Politische Lyrik von Erich Fried und Hans Magnus Enzensberger in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts

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Ústav germanistiky a nordistiky
                   Filozofická fakulta
              Masarykova univerzita Brno

                    Lenka Štětková

Politische Lyrik von Erich Fried und Hans Magnus
  Enzensberger in den 50er und 60er Jahren des
                 20. Jahrhunderts

              Magisterská diplomová práce

        Vedoucí práce: PhDr. Jaroslav Kovář, CSc.

                       Brno 2007
Prohlašuji, že jsem diplomovou práci
vypracovala samostatně s využitím uvedené literatury.
An dieser Stelle möchte ich mich ganz herzlich bei allen bedanken, die mir während
der Arbeit geholfen haben und mich unterstützten – meiner Familie, meinem Freund
Stephan und meinen Freunden Radana und Benno Dielmann.

Juli 2007                                                            L. Š.
Inhalt
I.          Einleitung ...............................................................................................5
II.         Begriffserklärung.....................................................................................7
      II.1 „Die politische Lyrik“ ..............................................................................7
      II.2 „Das lyrische Ich“ versus „der Autor“........................................................8
III.        Der politisch-kulturelle Kontext in der Bundesrepublik Deutschland der 50er
            und 60er Jahre .......................................................................................11
      III.1 Die Situation nach dem Krieg und die 50er Jahre .....................................11
      III.2 Die 60er Jahre ......................................................................................14
IV.         Biographie von Erich Fried.....................................................................18
      IV.1 Die literarischen Anfänge ......................................................................18
      IV.2 Warngedichte (1964) ............................................................................21
      IV.3 und VIETNAM und (1966).....................................................................25
V.          Biographie von Hans Magnus Enzensberger .............................................31
      V.1 verteidigung der wölfe (1957) .................................................................33
      V.2 landessprache (1960) .............................................................................39
      V.3 blindenschrift (1964)..............................................................................43
      V.4 Die zweite Hälfte der 60er Jahre..............................................................46
VI.         Vergleich der beiden Autoren .................................................................47
      VI.1 Das Leben ...........................................................................................47
      VI.2 Der dichterische Stil .............................................................................50
      VI.3 Die dichterische Aussage der Gedichte ...................................................55
      VI.4 Die Bedeutung der politischen und ästhetischen Komponente ...................57
VII.        Fazit.....................................................................................................60
VIII.       Literaturverzeichnis ...............................................................................61
I.     Einleitung

Es ist ein alter Gedanke, dass eine Verbindung zwischen der Gesellschaft und den
Texten im weitesten Sinne existiert, die in ihr entstehen. Kein Text wird in einer
sozialen   oder   historischen   Isolation   geschaffen.   Dies    wird   oft   in   den
unterschiedlichsten Disziplinen der Wissenschaft voraussetzend angenommen. Jeder
Fachbereich betrachtet den Text in der Ebene, die für ihn am interessantesten und
brauchbarsten ist. Soziologie sieht ihn aus der soziologischen Sicht, Politologie aus
der politischen, Geschichte aus der historischen. Mit den künstlerischen Werken
beschäftigt sich die Literaturwissenschaft, das literarische Feld ist jedoch so breit,
dass es manchmal in andere wissenschaftliche Gebiete übergreift.
       Die Grenzen von Politik und Literatur sind seit der Entstehung der Schrift
verschwommen, genauso wie die Unterschiede zwischen einem Politiker und einem
Autor. Es ist einfacher und sinnvoller zu verstehen, dass ein Autor in zwei
Wirkungsbereichen tätig sein kann, als diese Person ausschließlich als einen Politiker
oder einen Schriftsteller zu betrachten. Die Werke, die in diesem Grenzgebiet
entstehen, werden als „politische Literatur“ bezeichnet.
       In der Geschichte der deutschen Literatur finden wir viele politisch tätige
Schriftsteller. Sie reichen weit zurück in die Vergangenheit, wie zum Beispiel der
mittelalterliche Dichter Walther von der Vogelweide oder der Humanist Ulrich von
Hutten. Es gab sie in fast allen Epochen über die Jahrhunderte, herausragend sind
dabei die Autoren des Sturm und Drangs, die Jungdeutschen, die Expressionisten und
Dadaisten oder die Schriftsteller wie Erich Kästner, Heinrich Böll und gegenwärtig
Roger Willemsen.
       Meine Arbeit greift auf zwei politisch aktive Schriftsteller zurück, die in dieser
zahlreichen „Reihe“ von engagierten Autoren einen Ehrenplatz einnehmen. Erich
Fried und Hans Magnus Enzensberger beeinflussten in beträchtlichem Maß die
politisch-literarische Szene in Deutschland der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts,
insbesondere die 50er und 60er Jahre. Ihre eingreifenden lyrischen Proteste wurden zu
Symbolen der deutschen politischen Opposition. Sie übten Kritik an der Wohlstands-
und Konsumgesellschaft, an den politischen Festereden von Freiheit und Gleichheit,
an der moralischen Heuchelei. Jeder schrieb in seinem spezifischen Stil und jeder sah

                                         -5-
die gesellschaftlichen Probleme mit teilweise unterschiedlichen, teilweise gleichen
Augen.
         Als Gegenstand meiner Arbeit habe ich mir vorgenommen, das politische
lyrische Werk von E. Fried und H. M. Enzensberger formal und inhaltlich zu
vergleichen. Diese Arbeit basiert auf keinem ähnlichen Werk, da dieses Thema
(direkter Vergleich dieser zwei Autoren) so gut wie noch nie wissenschaftlich
behandelt wurde. Um die Konfrontation vollkommen und korrekt durchzuführen,
werde ich am Anfang die politisch-gesellschaftliche Situation in Deutschland in den
50er und 60er Jahren darstellen. Ich erläutere auch die literarische Konstellation, in
der sich die beiden Dichter zu dieser Zeit befanden und komme anschließend zu ihren
Kurzportraits. Ich analysiere ihre bedeutendsten politischen Gedichtbände und zum
Schluss versuche ich die beiden Autoren zu vergleichen. Zu den formalen und
inhaltlichen Merkmalen füge ich das Kriterium an, in welcher Art und Weise Hans
Magnus Enzensberger und Erich Fried die Entwicklung der politischen Lyrik in
Deutschland beeinflussten.

                                        -6-
II.    Begriffserklärung

         II.1 „Die politische Lyrik“

„Ein politisches Gedicht oder nicht? Das ist ein Streit um Worte.“ (Enzensberger,
Einzelheiten, S. 350) Diese zwei Sätze von Hans Magnus Enzensberger deuten auf
lange, zu keinem befriedigenden Ergebnis führende Diskussionen über die Frage, was
politische Lyrik ist. Es fällt nicht schwer zu entdecken, dass ein Gedicht politisch ist,
es scheitert aber immer wieder der Versuch, eine schlüssige, allgemeine
Begriffbestimmung zu finden. Viel zu einfach wäre eine Definition, die einige
literarische Handbücher zur Verfügung stellen – politische Lyrik sei Lyrik, die eine
politische Situation widerspiegelt. Damit löst man das Problem nicht, sondern
verschiebt es nur. Denn was ist eine politische Situation?
       Das erklärt Wolf Girscher in seinem Band Politische Lyrik. Es sei jede
Situation, in der sich ein Mensch befindet, jede Selbst- und Weltdeutung, die er
vornimmt. Alles, was wir tun, hat immer auch einen politischen Aspekt. Erst recht sei
natürlich jede Kunst, die Selbstdeutung des Menschen in Ansicht seiner Umwelt
bezweckt, Aussage über bestimmte Aspekte politischer Verhältnisse. (Vgl. Girschner,
S. 9) Gegen diese Behauptung äußert sich Ludwig Büttner: „Die Behauptung, dass
alles und jedes – und daher auch die Dichtung – es stets mit Politik zu tun habe, ist
ebenso richtig wie falsch. Es gibt elementare Erscheinungen des menschlichen
Lebens, die gar nichts mit Politik zu tun haben, man denke an Gesundheit und
Krankheit, Jugend und Alter, Liebe und Hass (...) und andere naturbedingte,
unüberwindbare Gegensätze. Eine totale Politisierung des Lebens ist despotisch und
barbarisch, sie unterdrückt die Freiheit des Denkens und des künstlerischen
Schaffens. (...) Aktualität und Ideologie sind noch kein Wertmaßstab für künstlerische
Schöpfungen. (Vgl. Büttner, S. 133)
       Wo besteht dann das Unterschied zwischen der politischen und unpolitischen
Dichtung? Was für ein Element muss ein Gedicht haben, um als politisch genannt
werden zu dürfen?
       Politische Gedichte reagieren auf historisch-politische Situation, sie wollen
einwirken, sie sind „engagiert“. Laut Ludwig Büttner sei jedoch das Wort

                                          -7-
„Engagement“ ein modischer Begriff, der verschwommen gebraucht wird, wenn er
nur allgemein die Teilnahme des Dichters an aktuellen Verhältnissen und Fragen
ausdrücken soll. Selbst bei konservativen Poeten lassen sich, Büttner zufolge,
Gedichte finden, die man als engagiert benennen kann. Büttner erklärt, dass selbst die
Unterhaltungspoesie dann zur politischen Lyrik zu zählen wäre, weil sie sich immer
gegen Mängel der bestehenden Regierung, gegen herrschsüchtige und arrogante
Politiker und Funktionäre richtet. (Vgl. Büttner, S. 132)
        Daraus kann man ableiten, dass das Kritische nur ein Teil eines politischen
Werkes ist. Die politischen Gedichte üben zwar Kritik, sind engagiert und wollen
beeinflussen, sie beinhalten jedoch noch etwas, was aus ihnen mehr als die oben
erwähnte „Unterhaltungspoesie“ oder bloße Auseinandersetzung mit herrschenden
Verhältnissen macht – den künstlerischen Bestandteil. Die politische Lyrik liefert
nicht nur die Inhalte, die auf der Oberfläche sichtbar sind (sachliche Informationen
über der Einstellung des Autors zur gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation),
sondern sie liegt ebenso eine besondere ästhetische Qualität vor, die das Werk von
anderen politischen Schriften unterscheidet. Natürlich müssen auch formale Kriterien
eines Gedichtes erfüllt werden.1
        Von einer strikten Trennung von engagierter und absoluter Poesie im Sinne
eines „ästhetischen oder ideologischen Dualismus“ warnt auch Hans Otto Horch in
seinem Beitrag zur Theorie der Lyrik. (Horch, S. 253) Er empfiehlt eine offene
Stellung des Kritikers, der sich nicht zwischen gegebenen Kategorien entscheiden
muss, sondern dies als „Modelle des lyrischen Schreibens“ betrachtet.

          II.2 „Das lyrische Ich“ versus „der Autor“

In den Handbüchern der literarischen Theorie wird oft darauf aufmerksam gemacht,
dass in der Lyrik zwei Begriffe streng zu unterscheiden sind. Der „Autor“ und das
„lyrische Ich“. Die Bezeichnung der „Autor“ bezieht sich auf eine reale Person, auf
den Schriftsteller, der das Werk geschaffen hat, im Gegensatz zum Begriff des
„lyrischen Ichs“, welcher einen fiktiven Sprecher, die Stimme eines Gedichts, das
erlebende und empfindende Subjekt der Verse bezeichnet.

1
 Die Kriterien eines Gedichtes sind vor allem – die äußere Form, die den Text von Prosa unterscheidet
(Vers, Strophenbau,...), besondere sprachliche Mittel (Reim,...), die Dichte (Ausdruckskraft),
sprachliche Ökonomie (Prägnanz), Subjektivität, und der Bezug auf ein „lyrisches Ich“.

                                                -8-
Dieser sinnvolle Unterschied, dessen Einführung viele Missverständnisse in
der Dichtung aufgehoben hatte2, gilt jedoch ohne Ausnahmen nur solange, wie wir
uns auf der Ebene eines „absoluten“ Gedichtes befinden. Eines solchen Gedichtes,
welches sich in einer absoluten Zeit und einem absoluten Raum abspielt, welches
keine kontextuellen Relationen an sich bindet und vor allem – welches sich an
niemanden richtet. Übernehmen wir die strikte Unterscheidung zwischen dem Autor
und dem lyrischen Ich zum Zweck einer Analyse der politischen Lyrik, geraten wir in
Schwierigkeiten.
        Die Zeit der politischen Gedichte steht fest, die Verse sprechen über konkrete
Ereignisse, die man oft sogar mit einem genauen Datum ergänzen könnte. Auch die
Festlegung des Raums fällt nicht schwer. Die Gedichte können nicht als vereinzelte,
in der lyrischen Luft schwebende Elemente funktionieren, es gibt sie nur in einem
gesellschaftlichen und politischen Kontext, in dem sie geschaffen wurden und den
man bei ihrer Interpretation vor Augen halten muss. Natürlich könnte man sich einen
fiktiven Leser vorstellen, der die gesellschaftliche Situation, in der die Poesie
entstanden ist, nicht kennt, und trotzdem die Gedichte liest und sie auf seine Art und
Weise auszudeuten versucht. Seine mögliche Interpretation würde jedoch die Antwort
auf einen der wichtigsten Bestandteile der Analyse der politischen Lyrik vermissen –
auf die Frage nach der Funktion des Gedichtes.
        Die politische Lyrik will wirken, Dinge und Zustände ändern, sie ist engagiert.
Dafür braucht sie eine konkrete Zeit, einen konkreten Raum, sowie einen konkreten
Kontext. Und das alles würde nicht ohne einen konkreten, engagierten Gestalter des
Gedichtes gehen, dessen Stimme eng mit der Person des Autors verbunden ist. Es ist
leicht vorstellbar, dass das lyrische Ich in vielen Genres der Poesie andere Ansichten
als der Autor einnehmen kann (z. B. in den Liebesgedichten) – in diesem Fall darf das
lyrische Ich keineswegs mit der Dichterpersönlichkeit identifiziert werden. (Vgl.
Wilpert, S. 493) Als absurd, wieder aus der Sicht der Funktion des Gedichtes, würden
wir jedoch jede Vorstellung bezeichnen, in der der Autor in einem seiner politischen
Gedichte eine andere Meinung als die seine wiedergibt. Ein linksorientierter Autor
würde mit Sicherheit nicht die Vorteile von Rechtsradikalismus hervorheben, ein
antikriegsorientierter Mensch würde nicht die Rüstungspolitik seines Landes
verherrlichen, wenn er dazu nicht gezwungen wäre.

2
 Den Begriff des „lyrischen Ichs“, als das „umfassendste Symbol, das nach sich die ganze Welt der
Symbole, die das lyrische Kunstwerk bilden, bestimmt“, führte am Anfang des 20. Jahrhunderts die

                                              -9-
Aus diesem Beispiel ergibt sich, dass man im Fall der politischen Lyrik den
Autor und das lyrische Ich nicht völlig abgrenzen kann und dass diese zwei oft
ineinander fließen. In meiner Arbeit versuche ich unter anderem herauszufinden, in
wiefern sich die Autoren Enzensberger und Fried mit ihren lyrischen Ichs
identifizieren, weil dieser Unterschied – oder die Einheit – auch für die Festlegung
ihres politisch-dichterischen Engagements entscheidend sein könnte.

deutsche Schriftstellerin Margarete Susman ein. (Vgl. Völker, S. 1201)

                                               - 10 -
III. Der politisch-kulturelle Kontext in der Bundesrepublik
Deutschland der 50er und 60er Jahre

Das dichterische Schaffen Hans Magnus Enzensbergers und Erich Frieds war in den
frühen Jahrzehnten ihres Lebens in so weit mit den gesellschaftlich-politischen
Ereignissen in Deutschland und in der Welt verbunden, dass man ihre Werke nicht
ohne, zumindest flüchtige, Kenntnisse der Geschichte Deutschlands der 50er und 60er
Jahre verstehen kann. Dieses Kapitel wird daher sowohl der politischen, als auch der
literarischen Entwicklung der Bundesrepublik gewidmet.

         III.1 Die Situation nach dem Krieg und die 50er Jahre

Viele historisch-kulturelle Debatten über Nachkriegsdeutschland haben sich früher
um die Frage gedreht, ob Deutschland im Jahre 1945 am totalen materiellen und
geistigen Anfang stand, oder ob man in dieser Zeit an etwas, was schon während des
Krieges entstanden ist, anknüpfte. Heutzutage sind sich fast alle Wissenschaftler einig
– nach dem Kriegsende gab es in Deutschland weder aus der Sicht der Wirtschaft
noch aus der Sicht der Literatur keine „Stunde Null“.
       Deutschland war zwar durch den Faschismus politisch und kulturell
zurückgeworfen und die Deutschen standen vor der Weltöffentlichkeit als ein Volk
da, das eine einmalige Schuld auf sich geladen hatte, was aber die Industrie betrifft,
war Deutschland durch die Kriegswirtschaft des Dritten Reiches und seine
Rüstungsanstrengungen bereit, eine schnelle, umfangreiche Industrialisierung
heranzutreten. Entgegen einer Legendebildung, die ganz Deutschland in Trümmern
sieht, waren die industriellen Anlagen generell gut erhalten. Der Marshall-Plan bot
dem Westen die Chance zu einem (kapitalistischen) Neubeginn. Im Gegensatz zu den
Wünschen der Alliierten wurde aber eine gewisse sozialistische Umgestaltung der
Gesellschaft durchgesetzt, die in einer Überführung bestimmter Industriezweige und
monopolartigen Unternehmungen in Gemeineigentum bestand. Wichtige Pfeiler der
„Verhinderung“ eines wirklichen Neubeginns waren laut Frank Dietschreit die
Währungsreform von 1948, in der die Produktivvermögen nicht angetastet wurden,
das Grundgesetz von 1949, das sich mit proklamierter Sozialstaatlichkeit zufrieden
gab, und die Wiederaufbau-Euphorie, die mit dem Einsetzten des Kalten Krieges das
richtige Feinbild an die Seite gestellt bekam. (Vgl. Dietschreit, S. 10-11)

                                         - 11 -
Die wirtschaftliche Kontinuität des Nachkriegsdeutschlands ist unleugbar. Auf
dem literarischen Feld erwiesen sich ebenso fortlaufende Tendenzen, die gegen der
populären Bezeichnung „Kahlschlag“3 kämpfen und die das Befinden in einer
dichterischen Leere in Frage stellen. Das erste Kapitel der Deutschsprachigen Lyrik
nach 1945 trägt die Überschrift „1945 – Weder Kahlschlag noch Stunde Null“.
(Korte, S. 5) Für eine große Zahl von Nachkriegslyrikern bedeutete das Empfinden,
im Jahr 1945 an einem „Nullpunkt“ gestanden zu haben, eine Chance zur „Befreiung“
und eine Möglichkeit, einen Schlussstrich hinter die eigene Vergangenheit zu ziehen.
        Ein Indiz für die Kontinuität literarischer Produktion ist die Praxis vieler
Lyriker, ihre Werke, die während des Krieges oder bereits davor geschrieben wurden,
von 1945 an zu veröffentlichen. Die „Trümmerlyrik“ gab eine wirklichkeitsgetreue
Darstellung der Kriegs- und Nachkriegserlebnisse. Dabei entstanden stereotype
Themenfelder wie Kriegsgefangenenlager, tägliches Überleben, Heimkehr usw. Diese
bildeten einige Jahre lang eine der Hauptlinien der deutschen Lyrik. Avantgarde und
Moderne hat der Faschismus völlig verdrängt. Durch die systematische Vernichtung
intellektueller Schichten des deutschen Judentums wurden auch laut Hermann Korte
entscheidende soziale Träger moderner Kultur ausgerottet, nämlich ein nicht
unerheblicher Teil der Künstlerschaft einschließlich eines Großteils ihres Publikums.
(Vgl. Korte, S. 26)
        Die Nachkriegslyrik und die Lyrik der 50er Jahre wurden von Naturgedichten
beherrscht. Nach fast zwei Jahrzehnten erfährt sie nun allen späten Ruhm öffentlicher
Anerkennung. Den Autoren, die im Verborgenen wirkten und sich in den Schonraum
Natur zurückziehen wollten, kam zeitweilig eine dominante Stellung auf dem
literarischen Gebiet zu. Auch hier wurde mit vielen stereotypischen Mitteln gearbeitet
– die Dichter verwandten die alten lyrischen Musterformen und verwiesen damit auf
geborgte Autoritäten wie Klopstock, Goethe und Hölderlin. Die Kritiker solcher
Außerachtlassung der gegenwärtigen Realität waren später kompromisslos. Walter
Hinderer schreibt in seiner Bilanz zur Ortsbestimmung der westdeutschen Lyrik
unmittelbar nach Kriegsende, dass der neuen zeitgeschichtlichen Situation nur
traditionelle Ausdruckformen antworteten, mit denen man auch die durch sie
vermittelte Wirklichkeitsperspektive übernahm. Anstatt die deutsche Misere kritisch
zu analysieren und neue ästhetische Entwürfe zu entwickeln, „beließ man es bei den

3
  Von einem „Kahlschlag“ und einem formal-lyrischen Neubeginn spricht z. B. Hermann Glaser in
seinem Werk Deutsche Kultur.

                                           - 12 -
gelegentlichen Äußerungen eines allgemein verbreiteten Unbehagens und schrieb
weiter in den schönen Formen deutscher Innerlichkeit.“ (Hinderer, S. 16) Es wurde
eine poetische Gegenwelt erschafft, die mit der Realität, aus der sie hervorgegangen
ist, nichts mehr zu schaffen haben wollte. Was noch in den 30er Jahren angesichts der
faschistischen Herrschaft zugleich Flucht und Protest darstellte, das verwandte sich
nun, unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen, zur bloßen Abkehr von der da
stehenden Realität.
       Politik hatte in dieser Dichtung nur einen sehr begrenzten Platz. Den Worten
von Ralf Schnell zufolge seien in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland
Literatur und Politik niemals weiter voneinander entfernt gewesen als in den 50er
Jahren. (Schnell: DL, S. 592) Die politischen Bemühungen um die Rekonstruktion der
tradierten Produktionsverhältnisse und der ideologische Konservatismus waren in der
deutschen Lyrik damals nur kaum wahrgenommen. Gegen diese Behauptung äußerte
sich jedoch Frank Dietschreit in seinem Werk über H. M. Enzensberger:
„Geflissentlich wird übersehen, dass z. B. schon 1955 in dem von Hans Bender
initiierten Band Mein Gedicht ist mein Messer, wie auch in den Werken von
Enzensberger, Grass oder Rühmkorf Ansätze deutlich wurden, in denen die Autoren
gegen die dunklen, hermetischen und alexandrinischen Mächte ihrer Tage
protestierten und das offene, mitteilsame, durchscheinende Gedicht forderten: das
Gedicht, das auf alle Verschlüsselungen verzichtet, sich von allen esoterischen
Bürden befreit. (Dietschreit, S. 9)
       Man kann aus dieser Debatte schließen, dass Politik und Literatur am Anfang
der 50er Jahren weit voneinander standen. Die Situation änderte sich jedoch schnell
und zwischen den Intellektuellen erhoben sich Stimmen, die sich nach neuen
inhaltlichen und formalen Strukturen sehnten. Sie verhielten sich ablehnend zu den
öffentlichen Themen wie die Euphorie des „Wirtschaftswunders“, die Verdrängung
des Faschismus, die gefährliche atomare Bewaffnung und die Bedrohung durch
Industrialisierung und neue Technologien. Die deutsche, an den Westen gebundene
Wirtschaft brachte nämlich plötzlich solche Möglichkeiten, von denen Deutschland
vor 1945 nur „zu träumen gewagt hätte.“ (Hacke, S. 99) Binnen kürzester Zeit erholte
sich die BRD und überflügelte die wirtschaftlichen Leistungen der westlichen
Nachbarn. Die Intellektuellen fragten sich nicht mehr „Was produziere ich?“ oder
„Wie viel produziere ich?“, sondern „Wozu produziere ich?“ oder „Welche Wirkung
hat meine Arbeit?“.

                                       - 13 -
Die    literarischen     Antworten        auf   das     „Wirtschaftswunder“,
Überflussgesellschaft und viele andere politisch-soziale Fragen brachten die 60er
Jahre.

          III.2 Die 60er Jahre

Der Blick auf die politisch-kulturelle Situation der 60er Jahre zeigt eine Politisierung
an, die alle Bereiche der Gesellschaft erfasst. Ausdruck und Motor dieser
Politisierung war die antiautoritäre Studentenbewegung, die an den westdeutschen
Universitäten entstanden ist und die eine umfassende Kritik der „lustfeindlichen und
repressiven Gesellschaft und des aggressiven Imperialismus in den Ländern der
dritten Welt“ entfaltete. (Dietschreit, S. 59)
         Die Beendigung der ökonomischen Rekonstruktionsperiode, der ungehemmt
und krisenfrei prosperierenden Wirtschaft, die sich mit dem Ende der 50er Jahre
andeutet, bildet für die Entwicklung in den 60er Jahren eine ebenso wichtige
Voraussetzung wie der Bau der Mauer in Berlin am 13. August 1961. Diese beiden
Erscheinungen einer an ihre eigenen Grenzen gelangten Politik erschüttern das
Selbstverständnis einer Gesellschaft, deren „Glaube an die politische Potenz des
Westens und an das eigene ökonomische Wachstum frei von jedem Selbstzweifel
geblieben war.“ (Schnell: DL, S. 608) Erst als nach dem Bau der Mauer die Teilung
für jeden Einzelnen unmittelbar spürbar wurde, entstand eine komplexe Dualität der
Deutschlandpolitik. Es ging nun nicht mehr um langfristige Fragen wie
Wiedervereinigung und Grenzenproblematik für das zukünftige Deutschland, sondern
um Freizügigkeit für die Menschen. Die politische Ohnmacht seit 1945, die Teilung
Deutschlands zu überwinden, wurde ab August 1961 durch die zusätzliche Ohnmacht,
den Menschen in der DDR überhaupt nicht mehr begegnen oder helfen zu können,
und durch die neue Zwangslage, die DDR nicht mehr verlassen zu können, gesteigert.
Konrad Adenauer in der Bundesrepublik und Walter Ulbricht in der DDR
personifizierten eine Ära „äußerster Gegensätze zwischen dem sozialistischen
Teilstaat DDR und dem demokratischen Teilstaat Bundesrepublik.“ (Hacke, S. 100)
Konrad Adenauer konzentrierte seine Politik auf das westliche Nahziel, er wollte die
BRD zu einem demokratisch anerkannten Staat im Rahmen der atlantischen Welt
machen. Erst später wuchs bei ihm die Bereitschaft, mit der Sowjetunion das
Gespräch zu suchen.

                                          - 14 -
Die Wiederaufrüstung der Bundesrepublik, die Einbeziehung der Bundeswehr
in das westliche Bündnis und die Lagerung atomarer Waffen auf dem Boden der
neuen deutschen Republik stießen auf den heftigsten Protest, der aber im politischen
Leerraum verschwand. Die schon erwähnte Ausbeutung der Dritten Welt,
insbesondere die Vietnam-Politik der USA, der CIA-gesteuerte Versuch einer
Konterrevolution in Kuba, die Ermordung Lumumbas und die Verhinderung eines
sozialistischen Kongos, all dies erzeugte vornehmlich in studentischen Kreisen ein
wachsendes       Unbehagen       an    den     „Segnungen“        der    westlichen      Welt.    Die
Desillusionierung über den „Freund“ und „Verbündeten“ USA war angesichts des
Vietnam-Debakels offenkundig und kam auf verschiedenste Weise zum Ausdruck.
        Die Unruhen löste auch die deutsche Innenpolitik aus – die Bildung der
großen Koalition mit Sozialdemokraten und Christdemokraten im Jahr 1966, die
gleichermaßen       eine    gefährliche      politische     Nivellierung      anzeigte     und     die
Verabschiedung der Notstandgesetze 1968, durch die im Krisenfall eine Reihe
elementarer Grundrechte außer Kraft gesetzt werden können.
        Die Einschränkung des kritischen Journalismus und zugleich einen
beunruhigenden Beweiß staatlicher Machtvollkommenheit brachte schon im Jahre
1962 die „Spiegel-Affäre“ dar.4 Sie bewirkte, dass Schriftsteller, die bislang wenig
Solidarität verband, sich zusammenfanden und in Manifesten protestierten. Staatliche
Repression gegenüber intellektueller Gesellschaftskritik wurde zum Beispiel einer
repressiven Gesellschaft – bei den Literaten bleibt eine nachhaltige Irritation: In
einem Land, in dem die Obrigkeit Pressefreiheit und Rechtsstaatlichkeit mit Füßen
tritt, können all jene, die auf eine funktionierende Öffentlichkeit angewiesen sind, sich
nicht heimisch fühlen. Richter schreibt nach der Tagung an Hildesheimer einen Satz,
der die allgemeine Erschütterung spüren lässt: „Die Nachkriegszeit, die schöne,
wunderbare Nachkriegszeit ist zu Ende gegangen.“ (Lau, S. 152)
        Die Trennung von Kunst und Politik, Kennzeichen der 50er Jahre, wird durch
die unvermeidliche Politisierung ersetzt. Die „schöne Nachkriegszeit“ hat tatsächlich
geendet. Man spricht nicht mehr von „Gedichten“, sondern von „Texten“. Man
„dichtet“ nicht, sondern „schreibt“ und der Dichter wird zu einer antiquiert wirkenden

4
  Am 27. Oktober wird Rudolf Augstein verhaftet, der für diesen Nachmittag sein Escheinen bei der
Berliner Tagung angekündigt hatte. Zuvor sind die Redaktionsräume des Magazins durchsucht und
zahlreiche Unterlagen beschlagnahmt worden. Der Spiegel-Reporter Conrad Ahlers hatte im Heft vom
10. Oktober 1962 über das Nato-Stabsmanöver „Fallex 62“ berichtet. Er wird auch verhaftet. Es stellt
sich fest, dass dies alles auf persönliches Betreiben von Verteidigungsminister Franz Josef Strauß, der
sich am Spiegel für die anhaltende Kritik seiner Atomwaffenpläne rächt.

                                                - 15 -
Bezeichnung. Tagungen von „Literaturproduzenten“, wie sie sich selbst nennen,
haben Dichtertreffen abgelöst. Der Wechsel sei mehr als nur ein Etikettenwechsel,
denn in dem Maß, wie von Text und Produktion die Rede sei, ändere sich das
Selbstverständnis der Schreibenden. (Vgl. Korte, S. 72) Der Lyriker ist nicht nur
Gedichtschreiber, er ist zugleich auch Verfasser von Essays und Zeitschriftenartikeln,
Medienkritiker, politischer Publizist, Übersetzer und Herausgeber moderner Poesie-
Anthologien. Sein Selbstverständnis zeigt sich in öffentlichen Auftritten und in seinen
poetologischen Thesen. Er freut sich seinem wachsenden Einfluss und will ihn
nutzen.
          Wirklichkeit heißt das Schlüsselwort in den Lyriktheorien der 60er Jahre. Das
gesamte Jahrzehnt hat sich als „Entdeckung der Wirklichkeit“ verstanden. (Korte, S.
72) Damit wird die oben beschriebene politische und gesellschaftliche Wirklichkeit
gemeint. Ein Gedicht zu schreiben heißt, sich im lyrischen Text der Wirklichkeit zu
stellen und diese offen zu legen. Die Funktion der Lyrik wandelt sich um, die früher
bedeutenden Aspekte der Form spielen jetzt keine Rolle. Verschiedenste literarische
Richtungen entstehen, derer Bindeglied die Hinwendung zur Realität heißt:
hermetische Gedichte, politische Epigramme, Protestsongs und experimentelle Texte.
          Es entstand ein neues, den gewünschten Ansprüchen entsprechendes, Genre:
das Agitprop (Agitations-Propaganda). Jürgen Egyptien vergleicht diese Text-
Strategien,     die    für   Streiksituationen,    (Massen-)   Versammlungen      oder
Demonstrationen verfasst wurden, mit den literarischen Strategien aus den 20er
Jahren wie die Praktiken des Proletkults und die Tendenzkunst des Bundes
Proletarisch-Revolutionärer Schriftsteller. (Vgl. Egyptien, S. 33) In interaktiven
Formen wie Happening, Straßentheater oder Graffiti sollte die politische Aufklärung
vermittelt werden. Wie schon einmal erwähnt wurde, die Hauptträger des
Protestgeistes waren nicht mehr vereinzelte Intellektuelle oder Schriftsteller, sondern
eine schnell anwachsende Schicht linksengagierten Studenten.5 Jost Hermand äußert
sich in seinem Beitrag zur deutschen Gegenwartsliteratur (Fortschritt im Rückschritt)
gegen diese Massenbewegung sehr kritisch: „Die meisten Alternativen, die sie
entwarfen, waren daher ausgesprochen antiautoritärer Art, was in der Praxis zur
Gründung ,herrschaftsfreier´ Enklaven in Form roter Zellen, Wohnkommunen und
anderer subkultureller Formen menschlichen Zusammenlebens führte. Kein Wunder
daher, dass in den Jahren 1967/68 von diesen Gruppen nahezu alles als ,bürgerliche

                                          - 16 -
Scheiße´ abgelehnt wurde, (Hermand, S. 303) ob nun die bürgerliche Literatur, die
Gewerkschaften oder der reale Sozialismus. Das grundsätzliche Dagegensein, das
kritische Nein überwog.
        Die Agitprop-Bewegung hat laut Hermann Korte mit ihren zum Teil
misslungenen Texten nicht zuletzt prinzipielle Vorbehalte gegen politische Literatur
verstärkt und denjenigen Argumente geliefert, die am Ende der 60er Jahre die
Literatur ohnehin als überflüssigen kulturellen Überbau betrachteten. (Vgl. Korte, S.
125) An einer Pariser Mauer stand 1968 eine Graffiti, die „L´art est mort“ – „Tod der
Kunst“ prophezeite.
        „Die Literatur ist tot“, so lautete das im Jahre 1968 im legendären Kursbuch
156 erschienene Manifest von Hans Magnus Enzensberger. Dieses spielerisch
formulierte Stichwort, welches auf eine Veränderung der gesellschaftlichen Funktion
der Literatur hinweisen wollte und nicht wirklich die Dichter zum Verstummen
bringen sollte, wurde oft missverstanden und erregte eine heftige Debatte über
Funktion der Literatur.7
        In den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts hat die deutsche Literatur
aufgrund der politisch-gesellschaftlichen Entwicklungen der Bundesrepublik einige
Änderungen durchgemacht, viele Einflüsse erfahren und verschiedene Stilrichtungen
entwickelt. Die politische Lyrik, die zu Beginn dieser Periode am Rande des
literarischen Interesses stand, entfaltete sich zu einem der bedeutendsten und
populärsten Genres dieser Zeit. Ihre Verdienste daran hatten unter anderen die
Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger und Erich Fried.

5
  SDS: Sozialistischer Deutscher Studentenbund.
6
  Das Kursbuch war eine literaturpolitische Zeitschrift in der Bundesrepublik der 60er Jahre. Gegründet
wurde sie 1965 von Hans Magnus Enzensberger. Es war ein wichtiger Ort für revolutionäre Theorien,
Diskussionen und Argumentationen.
7
  Enzensberger distanzierte sich später von dieser Formel.

                                                - 17 -
IV.     Biographie von Erich Fried

Das vielfältige Leben und Werk des Dichters Erich Fried zu beschreiben würde für
ein umfangreiches, mehrteiliges Buch reichen. Für den Zweck meiner Arbeit wird
eine kompakte Beschreibung seines Lebens genügen, die in denjenigen Abschnitten
umfangreicher wird, wo ich mich mit den politischen Ansichten und dem politischen
Schaffen des Schriftstellers beschäftigen werde.
        Erich Fried mag als der politisch engagierte Dichter nach 1945 par excellence
gelten. Der Begriff „politisch engagiert“ sagt jedoch nur wenig aus: laut Martin Kane
müsse „im Falle Frieds“ der Dichter für jede Phase seiner Entwicklung neu definiert
werden. (Vgl. Kane, S. 589) Kane betont, dass es in Frieds zahlreichen Gedicht- und
Prosabänden nicht nur „das Schreckensbild“ der politischen Wirklichkeit ist, das auf
sich aufmerksam macht. Betrachtet man die Vielfalt der in seinem Werk enthaltenen
Ausdruckmittel, entdeckt man einen politischen Schriftsteller von besonderer
künstlerischer Begabung.

         IV.1 Die literarischen Anfänge

Erich Fried wurde am 6. Mai 1921 in einer jüdischen Familie in Wien geboren. Er
erlebte im März 1938 den „Anschluss“ Österreichs an Hitler-Deutschland und dessen
Folgen. In diesen Ereignissen findet er später die entscheidenden Schlüsselmomente
seiner politischen Sozialisation. Am 13. März 1938 wurden seine Eltern verhaftet,
sein Vater verstarb kurz darauf an den Folgen der Gestapo-Verhöre. Der schockierte
Siebzehnjährige musste sich in einer sehr kurzen Zeit von der Geborgenheit seines
Elternhauses verabschieden. Ihm gelangen Flucht und Rettung aus seiner okkupierten
Heimatstadt Wien und er begann einen ungewissen, neuen Lebensabschnitt als
Unbehauster und Exilant in England.
        In der ersten Zeit des Exils gründete Fried eine Selbsthilfeorganisation von
Emigranten, die bei der Suche nach Unterkünften und bei der Beschaffung von Visa
behilflich waren und die gegen die gesellschaftliche und kulturelle Isolierung der
Vertriebenen wirkten. Die meisten dieser jungen Flüchtlinge gingen später zu den
linken Emigrantenorganisationen. Erich Fried hatte sich in London für kurze Zeit dem
Young    Austria   in   Great    Britain     angeschlossen,   einer   kommunistischen

                                           - 18 -
Widerstandsorganisation, deren Zeitschriften Young Austria und Zeitspiegel im
Frühjahr 1941 seine ersten Prosaskizzen und Gedichte veröffentlichten. Im Laufe der
Zeit distanzierte sich Fried von den linken Emigrantenorganisationen, was nicht nur
aus deren Haltung gegenüber Deutschland resultierte. Grundlegender Zweifel kommt
auf, als die Entwicklung der kommunistischen Parteien zum System von Stalinismus
zu tendieren begann.
       „Trost und Überleben, Widerständigkeit und Orientierungssuche, wache
Auseinandersetzung mit dem Geschehen statt des Ausweichens in einem
metaphysischen Eskapismus“ (Thielking, S. 408) – das sind die zentralen
Themenfelder seiner ersten frühen Gedichte. Von London aus versucht der Emigrant
und Gelegenheitsarbeiter mit den beiden Gedichtbänden Deutschland und Österreich
auf sich aufmerksam zu machen. Zuerst wird seine Poesie nur im bescheidenen Kreis
der Exilierten gelesen, bewertet und verbreitet. Erst aus der Rückschau seines
späteren Erfolgs wurden die konventionellen Sehnsucht- und Mahnverse berühmt.
Seit diesen Anfängen gilt aber unbestritten, dass Fried eine „Klarheit eines
verständlichen, ja auf Kommunizierbarkeit hin angelegten Gedichts“ bevorzugt
(Korte, S. 107). Seine Verse sollen Denken und Handeln anregen.
       Ein interessantes Kapitel im Frieds Leben stellt seine Wirkung in der
deutschsprachigen Rundfunksendung der BBC in London dar. Vereinzelte Beiträge
von ihm wurden bereits vor 1945 gesendet, ab 1950 begann er dort regelmäßig zu
arbeiten und im Jahr 1952 wurde er dort als politischer Kommentator für das
„German Soviet Zone Programme“ fest angestellt. Von dieser Festanstellung löste er
sich erst 1968, als er den deutschsprachigen Dienst als politisch zu unflexibel
empfand, vor allem in Bezug auf den Kalten Krieg. In der BBC informierte Erich
Fried über Wichtiges rund um die Welt, über verschiedene Ereignisse in den Ländern
des Ostblocks, und er korrigierte verdrehte Darstellungen über den Westen. Er
„analysierte mit britischer Kühle und er sprach mit dem heißen Herzen eines linken
Intellektuellen, der zwischen allen Stühlen sitzt.“ (Kaukoreit, S. 53)
       Er griff als politischer Kommentator immer wieder auf sein eigenes Schicksal
und auf seine Erlebnisse zurück – Fried hatte in der BBC sogar seine Gedichte
vorgelesen. Den Verfasser der Gedichte wollte er aber nicht verraten und hat sie
deswegen als „Gedichte eines anonymen DDR-Lyrikers“ bezeichnet. Volker
Kaukoreit legt in seinem Beitrag über E. Fried und seine Wirkung in der BBC
Beweise vor, die für Frieds Autorschaft sprechen. „Zwar liegt keines von den

                                         - 19 -
Gedichten in der im Radio präsentierten Form gedruckt vor. In ihrem Duktus sind sie
jedoch erkennbar ‚friedisch’, und auch die wörtliche Nähe zu veröffentlichten
Gedichten, die offenbar aus der Arbeit am Lehrbuch des Einfachen hervorgingen, ist
unübersehbar.“ (Kaukoreit, S. 54) Als Beispiel legt Kaukoreit einige dieser Verse
vor: das Gedicht Frommer Glaube beschreibt Frieds wachsende Abneigung zur
Entwicklung des Kommunismus in der Sowjetunion:
                                  Die dir sagen:
                            „Vertraue dem Sozialismus
                            ohne ständige Überprüfung
                        seiner Lehren und seiner Führung“

                               Sind wie Mechaniker
                             die es für Unrecht halten
                        ein Flugzeug, das sich bewährt hat
                            noch täglich zu inspizieren.

Der Autor kritisiert die von der kommunistischen Partei geforderte stumpfsinnige
Ergebenheit dem linken Gedankengut gegenüber. Wie schon erwähnt, distanzierte
sich Erich Fried bald von der stalinistischen Auffassung des Kommunismus und
versuchte auch die anderen Mitglieder der linken Organisationen in diesem Sinn zu
beeinflussen und sie von ihrem Dogmatismus und ihrer Fixierung auf Stalin
abzubringen.
       Die Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen, waren jedoch gering und 1944 tritt er
aus dem österreichischen Kommunistischen Jugendverband aus. Gerhard Lampe
spricht in diesem Zusammenhang treffend über Frieds „Schritt in die Emigration in
der Emigration.“ (Lampe, S. 86) Er sei einmal mehr heimatlos gewesen: nicht nur aus
seiner Heimatstadt vertrieben, nicht nur fremd geblieben in der Exilstadt London,
nicht nur als Antifaschist von den Antifaschisten entfremdet, sondern auch ein
Sozialist ohne Bindung. Im Deutschland-Band ist ein Gedicht abgedruckt, das seine
Enttäuschung aus diesem zweiten und mehrfachen Exil zum Ausdruck bringt:

                                  Dichter im Exil

                          Frierend in diese Zeit gekauert
                        und zu Heeren zusammengetrieben,
                        lerntet ihr hassen, ohne zu lieben,-
                      so ist das Wort an euch mir vermauert.

                       Aber mein Wort bleibt ohne Gewicht,
                      wenn es nicht eifert euch zu erreichen.
                   Ihr wohnt fremd hinter Mauern von Leichen;

                                      - 20 -
ich gerate euch aus dem Gesicht.

Die Versuche des Autors, seinen Freunden die Augen zu öffnen und sie dazu zu
bringen, die frostige Wirklichkeit einzusehen, wie sie vor ihnen steht, scheitern. Sein
Wort geht an ihnen vorbei und sie frieren und schweigen weiter. Fried distanziert sich
von ihnen und entscheidet sich für ein weiteres Exil, welches für ihn erträglicher ist,
als das unruhige, schweigende Gewissen der „Gekauerten“.
       Besteht Frieds frühes Werk zum größten Teil aus Zeitgedichten, die als
Reaktion auf den zweiten Weltkrieg, Nationalsozialismus und die Entwicklung der
sozialistischen Tendenzen zu verstehen sind, bringt der Autor in den späten vierziger
und fünfziger Jahren seine inneren Gefühle zum Ausdruck und verschlüsselt dort die
politische Dimension stark (Von Bis nach Seit und Reich der Steine). Mit dem Band
Warngedichte (1964) aber, und erst recht mit dem Band und Vietnam und (1966),
kehrt Fried der Introvertiertheit den Rücken.

        IV.2 Warngedichte (1964)

„Nicht der erhobene Zeigefinger stand bei diesen Gedichten Pate, sondern das
dumpfe Gefühl beim Erwachen und beim Nichteinschlafenkönnen, die nicht
lokalisierbare Beklemmung, das Kopfschütteln, die Furcht und Mitleid oder die
Erbitterung beim plötzlichen Erfassen der Zusammenhänge zwischen verschiedenen
Zeitungsmeldungen.     Nein,    Warnungen         im   Sinne   einer   festeingefahrenen
Weltanschauung oder einer politischen Partei sind diese Verse nicht.“ (Fried: GW, S.
645)
       Die Motive des Begreifens, des Erkennens der Zusammenhänge, die aus
scheinbar unwichtigen und vereinzelten Ereignissen bestehen, ziehen sich wie ein
roter Faden durch die ganze Sammlung. Etwas geschieht und den Großteil der
Menschen interessiert es nicht. Der Bau der Berliner Mauer, die Spiegel-Affäre, die
Wiederaufrüstung der Bundesrepublik, die Lagerung atomarer Waffen, die aggressive
Politik der USA, das sind nur Beispiele von Geschehnissen, die den Dichter „nicht
lokalisierbar beklemmen“ und ihm schlaflose Nächte bereiten. Obwohl er keine
konkreten Ereignisse und Namen nennt (wie es später im Band und Vietnam und
geschieht), begleitet seinen Vers ein schleichendes Angstgefühl, das aufgrund der

                                         - 21 -
politischen Wirklichkeit entsteht. Fried lehnt das sorglose Leben der deutschen
Wohlstandsgesellschaft ab und wendet sich auf die Seite der Protestierenden.
       Lediglich zu protestieren ist dem Autor aber zu wenig. Er sieht in die Zukunft
ein und „mahnt und warnt“:
                                    Ein Prophet

                                    Dieser Narr
                                    erinnert sich
                                   an die Zukunft

                                  Mit seinem Auge
                                  das verfinstert ist
                                   vor der Nacht

                                  Mit seinem Ohr
                                das nichts mehr hört
                                vor dem Schweigen

                                  Mit seinem Hirn
                                   das verbrennt
                                  vor dem Feuer

                                 Mit seinem Schrei

                               (Warngedichte, S. 26)

Auf einem sehr kleinen Raum, mit einer geringen Anzahl an Wörtern kommt hier eine
der meistverwendeten Aussagen der Warngedichte zum Ausdruck: ein Protest gegen
das Schweigen, gegen die gefährliche Passivität und gegen das „Nicht-Sehen-
Wollen“. Der Prophet (dem niemand zuhört) warnt schreiend vor der drohenden
düsteren Zukunft.
       Für Bezeichnung der Poesie der Warngedichte verwendet Hermann Korte den
Begriff „das epigrammatische Zeitgedicht“. Korte zufolge kalkulierte Fried die
Wirkung seiner Verse ein, indem er seine Schlusspointen und Wortspiele auf
Konklusionen hin anlegt, die ein Leser nachvollziehen soll. (Vgl. Korte, S.129) Solch
eine zugespitzte Erkenntnis stellt oft eine Vorhersage der kommenden schlechten
Zeiten dar – wie in Dem Propheten. Die Kombination von Erwartung und Aufschluss
wird vom Autor auch umgekehrt benutzt – der Schlüssel zur Pointe wird dem Leser
schon am Anfang des Gedichtes vorgelegt, die Zusammenhänge begreift man jedoch
erst nach dem Durchlesen:

                                        - 22 -
Euphorie

                                      Wer keine Ohren hat
                                    der glaubt man kann ihm
                               die Haut nicht über die Ohren ziehen
                                      weil sie nicht da sind

                                    Taub gegen Schreckensrufe
                                  hält er sich nie für geschunden
                               wischt sich das Blut von den Knochen
                               und fragt nicht was er zu Markt trägt

                                         (Warngedichte, S. 5)

Eine irrtümliche, frühzeitige Euphorie, falsche Freude über Dinge und Zustände, die
in Ordnung scheinen, nur weil man sich vor der Wirklichkeit versteckt. Das ist die
abwegige Einstellung, auf die der Autor den Leser aufmerksam macht und vor der er
ihn warnt.
           Die Motive dieses Gedichts (und der ganzen Sammlung) sind zwar zeitlos, es
stecken hinter ihnen jedoch konkrete politische und gesellschaftliche Ereignisse. Der
Dichter lässt den Leser Zusammenhänge suchen und er regt ihn zum Mit- und
Weiterdenken an. Sigrid Thielking geht in ihrem Essay über Erich Fried noch einen
Schritt weiter und behauptet, dass Frieds Warngedichte allesamt auf einer sehr
eigenen Art von ausgefeilter didaktischer Kasuistik basieren, welche ein Erfolgsrezept
einer neuen Gebrauchslyrik bedeutete. (Vgl. Thielking, S. 409)
           Die Menge an warnenden und belehrenden Elementen in diesem Band und die
Selbstdarstellung des Autors als Aufklärer und Vermittler haben allerdings nicht nur
positive Reaktionen bei den Kritikern hervorgerufen. Im Jahr 1968 äußert sich zu den
Warngedichten Jürgen P. Wallmann folgendermaßen: „Die Fülle der Mahnungen
kann       ihn    (den    Leser)     irritieren,    und     es   ist   nicht   jedermanns   Sache,
einhundertzwölfmal8 hintereinander gewarnt zu werden. Kurz: Der Quantität ist in
diesem jüngsten Band nicht selten auf Kosten der Qualität der Vorzug gegeben
worden. Einige Gedichte basieren nur auf einem ein wenig überstrapazierten guten
Einfall, vieles ist allzu deutlich auf die Pointe hin konstruiert.“ (Wallmann, S. 63)
Beispiele für solche „Geschwätzigkeit“ finden wir z. B. im Gedicht namens
Gegengewicht: „Das Gedicht / wird richtiger / Die Welt / wird falscher (...) Die Welt /
macht mir Angst / Sie ist schwächer / als ein Gedicht. (Warngedichte, S. 73) Das sind

8
    112 ist die Zahl der Gedichte im Band.

                                                   - 23 -
Verse, die in den 60ern ein breites Publikum erreicht haben – sie erfüllten alle
Kriterien der modernen Dichtung und passten in die neue Welle der „Entdeckung der
Wirklichkeit“ hinein.
       Auch die Experimente aus der Nähe des „Sprach-Labors“ der Konkreten
Poesie der 60er Jahre9 fanden ihren Platz in den Warngedichten. Im Gedicht Zustand
arbeitet Fried mit drei Verben, die er stufenweise aufeinander stapelt und dann auch
vertauscht.
                                       Nicht wissen
                                       nicht wollen
                                       nicht können

                                   nicht wissen wollen
                                   nicht wissen können
                                   nicht wollen können
                                           (...)

                                Und nichts mehr glauben

                                  (Warngedichte, S. 99)

Auch diese Verse würden wahrscheinlich laut Wallmann zu den Gedichten zählen, die
deutlich auf die Pointe hin konstruiert wurden. Ihre Stärken liegen jedoch im
Wortspiel, in dem Sprachmittel, welches von Erich Fried häufig benutzt wird. Im
Gegensatz zu anderen Autoren, die mit Wortspielen arbeiten und sie meistens
humorvoll einsetzen, sind diese in Frieds politischer Lyrik ein Instrument der
dramatischen Zuspitzung des Gedichtes (Ein Kind spielt Graben / bis Erde entsteht /
für sein Grab. ibid.), oder eine attraktive Form ernsthafter Inhalte (wie im oben
zitierten Ausschnitt aus dem Gedicht Zustand).
       Erich Fried ist nicht nur für seine politischen, sondern auch für seine
Liebesgedichte bekannt. In meiner Arbeit werde ich zwar nicht auf diese letzt
genannte Thematik eingehen, ich erwähne jedoch einige Beispiele, wo der Autor
politische und intime Motive verbindet und aufgrund interessanter Vergleiche die
triste Realität der gesellschaftlichen Zustände entlarvt. In den Warngedichten finden
wir das Gedicht Das verschleierte Bild:
                                  Sie lieben die Freiheit
                                           wie sie
                                        ihre Frauen

9
 Im „Sprach-Labor“ wurden Worte und ihre Bedeutungen, sprachliche Muster und Zeichen in ihre
Bestandteile zerlegt und wieder neu zusammengesetzt.

                                           - 24 -
lieben
                                          im Dunkeln

                                          Sie tappen
                                          und wagen
                                        den Blick nicht
                                           in ihren
                                        offenen Schoß

                                    (Warngedichte, S. 62)

Die für Fried typische „Poetik der Erotik“ dient dem Dichter in diesen Zeilen als
Metapher für unehrliche, oberflächige menschliche Handlung. Die Klarheit der
Metapher sagt vieles über die Zeit ihrer Entstehung aus – über den Bedarf solcher
verständlichen, unkomplizierten Texte, die sofort und frontal wirken. Der Titel des
Gedichtes unterstützt seine einzige mögliche Interpretation – eine Warnung vor
falscher, halbherziger Realitätswahrnehmung und der Angst vor der Freiheit mit
allem, was zu ihr gehört.
        Fried verfügt in Warngedichten über eine gestische Sprache. Er demonstriert,
lobt und verurteilt. Die Worte vom Guten und Bösen sind jedoch noch nicht so
konkret, wie sie im folgenden Band und Vietnam und erscheinen werden.
        Die ersten Stücke aus der im Jahre 1964 herausgegebenen Sammlung
Warngedichte hat Erich Fried bereits ein Jahr früher auf der Tagung der Gruppe 47 in
Saulgau gelesen. In diesem Jahr wurde er zu ihrem Mitglied. Er fand da nicht nur
Freunde mit vergleichbaren politischen Erfahrungen und Einsichten, sondern auch
eine Art literarischer Heimat.

          IV.3 und VIETNAM und (1966)

Schon Anfang der 60er Jahre schrieb Erich Fried an Gedichten gegen den
Vietnamkrieg.10 Er sprach Mitglieder der Gruppe 47 an und legte ihnen einen Plan
vor, gemeinsam einen Band gegen den Vietnamkrieg zu schreiben. Seine Initiative

10
   1964 griffen die USA auf der Seite Südvietnams aktiv in den Krieg gegen das kommunistische
Nordvietnam ein. Die angebliche Offensive zum Schutz der amerikanischen Kriegsschiffe entwickelte
sich immer mehr zu einem Vernichtungskrieg gegen das vietnamesische Volk, in dem die Amerikaner
durch den Einsatz von chemischen Waffen durch Flächenbombardierung Tausende von Vietnamesen
töteten. Gegen die amerikanische Einmischung in Vietnam regte sich auch in Deutschland ein starker
Widerstand. Für die Studentenbewegung war der Vietnamkrieg das entscheidende Symbol für den
Imperialismus der Großmächte. Die Studenten wurden auch von einer Reihe von Schriftstellern
unterstützt (Vgl. Hoffmann, S. 123-4).

                                             - 25 -
fand aber keine Resonanz – Politik und Lyrik waren in der Zeit noch sauber getrennt
und die Schriftsteller wagten nicht, diese Grenze zu überschreiten. So vermisste Fried
nicht nur einen Kreis gleichgesinnter Kollegen, er fand auch keinen Verleger für den
geplanten Band. Erst 1965 traf er den Verleger Klaus Wagenbach, der seine
Gedichtsammlung herausgab und mit dem eine lange Freundschaft entstand.
       Der Band und Vietnam und enthält einundvierzig Gedichte, in denen Fried
ganz direkt zum Krieg in Vietnam Stellung nimmt. Sie wenden sich gegen Mord und
Folter, gegen Heuchelei und Lüge, wobei die Sympathie des Autors dem gequälten
Volk in Vietnam gilt. Die Vietnam-Gedichte zögern nicht anzuklagen, zu enttarnen
und zu benennen. Die Täter tragen Namen und haben Gesicht.
       Auf der ersten Seite der Sammlung aus dem Jahr 1966 ist die Landkarte
Vietnams gezeichnet und am Schluss finden wir eine Chronologie der Ereignisse des
Vietnam-Krieges. Dem Verfasser ist es offenbar sehr wichtig, dass der Leser genau
weiß, worüber gesprochen wird. Eine untypische Verbindung geo-politischer Daten
mit Poesie kündigt eine Lyrik an, die nicht nur mit Poetik alleine, sondern auch mit
Fakten arbeiten wird. Trotzdem beginnen die Verse im Stil eines Märchens:

                           Das Land liegt sieben Fußtritte
                               und einen Schuss weit

                                seine südliche Hälfte
                                  heißt Demokratie

                              In ihrer Hauptstadt Sodom
                       regiert ein Soldat der Mein Kampf lernt

                           Die Mönche sind buddhistisch
                                 oder katholisch

                             Die buddhistischen Mönche
                              werden oft Rote genannt

                             In Wirklichkeit sind sie gelb
                             aber nicht wenn sie brennen.
                                         (...)
                              Die Mädchen sind zierlich
                           ihre Särge sind leicht zu tragen.

                            Die Toten werden verbrannt
                                 wie die Lebenden

                                        - 26 -
(...)
                                  (und Vietnam und, S. 7)

Ein bitterer Sarkasmus erwartet den Leser der ersten Worte dieser Sammlung. Das
„märchenhafte“ Erzählen kontrastiert stark mit dem Inhalt des Gedichtes und lässt ihn
noch grauenhafter erscheinen. Das Gedicht wirkt direkt und ohne verschiedenartige
Interpretationsmöglichkeiten. Sein effektivstes Mittel ist das Schockieren, welches
durch das offene Benennen der Sachen, über die man lieber schweigen würde,
geschieht. Die Selbstverständlichkeit, mit der das ungeheuere Geschehen beschrieben
wird, paralysiert den Leser.
        Die verwendeten Metaphern sind leicht zu dechiffrieren: südliche Hälfte /
heißt Demokratie – der südliche Teil der Insel (seit 1955 die Republik Südvietnam)
wurde durch Amerikaner militärisch und politisch unterstützt. An diesem Beispiel
kann man gut betrachten, wie Erich Fried mit Ironie und Sarkasmus umgeht (ähnliche
Verwendungen dieses Sprachmittels finden wir im ganzen Band). Die südliche Hälfte
der Insel sei insofern demokratisch, wie die USA demokratisch seien – der Autor
weist mit seinen ironisch gemeinten Versen auf die von amerikanischer Regierung
und den Medien verbreitete Propaganda hin, dass nur die „Demokratie“ nach dem
Vorbild der USA die richtige sei.11
        Die Aufdeckung der Macht der Medien, ihrer Korruptheit und der Tendenz zur
Verzerrung der Wirklichkeit des Vietnam-Krieges, ist eines der wichtigsten Themen
des Buches. Sigrid Thielking spricht in Bezug auf diesen Band über ein „neues
Selbstbewusstsein der politischen Lyrik.“ (Thielking, S. 411) Der Dichter enthülle die
Mittelsmänner der Tätergruppen, die mitwirkenden Apparate – Print- und TV-
Medien, und weist auf die Rüstungs- und Medienpolitik der USA hin, die fähig ist,
durch Presse, Rundfunk und Fernsehen Massen zu manipulieren und sie für „ihre
Seite“ zu gewinnen. Eines der bekanntesten Gedichte mit dieser im Vordergrund
stehenden Thematik trägt den schlichten Namen 17. – 22. Mai 1966:

                                      Aus Da Nang
                                wurde fünf Tage hindurch
                                    täglich berichtet:
                               Gelegentlich einzelne Schüsse

11
  Die Regierung der USA ließ ihre Bürger für den Großteil der Kriegsdauer im Unklaren über die
wirkliche Lage in Vietnam und über die Dimension der Bombardierungen. Die großen
Antivietnamkriegs-Proteste fanden erst in der zweiten Hälfte der 60er statt.

                                            - 27 -
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