT HIV/AIDS IN SÜDAFRIKA
Die Menschen warten geduldig auf ihre
                    Untersuchung. Die ersten stehen schon
                   vor sechs Uhr morgens vor der Klinik an.

Das Virus bleibt
   imMer im Blut
Interview mit dem Arzt Gilles van Cutsem über Chancen
und Risiken der lebenslangen Aids-Behandlung
Nokubonga nimmt heute regelmäßig Aids-Medikamente. Was
wäre passiert, wenn sie nie welche bekommen hätte?
Sie wäre wohl innerhalb von zwei oder drei Jahren gestorben. Sie
war krank, und ihr Immunsystem war schon sehr geschwächt.

Woran merkt man, dass man HIV-positiv ist?
In der ersten Zeit durch einen Test. Nach einigen Jahren tauchen     Ausgang. Es wäre sehr schwer, ihr Immunsystem mit einer neuen
erste typische Symptome wie Hautausschlag und Gewichtsverlust        Behandlung wieder zu stabilisieren. Hinzu kommt die Gefahr von
auf, später kommen Lungen- und Gehirnentzündung oder Tuber-          Resistenzen: Dann reagiert das Virus nicht mehr auf die Wirk-
kulose dazu. Das sind sogenannte opportunistische Infektionen,       stoffe und die Arzneimittel werden wirkungslos.
die aufgrund des geschwächten Immunsystems ausbrechen und
                                                                     Wann bilden sich Resistenzen gegen die Medikamente?
zuerst behandelt werden müssen.
                                                                     Wenn die Tabletten unregelmäßig oder zeitweise gar nicht ein-
Welche Medikamente muss Nokubonga gegen Aids einnehmen?              genommen werden sowie häufig nach längerer Behandlungs-
Sie erhält lebensverlängernde antiretrovirale Medikamente, kurz      dauer. Um das Risiko zu vermindern, wird eine Dreierkombination
ARV. Eine ARV-Therapie stoppt die Vermehrung des HI-Virus im         aus ARV-Medikamenten gegeben. Diese muss alle zwölf Stunden
Blut, die Viruslast – d. h. die Menge des Virus im Blut – geht zu-   eingenommen werden. Dadurch wird das Virus nicht so schnell
rück, und das Immunsystem kann sich langsam wieder erholen.          gegen die Wirkstoffe resistent, wie wenn man nur mit einem Me-
Ein Indikator für das Immunsystem ist die Anzahl der CD4-Zellen,     dikament behandeln würde.
auch Helferzellen genannt. Liegt der Wert unter 200/µl, beginnen
                                                                     Was passiert, wenn das Virus dann doch resistent geworden ist?
wir mit der Behandlung. Nokubongas Wert ist wieder auf über
                                                                     Dann muss auf die nächste Therapielinie, d. h. auf neuere Medi-
700/µl gestiegen. Das ist sehr gut und entspricht dem Wert einer
                                                                     kamente, umgestellt werden. Bei Nokubonga ist das sicher dem-
Gesunden.
                                                                     nächst der Fall. Das Problem ist jedoch, dass die Medikamente
Könnte sie dann aufhören, die Tabletten zu nehmen?                   höherer Therapielinien im Moment viel zu teuer sind, um sie hier
Nein. Wenn Nokubonga aufhören würde, fiele sie ziemlich schnell      massenhaft zu verschreiben.
in den Zustand zurück, in dem sie war, als sie die Therapie be-
                                                                     Nokubonga war schwanger, als sie erfuhr, dass sie HIV-positiv
gann. Sie würde mit großer Sicherheit sehr schnell an einer op-
                                                                     ist. Wie kommt es, dass ihre Tochter gesund ist?
portunistischen Infektion erkranken, womöglich mit tödlichem
                                                                     Das HI-Virus wird nicht automatisch auf das ungeborene Kind
                                                                     übertragen. Das Übertragungsrisiko bei der Geburt liegt bei mehr
                                                                     als 30 Prozent. Mit ARV-Medikamenten können wir das Risiko auf
                                                                     unter 15 Prozent senken. Wenn es die Möglichkeit für einen Kai-
                                                                     serschnitt gibt, kann das Risiko sogar auf weniger als zwei Prozent

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Der belgische Arzt Dr. Gilles van Cutsem, 35,                           Wie lange kann man mit HIV/Aids leben?
arbeitet seit vier Jahren für ärzte ohne                                Wir haben nicht genug Langzeiterfahrungen, um das genau sagen
grenzen in Khayelitsha.
                                                                        zu können. In Europa sind die Behandlungsmöglichkeiten ganz
                                                                        gut. Da hofft man inzwischen, das Leben um 20 bis 50 Jahre ver-
gesenkt werden. Allerdings sollten HIV-positive Schwangere ihre         längern zu können. Hier in Südafrika, schätze ich, können es
Babys möglichst nicht stillen, da das Übertragungsrisiko durch          derzeit vielleicht bis zu 20 Jahre werden, in anderen afrikani-
die Muttermilch hoch ist. ärzte ohne grenzen bietet in vielen           schen Ländern sind es oft weniger. Voraussetzung ist, dass die
Projekten dazu spezielle Beratungen an.                                 nötigen Medikamente für alle Betroffenen erhältlich sind. Wir dür-
                                                                        fen nicht vergessen, dass das in vielen Ländern nicht der Fall ist.
Beratung spielt bei der gesamten Behandlung von HIV/Aids
eine zentrale Rolle. Warum?                                             Kann man trotz Behandlung noch an HIV/Aids sterben?
Weil die Behandlung sehr komplex ist und ein Leben lang fortge-         Ja, denn die Medikamente können das Leben nur verlängern.
setzt werden muss. Die Patienten müssen gut über die Tabletten-         Und manchen Patienten können wir gar nicht mehr helfen, wenn
einnahme Bescheid wissen. In den Beratungen werden sie auch             sie zum Beispiel sehr spät zu uns kommen und wir es nicht
immer wieder motiviert, nicht nachlässig zu werden. Nicht zu-           schaffen ihr Immunsystem schnell genug wieder zu stabilisieren.
letzt ist es sehr wichtig, sich jemandem anvertrauen zu können.         Oder wenn sich Resistenzen gegen die verfügbaren Medikamente
                                                                        bilden. Oder wenn die Nebenwirkungen zu stark sind und ein Pa-
Wie offen ist der Umgang mit HIV/Aids in Khayelitsha?
                                                                        tient die Medikamente nicht verträgt.
Es gibt nach wie vor Ausgrenzung und Stigmatisierung. Nokubonga
ist eine der wenigen, die sehr offen über ihre Krankheit sprechen.      Ist HIV/Aids unter bestimmten Bedingungen heilbar?
Viele kommen erst spät zu uns und manche gar nicht. Wir be-             Nein. Wer sich infiziert hat, trägt das HI-Virus für immer im Blut.
handeln hier heute zwar mehr als 5.000 Menschen, doch das ist           Wie viele andere träume ich aber davon, dass es irgendwann ei-
schätzungsweise nur die Hälfte derjenigen, die eigentlich eine          nen Impfstoff dagegen geben wird.
ARV-Behandlung bräuchten.

1999, als ärzte ohne grenzen das Projekt in Khayelitsha er-
öffnete, hieß es sogar, niemand würde kommen.
                                                                                           MÖGLICHE NEBENWIRKUNGEN
Damals war HIV/Aids ein Tabu. Niemand wollte sich testen lassen.
Es gab hier ja noch keine Behandlung, und die Menschen sagten,
                                                                                           DER MEDIKAMENTE
bei einem Test erführen sie nur, dass sie sterben würden. 2001                         • Hautausschlag
begann ärzte ohne grenzen in Khayelitsha mit der ARV-Be-                               • Hepatitis (Entzündung der Leber)
handlung, und heute sind die Kliniken voll.                                            • schmerzhafte Nervenschädigungen in Füßen,
                                                                                           Beinen oder Händen
                                                 Zwei mal täglich nimmt                • starke Fettablagerungen an Nacken,
                                                 Nokubonga je eine Tablette                Oberarmen, Brust oder Unterleib
                                                 der drei Medikamente
                                                 Stavudin, Lamivudin und
                                                                                       •   Stoffwechselstörungen
                                                 Nevirapin ein.                        •   Unverträglichkeitsreaktionen

                                                                                                                                       11
In vielen Shebeens gibt es Boxen,
Das ist eine der größten Herausforderungen:                                                  wie hier links oben in der Ecke.
                                                                                            Darin sind Kondome – kostenlos
den Leuten klarzumachen, dass sie die Kondome                                                               zum Mitnehmen.

auch benutzen müssen; dass sie sie nicht nur mit
nach Hause nehmen, sondern auch gebrauchen.

                          Gilles van Cutsem, Arzt

WenN du mich
                    liebst...
                    Warum Kondome allein keine Lösung sind
                                                    DAS TABU BRÖCKELT
                                                    „In den ersten Wochen haben wir Kondome verwendet, als noch
Ich weiß nicht, warum ich kein Kondom               nicht sicher war, ob wir ein Paar sind. Aber dann haben wir
benutzt habe. Ich habe nicht an mich ge-            einander vertraut und die Kondome weggelassen.“ Nolubono ist
                                                    19, als sie von ihrer Ansteckung erfährt. Ihr damaliger Freund,
dacht, ich wollte einfach, dass mein Freund         mit dem sie eigentlich in die Klinik zum Test gehen will, weigert
zufrieden ist. Ich hatte Angst, dass er sonst       sich. Er stirbt und Nolubono bleibt allein mit sich, ihrem Schmerz
                                                    und ihrer Krankheit. Sie schmeißt die Schule, sitzt zu Hause und
vielleicht anderen Mädchen hinterherjagt.           weint.

                                   Nokubonga        HIV/Aids ist heutzutage kein Todesurteil mehr, wenn es Zugang
                                                    zu einer Behandlung gibt – doch trotzdem ist die Diagnose
                                                    schrecklich. Betroffene empfinden häufig Schuld, Scham und das
Ja, ich werde Kondome benutzen.                     Gefühl, unendlich allein zu sein. Doch während Infizierte vor
                                                    wenigen Jahren noch schwiegen und sich versteckten, gehen
Sex muss sicher sein.                               heute immer mehr an die Öffentlichkeit. Auch in Khayelitsha tut
                          Athini
                                                    sich seit einigen Jahren viel: Selbsthilfegruppen gründen sich,
                                                    Zeitungen berichten, sogar in manchen Kirchen hängen Aufklä-
                                                    rungsplakate. Und auf den Straßen werben weithin sichtbare
Ich habe einen Test gemacht, und ich bin            Riesenposter mit dem Slogan: „Wenn du mich liebst, dann nimm
                                                    ein Kondom.“
HIV-negativ. Eines weiß ich sicher: Ich werde
                                                    „Seit es Behandlung gibt, kommen die Menschen auch zum Test“,
mich nie anstecken. Ich werde mich immer            sagt Gilles van Cutsem, Arzt bei ärzte ohne grenzen in Khayelit-
schützen und vorsichtig sein.                       sha. Denn seitdem kann den Menschen im Falle eines positiven
                                                    Ergebnisses auch etwas angeboten werden. So wächst der Mut,
                            Thembelihle

12
¹

sich mit der tödlichen Immunschwächekrankheit HIV/Aids offen            Nicht nur in Südafrika steigt die Zahl der Infizierten weiter – auch
auseinanderzusetzen. Neben ärzte ohne grenzen ist es vor                in zahlreichen anderen Ländern der Welt. Dabei gibt es Bei-
allem die Selbsthilfegruppe TAC (treatment action campaign),            spiele, die zeigen, dass sich die dramatische Aids-Entwicklung
die Aufklärung und Vorbeugung massiv vorantreibt. Zahlreiche            umkehren lässt: In Thailand sinkt die Zahl der Neuinfektionen.
TAC-Freiwillige engagieren sich dafür, das Tabu HIV/Aids zu bre-        Nicht zuletzt weil die Regierung begonnen hat, eine offensive
chen. Sie tragen T-Shirts, auf denen groß „HIV positiv“ prangt          HIV/Aids-Politik zu betreiben und vielerorts Test- und Behand-
und demonstrieren singend durch die Townships. Sie kämp-                lungsmöglichkeiten einrichtet. Doch insbesondere für Risiko-
fen für neue Medikamente und gegen eine schleppende Aids-               gruppen muss auch dort noch mehr getan werden. Auch in
Politik der südafrikanischen Regierung.                                 Deutschland sank die Zahl zwischenzeitlich, stieg aber in den
                                                                        vergangenen Jahren wieder an – ein Trend, der auch in vielen
WISSEN IST WICHTIG                                                      anderen Industrieländern zu beobachten ist.
Aktivisten verteilen Monat für Monat eine Million Kondome in
                                                                        Da HIV/Aids nicht heilbar ist, ist mit Tabletten allein der Kampf
Shebeens, Kliniken und Telefonzellen in Khayelitsha. Sie gehen
                                                                        gegen Aids nicht zu gewinnen. Auch massenhaft Kondome zu
an Schulen und klären direkt in den Wartesälen der Kliniken auf.
                                                                        verteilen, reicht nicht aus. Denn nur wer weiß, was passiert, wer
Freiwillige führen Workshops durch, in denen über Ansteckung
                                                                        die Folgen einer Ansteckung erkennt und selbstbewusst handelt,
und über Möglichkeiten, sich zu schützen, gesprochen wird. Dazu
                                                                        kann sich aktiv schützen. ärzte ohne grenzen unterstützt des-
gehören auch Themen wie erzwungener Sex und Vergewaltigung.
                                                                        halb Aktivistenorganisationen wie TAC und integriert Aufklärung
Es wird viel getan – und trotzdem steigen die Infektionsraten weiter,
                                                                        in die eigenen HIV/Aids-Projekte. Denn Vorbeugung und Be-
geht der Kampf gegen Tabu und Ansteckung nur langsam voran.
                                                                        handlung gehen in Khayelitsha – so wie überall – Hand in Hand.

     Aufklärungsposter und                                                      DAS KANN VOR ANSTECKUNG SCHÜTZEN
      Infomaterial liegen in
           den Kliniken aus.                                                • bei der Ersten Hilfe Handschuhe tragen
                                                                            • keine Spritzen und Nadeln gemeinsam verwenden
                                                                            • beim Geschlechtsverkehr immer Kondome benutzen
                                                                            • verhindern, dass Blut oder Sperma in den Mund, die
                                                                                Augen, auf Schleimhäute oder in Wunden gelangt
                                                                            •   Treue, wenn beide einen HIV-Test gemacht haben
                                                                            •   wichtig ist darüber hinaus: informiert sein, vor dem
                                                                                Sex offen reden und selbstbewusst auf Kondome
                                                                                bestehen

                                                                                                                                        13
Herausforderung

IMMER MEHR PATIENTEN
                                    ZuKUNFT
„Die größte Herausforderung, vor der wir stehen, sind die vielen    Auch in anderen Ländern, wie in Malawi, Mosambik, Kambod-
Patienten, die noch kommen werden.“ Gilles van Cutsem wird          scha oder Ecuador, spielt die Dezentralisierung eine immer grö-
ernst, wenn er über die Zukunft spricht. Der Arzt arbeitet für      ßere Rolle. Vor allem auf dem Land, wo die Wege weit und eine
ärzte ohne grenzen in einer HIV/Aids-Klinik in Khayelitsha und      Fahrt ins Krankenhaus oft viel zu teuer sind, sind die kleinen
beobachtet seit einigen Jahren die enormen Patientenzahlen.         Gesundheitszentren in der Nähe für die Menschen enorm wich-
„Noch nie hat ein Gesundheitssystem derart stark ansteigende        tig. Also bietet ärzte ohne grenzen zunehmend auch in Ba-
Behandlungszahlen bewältigen müssen“, sagt er. Vor fünf Jah-        sisgesundheitsprojekten in abgelegenen Dörfern HIV-Tests und
ren begann die ARV-Behandlung in Khayelitsha mit einer Hand-        ARV-Behandlung an. Gleichzeitig werden die Mitarbeiter vor Ort
voll Patienten, heute kommen mehr als 5.000 regelmäßig in die       geschult: Weil es nicht genug Ärzte für die tausenden Patienten
Kliniken – und im Jahr 2010 könnten es voraussichtlich bis zu       gibt, übernehmen Krankenschwestern und -pfleger einen Teil der
20.000 Menschen sein.                                               Aufgaben mit. Und weil auch die nicht alles schaffen, „müssen
                                                                    wir über neue Modelle nachdenken“, so Gilles van Cutsem wei-
„Man muss sich vorstellen, ein Krankenhaus in Deutschland muss
                                                                    ter. Zum Beispiel, dass Betroffene wie Nokubonga selbst aktiv
von einem Jahr zum anderen plötzlich doppelt so viele Patienten
                                                                    werden und freiwillig in der Patientenannahme oder der Bera-
versorgen“, so van Cutsem weiter. Man braucht mehr Kran-
                                                                    tung helfen.
kenschwestern und Ärzte, größere Kliniken und Wartesäle und
mehr Medikamente. „ärzte ohne grenzen hilft, dieses Problem
zu lösen.“ Ein Weg, den die Hilfsorganisation dabei geht, ist die
                                                                    EINE GENERATION STIRBT
                                                                    So gut wie in Khayelitsha ist die Versorgung von HIV-Infizierten
Dezentralisierung: Statt auf Spezialkrankenhäuser mit Fachperso-
                                                                    längst nicht überall – auch in Südafrika nicht. Vor allem in länd-
nal setzt ärzte ohne grenzen auf ARV-Behandlung in möglichst
                                                                    lichen Gebieten wissen die Menschen wenig über HIV/Aids, und
vielen kleinen Kliniken und Gesundheitszentren.
                                                                    die Gesundheitsversorgung ist schlecht. Inzwischen wächst in
                                                                    Ländern wie Südafrika oder Malawi eine Generation von Aids-
                                                                    Waisen heran. Kinder, die von ihren Großeltern ernährt und groß

14
ZUGANG ZU MEDIKAMENTEN SCHAFFEN –
                                                           UND DAMIT LEBEN RETTEN
                                                           Jedes Jahr sterben Millionen Menschen in ärmeren Ländern an behandel-
                                                           baren Krankheiten, weil sie sich die lebensnotwendigen Medikamente nicht
                                                           leisten können oder weil es keine wirksamen Arzneimittel gibt. So hat zum
                                                           Beispiel nur etwa ein Drittel der HIV/Aids-Patienten, die weltweit Behand-
                                                           lung brauchen, derzeit Zugang zur lebensverlängernden Therapie.

                                                           Im Jahr 1999 hat ärzte ohne grenzen deshalb die Kampagne „Zugang zu
                                                           unentbehrlichen Medikamenten“ ins Leben gerufen. Die Kampagne wendet
                                                           sich an Forschung, Wirtschaft und Politik. Sie fordert die Verantwortlichen
                                                           auf, dringend benötigte Medikamente in ärmeren Ländern zugänglich zu
                                                           machen und neue Arzneimittel zu erforschen. Darüber hinaus übt die
                                                           Medikamentenkampagne Druck auf die Pharmaindustrie aus, mehr in die
                                                           Erforschung von Krankheiten in ärmeren Ländern zu investieren und dort
                                                           den Zugang zu Arzneimitteln nicht zu blockieren.

                                                           Durch öffentlichen Druck konnte die Kampagne in den vergangenen Jahren
                                                           bereits einiges bewirken: Im Jahr 2001 sorgte der weltweite Druck beispiels-
                                                           weise dafür, dass 39 Pharmaunternehmen ihre Klage gegen die südafrika-
                  Volle Wartesäle gehören in den           nische Regierung zurückzogen. Damit konnte ein Gesetz in Kraft treten, das
                  HIV-Kliniken in Khayelitsha
                                                           den Gebrauch kostengünstiger Generika in Südafrika ermöglichte.
                  schon heute zum Alltag – doch in
                  Zukunft werden es immer mehr.
                                                           Ein weiteres Beispiel ist der Fall Novartis: 420.000 Menschen haben im Jahr
                                                           2007 mit ihrer Unterschrift den Pharmakonzern Novartis aufgefordert, seine
                                                           Klage gegen das indische Patentrecht fallen zu lassen. Wäre Novartis mit
                                                           seiner Klage erfolgreich gewesen, hätte dies die Produktion vieler kosten-
                                                           günstiger Generika in Indien und damit die Versorgung von Patienten mit
                                                           bezahlbaren Medikamenten in ärmeren Ländern gefährdet. Die Klage des
                                                           Pharmakonzerns wurde Anfang August vom indischen Gerichtshof in
                                                           Chennai zurückgewiesen. Auch der enorme Druck der Öffentlichkeit trug
                                                           dazu bei, dass Novartis keine Berufung einlegte.

„HIV ist das größte Gesundheitsproblem,
    das es auf der Welt gibt.“ Gilles van Cutsem, Arzt

gezogen werden. Die meisten Menschen haben keine Chance auf        an ihren Patenten festhält, um die Arzneien in reichen Ländern
Behandlung. Hinzu kommen weitere Probleme: Wer bestellt die        mit viel Gewinn verkaufen zu können, sterben in Afrika, Asien
Felder? Wer arbeitet in den Schulen und Krankenhäusern? Wer        und Lateinamerika die Menschen an HIV/Aids – mehr als 7.000
kümmert sich um die Alten? Niemand kann heute sagen, welche        jeden Tag.
politischen und wirtschaftlichen Folgen das haben wird.
                                                                   ärzte ohne grenzen kämpft deshalb seit Jahren dafür, dass
HIV/Aids ist eine globale Epidemie – eine tödliche. Nur wenn Re-   dringend benötigte Medikamente allen Menschen zugänglich
gierungen dies anerkennen und tätig werden, kann die Zahl der      gemacht werden. Dass weiterhin kostengünstige Generika pro-
Neuansteckungen gesenkt werden. Doch solange die Verantwort-       duziert werden. Dass verbesserte Tablettenrezepturen, die zum
lichen HIV/Aids ignorieren anstatt staatliche Programme endlich    Beispiel weniger Nebenwirkungen haben, in ärmeren Ländern
wirksam umzusetzen, werden weiter unnötig viele sterben.           erhältlich sind. Und dass die Preise sinken.

                                                                   Für die erste Therapielinie ist das bereits gelungen. Während vor
DIE ROLLE DER PHARMAINDUSTRIE                                      einigen Jahren die Medikamente für ein Jahr noch 10.000 Dol-
Ein Problem kann jedoch keine Regierung im Alleingang lösen:
                                                                   lar pro Patient kosteten, sind es heute in ärmeren Ländern nur
fehlende Medikamente. „Viele Medikamente, die es in Europa
                                                                   noch rund 100 Dollar pro Jahr. Bei Medikamenten der zweiten
gibt, sind in Khayelitsha nicht erhältlich“, erklärt van Cutsem.
                                                                   Therapielinie sieht das anders aus. Deren Preis liegt in diesen
„Dabei haben Patienten wie Nokubonga und Nolubono hier
                                                                   Ländern noch immer zwischen 900 und 1.500 Dollar im Jahr. Viel
noch Glück im Vergleich zu Menschen in anderen afrikanischen
                                                                   zu teuer für die Menschen und für ein Land, in dem irgendwann
Ländern.“ Während in einem Teil der staatlichen Gesundheitsein-
                                                                   Hunderttausende Patienten diese Arzneien brauchen. Auch für
richtungen in Südafrika Arzneien der ersten Therapielinie inzwi-
                                                                   Nokubonga und Nolubono ist es irgendwann so weit. Bis dahin
schen erhältlich sind, können sich ärmere Länder oft nicht mal
                                                                   müssen ihre Tabletten erschwinglich sein.
die leisten. Vor allem die neueren und verbesserten Versionen
der Aids-Medikamente sind teuer. Während die Pharmaindustrie

                                                                                                                                15
Eine Klinik
     in Khayelitsha.

                                                                                                   In Khayelitsha haben
                                                                                                   ärzte ohne grenzen und
                                                                                                   TAC ihre Büros im selben Gebäude.

                                                Gemeinsam im Kampf

ÄRZTE OHNE GRENZEN IST ...
... eine medizinische Nothilfeorganisation, die 1971 von einer
                                                                  gegEn
                                                                  ÄRZTE OHNE GRENZEN IN KHAYELITSHA IST ...
                                                                  ... ein Projekt, das als Modellprojekt begann und heute rich-
Gruppe junger Ärzte und Journalisten in Paris gegründet wur-      tungsweisend ist für die Behandlung von Menschen mit HIV/Aids
de. Ihre Vision: von Kriegen und Naturkatastrophen betroffenen    in ärmeren Ländern. Es hat gezeigt, dass keine High-Tech-Me-
Menschen schnell und über nationale Grenzen hinweg medizi-        dizin nötig ist, um das Leben von Aids-Kranken deutlich zu ver-
nisch zu helfen.                                                  längern. Inzwischen behandelt ärzte ohne grenzen mehr als
                                                                  100.000 Menschen in über 30 Ländern mit antiretroviralen Me-
Heute ist ärzte ohne grenzen ein internationales Netzwerk, das
                                                                  dikamenten (ARV).
aus Sektionen in 19 Ländern besteht. Die deutsche Sektion hat
ihren Sitz in Berlin. Mehr als 2.000 internationale und 20.000    Dabei war das Thema Aids-Behandlung innerhalb der Organi-
nationale Mitarbeiter sind weltweit im Einsatz. In etwa 70 Län-   sation durchaus umstritten: Denn als Nothilfeorganisation wird
dern behandeln sie Kranke und Verletzte, bauen in Flüchtlings-    ärzte ohne grenzen dann aktiv, wenn schnelle Hilfe nötig ist.
lagern Gesundheitszentren auf, sorgen für sauberes Trinkwasser    HIV/Aids-Patienten brauchen jedoch eine lebenslange Behand-
und helfen bei der Eindämmung von Epidemien. Ihre Arbeit wird     lung. Was also tun? Soll man deshalb gar nicht erst mit einer
zum größten Teil aus privaten Spenden finanziert.                 Therapie beginnen?

Neben der medizinischen Nothilfe in Kriegs- und Konfliktge-       Für ärzte ohne grenzen ist das keine Option. Natürlich können
bieten hat es sich ärzte ohne grenzen zur Aufgabe gemacht,        die Mitarbeiter auf Dauer keine Gesundheitsbehörden ersetzen.
schwere Menschenrechtsverletzungen oder Verstöße gegen das        Doch sie können zeigen, welche Hilfe nötig ist und wie diese
humanitäre Völkerrecht öffentlich anzuprangern. 1999 erhielt      Hilfe aussehen kann. So wie in Khayelitsha, wo die Betreuung
ärzte ohne grenzen den Friedensnobelpreis.                        der HIV/Aids-Patienten zunehmend von den südafrikanischen
                                                                  Behörden übernommen wird. ärzte ohne grenzen zieht sich
                                                                  Stück für Stück aus der täglichen Arbeit zurück und kann sich so
                                                                  auf andere, künftige Aufgaben konzentrieren.

                           ENGAGEMENT IN SÜDAFRIKA
                       • In Khayelitsha arbeitet ärzte ohne grenzen in mehreren Gesundheitszentren und Kliniken mit den
                           lokalen Gesundheitsbehörden zusammen. 31 südafrikanische und neun internationale Mitarbeiter
                           sind dort für die Hilfsorganisation aktiv.
                       • Zusammenarbeit ist wichtig: ärzte ohne grenzen unterstützt in Khayelitsha unter anderem die
                           Selbsthilfeorganisation TAC und ein Zentrum für Opfer von Vergewaltigungen.
                       • Ein HIV/Aids-Projekt in Lusikisiki im Osten Südafrikas konnte 2006 an die südafrikanischen
                           Gesundheitsbehörden übergeben werden und wird seitdem fortgeführt.
                       •   ärzte ohne grenzen eröffnete in Südafrika im Jahr 2007 ein neues Büro in Johannesburg, um
                           unter anderem Projekte in der Region zu unterstützen, die Öffentlichkeit zu informieren und
                           um Spenden zu werben.
16
Aids
                                                                Singend demonstrieren Nokubonga
                                                                und andere Freiwillige von TAC für den
                                                                Zugang zu besseren Medikamenten.

                                                                „Wir fordern die Registrierung von Tenofovir – jetzt!“
                                                                – das fordert TAC auf einer Demo durch das Nachbar-
                                                                township Gugulethu.

TAC – DIE TREATMENT ACTION CAMPAIGN IST …
… eine Selbsthilfeorganisation und extrem wichtig im Kampf
gegen HIV/Aids in Südafrika. TAC wurde 1998 von HIV-Infizier-
ten in Kapstadt gegründet. Heute gehen regelmäßig Tau-
sende für dringend benötigte Medikamente und für eine
bessere südafrikanische Gesundheitspolitik auf die Straße.

Sie demonstrieren für Medikamente, die nicht nur preis-
werter sind, sondern auch weniger Nebenwirkungen ha-
ben. Sie fordern von der Regierung, endlich die längst be-
schlossenen HIV/Aids-Programme konsequent umzusetzen.
Und sie klären in vielen Workshops und Veranstaltungen die
Menschen in den Townships darüber auf, wie HIV/Aids be-
handelt wird und vor allem, wie man sich schützen kann.

Es ist auch TAC zu verdanken, dass viele Menschen in Kha-
yelitsha beginnen, das Tabu zu brechen: Aids ist zunehmend
ein Thema, man spricht darüber und – ganz wichtig – man
informiert sich. Das ist einer der größten Erfolge, den die
Freiwilligen von TAC bisher errungen haben.

Trotzdem ist TAC noch lange nicht am Ziel: Nach wie vor in-
fizieren sich täglich Menschen mit HIV. Noch immer sind vor
allem neue Medikamente in den Townships nicht erhältlich.
Und noch hat die Regierung nicht die volle Verantwortung
für die 5,5 Millionen HIV-infizierten Südafrikaner übernom-
men.

ärzte ohne grenzen unterstützt deshalb das Engagement
der TAC-Aktivisten. Eine von ihnen ist Nokubonga. Auch sie
geht bei Demonstrationen mit auf die Straße und hilft regel-
mäßig freiwillig in einer Jugendklinik. Und Athini will sich
zum Berater weiterbilden lassen. Immer mehr Menschen in
Khayelitsha wird bewusst, dass sie selbst etwas tun können.
Auch das ist TAC zu verdanken.
                                                                Beratung und Gespräche sind ein wesentlicher
                                                                Teil der Arbeit von TAC. Auch Nolubono besucht
                                                                regelmäßig eine Selbsthilfegruppe.

                                                                                                                         17
KleinEs LexIKoN
Apartheid, ARV, Shebeen & Co

AIDS                                        BACTRIM                                       isiXHOSA
Acquired Immune Deficiency Syndrome Medikament, das zur Vorbeugung         op- Sprache der Xhosa (südafrikanisches Volk),
(Erworbene Abwehrschwäche-Krankheit): portunistischer Infektionen bei HIV/Aids etwa 7,5 Millionen Menschen in Südafrika
Endstadium einer Infektion mit HIV (Hu- eingesetzt wird.                       sprechen isiXhosa.
manes Immunschwäche-Virus).
                                            BERATER                                       LAMIVUDIN, NEVIRAPIN,
AFRIKAANS                                  Durch Weiterbildungen ausgebildete Mit-        STAVUDIN, TENOFOVIR
Sprache der ersten holländischen Siedler arbeiter, die über        HIV/Aids aufklären,      ARV-Medikamente.
in Südafrika, heute eine der elf Landes- informieren, Rat geben und auch psy-
sprachen.                                  chische Hilfe leisten. Manche sind selbst      OPPORTUNISTISCHE INFEKTION
                                           HIV-positiv. Sie beantworten Fragen zu         Krankheit, die aufgrund eines geschwäch-
APARTHEID                                  Medikamenten, Krankheitsverlauf sowie          ten Immunsystems zum Ausbruch kommt,
Afrikaans für Trennung, gemeint ist die Übertragungsrisiken und unterstützen              wie etwa     Tuberkulose bei Aids. Bei Ge-
strikte Rassentrennung in Südafrika im 20. die Betroffenen, wenn das Testergebnis         sunden sind die Erreger häufig harmlos,
Jahrhundert. Schwarze und        Coloureds positiv ausgefallen ist. Einige Berater ge-    der geschwächte Körper kann sie jedoch
wurden durch Rassengesetze von der wei- hen an Schulen oder organisieren Selbst-          nicht mehr abwehren.
ßen Bevölkerung gezielt ausgegrenzt. hilfegruppen.
Schwarze hatten z. B. kein Wahlrecht, Ehen                                                RESISTENZ
zwischen Angehörigen verschiedener Haut- CD4-ZELLEN                                       Fähigkeit von Krankheitserregern, ihre ei-
farben waren verboten und in öffentlichen Ein Typ der weißen Blutkörperchen und           gene Struktur so zu verändern, dass sie der
Gebäuden gab es zwei verschiedene Ein- damit Teil des Immunsystems. Das HI-Virus          Wirkung von Medikamenten widerstehen
gänge. Sie durften nicht dieselben Schulen greift die CD4-Zellen an. In den Projekten     können. Resistenzen bilden sich, wenn
besuchen und nicht dieselben Busse be- von ärzte ohne grenzen erhalten die Pa-            Medikamente über sehr lange Zeiträume
nutzen wie Weiße.                          tienten spätestens dann      antiretrovirale   oder nicht vorschriftsmäßig eingenommen
                                           Medikamente, wenn der Wert dieser Zel-         werden.
                                           len unter 200/µl gesunken ist. 800/µl ent-
                                           sprechen dem Normalwert eines Gesunden.        SHACK
                                                                                          Hütte oder einfaches Haus in den Town-
                                            COLOUREDS                                     ships, gebaut aus Holz, Pappe und Well-
                                            Begriff aus der Gesetzgebung während der      blech.
                                               Apartheid, die zwischen vier ethnischen
                                            Gruppen unterschied: Schwarze, Coloureds
                                            (wörtlich Farbige), Inder und Weiße. In
                                            Südafrika gibt es sowohl Menschen, die
Nokubonga an der Medikamentenausgabe
                                            sich selbst als Coloureds bezeichnen, als
                                            auch solche, die den Begriff aus poli-
ARV – ANTIRETROVIRALE KOMBI-                tischen Gründen ablehnen und sich selbst
NATIONSTHERAPIE – AUCH: ART                 Schwarze nennen.
Kombination von Medikamenten zur Be-
handlung von     Aids. ARV-Medikamente      GENERIKUM
hemmen die Vermehrung des HI-Virus im       Sogenanntes Nachahmermedikament, das          Nolubono (hinten rechts) im Shebeen „Waterfront“
Blut, das geschwächte Immunsystem er-       dieselben Wirkstoffe enthält wie das pa-
starkt wieder. Meist werden drei Medika-    tentgeschützte Originalmedikament, aber
                                                                                          Shebeen
                                                                                          Einfache Kneipe in südafrikanischen
mente kombiniert, um Resistenzen vor-       wesentlich kostengünstiger ist.
                                                                                             Townships; während der      Apartheid
zubeugen.                                   Indien ist der größte Generika-Hersteller
                                                                                          als illegale Bars der schwarzen Bevölke-
                                            weltweit, auch ärzte ohne grenzen be-
                                                                                          rung entstanden; beliebter Ausgeh- und
                                            handelt mehr als 80 Prozent seiner HIV/
                                                                                          Treffpunkt für Jugendliche.
                                            Aids-Patienten mit den preiswerten in-
                                            dischen Medikamenten.

18
KLEINER SPRACHKURS
isiXhosa                   Deutsch
Nolo                       Hallo
Kunjani                    Wie geht es Dir?
Dipilile                   Mir geht es gut!
Ndiyakuthanda              Ich liebe Dich!
Enkosi                     Danke schön!
Khayelitsha                unsere neue Heimat,
                           unser neues Haus

TOWNSHIP
Teils slumartige Wohnviertel, die die süd-
afrikanische Regierung während der
    Apartheid am Rand der großen Städte
errichtete, um dort die Schwarzen, die
    Coloureds und andere Nichtweiße ge-
trennt von den Weißen unterzubringen.
Noch heute leben dort kaum Weiße.

TUBERKULOSE
Krankheit, die vor allem die Lunge, aber
auch andere Organe wie Nieren, Hirnhäute
oder Lymphknoten betreffen kann. Tuber-
kulose tritt oft als  opportunistische In-
fektion bei HIV/Aids auf.

                                                                               ¹

IMPRESSUM
Redaktion: Alina Kanitz                                       Teil des vorliegenden Unterrichtsmaterials ist der Film     ärzte ohne grenzen e.V.
Verantwortlich: Kattrin Lempp                                 „Ich bin immer noch ich“ (31 min.), der von der Borgfeld/   Am Köllnischen Park 1
Mitarbeit: Claudia Fix, Lisa Hiemer, Katrin Hünemörder,       Bremer Produktion im Auftrag von ärzte ohne grenzen         10179 Berlin
Melanie Kraft, Stefanie Santo, Janet Wach                     produziert wurde. Der Film, die Broschüre sowie Lehrer-     Tel.: 030 – 700 130 0
Mitarbeit vor Ort: Bettina Borgfeld                           und Unterrichtsmaterial können kostenfrei über die          Fax: 030 – 700 130 340
Fotos: Bettina Borgfeld, Alina Kanitz (S.6 unten, S.7 oben,   Internetseite von ärzte ohne grenzen bezogen werden.        E-Mail: office@berlin.msf.org
S.13 unten, S.16 2x oben)                                                                                                 Internet: www.aerzte-ohne-grenzen.de
Pädagogische Beratung: Dietmar Falk, Janet Wach und           Unser besonderer Dank gilt Athini, Nokubonga,
                                                              Thembelihle und Nolubono, die ihre Geschichte erzählt       Spendenkonto 97 0 97
Unterstützung durch die Nelson-Mandela-Schule Berlin                                                                      Bank für Sozialwirtschaft
sowie weitere Schüler und Lehrer                              und uns einen Einblick in ihr Leben gegeben haben.
                                                              Außerdem möchten wir uns bei der Filmautorin                BLZ 370 205 00
Gestaltung: Moniteurs, Berlin
Litho: highlevel, Berlin                                      Bettina Borgfeld und dem Kameramann Andreas Bremer
Druck: Druckhaus Mitte, Berlin                                bedanken, die mit uns in Khayelitsha waren. Für ihre
Gedruckt auf Envirotop: 100% Altpapier, chlorfrei,            Unterstützung vor Ort danken wir dem ärzte ohne
mit dem blauen Umweltengel ausgezeichnet                      grenzen-Team in Südafrika, der treatment action
                                                              campaign und unserem Produktions-assistenten
                                                              Isakhe Mangwana.
© 2007
                                                                                                                                                           19
LiebE ist...
                                … mit jemandem zusammen zu sein, mit
                                dem du deine Probleme teilen kannst, der
                                ehrlich ist und der dich tröstet. Jemand, der
                                sich um dich kümmert und um den du dich
                                auch selbst kümmerst. Ich denke, das ist
                 Nokubonga
                                wahre Liebe – sicher bin ich mir aber nicht.

… wenn man sich liebt, auch wenn man positiv ist. Du musst
das akzeptieren. Und egal, ob du negativ oder positiv bist oder
ob beide infiziert sind, du musst immer Kondome benutzen.
Man muss sich gegenseitig schützen.

                                                                           Athini

                             … wenn ihr euch vertraut und euch gegenseitig
                             Geheimnisse erzählt. Liebe ist, wenn mein Freund
                             mir hilft und mich versteht, wenn ich Probleme habe.
                             Aber hier in Khayelitsha halten die Beziehungen
                             meist nicht lange. Bei den einen klappt es ein Jahr,
              Nolubono       bei den anderen nur eine Woche. Für manche ist es
                             einfach nur Spaß.

          … wenn es einen richtig trifft. Ich muss sie sehen
          und wenn sie meine Augen blendet, dann gehe
          ich direkt auf sie zu. Ich will ein süßes Mädchen,
          und später will ich heiraten. Ich will ein guter
          Vater sein und Verantwortung tragen. Ja, so
                                                             Thembelihle
          würde ich das sagen.

     www.aerzte-ohne-grenzen.de
                                                                                Träger des Friedensnobelpreises 1999
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