Kartografie der Paranoia Konspiration, Kritik und Imagination in F. J. Degenhardts Brandstellen
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Carolin Amlinger*
Kartografie der Paranoia
Konspiration, Kritik und Imagination
in F. J. Degenhardts Brandstellen
© 2020 Carolin Amlinger, licensee De Gruyter Open. This work is licensed under the Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivatives
3.0 License20 10.2478/kwg-2020-0078 | 5. Jahrgang 2020 Heft 2: 19–36
Zusammenfassung: In den letzten Jahren vernahm man verstärkt die Diagnose, dass bewährte Formen
der Kritik an ihr Ende gekommen seien. Stattdessen scheinen konspirative Narrative in krisenhaften Perioden
des sozialen Wandels, in denen politische Zuschreibungen wie epistemische Wirklichkeitskonventionen
erodieren, bewährte Argumentationen und Imaginationen der Sozialkritik zu absorbieren: Sie erklären den
systemischen Zusammenhang zwischen sozialen Missständen, schaffen einen evidenten Boden für eine
neue Politik der Wahrheit und mobilisieren in ihrer alarmierenden Dringlichkeit für die politische Praxis.
In der Lektüre von Franz Josef Degenhardts 1975 erschienenen politischen Roman Brandstellen stellt sich
der Beitrag die Frage, wie aus Kritik das Gegenteil von Kritik, nämlich ein hermetisches Erklärungsmodell
der Paranoia, werden kann. Gleichzeitig entwirft der Roman ein literarisches Programm, das dem der
Sozialkritik nicht unähnlich ist. Politische Literatur lässt sich hier in Anlehnung an Fredric Jameson als eine
Kartografie des Sozialen lesen, die im Modus des Fiktionalen die Verteilung von sozialer Herrschaft neu
justiert.
Keywords: Politische Literatur, sozialistischer Realismus, Gesellschaftskritik, Postkritik, Verschwö-
rungstheorien, Paranoia, politische Imagination, politische Ordnung, Störung, Terrorismus
*Carolin Amlinger, M.A., Universität Basel, Deutsches Seminar, SNF Projekt "Halbwahrheiten",
E-Mail: Carolin.amlinger@unibas.ch
Der Staatsstreich des Louis Napoleon Bonaparte mehr und mehr in ein Trugbild verwandelt. Statt-
im Jahr 1851, der das Ende der Französischen dessen scheinen sich die wirkenden Prinzipien,
Republik besiegeln sollte, kündigte jäh die revo- die das soziale Zusammenleben ordnen, wesent-
lutionären Hoffnungen auf, die der junge Karl lich hinter der Realität zu ereignen. In Phasen der
Marx mit Frankreich verband. Statt der politi- Verselbstständigung sozialer Prozesse tritt also
schen Resignation anheim zu fallen, war die poli- ihre strukturierende Macht offen zutage.
tische Krise für ihn ein Indiz für die strukturie- Obgleich die kurze Formulierung von Marx
renden sozialen Kräfte hinter der historischen in der langen Geschichte des Marxismus meist
Bewegung. «Die Menschen machen ihre eigene anders interpretiert wurde, lässt sich aus ihr eben-
Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien falls eine soziale Genealogie von konspirativen
Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern Denkmustern herauslesen: Auch im geschlosse-
unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen nen Denksystem der Paranoia handeln Menschen
und überlieferten Umständen»1, schreibt Marx nicht aus freien Stücken, sie stehen in Abhängig-
zu Beginn des Achtzehnten Brumaire des Louis keit von vorgefundenen Gesetzmäßigkeiten, die
Bonaparte (1852). In Zeiten der sozialen Unord- sie letztlich zu ohnmächtigen Objekten degra-
nung entgleitet den Menschen die Wirklichkeit dieren.2 Statt der Menschen sind es unsichtbare
bisweilen – die Welt gerät sprichwörtlich aus den
Fugen. Sozialer Wandel ist darum nicht selten 2 Populär wurde der klinische Begriff der Paranoia zur
von einer empfundenen Derealisierung begleitet, Operationalisierung verschwörungstheoretischen Denkens
in der sich die Realität, die die Menschen umgibt, durch Richard J. Hofstadters Essay The Paranoid Style in
American Politics (1965), der die paranoiden und rechten
Anteile der republikanischen Partei untersucht. Seine Pa-
1 Marx 1960, S. 115. thologisierung von Verschwörungstheoretikern gilt in derKulturwissenschaftliche Zeitschrift - 2/2020 21
Akteure, die das Weltgeschehen lenken. Überdies lich «Made in Criticalland»7, wie Bruno Latour dies
liefert Marx’ Formulierung einen Hinweis auf die in seiner polemischen Invektive zum Elend der
sozialen Konstitutionsbedingungen der Paranoia, Kritik (2007) tut, nivelliert jedoch die strukturel-
denn die bedrohlichen Umstände, die das Verhal- len Unterschiede zwischen Paranoia und sozialer
ten der Menschen zu steuern scheinen, sind von Kritik. Entgegen der Rede vom Elend der Kritik,
ihnen selbst gemacht. Es sind ihre sozialen Ima- dem Ende der Kritik oder der Postkritik möchte
ginationen, die ihnen als unabhängige Kraft mit der Beitrag in der Lektüre politischer Literatur
zwingender Evidenz gegenüberstehen. Menschen nach den narrativen Mechanismen fragen, wie
machen also ihre eigene Geschichte – auch die aus Kritik das Gegenteil von Kritik, nämlich ein
über Verschwörung, Infiltration und Konspiration. erfahrungsresistentes hermetisches Erklärungs-
Die Rede von Verschwörungstheorien als modell der Paranoia, werden kann.8
Residuen des «sozial Imaginären» soll im Fol- Denn in politischer Literatur artikulieren sich
genden dazu dienen, den Blick zu sensibilisie- nicht nur gesellschaftliche Konfliktlagen, sie ver-
ren für ihre gesellschaftlichen Konstitutionsbe- steht sich in ihrer politischen Semantik als «ein-
dingungen.3 Sie partizipieren, so die Annahme, greifendes Denken»9, das die Möglichkeitsbe-
in krisenhaften Perioden des sozialen Wandels, dingungen der sozialen Realität im Modus der
in denen politische Zuschreibungen wie episte- Fiktionalität verhandelt.10 Diese postulierte, wenn
mische Wirklichkeitskonventionen erodieren, an auch bisweilen instabile und gebrochene Refe-
bewährten Formen der Gesellschaftskritik. So renz auf die außersprachliche Wirklichkeit ist es,
bedienen sich politische Verschwörungstheorien an der sich das Politische einer Erzählung ent-
freimütig am methodischen Arsenal der «Sozial- faltet:11 Sie absorbiert als zeichenweltliche Sym-
kritik»4 wie dem Reichtum ihrer kollektiven Hoff- bolisierung soziale Realitäten und überschreitet
nungen: Sie erklären lückenlos den systemischen diese gleichzeitig in ihrer fiktionalen Eigenwelt-
Zusammenhang zwischen sozialen Missständen, lichkeit.12 Insofern transportiert politische Litera-
schaffen einen zweifellosen Boden für eine neue tur fiktionale Gegenerzählungen zur Welt, wie sie
«Politik der Wahrheit»5 und mobilisieren in ihrer ist, indem sie einen imaginären Möglichkeitsraum
alarmierenden Dringlichkeit für die politische eröffnet, dass die Welt auch ganz anders sein
Praxis. Aus dieser narrativen Verwandtschaft
kritischen Denkens mit dem «concept of para-
noia» schlussfolgert Eve Kosofsky Sedgwick, 7 Latour 2007, S. 16.
dass paranoid reading, wie sie es nennt, poten- 8 Zu den Debatten um Kritik und Postkritik vgl. Anker/
Felski 2017.
ziell ein aufklärerisches Potenzial beherbergen
9 Brecht 1967. Ingrid Gilcher-Holtey nimmt die Formulie-
könne.6 Dies jedoch zu verallgemeinern und zu rung Brechts auf und definiert das eingreifende Denken
behaupten, Verschwörungstheorien seien letzt- der Intellektuellen unter Rückgriff auf Pierre Bourdieu als
«die Veränderung von Einstellungen, Verhaltensdispositio-
nen und politischem Handeln durch die Veränderung von
neueren Forschung jedoch als überholt (vgl. Barkun 2013, Deutungs-, Wahrnehmungs- und Klassifikationsschemata
S. 9; Butter 2018, S. 14). Ohne der Pathologisierung an- der sozialen Welt» (Gilcher-Holtey 2007, S. 10).
heim zu fallen, lässt sich die Paranoia durchaus als ein kon- 10 Was politische Literatur letztlich kennzeichnet, ist
spiratives Denkmuster analysieren, das auf einem «star- in der literaturwissenschaftlichen Forschung umstritten.
ken Gefühl» beruht, «dass hinter dem äußeren Anschein, Christine Lubkoll et al. sehen die literaturwissenschaftliche
dessen unmittelbarer Sinn sich verflüchtigt hat, etwas ver- Herausforderung, dem «Risiko der Extreme» zu entgehen
steckt liegt», wie Luc Boltanski ausführt (Boltanski 2013, S. und einer Engführung durch politische Funktionalisierung
311f.). Während Verschwörungstheorien also stärker einen wie der Ausweitung der politischen Sphäre auf private Be-
systematischen Versuch unternehmen, Lücken und Leer- lange zu vermeiden (Lubkoll/Illi/Hampel 2018, S. 3f.).
stellen der Realitätswahrnehmung in ein determinierendes 11 Für Stefan Neuhaus und Immanuel Nover entfaltet Li-
und nicht selten pseudowissenschaftliches Erklärungsmo- teratur eine politische Semantik «nicht aufgrund ihrer Er-
dell zu überführen, steht bei der Paranoia das Affekterle- zählung der Politik, sondern aufgrund ihrer Erzählung des
ben im Vordergrund, das in einer zwanghaften Suche nach Politischen» (Neuhaus/Nover 2018, S. 5f.). Mit Pierre Ro-
verborgenen Kausalitäten mündet. sanvallon sehen sie das politische Moment von Literatur
3 Vgl. Groh 1987, S. 859–878. weniger im manifesten Rückgriff auf explizite realpolitische
4 Vgl. Boltanski 2010. Ereignisse, sondern in der semantischen Partizipation an
5 Badiou/Rancière 2010. den gesellschaftlichen Aushandlungsformen des Politischen.
6 Kosofsky Sedgwick 2003, S. 125. 12 Vgl. Koschorke 2012, S. 334.22 10.2478/kwg-2020-0078 | 5. Jahrgang 2020 Heft 2: 19–36
könnte. Dazu muss sie keinesfalls das literarische larische Lektüre des Romans Brandstellen (1975)
Genre der Utopie bedienen, das sein Vorbild in von Franz Josef Degenhardt möchte darum diese
Thomas Morus Dialog Utopia (1516) hat, oder die sich explizit als parteiisch verstehende Literatur
in Zeiten sozialer Krisen virulent werdende Dys- für die gegenwärtige literaturwissenschaftliche
topie, an der in der Gegenwartsliteratur so unter- Forschung wieder zur Debatte stellen.
schiedliche Romane wie Michel Houellebecqs Franz Josef Degenhardt (1931–2011) gehörte
Unterwerfung (2015) oder Juli Zehs Leere Her- jener Generation der westdeutschen Intellektuel-
zen (2017) partizipieren. Bereits in seiner fiktio- len an, die sich als aktive Akteure in den sozialen
nalen Verhandlung wird das Politische in seinen Bewegungen positionierten. Zunächst verteidigte
Begründungsversuchen thematisch. So können er als Rechtsanwalt Mitglieder der Außerparla-
die politischen Ordnungssysteme etwa ihrer eige- mentarischen Opposition (APO) und der Roten
nen Fiktionalität durch narrative Verfahren der Armee Fraktion (RAF), wurde 1970 wegen eines
Überschreitung oder Enthüllung vorgeführt wer- Unvereinbarkeitsbeschluss aus der SPD ausge-
den. Hinter der erzählten Realität wird so eine schlossen, bevor er 1978 in die Deutsche Kommu-
Realität zweiter Ordnung offenbar, welche die nistische Partei (DKP) eintrat. Er, der neben seiner
latenten Machtstrukturen und Ausschlüsse der Autorentätigkeit vor allem politischer Lieder-
Realität erster Ordnung enttarnt.13 macher war (bekannt wurde er mit seinem 1965
Zwar wurde die politische Literatur in den erschienen Album Spiel nicht mit den Schmud-
letzten Jahren zunehmend als Gegenstand lite- delkindern), betrachtete Literatur als politisches
raturwissenschaftlicher Analyse entdeckt, wie Medium, wie er in einem späten Interview betont:
die Sammelbände Politische Literatur (2018) von «Aber das Literarische ist für mich nicht ein Wert
Christine Lubkoll et al. und Das Politische in der an sich, sondern dient immer einem Zweck. Dar-
Literatur der Gegenwart (2019) von Stefan Neu- aus bestimmt sich auch meine Ästhetik: Wir wol-
haus und Immanuel Nover in ihren vielfältigen len etwas erreichen, meine Kunst setze ich dafür
Zugängen eindrücklich unter Beweis stellen, aller- ein».16 In der expliziten Referenz auf die außer-
dings blieb die sich dezidiert auf einen «sozialis- sprachliche Wirklichkeit ist das politische Erzählen
tischen Realismus»14 berufende Literatur bislang Degenhardts an mimetische Darstellungsverfah-
weitestgehend unter dem Steinbruch der Litera- ren orientiert. «Schöne Künste sind bloß Krampf
turgeschichte verborgen – wohl nicht zuletzt, weil im Klassenkampf», heißt es in seinem Song Zwi-
mit dem Niedergang der sozialistischen Staaten schentöne sind bloß Krampf aus dem Jahr 1968.
Ende der 1990er-Jahre auch die literarischen Die Fiktion erhält durch ihre Abbildfunktion, also
Erzählungen, die sich in deren Tradition stellten, ihrer vorgespiegelten Faktizität, einen wahr-
desavouiert schienen. Zu sehr roch die sozialisti- heitsgenerierenden Zweck: Die in der Erzählung
sche Literatur nach politischer Funktionalisierung. transportierte politische Stellung gilt als Ausdruck
Für die neuere literaturwissenschaftliche For- der außersprachlichen Wirklichkeit – und trans-
schung, die sich vor allem für narrative «Diskursi- portiert somit eine politische Wahrheit.
vierungen des Politischen»15 interessiert, mag ein Dies ist für das Verständnis seines Romans
poetisches Programm Argwohn hervorrufen, das Brandstellen, der 1975 erschien und 1977 von der
auf Parteilichkeit und Haltung beruht. Die exemp- DEFA (DDR) unter Regie von Horst E. Brandt ver-
filmt wurde, nicht unerheblich – kommentiert er,
wie in der Lektüre deutlich werden soll, das real-
13 Vgl. Boltanski 2013, S. 15ff. Boltanski liest den Krimi- politische Geschehen im Modus der Fiktion.17 Die
nalroman als ein literarisches Genre, das ab der Mitte des
Erzählung partizipiert an einem historischen Stoff
19. Jahrhunderts die Realität der Gesellschaft problema-
tisch werden lässt.
14 Die Stilrichtung des sozialistischen Realismus, die in 16 Degenhardt 2006. Auch Uwe Timm stellt in dem De-
den sozialistischen Ländern als verbindliche Kunstform battenband um politische Literatur Realismus, welcher?
festgelegt wurde, favorisierte eine «wahrheitsgetreue, (1976) Degenhardt in die Tradition des sozialistischen Rea-
historisch konkrete Darstellung der Wirklichkeit in ihrer lismus (Timm 1976, S. 143). Degenhardt selbst war seit
revolutionären Entwicklung», wie es in der Satzung des 1983 korrespondierendes Mitglied der Akademie der Küns-
sowjetischen Schriftstellerverbandes 1934 heißt (zit. nach te der DDR.
Städtke 2011, S. 322). 17 Thomas Hoeps schreibt den RAF-Erzählungen, die vor
15 Neuhaus/Nover 2018, S. 7. 1977 erschienen sind, einen «diskursiven Charakter» zu,Kulturwissenschaftliche Zeitschrift - 2/2020 23
der westdeutschen Nachkriegsgeschichte, der Baader, Gudrun Ensslin, Horst Mahler und Ulrike
wie kaum ein anderer eine tiefe gesellschaftliche Meinhof 1970 gegründete Rote Armee Fraktion
Nervosität verkörpert: der sozialrevolutionäre (RAF), die das Bild des «sozialrevolutionären Ter-
Terrorismus der RAF in der Zeit nach den Studen- rorismus»21 in der Bundesrepublik bis zu ihrer
tenprotesten in den Jahren nach 1970. In dem Auflösung 1992 prägen sollte.22
«roten Jahrzehnt»18 kulminieren die politische Nach dem Prinzip einer Kader-Organisation
Krise der Bundesrepublik wie die revolutionären operierte die RAF seit ihrer Entstehung klandes-
Hoffnungen, die jäh in einer politischen Desillu- tin, sie verübte nach einer militärischen Ausbil-
sionierung münden sollten. Der Roman schildert dung in Jordanien eine Reihe politischer Attentate,
die aufgeladene politische Atmosphäre der frühen die dem Konzept der «Stadtguerilla»23 folgten,
1970er-Jahre nach dem Zerfall der 68er-Bewe- bevor die gesamte Führung der sogenannten
gung und der Festnahme der ersten RAF-Genera- ersten Generation 1972 verhaftet wurde. Nach
tion. In einem close reading werden im Folgenden der Festnahme bildete sich eine zweite Genera-
zwei Verhandlungen der politischen Transfor- tion der RAF, deren terroristische Anschläge vor-
mationsprozesse, in denen Gesellschaftskritik in rangig die Freilassung ihrer Genoss*innen zum
Paranoia zu kippen droht, herausgearbeitet: Zum Ziel hatten, die in der JVA Stammheim strengen
einen werden die sozialen Protestbewegungen in Haftbedingungen ausgesetzt waren. Die Spirale
Brandstellen als Projektionsflächen für imaginäre aus terroristischer Gewalt und staatlicher Gegen-
Konspirationen der staatlichen Ordnungspolitik gewalt, der Selbstmord der RAF-Mitbegründerin
dechiffriert; zum anderen wird die terroristische Ulrike Meinhof in der Haft 1976 und der Stamm-
Protestform der RAF im Erzählverlauf als ein rea- heimer Prozess gegen die erste Generation, kul-
litätsfernes politisches Wahnsystem entkleidet. minierte 1977 schließlich im «Deutschen Herbst»,
der mit der «Todesnacht von Stammheim» seinen
Höhepunkt erreicht, bei der die RAF-Gründungs-
mitglieder*innen tot durch Suizid in ihren Zellen
1 Sozialfiguren der Kritik
aufgefunden wurden. Die Stammheimer Nacht
wurde wegen der Lücken und Widersprüche der
Inspiriert von den Guerillastrategien der latein-
polizeilichen Ermittlungsarbeit zum Ausgangs-
amerikanischen Befreiungsbewegungen und des
punkt popkultureller Mythenbildung, in welcher
antikolonialen Widerstandes begann sich die APO
im Zuge der Studentenproteste Ende der 1960er-
Jahre mit militanten Aktionsformen zu beschäf- 21 Vgl. Straßner 2008. Terrorismus wird allgemein definiert
tigen.19 In dem repressiven Klima der Bundesre- als «planmäßig vorbereitete, schockierende Gewaltanschlä-
publik maß man gewaltfreien Protestformen, die ge gegen eine politische Ordnung aus dem Untergrund.
Sie sollen allgemeine Unsicherheit und Schrecken, dane-
von staatlicher Seite mit rücksichtsloser Härte
ben aber auch Sympathie und Unterstützungsbereitschaft
niedergeschlagen wurden, immer weniger eine erzeugen» (Waldmann 1998, S. 10) Das besondere Spezi-
politische Reichweite zu. Gleichzeitig war das fikum seiner sozialrevolutionären Variante ist eine «perzi-
politische Subjekt, auf das die sozialen Bewegun- pierte soziale oder ökonomische Schieflage, die auf system-
gen ihre Hoffnungen setzten – die Arbeiterbewe- konformem Wege nicht zu beseitigen ist, da die Eliten des
Systems […] eine qualitative Veränderung des Systemcha-
gung –, im wohlfahrtsstaatlichen und korporatis-
rakters zu verhindern suchen» (Straßner 2008, S. 20).
tischen Gefüge der Bundesrepublik kaum für eine 22 Zur historischen Entwicklung der RAF vgl. Aust 1986;
Systemtransformation zu begeistern. In der APO Tolmein 1997.
wuchs eine «Sehnsucht nach dem Ausnahmezu- 23 Die terroristische Aktionsform der Stadtguerilla ver-
stand», da man «nicht länger mehr nur Objekt, stand die RAF als «revolutionäre Interventionsmethode von
sondern endlich einmal Subjekt der Ereignisse» insgesamt schwachen revolutionären Kräften» (Rote Armee
Fraktion 1997a, S. 116). Anders als die militärische Strategie
sein wollte.20 Es war vor allem die von Andreas
der Guerilla, die ein umkämpftes Territorium besetzte und
breiten Rückhalt in der Bevölkerung genoss, verstand die
da sie in ihrer fiktionalen Bearbeitung die Terrorismus-De- RAF sich als revolutionäre Avantgarde, die durch terroristi-
batte kommentierten (Hoeps 2001, S. 208). sche Ereignisse eine Zuspitzung des Machtkonflikts forcierte
18 Koenen 2001. – mit dem recht illusionären Ziel, dass sich an ihrem «Ver-
19 Hoeps 2001, S. 34. halten und Aktionen […] die revolutionären Massen orientie-
20 Münkler 1983, S. 60f. ren» (Rote Armee Fraktion, 1997b, S. 69).24 10.2478/kwg-2020-0078 | 5. Jahrgang 2020 Heft 2: 19–36
die realhistorischen Ereignisse Grundlage für eine figur, der Rechtsanwalt Bruno Kappel, der Mit-
weit verzweigte fiktionale «RAF-Erzählung»24 glieder der APO wie das RAF-Mitglied Karin Kunze
wurden.25 verteidigt und dadurch unweigerlich autobio-
Degenhardts Roman Brandstellen, der vor grafische Züge aufweist, ist hingegen durch ein
dem «Deutschen Herbst» erschien, verhan- Moment der nervösen Rastlosigkeit gezeichnet,
delt dieses politische Klima der Radikalisierung. er ist auf der Suche nach seiner untergetauch-
Anhand der drei während der Studentenproteste ten Freundin wie seiner politischen Identität. Im
politisierten Freunde Bruno Kappel, Karin Kunze Erzählverlauf, der ihn in das Naherholungsgebiet
und Martin Baller skizziert die Erzählung gleich «Klein-Schweden» (37) führt, das einem Nato-
zu Beginn unterschiedliche Figuren der Sozialkri- Truppenübungsplatz weichen soll, entwickelt er in
tik, in denen sich politische Handlungsentwürfe den kollektiv geteilten Erfahrungen der dort situ-
sedimentieren, denen im Handlungsverlauf eine ierten Bürgerproteste ein politisches Klassenbe-
ungleiche politische Wirkkraft zugeschrieben wusstsein. Seine Figur steht paradigmatisch für
werden.26 Martin Baller ist ein Sozialdemokrat, die Idee «immanenter Kritik»31, die ihren Stand-
der «vor nicht allzu langer Zeit den Anspruch auf punkt weder in noch außerhalb der politischen
Führung der Arbeiterklasse erhoben» und sich Ordnung setzt, sondern mit der Realität in Wider-
nun als Staatsanwalt der «Parteikarriere ver- spruch gerät und sich dadurch weiterentwickelt.
schrieben» hatte.27 Der revolutionäre Impetus Der Widerstand gegen den Nato-Übungsplatz, für
wird hier gegen einen alltagspolitischen Pragma- den die realen Proteste der Gemeinde Klausheide
tismus eingetauscht; sein Handeln ist getragen im Jahr 1973 gegen einen Nato-Bombenabwurf-
von einer «internen Kritik»28, die sich auf die platz Vorlage waren, entwickelt sich im Hand-
normativen Grundlagen, die der politischen Ord- lungsverlauf zu einem fiktionalen Schauplatz des
nung immanent sind, bezieht und deren man- politischen Dissens. Das breite Bürgerbündnis,
gelnde Realisierung beklagt. Karin Kunze schloss das sich aus Anwohner*innen, politischen Verei-
sich hingegen einer klandestinen terroristischen nen und Parteien wie der ansässigen Kirchenge-
Gruppierung an, die «mit dem Anspruch auftrat, meinde zusammensetzt, wird zum Objekt sicher-
zentraler Bestandteil der revolutionären Strate- heitspolitischer Aufmerksamkeit und schließlich
gie in der BRD und Teil der internationalen anti- von radikalen politischen Kräften instrumenta-
imperialistischen Strategie bewaffneter Politik zu lisiert. Ein vereitelter Entführungsversuch des
sein» (16). Die RAF ist hier als Intertext präsent, angereisten Innenministers durch die RAF und
sie transportiert eine «externe Kritik»29, die sich die Brandstiftung des Protestcamps besiegeln
an Normen orientiert, die der zu beurteilenden zum Ende des Romans schließlich das Scheitern
politischen Ordnung äußerlich sind.30 Die Haupt- des Bürgerprotestes.
24 Vgl. Henschen 2013.
25 So partizipieren zahlreiche literarische Erzählungen am
RAF-Narrativ, mit Heinrich Bölls Die verlorene Ehre der Ka- 2 Die imaginäre Ordnungsarbeit
tharina Blum (1974), Peter O. Chotjewitz’ Die Herren des
Morgengrauens (1978), F. C. Delius’ Ein Held der inneren des fragmentierten Proletariats
Sicherheit (1981) oder Bernhard Schlinks Das Wochenende
(2008) seien nur einige wenige genannt. Vgl. Beck 2008; Die revolutionäre Klasse, das Proletariat, erscheint
Hoeps 2001; Jürgensen 2008. in Brandstellen mit existentiellen Prozessen der
26 Rahel Jaeggi unterscheidet in ihrer Kritik von Lebens-
Enteignung und Auflösung konfrontiert, ein Fab-
formen (2014) drei Kategorien der Kritik, deren normative
Maßstäbe von jeweils unterschiedlichen Standpunkten aus
rikarbeiter, vor Alkohol am «Tresen schwankend»
formuliert werden (Jaeggi 2014). Zur sozialwissenschaft- berichtet: «Akkordzeiten verdoppelt, dann wieder
lichen Funktion von Sozialfiguren vgl. Moser/Schlechtrie-
men 2018.
27 Degenhardt 2011, S. 13. Im Folgenden werden die Sei- nicht nur eine selbstreferenzielle Geschlossenheit poli-
tenzahlen in Klammern im Text angegeben. tischer Sprache, sondern auch eine Distanz zur sozialen
28 Jaeggi 2014, S. 263. Realität, die durch die Kontrastierung mit den erzählten
29 Jaeggi 2014, S. 261. Arbeitsrealitäten der Arbeiter*innen und Angestellten mar-
30 Der Text adaptiert die politische Phrase der RAF-Do- kiert wird.
kumente und evoziert in seiner theoretischen Abstraktheit 31 Jaeggi 2014, 283.Kulturwissenschaftliche Zeitschrift - 2/2020 25
In diesen Tagen bildeten sich daher Legenden, wie
Kurzarbeit wegen Ölkrise […], dann die Entlassun-
immer in diesem Land, wenn die Gründe des Wirt-
gen, dann draußen die Preise, macht nicht mehr schaftens unklar bleiben sollten. (ebd.)
viel Spaß» (72). Der Text erzählt von sinkenden
Löhnen, Massenentlassungen und der Aushöh-
Verschwörungstheorien wird allgemein eine kom-
lung betrieblicher Mitbestimmung, die eine tief-
plexitätsreduzierende wie evidenzproduzierende
greifende soziale Desorganisation zur Folge hat.
Narration zugeschrieben: Hinter der Annahme,
In seiner dichten Beschreibung kann er als ein
dass nichts so ist, wie es scheint, verbirgt sich
Vorgriff auf gesellschaftliche Prekarisierungspro-
der Verdacht, dass nichts durch Zufall passiere,
zesse gelesen werden, die ab den 1980er-Jahren
sondern alles miteinander verbunden sei.33 Ent-
das Szenario der «Abstiegsgesellschaft»32 prägen
scheidend für ihre konspirative Struktur ist zudem,
sollten. Während die kommunistische Aktivistin
dass ihre narrative Form an die Identifikation von
Maria Ronsdorf in der Erzählung die politischen
Akteuren rückgebunden wird. Die soziale Reali-
Interessen und Kräfte dieser gesellschaftlichen
tät wird also nicht nur verdächtig, sondern auch
Krise zu benennen vermag – «Der Staat ist ein
ihre lenkende Instanz wird enttarnt.34 Mit der
Organ der Klassenherrschaft zur Unterdrückung
Infragestellung kollektiver Wirklichkeitskonven-
der einen Klasse durch die andere, deklamierte
tionen liefern Verschwörungstheorien im selben
sie Lenin» (101) – und daraus ihre politische
Atemzug kohärente Erklärungsmodelle, welche
Selbstermächtigung speist, verharrt das Proleta-
die verstörende Wahrnehmungskrise in eine
riat in Zuständen der depressiven Lähmung und
stabile Ordnung überführt. Degenhardts Erzäh-
affektiven Empörung: «Überall das Gleiche, diese
lung transportiert nun ein Deutungsangebot für
Mischung aus Ohnmacht und Aggression, Iso-
konspirative Denkschemata (die als «Legenden»
lation und Geilheit, Ratlosigkeit und Brutalität»
bezeichnet ihres fiktiven Gehaltes vorgeführt
(75). So prekär ihre materielle Existenz, so instabil
werden), das bei den sozialen Existenzbedingun-
ist im Text ihre politische Identität. Das Moment
gen anhebt und Verschwörungstheorien letztlich
des Bruchs, das sich durch die Gesellschaft wie
als ihre falsche imaginäre Repräsentation auslegt.
die Klasse zieht, mobilisiert einen destruktiven
Es liegt an dieser Stelle nahe, an die popu-
Affekthaushalt und weitreichende innerpsychi-
läre wie umstrittene Diagnose Fredric Jamesons
sche Irritationen: «Die Leute werden immer ver-
zu erinnern.35 Für ihn transportiert die narrative
rückter, jeden Tag» (74). Die Arbeiter*innenfigu-
Struktur von Verschwörungstheorien ein kol-
ren können ihre gelebten Erfahrungen nicht mehr
lektives Begehren, die irritierende Komplexität
kollektiv teilen, geschweige denn bearbeiten, die
und Widersprüchlichkeit der sozialen Realität
soziale Welt erscheint ihnen disparat und unge-
als Totalität zu denken: «Conspiracy […] is the
ordnet. Den Arbeiter*innen bleiben die gesell-
poor person’s cognitive mapping in the postmo-
schaftlichen Kräfteverhältnisse verborgen. Ihre
dern age.»36 Die politische Ununterscheidbarkeit,
imaginären Bearbeitungen der Krisenerfahrungen
ja das postulierte Ende eines ordnungsstiften-
werden, dies stellt die Erzähllogik deutlich aus,
den politischen Antagonismus von Kapital und
anfällig für medial gesteuerte Verschwörungsthe-
Arbeit führt laut Jameson im Spätkapitalismus
orien, die dem Anderen der Ordnung (d. h. «Aus-
zu einer «widespread paralysis of the collective
länder», «Sozis und Kommunisten») gesteuerte
or social imaginary»37 – das Sozialimaginäre ist
Komplotte unterstellen (265):
kurz gesagt partei- und orientierungslos. An die
Dass in diesen Tagen die fünfte zyklische Krise nach Stelle des identitätsstiftenden Klassenbewusst-
Kriegsende auf weitere Krisen stieß […] und dass die seins trete die Verschwörungstheorie, die es nach
allgemeine Krise der westlichen Weltwirtschaft sich dem proklamierten «Ende der großen Erzählun-
verstärkt hatte und weiter verstärken würde, weil
nämlich die sozialistischen Staaten weltweit sich ver-
stärkt hatten und ohne Krieg sich weiter verstärken
würden, sollte nicht zu den Leuten dringen. 33 Butter 2018, S. 22.
34 Vgl. Groh 1996.
35 Eine detaillierte Analyse der Argumentation Jamesons
findet sich in Knight 2002, S. 30ff.
36 Jameson 1990, S. 356.
32 Nachtwey 2016. 37 Jameson 1992, S. 9.26 10.2478/kwg-2020-0078 | 5. Jahrgang 2020 Heft 2: 19–36
gen»38 in der Postmoderne einzig noch vermag, funktionäre, Sozis und Kommunisten in Frage»
eine zusammenhängende Geschichte zu erzäh- (265). Die Identifikation von Verschwörern stillt
len, indem nun sie das einzelne Subjekt in ein das mentale Begehren nach Kohärenz – und
– freilich illusionäres – gesellschaftliches Macht- wirkt so produktiv auf die gesellschaftliche Kohä-
gefüge positioniert. sion zurück. Diese imaginäre Produktion der
Jameson möchte Verschwörungstheorien kei- Realität wird, dies markiert eine Paraphrase von
nesfalls ein kritisches Potenzial unterschieben, er Bild-Titeln, durch Medien gesteuert: «Sie folg-
liefert vielmehr eine in der ideologietheoretischen ten damit den Erklärungen der BILD» (ebd.).43
Tradition Louis Althussers stehende Deutung für Das Reale verschwindet hier hinter seiner medi-
die Krise der Arbeiterparteien und der politischen alen Repräsentation. Diese Referenzlosigkeit
Repräsentation überhaupt. Auch Verschwörungs- der medialen Zeichen, sind doch die politischen
theorien konstituieren für Jameson wie Ideo- Ereignisse für die Arbeiter*innenfiguren nicht
logien für Althusser ein «imaginäres Verhältnis mehr unmittelbar erfahrbar, bildet die Grund-
der Individuen zu ihren realen Existenzbedingun- lage für eine paranoide Bearbeitung der Realität.
gen.»39 So wie Ideologie bei Althusser nicht als Die politische Macht entfaltet sich im Text nicht
Illusion über die Realität, sondern als «Allusion»40 nur als manifeste staatliche Institution, sondern
auf die Realität zu verstehen ist, also als eine sie infiltriert das Imaginäre und wirkt wesentlich
spezifische Reflexionsform auf das Gegebene, unbewusst.44 Die staatliche Ordnung entkleidet
stiften Verschwörungstheorien für Jameson eine sich im Handlungsverlauf als Gewaltmonopol zur
unmittelbare Evidenz über die Einheit des Realen, Aufrechterhaltung einer vertikalen Klassenstruk-
das soziale Antagonismen ausblendet. Sie koor- tur, das als komplexe Realität bis in die imaginä-
dinieren «the gap between the local positioning ren Tiefenschichten des Sozialen hineinwirkt. In
of the subject and the totality of class structures ihrer Konsistenz liefert die Erzählung eine dichte,
in which he or she is situated».41 Verschwörungs- ja nahezu lückenlose Erklärung für konspirative
theorien wirken demzufolge als imaginäre Präfi- Denkmuster und operiert dabei selbst mit erzähl-
gurationen, die die verwirrende Unordnung der technischen Verfahren, die auch Verschwörungs-
sozialen Wirklichkeit in eine ordnungsstiftende theorien zu ihrer Plausibilisierung anwenden.
Kohärenz überführen.42 Diese Perspektive betont
die produktive, d. h. wirklichkeitskonstituierende
Aktivität der Paranoia, die der Gefahr der perzi-
pierten Desorientierung mit einer totalisierenden
Normalisierung begegnet, indem sie jedem Phä-
nomen einen Platz in einem geschlossenen Zei-
chensystem anbietet.
Degenhardts Text beginnt mit der Schilderung
einer sozialen Krise, welche die Desintegration
der Arbeiterklasse aus der Gesellschaft wie ihre 43 Darauf folgt die Paraphrase fiktiver Bild-Titel: «Klopft
den Ölscheichs auf die Finger! Missbrauchen die Gast-
interne Fragmentierung begünstigt. An dieser
arbeiter das Gastrecht! […] Was Gewerkschaftsbosse so
Stelle leisten in der Erzählung nun konspirative verdienen. Mister Zwölfprozent langt wieder hin. Eins
Schuldzuschreibungen eine imaginäre Ordnungs- kommt zum anderen. Und kommt auf uns zu. Da muss
arbeit: «In Engelsberg Kneipe zum Beispiel gaben jemand her. Der das verkraftet. Und so weiter.» (265) Der
viele die Schuld morgenländischen Scheichs und Text greift damit eine zeitgenössische Deutung des west-
deutschen Pressemarktes durch die 1968er-Proteste auf.
Emiren, andere hielten Ausländer im Allgemei-
Die Medienkritik der Studentenproteste mündete in einer
nen für verantwortlich; […] für den bankrotten «Anti-Springer-Kampagne», um die Monopolstellung des
Bankunternehmer kamen nur die Gewerkschafts- Springer-Konzerns und der tendenziösen Berichterstattung
seiner Zeitungen, zu denen auch die Bild gehört, herauszu-
38 Vgl. Lyotard 2012. fordern (vgl. Sung Jung 2016).
39 Althusser 2010, S. 75. 44 Hier lässt sich wiederum eine Parallele zu Althussers
40 Amlinger 2014, S. 120. Konzeption der Ideologie ziehen: «In Wahrheit hat die
41 Jameson 1990, S. 353. Ideologie recht wenig mit dem ‚Bewusstsein‘ zu tun [...],
42 Über das Verhältnis von Postfaktizität und Ideologie denn sie ist von Grund auf unbewusst» (Althusser 2011,
vgl. Gess 2021. S. 297).Kulturwissenschaftliche Zeitschrift - 2/2020 27
3 Terror als Deformation der fiktiven RAF nichts weniger als «die Arbei-
terklasse in ihrem revolutionären Drang zu stär-
revolutionärer
ken durch Entwicklung von Situationen, in denen
Imaginationskraft die Härte der Auseinandersetzungen den Willen
hervorbringe zum bewaffneten Volkskrieg um die
In diese gesellschaftliche Krisenstimmung wird proletarische Macht» (228). Auch hier reprodu-
nun der sozialrevolutionäre Terrorismus der ziert der Text durchaus mit faktualem Anspruch
«RAF-Guerrilleros» (32) eingebettet, die gleich die Idee revolutionärer Avantgarde, die der real-
zu Anfang benannt werden. Im Aufrufen realer historischen RAF den politischen Grund für die
Akteure lädt der Text die Leser*innen nicht nur zu terroristische Aktionsform gab.
einem Vergleich mit den zeithistorischen Ereig- Wie leer jedoch die politische Sprache der
nissen ein, er verleiht seinem Referenzanspruch RAF, wie fern sie von der bundesrepublikani-
dadurch gewissermaßen auch Glaubwürdigkeit. schen Wirklichkeit ist, zeigt die Erzählung schon
In diesem Erzählkontext erhält nun die fiktionale zu Beginn des Romans in einer Gegenüberstel-
Schilderung der politischen Radikalisierung Karin lung auf. In einer Kneipe reden Arbeiter*innen
Kunzes einen nahezu allegorischen Charakter, an nach Feierabend von der auf der Flucht befindli-
ihrer Figur wird das Entgleiten emanzipatorischer chen Karin Kunze: «Drecksäue, abknallen, reinen
Ansprüche in eine realitätsferne Paranoia vorge- Tischen machen, ein für alle Mal. […] Die Wei-
führt. Die «Ballade von Karin» (251), wie die Bin- ber sind die schlimmsten» (32). Woraufhin Bruno
nenerzählung gegen Ende genannt wird, hat eine Kappel, der das Gespräch mitanhört, sich an
mahnende Funktion – erinnert man sich daran, Karins Worte erinnert: «die gefesselte Phantasie
dass der Roman 1975 erschien, also in einer Zeit, des Volkes aufbrechen, dem Volk zeigen, dass es
in der die Sympathie der sozialen Bewegungen die Möglichkeit der Befreiung gibt, jetzt und hier»
für die inhaftierten RAF-Mitglieder in linkslibera- (ebd.). Was, stellt sich daraufhin die* Leser*in
len Milieus groß war. die Frage, wenn die Phantasie des Volkes getra-
In retrospektiven Rückgriffen erinnert sich die gen ist von Kriegsmetaphorik? Sich in der Ent-
Hauptfigur Bruno Kappel daran, wie eindringlich fesselung der Fantasien ein affektiver Gefühls-
Karin Kunze ihr Verlangen nach der revolutionä- haushalt Bahn bricht, der an die Gewaltfantasien
ren Tat zu plausibilisieren versuchte: «Hammer soldatischer Männer erinnert? Der linke Terroris-
sein, verstehst du, nicht Amboss» (252), redete mus unterschätzte, dies legt die Erzählung nahe,
sie auf ihn ein und zitiert die Rede Georgi Dimit- das ideologische Fundament, das die Arbeiter-
roffs, die er als Angeklagter während des Reichs- klasse eher unter das Signum der Reaktion denn
tagsbrandprozesses 1933 in Leipzig hielt.45 Der Revolution stellt.46
zeitgenössisch durchaus populäre Verweis auf Doch nicht durch seine politische Theorie an
Dimitroff dient nicht bloß der Selbstnarration der sich erscheint der Terrorismus im Erzählverlauf
RAF als antifaschistische Widerstandsbewegung, als illusionär, es ist seine Verortung im politischen
er artikuliert gleichermaßen das Gefühl eines Raum, die in der Erzählung einen tiefgreifenden
Defizits an Intensität, Leben – ja, dem eigenen Realitätsverlust freisetzt. So heißt es, dass sich die
Subjektstatus. So war das politische Programm «Arztfrau» Doris Strathmann, eine Sympathisan-
tin der RAF, «von ihren Leuten und deren Wirklich-
keit immer weiter entfernt» habe (Gymnasium,
45 Durch seine rhetorisch spitzfindige Verteidigung, auf- Studium, bürgerliche Existenz), «aber im Kopf
grund derer er letztlich freigesprochen wurde, avancierte
geblieben war die revolutionäre Theorie, und die
Dimitroff zu einer mythischen Heldenfigur des antifaschis-
tischen Widerstandes. Ihm, dem ein Wahlverteidiger ver-
wucherte wild und phantastisch» (70). Durch die
weigert wurde, gelang es in seiner Verteidigungsrede im Distanz zur Wirklichkeit, die aus einer bürgerlichen
Reichstagsbrandprozess die Rollen zu verkehren und den
preußischen Ministerpräsidenten Hermann Göring als An-
geklagten darzustellen. In seinem Schlusswort richtete er 46 Auch hier bietet der Text ein Deutungsangebot von
sich in einer Paraphrase des zweiten kophtischen Liedes Ideologien an, das in der medialen Steuerung gründet.
Ein andres (1796) Johann Wolfgang Goethes an die Arbei- Den Äußerungen der Arbeiter ist mit dem Kommentar
terklasse: «Wer nicht Amboss sein will, der muss Hammer «BILD gebrauchte Bürgerkriegssprache» (31) ein fiktives
sein!» (Dimitroff 1972, S. 70). Zitat der Bild-Zeitung vorangestellt.28 10.2478/kwg-2020-0078 | 5. Jahrgang 2020 Heft 2: 19–36
Klassenposition abgeleitet wird, kippen im Text Verachtung von Auserwählten» (186) entkleidet.
politische Denk- und Wahrnehmungskategorien Die Latenz, aus der heraus die RAF operiert, arti-
ins Irreale. Oder positiv formuliert: An der Rück- kuliert gleichermaßen eine soziale Distanz. Im
bindung der Imaginationskraft an das Reale, das Erzählverlauf erscheint die terroristische Aktion
in seiner Materialität und Unmittelbarkeit erfahren darum mehr und mehr als eine leere Geste der
werden soll, entscheidet sich bei Degenhardt der Revolte, die sich distinktiv abgrenzt von der sozi-
kritische Gehalt von Sozialkritik. Dass dies gleich- alen Basis, dessen revolutionäre Vorhut sie sein
zeitig auch das narrative Verfahren der Erzählung möchte. Im Text bleibt die RAF trotz ihrer unleug-
ist, wird später noch genauer erläutert. baren Anwesenheit – bricht sie doch in ihrem Ter-
In der Entfremdung von den kollektiv geteil- ror in das Reale der Ordnung ein – für die Arbei-
ten Erfahrungen der Arbeiterklasse verformt sich terklasse konstitutiv abwesend. So entzieht sich
das sozial Imaginäre schließlich in den Händen Karin Kunze bei einer zufälligen Begegnung mit
der RAF zu einem paranoiden Wahnsystem, das Bruno Kappel in einer Kneipe gegen Ende des
sich entlang des Antagonismus Staat, Kapital, Romans in ihrer physischen Präsenz gleichzeitig;
Polizei vs. Proletariat, Arbeit, RAF ausbildet. Hin- er hört nur ihre Stimme, sie selbst verschwand
ter den disparaten Erfahrungen, deren unmittel- «im Halbdunkel hinterm Tisch» (248). Sie wirkt
barer Sinn sich verflüchtigt zu haben scheint, leis- wie eine irreale Chimäre, die nicht mehr erreicht
tet die Paranoia eine imaginäre Produktionsarbeit werden kann, bevor sie schließlich komplett in die
am Realen, wie Luc Boltanski betont: «Die Welt politische Illegalität verschwindet.
stellt sich also als ein Komplex aus Zeichen dar, Der Text legt hier nahe, dass das Imaginäre
die dekodiert werden müssen».47 In den retros- als «Dimension sozialer Sinngebung»48, wie es
pektiven Gesprächen mit Bruno Kappel decodiert sich in der Konstitution eines Klassenbewusst-
Karin Kunze die Realität entlang einer imaginären seins ausdrückt, unter bestimmten Rahmenbe-
Gegnerschaft, sie «redete […] auf ihn ein wie auf dingungen in ein paranoides Denkmuster kippen
einen, dem sie Gründe abliefern müsste, schnell, kann. Sozialkritik appelliert an soziale Interes-
ohne Unterbrechung» (32). Sie ist auf der rast- sen, welche die individuellen Erfahrungen in eine
losen Suche nach den intentionalen Akteuren, die übergreifende Einheit überführt, die wiederum
sich hinter der Realität verbergen. Eine Suche, zum Ankerpunkt einer kollektiven Identifizierung
die potenziell unabschließbar ist – mit «und so durch ein geteiltes Klassenbewusstsein werden.
weiter» (32) endet die Erinnerung Bruno Kappels. In der Kritik manifestieren sich nicht nur Kämpfe
Aus der affektiven Abwehr gegen die Kontingenz um die materielle Ausgestaltung von Gesell-
des Sozialen, dem Bemühen um Kausalität und schaft, sondern auch ihrer imaginären Reprä-
Intentionalität, speist sich letztlich auch die ter- sentation. Insofern zielt Sozialkritik auf «Refle-
roristische Tat: «Der Kampf müsse aufgenommen xivität», sie problematisiert nicht nur die soziale
werden von anderen, jetzt und hier, man müsse Realität als solche, sondern auch das Verhältnis,
es tun, tun, tun, und dieses Tun sei durch nichts das die Akteure zu ihr einnehmen.49 In den geleb-
zu ersetzen und so weiter» (70). ten Erfahrungen manifestieren sich jene Aspekte
Von dem Gefühl der Unwirklichkeit, das in Zei- der Realität, die darauf abzielen, die «Realitäts-
ten terroristischer Verunsicherung in der Bevöl- konturen grundlegend [zu] verändern».50 Aus
kerung um sich greift, ist auch der Terrorismus, der Spannung – einerseits im Modus der Distanz
der doch das Reale der revolutionären Situation zu operieren, um die soziale Realität zu erken-
herstellen möchte, selbst nicht frei, sondern er nen, und andererseits die kollektiven Erfahrun-
überschreitet die politische Wirklichkeit in sei- gen als imaginäre Bearbeitungsformen der Reali-
ner klandestinen Organisationform – und kann
sie darum bloß noch verzerrt abbilden. In der 48 Eiden-Offe 2017, S. 23. Patrick Eiden-Offe bezieht sich
Erzählung wird die heroische Selbstbeschreibung hier auf E. P. Thompsons Definition von Klassenbewusst-
der RAF, die sich in die Tradition der Partisanen- sein als eine «Art und Weise, wie man diese Erfahrungen
kämpfe antikolonialer Befreiungsbewegungen kulturell interpretiert und vermittelt: verkörpert in Tradi-
tionen, Wertsystemen, Ideen und institutionellen Formen»
stellt, in ironischen Kommentaren als «lächelnde
(Thompson 1987, S. 8).
49 Boltanski 2010, S. 22.
47 Boltanski 2013, S. 312. 50 Boltanski 2010, S. 21.Kulturwissenschaftliche Zeitschrift - 2/2020 29
tät miteinzubeziehen – resultiert schließlich der roristische Bedrohung in einem umso stärkeren
Anspruch der Sozialkritik, in die soziale Realität Maß in die Gesellschaft ein: durch aktivistische
hineinzuwirken und diese umzugestalten. Maßnahmen der Gefahrenabwehr, die der Bun-
Das paranoide System der RAF begibt sich bei desrepublik in linken Diskursen das Signum eines
Degenhardt hingegen auf die epistemische Suche Polizeistaats eintrugen, bewies sie ihre ordnungs-
nach verborgenen Realitäten, um den Lücken in stiftende Kraft. In den fiktionalen Bearbeitungen
der Wahrnehmung einen Sinn zu verleihen, hier ist die RAF darum oftmals als «Imagination der
mithilfe kausaler Determinierung.51 Anders als Störung»53 präsent, sie ist die Negation der poli-
der Anspruch der Sozialkritik ist die Arbeit der tischen Ordnung, die notwendig auf sie zurück-
Paranoia darum unabschließbar, da Momente der verwiesen ist.54 So wie das terroristische Ereig-
Ungewissheit, die sich aus den gelebten Erfahrun- nis Produkt des staatlichen Ordnungsbemühens
gen der Akteure speisen, nicht geduldet werden. ist, produziert auch der Einbruch des Terrorismus
Die Distanz zur Realität, die der Sozialkritik eine immer wieder neue Ordnungsversuche. In ihrer
Voraussetzung der Erkenntnis ist, markiert in der Fiktionalisierung erscheint die RAF zugespitzt for-
paranoiden Wahrnehmung gleichzeitig einen Rea- muliert als eine Imagination des Staats und der
litätsverlust. Staat als eine Imagination der RAF.
Degenhardt knüpft in seinem Roman an die-
ses RAF-Narrativ an, nach der weniger der Ter-
rorismus als destabilisierende Gefahr für die
4 Terrorismus als Imagination der
bundesrepublikanische Gesellschaft erscheint,
Ordnung sondern vielmehr die staatlichen Maßnahmen
der Gefahrenabwehr, die als «Faschisierung des
Insbesondere in den Jahren unmittelbar vor und Staates» (203) apostrophiert eine weitreichende
nach dem «Deutschen Herbst» wird das RAF- «Angsthysterie» (140) in der Bevölkerung auslö-
Narrativ zu einem gesellschaftlichen Reflexions- sen.55 So sieht Bruno Kappel sich gleich zu Beginn
medium, das die politische Ordnung unter dem des Romans verfolgt, ein Motiv, das die gesamte
Aspekt ihrer Gefährdung verhandelt.52 Dies scheint Handlung durchzieht. Eines transportiert der
auf der Hand zu liegen, werden mit den terroristi- Text deutlich: Der Terrorismus ist das imaginäre
schen Aktionsformen der RAF doch die Funktions- Andere der Ordnung, eine fiktive Konstruktion
routinen der politischen Ordnung punktuell außer des Staates, die reale Folgen zeitigt.
Kraft gesetzt. In der Verdichtung der Ereignisse Einblick in die imaginäre Produktion des Ter-
im «Deutschen Herbst» entglitt die bundesre- rors gibt die Erzählung mithilfe faktual markier-
publikanische Wirklichkeit in einen katastrophi- ter Polizeiakten, die «den realen Sachverhalt, das
schen Ausnahmezustand. Gleichzeitig brach das reale Ereignis also, widerspiegeln» (148) sollen.56
Reale der politischen Ordnung durch seine ter- Die sich entfaltende Binnenerzählung der Poli-
zeiberichte über die «propagandistischen Aktivi-
täten eines sich Bürgerkomitee Klein-Schweden
51 Die historische Parallelität von kritischer Theorie und
nennenden Personenzusammenschlusses» (149)
klinischen Beschreibungsmodellen von Paranoia rekonstru-
iert Boltanski in Rätsel und Komplotte (2013). Insbesonde- stellt den allmählichen Prozess einer Fiktionalisie-
re wegen ihrem systematischen Charakter und ihrem An- rung vermeintlich wahrer Begebenheiten aus. Die
spruch, mehr zu wissen als die im Alltagsleben verhafteten polizeilichen Niederschriften der Ereignisse wer-
Akteure, stellte der zeitgenössische Diskurs die Sozialkritik den als Prozeduren fiktiver Wahrheitsproduktion
in die Nähe der Paranoia. Soziolog*innen operierten ähn-
entkleidet, in der das Imago der Realität die Rea-
lich wie der Paranoiker*innen: Wie Paranoiker*innen hinter
jedem Ereignis ein Komplott vermutet, sieht die kritische
lität ablöst. Dieses Verfahren, das von der Erzähl-
Soziologie in jedem sozialen Phänomen Herrschaftsmecha-
nismen am Werk (Boltanski 2013, S. 316). Diese Argumen- 53 Koch/Nanz/Pause 2016.
tation, die derjenigen Poppers von der «Verschwörungs- 54 Vgl. Jürgensen 2008.
theorie der Gesellschaft» (Popper 1980, S. 181) ähnelt, wird 55 Vgl. Hoeps 2001, S. 208.
meist dann gegenüber der kritischen Theorie stark gemacht, 56 Die Hervorhebung der Berichte auf der Textoberflä-
wenn sie von dem Standpunkt der Totalität aus urteilt. che wie die vorangestellten Akten-Kürzel suggerieren hier,
52 Zum Begriff der Gefährdung vgl. Engell/Siegert/Vogl dass die Realität, wenn auch in fiktionaler Bearbeitung, zi-
2009. tiert werde.30 10.2478/kwg-2020-0078 | 5. Jahrgang 2020 Heft 2: 19–36
instanz als «Bürokratologie» (148) gekennzeich- 5 Die Kybernetik des Sozialen
net wird, enthält seine imaginäre Wirkkraft durch
die iterative Wiederholung: Diesen Schluss suggeriert nicht bloß der Hand-
lungsverlauf, vielmehr sind es die reflektierenden
Danach enthält die Akte nur das durch die Akte ent- Passagen Bruno Kappels, die die politischen Ausei-
standene Bild vom realen Ereignis, weil sich nämlich
nandersetzungen um das Naherholungsgebiet, in
jeder Aktenbearbeiter sein Bild vom realen Ereignis
macht nach dem Bild vom realen Ereignis, das sich ein die er immer stärker involviert wird, kommentie-
anderer Aktenbearbeiter vom Bild des realen Ereignis- ren. Bruno Kappel, mittlerweile selbst leidenschaft-
ses eines anderen Aktenbearbeiters macht. (148) licher Aktivist im Bürgerkomitee Klein-Schweden,
macht in einer Polizeiakte einen Hinweis auf den
Die «Wahrheitsverpflichtung»57, die die faktual V-Mann ausfindig. Seine Freundin Karin Kunze
markierten Polizeiakten aussprechen, werden kann er jedoch trotz seiner Warnungen nicht zum
als Fiktion des Staates demaskiert. Gerade die Ausstieg aus der terroristischen Gruppierung
Ausstellung fiktionalisierender Verfahren in der bewegen. Er kommt zu dem Schluss, dass Protest
scheinbar faktual operierenden Binnenerzählung und Widerstand nur Elemente einer übergreifen-
erzeugt eine realitätsentkleidende Suggestiv- den Ordnung sind:
kraft – die Rahmenerzählung wirkt durch ihre
Enthüllung des fiktiven Gehalts der in den Polizei- Ein perfekt konstruiertes, dynamisches Teilsystem war
das, bei dem input, Verarbeitung und output so gekop-
akten dokumentierten Fakten realistisch.
pelt waren, dass das Programm unter jeder nur denk-
Das aktenkundige Bürgerkomitee, das sich für baren Variante befolgt werden musste – und dieses
die Rettung des Naherholungsgebiets einsetzt, Programm schaltete nach einer Frist störungskompen-
gerät nun im Erzählverlauf mehr und mehr ins sierender Rückkoppelung todsicher auf Selbstzerstö-
Visier polizeilicher Observation. Die Aufmerksam- rung zugunsten des Gesamtsystems, aus dem dann
wieder ein neues Subsystem mit dem gleichen Pro-
keit des Staates spricht eine subversive Verhei-
gramm entwickelt werden würde. (249f.)
ßung aus: das breite Bündnis, was von der RAF-
Sympathisantin Doris Strathmann zunächst noch
Die Selbstreflexion Bruno Kappels macht die fik-
ironisch als «die bunte Front des Volkes, Frie-
tionale Erzählsituation zum Gegenstand einer
den, Freundschaft, Eierkuchen» (191) gezeichnet
«Beobachtung zweiter Ordnung»59, die in ihrer
wurde, wird zum Anziehungspunkt für «Rowdys»
Distanz ein sowohl narratives wie soziales Funkti-
(227) und «Herumzieher» (228), einer ortlosen
onsprinzip hinter dem Erzählgeschehen zu erken-
voluntaristischen «Avantgarde des proletarischen
nen vermag. So wie die Geschichte, deren Teil er
Sturms» (228), die immer auf der Suche ist nach
ist, in ihrer sequentiellen Struktur einzelne Ereig-
dem revolutionären Ereignis. Gerade die Gefah-
nisse in einen übergeordneten Handlungs- und
renimagination, seine «hyperpräventive Risikoer-
Sinnzusammenhang einfügt, erscheint auch die
findung» des Staates ist es, die produziert, was
dargestellte Gesellschaft als ein kybernetisches
sie abwehren will.58 Dies macht die Erzählung
System, das seine Stabilität durch die dynami-
nicht nur durch heranreisende militante Aktivisten
sche Rückkoppelung der Teilsysteme gewinnt.
deutlich, die das Naherholungsgebiet wegen der
Dass das soziale System letztlich konstant bleibe,
sicherheitspolitischen Maßnahmen zum Schau-
liege an der Integration der Kritik, die sich als
platz eines «Volkskrieges» (236) erklären, son-
immanenter Teil des Systems zwangläufig selbst
dern umso mehr durch die Figur eines «V-Manns»
zerstöre und durch eine neue Variante ersetzt
(234), der von der Polizei in die Bürgerbewegung
werde. Die reflektierenden Gedanken der Haupt-
eingeschleust wird, um diese von innen zu radi-
figur entwerfen eine Idee von Gesellschaft, in der
kalisieren. Damit entkleidet sich die Bedrohung
Ordnung und Störung, Kritik und Kapitalismus
vollends als eine staatlich generierte: Die Para-
notwendig aufeinander verwiesen sind: Der «Anti-
noia, enthüllt der Text, ist ein Produkt der staat-
kapitalismus» ist in diesem Sinne «Ausdruck des
lichen Imagination.
57 Genette 1992, S. 78.
58 Bröckling 2012, S. 101. 59 Luhmann 1992, S. 100.Kulturwissenschaftliche Zeitschrift - 2/2020 31
des von Schleyer[61] und seinen Kollegen geschützten
Kapitalismus».60 Aber auch in der erzählten Welt Rechtsstaats auf ordnungspolitisch werthafter Basis
steht alles in einem notwendigen Zusammenhang konnte der Durchsetzung dieses Anspruchs nur för-
miteinander, ein einzelnes Ereignis erhält seinen derlich sein.
Sinn durch ein übergeordnetes Programm. Die
Ja, es stank nach Gewalt in diesen Tagen, und das
hier entworfene Kybernetik der Paranoia trans-
Ungewisse lauerte im Verrückten. (264)
zendiert so einerseits die diegetische Erzählung
und lenkt die Aufmerksamkeit metafiktional auf
Es musste zwangsläufig so kommen, suggeriert
die narrativen Effekte, um die Fiktionalität des
der Kommentar, der Gestank nach Gewalt dränge
Erzählvorgangs auszustellen, evoziert aber ande-
sich so penetrant in die Nase, wie der Antagonis-
rerseits auch eine Theorie der Gesellschaft, die in
mus von Kapital und Arbeit klar vor Augen liege.
ihrer Allgemeinheit den fiktionalen Rahmen über-
Der Text positioniert sich hier im zeitgenössischen
schreitet und auf die soziale Wirklichkeit referiert.
RAF-Diskurs, der als Intertext latent in der Erzäh-
Der Realismus der Erzählung operiert wesentlich
lung aufgehoben ist, und überschreitet so aber-
im Modus der Fiktionalisierung: gerade indem die
mals die zeichenweltliche Diegese: Terror spiele
Illusion der fiktionalen Welt thematisiert wird,
letztlich dem Kapital in die Hände und stabilisiere
überschreitet die Erzählung die zeichenweltliche
die Herrschaftsverhältnisse, statt sie zu untermi-
Inferenz und erlaubt sich einen Kommentar über
nieren. Was der Handlungsverlauf ohnehin schon
die realhistorischen Ereignisse.
nahelegt, wird nun nochmals deutlich ausgespro-
Die metatextuellen Verfahren, die ein Deu-
chen. Das politische Erzählen erweist sich hier
tungsangebot des Erzählgeschehens formulie-
in einem doppelten Sinn als eingreifend: einer-
ren, nehmen in der Kulmination der Ereignisse
seits, indem der Erzähler kommentierend in das
gegen Ende der Erzählung zu. In einer explosi-
narrative Handlungsgeschehen interveniert und
ven Dynamik aus staatlicher Gewalt und militan-
diesem dadurch einen Sinn zuschreibt, anderer-
ter Gegengewalt eskalieren die Auseinanderset-
seits, indem die Erzählung über ihre diegetische
zungen um den Erhalt des Naherholungsgebiets
Eigenweltlichkeit hinaus mittels narrativer Ver-
schließlich. Ein terroristischer Anschlag auf den
fahren der Enthüllung die Wahrnehmungsmus-
angereisten Innenminister kann zwar vereitelt
ter des Lesers über die soziale Welt modifizieren
werden, aber ein durch Brandstiftung gelegtes
möchte.
nächtliches Feuer zerstört das Protestcamp und
Kurzum, Literatur übernimmt hier die Funk-
die Demonstrant*innen werden während einer
tion der Sozialkritik, eine politische Epistemologie
polizeilichen Räumungsaktion verhaftet. Am Ende
zu formulieren, die Kritik mit Kämpfen um das,
verbrennen die politischen Hoffnungen in einem
was als wirklich gilt, verbindet. Denn die Sozial-
«Feuer bis zum Himmel» und die Sprechchöre
kritik reflektiert neben ihrer Analyse der materiel-
der Demonstration ersticken in hilfesuchenden
len Verfügungsgewalt über die gesellschaftlichen
«Rufen und Schreie» (272). Dieser ernüchternde
Ressourcen – oder allgemeiner, der gesellschaftli-
Ausgang wird von einer anonymen Erzählinstanz
chen Herrschafts- und Ausbeutungsmodi – ebenso
vorweggenommen:
sehr auf die symbolische Definitionsmacht um
In diesen Tagen stand also die materielle Umvertei- die Wahrheit einer sozialen Ordnung. Denn Herr-
lung zugunsten des Großkapitals wieder mal auf dem schaft entzieht sich der unmittelbaren Sichtbar-
Spielplan. Damit dies ohne großen Widerstand über keit, ja, sie beruht konstitutiv auf ihrer «Verken-
die Bühne ging, musste vorher der Macht- und Herr- nung» in der alltäglichen Wahrnehmung.62 «Um
schaftsanspruch des Kapitals in den Betrieben und in
der Gesellschaft gesichert werden. Eine Gefährdung
61 Hans Martin Schleyer war von 1973 bis 1977 Arbeitge-
berpräsident. Er personifizierte auch wegen seiner belas-
teten politischen Vergangenheit (er war SS-Hauptsturm-
führer) das deutsche Kapital und wurde für die politische
60 Boltanski/Chiapello 2003, S. 468. Die Soziologen Bol- Opposition zu einem exemplarischen Feindbild. Im Deut-
tanski und Chiapello entwerfen in ihrer «Soziologie der Kri- schen Herbst 1977 wurde er von der RAF entführt und er-
tik» ein ähnliches Bild kapitalistischer Dynamik: der Wan- mordet – eine Entwicklung, die Degenhardt bei der Arbeit
del des Kapitalismus geht für sie zurück auf seine Tendenz, an seinem Roman noch nicht vorausahnen konnte.
die kritischen Impulse, die gegen ihn formuliert werden, 62 Boltanski 2010, S. 27. In der Herrschaftskritik gehe es
zu inkorporieren. laut Boltanski um etwas, das «nicht nur nicht unmittel-Sie können auch lesen