MOOCs or POOCs Ornament oder Fundament der Hochschulentwicklung? - Mittwoch, 26. Februar 2014 - Baden ...

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MOOCs or POOCs Ornament oder Fundament der Hochschulentwicklung? - Mittwoch, 26. Februar 2014 - Baden ...
MOOCs or POOCs
Ornament oder Fundament der Hochschulentwicklung?

            Mittwoch, 26. Februar 2014
              Liederhalle Stuttgart
                  Schiller-Saal

                 dokumentation
MOOCs or POOCs Ornament oder Fundament der Hochschulentwicklung? - Mittwoch, 26. Februar 2014 - Baden ...
MOOCs or POOCs Ornament oder Fundament der Hochschulentwicklung? - Mittwoch, 26. Februar 2014 - Baden ...
inhalt
Vorwort des ministeriums
für wissenschaft, forschung und kunst               4

Vorwort der landesrektorenkonferenz                 5

programm                                            6

Eröffnung
   Ministerialdirigent Michael Kleiner              8
   Prof. Dr.-Ing. Wolfram Ressel                   12

PROJEKTDEMONSTRATIONEN
   PD Dr. Bernhard Hirt                            18
   Prof. Dr. Christian Spannagel                   22
   Prof. Dr. Nils Högsdal                          26

Effizienz meets Effektivität
   Prof. Dr. Michael Jäckel                        30
   Dipl.-Inf. Hans Pongratz                        36
   Prof. Dr. Andrea Back                           44

   Podiumsdiskussion                               50

TECHNIK MEETS WISSEN
   Prof. Dr. Gerhard Schneider                     56

   Podiumsdiskussion                               60

Abschlussdiskussion
   Strategische Konsequenzen für die Hochschulen   66

resümee                                            70

viten                                              72

teilnehmer                                         80

Impressionen                                       84

impressum                                          86
MOOCs or POOCs Ornament oder Fundament der Hochschulentwicklung? - Mittwoch, 26. Februar 2014 - Baden ...
4    Vorwort des ministeriums für wissenschaft, forschung und kunst

                                                           Ein erster Schritt war die Fachtagung „MOOCs or POOCs
                                                           – Ornament oder Fundament der Hochschulentwicklung?“
                                                           am 26. Februar 2014, auf der sich die Teilnehmerinnen und
                                                           Teilnehmer untereinander und mit den eingeladenen Ex-
                                                           perten austauschen konnten. Sind MOOCs, POOCs oder
                                                           SPOCs für die baden-württembergischen Hochschulen
                                                           überhaupt sinnvoll? Gehört E-Learning im Bildungsbe-
                                                           reich als Fundament dazu oder bleibt es ein Ornament
                                                           einzelner Hochschulen, die sich dieses Angebot für ihr
                                                           Portfolio leisten möchten oder müssen? Welche Gruppen
                                                           sollen angesprochen werden – die eigenen Studierenden,
                                                           die Studierenden anderer Hochschulen oder die breite Öf-
                                                           fentlichkeit, die sich in aktuellen Fragen weiterbilden will?
                                                           Welche Angebote müssen die Hochschulen bereit halten
                                                           – Brückenkurse, Grundlagenveranstaltungen, Spezialvorle-
                                                           sungen oder ein digitales Studium generale? Welche Rolle
Das Phänomen „MOOCs or POOCs“ ist der vorläufige           spielen MOOCs hinsichtlich Branding, Marketing, Re-
Höhepunkt einer langen Entwicklung. Sie begann in den      cruiting? Wohin wollen sich die Hochschulen entwickeln?
1990er-Jahren, im Zuge der Verbreitung von digitalen und   Diese und andere Fragen wurden auf der Veranstaltung
Online-Medien, und wurde von den Hochschulen intensiv      diskutiert.
vorangetrieben. Im Kern geht es dabei um die Rolle von
E-Learning und E-Teaching-Aktivitäten in den Hochschu-     Dabei sollte deutlich werden, welchen Stellenwert die
len, um Rahmenbedingungen und Studienqualität.             Hochschulen dem Thema Digitalisierung der Lehre stra-
                                                           tegisch und konzeptionell in den kommenden Jahren bei-
Bei den MOOCs (Massive Open Online Courses) beobach-       messen. An dieser Stelle möchte ich der Landesrektoren-
ten wir zwei Entwicklungen: Die Teilnehmerzahlen wach-     konferenz Baden-Württemberg ausdrücklich danken, die
sen (xMOOCs – das x steht für extension) und die Ange-     als Mitveranstalter der Fachtagung zum Ausdruck gebracht
bote werden zunehmend anwenderorientiert (cMOOCs –         hat, dass das Thema bei der Mehrheit der Hochschullei-
das c steht für connectivism). Von den MOOCs wiederum      tungen längst auf der Agenda steht und vielerorts großer
unterscheiden sich die sogenannten POOCs (Personalized     Handlungsbedarf gesehen wird.
Open Online Courses), die auf eine Personalisierung der
Lernsituation und der Bildung setzen.                      Die Fachtagung mit ihren fast 200 Teilnehmerinnen und
                                                           Teilnehmern war ein großer Erfolg. Ich danke den Refe-
In Baden-Württemberg haben sich mittlerweile – auch        renten für die eindrucksvollen Projektdemonstrationen
über die Master-Online Studiengänge – Lehrformen her-      und spannenden Impulsreferate, den Diskutanten für ihre
ausgebildet, die dem Ideal der SPOCs (Small Private On-    engagierten Podiumsbeiträge, dem Publikum für das große
line Courses) entsprechen, also Kurse für kleinere Stu-    Interesse und die konstruktiven Wortmeldungen, Herrn
dierendenzahlen mit Tutorien und virtuellen Lern- und      Professor Ferdinand für die umsichtige Moderation und
Arbeitscommunities. Dabei steht „Master Online“ stell-     den Organisatoren für die Gestaltung und den reibungslo-
vertretend für die vielen Initiativen und Programme, die   sen Ablauf der Fachtagung.
im Laufe der Jahre entwickelt und vom Wissenschaftsmi-
nisterium gefördert wurden, um Aus- und Weiterbildung      Die vorliegende Dokumentation gibt die Erkenntnisse der
flexibler zu gestalten.                                    Tagung wieder. Sie soll zum Informationsaustausch beitra-
                                                           gen und Grundlage für die weitere Diskussion sein, die
Zahlreiche innovative Konzepte für den Einsatz digitaler   das Wissenschaftsministerium konstruktiv begleiten wird.
Medien und Kommunikationstechnologien in der Lehre
sind an den Hochschulen entstanden. Der bei der Erpro-     Ich wünsche Ihnen eine ertragreiche Lektüre.
bung neuer Formate angehäufte Erfahrungsschatz schlum-
mert allerdings noch vielfach im Verborgenen. Es ist mir
daher ein wichtiges Anliegen, dieses Know-how zum
Nutzen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler,
der Studierenden und der an Weiterbildung Interessierten
transparent und zugänglich zu machen. Ich möchte den       Theresia Bauer MdL
Erfahrungsaustausch, die gegenseitige Nutzung von Lern-    Ministerin für Wissenschaft, Forschung
inhalten und weiterführende Kooperationen anregen und      und Kunst Baden-Württemberg
ermöglichen, um nachhaltige Qualitätsverbesserungen in
der Lehre zu erzielen.
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Vorwort der Landesrektorenkonferenz Baden-Württemberg                              5

Baden-Württemberg verfügt über ein hervorragendes und           Diese Leitfragen haben wir bei unserer Tagung mit einer
differenziertes Hochschulsystem, das für inländische und        Reihe nationaler und internationaler Experten sowie mit
internationale Studierende gleichermaßen kostenfrei ist.        vielen Hochschulvertreterinnen und -vertretern im Pub-
Warum, so haben wir in der Tagung „MOOCs or POOCs               likum diskutiert. Dabei haben wir interessante und anregen-
– Ornament oder Fundament der Hochschulentwicklung?“            de Fallbeispiele und verschiedene Herangehensweisen an
provokativ gefragt, sollte man in einer solchen Situation, in   das Thema „MOOCs“ diskutiert. Die Ergebnisse wollen wir
der es so viele Studierende wie nie zuvor gibt, knappe Res-     Ihnen mit dem vorliegenden Tagungsband vorstellen, um
sourcen für den Aufbau von MOOCs zur Verfügung stellen?         nicht nur den interessierten Fachbereichen, sondern vor
Noch dazu, wenn Sebastian Thrun, der Gründer der Online-        allem auch den Hochschulleitungen die dringend benötig-
Akademie „Udacity“, jüngst in einem Interview mit der           ten Informationen für ihre künftige strategische Ausrichtung
„Zeit“ einräumt, die MOOCs seien mit Erfolgsquoten von          im Bereich des E-Learning an die Hand zu geben.
durchschnittlich drei bis zehn Prozent noch nicht gut genug,
um auch die breite Masse zum Erfolg zu bringen.                 Denn trotz aller Kontroversen um die Thematik steht für
                                                                uns fest, dass die Universitäten mit ihrer Spitzenforschung
Der Stifterverband wiederum hat eigens ein Förder-              wesentlich dazu beitragen, dass Baden-Württemberg die
programm zu MOOCs aufgelegt und will damit das be-              europäische Hochtechnologieregion mit der höchsten For-
rufsbegleitende und lebenslange Lernen fördern. Er sieht        schungsintensität ist – und hierzu zählen auch die Bereiche
MOOCs als wichtigen Bestandteil der „quartären Bildung“.        E-Science und E-Learning, bei denen Universitäten und
Das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) sieht sie gar        Hochschulen konkurrenzfähig aufgestellt sein müssen, um
als Vorbote für einen „digitalen Tsunami“ und die Vorberei-     den Wirtschafts-, Kultur- und Wissenschaftsstandort inter-
tung darauf als strategische Aufgabe der Hochschulen.           national noch stärker sichtbar zu machen. Ich hoffe, dass
                                                                die vorliegende Dokumentation hierzu einen wichtigen Teil
Sind MOOCs für die baden-württembergischen Universitä-          beitragen kann und wird.
ten also sinnvoll oder sind sie nur ein cleveres Marketing-
instrument amerikanischer Spitzenuniversitäten, die damit       Im Namen der Landesrektorenkonferenz möchte ich ab-
Kunden für ihre zahlungspflichtigen Angebote gewinnen           schließend allen beteiligten Referentinnen und Referen-
wollen?                                                         ten, Herrn Kollegen Ferdinand für seine Moderation und
                                                                nicht zuletzt dem Wissenschaftsministerium und dem zu-
Wohin werden sich die Hochschulen im E-Learning-Bereich         ständigen Fachreferat für die hervorragende Organisation
entwickeln? Werden sich die bestehenden Angebote flä-           der Tagung sehr herzlich danken.
chendeckend und erfolgreich durchsetzen und werden diese
weiterentwickelt werden?

                                                                Hans-Jochen Schiewer
                                                                Rektor der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
                                                                Vorsitzender der Landesrektorenkonferenz
                                                                Baden-Württemberg
MOOCs or POOCs Ornament oder Fundament der Hochschulentwicklung? - Mittwoch, 26. Februar 2014 - Baden ...
programm
MOOCs or POOCs Ornament oder Fundament der Hochschulentwicklung? - Mittwoch, 26. Februar 2014 - Baden ...
programm         7

10.00   Eröffnung der Tagung                                12.30   Mittagspause
        Ministerialdirigent Michael Kleiner,
        Ministerium für Wissenschaft, Forschung             13.30   Technik meets Wissen
        und Kunst Baden-Württemberg
                                                                    Impulsreferenten
        Prof. Dr.-Ing. Wolfram Ressel,                              Prof. Dr. Gerhard Schneider,
        Rektor der Universität Stuttgart,                           Chief Information Officer und Direktor des
        Landesrektorenkonferenz Baden-Württemberg                   Rechenzentrums der Universität Freiburg

10.30   Projektdemonstrationen                                      Prof. Dr. Dr. Friedrich W. Hesse,
        PD Dr. Bernhard Hirt,                                       Direktor des Leibniz-Instituts für Wissens-
        Universität Tübingen                                        medien, Tübingen,
                                                                    Vizepräsident der Leibniz-Gemeinschaft
        Prof. Dr. Christian Spannagel,
        Pädagogische Hochschule Heidelberg                          Gisbert Löcher, Studierender des Studiengangs
                                                                    „MASTER:ONLINE Integrierte Gerontologie“
        Prof. Dr. Nils Högsdal,                                     der Universität Stuttgart
        Hochschule der Medien Stuttgart
                                                                    Podiumsdiskussion
11.00   Effizienz meets Effektivität                                Prof. Dr. Dr. Friedrich W. Hesse

	Impulsreferenten                                                   PD Dr. Bernhard Hirt
        Prof. Dr. Michael Jäckel,
        Präsident der Universität Trier und Mitglied                Gisbert Löcher
        der HRK-Kommission „Neue Medien und
        Wissenstransfer“                                            Prof. Dr. Gerhard Schmitt, ETH Zürich

        Dipl.-Inf. Hans Pongratz,                                   Prof. Dr. Gerhard Schneider
        Geschäftsführender Vizepräsident IT-Systeme
        & Dienstleistungen, 				                                    Prof. Dr. Christian Spannagel
        Chief Information Officer (CIO), TU München
                                                            15.00   Kaffeepause
        Prof. Dr. Andrea Back,
        Universität St. Gallen                              15.30   Abschlussdiskussion
                                                                    unter der Fragestellung:
        Podiumsdiskussion                                           Strategische Konsequenzen für die Hochschu-
        Prof. Dr. Andrea Back                                       len – was nehmen wir mit/wie setzen wir es um?

        Prof. Dr. Ulrike Cress,                                     Prof. Dr.-Ing. Wolfram Ressel
        stellvertretende Direktorin des Leibniz-Instituts
        für Wissensmedien, Tübingen                                 Prof. Dr. Dr. Friedrich W. Hesse

        Prof. Dr. Andreas Geiger,                                   Prof. Dr. Achim Bubenzer,
        Rektor der Hochschule Magdeburg-Stendal                     Rektor der Hochschule Ulm

        Prof. Dr. Gerd Gidion,                                      Prof. Dr. Christine Bescherer,
        Karlsruher Institut für Technologie (KIT)                   Prorektorin für Forschung, Nachwuchs-
                                                                    förderung und IT-Management der
        Prof. Dr. Michael Jäckel                                    Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg

        Dipl.-Inf. Hans Pongratz                                    Prof. Dr. Ulf-Daniel Ehlers,
                                                                    Vizepräsident DHBW

w   Moderation der tagung                                   16.45   Resümee
                                                                    Ministerialdirigent Michael Kleiner
Prof. Stephan Ferdinand
Hochschule der Medien Stuttgart                                     Prof. Dr.-Ing. Wolfram Ressel
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Eröffnung
w 	ministerialdirigent
  MICHAEL KLEINER
MOOCs or POOCs Ornament oder Fundament der Hochschulentwicklung? - Mittwoch, 26. Februar 2014 - Baden ...
ERÖFFNUNG          9

Nicht nur die digitale Welt hält Überraschungen bereit,          Medienentwicklungsplanung ist also Chefsache und auch
sondern auch die reale. Leider kann Frau Ministerialdirek-       für uns Chefsache. Aktionsfelder sind Personalentwicklung,
torin Dr. Schwanitz heute nicht da sein, weil sie erkrankt       Organisationsentwicklung, Schaffung von Infrastrukturen.
ist. Sie hat mich deshalb vor wenigen Minuten sozusagen          Die Hochschulen müssen im Rahmen ihrer Struktur- und
gebeten, sie zu vertreten und hier die Fachtagung zu eröff-      Entwicklungsplanung die medialen Kompetenzen und Res-
nen. Sie lässt Ihnen ihre ganz herzlichen Grüße ausrichten       sourcen bündeln. Hier ist auch schon einiges geschehen. In
und wünscht Ihnen und uns gemeinsam heute einen ho-              den letzten Jahren haben sich an den Hochschulen Medien-
hen Wirkungsgrad für diese Tagung.                               zentren und E-Learning-Servicestellen etabliert. Sie unter-
                                                                 stützen den Einsatz neuer Medien im Studienangebot und
Magnifizenzen, sehr geehrter Herr Professor Ressel, sehr         treiben auch die strategische Weiterentwicklung der Hoch-
geehrte Mitglieder des Fach- oder Programmbeirats Mas-           schulen in diesen Bereichen voran. Auf Landesebene wurden
ter Online, sehr geehrte Referentinnen und Referenten            im Rahmen des Bündnisses für Lehre das Hochschuldidak-
und sehr geehrte Gäste aus den Hochschulen, aus den              tikzentrum der Universitäten und das Kompetenzzentrum
Forschungseinrichtungen und möglicherweise auch von              Medizindidaktik eingerichtet. Ein Schwerpunkt ist hier die
außerhalb. Zunächst einmal bin ich als Vertreter des Mi-         Integration von E-Learning in die Lehre.
nisteriums, und ich darf wahrscheinlich auch für die LRK
sprechen, begeistert über die große Resonanz dieser heu-         Im zweiten großen Förderprogramm von 2006 bis heute
tigen Tagung. Das ist nicht unbedingt selbstverständlich.        hat das Land rund 12,8 Millionen Euro in die Einrich-
Zumindest ich, Herr Professor Ferdinand, habe noch das           tung vollständiger Master-Online-Studiengänge investiert.
Glück vor einem vollen Plenum zu sprechen. Wie das dann          Diese verbinden nach dem Prinzip des Blended Learning
nach der Einführung aussieht, werden wir weiter sehen.           Online-Lehre mit regelmäßigen Präsenzphasen. Nach der
                                                                 Erfahrung aus den elf Studiengängen sind Präsenzphasen
Massive Open Online Courses, die sogenannten MOOCs               für die Studierenden unerlässlich, um soziale Kontakte
und ihre Unterarten, die POOCs und SPOCs, sind in den            aufzubauen, um in die fachliche Kommunikation zu kom-
letzten Jahren ein Hypethema im Bereich E-Learning und           men und um motiviert zu werden, überhaupt einen Studi-
E-Teaching geworden. Die Rede ist gar von einem „digita-         engang auch tatsächlich abzuschließen und durchzuhalten.
len Tsunami“, der die Hochschulen zu überrollen droht.           Im Vergleich zur reinen Präsenzlehre verlangt das Blended
Angeblich steht im Bereich der Hochschulen eine digitale         Learning neue methodisch-didaktische Konzeptionen und
Revolution bevor. Dabei geht es in der Sache um den Ein-         eine intensive Betreuung durch Tutoren, die die Online-
satz digitaler Medien in der Lehre, um digitale Wissensver-      Seminare und Diskussionsforen moderieren und für indi-
mittlung also.                                                   viduelle Fragen der Studierenden zur Verfügung stehen.
                                                                 Mit den inzwischen erfolgreich implementierten Master-
Unsere Hochschulen haben das Potenzial digitalisierter           Online-Studiengängen wurde das didaktische Konzept der
Bildungsformate schon früh erkannt und genutzt und lan-          aufkommenden SPOCs, also Kurse für kleinere Studieren-
ge bevor 2001 der Bund 200 Millionen Euro in das Pro-            denzahlen mit Tutorien und virtuellen Lern- und Arbeits-
gramm neue Medien in der Bildung investierte, ist Baden-         communities, bereits realisiert – Jahre, bevor dieses neue
Württemberg schon auf eine Reise in diese terra incognita        Akronym für diese Lehrform erfunden wurde.
virtualis aufgebrochen. Es herrschte der Glaube an unge-
ahnte Möglichkeiten. Niemand hatte allerdings das Aus-           Seit zehn Jahren betreibt das Leibniz-Institut für Wissens-
maß der Anstrengungen geahnt, die notwendig sind, um             medien in Tübingen das mit erheblichen Mitteln diverser
hier überhaupt Erfolge zu erzielen.                              Geldgeber geförderte und preisgekrönte Internetportal
                                                                 e-teaching.org. Das war im Jahr 2003 ein sehr weitsichtiger
In der ersten großen Fördermaßnahme von 1998 bis 2003 hat        Ansatz, aus dem sich eine echte Erfolgsgeschichte entwi-
das Land rund 25 Millionen Euro in das Programm Virtuelle        ckelt hat. Ursprünglich wurden vor allem Internetseiten
Hochschule Baden-Württemberg investiert. In Verbundpro-          geschrieben und wissenschaftliche Artikel zur Verfügung
jekten sollten die an E-Learning interessierten Lehrenden        gestellt. Aktuell geht es vornehmlich um Hochschulpro-
didaktische Methoden weiterentwickeln, strukturelle Rah-         jekte, bei denen Podcasts, Blogs, Twitter, Webseminare,
menbedingungen und vor allem digitalen Content schaffen.         E-Assessments oder Apps zum Einsatz kommen. Das Portal
Alle Hochschularten sollten integriert und möglichst viele       dient Experten als Impulsgeber beim Einsatz digitaler Me-
Fächer und Disziplinen berücksichtigt werden. Allerdings         dien an Hochschulen. Einsteigern bietet es Orientierung
hat man auch gesehen, dass der Content relativ schnell ver-      in der Welt der Online-Lehre. Die Nachfrage ist groß, die
altet – in fachlicher, technischer und auch in didaktischer      Zahl der Blogeinträge und Seitenaufrufe, wohl 1,6 Millio-
Sicht. Und es zeigte sich, dass Projektförderung allein kaum     nen pro Monat, entsprechend hoch und 70 offizielle Part-
ausreicht und in der Lage ist, Strukturen zu schaffen, zu ver-   nerhochschulen sind bundesweit dabei.
ändern und auch für Nachhaltigkeit zu sorgen. Dies gelingt
nur, wenn diese Projekte auch mit einer strategischen Me-        Die Arbeit an den Hochschulen werden wir vom Ministeri-
dienentwicklungsplanung hinterlegt sind.                         um weiter begleiten und unterstützen. Dies gilt sowohl für
MOOCs or POOCs Ornament oder Fundament der Hochschulentwicklung? - Mittwoch, 26. Februar 2014 - Baden ...
10    ERÖFFNUNG

die Projektförderungen im Rahmen unserer finanziellen           geringen Fördervolumens wurden 250 Bewerbungen aus
Möglichkeiten, aber auch für die kontinuierliche Verbesse-      20 Ländern abgegeben und zu den Gewinnern des Wettbe-
rung der Rahmenbedingungen. So planen wir zum Beispiel          werbs gehören auch zwei baden-württembergische Hoch-
mit einer Änderung der Lehrverpflichtungsverordnung die         schulen: die Uni Tübingen und die PH in Heidelberg. Die
Möglichkeiten zu erweitern, den erhöhten Aufwand für            Professoren Hirt und Spannagel werden uns nachher ihre
die Entwicklung von multimedial gestützter Lehre auf das        preisgekrönten MOOCs demonstrieren.
Deputat anzurechnen.
                                                                Der Stifterverband bereitet für das Frühjahr eine zweite Aus-
Das Aufkommen der MOOCs in den USA hat Diskussionen             schreibung vor. Ein Betrag von 1,8 Millionen Euro soll die
um die Potenziale der Online-Lehre zumindest in den Medien      Hochschulen darin unterstützen, ihre Digitalisierungsstrate-
neuen Schub gegeben. Die aktuelle Entwicklung wird durch        gien weiterzuentwickeln. Zudem starten ebenfalls im Früh-
die Kombination zweier Faktoren befeuert. Einerseits die Po-    jahr Stifterverband, CHE, HRK und BMBF das auf drei Jahre
pularität erfolgreicher MOOC-Stars wie Sebastian Thrun, an-     angelegte Nationale Forum „Digitalisierung und Hochschul-
dererseits die wachsende Zahl interaktiver Lehrplattformen,     bildung“. Experten aus Hochschulen, Politik und Wirtschaft
allen voran Coursera oder edX. Im Sommer 2013 konnten           sollen sich mit aktuellen Fragen, Herausforderungen, Best-
Frau Ministerialdirektorin Dr. Schwanitz und Herr Rektor        Practice-Methoden, Modellen und Pilotinitiativen auseinan-
Ressel mit Vertretern von Keyplayers in Kalifornien, von        dersetzen. Und auch das Wissenschaftsministerium ist nicht
Stanford über Berkeley bis zur Khan Akademie und Coursera,      untätig. Wir haben aktuell ein Programm zum Ausbau der
auf der Gain-Jahrestagung Erfahrungen mit MOOCs diskutie-       fremdsprachigen Lehrangebote an den Hochschulen ausge-
ren. Dabei wurde deutlich, dass MOOCs doch nicht in der         schrieben und hier ausdrücklich auch E-Learning-Angebote
von manchen erwarteten Geschwindigkeit die Hochschulwelt        einbezogen, insbesondere auch MOOCs. Die Anträge kön-
verändern würden. Entwicklungen und Durchführung von            nen noch bis zum 31. Mai gestellt werden.
MOOCs sind sehr teuer und führen bisher nur in Ausnahme-
fällen auch zu anerkannten Abschlüssen. Die Mehrbelastung       Wir wissen, dass das Thema E-Learning und MOOCs bei
der Lehrenden und der Hochschulen ist zudem sehr hoch           der Mehrheit der Hochschulleitungen längst auf der Agenda
und auch der technische Aufwand ist enorm. Einsparpoten-        steht. Schwierig erscheint im Moment, zwischen modischen
ziale, wenn das die Hoffnung sein sollte, können wohl kaum      Themen und wirklich nachhaltigen Formaten zu unterschei-
erwartet werden. Auf der anderen Seite wurde der Nutzen         den. Mit der heutigen Veranstaltung wollen wir, das Wissen-
der bei den MOOCs entstehenden Interaktionsdaten für das        schaftsministerium und die LRK, Ihnen Gelegenheit geben
Verständnis von Lernprozessen hervorgehoben. Bei MOOCs          sich untereinander und mit Experten aus dem In- und Aus-
könnte die Student Experience, also der konkrete Lernverlauf    land auszutauschen. Wir wollen und Sie sollten das Thema
besser nachvollzogen werden. Aus unserer Sicht müssen al-       aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten. Aus den
lerdings stärker noch Fragen der Qualitätssicherung und des     Diskussionen könnte idealerweise hervorgehen, welchen
Kosten-Nutzen-Verhältnisses im Vordergrund stehen. Ziel         Stellenwert die Hochschulen dem Thema Digitalisierung
muss es aus unserer Sicht sein, durch lehrbezogene Innovatio-   auch strategisch und konzeptionell in den kommenden Jah-
nen tatsächlich besseres Lernen zu ermöglichen.                 ren beimessen. Dabei erwarten wir selbstverständlich heute
                                                                keine abschließenden Empfehlungen, hoffen aber doch auf
Bemerkenswert ist auch die Vielzahl von Motiven für ein         neue Impulse, die sich an den Bedürfnissen der Studieren-
MOOC-Engagement. Es bestehen wirtschaftliche Inter-             den und Lehrenden orientieren und die uns auch ein paar
essen, die Hoffnung, neue Kreise von Studierwilligen zu         Maßgaben geben können für die künftige Förderpolitik und
erschließen oder auch der Wunsch, das Profil der Hoch-          für künftige Förderentscheidungen.
schule in der Lehre zu schärfen. Auf europäischer und
nationaler Ebene werden die Chancen und Risiken von             Mir ist bewusst, dass die systematische Entwicklung von
MOOCs ebenfalls intensiv diskutiert. Europäische Kom-           E-Learning-Angeboten gerade im deutschen Hochschulsys-
mission und Bundesrat setzen sich mit der Thematik aus-         tem auch zahlreiche rechtliche Hürden hat. Hürden bei der
einander. Das Centrum für Hochschulentwicklung hat im           Entwicklung und beim Angebot von MOOCs können sich
Oktober 2013 ein Arbeitspapier mit dem Titel „Digitale          vor allem aus dem Urheber-, aus dem Datenschutzrecht,
(R)evolution?“ und im November dann auch zehn The-              Beihilfe-, Kapazitäts-, Dienst- und Prüfungsrecht ergeben.
sen zur Digitalisierung der Hochschullehre publiziert. Die      Hier besteht sicher großer Handlungsbedarf. Eine vertief-
HRK-Kommission „Neue Medien“ erarbeitet ein Positi-             te Erörterung der komplexen und komplizierten Materie
onspapier zum Thema MOOCs an den Hochschulen. Viel              würde allerdings den Rahmen der heutigen Veranstaltung
Aufsehen haben auch der Stifterverband für die Deutsche         vermutlich sprengen und ist auch nicht unsere Intention.
Wissenschaft und der kommerzielle Plattformanbieter             Uns geht es nicht um die rechtlichen Fragen, sondern um
Iversity mit ihrem Wettbewerb zur Förderung von MOOC-           die Strategiebildung in den Hochschulen.
Plattformen erzeugt. Vergeben wurden zehn Förderungen
von jeweils 25.000 Euro für die Content-Entwicklung ei-         Die Tagung ist als Auftakt gedacht für einen weiteren Pro-
nes MOOCs. Und was überraschend ist, trotz des relativ          zess, einen Strategiefindungsprozess, bei dem wir uns vom
ERÖFFNUNG        11

Ministerium gut vorstellen könnten, dass wir gemeinsam        könnten wir uns auch für das Thema E-Learning vorstel-
mit den Rektorenkonferenzen, vielleicht auch unter Ein-       len, gemeinsam mit den Hochschulen hier eine Strategie-
beziehung der Hochschuldidaktikzentren in einem wei-          bildung auf den Weg zu bringen. Baden-Württemberg hat
teren Schritt, den Versuch unternehmen, Empfehlungen          in den 1990er-Jahren im Rahmen der Virtuellen Hoch-
zu erarbeiten, Empfehlungen an die Hochschulleitungen,        schule Baden-Württemberg, wie wir finden, bereits Pi-
Empfehlungen an das Ministerium für künftige Förder-          oniergeist bewiesen und Neuland betreten. Wir sollten
maßnahmen, für die künftige Förderpolitik. Wir könn-          heute daran anknüpfen, den Digitalisierungsprozess aktiv
ten uns vorstellen, eine Art Fachkonzept E-Learning zu        mitgestalten und die sich bietenden Chancen engagiert
erarbeiten. Wir haben das in anderen Bereichen schon          und mutig nutzen. Deswegen freue ich mich auf eine leb-
gemacht, zuletzt mit einem Fachkonzept E-Science, das         hafte Diskussion, wünsche Ihnen einen spannenden Tag
wir zusammen mit Fachleuten aus den Hochschulen erar-         und gebe nun den virtuellen Redestab an den ganz realen
beitet haben und nächstens auch der Öffentlichkeit vor-       Rektor Wolfram Ressel weiter.
stellen wollen. In anderen Bereichen gibt es das ebenfalls,
insbesondere im Bereich der HPC-Strategie, bwHPC oder         Eine Videoaufzeichnung dieser Rede finden Sie
auch bei datenintensiven Diensten, bwData. Ähnliches          unter www.uni-stuttgart.de/mooc.
12   grussworte

Eröffnung
w 	Prof. Dr.-Ing.
	Wolfram Ressel
ERÖFFNUNG          13

„Es gibt nur eins, was auf Dauer teurer ist als Bildung:       dingt geprägt von Neuheiten, aber letztendlich bestand doch
keine Bildung.“                                                Einigkeit darin, dass MOOCs nach wie vor ein beherrschen-
                                                               des Thema für die Hochschulen sein werden. Die Entwick-
Lieber Herr Kleiner, sehr geehrte Referentinnen und Re-        lung zu sogenannten cMOOCs oder xMOOCs und auch de-
ferenten, liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer unserer         ren Ausprägung wie POOCs oder SPOCs zeigt sich deutlich.
heutigen Fachtagung, meine sehr geehrten Damen und             Die Ausspreizung und Differenzierung dieser Angebote wird
Herren,                                                        immer höher. Mit der Förderung der Master-Online-Studien-
                                                               gänge hier in Baden-Württemberg hat unser Wissenschafts-
mit diesem Zitat von John F. Kennedy möchte ich Sie heute      ministerium schon erfreulichen Weitblick gezeigt, da wir hier
ganz herzlich, insbesondere auch im Namen der Landeskon-       quasi den „letzten Schrei“ lange vorweggenommen haben. Er
ferenz und des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung        wird jetzt in den USA eigentlich nur fortgesetzt, allerdings
und Kunst, zu dieser Fachtagung unter dem Titel „MOOCs         dort mit einzelnen Modulen. Aber bevor wir heute in die De-
or POOCs – Ornament oder Fundament der Hochschulent-           tails einsteigen, lassen Sie mich Ihnen noch ein paar kleine
wicklung?“ begrüßen.                                           Zusatzinformationen geben.

In der Tat scheint Kennedy – damals natürlich noch unge-       Aus der Übersetzung des Akronyms „massive open online
wollt – bereits ein Motto für die Diskussion um MOOCs,         courses“ geht bereits hervor, dass die Lehrmedien für die Nut-
die Massive Open Online Courses und deren kleineren            zung durch viele Nutzerinnen und Nutzer aufbereitet werden
Schwestern POOCs und SPOCs, vorgegeben zu haben.               müssen. Damit stellt sich zunächst einmal ein technisches
Bildung, insbesondere auch IT-gestützte Bildung, gibt es       Problem, aber auch das wird in den USA bereits in Angriff
nämlich nicht ohne erhöhten Einsatz von personellen und        genommen und bereits erfolgreich umgesetzt. Ursprüngliches
finanziellen Mitteln. Aber noch teurer im Hinblick auf         Ziel in den USA war dabei ein ganz anderes. Es sollten vor
ein verbessertes und optimiertes Bildungsangebot an den        allem die sogenannten Militarys, die Berufssoldaten, an den
Hochschulen, aber auch hinsichtlich der Attraktivität der      Maßnahmen der Aus- und Weiterbildung teilhaben. Hun-
Standorte wäre es, wenn man sich vorschnell von diesem         derttausende von Zeit- und Lebenszeitsoldaten sollten dort
Thema verabschieden würde.                                     in die Bildung einbezogen werden. Entsprechend kann man
                                                               sich vorstellen, welche finanziellen Ressourcen zur Verfügung
Einen „digitalen Tsunami“, wie ihn Herr Kleiner gerade an-     standen im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“.
gesprochen hat – er sprach allerdings im Konjunktiv, das
muss ich auch sagen –, sehe ich nicht gerade auf uns zurol-    Wir an der TU9 – den neun großen technischen Universi-
len. Auch für eine Revolution scheint mir ein bisschen die     täten in Deutschland – haben uns damit befasst, und wir
Wucht zu fehlen, selbst wenn das in den Medien vielleicht      wollen ebenfalls ein Studienangebot entwickeln, auf das
manchmal etwas anders kommuniziert wird. Als gesichert         ich gleich zu sprechen komme. Wir haben geschätzt, dass
darf man aber sicherlich annehmen, dass für die strategi-      wir im Schnitt etwa 50.000 Euro je MOOC, je Modul, auf-
sche Ausrichtung der Hochschulen die Informationstech-         wenden müssten. Natürlich gibt es sowohl teure Module
nologie zunehmend wichtiger wird, so wie jetzt auch für        – wir werden heute eins aus dem OP-Saal sehen – als auch
die MOOCs. Dabei wird sorgsam zwischen dem technisch           günstigere wie z. B. aus dem Bereich der Mathematik. Tat-
Machbaren und dem didaktisch Sinnvollen abzuwägen sein.        sache ist jedoch, 50.000 Euro sind kein Pappenstiel, und
Technisch machbar ist sehr vieles. Ich werde später nochmals   wenn Sie einmal schauen, wie viele Module Sie an Ihrer
kurz darauf eingehen. Didaktisch jedoch dürfte nicht alles     Hochschule haben und hochrechnen, was es kosten wür-
zielführend sein, was im Hinblick auf die MOOCs technisch      de, diese alle anzubieten, würden Sie auf viele Millionen
machbar wäre. Darin weiß ich mich mit Ihnen, liebe Kolle-      Euro kommen.
ginnen und Kollegen aus den Hochschulen, einig. Und auch
Sebastian Thrun, der die MOOCs erfunden hat, teilt diese       Nun, warum ist der Betrag so hoch? Im Wesentlichen liegt es
Auffassung. Als Vertreter einer technisch-orientierten Uni-    daran, dass Lehrmedien didaktisch aufbereitet werden müs-
versität möchte ich aber auch betonen, dass es ohne Impulse    sen. Das ist das Entscheidende an den MOOCs. Sie müssen
wie zum Beispiel MOOCs keine Fortschritte gäbe, und das        didaktische Angebote machen, sprich dem Studierenden,
dürfen wir wörtlich als Fortschreiten im Bereich auch in der   der vor seinem Rechner sitzt, anhand von Beispielen die
Lehre verstehen.                                               Problematik und das Thema erläutern und die Grundlagen
                                                               spielerisch beibringen. Sie müssen daneben noch Chat-
Letzten Sommer – Herr Kleiner hat es angesprochen – habe       rooms einführen usw. Sie müssen den Austausch zwischen
ich zusammen mit Frau Dr. Schwanitz die GAIN-Konferenz         dem Lehrenden und dem Lernenden ermöglichen, und ent-
besucht. Dort haben wir die Global Players rund um die         sprechendes Personal muss ebenfalls bezahlt werden.
MOOCs kennengelernt, die im Wesentlichen dem Standort
Stanford und Berkeley entstammen und sich im Bereich der       In den USA liegt die Abbrecherquote mit durchschnittlich
Massive-Open-Online-Kurse bereits einige Verdienste erwor-     95 Prozent sehr hoch. Das ist die Realität in den USA, und
ben haben. Die Diskussion war lebhaft. Sie war nicht unbe-     es dürfte uns allen klar sein, das können und wollen wir uns
14    ERÖFFNUNG

hier nicht leisten. Ich erinnere in diesem Zusammenhang            Wahlpflichtbereich anzusiedeln. Es gibt allerdings auch
auch an die gerade laufenden Verhandlungen zur Nachfol-            Universitätspräsidenten und -rektoren, die die ganzen
geregelung des Solidarpakts II, bei dem die Landesregierung        Grundlagenfächer zu MOOCs umgestalten und damit die
erstmals in Erwägung zieht, die Finanzierung auf Absolven-         Professuren einsparen möchten. Das ergäbe eine ganz neue
tenzahlen zu fokussieren und nicht mehr auf die bisher an-         Struktur, die in den Nischenbereichen ansetzen könnte.
gewandten Erstsemesterzahlen.                                      Ich bin jedoch nicht der Meinung, dass das zielführend ist.
                                                                   Wie gesagt kann ich mir MOOCs als Ergänzung vorstellen,
Würden wir bei einer Abbrecherquote von 95 Prozent liegen,         aber nicht als Ersatz.
lieber Herr Kleiner, dann hätten Sie Ihr Haushaltsdefizit im
Land Baden-Württemberg ganz schnell gelöst. Die Hochschu-          Die TU9 als Zusammenschluss der neun großen technischen
len würden nämlich keine Finanzierungsmittel mehr bekom-           Universitäten plant zum Beispiel einen MOOC „German
men. Aber auch das will gut überlegt sein! Tausende, zehn-         Engineering“, um eine weltweit bekannte Marke weitläufig
tausende Studierende in einem MOOC heißen auch, dass nur           zu nutzen. Die Idee ist, den Qualitätsgedanken dieser Marke
wenige wirklich einen Abschluss machen in diesem Modul.            zu einem MOOC zu machen und anzubieten, denn rund um
                                                                   die Welt ist German Engineering bekannt. Es ist daher zu
Noch einmal zurück zu den MOOCs. Wir diskutieren dieses            erwarten, dass viele diesen Kurs belegen und ihn nachher
Thema zurzeit in der TU9 sehr intensiv und haben eine Ar-          entsprechend angerechnet bekommen. Diese Studierenden
beitsgruppe dazu eingerichtet. Wir halten die MOOCs nur als        können wir vielleicht dadurch für den Standort Deutschland
Ergänzung zum Präsenzstudium für sinnvoll, weil wir uns an         gewinnen, für Baden-Württemberg zum Beispiel, und hier
den Hochschulen anpassen müssen an die Bedürfnisse unse-           weiter ausbilden. Das möchten wir fördern, dafür stellen wir
rer Studierenden in einer medialisierten und globalisierten        mehr Geld bereit.
Welt – an die Bedürfnisse der Weiterbildungsinteressierten.
Der Faktor Life-long-Learning wird immer wichtiger und zu-         Neben diesen Punkten spielt aber auch – ich sagte es an-
nehmend nachgefragt, so, wie auch der Gedanke der internati-       fangs – die technische Umsetzung eine Rolle. Damit meine
onalen Vernetzung. Wir haben attraktive Arbeitsplätze, insbe-      ich, dass eine geeignete Plattform für das Angebot gefun-
sondere im MINT-Bereich, und diese müssen wir zunehmend            den werden muss. T-Systems, die ursprünglich als Partner
auch mit internationalen Abgängern füllen.                         vorgesehen waren, hatte vom Volumen her völlig andere
                                                                   Dimensionen im Sinn, die wir zu neunt (in der TU9) nie
Wir müssen also etwas tun, und wir müssen fragen, wo wir           hätten umsetzen können. Daher gehen die TU9 nun den
es tun. Teilweise verfügen wir bereits über entsprechende          Weg über bereits etablierte Plattformen wie Udacity, edX,
Angebote, zum Beispiel in unseren Master-Online-Kursen (s.         Coursera oder andere. Die strategischen Überlegungen und
Master:Online-Akademie der Universität Stuttgart). Wir bie-        Verhandlungen mit möglichen Partnern laufen derzeit. Wir
ten bisher erst drei Masterstudiengänge an, diese laufen aber      legen großen Wert darauf, dass unsere bestehenden Plattfor-
mittlerweile recht gut. Weitere werden in den nächsten Jahren      men, die die IT-gestützte Lehre unterstützen und darüber
folgen. Und auch hier hat der Gesetzgeber Weitsicht bewie-         hinaus weitere Leistungen erbringen in diesem Zuge inte-
sen. Er hat Kontaktstudien zugelassen, was bedeutet, dass die      griert werden. Es muss nicht unbedingt alles neu erfunden
Weiterbildung im Rahmen einzelner Module gebucht werden            werden, sondern Bestehendes sollte erweitert, ergänzt und
kann – gegen Bezahlung. Diese Module werden ebenfalls im           entsprechend umgesetzt werden können.
Netz bereitgestellt. Hierbei ist es ganz wichtig, dass die Modu-
le auch auf ein Masterstudium angerechnet werden können.           Ein Beispiel dazu – außerhalb der MOOCs – sind unsere
Das heißt, dass die Credit Points, die erworben werden, für        Master:Online-Studiengänge. Wir haben diese in einer Aka-
ein späteres oder parallel laufendes Studium anerkannt wer-        demie zusammengefasst, und dort arbeiten sie hochschul-
den. Auch dies müssen wir vorantreiben.                            übergreifend zusammen. Zusammen mit der Hochschule
                                                                   der Medien (HdM) haben wir zudem eine Förderzusage
Ich freue mich sehr, dass wir heute mit Herrn Löcher, der          für den Ausbau der Strukturen unserer Master:Online-
heute Nachmittag zu uns sprechen wird, einen der Studie-           Akademie sowie für den Aufbau eines gemeinsamen neu-
renden des Studiengangs Integrierte Gerontologie bei uns           en Studiengangs „Innovative Intra- und Entrepreneurship“
haben, der nach seinem eigenen Bekunden lernen möchte,             erhalten, der durch die Abteilung Hochschuldidaktik und
bis er 100 ist. Auf seinen Beitrag bin ich schon gespannt,         das Gründerzentrum der Hochschule der Medien begleitet
denn wenn sich alle weiterbilden möchten, bis sie 100 sind,        wird. Dies ist etwas Spezielles in der Nische der Wahl-
werden wir an den Hochschulen viel zu tun bekommen!                pflichtangebote.

Somit komme ich auch schon zur nächsten wichtigen Frage:           An dieser Stelle mein herzlicher Dank an das Ministerium
Wie können wir das Ganze angehen?                                  für Wissenschaft, Forschung und Kunst für die Förderung
                                                                   unserer Vorhaben. Wir sehen dies als Herausforderung an,
Ich möchte Ihnen ein Beispiel nennen. In der TU9 sind              die wir gerne annehmen, und Sie werden heute Nachmittag
wir der Auffassung, dass es sinnvoll ist, MOOCs im                 sehen, was wir darunter verstehen.
ERÖFFNUNG         15

Noch einmal zurück zu den MOOCs. Angedacht ist wei-             um Baden-Württemberg ist uns bislang wohl gesonnen und
ter, Wahlpflichtfächer in englischer Sprache anzubieten, um     hat uns in der Vergangenheit unterstützt. Deswegen sind wir
die internationale Attraktivität der Universität Stuttgart zu   hier in Stuttgart mit an der Spitze. Wir benötigen jedoch für
stärken. Wir möchten den Anteil der englischsprachigen          unser Vorhaben dringend eine Anschubfinanzierung. Sicher,
Lehrveranstaltungen im Graduiertenbereich damit massiv          50.000 Euro für eine MOOC-Veranstaltung sind nicht wenig.
erhöhen, denn es ist eine große Schwäche der deutschen          Wenn sich die Angebote jedoch einmal selbst tragen, muss
Hochschulen, dass zu wenig Englisch gesprochen wird, ins-       und kann die Anschubfinanzierung auslaufen. IT-gestützte
besondere in den Graduiertenbereichen. Unser Ziel ist es,       Lehre ist teuer und bedarf einer entsprechenden Finanzie-
etwa 25 Prozent unseres gesamten Lehrangebotes in den           rung. Ich schlage vor, jene Themenschwerpunkte, die gera-
Masterbereichen in den nächsten fünf Jahren auf die eng-        de im Ministerium mit hoher Priorität anstehen – z. B. die
lische Sprache umzustellen. Dual- oder Joint-Degree-Pro-        Bioökonomie, das Thema Wasser oder Energie und Nach-
grams im Master- oder auch im Doktorandenbereich über           haltigkeit – im Rahmen von Wahlpflichtfächern anzubieten
Länder- und Kontinentgrenzen hinweg werden damit eben-          und durch die englische Sprache international attraktiv zu
falls attraktiver, und sie werden vor allem auch operabel       gestalten. Hierzu könnten wir entsprechende Programme
im Sinne von Studien- und Prüfungsordnungen und deren           mit entsprechender didaktischer Aufbereitung erarbeiten.
rechtlichen Absicherungen.
                                                                Lassen Sie uns gemeinsam diesen Weg gehen. In diesem Sin-
Dies alles sind weitreichende strategische Überlegungen,        ne wünsche ich Ihnen eine angenehme Tagung und bedanke
die wir gerne mit Ihnen diskutieren möchten. Lassen Sie uns     mich herzlich dafür, dass Sie heute so zahlreich zu uns ge-
diese Veranstaltung auch dazu nutzen, Impulse von anderen       kommen sind. Das zeigt, das Thema ist virulent.
aufzunehmen und wertvolle Kontakte zu knüpfen!
                                                                Vielen Dank.
Abschließend sei mir noch die Bitte an das Wissenschaftsmi-
nisterium gestattet, unsere Bemühungen weiterhin politisch      Eine Videoaufzeichnung dieser Rede finden
und finanziell zu unterstützen. Das Wissenschaftsministeri-     Sie unter www.uni-stuttgart.de/mooc.
MOOCs or POOCs – Dokumentation

PROJEKTDEMONSTRATIONEN

		      w PD Dr. Bernhard Hirt
		      w Prof. Dr. Christian Spannagel
		      w Prof. Dr. Nils Högsdal
MOOCs or POOCs – Dokumentation   17
18    projektdemonstrationen

                                                          w PD Dr. Bernhard Hirt

Meine Damen und Herren, vielen Dank. Lassen Sie mich kurz
den Weg in Richtung Digitalisierung darstellen, den wir hier
in einem Fach aus dem Bereich Medizin gegangen sind – bis
hin zu der „Königsdisziplin“, den MOOCs. Zunächst ein paar
Worte zu meinem Fach, der Anatomie. Anatomie ist eine sehr
zentrale Disziplin im Bereich des medizinischen Studiums. Es
hat einen multidisziplinären Überblick, muss aber sehr tro-
cken Fachwissen weitergeben und auch wirklich sehr intensiv
die Studierenden mit Fachtermini quälen. Das Fach Anatomie
ist auch bekannt dafür, dass es als zentrales Unterrichtsformat
den Präsenzunterricht hat – den Präparierkurs und den Mik-
roskopierkurs – und ich kann Ihnen sagen, dass wir sehr ge-
nau wissen, wie wichtig dieser Präsenzunterricht ist. Insbeson-
dere die im Fach Medizin so wichtige Persönlichkeitsbildung
kann sich nur durch Präsenzunterricht entwickeln. Trotzdem
ist es, glaube ich, ganz wichtig, dass wir uns hin in Richtung    nen, allerdings ohne interaktive Möglichkeiten; inzwischen
Digitalisierung öffnen.                                           sind jedoch 5000 Vorlesungen archiviert und somit fünfmal
                                                                  so viel wie alle amerikanischen Plattformen gemeinsam an
Wir haben bereits sehr früh damit begonnen, einzelne Vor-         MOOCs-Veranstaltungen. Ich muss allerdings erkennen
lesungen auf eine Plattform zu stellen, die vom Zentrum für       oder musste erkennen, dass wir mit diesen Möglichkeiten,
Datenverarbeitung an der Universität Tübingen angeboten           einfach eine Vorlesung aufzuzeichnen und den Studieren-
wird. TIMMs heißt diese Plattform. Ich möchte sie als Pio-        den anzubieten, unsere Studenten kaum erreicht haben.
nier im Bereich der Digitalisierung bezeichnen. Das Zen-          Eine Bemerkung, die sehr lax getroffen wurde, lag mir noch
trum hat bereits 1997 begonnen, Vorlesungen aufzuzeich-           lange in den Ohren: „Herr Hirt“, hatte einer gesagt, „was
projektdemonstrationen               19

Sie da machen, das ist ja voll 80er! Einfach Vorlesungen auf-
zeichnen geht gar nicht!“ Wir haben dann 2008, als das The-
ma MOOCs noch kein Thema war, angefangen, auch andere
Wege zu gehen. Und was wir da begonnen haben, war ein
interaktives Live-Broadcasting. Das heißt, wir haben Chirur-
gen zu uns in das Anatomische Institut eingeladen, haben an
unseren Körperspendern realistische Eingriffe durchführen
lassen und der Anatom hat moderiert. Ich selber durfte mo-
derieren und die Sprache der Chirurgen übersetzen, sodass
das didaktisch für unsere Studenten aufbereitet wurde. Das
möchte ich zunächst vorstellen. Anschließend komme ich
auf das Thema MOOCs zu sprechen, an dem wir uns auch
mit den Möglichkeiten der Medientechnik, die wir jetzt vor
Ort haben, versuchen.

                                                                Insgesamt 80 Live-OP-Übertragungen konnten wir jetzt
                                                                aufzeichnen und bieten diese auch anschließend in einer
                                                                Mediathek an. Aber die eigentliche Idee war, eine Live-
                                                                Online-Veranstaltung zu gestalten. Wir haben eine Inter-
                                                                netplattform geschaffen, für die sich die Leute registrieren
                                                                müssen. Wir wollen diese nicht – und das widerspricht der
                                                                MOOCs-Idee – für alle öffentlich zugänglich machen. Ich
                                                                will mein Gegenüber in dieser Veranstaltung schon ken-
                                                                nen und da wir auch mit einem sensiblen Thema arbei-
                                                                ten – wir lassen ja an Körperspendern operieren und auch
                                                                Patientengeschichten werden vorgetragen – ist es meiner
                                                                Meinung nach nicht möglich, dies der breiten Öffentlich-
                                                                keit zugänglich zu machen. Wir haben inzwischen über
                                                                15.000, 16.000 registrierte Zuschauer, die hier mitmachen.
                                                                Ein paar Bilder dazu.
Aber zunächst zu den Möglichkeiten dieses Live-Broadcas-
tings. Nummer eins, wir haben eine moderne Medientech-
nik bei uns am Institut im Präparationssaal implementiert.
Wir haben Studiotechnik und OP-Technik miteinander ver-
knüpft. Unten sehen Sie diese Silver-Screen-, Blue-Screen-,
Green-Screen-Technologie, wo wir uns mit den Chirurgen
und Radiologen, also den klinischen Kollegen, in einem
virtuellen Studio treffen können und dann auch hoffentlich
sinnvoll einen interdisziplinären Dialog vorleben können.

                                                                Links oben sehen Sie, wie ein Fallbericht mit dem Neu-
                                                                rochirurgen der Universität Tübingen vorgestellt wird.
                                                                Sie sehen Beispiele, OP-Szenen aus dem OP-Saal. Unten
                                                                rechts sehen Sie, wie durch das Mikroskop am Schädel
                                                                operiert wird. Und wir können jetzt virtuell dem Anatom
                                                                Zugang zum Schädel verschaffen, während live operiert
                                                                wird. Wir können im Operationssitus einzelne Strukturen
                                                                zeigen und das im Wechsel auch mit anatomischen Abbil-
                                                                dungen, anhand derer wir dann auf die Grundlagen wieder
Das sind die Programmflyer von den letzten beiden Winterse-     zurückgreifen.
mestern, bei denen wir diese Live-Übertragung gemacht haben.
20    projektdemonstrationen

Oder hier aus dem Bereich der Herzklappenchirurgie. Was        Hier die Evaluationsdaten von Studierenden unterschied-
Sie so überlagert auf der rechten Seitenmitte sehen, ist ein   licher Universitäten. Wir haben über 80 Universitäten mit
sehr wesentliches Element: das ist der Live-Chat, den wir      Studierenden, die bei uns teilnehmen. Über 15 Universitäten
dort installiert haben. Während dieser Live-Veranstaltun-      haben Hörsäle zugeschaltet und von drei Universitäten oder
gen diskutieren die Studierenden und Zuschauer unterei-        Hochschulen weiß ich, dass dies auch ins Curriculum der ei-
nander. Es wird in Hamburg eine Frage gestellt, aus Wien       genen Hochschule aufgenommen wurde, dass Prüfungsfragen
antwortet einer, aus Bremen wird dann ein Wikipedia-Link       zu dieser Lehrveranstaltung aus Tübingen gestellt werden.
eingestellt und wir können Fragen, die nicht geklärt wur-
den, aufgreifen und dem Chirurgen oder dem Anatomen
in diesem Chat-Studio stellen.

                                                               Jetzt ganz kurz noch ein paar wenige Worte zu den
                                                               MOOCs, Massive Open Online Courses, die wir derzeit
                                                               vorbereiten. Hier sieht man, dass das Scripting, die Vor-
Das ist die Verteilung der zugeschalteten Leute. Wir haben     bereitung unheimlich aufwendig ist. Ich bin selber sehr
also nicht nur Studierende der Human- und Zahnmedizin          erschrocken, was man zu machen hat. Das ist nur eines
zugelassen, sondern auch medizinnahe Berufe sowie Ärzte.       von 40 Kapiteln, die wir hier vorbereitet haben, für wel-
Aber wie gesagt, diese müssen bei uns aus dem Feld der         ches wir Bilder gesichtet haben, Bilddaten usw. aufsuchen
Medizin kommen. Sie sehen, dass wir eine sehr interpro-        mussten. Hier eine Darstellung, wie das aussehen kann.
fessionelle Situation geschaffen haben.
                                                               (Video)

                                                               Ich wollte mir nicht selbst ins Wort fallen, aber die Sache,
                                                               die Sie eben gesehen haben, ist, dass es doch etwas ande-
                                                               res ist, wenn man etwas für die breite Masse zugänglich
                                                               macht. Wir müssen aufpassen, was wir zeigen. Wir haben
                                                               große Probleme mit den Bilddaten. Hier ist uns der Thie-
                                                               me-Verlag sehr entgegengekommen und hat uns erlaubt,
                                                               dass wir für diese Maßnahme auf diese qualitativ hochwer-
                                                               tigen Bilder zugreifen können. Quizfragen am Schluss und
projektdemonstrationen              21

                                                                die eine gewisse Vorbildung haben, unterrichte. Ich habe,
                                                                wenn ich ganz ehrlich bin, gar kein großes Interesse, für
                                                                Jedermann zu unterrichten und ich habe die Angst, dass
                                                                meine Lehre zu einem Volkshochschulkurs verkommt,
                                                                wenn ich hier versuche, Basiswissen nur noch zu verkau-
                                                                fen, um eben die breite Öffentlichkeit zu erreichen. Ich
                                                                habe erkannt, dass man bei der Produktion der MOOCs
                                                                in dieser Hinsicht sehr aufpassen muss. Dann ganz kon-
                                                                krete Fragen, ich habe es schon angedeutet: Welches Bild-
                                                                material darf ich verwenden? Thema Copyright. Welche
                                                                Inhalte darf ich zeigen? Gibt es ethische Richtlinien? Was
                                                                geschieht eigentlich mit den Daten der Teilnehmer auf
                                                                diesen einzelnen Plattformen? Wie sind diese Plattformen
                                                                eigentlich finanziert? Wie wird die MOOCs-Produktion
                                                                finanziert? Welche Anreize bieten sich mir denn eigent-
Prüfungsfragen sind implementiert und sollen auch helfen,       lich selbst? Das wurde ja auch schon angedeutet. Und
mit zu strukturieren.                                           eine ganz wichtige Frage, die ich auch gleich beantworten
                                                                möchte: Stellt die Digitalisierung der Hochschullehre eine
Ich möchte an dieser Stelle kein Fazit ziehen. Ich möchte       Gefahr für den Präsenzunterricht dar? Ganz klar: nein.
Fragen vorstellen, die sich mir selber zum Thema MOOCs          Ich sehe hier keine Gefahr. In unserem Fach, in dem der
gestellt haben. Nummer eins: Sind MOOCs tatsächlich für         Präsenzunterricht so elementar wichtig ist, sind MOOCs
alle Fächer geeignet? Ich kann das nicht abschließend be-       sicherlich ein sehr wertvolles Ornament, aber ich glaube
urteilen. Ich kann nur sagen, es ist tatsächlich sehr schwie-   nicht, dass es ein Fundament darstellen kann.
rig, das, was wir von anderen Feldern an tollen MOOCs-
Beiträgen gesehen haben, auf so ein Lernfach wie zum            Vielen Dank.
Beispiel Anatomie zu übertragen. Es ist auf jeden Fall nicht
ganz trivial. Möchte ich tatsächlich einen Kurs für Jeder-      Eine Videoaufzeichnung dieser Projekt-
mann/Jederfrau gestalten? Ich habe einen Lehrauftrag, der       demonstration sowie die begleitenden Folien
besagt, dass ich ein bestimmtes Kontingent an Leuten,           finden Sie unter www.uni-stuttgart.de/mooc.
22    projektdemonstrationen

                                      w Prof. Dr. Christian Spannagel

Der MOOC „Mathematisch denken!“, also es geht um Ma-            heißt die Online-Teilnehmer sollten lernen, mathematisch
thematik, ist ein MOOC, der einer der zehn Preisträger des      zu denken und so zu arbeiten wie Mathematiker.
Stifterverbandes gemeinsam mit der Firma Iversity ist.

                                                                Ich habe hier mal ein paar Beispiele aufgeschrieben, was
                                                                dazu zählt. Eines der wesentlichen Dinge, die Mathematiker
Ich bin nicht allein beteiligt, gemeinsam mit Michael Gieding   machen, ist Begriffe zu definieren. Wie definiert man eigent-
sind wir die beiden Dozenten, die den MOOC durchgeführt         lich richtig exakt einen Begriff, sodass er eindeutig das be-
haben. Lutz Berger und Martin Lindner waren beteiligt an        zeichnet, was man meint? Oder zu systematisieren, das heißt
der Videoproduktion und an der didaktischen Konzeption.         in mathematikhaltigen Situationen Muster und Strukturen
Das Thema des MOOCs sind mathematische Prozesse. Das            zu erkennen und diese zu beschreiben, darzustellen und letzt-
projektdemonstrationen                  23

endlich auf eine formale Ebene zu heben. Sätze zu finden,         hat stattgefunden in zwei Inhaltsgebieten, nämlich Arithme-
also den kreativen Akt einer mathematischen Satzfindung bis       tik und Geometrie. Das sind zwei Veranstaltungen im ersten
hin zum formal korrekten Beweis. Es ist klar, wenn man das        Modul in den Lehramtsstudiengängen und man konnte sich
zum Thema hat, dann kann man nicht einfach nur klassisch          entscheiden, ob man in der Arithmetik ein Kiebitz und in
Vorlesungsvideos präsentieren. Das lernt man nicht nur vom        der Geometrie ein Formalisierer ist oder in irgendeiner der
Zusehen, sondern das muss man dadurch lernen, dass man            anderen Kombinationen. Ich zeige Ihnen jetzt mal ein Video,
die Prozesse selbst durchführt und Feedback dazu bekommt.         ein sogenanntes Impulsvideo, das bestimmte Fragestellungen
Daher haben wir in unserem MOOC auch nicht im Wesentli-           aufwirft und dann zur Bearbeitung einer solchen Aufgabe an-
chen Erklärvideos, die haben wir natürlich auch, aber auch Vi-    regt. Daran wird auch deutlich, man kann nicht einfach Vor-
deos, die Impulse geben, die eine mathematikhaltige Situation     lesungsvideos abfilmen und das zu einem MOOC machen,
zeigen und anschließend auffordern, bestimmte Aufgaben zu         sondern man braucht ein gehöriges Maß an Entertainment-
lösen, die natürlich auch betreut werden müssen. Ich zeige        elementen, die auch dazu motivieren mitzumachen. Man hat
Ihnen gleich eines dieser Videos. Es ist auch klar, dass es bei   Online-Teilnehmer, die nicht so eingebunden sind in formale
so einem MOOC eine ganz heterogene Lerngruppe ist. Das            Lernkontexte, das heißt sie müssen auch motiviert werden,
sind Menschen mit ganz unterschiedlichen Motiven aus ganz         immer wieder dabei zu bleiben und Spaß zu haben, um sich
unterschiedlichen Gruppen. Wir haben von Schülern bis zu          dann letztendlich auch mit den Aufgaben auseinanderzuset-
Rentnern oder von Arbeitslosen bis hin zu Akademikern alles       zen. In dem Beispiel geht es darum, wie definiert man eigent-
gehabt, also eine ganz breite oder vielfältige Teilnehmerschaft   lich Begriffe und das ist ein Impulsvideo dazu.
und insofern mussten wir unterschiedliche Möglichkeiten der
Teilnahme bieten.

Eine Möglichkeit oder ein Mitmach-Level war die des Kie-          Es ist natürlich klar, dass das jetzt ein Aufhänger ist für wei-
bitzes. Kiebitze sind Leute, die sind ein bisschen interessiert   tere Diskussionen. Eigentlich beginnt hier die Diskussion,
an dem, was da läuft, die haben kein ernsthaftes Interesse,       was es bedeutet, Begriffe korrekt zu definieren. Was ist ein
tatsächlich am Ende die anvisierten Lernziele zu erreichen,       Cappuccino? Ist es ein Kaffeegetränk oder ein Heißgetränk?
sondern die sind interessiert an: was ist denn das so in der      Ist das ausreichend? Da werden dann Begriffe diskutiert wie
Mathematik in dem Bereich, was wird denn da gemacht, wie          „notwendige“ und „hinreichende Bedingung“. Hier wird da-
ist das aufbereitet. Oft wird hier von Abbrechern gespro-         ran erläutert, was es bedeutet, mathematisch Begriffsbildung
chen. Das sind diejenigen, die eben nicht aktiv am Ende           zu betreiben. Wenn ich Cappuccino definieren will, muss
irgendwelche Tests bestehen. Eigentlich sind es keine Ab-         ich zunächst beispielsweise mal Espresso definieren, weil ich
brecher, sondern es sind Menschen, die nie ein ernsthaftes        ohne diesen Begriff nicht auskomme usw. Es ist klar, dass
Interesse hatten, tatsächlich bis zum Ende zu kommen,             sozusagen jetzt mit Hilfe eines solchen Videos ein Diskus-
sondern die einfach neugierig waren und sich deswegen an-         sionsprozess über mathematische Begriffsbildung in Gang
gemeldet haben. Dann gibt es die Anpacker, das ist unser          gesetzt werden muss.
Mitmach-Level für diejenigen, die tatsächlich Aufgaben lö-
sen wollen, auch miteinander sprechen wollen, sich austau-        Hier sieht man noch ein paar Bildausschnitte. Natürlich ha-
schen wollen, aber bitte nicht zu viele Formeln. Die wollen       ben wir auch an der Tafel gearbeitet, einem Greenboard,
nicht auf die formale Ebene gehen. Und dann gibt es die           also kein Whiteboard, sondern Greenboard richtig mit Krei-
Formalisierer, die letztlich den letzten Schritt auf die forma-   de und Dreck und so, und haben Dinge erläutert, erklärt,
le Ebene auch machen. Und unsere eigenen Studierenden             anschaulich dargestellt oder auch interaktive Möglichkeiten
haben natürlich an diesem MOOC auch teilgenommen und              geboten, also eine Vielfalt an Interaktionsmöglichkeiten
von denen wurde natürlich erwartet, dass sie Formalisierer        geschaffen. Ziel war es, dass die Studierenden tatsächlich
und Formalisiererinnen sind. Das heißt, die mussten natür-        auch miteinander ins Gespräch kommen und gemeinsam
lich alles bis zur letzten Aufgabe auch lösen. Der MOOC           Lösungen entwickeln, also in die mathematischen Prozesse
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