Multimodale Analyse von Instruktionsgesprächen im Instrumentalunterricht - Johanna Kehr - GLS
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Gliederung
1. Forschungsstand zur musikbezogenen Sprache
2. Untersuchungsgegenstand und Datenkorpus
3. Erkenntnisinteresse und Forschungsdesign
4. Analyse multimodaler Metaphorik
4.1 Konventionalisierte Formen
4.2 Komplexe Ad-hoc-Metaphorik
Literatur (Auswahl)
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CC BY-SA-ND 4.0 Johanna Kehr Folie 2
VALS-ASLA 2018 Basel1. Forschungsstand zur musikbezogenen Sprache
- allgemeine Darstellungen zum Verbalisierungsproblem musikalischer Sacherhalte
(z.B. STÖREL 1998; MAHRENHOLz 2004)
- Darstellungen zur musikbezogenen Metaphorik (KLEINEN 1994; STUMPF 1996; STÖREL 1997)
→ fachtypische Metaphorik: wiederkehrende Konzeptualisierungen
- Untersuchungen zur gesprochenen Sprache bei Proben (SCHNEIDER 1983; SCHÜTTE 1991)
→ empraktischer Charakter, Hierarchie und Asymmetrie, Exklusivität
- Untersuchungen zu nonverbalen Ausdrucksformen im musikalischen Kontext
→ Ausdrucksgestik (z.B. ASHLEY 2013; GRUHN 2014)
→ Dirigiergestik (z.B. ASHLEY 2000; POGGI/ ANSANI 2016)
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VALS-ASLA 2018 Basel2. Untersuchungsgegenstand und Datenkorpus
- Instrumentalunterricht im Rahmen des Studiengangs „künstlerische Ausbildung“
→ zentraler Einflussfaktor auf die musikalische Laufbahn (vgl. AMMAN 2013)
→ hohes Maß an Professionalisierung
→ Unterricht nach dem Konzept der „Meisterlehre“ (vgl. z.B. BORK 2012; RICHTER 2012)
- acht Videoaufnahmen (45-60 min) mit unterschiedlichen Gesprächsteilnehmern
(Professor/ Studierender) pro Aufnahme (16 Probanden)
- aufgenommen 01/14 – 05/15 an verschiedenen deutschen Musikhochschulen
- persönlicher Feldkontakt und teilnehmende Beobachtung
→ Vorauswahl der Probanden nur bedingt möglich
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VALS-ASLA 2018 Basel3. Erkenntnisinteresse
- gewählte Gesprächsressourcen für die Vermittlung musikalischer Sachverhalte
→ Formen der Verbalisierung
→ Einsatz weiterer Ressourcen wie Singen, Spielen, Gestik
- Metaphernrepertoire
→ konventionell vs. innovativ
→ multimodale Realisierungsformen
- kommunikative Rollen und Beziehungsmanagement im Gespräch
→ Auswirkungen der Meister-Schüler-Beziehung auf gesprächsstruktureller Ebene
→ kommunikative Praktiken und Rituale
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VALS-ASLA 2018 BaselForschungsdesign
- qualitative Studie
- gesprächsanalytische Grundausrichtung (vgl. DEPPERMANN 2001), ergänzt um
Methoden und Erkenntnisse der multimodalen Interaktionsanalyse (vgl. z.B. FRICKE
2012; MÜLLER et al. 2013)
→ Transkription nach GAT2 (Basistranskript) (SELTING et al. 2009)
→ multimodale Analyse in ELAN (ausgewählte Passagen) (BRESSEM et al. 2013)
- metapherntheoretische Fundierung
- Konzeptuelle Metapherntheorie (LAKOFF/ JOHNSON 1980)
- Blending-Theorie (FAUCONNIER/ TURNER 2002)
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VALS-ASLA 2018 Basel4. Analyse multimodaler Metaphorik
- metaphorische Konzeptualisierungen von Musik zeigen sich in verbalen wie
nonverbalen Äußerungsformen, Quell- und Zielbereiche entstammen dabei
unterschiedlichen Modi (vgl. CIENKI/ MÜLLER 2008, 2013; FORCEVILLE 2009)
- systematische Metaphern (CAMERON 2009): ein Metaphernbereich strukturiert häufig
einen Gesprächsabschnitt und wird dabei multimodal variiert (vgl. auch MÜLLER/
LADEWIG 2013)
- Konventionalisierung multimodaler Metaphorik: gesprächssortenspezifische
Lexikalisierungen und Konventionalisierungen gestischer Ausdrucksformen
- komplexe Ad-hoc-Metaphorik
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VALS-ASLA 2018 Basel4.1 Konventionalisierte Formen
Gesprächssortenspezifische Lexikalisierungen
kommen (lassen) weitergehen stehen bleiben/
wachsen stoppen
fließen
öffnen/ (lassen)/ im
durchziehen dranbleiben
aufmachen Fluss sein
aufbauen
Richtung/
schließen Bogen/ Linie Ziel haben
entwickeln ENTWICKLUNG spielen
hinspielen/
anpeilen hingehen (auf)
aufblühen festhalten/
dehnen
voran/ konsequent
vorwärts/ nach spielen
weggehen/ hinterher
weglaufen vorne gehen
zurückgehen sein
hin- und früh/ spät (an)laufen
hergehen anziehen bringen (lassen)
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VALS-ASLA 2018 BaselBeispiel: Konventionalisierung multimodaler Metaphorik
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VALS-ASLA 2018 BaselBeispiel: Betonungsbogen (redebegleitender Einsatz: Koexpressivität)
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VALS-ASLA 2018 BaselBeispiel: Betonungsbogen (spielbegleitender Einsatz)
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VALS-ASLA 2018 BaselBetonungsbogen als Form konventiontionalisierter Gestik
Preparation Stroke Hold Retraction
- ikonische Darstellung von Bewegungsfluss und -richtung: Bogen ausgehend von
der Körpermitte in den Raum mit deutlichem Schwerpunkt
- Ausdruck der Konzeptualisierung von Musik als Entwicklung
- wiederholtes Auftreten (rede-, sing- und spielbegleitend) mit leichten Variationen
→ Bildung einer „gesture family“ (KENDON 2004)
→ weitere „gesture families“: Intensitätsgeste, Luftstromgeste, Öffnungsgeste
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VALS-ASLA 2018 Basel4.2 Komplexe Ad-hoc-Metaphorik
Beispiel
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VALS-ASLA 2018 BaselKomplexe Ad-hoc-Metaphorik
- MUSIK als Zieldomäne (akustisch) wird indirekt mit der Quelldomäne NATUR/
NATÜRLICHKEIT (gestisch-verbal) in Beziehung gesetzt
- interaktive, multimodale Konstruktion
- musikalisch/ spieltechnisch relevante Merkmale (Dynamik, Agogik, Tempo) sind
nicht direkt aus den Konzepten ableitbar (Inferenz)
→ Blending-Theorie als Erklärungsansatz (FAUCONNIER/ TURNER 2002)
Composition
Pattern Completion
- ergänzt durch Erläuterung und Rückbindung an konventionelle Metaphorik
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VALS-ASLA 2018 BaselZusammenfassung
- Fachkommunikation und geteiltes Wissen führen nicht nur zu fachtypischen
Konzeptualisierungen, sondern auch zu konventionalisierter Lexik und
Gestik
→ Einsatz vereinfacht die Vermittlung musikalischer Sachverhalte
→ Übereinstimmungen mit den Gesprächsressourcen anderer
musikalischer Kommunikationsbereiche wie Orchesterproben ist zu
vermuten
- Erfahrung und Spezialisierung ermöglichen andererseits komplexe Ad-hoc-
Metaphorik
→ Notwendigkeit komplexer Schlussprozesse
→ zumeist Rückbindung an spieltechnische Erläuterung und konventionelle
Metaphorik
Multimodale Analyse von Instruktionsgesprächen im Instrumentalunterricht
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VALS-ASLA 2018 BaselVielen Dank für die Aufmerksamkeit! Multimodale Analyse von Instruktionsgesprächen im Instrumentalunterricht CC BY-SA-ND 4.0 Johanna Kehr Folie 16 VALS-ASLA 2018 Basel
Literatur (Auswahl)
AMMAN, Raymond (2013): Exzellenzkriterien für die ‹Meister-Schüler›-Beziehung im Musikunterricht. Forschungsbericht der Hochschule Luzern.
ASHLEY, Richard (2013): Bodily Interaction (of Interprets) in Music Performance. In: Müller, Cienki, Fricke u.a. [Hg.]: Body – Language –
Communication. De Gruyter. S. 1432-1440.
BORK, Magdalena (2012): Jenseits von „gut“ und „böse“. Meisterlehre im 21. Jahrhundert. Erkenntnisse aus einer Wiener AbsolventInnen-Studie.
In: Üben & Musizieren. Heft 3/12. S. 12-16.
BRESSEM, Jana; LADEWIG, Silva; MÜLLER, Cornelia (2013): Linguistic Annotation System for Gestures. In: Müller, Cienki, Fricke u.a. [Hg.]: Body –
Language – Communication. De Gruyter. S. 1098-1124.
CAMERON, Lynne (2009): The Discourse Dynamics Approach to Metaphor and Metaphor-led Discourse Analysis. In: Metaphor & Symbol. Heft
24/2. S. 63-89.
CIENKI, Alan; MÜLLER, Cornelia (2008): Metaphor, Gesture and Thought. In: Gibbs [Hg.]: Cambridge Handbook of Metaphor and Thought.
Cambridge University Press: Cambridge. S. 483-501.
DEPPERMANN, ARNULF (2001): Gespräche analysieren. Eine Einführung. 2. durchgesehene Auflage. Leske + Budrich: Opladen.
FAUCONNIER, Gilles; TURNER, Mark (2002): The Way We Think. Conceptual Blending and the Mind’s Hidden Complexities. Basic Books: New York.
FORCEVILLE, Charles (2009): Non-verbal and Multimodal Metaphor in a Cognitivist Framework: Agendas for Research. In: Forceville, Charles J.;
Urios-Aparisi, Eduardo: Multimodal Metaphor. De Gruyter: Berlin New York. S. 19-42.
FRICKE, Ellen (2013): Towards a Unified Grammar of Gesture and Speech: A Multimodal Approach. In: Müller, Cienki, Fricke u.a. [Hg.]: Body –
Language – Communication. De Gruyter: Berlin. S. 733-754.
GRUHN, Winfried (2014): Musikalische Gestik. Vom musikalischen Ausdruck zur Bewegungsforschung. Olms Verlag: Hildesheim, Zürich, New
York.
KENDON, Adam (2004): Gesture. Visible Action as Utterance. Cambridge: Cambridge University Press.
LAKOFF, George; JOHNSON, Mark (1980): Metaphors We Live By. Chicago: University of Chicago Press.
MAHRENHOLZ, Simone (2004): Sein oder Sagen? Struktur und Referenz in Musik und Sprache. In: Berger [Hg.]: Musik jenseits der Grenze der
Sprache. Rombach: Freiburg im Breisgau. S. 47-62.
MÜLLER, Cornelia; LADEWIG, Silva (2013): Metaphors for Sensorimotor Experiences: Gestures as Embodied and Dynamic Conceptualizations of
Balance in Dance Lessons. In: Borkent; Dancygier; Hinnell [Hg.]: Language and the Creative Mind. Stanford: Stanford University. S. 295-324.
MÜLLER, Cornelia; BRESSEM; Jana; LADEWIG, Silva (2013): Towards a Grammar of Gestures: A form-based view. In: Müller, Cienki, Fricke u.a. [Hg.]:
Body – Language – Communication. De Gruyter: Berlin. S. 707-733.
POGGI, Isabella; ANSANI, Alessandro (2016): Forte, piano, crescendo, diminuendo. Gestures of Intensity in Orchestra and Choir Conduction. In:
Paggio; Navarretta [Hg.]: Proceedings of the 4th European and 7th Nordic Symposium on Multimodal Communication. Copenhagen. S. 111-
119.
RICHTER, Christoph (2012): Meister-Unterricht. Prinzipien der Meisterlehre früher und heute. In: Üben & Musizieren. Heft 3. S. 6-11.
SCHÜTTE, Wilfried (1991): Scherzkommunikation unter Orchestermusikern. Gunter Narr Verlag: Tübingen.
STÖREL, Thomas (1997): Metaphorik im Fach. Bildfelder in der musikwissenschaftlichen Kommunikation. Gunter Narr: Tübingen.
Multimodale Analyse von Instruktionsgesprächen im Instrumentalunterricht
CC BY-SA-ND 4.0 Johanna Kehr Folie 17
VALS-ASLA 2018 BaselSie können auch lesen