Assistierte Ausbildung - Ein erfolgreiches Praxismodell zur intensiven Ausbildungsvorbereitung und -begleitung

 
Assistierte Ausbildung - Ein erfolgreiches Praxismodell zur intensiven Ausbildungsvorbereitung und -begleitung
GESAMTVERBAND
                                              Bundeskoordination Jugendsozialarbeit

  Assistierte Ausbildung
  Ein erfolgreiches Praxismodell zur intensiven
  Ausbildungsvorbereitung und -begleitung

Hrsg.
Der Paritätische Gesamtverband   Fachveröffentlichung
                                 3 / 2013
Assistierte Ausbildung - Ein erfolgreiches Praxismodell zur intensiven Ausbildungsvorbereitung und -begleitung
GESAMTVERBAND
    Bundeskoordination Jugendsozialarbeit

      Inhalt
      Wir möchten Anregungen geben ........................................................................................................................................ 2
      Birgit Beierling, Fachreferentin Jugendsozialarbeit im Paritätischen Gesamtverband

      Assistierte Ausbildung: Ideen, Chancen und Erfahrungen ............................................................................................. 4
      Berndt Korten & Ralf Nuglisch, Der Paritätische Baden-Württemberg, Stuttgart

      1. Idee .........................................................................................................................................................................................                                     4
      1.1 Leitgedanken der Assistierten Ausbildung ..................................................................................................................................                                                       4
      1.2 Modell Assistierte Ausbildung ..........................................................................................................................................................                                          6
      1.3 Assistierte Ausbildung – ein Angebot der Jugendsozialarbeit – Grundlegende pädagogische Haltungen und
            Schlüsselprozesse ..................................................................................................................................................................................                             8
      1.4 Kooperation mit Betrieben ..............................................................................................................................................................                                          10

      2. Chancen ...............................................................................................................................................................................                                            12
      2.1 Innovationspotenzial der Assistierten Ausbildung .................................................................................................................                                                                12
      2.2 Effizienzgewinne in der Ausbildungsförderung .......................................................................................................................                                                              12
      2.3 Anschlussfähigkeit im System der Ausbildungsförderung ..................................................................................................                                                                          13

      Praxiserfahrung carpo – Transferprojekt für assistierte Ausbildung in Baden-Württemberg (2008 bis 2011) ...                                                                                                                           14
      Berndt Korten & Ralf Nuglisch, Der Paritätische Baden-Württemberg, Stuttgart

      Mehr Jugendlichen das Angebot der Assistierten Ausbildung unterbreiten! ........................................................... 16
      Birgit Beierling, Fachreferentin Jugendsozialarbeit im Paritätischen Gesamtverband

      Impressum                  ........................................................................................................................................................................................................   17

      Wir möchten Anregungen geben...
     Seit vielen Jahren begleitet der Paritätische Gesamtver-                                                                   zur Verfügung stehenden Ausbildungsplätze. Der be-
     band die Praxiserfahrungen der Assistierten Ausbildung                                                                     vorstehende Fachkräftemangel ist in aller Munde. Aber
     in Baden-Württemberg mit den Projekten DIANA und                                                                           profitieren von dieser – regional und branchenspezifisch
     carpo und versucht auf Bundesebene und in weiteren                                                                         sehr unterschiedlichen – Situation junge Menschen mit
     Bundesländern eine Verbreiterung des Angebotes einer                                                                       erhöhtem Förderbedarf? Im Wesentlichen sind es eher
     individuell und intensiv begleiteten, flexibel gestaltbaren                                                                die Schülerinnen und Schüler mit guten Noten, deren
     dualen Ausbildung von jungen benachteiligten Men-                                                                          Auswahl an Ausbildungsplatzmöglichkeiten sich nun ver-
     schen zu unterstützen.                                                                                                     größert hat. Wie kann es dennoch gelingen die Jugend-
                                                                                                                                lichen mit schlechtem oder gar keinem Schulabschluss,
     Zwei aktuelle Fragestellungen in der Jugendsozialarbeit                                                                    Migrant/-innen und/oder Schulabgänger/-innen mit per-
     sind es nun, die uns veranlassen, eine Fachveröffentli-                                                                    sönlichem Entwicklungsbedarf einer Regelausbildung
     chung zu diesem Thema zu erstellen:                                                                                        näher zu bringen? Wie ist es möglich, ihnen ergänzende
                                                                                                                                Hilfsangebote an die Seite zu stellen, so dass ihnen erneu-
                                                                                                                                te Erlebnisse des Scheiterns erspart bleiben? Richtig ist es,
     Demographiewandel, Fachkräftemangel –                                                                                      dass es gelingen wird, mehr sozial benachteiligten und
     wie können die Jugendlichen mit                                                                                            individuell beeinträchtigten Jugendlichen Zugang zur du-
                                                                                                                                alen Ausbildung zu ermöglichen als es in den vergange-
     Förderbedarf profitieren?                                                                                                  nen Jahren der Fall war. Aber es ist doch abzusehen, dass
2                                                                                                                               diese Jugendlichen Hilfe benötigen, um die heute nicht
     Die Anzahl der Schulabgängerinnen und Schulabgänger                                                                        minder hohen Anforderungen an eine betriebliche Aus-
     sinkt stetig und nähert sich immer mehr der Anzahl der                                                                     bildung erfüllen zu können. Zurzeit werden 24,4 Prozent
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                                                                                                                            Bundeskoordination Jugendsozialarbeit

der Ausbildungsverträge vorzeitig aufgelöst. Das betrifft                            ebene, aber auch auf regionaler Ebene geben, das Modell
ca. 150.000 junge Leute1, von denen schätzungsweise die                              der Assistierten Ausbildung allen jungen Menschen mit
Hälfte erfolgreich in der dualen Ausbildung verbleibt und                            Förderbedarf in Deutschland zur Verfügung zu stellen.
als sogenannte Umsteiger eine bessere Ausbildungsalter-
native gefunden hat. Bei den anderen Jugendlichen / jun-                             In dieser Fachveröffentlichung soll das Konzept der As-
gen Erwachsenen handelt es sich häufig um junge Men-                                 sistierten Ausbildung als Angebot der Jugendsozial-
schen mit niedrigen Schulabschlüssen und Jugendliche                                 arbeit beschrieben und im Kontext der bestehenden
mit Migrationshintergrund, die oder deren Ausbildungs-                               Unterstützungsangebote in der Ausbildungsphase
betrieb aus unterschiedlichen Gründen eine Ausbildung                                von jungen Menschen eingeordnet werden. Es werden
ohne Alternative vorzeitig beenden. 2                                                Leitgedanken benannt, das Modell skizziert, sowie die
                                                                                     grundlegenden pädagogischen Haltungen und Schlüs-
                                                                                     selprozesse beschrieben. Ein weiteres Kapitel widmet
Nachqualifizierungsbedarfe
                                                                                    sich intensiv der Kooperation mit Betrieben. Die Fach-
                                                                                     veröffentlichung schließt mit den Praxiserfahrungen aus
Nach wie vor gibt es ca. 1,5 Millionen junge Menschen                                dem „Carpo-Transferprojekt für Assistierte Ausbildung in
zwischen 20 und 29 Jahren (ca. 2,2 Millionen der 20-34                               Baden-Württemberg“ (2008-2011). Hier wird der Erfolg
Jährigen) ohne abgeschlossene Berufsausbildung. Hier                                 der Assistierten Ausbildung noch einmal anschaulich mit
sind erhöhte Anstrengungen notwendig, um die „abge-                                  Zahlen unterlegt.
hängte Generation“ wieder einzugliedern. Da sogar ca.
80 Prozent dieser Ungelernten über einen Schulabschluss                              Wir wünschen eine anregende Lektüre!
verfügen, steht einer nachträglichen Berufsausbildung
von den Voraussetzungen her häufig nichts im Wege.3                                  Berlin, Juli 2013

Es werden unterschiedliche Modelle der Nachqualifizie-
rung für eine inzwischen eher lernentwöhnte Gruppe
von jungen Erwachsenen benötigt, die mehrheitlich in
eigenen Wohnungen leben und zum Teil schon eigene
Familien haben. Wenn es gelingt, diese jungen Erwach-
senen in einem „normalen“ Ausbildungsbetrieb mit ent-
sprechender Vorbereitung und Unterstützung zu einem
Berufsabschluss zu bringen, so wäre das sicher – bei ei-
ner entsprechenden Absicherung des Unterhalts – sehr                                                     Birgit Beierling
                                                                                                         Fachreferentin Jugendsozialarbeit
begrüßenswert. Dass sich auch eine solche nachträgliche
                                                                                                         Der Paritätische Gesamtverband
Anstrengung zum Berufsabschluss lohnt, sagt uns schon
die Erkenntnis, dass ca. 60 Prozent der arbeitslosen Ju-
gendlichen im SGB II-Bereich keinen Berufsabschluss
haben und die Wahrscheinlichkeit zu längeren Arbeits-
loszeiten wächst, wenn kein Berufsabschluss erworben
wurde.

Beide Ausgangssituationen lassen mehr denn je zuvor
über eine das Land Baden-Württemberg überschreitende
Praxis der Assistierten Ausbildung nachdenken.4 Mit die-
ser Fachveröffentlichung wollen wir eine Anregung für
Gespräche und Verhandlungen auf Länder- und Bundes-

1 BIBB Datenreport 2013 (Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2013), S. 183ff
2 BiBB Report 21/2013 S. 13
3 Bundestagsdrucksache 17/12967 „Junge Menschen ohne Berufsabschluss“, S. 21
4 Einige kleinere Projekte auf Basis des Modells der Assistierten Ausbildung sind
bereits in anderen Bundesländern auf den Weg gebracht. Das BiBB arbeitet mit
einem Modellversuch an Rahmenbedingungen und der Katholische Verband für
Mädchen- und Frauensozialarbeit - Deutschland – IN VIA hat mit einem Modellprojekt                                                                                  3
an mehreren Standorten, aber mit relativ kleiner Teilnehmerzahl ein Modellprojekt
der Assistierten Ausbildung in 2012 begonnen und die Teilnehmerzahl wächst
kontinuierlich..
Assistierte Ausbildung - Ein erfolgreiches Praxismodell zur intensiven Ausbildungsvorbereitung und -begleitung
GESAMTVERBAND
    Bundeskoordination Jugendsozialarbeit

     Assistierte Ausbildung:
     Ideen, Chancen und Erfahrungen5
      Die vorliegende Fachveröffentlichung zeigt die Ideen und Leitgedanken der Assistierten Ausbildung auf. Die Chancen, die
      die Assistierte Ausbildung mit den ihr inne liegenden Innovationspotenzialen für die Weiterentwicklung der Ausbildungsför-
      derung bietet, bilden den Abschluss des Beitrags. Auf die Erfahrungen und die Ergebnisse aus dem Projekt carpo in Baden-
      Württemberg wird in der Bewertung und mit konkreten Zahlen im Kapitel Praxiserfahrungen Bezug genommen.

      1.               Ideen

      1.1	Leitgedanken der Assistierten Ausbildung

      Die Assistierte Ausbildung steht für einen Ansatz in der                           persönlichen Berufswünsche und die verlässliche Unter-
      Ausbildungsförderung, der eine reguläre betriebliche                               stützung in ihrer individuellen Lebenssituation bewegt
      Berufsausbildung auf dem allgemeinen Ausbildungs-                                  junge Menschen dazu, sich doch noch für eine Berufsaus-
      markt mit umfassenden Vorbereitungs- und Unterstüt-                                bildung zu entscheiden und diese zu einem erfolgreichen
      zungsangeboten seitens der Jugendberufshilfe flankiert.                            Abschluss zu führen.
      Durch diese Angebote gelingt es, auch chancenarmen
      jungen Menschen, die aufgrund gravierender Ausbil-
      dungshemmnisse keinen Zugang in den allgemeinen                                    1.1.2	Ausbildungspotenziale der Wirtschaft nutzen
      Ausbildungsmarkt finden konnten, eine normale betrieb-                                    und fördern
      liche Berufsausbildung zu ermöglichen. Die gleichzeitige
      Beratung und Unterstützung für die Betriebe bei der An-                            Nach Einschätzung von Fachleuten besetzen fast ein
      bahnung und Durchführung der Ausbildung ist zentraler                              Viertel der Betriebe Ausbildungsstellen nicht, weil sie
      Bestandteil des Konzepts.5                                                         vor allem aufgrund der aus ihrer Erfahrung mangelnden
                                                                                         Ausbildungsreife der Bewerberinnen und Bewerber das
                                                                                         zu hohe Ausbildungsrisiko scheuen. In der Realität ver-
      1.1.1            Betriebliche Ausbildung statt Parallelsystem                      bergen sich hinter den Gründen, die eine Ausbildung im
                                                                                         konkreten Fall verhindern, neben bildungsspezifischen
      Assistierte Ausbildung rückt die Ausbildungsförderung                              Problemstellungen vor allem auch soziale Vorbehalte und
      bewusst ins Zentrum der Erwerbsarbeitsgesellschaft, in                             Hürden bei jungen Menschen und Betrieben.
      die Betriebe des allgemeinen Arbeitsmarktes. Statt einer
      Kompensation fehlender Ausbildungsplätze im Parallel-                              Die Bewältigung des demografischen Wandels zur Siche-
      system wird mit der Assistierten Ausbildung das mög-                               rung des Fachkräftepotenzials für die Wirtschaft und zum
      liche Höchstmaß an beruflicher und gesellschaftlicher                              Erhalt unserer sozialen Sicherungssysteme erfordert es
      Teilhabe erreicht. Junge Menschen, die bislang keinen                              aber immer dringender, dass auch junge Menschen mit
      Zugang zur Berufsausbildung finden konnten, werden                                 schlechteren Ausgangsbedingungen und Vermittlungs-
      vom ersten Tag ihrer Ausbildung an in die Mitte der Er-                            hemmnissen die Möglichkeit auf eine qualifizierte Berufs-
      werbsarbeitsgesellschaft geführt und erleben sich als                              ausbildung im Betrieb erhalten.
      deren vollwertige und leistungsfähige Mitglieder. Assi-
      stierte Ausbildung zeigt, dass auch junge Menschen mit                             Assistierte Ausbildung bietet den Ausbildungsverant-
      schlechteren Ausgangsvoraussetzungen erfolgreich in                                wortlichen in den Betrieben und den Berufsschulen einen
      den betrieblichen Ausbildungsprozess auf dem allgemei-                             verlässlichen und kompetenten Ansprechpartner für die
      nen Arbeitsmarkt integriert werden können.                                         individuellen Problemstellungen, die während einer Aus-
                                                                                         bildung auftreten. Die Betriebe können sich weitgehend
      Durch die Option auf echte berufliche Teilhabe ent-                                auf das Kerngeschäft der fachlichen Ausbildung konzen-
      wickeln auch junge Menschen mit geringen Chancen                                   trieren und profitieren von motivierten Auszubildenden.
      auf dem Ausbildungsmarkt eine starke Motivation und                                So schafft Assistierte Ausbildung durch ihre umfassende
      Lernbereitschaft. Die Anerkennung und Förderung ihrer                              und bedarfsgerechte Dienstleistung eine Win-win-Situ-
4                                                                                        ation für Betriebe, Berufsschulen und Jugendliche und
      5 Ein ähnlicher Beitrag von Berndt Korten und Ralf Nuglisch wurde anlässlich der
      Hochschultage 2013 erarbeitet und wird im bwp@ Spezial 7 unter folgendem Link
                                                                                         setzt gleichzeitig Wachstumsimpulse für den betrieb-
      veröffentlicht werden: http://www.bwpat.de/ht2013/ws12/nuglisch_ws12-ht2013.pdf    lichen Ausbildungsmarkt.
Assistierte Ausbildung - Ein erfolgreiches Praxismodell zur intensiven Ausbildungsvorbereitung und -begleitung
GESAMTVERBAND
                                                                                               Bundeskoordination Jugendsozialarbeit

1.1.3   Chancengleichheit – Wahlmöglichkeiten schaffen      1.1.4   Normalitäts- und Dienstleistungscharakter

Die Durchsetzung von Chancengleichheit braucht Enga-        Zwei Prinzipien leiten den konzeptionellen Ansatz der As-
gement in jedem Einzelfall. Junge Menschen mit Migra-       sistierten Ausbildung: Das Normalitäts- und das Dienst-
tionshintergrund, junge Eltern und Alleinerziehende und     leistungsprinzip. Die Assistierte Ausbildung versteht sich
junge Menschen mit geschlechteruntypischen Berufs-          ganz bewusst nicht als Alternative zur Ausbildung auf
wünschen brauchen einen besonderen Rückhalt, um ih-         dem ersten Arbeitsmarkt. Die Ausbildungsverantwortung
ren Weg in eine betriebliche Ausbildung finden zu können.   verbleibt – anders als bei außerbetrieblichen Berufsaus-
Durch subjektorientierte Förderung kann es gelingen, das    bildungen – bei den Betrieben. Der Ausbildungsvertrag
Potenzial dieser jungen Menschen für unsere Gesellschaft    wird zwischen Betrieb und Auszubildenden geschlossen
zu nutzen und gleichzeitig ihren Ressourcen und Unter-      und die Betriebe bezahlen die tariflichen oder ander-
stützungsbedarfen, die nicht den gängigen Normalitäts-      weitig festgesetzten Ausbildungsvergütungen. Unter
vorstellungen entsprechen, gerecht zu werden.               dem Aspekt des Normalitätsprinzip spielt es eine weitere
                                                            zentrale Rolle, dass Berufsausbildungen grundsätzlich in
Assistierte Ausbildung schafft das hierzu notwendige        allen anerkannten dualen Ausbildungsberufen sowie –
Vertrauen. Sie orientiert sich dabei an dem modernen so-    dem SGB III folgend – in Berufen der Altenpflege absol-
zialstaatlichen Prinzip der Inklusion. Passende Rahmen-     viert werden können.
bedingungen, wie z.B. die Möglichkeit zu Ausbildungen
in Teilzeit, verlässliche Begleitpersonen und -strukturen   Mit dem Modell der Assistierten Ausbildung setzen wir
der Jugendsozialarbeit, die die gesamte Lebenssituation     an der Erfahrung an, dass die Ausbildung benachteilig-
der jungen Menschen zum Gegenstand haben, sind ein          ter Jugendlicher einerseits professionelle Unterstützung
starkes Signal und ein tragfähiges Angebot an diese jun-    braucht, andererseits aber die beteiligten Betriebe und
gen Frauen und Männer.                                      Jugendlichen nicht zu einem Objekt der Hilfeleistung
                                                            werden dürfen. Die Akteure der Ausbildung – Jugend-
                                                            liche und Betriebe – müssen sich sicher sein können, dass
                                                            sie im Rahmen einer „ganz normalen“ Ausbildung selbst
                                                            das Heft des Handelns in den Händen halten. Die Jugend-
                                                            berufshilfe übernimmt so die Rolle eines Dienstleisters,
                                                            der mit einem gleichermaßen an den Bedarfen der jun-
                                                            gen Menschen und der Betriebe orientierten Unterstüt-
                                                            zungsangebot dafür sorgt, dass Ausbildungsverhältnisse
                                                            zustande kommen und erfolgreich verlaufen.

                                                                                                                                       5
Assistierte Ausbildung - Ein erfolgreiches Praxismodell zur intensiven Ausbildungsvorbereitung und -begleitung
GESAMTVERBAND
    Bundeskoordination Jugendsozialarbeit

      1.2              Modell Assistierte Ausbildung
       1.2.1           Das kooperative Dreieck                     Betrieb und Jugendliche/-r schließen einen regulären
                                                                   Ausbildungsvertrag mit allen Rechten und Pflichten.
      In der Assistierten Ausbildung bilden Jugendliche/-r, Be-    Zusätzlich werden Kooperationsvereinbarungen zwi-
      trieb und Projektträger ein Dreieck, in dem die Aufgaben     schen Projektträger und Betrieb bzw. Projektträger und
      und Verantwortlichkeiten durch Kooperationsverein-           Jugendlichem/-er geschlossen, die die wichtigsten Ver-
      barungen verteilt sind.                                      bindlichkeiten und Aufgaben regeln.

                                                                                     Abb. 1: Basis und Eckpfeiler
                                                                                     der Assistierten Ausbildung

      1.2.2            Varianten der Ausbildung

      Um auf die unterschiedlichen Lebenssituationen und Le-       Besondere Unterstützung erfahren Jugendliche, die sich
      bensentwürfe angemessen reagieren zu können, bietet          für einen geschlechteruntypischen Beruf entscheiden.
      die Assistierte Ausbildung verschiedene Ausbildungs-         Diese Entscheidung erfordert oft Mut, und da ist Rücken-
      varianten an: Vollzeitausbildung und Teilzeitausbildung,     deckung durch eine vertraute Ansprechperson hilfreich.
      konventionell und geschlechteruntypisch.                     Sowohl in der Vorbereitungsphase wie auch in der Aus-
                                                                   bildungszeit können junge Menschen vor allem durch
      Auch junge Mütter und Väter sollen die Chance haben, ei-     Reflexionen über die Geschlechterrollen als auch durch
      nen Beruf zu erlernen. Damit sie Familie und Ausbildung      praktische Hilfen unterstützt werden.
      besser miteinander vereinbaren können, wird Assistierte
      Ausbildung als Vollzeit- und Teilzeitausbildung angeboten.

6
                                                                                     Abb. 2: Rahmen und Varianten
                                                                                     der Assistierten Ausbildung
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                                                                                               Bundeskoordination Jugendsozialarbeit

1.2.3	Flexible und passgenaue Dienstleistungen –            1.2.5	Phasen: Vorbereitung und Ausbildungs-
       aus einer Hand                                               begleitung

Dem Assistenzbegriff und Dienstleistungsgedanken fol-        Das Gesamtangebot der Assistierten Ausbildung besteht
gend, ist es für den Erfolg des Ausbildungsprozesses der     aus der Kombination einer intensiven, bis zu neun Mo-
jungen Menschen maßgeblich, dass sie als eigenständige       naten dauernden Vorbereitungsphase und der anschlie-
und verantwortungsfähige Akteure ernstgenommen               ßenden Ausbildungsbegleitung über den gesamten Zeit-
werden und ihnen gegenüber dieses Unterstützungsver-         raum bis zum Abschluss der Ausbildung.
ständnis ebenso konsequent widergespiegelt wie auch
eingefordert wird. Damit dies gelingen kann, ist aller Er-   Die Vorbereitungsphase zielt darauf, die Jugendlichen in
fahrung nach eine vertrauensvolle und dauerhafte Bezie-      eine Ausbildung zu vermitteln. Die Jugendlichen sollen
hung zwischen Jugendlichen und Mitarbeiter/-innen der        durch das Reflektieren der eigenen Stärken und Schwä-
Jugendberufshilfe unabdingbar. Gegenüber den Betrie-         chen und der eigenen Lebenssituation sowie durch das
ben gilt dies analog.                                        Kennenlernen verschiedener beruflicher Optionen eine
                                                             bewusste Wahl für „ihren“ Beruf treffen können. Dazu
Das Dienstleistungsverständnis in der Assistierten Ausbil-   durchlaufen sie verschiedene Schritte, mit denen sie ihre
dung ist also im Wesentlichen durch folgende Charakteris-    individuellen Potenziale und Ressourcen sowie die beruf-
tika gekennzeichnet:                                         lichen und sozialen Kompetenzen feststellen und analy-
                                                             sieren können. Dazu werden die gängigen Verfahren und
 Verlässlichkeit und Kontinuität des Dienstleistungsan-    Analyseinstrumente eingesetzt bzw. berücksichtigt. Mit-
   gebotes für Jugendliche und Betriebe mit einer festen     tels Gruppenarbeit und individueller Beratung sowie Be-
   Ansprechperson;                                           gleitung geht es darum, die allgemeinen beruflichen und
                                                             sozialen Kompetenzen optimal zu fördern und die Schwä-
 bedarfsgerechte und umfassende Dienstleistungen,          chen zu minimieren. Mit dem Instrument der Förderpla-
   die individuell auf die Betriebe und Jugendlichen ab-     nung werden die individuellen Ziele sowie Maßnahmen
   gestimmt werden;                                          der Beratung und Begleitung vereinbart, dokumentiert
                                                             und regelmäßig überprüft.
 hohe Flexibilität, um auf wechselnde Anforderungen
   situationsgerecht reagieren zu können;                    Einen hohen Stellenwert nimmt das Praktikum ein. Es
                                                             dient zum einen der Orientierung in der Berufswahl.
 individuelle Orientierung, die Jugendliche und Be-        Zum anderen bietet es die Chance, konkrete berufsprak-
   triebe als zentrale Akteure der Berufsausbildung ernst    tische Erfahrungen zu sammeln. Besondere Bedeutung
   nimmt und fordert.                                        bekommt es als gezieltes Betriebspraktikum in einem
                                                             passgenau ausgesuchten Betrieb mit dem Ziel, einen
                                                             „Klebeeffekt“ für den Jugendlichen und den Betrieb her-
1.2.4   Zielgruppen                                          beizuführen.

Zielgruppe der Assistierten Ausbildung sind junge Men-       Zu Beginn der Ausbildung wird der Betrieb ausführlich
schen mit besonderem Förderbedarf, die noch keine            über die Assistierte Ausbildung informiert. Während der
Erstausbildung abgeschlossen haben. Zur Zielgruppe           Ausbildung finden regelmäßig Reflexionsgespräche mit
gehören insbesondere Altbewerber/-innen, d.h. Jugend-        den relevanten Akteuren in den Betrieben statt. Regelmä-
liche, die mindestens ein Jahr nach Ende der allgemei-       ßige Kontakte der Jugendberufshilfe zum Betrieb und zur
nen Schulzeit keine Ausbildung begonnen haben, junge         Berufsschule gewährleisten den erfolgreichen Verlauf der
Mütter und Väter, junge Menschen mit Migrationshinter-       Ausbildung. Auftauchende Schwierigkeiten im Betrieb, in
grund und mit geschlechteruntypischer Berufswahl.            der Berufsschule oder im persönlichen Bereich werden
                                                             möglichst frühzeitig erkannt und bearbeitet, erforder-
Die Teilnahme an der Assistierten Ausbildung erfordert       liche Unterstützungen werden organisiert. Bei Bedarf
von den Teilnehmer/-innen eine zumindest grundle-            übernimmt der Jugendberufshilfeträger auch Teile des
gende Motivation zur Ausbildung. Auf dieser Grundlage        Ausbildungsmanagements.
können dann im Laufe der Vorbereitungsphase Basiskom-
petenzen und fachlich-berufliche Kompetenzen trainiert                                                                                 7
werden. Akute Suchtproblematiken und diagnostizierte
psychische Störungsbilder schließen eine Teilnahme aus.
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    Bundeskoordination Jugendsozialarbeit

      1.3	Assistierte Ausbildung – ein Angebot der Jugendsozialarbeit –
           Grundlegende pädagogische Haltungen und Schlüsselprozesse

      Die Erfahrung zeigt, dass junge Menschen mit Förder-         Wertschätzung und das Gefühl, als Person mit den eige-
      bedarf Abwertungserfahrungen aus der Schule und ih-          nen Wünschen und Bedürfnissen ernst genommen zu
      rem problematischen Übergang von Schule in den Beruf         werden. Sie brauchen das Vertrauen Dritter, dass sie „es
      mitbringen. Diese Enttäuschungen schlagen sich zumeist       schaffen können“. Ohne Beziehung bleiben die Jugend-
      im Selbstbild nieder und führen zur Reduzierung des          lichen nur auf sich angewiesen. Für all die Herausforde-
      Selbstvertrauens bis hin zur Verweigerung, eine qualifi-     rungen, die auf die Jugendlichen im Verlauf der Ausbil-
      zierte Berufslaufbahn einzuschlagen.                         dungsfindung und Ausbildung zukommen, brauchen sie
                                                                   jemanden, der ihnen zur Seite steht und eine belastbare
      Zentrale Funktionselemente in der Assistierten Ausbil-       Beziehung bietet.
      dung sind die im Folgenden beschriebenen pädago-
      gischen Schlüsselprozesse, sie fußen auf pädagogischen          uthentizität und Standhaftigkeit –
                                                                       A
      Grundhaltungen, die für die Assistierte Ausbildung kenn-         „Den Jugendlichen ein Gegenüber bieten“
      zeichnend sind.
                                                                   Die Mitarbeiter/-innen in der Assistierten Ausbildung
                                                                   sind herausgefordert, den Jugendlichen ein Gegenüber
      1.3.1            Pädagogische Grundhaltungen                 zu bieten. Ein Gegenüber, mit dem sie ihre Erfahrungen
                                                                   verarbeiten und eigene Standpunkte und Haltungen ent-
              igenverantwortung und Selbstbestimmung –
               E                                                   wickeln können. An dem sie sich abarbeiten und mit dem
               „Jugendliche als Akteure ihres Lebensentwurfs“      sie Auseinandersetzungen führen können. Ein Gegen-
                                                                   über, bei dem sie wissen, woran sie sind und der Sicher-
      Die Ausübung von Eigenverantwortlichkeit und Selbst-         heit bietet. Dazu gehört die Fähigkeit, die Auseinander-
      bestimmung muss wie jede andere Fähigkeit auch er-           setzung um Ansichten und Verhaltensweisen, um Werte
      lernt und im alltäglichen Leben immer wieder geübt           und Kommunikationsformen, um Anforderungen und
      werden. Während der Berufsvorbereitung und der Aus-          Zumutungen konstruktiv zu führen. Beziehung in diesem
      bildungsbegleitung in der Assistierten Ausbildung sind       Sinne ist nicht nur Basis für die Assistierte Ausbildung,
      die Jugendlichen Subjekte des eigenen Orientierungs-         sondern ein kontinuierlicher Entwicklungsprozess über
      und Integrationsprozesses. Sie werden als Experten ihres     den gesamten Zeitraum der Beratung und Begleitung.
      Lebens betrachtet, die in dieser Lebensphase professio-
      neller Assistenz bedürfen. Im Prozess der Berufsfindung         orbild und Verlässlichkeit –
                                                                       V
      werden neue Räume geöffnet, indem die Interessen und             „Mut machen und Rücken stärken“
      Fähigkeiten der Jugendlichen in den Mittelpunkt gestellt
      werden. Die Jugendlichen können in diesem Prozess be-        Benachteiligte Jugendliche bringen zumeist Abwer-
      rufsbiografisch tragfähige Optionen entwickeln, die sich     tungserfahrungen aus der Schule mit und haben oftmals
      nicht nur auf die tradierten Berufsbilder beschränken. Da-   auch keine positiven beruflichen Vorbilder. Positive Ler-
      durch entsteht eine hohe Identifizierung mit dem Ausbil-     nerfahrungen und -strategien sowie positive berufliche
      dungsberuf und die Gewissheit, selbst über den Berufs-       Vorbilder haben aber eine hohe Bedeutung für die Moti-
      weg entschieden zu haben.                                    vation und das Bestehen einer Berufsausbildung.

              ertschätzung und Beziehung –
               W                                                   Wo Vorbilder für Basiskompetenzen fehlen oder Schlüs-
               „Ohne Beziehung geht gar nichts“                    selkompetenzen nicht ausreichend gelernt worden sind,
                                                                   müssen die assistierenden Fachkräfte im Sinne der Nach-
      Die Jugendlichen als Experten ihres Lebens zu begreifen      sozialisation mit der eigenen Person als erwachsenes Vor-
      bedeutet für das pädagogische Handeln, sie im individu-      bild für die Jugendlichen fungieren. Diese Aufgabe erfor-
      ell möglichen Höchstmaß in ihrer Eigenmotivation und         dert eine hohe Bereitschaft zum persönlichen Einlassen
      Eigenverantwortlichkeit herauszufordern. Voraussetzung       auf die Jugendlichen sowie die Fähigkeit zur professio-
      dafür ist der Aufbau einer tragfähigen Beziehung zwi-        nellen Reflexion. Gelingt dies, dann spüren die Jugend-
8     schen Sozialpädagogen und Jugendlichen. Die Jugend-          lichen handfeste Unterstützung von Menschen, die sie
      lichen brauchen das Interesse anderer Menschen an ihrer      auf ihrem Lebensweg unterstützen.
      Person und ihrem Lebensweg. Sie brauchen die spürbare
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1.3.2   Pädagogische Schlüsselprozesse

Diese Grundhaltungen spiegeln sich in den Schlüsselpro-
zessen der alltäglichen Arbeit mit den Jugendlichen und
Betrieben wider.

   Motivieren und Interessieren
                                                               Ausprobieren und überprüfen
                                                                 

Eigenmotivation ist eine der zentralen Voraussetzungen,      Träume, Wünsche und Visionen brauchen zu ihrer Reali-
um sich auf den Weg zu machen, eine Ausbildung mit           sierung ihren Gegenpol, mit dem sie auf Realisierbarkeit
Erfolg zu beginnen und später erfolgreich durchstehen        geprüft werden können. Bringen die Jugendlichen genü-
zu können. Bei den Jugendlichen, die nur eine schwache       gend Kompetenzen mit, um diese Ausbildung bestehen
Motivation für das Erlernen eines Berufes mitbringen,        zu können? Welche Fähigkeiten und Kenntnisse müssen
geht es darum, das Interesse zu wecken, möglichst sogar      sie sich möglichst noch vor der Ausbildung aneignen,
Begeisterung zu entfachen. Die Kunst der Mitarbeiter/-in-    um eine Chance zu haben? Sind die Bedingungen gege-
nen besteht darin, die Momente der auftauchenden Neu-        ben (z.B. gesicherte Kinderbetreuung bei jungen Eltern),
gierde und Begeisterung aufzuspüren; sensibel wahrzu-        um den Ausbildungsalltag mit all seinen Anforderungen
nehmen, woran Interesse aufflackert. Wenn das Interesse      durchzuhalten? Können sie einen Betrieb für ihren beson-
der Jugendlichen an einer Ausbildung fehlt oder nur sehr     deren Berufswunsch in ihrer Wohnortregion finden oder
gering ist, besteht die Gefahr, dass sie bei auftauchenden   müssen sie dazu den Wohnort wechseln?
Schwierigkeiten lieber den bequemer scheinenden Weg
wählen und sich zurückziehen. Die Energie der Eigenmo-       Auch wenn nicht alles im Vorhinein abgeklärt werden
tivation ist eine der Grundvoraussetzungen, um die Aus-      kann, es ist doch notwendig, zumindest die elementaren
bildung zu schaffen.                                         Voraussetzungen und Bedingungen für das Gelingen ei-
                                                             ner Ausbildung zu prüfen. Die Vorbereitung auf betrieb-
   Analysieren und bewusst werden
                                                            liche Erwartungen, Abläufe und Strukturen ist hier ein
                                                             wichtiger Bestandteil, die u.a. über intensiv vorbereitete,
Es geht darum, dass sich die Jugendlichen ein bewusstes      begleitete und später ausgewertete Betriebspraktika rea-
Bild über ihre Lebenssituation, ihre beruflichen Kompe-      lisiert wird.
tenzen und Vorstellungen verschaffen und sie mit den
Bedingungen des lokalen Marktes abgleichen. Die erfolg-         Verwirklichen und stabilisieren
                                                                 
reiche Suche nach einem geeigneten Ausbildungsplatz
ist in hohem Maße von dem erarbeiteten Wissen abhän-         Im letzten Schritt geht es nun um die Verwirklichung des
gig, welcher Ausbildungsplatz zu den eigenen Kompe-          Berufswunsches. Vielleicht stellt sich heraus, dass nicht
tenzen und Vorstellungen passen könnte.                      der vorrangige, aber immerhin doch der zweite Berufs-
                                                             wunsch verwirklicht werden kann. Vielleicht muss auch
Aufgabe der Sozialpädagog/-innen ist es dabei vor allem,     noch eine Runde länger gedreht werden, wenn der Be-
die Potenziale der Jugendlichen auszuloten und zu för-       trieb doch nicht gepasst hat oder das Praktikum gezeigt
dern. Der Fokus wird nicht nur darauf gerichtet, was ist,    hat, dass besser andere Berufsalternativen erprobt wer-
sondern auch, was werden könnte. Es ist aus unserer          den sollten. In jedem Fall beginnt die nächste Phase, in
Sicht überprüfenswert, ob es sich bei den Berufswün-         der die ersten Erfahrungen mit dem Ausbildungs- und
schen eher um vorgegebene Berufsmuster handelt, die          Berufsleben gemacht werden. Mit der Ausbildungsbe-
Ausdruck einer gewissen Ratlosigkeit sind oder ob sie mit    gleitung bietet die Assistierte Ausbildung ein Angebot,
Energie und Freude gefüllt sind. Ein Beruf, mit dem sich     das in gleichem Maße den Auszubildenden, den Ausbil-
die Jugendlichen identifizieren und den sie sich aus ihren   dungsbetrieb sowie alle zum Gelingen der Ausbildung
Wünschen und Träumen heraus „erarbeitet“ haben, bie-         gehörigen Akteure wie Berufsschule, Soziale Dienste, Fa-
tet die besten Grundlagen, um auch schwierige Phasen         milienangehörige einbezieht.
zu bewältigen.

                                                                                                                                        9
GESAMTVERBAND
     Bundeskoordination Jugendsozialarbeit

       1.4              Kooperation mit Betrieben
       Vor allem kleine und mittlere Unternehmen sehen Vorteile         Einen hohen Stellenwert nimmt das Betriebspraktikum
       in der Kooperation mit der Assistierten Ausbildung. Attrak-      ein. Es eignet sich in besonderer Weise dazu, dass der
       tiv ist für sie, dass sie auf eine ihre Bedarfe zugeschnittene   Betrieb prüfen kann, ob er den Jugendlichen für die
       Dienstleistung zurückgreifen können. Sie wissen, dass sie        Ausbildung im eigenen Betrieb für geeignet hält und ob
       bei allen Fragen und Problemen rund um die Ausbildung            der/die Jugendliche zum Betrieb passt. Dass die Motiva-
       kompetente Partner an ihrer Seite haben, auf die sich ver-       tion und die „Chemie stimmt“ sind für viele Betriebe die
       lassen können. Betriebe schätzen insbesondere folgende           entscheidenden Kriterien für die Auswahl der Auszubil-
       Aspekte im Zusammenhang mit der Assistierten Ausbil-             denden.
       dung:
                                                                             Wie funktioniert die Kooperation?
                                                                               
        Betriebe bekommen motivierte Auszubildende, die
          sie im Verlauf der Vorbereitungsphase gut kennen ler-         Kern der Kooperation ist der funktionierende Informati-
          nen konnten.                                                  onsaustausch zwischen Jugendberufshilfeträger, Betrieb
                                                                        und Auszubildendem. Was einfach klingt, erweist sich in
        Das Risiko eines Ausbildungsabbruchs wird durch As-           der Praxis oft als schwierig. Die unterschiedlichen Kom-
          sistierte Ausbildung und die Kooperation mit kompe-           munikations- und Sprachstile der Jugendlichen auf der
          tenten Jugendberufshilfeträgern minimiert.                    einen und der Ausbildungsverantwortlichen auf der an-
                                                                        deren Seite stehen einer Verständigung oft im Wege. Hier
        Die Betriebe können sich auf ihr Kerngeschäft Aus-            kommt den Mitarbeiter/-innen gleichsam eine Überset-
          bildung konzentrieren, da sie den Jugendlichen gut            zungsaufgabe zu, um eine konstruktive Verständigung
          begleitet wissen.                                             möglich zu machen. Diese Tätigkeit setzt nicht nur eine
                                                                        gute Intuition und Menschenkenntnis, sondern auch ein
         Betriebe haben für alle auftretenden Fragen und
                                                                      hohes Maß an Milieu- und Sprachkompetenz voraus.
         Schwierigkeiten in der Ausbildung einen erfahrenen,
         engagierten und kompetenten Ansprechpartner zur                Anhand des Modells von Dr. Thomas Gericke6 mit der
         Seite.                                                         Unterscheidung in vier Betriebstypen lassen sich die re-
                                                                        levanten Faktoren für die Kooperation mit Jugendberufs-
               ie Betriebsakquise – Jugendliche und Betriebe
                D                                                       hilfeträgern erläutern.
                passgenau zusammenbringen
                                                                        Die Erwartungen und Anforderungen an die Auszubil-
       Grundlagen für eine erfolgreiche Betriebsakquise sind,           denden sowie an die Dienstleister der Assistierten Aus-
       dass die pädagogischen Fachkräfte                                bildung differieren zwischen den unterschiedlichen Be-
                                                                        trieben teilweise erheblich. Das Dienstleistungsangebot
        die Jugendlichen während der Vorbereitungsphase               muss immer individuell auf den jeweiligen Betrieb und
          gut kennengelernt haben und so deren Stärken und              dessen aktuelle Situation zugeschnitten werden.
          Schwächen kompetent einschätzen können;
                                                                        Vor dem Hintergrund der Praxiserfahrungen in der As-
        dabei nicht nur die schulischen und fachlichen Inte-          sistierten Ausbildung sind anhand dieser Typisierungen
          ressen und Fähigkeiten, sondern vor allem auch die            Verhaltensleitsätze für den Umgang mit dem jeweiligen
          sozialen und psychischen Kompetenzen der Jugend-              Betriebstyp entstanden:
          lichen kennen und bewerten können;

         die Erwartungen, Anforderungen und Vorausset-
        
         zungen der Betriebe möglichst genau in Erfahrung
         bringen und mit den Erwartungen, Kompetenzen
         und Potenzialen des Jugendlichen abgleichen;

        eine gute Intuition haben und einschätzen können,             6 Zur näheren Beschreibung verweisen wir auf Dr. Thomas Gericke:“ Duale
10        ob „die Chemie“ zwischen Betrieb, speziell den Aus-
                                                                        Ausbildung für Benachteiligte – eine Untersuchung zur Kooperation von
                                                                        Jugendsozialarbeit und Betrieben“, Übergänge in Arbeit, Band 3, Verlag Deutsches
          bildungsverantwortlichen und den Jugendlichen                 Jugendinstitut 2003

          stimmt.
GESAMTVERBAND
                                                                                               Bundeskoordination Jugendsozialarbeit

   Leitsätze und Tipps für den jeweiligen Betriebstyp
     

Typ 1: Kleine, traditionelle Handwerks- und Dienst-        Typ 3: S
                                                                    elbständige / freie Berufe
        leistungsbetriebe                                          (z.B. Ärzte, Rechtsanwälte, Steuerbüro)
 Es ist wichtig, die Leistung und Position des Chefs im     „Wir bieten Ihnen den / die passgenaue Auszubildende/-n“
                                                             
   Betrieb zu würdigen
                                                             „Ausbildungsferne Probleme bearbeiten wir mit dem /
  Beratungsangebote und Unterstützungsangebote
                                                             der Auszubildenden“
  sind wichtig, denn ein Kleinbetrieb kann sich nicht um
                                                             „Wir nehmen ihnen die Berichtsheftpflege und schu-
  alles kümmern
                                                               lische Begleitung ab“
 Bedenken immer ernst nehmen
                                                              Der Chef ist wichtig; Wertschätzung, dass er die
                                                             
 Anspruch auf „ideale“ Ausbildungsbedingungen ab-           Mühen als Ausbilder auf sich nimmt
   haken
                                                              Auf die Individualität des Betriebes eingehen; Be-
                                                             
 Zeit nehmen für die Betriebskontakte                       triebsabläufe dürfen durch den Kontakt nicht gestört
                                                              werden (Pausenzeiten nutzen)
 Nähe zulassen
                                                             Kontakte mit der Berufsschule pflegen
 Wertschätzung für die Produkte des Betriebs zeigen
 Abgrenzung ist für einen Auszubildenden gegenüber
   seinem Chef oft schwieriger                              Typ 4: Mittelständische Traditionsunternehmen
 Im Kleinbetrieb können vielleicht nicht alle Ausbil-
   dungsinhalte vermittelt und nicht alle Rechte des          Diese Unternehmen mit zumeist hoher unterneh-
                                                             
   Azubis durchgesetzt werden                                 merischer sozialer Verantwortlichkeit für die Region
                                                              nehmen einzelne benachteiligte Jugendliche in ihre
                                                              Ausbildung auf.
Typ 2: Marktorientierte Handwerks- und Dienst-
        leistungsbetriebe mit einer ausgeprägten             Da diese Firmen zumeist eigene hochprofessionali-
        Betriebs- und Produktphilosophie                       sierte Ausbildungsabteilungen haben, muss genau-
                                                               estens geklärt werden, welche Schnittstellen zwi-
 Betriebe wünschen eine passgenaue Vermittlung, stel-
                                                               schen Azubi und Betrieb überhaupt offen sind und
   len hohe Anforderungen an alle Jugendlichen und er-
                                                               welche Aufgaben dabei dem / der Jugendberufshilfe-
   warten deren Erfüllung auch von unseren Jugendlichen
                                                               Mitarbeiter/-in zugeordnet werden.
 Erst auf Betriebe zugehen, wenn ein klares Profiling
   des Jugendlichen vorliegt und Stärken und mögliche        Die Jugendlichen, die in die Ausbildung aufgenom-
   Schwächen klar benannt werden können                        men werden, müssen wie alle anderen Auszubilden-
                                                               den den hohen Ansprüchen gerecht werden und sich
 Anforderungsprofil des Betriebes genau erfragen
                                                               in die Firmenkultur einpassen.
 Teilnehmer/-innenorientiert arbeiten; nicht der Be-
   trieb wird unterstützt, sondern dem Jugendlichen          Die Kooperation in der Assistierten Ausbildung bietet
   wird geholfen, ausbildungsferne Probleme vom Be-            für diese Betriebe den Vorteil, dass sie die Jugend-
   trieb fernhalten. Unterstützung, damit er den hohen         lichen von einem kompetenten Partner unterstützt
   Anforderungen gerecht werden kann                           wissen.
 Hierarchien im Unternehmen erfragen und beachten
                                                             Der Jugendliche hat in der Assistierten Ausbildung
 Klare Rollenabsprachen mit Ausbildern                       einen externen vertrauten Ansprechpartner für seine
 Klare Absprache über Kontakthäufigkeit                      persönlichen Probleme, die damit vom Betrieb fern-
                                                               gehalten, aber fachkompetent bearbeitet werden.
  Keine Belehrungen des Betriebes, Ausbildung hat
 
  meist ein Konzept auf das man stolz ist
                                                                                                                                       11
 Auf ein Praktikum lieber verzichten, wenn das Profil
   nicht passt; missglückte Praktika schließen oft Türen
   für länger
GESAMTVERBAND
     Bundeskoordination Jugendsozialarbeit

       2.               Chancen

       2.1	Innovationspotenzial der Assistierten Ausbildung
      Für die überwiegende Zahl der jungen Menschen in               Fachkräftemangels Ausbildungsplätze nicht, weil die pas-
      Deutschland ist eine duale Ausbildung der erhoffte und         senden Bewerberinnen und Bewerber fehlen und weil
      meist auch erfolgreiche Einstieg in das Berufsleben. Von       ihnen der Aufwand für eine erfolgreiche Ausbildung zu
      der Aufgaben- und Lastenteilung in der Berufsausbildung        hoch oder die erfolgreiche Ausbildung nicht möglich er-
      zwischen Privatwirtschaft und öffentlicher Hand profi-         scheint. Wenn die bewährte Säule der betrieblichen du-
      tieren beide Seiten immens. Doch auch die Erosionser-          alen Ausbildung auch zukünftig das tragende Element
      scheinungen des dualen Systems sind mittlerweile nicht         der Berufsbildung bleiben und ihre hohe gesellschaft-
      mehr zu übersehen. So finden leider nach wie vor zu viele      liche Integrationskraft behalten soll, müssen Problemstel-
      junge Menschen nur schwer oder gar keinen Zugang zur           lungen vorrangig innerhalb des Systems der dualen be-
      dualen Berufsausbildung. Dies trifft in besonders hohem        trieblichen Berufsausbildung gelöst werden. Mehr junge
      Ausmaß auf junge Migrantinnen und Migranten zu. Die            Menschen mit schlechteren Ausgangsbedingungen müs-
      geschlechtertypische Festlegung der Berufswahl ist ein         sen zukünftig die Möglichkeit auf eine Berufsausbildung
      seit Jahrzehnten bekanntes und immer drängenderes              im Betrieb erhalten. Hierzu bietet die Assistierte Ausbil-
      Problem. Viele Betriebe besetzen trotz des drohenden           dung einen in der Praxis erprobten und bewährten Weg.

       2.2	Effizienzgewinne in der Ausbildungsförderung
       Die Berufsausbildungsförderung nimmt einen hohen              dungsförderung bei. Durch die reguläre betriebliche Aus-
       Stellenwert in der Arbeitsmarktpolitik ein. Dies zeigt sich   bildungsvergütung entstehen teils erhebliche Einspar-
       nicht zuletzt in ihren, ohne jeden Zweifel gerechtfertig-     möglichkeiten innerhalb der Grundsicherung nach SGB II
       ten, hohen finanziellen Anteilen in der aktiven Arbeits-      sowie der finanziellen Absicherung von Auszubildenden
       marktförderung. Durch die konsequente Ausrichtung der         nach dem SGB III. Auf Maßnahmeebene können durch das
       Ausbildungsförderung innerhalb des allgemeinen Ausbil-        kongruente Förderangebot Warteschleifen und Brüche
       dungsmarkts, ihr gekoppeltes Angebot der Vorbereitung         in der Ausbildungsförderung vermieden werden. Im
       und der Begleitung einer Berufsausbildung, das Prinzip        Sinne einer präventiv ausgerichteten Arbeitsmarkpolitik
       der passgenauen Dienstleistung für junge Menschen             verringert eine erfolgreiche betriebliche Berufsausbildung
       und Betriebe aus einer Hand und ihre nachhaltigen Inte-       auf dem allgemeinen Ausbildungsmarkt die Gefahr
       grationswirkungen trägt Assistierte Ausbildung zu einem       einer längerfristigen oder immer wieder kehrenden
       besonders effizienten Mitteleinsatz innerhalb der Ausbil-     Alimentierung durch sozialstaatliche Leistungen deutlich.

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                                                                                                Bundeskoordination Jugendsozialarbeit

2.3.	Anschlussfähigkeit im System der Ausbildungsförderung
Assistierte Ausbildung passt sich als zeitgemäße Innova-
tion in das System der Ausbildungsförderung ein. Dies
zeigt die hohe Akzeptanz und die aktive Haltung der
jungen Menschen und der Betriebe gegenüber dem An-
gebot. Dabei füllt Assistierte Ausbildung gleichsam eine
Lücke im vorhandenen Fördersystem und ergänzt die
Fördersystematik um eine bislang fehlende Interventi-
onsstufe.

                                                                                                Abb. 3: Einordnung in
                                                                                                das System der Ausbil-
                                                                                                dungsförderung

Es darf nicht in Zweifel gezogen werden, dass es nach wie    In jedem Fall aber muss weiter daran gearbeitet werden,
vor viele junge Menschen gibt und geben wird, die für        die Förderregularien so durchgängig und flexibel zu ge-
ihre Berufsausbildung die intensivere Betreuung und den      stalten, wie es das Förderkonzept der assistierten Ausbil-
stärker geschützten Rahmen von außerbetrieblichen Be-        dung verlangt.
rufsausbildungen brauchen. In dem Berufsbildungsseg-
ment zwischen ungeförderter Ausbildung und außerbe-
trieblicher Ausbildung liegt aber ein bisher ungenutztes     Die Autoren:
und erhebliches Potenzial für die zukunftsorientierte
Weiterentwicklung der Ausbildungsförderung.

Die gesellschaftlichen Herausforderungen und die Aus-
differenzierung der Lebenslagen und Teilhabechancen
junger Menschen, auf die das Modell eine konstruktive
Antwort geben kann, werden in den kommenden Jahren
eher zunehmen. Gemessen an den vielfältigen Unterstüt-                           Dipl. Päd. Berndt Korten
                                                                                 Projektkoordination carpo
zungsbedarfen junger Menschen und den wachsenden
                                                                                 Werkstatt PARITÄT gGmbH
Ausbildungserfordernissen in der Wirtschaft bietet sich
das Modell für ein übergreifendes Engagement aller Ak-
teure an, die für die gesellschaftliche und berufliche In-
tegration junger Menschen Verantwortung tragen. Bei
der Finanzierung könnten auch weitere Leistungsträger
und Förderer einbezogen werden, insbesondere um das
breite und flexible Förderspektrum des Angebots zu ge-
währleisten. Ob des bevorstehenden Mangels an Auszu-                             Dipl. Päd. Ralf Nuglisch                  13
bildenden und Fachkräften kommen perspektivisch auch                             Leitung Bereich Arbeit und Qualifizierung
                                                                                 Der Paritätische Baden-Württemberg e.V.
Mittel aus der Wirtschaft zur Mitfinanzierung in Betracht.
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     Bundeskoordination Jugendsozialarbeit

       Praxiserfahrung:
       „carpo – Transferprojekt für Assistierte Ausbil-
       dung in Baden-Württemberg“ (2008 bis 2011)
       Nach Pilotvorhaben im Verbandsbereich des Diakonischen         Vermittlungserfolge – 600 junge Menschen
       Werks Württemberg wird Assistierte Ausbildung seit 2004        in Ausbildung gebracht
       in gemeinsamer Verantwortung des Diakonischen Werks
       Württemberg, des Paritätischen Baden-Württemberg und           Seit Beginn des Projektes carpo im Herbst 2008 haben bis
       der Werkstatt PARITÄT gGmbH in landesweiten Model-             zum 31.12.2012 insgesamt 1039 junge Menschen teilge-
       len an mittlerweile 20 Stadt- und Landkreisen in Baden-        nommen, davon waren deutlich über die Hälfte (57,0 %)
       Württemberg umgesetzt. Auf das vor allem genderorien-          junge Frauen. 602 Jugendliche (67,4 % der Frauen) haben
       tierte Ausbildungsprojekt DIANA (2004 bis 2008) folgte         seitdem eine reguläre betriebliche Ausbildung aufge-
       das umfassendere Projekt „carpo – Transferprojekt für          nommen.
       Assistierte Ausbildung in Baden-Württemberg“ (2008 bis
       2011), das nun bis Ende 2014 weiterarbeiten kann. Stand
       Dezember 2012 wurden rund 1.200 chancenarme junge
       Frauen und Männer in die Projekte aufgenommen, 750
       von ihnen konnten eine assistierte Ausbildung beginnen.

       Die Projekte werden vom Ministerium für Arbeit und Sozi-
       alordnung, Familie, Frauen und Senioren Baden-Württem-
       berg aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds, aus Mit-
       teln des Landes Baden-Württemberg sowie seit März
       2010 von der Bundesagentur für Arbeit und örtlichen Trä-
       gern der Grundsicherung gefördert.

       Ergebnisse des Projekts carpo 2008 bis 2012
       Die Analyse der Evaluationsdaten zum 31.12.2012 zeigt,
       dass die Zielgruppen vollständig erreicht wurden. Fast
       alle Teilnehmenden (92 %) sind Altbewerber/-innen, d.h.
       sie haben mindestens ein Jahr nach Abschluss der allge-
       meinbildenden Schule keine Berufsausbildung begon-
       nen; über die Hälfte (54,1 %) dieser Gruppe war vorher
       2 bis 5 Jahre und ein Fünftel (20,2 %) sogar über 5 Jah-       Von allen jungen Menschen, die an dem Vorbereitungs-
       re ohne begonnene Ausbildung. Fast zwei Drittel der            angebot zur assistierten Ausbildung seit Herbst 2008
       Teilnehmer/-innen (62,3 %) waren direkt vorher arbeitslos      teilgenommen haben, begannen bis Ende Dezember
       gemeldet, davon annähernd ein Drittel (31,2 %) bereits         2012 fast zwei Drittel (63,9 %) eine reguläre betriebliche
       langzeitarbeitslos.                                            Ausbildung. Von diesen Jugendlichen entschieden sich
                                                                      90 Prozent für die Assistierte Ausbildung und 10 Prozent
       Mehr als die Hälfte (55,1 %) der Jugendlichen hat einen Mi-    für eine betriebliche Ausbildung ohne Assistenz. Weitere
       grationshintergrund. Eine Detailanalyse zeigt, dass sie im     5,5 Prozent der Teilnehmenden mündeten in eine au-
       Verlauf von carpo bei der Vermittlung in Ausbildung und im     ßerbetriebliche Berufsausbildung ein, so dass insgesamt
       Erfolg bei der Abschlussprüfung praktisch ebenso gute Wer-     fast 70 Prozent der carpo-Teilnehmer/-innen eine Aus-
       te erzielen, wie Jugendliche ohne Migrationshintergrund.       bildung aufnahmen. 17,6 Prozent der Teilnehmerinnen
                                                                      und Teilnehmer besuchten im Anschluss eine Schule,
       Junge Frauen und Männer mit Kindern stellen fast ein           absolvierten eine Qualifizierungsmaßnahme oder nah-
       Fünftel (24,2 %) aller Teilnehmenden, fast die Hälfte von      men eine Beschäftigung auf. Ohne eine schulische oder
14     ihnen (46,6 %) macht eine Teilzeitausbildung. Genderun-        berufliche Perspektive blieben zunächst 13,0 Prozent der
       typische Berufe haben ein Drittel (33,8 %) aller carpo-Teil-   Teilnehmenden.
       nehmenden gewählt.
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                                                                                                    Bundeskoordination Jugendsozialarbeit

Erweiterung der beruflichen Möglichkeiten                     Zusätzliche Ausbildungsplätze in kleinen
durch genderorientierte Förderung                             und mittleren Unternehmen
Rund ein Drittel der jungen Frauen und Männer (32,7 %)        Seit Herbst 2008 wurden fast ein Fünftel (19,1 %) der as-
absolvieren ihre Ausbildung in einem für ihr Geschlecht       sistierten Ausbildungsplätze zusätzlich von den Betrie-
untypischen Beruf. Die Konzentration der geschlechterty-      ben eingerichtet. Dies zeigt das vorhandene Potenzial
pischen Berufswahl konnte damit im Zuge der Assistier-        der Betriebe für die Ausbildung von jungen Menschen
ten Ausbildung ein gutes Stück weit verringert werden,        mit schlechteren beruflichen Startchancen.
vor allem wenn man die enorme Palette von 91 Berufsbil-
dern berücksichtigt, in denen die carpo-Teilnehmenden         Das Angebot der Assistierten Ausbildung nehmen in
ihre Ausbildung realisieren. Fast jedes zweite Elternpaar     besonderem Maße kleine und mittlere Unternehmen in
bzw. fast jede zweite Alleinerziehende (46,6 %) entschied     Anspruch. 52 Prozent der Unternehmen haben bis zu 20
sich für eine Assistierte Ausbildung in Teilzeit und ermög-   Beschäftigte, weitere 22 Prozent zwischen 21 und 100 Be-
licht so die bessere Vereinbarkeit von Berufsausbildung       schäftigte, d.h. fast Dreiviertel der an Assistierter Ausbil-
und Familie.                                                  dung beteiligten Unternehmen sind kleine und mittlere
                                                              Unternehmen.

Stabile Ausbildungsverhältnisse                               Rund ein Drittel der Ausbildungen werden im Handwerk
                                                              und rund ein Fünftel im Handel absolviert. Im kaufmän-
Rund 80 Prozent der Ausbildungsverhältnisse in Assistier-     nischen und im Gesundheitsbereich finden je rund 10
ter Ausbildung sind stabil, die Quote der vorzeitig ohne      Prozent der Ausbildungen statt. Industrie und Dienst-
Abschluss beendeten Ausbildungsverhältnisse liegt der-        leistungsberufe sind zu jeweils rund 7 Prozent beteiligt.
zeit bei rund 20 Prozent. Gegenüber den Vorjahren (2010:      Die restlichen Ausbildungsverhältnisse verteilen sich mit
12 %) verschlechterte sich die Lösungsquote deutlich, je-     Anteilen von jeweils weniger als 5 Prozent auf die Wirt-
doch konnte immerhin für sechs von zehn dieser jungen         schaftsbereiche Gastronomie, Agrar und Verwaltung.
Menschen mit vorzeitiger Beendigung mithilfe der Assi-
stenz eine schulische oder berufliche Anschlussperspek-
tive erarbeitet werden. Im Vergleich zum bundesweiten
Durchschnitt der vorzeitigen Vertragsauflösungen in der
beruflichen Ausbildung aller Berufe steht die Assistierte
Ausbildung mit diesen Zahlen vergleichsweise gut da.          Die Autoren:
Vor allem, wenn man berücksichtigt, dass in carpo Ju-
gendliche mit besonders schwierigen Ausgangslagen             Dipl. Päd. Berndt Korten
oftmals Ausbildungsverhältnisse in Berufen mit üblicher-      Projektkoordination carpo
weise überdurchschnittlich hohen Vertragslösungsquo-          Werkstatt PARITÄT gGmbH
ten eingehen.
                                                              Dipl. Päd. Ralf Nuglisch
                                                              Leitung Bereich Arbeit und Qualifizierung
Verbleib nach Ausbildungsabschluss                            Der Paritätische Baden-Württemberg e.V.

Mit Stand Ende Dezember 2012 haben von 106 zur Prü-
fung zugelassenen Auszubildenden 92,5 Prozent ihre
Ausbildung mit Erfolg abgeschlossen. Von ihnen konnten
78 Prozent direkt nach Ablegen der Abschlussprüfung
eine Beschäftigung aufnehmen, 53 Prozent im Ausbil-
dungsbetrieb und 25 Prozent in einem anderen Betrieb.
Eine weitere Ausbildung begannen 7 Prozent, ohne Be-
schäftigung blieben 15 Prozent. Diese Werte sehen wir
angesichts der teils massiven Problemlagen und Aus-
grenzungserfahrungen der Auszubildenden als beson-
deren Erfolg für die jungen Menschen an.                                                                                                    15
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     Bundeskoordination Jugendsozialarbeit

       Mehr Jugendlichen das Angebot der Assistierten
       Ausbildung unterbreiten
       Anliegen der Bundeskoordination Jugendsozialarbeit ist es, das Modell der Assistierten Ausbildung nicht nur für junge
       Menschen mit Förderbedarf in Baden-Württemberg anzubieten, sondern auch in andere Bundesländer zu transferieren.
       Wir hoffen, mit dieser Fachveröffentlichung eine interessante Lektüre über die Grundlagen des Modells der Assistierten
       Ausbildung erstellt zu haben. Wir wollen Ihnen Mut machen, sich auf den Weg zu begeben, für die jungen Menschen in
       Ihrem Einzugsgebiet auch ein solches Angebot zu schaffen. Jedoch empfehlen wir bei der Übertragung der Praxiserfah-
       rungen und Rahmenbedingungen aus Baden-Württemberg auf Folgendes besonders zu achten:

               Die Assistierte Ausbildung ist ein Förderangebot für
                                                                          Aufgrund der aktuellen Herausforderungen sei aber noch
                junge Menschen mit Unterstützungsbedarf, in dem            auf einige mögliche Anpassungsbedarfe (Personalaus-
                neben Betrieb und Schule die Jugendsozialarbeit –          stattung, Kompetenzen, Finanzierungshöhen…) im Mo-
                als 3. Akteur – eine tragende Rolle in der dualen / tri-   dell hingewiesen:
                alen Ausbildung spielt. Die Förderung orientiert sich
                am Bedarf der jungen Menschen, die Jugendsozial-              Immer mehr – gerade weibliche – junge Menschen
                arbeit unterstützt Betriebe, um Ausbildungsverläufe             entscheiden sich für eine vollzeitschulische Ausbil-
                positiv zu beeinflussen. (Sie stellt keine Personalbe-          dung. Zudem gehen manche handwerklichen Berufs-
                schaffungsagentur für Betriebe dar.)                            ausbildungen dazu über, das erste Ausbildungsjahr
                                                                                in der Berufsschule zu zentrieren und für diesen Zeit-
               Das Erfolgsrezept der Assistierten Ausbildung be-
                                                                               raum existieren zunehmend noch keine betrieblichen
                steht aus einer flexiblen, passgenauen und immer                Ausbildungsverträge. In beiden Ausgangssituationen
                wieder neu justierbaren Hilfeleistung für jede/n                sollte überlegt werden, ob die jungen Erwachsenen
                einzelne/n Jugendliche/n. Die Förderstruktur muss               dennoch über das Modell der Assistierten Ausbildung
                so angelegt sein, dass diese Freiheit (Schnelligkeit            begleitet und gefördert werden können und hier eher
                der Entscheidung, unterschiedliche Intensitäten,                eine Triade „Schule, Praktikumsbetrieb und Jugend-
                neue Unterstützungsformen, Teilzeit- und Vollzeit-              sozialarbeitsträger“ gebildet werden könnte.
                ausbildungen etc.) erhalten bleibt.
                                                                              Junge Erwachsene, die längere Zeit ohne Berufsab-
               Das Modell besteht nicht nur aus der individuellen
                                                                               schluss geblieben sind und sich eine verkürzte Aus-
                und intensiven Begleitung der Jugendlichen und                  bildungszeit zutrauen, könnten im Rahmen einer
                der Betriebe während der betrieblichen Ausbildung,              Assistierten Umschulung begleitet werden. Sollten
                sondern auch aus einer intensiven Vorbereitungs-                für diese Personengruppe die Ausbildungszeiten
                phase, in der die Entwicklung und Überprüfung                   flexibel gestaltbar sein? Inwieweit können lernent-
                eines Berufswunsches sowie das Finden und Über-                 wöhnte Personengruppen mit verkürzten Ausbil-
                prüfen des geeigneten Betriebes erfolgt. Diese Hil-             dungszeiten auskommen und welche spezifischen
                fen (Berufswahlunterstützung, Matching, Begleitung              Unterstützungen brauchen sie dafür?
                etc.) müssen aus einer Hand erfolgen. Sowohl auf
                Seiten der Jugendlichen / jungen Erwachsenen als              uch die Modelle der Jugendsozialarbeit müssen
                                                                               A
                auch auf Seiten der Betriebe wachsen hier Vertrau-             sich der Prüfung unterziehen, ob sie inklusiv arbei-
                ensverhältnisse mit den Mitarbeitenden in der Ju-              ten. Das Modell der Assistierten Ausbildung eignet
                gendsozialarbeit, die wesentlich für den Erfolg der            sich für einen inklusiven Ansatz besonders, da es eine
                Arbeit mit verantwortlich sind.                                individuell angepasste Hilfestellung in einem Regel-
                                                                               system vorsieht. Jedoch können wir auf Erfahrungen
               Da es sich bei der Assistierten Ausbildung um eine
                                                                              in der erfolgreichen Ausbildungsvorbereitung und
                gemeinsame Anstrengung von Betrieben, Berufs-                  -begleitung von jungen Menschen mit Behinderung
                schulen und Jugendsozialarbeit handelt, liegt hier             nicht zurückgreifen.
                auch eine Herausforderung für eine gemeinsame
                Finanzierung von der Landesebene und der kom-                  In allen angerissenen Bereichen gilt es zu prüfen, ob
                munalen Ebene (Jugendhilfe / Jugendsozialarbeit                das Leistungsprofil der Assistierten Ausbildung ange-
16              und Bildungsbereich), ggf. von der Bundesebene                 passt bzw. erweitert werden muss. Wie kann gewähr-
                (Arbeitsförderung) sowie von der Privatwirtschaft              leistet werden, dass die Förderstruktur (insbesondere
                und eventuell unter temporärer Zuhilfenahme des                Kompetenzen des Personals, Personalausstattung,
                ESF für die Aufbauzeit.                                        Förderhöhen) so ausgestaltet ist, dass z.B. inklusives
                                                                               Arbeiten qualitativ hochwertig möglich ist?
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