PRESS REVIEW Thursday, June 10, 2021 - Daniel Barenboim Stiftung Barenboim-Said Akademie & Pierre Boulez Saal
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PRESS REVIEW
Daniel Barenboim Stiftung
Barenboim-Said Akademie & Pierre Boulez Saal
Thursday, June 10, 2021PRESS REVIEW Thursday, June 10, 2021 Süddeutsche Zeitung, BSA Ein Besuch bei Halal-Metzgern, Konditoren und Schülern, die der Israel-Gaza-Konflikt umtreibt Berliner Morgenpost Sir Simon Rattle gastiert mit seinem Londoner Orchester Der Tagesspiegel Musikfest Berlin stellt Strawinsky in den Fokus Die Welt Nora Schmid wird neue Intendantin von Dresdens Semperoper. Im Interview spricht die Schweizerin über die Modernisierung einer Legende, die Last der Tradition und den scheidenden Dirigenten Christian Thielemann Berliner Morgenpost Theater nach dem Lockdown: Ersan Mondtag inszeniert „It’s going to get worse“ am Gorki Die Zeit Berichte über Gewalt, Ausbeutung und sexuellen Missbrauch an deutschen Kultureinrichtungen häufen sich Süddeutsche Zeitung Digitale Experimente gehören für die Freie Theaterszene schon lang dazu, wie das „Impulse“-Festival zeigt Frankfurter Allgemeine Zeitung Welche Regeln brauchen wir, um Probenarbeit sicherer zu machen, ohne Möglichkeitsräume der Kunst abzuschaffen?
10.6.2021 Palästinenser in Berlin: Was ist meine Geschichte? - Kultur - SZ.de
Home > Kultur > Israel > Palästinenser in Berlin: Was ist meine Geschichte?
22. Mai 2021, 12:20 Uhr Berlin und der Nahostkonflikt
Straße in Aufruhr
Zwei Männer auf dem Hermannplatz. Statue mit der Palästina-Fahne. (Foto: Achille Abboud/imago
images)
Die Sonnenallee heißt in Berlin auch Scharia al-Arab, Straße der Araber. Ein
Besuch bei Halal-Metzgern, Konditoren und Schülern, die der Israel-Gaza-
Konflikt umtreibt.
Von Sonja Zekri, Berlin
Sie nennen sie Scharia al-Arab, die Straße der Araber, und manche kennen nicht
mal ihren richtigen Namen. Die Sonnenallee sei die "primitivste Straße" der
Stadt, sagt einer kühl, "aber hier wird das Geschäft gemacht" - beim Juwelier Al-
Sham, im Café Fairuz und im Telefonladen Al-Aqsa, in Schischa-Geschäften mit
dickwanstigen Glaskolben und in Parfümerien mit Fake-Chanel.
Wie Besucher einer anderen Welt flanieren dazwischen junge Hipster-Familien,
begleitet von Großeltern, die tapfer versuchen, ihre Verstörung zu verbergen.
Aus Fenstern hängen palästinensische Flaggen, keine grünen, das wäre die
Farbe der Hamas.
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Schon lange hat die Sonnenallee nicht so viele Schlagzeilen gemacht wie jetzt,
als Demonstrationen zum Nahostkonflikt entgleisten. Physisch, denn Jugendli-
che warfen Steine und Flaschen auf Polizisten, die daraufhin Teenager in Hand-
schellen abführten. Programmatisch, weil einige Teilnehmer antisemitische
Parolen riefen.
In deutschen Städten wurden jüdische Einrichtungen angegriffen, Israelfahnen
verbrannt. Die Öffentlichkeit, nicht nur die rechte, diskutiert über den "impor-
tierten" Antisemitismus in einem "muslimisch-arabischen Milieu" oder gleich
über den "antisemitischen Mob". Gemeint ist auch die Sonnenallee.
In der palastartigen "King Konditorei" von Mohammed Hassoun hängen die
Reste der Ramadan-Deko über Blätterteigtürmen, von einem Poster leuchtet die
Kuppel der Omaijjaden-Moschee in Damaskus. Hassoun ist Syrer und erfolgrei-
cher Geschäftsmann, die Krawalle gehen ihm schwer gegen den Strich: "Was ge-
ben wir für ein Bild ab? Das gehört sich nicht."
"Was geben wir für ein Bild ab? Das gehört sich nicht." Baklawa-Konditor Mohammed Hassoun. (Foto:
Sonja Zekri)
Er kann das alles nicht ernst nehmen, nicht die Jungen, für die die Proteste eine
Selfie-Gelegenheit sind, und auch nicht die Älteren. Auf der Sonnenallee hört
man: "Al-Quds ist die rote Linie!" Al-Quds ist das arabische Wort für Jerusalem,
die drittheiligste Stadt der Muslime. Israel schoss Tränengas und Blendgranaten
in die Al-Aksa-Moschee, was den Konflikt mit auslöste. "Was wissen diese Leute
von Al-Quds?", fragt Hassoun: "Was haben sie je für die Palästinenser getan?
Keinen Euro würden sie geben, wenn man sie fragt." Heimat sei, wo man lebt,
nicht wo der Vater geboren ist. Und Hassoun lebt jetzt in Berlin.
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So abgeklärt sind nicht viele, nicht mal in seiner eigenen Familie. Seinem Sohn
Nadir, 13, hatte Hassoun die Teilnahme am Protest verboten, aber er ging trotz-
dem hin, um zu sehen, "was da los ist", wie er jetzt etwas verlegen sagt. Und was
war los? "War nicht schön."
Auf der Sonnenalle hört man Sätze wie: "Die Deutschen sind schuld. Sie haben
die Juden umgebracht, deshalb entstand Israel, und die Palästinenser verloren
ihr Land." Oder: "Was können die Araber dafür, dass sie gerade von Juden
besetzt wurden?"
Nach einigem Suchen entdeckt man im Schaufenster eines Copy-Shops einen
Anhänger mit den Palästinenserfarben in den Umrissen des Staates Israels.
Nach einstündigem Gespräch gibt ein Palästinenser zu, es habe lange gedauert,
bis er begriffen habe, dass man das Existenzrecht Israels nicht infrage stellen
dürfe. "Diese Erkenntnis war ein Schock für mich."
Ein Metzger schneidet Halal-Wurst unter einem Poster des Felsendoms. Er
kommt aus Aleppo, spricht kein Wort Deutsch und fragt: "Bist du verheiratet?"
Er versteht nicht, was es da zu lachen gibt.
Der Friseur ein paar Häuser weiter ist Palästinenser aus dem Flüchtlingslager
Ain Al-Helweh in Libanon, so wie viele Palästinenser in Berlin aus libanesischen
Lagern kommen. Die meisten Deutschen wissen nichts von der Enge dieser
Camps, von einem Leben ohne Arbeit, ohne Rechte, ohne Zukunft. Das müssen
sie auch nicht, die Mehrheitsgesellschaft genießt das Privileg des Nicht-Wis-
sens. Nur der Friseur kann die Lager nicht vergessen, nicht Ain al-Helweh, nicht
Sabra und Schatila, wo die israelische Armee Massaker von phalangistischen
Milizen an Hunderten Palästinensern zuließ. So aberwitzig es klingt, womöglich
ist es großzügig gemeint, wenn er sagt: "Die Israelis können in Palästina bleiben.
Aber sie dürfen keine palästinensischen Kinder umbringen."
Ein Mann zeigt Fotos verstümmelter Leichen. Seine Familie in Gaza,
behauptet er. Aber warum lächelt er?
Ist das zu wenig? Muss er die Erfahrungen seiner eigenen Geschichte durch die
Erfahrungen aus der deutschen Geschichte ersetzen? Und welche gilt, wenn sich
beide widersprechen? Selbst bei allerbestem Schulunterricht über die NS-Zeit
ist es gerade für junge Migranten gar nicht so einfach festzustellen, was das ist:
meine Geschichte. Eine junge Frau denkt nach und sagt: "Die Geschichte meiner
Eltern ist nicht meine eigene, die deutsche Geschichte ist es auch nicht. Ich habe
keine Geschichte."
Die Berliner Polizei, dies am Rande, kann den Eindruck eines präzedenzlosen
Antisemitismus auf den Demonstrationen nicht bestätigen. Frühere Proteste
zum Nahostkonflikt seien von schlimmeren Ausschreitungen begleitet gewesen,
sagt ein Sprecher.
Auf Höhe des Parfümladens drängt sich ein junger Mann mit Wollmütze ins Ge-
spräch. Ah, es gehe um Gaza, da komme er her. Er sei schon lange fort, habe aber
noch immer Familie dort, oder genauer: hatte. Kurze Suche auf dem Telefon,
dann zeigt er lächelnd ein Video mit verstümmelten Leichen. Es seien Mitglieder
seiner Familie, der Al-Masri, sieben Verwandte seien vor Tagen durch eine israe-
lische Bombe ums Leben gekommen. Das Handy klingelt. "Wo bist du, Bruder?"
Weg ist er.
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Warum dieses Lächeln? Zu den klassischen Propagandatricks des Nahen Ostens
gehören Lügen, Fotomontagen, auch falsche Leichen. Das Internet hat sie ver-
vielfacht, und dass viele junge Deutsch-Araber nicht richtig Arabisch sprechen,
macht sie noch anfälliger für Täuschungen. Waren diese Toten echt? Waren es
Verwandte? Vielleicht hatte er eine große Familie, sagt ein Zuhörer, vielleicht
fühlt er sich den Verstorbenen auf andere Weise verbunden: "Es waren Men-
schen, und sie sind tot. Das zählt."
In einer Nebenstraße sitzen Nidan und Mina, wie sie sich hier nennen, nach
Schulschluss in der Sonne und essen libanesische Pizza. Nidan ist 18, trägt Kopf-
tuch, ihre Eltern sind Schiiten aus Libanon. Mina ist 20, und trägt keins, ihre
Wurzeln sind türkisch-kurdisch-libanesisch. Beide sind in Deutschland gebo-
ren, beide machen gerade Abitur, beide können sich vorstellen, Politikerin zu
werden. Die Stimme erheben, etwas tun für Neukölln. Wer, wenn nicht sie.
"Eine israelische Flagge zu verbrennen ist richtig respektlos."
Der Nahostkonflikt wühlt sie auf, die Trauer über die Toten, die Angst, dass es
niemals aufhört, die Möglichkeit, dass die israelische Regierung die Palästinen-
ser vernichtet. Vernichtet? Wenn man eines der gängigen Antisemitismus-Krite-
rien anlegt, müsste man das Gespräch an dieser Stelle abbrechen. Wird Israel
hier nicht dämonisiert? Wird ihm nicht Völkermordabsicht unterstellt? In letzter
Konsequenz: der Holocaust relativiert?
Man kann aber auch nachfragen.
Wie würde sie die Vernichtung denn genau anstellen, die israelische Regierung?
Na, Siedlungen bauen und so den Palästinensern Land wegnehmen, ihre Häuser
zerstören, "bis die Palästinenser nicht mehr können". Dies nun trägt eher den
Charakter von UN-Berichten, und dann wird es richtig interessant. Nidan for-
dert eine Zwei-Staaten-Lösung. Mina ergänzt, das Land müsse allerdings ge-
recht geteilt sein, Berge und Meerzugang für beide Seiten. Dann wieder Nidan:
"Und Jerusalem gehört allen Religionen. Es ist für alle eine heilige Stadt."
Sie haben volles Verständnis für die Wut, aber nicht für die Hetze. Viele Israelis
und Juden lehnten den Krieg ab, wie sollten sie ihre Solidarität ausdrücken,
wenn sie beschimpft werden? "Eine israelische Flagge zu verbrennen ist richtig
respektlos", sagt Nadine. Sie jedenfalls gehe auf keine Demo, solange nicht ga-
rantiert sei, dass niemand "Scheiß-Israel" rufe: "Ich habe eine sehr enge Freun-
din, die Jüdin ist. Wie soll ich ihr unter die Augen treten?"
Fadi Abdelnour hat mit Juden für den Frieden in Nahost protestiert, gar nicht
weit entfernt in Kreuzberg. Jung, alt, queer, sogar ein Mann mit Kippa sei dabei
gewesen. Aber wurde darüber viel berichtet? In Zeiten wie diesen meidet er die
deutsche Presse, die Stereotypen vom Palästinenser, der erfüllt ist von ewigem
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Hass, er erträgt sie nicht. "Im Radio heißt es dann: ,Zwei Israelis wurden getötet,
und 100 Palästinenser sind gestorben.' Als wären sie Opfer eines Erdbebens",
sagt er. Tote Palästinenser blieben oft eine Zahl, eine anonyme Gruppe, israeli-
sche Tote aber bekämen meist Namen: "Sie werden zu Menschen."
Meidet die deutsche Presse: Buchhändler Fadi Abdelnour. (Foto: Sonja Zekri)
Fadi Abdelnour ist Palästinenser, in Ramallah aufgewachsen, und er liest sonst
viel. Im September hat er einen arabischen Buchladen eröffnet. "Khan Aljanub",
Herberge des Südens, liegt in einem Hinterhof der Potsdamer Straße, ein Fach-
werkhaus unter Feigenbäumen und Wein. Es ist ein verträumter, ein märchen-
hafter Ort, aber kein Schutz vor den Hilferufen aus Gaza auf Facebook.
Mit 24 Jahren kam Abdelnour zum Designstudium nach Deutschland, er arbei-
tet als freier Grafiker, hat ein arabisches Filmfestival geleitet, hält in der Berliner
Barenboim-Said-Akademie demnächst einen Vortrag über Eurozentrismus im
Kunstbetrieb. Dass in Deutschland selbst Juden vorgeschrieben werde, wie sie
über Israel zu reden haben, das sei nicht Ausdruck von Sensibilität gegenüber
den anderen, sondern deutsche Selbstfixierung.
So sehr er als Säkularer die Politik der Hamas ablehnt - in seinem Buchladen
verkauft er nichts Religiöses -, so sehr ihn der Antisemitismus auf den anderen
Protesten abgestoßen hat, so sehr erbittert ihn die deutsche Empathielosigkeit
gegenüber den arabischen Traumata. "Jetzt stehen wieder alle Araber unter Ge-
neralverdacht", sagt er: "Als wollte man Antisemitismus mit
Rassismus bekämpfen."
Für Samstag, einen Tag nach dem Waffenstillstand, sind in Berlin weitere
Demonstrationen angemeldet.
© SZ/alex/frdu Feedback
https://www.sueddeutsche.de/kultur/israel-gaza-berlin-antisemitismus-araber-1.530104110.6.2021 Berliner Morgenpost
KULTUR SEITE 10 | DONNERSTAG 10. JUNI 2021
Sir Simon Rattle gastiert mit seinem Londoner Orchester
Musikfest Berlin setzt wieder auf internationale Künstler
Simon Rattle kommt mit seinem Londoner Orchester. Foto: I. Infantes AFP
Von Volker Blech
Es ist ein beachtliches wie optimistisches Paket, das vom Musikfest Berlin am Mitt-
woch auf den Tisch gelegt wurde. Vom 28. August bis 20. September sollen 34 Ver-
anstaltungen mit Musik aus fünf Jahrhunderten in der Philharmonie, im Konzerthaus
am Gendarmenmarkt und im rbb Sendesaal stattfinden. Aufgeführt werden von 29
Instrumental- und Vokalensembles mehr als 100 Werke von 52 Komponisten und
Komponistinnen.
„Ich freue mich sehr über die Zusammenarbeit der Partner-Institutionen. Wir haben
den Strawinsky-Schwerpunkt hinbekommen“, sagt Winrich Hopp, der Leiter des
Musikfestes: „Und auch die Heiner-Goebbels-Tournee konnten wir als gesamtes Pa-
ket mit vereinten Kräften in dieses Jahr hinüberziehen.“
Strawinsky in 1960er-Jahren ein gefeierter Gast
Eröffnet wird das Musikfest am 30. August in der Philharmonie mit der Urauffüh-
rung von Heiner Goebbels’ „A House of Call. My imaginary Notebook“. Im rbb
Sendesaal wird sein „Liberté d’action“ als szenisches Konzert am 5. September prä-
sentiert. Komponist Igor Strawinsky war in den 1960er-Jahren bei den Berliner Fest-
wochen mehrfach ein gefeierter Gast.
https://emag.morgenpost.de/titles/bmberlinermorgenpost/10120/publications/952/articles/1367322/10/2 1/210.6.2021 Berliner Morgenpost
Zu den Highlights gehört sicherlich das Gastspiel des London Symphony Orchestra
unter Leitung von Sir Simon Rattle. Der in Berlin lebende Stardirigent hatte in der
Pandemie angekündigt, sein Londoner Orchester aufzugeben und in München das
Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks zu übernehmen. Beim Musikfest
werden sich neben den Berliner Orchestern auch das Concertgebouworkest Amster-
dam mit Daniel Harding, die English Baroque Soloists mit John Eliot Gardiner, das
Orchestre des Champs-Élysées und Collegium Vocale Gent mit Philippe Herre-
weghe, das Orchestre Les Siècles mit François-Xavier Roth und das Lucerne Festi-
val Contemporary Orchestra präsentieren. „Die Orchester zu bekommen, das ist
nicht das Problem, alle wollen gerne spielen“, sagt Winrich Hopp. „Wir sind diesmal
auch nicht transatlantisch unterwegs. Und wir sind dabei auch im Verbund mit ande-
ren Häusern wie Luzern aktiv. Es gibt natürlich Dinge wie die Reiserestriktionen, die
wir im Moment noch nicht übersehen können.“
Berliner Morgenpost: © Berliner Morgenpost 2021 - Alle Rechte vorbehalten.
https://emag.morgenpost.de/titles/bmberlinermorgenpost/10120/publications/952/articles/1367322/10/2 2/210.6.2021 https://epaper.tagesspiegel.de//webreader-v3/index.html#/476565/24-25
Donnerstag, 10.06.2021, Tagesspiegel / Kultur
Musikfest Berlin stellt Strawinsky in den
Fokus
Es ist nicht übertrieben, Igor Strawinsky als den „Picasso unter den Komponis-
ten“ zu bezeichnen. Denn ebenso wie der große Spanier war auch der vor 50
Jahren verstorbene Russe nie zufrieden mit dem Erreichten, blieb unablässig
auf der Suche nach neuen Inspirationsquellen und hat sich in seinem 88 Jahre
währenden Leben dabei ästhetisch mehrfach gehäutet. Das Spätwerk des kos-
mopolitischen Komponisten stellt Winrich Hopp in den Fokus des „Musikfest
Berlin 2021“. Der für sein vernetztes Denken bekannte künstlerische Leiter des
Festivals macht Strawinskys Spätwerk zum Dreh- und Angelpunkt der 34 Kon-
zerte, die vom 28. August bis zum 20. September die neue Saison einleiten. Da-
bei werden die Künstler:innen Blicke weit zurückwerfen, in die Zeiten von Re-
naissance und Barock, an denen sich die Fantasie des reifen Strawinsky entzün-
dete. Aber sie werden auch auf die Gegenwart schauen, neue Werke von George
Benjamin, Rebecca Saunders und Wolfgang Rihm vorstellen, von Clara Iannotta,
Ondrej Adámek, Olga Neuwirth und Lisa Streich. Am 30. August wird in der
Philharmonie Heiner Goebbels‘ „A House of Call“ uraufgeführt, es gibt ein Parti-
zipationsprojekt von Cathy Milliken und im Konzerthaus wird der Stummfilm
„Hoffmanns Erzählungen“ von Max Neufeld aus dem Jahr 1923 mit neu geschaf-
fener Musik von Johannes Kalitzke gezeigt.
Das „Musikfest Berlin 2021“ will aber auch die Rückkehr des hauptstädtischen
Konzertbetriebs zur Normalität markieren – wenn die Inzidenzzahlen dies zu-
lassen: Neben den Berliner Orchestern werden viele auswärtige Gäste erwartet,
darunter das Concertgebouworkest Amsterdam, die English Baroque Soloists,
das Orchestre des Champs-Élysées und das Collegium Vocale Gent, das London
Symphony Orchestra mit Simon Rattle, das Orchestre Les Siècles und das Lu-
cerne Festival Contemporary Orchestra. Am 28. August wird zudem die Grün-
dung des Bundesjugendchores gefeiert (der Vorverkauf startet am 3. 8., weitere
Infos: www.berlinerfestspiele.de). F. H.
https://epaper.tagesspiegel.de//webreader-v3/index.html#/476565/24-25 1/1FEUILLETON
Murnaus Bibel
Geschichte eines legendären
Buchs über den „Faust“-Film Seite 22
DIE WELT DONNERSTAG, 10. JUNI 2021 SEITE 21
KOMMENTAR
Shaming und „Ich liebe dieses Haus, dieses
Orchester, dieses Ballett“:
Nora Schmid über die
Gegenshaming Semperoper in Dresden
W
MARIE-LUISE GOLDMANN
er am Mittwoch Twitter öff-
nete, konnte eine unge-
wöhnlich große Solidari-
tätswelle mit der Grünen-Politikerin
Ricarda Lang beobachten, „gerade über
Parteigrenzen hinweg“, wie Lang selbst
später in einem Dankes-Tweet an ihre
Unterstützer formulierte. Was war pas-
siert, was einer solch breiten Verteidi-
gungsfront bedurfte?
Während die 27-Jährige in der Talk-
show „Hart, aber fair“ auftrat, um dort
über die Wahlen zu sprechen, lenkten
bei Twitter einige schnell das Ge-
spräch weg von ihren Argumenten hin
auf ihr Aussehen. Ein Nutzer etwa
schreibt „Wenn #RicardaLang beim
Studium genauso reinhauen würde wie
beim Kuchenbuffet, hätte sie längst
den Abschluss“.
Wenig subtil wird hier auf ihr Kör-
pergewicht angespielt und mit diesem
ihr vermeintliches Langzeitstudium
begründet. Ein Fall von Fatshaming wie
aus dem Bilderbuch. Wer es lieber in
„ism“-Form mag: Sizeism nennt man
das, was sich fast automatisch einstellt,
wenn Frauen wie Ricarda Lang oder
auch die Autorin Giulia Becker ihre
Stimme in der Öffentlichkeit erheben.
Denn anstatt „nur“ die vermeintli-
che Unattraktivität eines Körpers zu
konstatieren, der vom standardisierten
Schönheitsideal abweicht, schließt der
Verfasser des Tweets von der Oberflä-
DPA/ROBERT MICHAEL
che auf tieferliegende Charaktereigen-
schaften. Damit ist er nicht allein: Dic-
ke werden Studien zufolge häufiger mit
Faulheit, fehlender Disziplin, Willens-
schwäche, Gemütlichkeit und Unge-
pflegtheit assoziiert.
„Ich habe ja bisher
Von Diskriminierung gegen meist
immer nur ALS FRAU gearbeitet“
angeborene Identitäten wie Ge-
schlecht, Religion und Ethnie grenzt
I
sich die immer häufiger diskutierte
Form des Shamings, deren prominen-
teste Form das Body Shaming mit den
Unterkategorien Fat Shaming, Skinny
Shaming, Acne Shaming, Sweat Sha-
ming unter anderem ist, insofern ab,
als es suggeriert, die Betroffenen trü-
gen selbst die Verantwortung für ihr
Aussehen und ihr Handeln. rgendwie muss Sachsen eine At- fruchtbare, damals auch schon den freue, hat dann gerade ihr 475. Jubilä- Die Kulturministerin Barbara
Wer unter Akne leidet, wasche sich traktivität auf opernaffine frisch berufenen Christian Thiele- um gefeiert. Da muss ich also auch auf- Klepsch hat bei der Nichtverlänge-
das Gesicht nicht richtig, wer zu dünn Schweizer ausüben. Nach dem Ba- mann einbeziehende, zu den Oster- passen, dass wir vorwärts und nicht rung der alten Verträge von der
ist, esse zu wenig, wer zu dick ist, esse seler Peter Theiler, der im Som- festspielen Salzburg ausgeweitete Pla- nur rückwärts blicken. „Perspektive Semperoper 2030“ und
zu viel – in diesem Fall Kuchen. Im mer 2024 im Alter von 68 Jahren nung nach noch nicht einmal zwei anderen Marketingfloskeln gespro-
Vergleich zu Rassismus steckt hinter vertragsgerecht aus dem Amt als In- Jahren durch den tragischen Tod von Ein altes Dresdner Problem. chen. Machen Sie sich mit denen ge-
Body Shaming also der Gedanke, keine tendant der Semperoper scheiden Ulrike Hessler beendet worden, die – Eine lokale Bestimmtheit, mit der ich mein?
Nora Schmid wird
auf Stereotypen beruhenden, verallge- wird, folgt ihm die dann immer noch nach einer Übergangs- und Interims- zu leben gelernt habe und die ich hof- Im Gespräch wurden die Perspektiven
meinernden Aussagen über eine Grup- erst 45 Jahre alte Bernerin Nora zeit – auch für mich die Weichen an- fentlich kreativ zu nutzen wissen wer- und Erwartungen bereits anders und
neue Intendantin
pe von Menschen zu treffen, sondern Schmid. Das wurde von Kulturministe- ders gestellt hat. de. Auch in Graz habe ich stets mit ei- tiefer ausgelotet als in der Presseerklä-
von körperlichen Merkmalen direkt rin Barbara Klepsch (CDU) verkündet. nem bedeutenden, die Besucher be- rung. Und natürlich bemühe ich mich
von Dresdens
und kausal auf individuelle Lebensent- Noch nicht mal einem Monat, nach- Was haben Sie anschließend in Graz geisternden historistischen Theater- jetzt erst mal um die Semperoper
Semperoper.
scheidungen und Charaktermerkmale dem sie die Verträge des gegenwärti- gelernt? bau von Fellner & Helmer zu konkur- 2024. Was 2030 kommen wird, das mag
zu schließen. gen Führungsduos – neben Theiler vor Eigentlich alles. Komplette Verant- rieren. Und es gibt ja auch eine gewisse man sehen. Zuerst werde ich mich sehr
Im Interview spricht
Doch immer stärker setzt sich heute allem Christian Thielemann als Chef wortung vor allem. Ich war und bin ja Dresdner Verbundenheit mit Graz: intensiv um meine Generation, die
die Auffassung durch, dass der Beschaf- der Dresdner Staatskapellenchef – hier auch geschäftsführend in der Der legendäre Semperopernintendant Mittelalten, kümmern, die wieder ver-
die Schweizerin über
fenheit des eigenen Körpers nicht im- nicht verlängert hatte. Pflicht, bin für Oper, Ballett und die Ernst von Schuch war ebenso Grazer stärkt zur Faszination des Musikthea-
mer eine freie Wahl zugrunde liege. Finanzen verantwortlich. Da hat mir wie der hier lange Jahre als Strauss-In- ters geführt werden sollen, an die ich
die Modernisierung
Der Konsens ist breit, dass nicht jeder VON MANUEL BRUG meine Dresden-Erfahrung geholfen, timus wirkende Dirigent Karl Böhm. fest glaube.
Mensch etwas für sein Gewicht könne. und jetzt nehme ich Graz-Erkenntnis- Und sogar die Zweitaufführung der
einer Legende,
Genetische, psychische und gesell- Nora Schmid war eine naheliegen- se mit auf diese neue, bedeutende Po- skandalösen, in Dresden uraufgeführ- Ihre bedeutendste Personalie wird
die Last der
schaftliche Faktoren werden als deter- de, von manchem Insider sofort ge- sition. Für die ich in Dresden freilich ten „Salome“ fand 1906 in Graz statt – aber erst einmal ein Musikchef oder
minierend angeführt. mutmaßte Wahl. Schließlich hatte sie weiterhin Wolfgang Roth als Ge- in der Anwesenheit von Strauss, Mah- eine Musikchefin sein?
Tradition und
Neben den zwei Strategien einer Af- bereits von 2010 bis 2014 an der Sem- schäftsführer an meiner Seite habe, ler, Puccini, Schönberg, Alban Berg, Natürlich. Ich liebe dieses Haus, die-
firmation der Freiheit, auszusehen wie peroper als Chefdramaturgin, persön- den ich ja schon von früher kenne und Alexander Zemlinsky und womöglich ses Orchester, dieses Ballett, die ich
den scheidenden
man will, und dem Eingeständnis, dass liche Referentin der allzu früh verstor- dem ich voll vertraue. auch des 16-jährigen Adolf Hitlers. alle in so vielen, exzellenten Auffüh-
es mit der Freiheit zum eigenen Körper benen Intendantin Ulrike Hessler und rungen erleben durfte. Für den Chef-
Dirigenten
gar nicht so weit her ist, lässt sich interimistischen Opernleiterin gear- Waren Sie eigentlich die einzige So kommen Sie jetzt also gern zu- posten ist jetzt erst einmal die Kapelle
allerdings derzeit auch ein dritter beitet. Dem sich – ab 2015 und noch bis Kandidatin? rück?
Christian Thielemann
am Zug, sie muss eruieren, an wen sie
Trend, dem Shaming entgegenzuwir- 2023 – acht erfolgreiche Jahre als ge- Nein, ich wurde zwar von der Kultur- Unbedingt! Ich habe schon lauter be- sich binden will. Natürlich werden wir
ken, beobachten: Das Gegenshaming, schäftsführende und auch für das Bal- behörde direkt angesprochen, aber es kannte Gesichter wiedergesehen, als auch diskutieren, ob nicht ein gemein-
also die Entwicklung zu einer spiralför- lett zuständige Intendantin der Oper gab noch Mitbewerber und -bewerbe- ich heute im Haus war. Und viele samer Opern- wie Kapellenmusikdi-
migen Schamkultur, begünstigt durch Graz anschlossen. Wir sprachen mit rinnen. Ich hatte ja schon andere Job- Glückwünsche aus Dresden zu meiner rektor optimal wäre und wer das sein
die digitalen Pranger, ist auf beiden Nora Schmid über die Modernisierung anfragen, aber das war bisher die ein- Berufung erhalten. Aber ich werde könnte. Gleichzeitig würde ich mir
Seiten zur prominenten Form avan- einer Legende, die Rückgewinnung zige, die mich, nach nur kurzer Überle- mich hier in jedem Fall neu aufstellen. wünschen, dass Christian Thielemann
ciert, dem Gegner mit den Mitteln der der mittleren Generation und Christi- genszeit, sofort interessiert hat. Auch wenn nicht alle Projekte der mit all seinen unbestreitbaren Fähig-
Entwürdigung statt mit inhaltlichen an Thielemann. Hessler-Zeit verwirklicht werden keiten der Staatskapelle als Gast er-
Argumenten beizukommen. Warum? konnten, Theater ist schnelllebig und halten bleiben würde. Und auch Bal-
Die Autorin Judith Sevinç Basad WELT: Lieben Sie die Sächsische Dresden und die Semperoper sind na- zehn Jahre sind eine lange Bühnenzeit. lettdirektor Aaron Watkin, mit dem
nimmt in ihrem kürzlich erschiene- Schweiz? türlich schon allein durch die hier sehr Es freut mich aber, wenn damals gebo- ich schon früher sehr gut zusammen-
nen Buch „Schäm dich!“ die politisch NORA SCHMID: Unbedingt! Ich bin na- leidenschaftlich gelebte Tradition ver- rene Ideen, wie etwa die Zweite Szene gearbeitet habe, ist ja seit 2006 hier in
korrekten Woken unter die Lupe, die türlich qua Geburt eine leidenschaftli- führerisch. Der man sich stellen muss, als Nebenspielstätte, die wir einer Pro- Dresden. Das sind 2024 bereits 18 sehr
sich der Beschämungsstrategie – wie- che Bergsteigerin – und man soll das die eine Bürde sein kann, die aber sich benbühne abgetrotzt haben, inzwi- gute Jahre …
deraneignend? rächend? – bedienen, Elbsandsteingebirge ja nicht unter- auch wunderbar weiterspinnen lässt, schen etabliert sind.
also umgekehrt diejenigen shamen, schätzen. Das ist zwar nicht sehr hoch, wenn man es richtig macht. Das habe Wird der, gelinde gesagt, lächerliche
die ihrer Meinung nach rückständigen aber pittoresk, und hat einige schweiß- ich ja schließlich schon selbst erlebt. Frau, mit dann 45 Jahren immer Semperopernball mit seinen Fa-
Denkweisen aufsitzen. Dieser Trend treibende Klippen aufzuweisen. Und nach zehn Jahren gereift wieder- noch jung für diesen Job, Dresden- schingsordenverleihungen an zwei-
zum Gegenshaming kann kein Sieges- zukommen, das ist doch perfekt. Es be- erfahren, eigentlich die perfekte, na- felhafte Potentaten in der gegenwär-
zug des Fortschritts sein. Um es mit Wie die Semperoper. rührt mich, dass ich in einer Spielzeit heliegende Wahl? tigen Form weitergeführt?
Ricarda Lang zu halten: „So, und jetzt Ich habe hier immer sehr gern gear- anfange, in der es gleichzeitig den 40. Das müssen Sie andere fragen. Für Das muss erst mal noch mein Vorgän-
lasst uns darüber sprechen, wie wir beitet. Auch wenn die gloriose Ge- Jahrestag der Wiedereröffnung des mich fühlt es sich gut an, schließlich ger, mit dem ich in gut schweizeri-
die Zukunft gestalten.“ Am besten mit schichte einen bisweilen zu erdrücken Hauses wie den 80. der Zerstörung zu hatte ich ja nie mit so einer Rückkehr schem Austausch stehe, entscheiden.
Argumenten. droht. Damit muss man kreativ umge- begehen gilt. Und die grandiose Staats- gerechnet. Und ich habe ja bisher im- Aber natürlich werde ich da perspekti-
feuilleton@welt.de hen. Leider ist eine eigentlich sehr kapelle, auf die ich mich besonders mer nur als Frau gearbeitet. visch involviert sein.
FEUILLETON-REDAKTION: TELEFON: 030 – 2591 71950 | FAX: 030 – 2591 71958 | E-MAIL: FEUILLETON@WELT.DE | INTERNET: WELT.DE/KULTUR
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KULTUR SEITE 10 | DONNERSTAG 10. JUNI 2021
Die Befehle erteilt eine sanfte Stimme
Theater nach dem Lockdown: Ersan Mondtag inszeniert „It’s going to get worse“ am Gorki
Audienz vor dem Pfauenthron: Melanie Jame Wolf (links) und Benny Claessens. Armin Smailovic/Agentur Focus
Von Felix Müller
„Endlich wieder Theater“: Als einer von vielen hat der Rezensent den Satz erst kürz-
lich selbst geschrieben, es ging um einen Abend im Hof des Berliner Ensembles, den
ersten nach vielen Monaten. Nun, ein paar Tage und Premieren später, steht Benny
Claessens im roten Rüschenkleid und mit hellblauer Bizarrperücke auf dem verzerr-
ten Schachbrettmusterbühnenboden des Gorki und würgt den Satz mehrfach so an-
gewidert heraus, als bestehe er aus reinstem Gift.
Es ist in seiner hemmungslos ausgestellten Ablehnung von einfach allem einer der
lustigsten Momente des Abends, und nicht weniger komisch nölt Claessens nun ins
Publikum, er höre es da doch schon wieder, das Kratzen des Stiftes auf Papier im
dunklen Theatersaal! Da sei wohl wieder ein Kritiker dabei, seine Rezension vorzu-
bereiten! Seine Tonlage und sein Augenrollen lassen keinen Zweifel daran, was er
davon hält.
Kann man so tun, als wäre nichts gewesen?
https://emag.morgenpost.de/titles/bmberlinermorgenpost/10120/publications/952/articles/1367322/10/1 1/310.6.2021 Berliner Morgenpost
Worum geht es hier? Regisseur Ersan Mondtag präsentiert, soviel ist klar, die zweite
seiner insgesamt drei Uraufführungen, die kurz hintereinander auf Berliner Bühnen
zu sehen sind, ein Zufall im pandemiegebeutelten Terminkalender. Am Donnerstag
war es mit dem „Ring des Nibelungen“ in der viereinhalbstündigen Neufassung von
Thomas Köck im Großen Haus des Berliner Ensembles losgegangen. Der heutige,
neu entwickelte Abend unter der interessant fatalistischen Überschrift „It’s going to
get worse“ braucht nur etwa die Hälfte der Zeit, am 19. Juni schließlich werden neun
Tänzerinnen und Tänzer am HAU die Choreographie „Joy of life“ vorführen.
Aber zunächst ist das Gorki dran, wo dem derzeit kursierenden Optimismus – „End-
lich wieder Theater!“ – eine düstere Prophezeiung entgegengestellt wird. Der Blick
auf die Bühne von Nina Peller wird zuerst durch einen Nachbau der Glasfassade des
Palastes der Republik verstellt, darüber prangt in Stadtschlosskuppel-Typographie
und mit preußischblauem Untergrund der Schriftzug „Knie nieder vor dem Herrn,
Bitch!“, der auf der oberen Seite in Flammen steht. Dann geht es los, die National-
hymne der DDR ist zu hören. „Auferstanden aus Ruinen“: Kommentar zum Post-
Lockdown-Befreiungspathos oder Hinweis auf den historisch hyperkomplexen
Stadtraum rund ums Gorki, wo am Tag nach der Premiere der Schlüterhof des Hum-
boldt Forums öffentlich zugänglich gemacht wird? Wohl beides zugleich und noch
viel mehr: Es geht an diesem über weite Strecken von der Improvisation lebenden
Abend gerade nicht um Eindeutigkeiten und Positionierungen, eher um ein Spiel mit
der Frage, wie es denn jetzt weitergehen soll nach all den Monaten erzwungener Ab-
stinenz und ob man denn einfach so tun kann, als sei nichts gewesen.
Und am Gorki ist ja noch mehr gewesen als Pandemie. Die Inszenierung übersetzt
die in den letzten Monaten diskutierten Führungsstrukturen an Theatern in eine
sanfte, weibliche Stimme aus dem Off, die von den Schauspielern streng die seeli-
sche Selbstentblößung verlangt. Kate Strong erzählt von ihren Anfängen an der Lon-
doner Ballett School, von einem schweren Sturz in der Abschlussprüfung. Danach
steigert sie sich in eine blutrünstige Schauergeschichte, die in der Ermordung ihrer
Mutter gipfelt – aber die Stimme bleibt davon ganz unberührt, sie möchte nur vom
Scheitern hören, vom Sturz in der Abschlussprüfung. Manchmal muss man dabei an
HAL 9000 denken, den totalitären Supercomputer aus Stanley Kubricks Weltraum-
film „2001“, der seinen Schrecken mit vergleichbarer Milde verbreitete – auch
Çiğdem Teke und Orit Nahmias müssen sich dieser Art tiefenentspannter Gängelung
aussetzen. Später wird die Stimme sich dann als Melanie Jame Wolf im absolutisti-
schen Herrscherkostüm entpuppen.
Ein armer Bühnenmitarbeiter namens Oleg
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Es ist an Benny Claessens, in seinem Monolog den „Elefanten im Raum“ anzuspre-
chen – den im „Spiegel“ erschienenen Artikel über Gorki-Intendantin Shermin
Langhoff und ihren Führungsstil, den Claessens als taktisches Manöver von Rassis-
ten deutet, um vom eigenen Verhalten abzulenken. Sein zwischen übellauniger Diva
und affektiertem Dandy schillernder Auftritt, mit dem der Abend ins Finale geht, ist
zweifellos ein Erlebnis. Claessens schimpft, singt, spielt Klavier, posiert, geht auf
das Publikum los und schreit dauernd einen unsichtbaren Bühnenmitarbeiter namens
Oleg an, dass es eine große Freude ist – und doch fragt man sich auch bei ihm, auf
welches Ziel diese Collage aus Meta-Theater, Diskursveralberung, Tanzeinlagen und
Kostümpräsentationen zusteuert – und falls die Pointe darin liegt, entschlossen an
jedem Ziel vorbeizusegeln: warum es hier dann nicht lustiger, erschreckender, inten-
siver und packender zugeht. Ein Abend mit Glanzpunkten, der aber immer wieder
stolpert.
Gorki, Am Festungsgraben 2, Mitte. Spielplan unter gorki.de
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Feuilleton · Thomas E. Schmidt Lesezeit: 6 Min.
Was ist das für eine Kunst, die unter Angst
zustande kommt?
Berichte über Gewalt, Ausbeutung und sexuellen Missbrauch an deutschen Kultureinrichtun-
gen häufen sich. Wenn die Freiheit der Künstler Grenzen derart überschreitet, schwächt es
das System der öffentlichen Kultur VON THOMAS E. SCHMIDT
Am Ende der pandemischen Vereinsamung, so klingt und schwingt es überall in der Öffent-
lichkeit, scheint es kaum eine größere Sehnsucht zu geben als jene nach Kultur. Und zwar
nach der echten, gegenwärtigen, der nicht gestreamten und nicht irgendwie simulierten
Kultur, also nach Theatern, Museen, Konzerten, nach der Oper und dem Kinosaal. Aus
Usern soll wieder ein Publikum werden. Als man zusammen nicht mehr kommen konnte,
zeigte sich, dass nicht nur die Demos ausfielen, sondern dass es weniger spektakuläre, aber
keineswegs unwichtigere Anlässe gegeben hatte, sich zu versammeln und eine Gesellschaft
zu bilden, wie klein, wie episodisch auch immer: kulturelle Anlässe. Sie waren so selbstver-
ständlich – und als sie fehlten, wurden sie zu Recht vermisst.
Nun öffnen die Kultureinrichtungen wieder, es kommen die Hineinströmenden ins Stol-
pern. Die Zeit der Schließungen war keineswegs eine Zeit der Ruhe, vielmehr wurden Vor-
stellungen der eigenen Art aufgeführt. Sie hatten eher mit dem inneren Zustand der Institu-
tionen zu tun, irritierende Szenen, Skandale und richtig Widerwärtiges. Manches hatte sich
schon zuvor, an den Rändern der Wahrnehmung, ereignet, aber im vergangenen Jahr er-
goss es sich in die Öffentlichkeit: Missbrauch oder sexuelle Übergriffe in Staatstheatern und
Ausbildungsstätten, Mobbing und Rassismus, MeToo-Fälle beim Film, die Museen voller
geraubtem Zeug, das eigentlich gar nicht bestaunt werden darf.
Aus den Institutionen selbst dringen diese Zustandsberichte hervor, oft sind es Hilferufe,
dann wieder spielen auch undurchschaubare Hintergedanken eine Rolle. Nach einer Reini-
gung ohne Katharsis sieht das aus, manchmal auch nach bloßer Selbstzerstörung. Das Pu-
blikum versteht das nicht. Es versteht den Zustand seiner Kultureinrichtungen nicht mehr,
muss zusehen, wie sie von ihm fernrücken, denn das Ganze wird sich fortsetzen, ohne dass
es einen Weg gäbe, wie man aus dem Zwiespalt des gleichzeitigen Zu- und Misstrauens
wieder entkommt.
Im Humboldt Forum in Berlin, einst im Geist der kulturellen Verständigung gestartet, heute
nur noch ein überdimensionales Mahnmal des deutschen Kolonialismus, scheint die
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Dienstleistungsgesellschaft HFS ihre Beschäftigten übel zu kujonieren; an der Leipziger
Hochschule für Grafik und Buchkunst wurde ein Professor wegen seines unangemessenen
und übergriffigen Betragens entlassen; am Düsseldorfer Schauspielhaus eskalieren die Ras-
sismusvorwürfe; der Intendant der Volksbühne in Berlin musste wegen seines sexistischen
Verhaltens gehen; der Präsident der Münchner Musikhochschule wurde in zwei Fällen der
sexuellen Nötigung für schuldig befunden und rechtskräftig verurteilt; der Intendantin des
Berliner Gorki-Theaters, Shermin Langhoff, werden Mobbing und Diskriminierung vorge-
worfen, unerträgliche Arbeitsbedingungen habe sie zu verantworten; Ähnliches hat sich
vor Jahren schon am Burgtheater in Wien abgespielt; an der Staatlichen Ballettschule Berlin
ist von Misshandlungen von Schutzbefohlenen und sexuellen Übergriffen die Rede, ihr Di-
rektor, der angeblich nicht eingriff, wird aufs Schwerste bedrängt, möglicherweise ein Fall,
der schon wieder ein anders gelagertes Stirnrunzeln hervorruft. Die Aufzählung erhebt kei-
nen Anspruch auf Vollständigkeit. Die wiederkehrende Formel lautet: »Klima der Angst«.
Und das in der Kultur!
Wer bisher ins Theater ging und sich vernünftigerweise einredete, dass dort Menschen ar-
beiten, die auch nicht besser sind als die Gesellschaft im Ganzen, stellt inzwischen fest,
dass es dort offenbar doch krasser zugeht als in seinem Betrieb oder in seiner Agentur. Was
ist das für eine Kunst, die unter Angst zustande kommt? Selbstverständlich ist jeder Fall zu
verfolgen. Wahrscheinlich hat es in der Vergangenheit zu wenig Achtsamkeit diesen relativ
selbstständig handelnden Einrichtungen gegenüber gegeben, zu viel Respekt vor Geistes-
größen und nur einen geringen Willen zum Durchgreifen. Es ist vollkommen richtig, dass
sich Betroffene heute an die Öffentlichkeit wenden. Einen demoralisierenden Einfluss auf
das Publikum hat es gleichwohl. Die Folgen sind weitergehend, und hier steuert der Kultur-
betrieb auf ein tiefgreifendes Dilemma zu.
Die Gesellschaft fördert Kultur mit großen Summen. Dafür richtete sie Apparate ein, die von
bürokratischer Gängelung und von den Zwängen der Marktwirtschaft, soweit es geht, ent-
lastet sind. In ihnen sollen sich andere Charaktere tummeln, expressivere, gefühligere,
kreativere. Stellvertretend dürfen die ihre Autonomie nutzen, um so etwas wie eine schöne
Form der Freiheit zu realisieren. Das ist der Deal. In der Kultur der Kulturgesellschaft geht
es nicht um Kunstwerke, die nur für sich vollkommen sind, ohne Rücksicht auf ihr Zustan-
dekommen. Der soziale Hintergrund fließt in sie ein, ist ihr Bestandteil, wird immer mitge-
dacht. Er bildet die Voraussetzung für Akzeptanz und für Identifikation. Ist dieser subtile
Mechanismus gestört, weil die Autonomie zweckentfremdet oder missbraucht wurde, ver-
ändert sich das Kulturelle und die Stellung des Kulturbetriebs am Ende insgesamt.
Es spielt sehr wohl eine Rolle, wie die Kunst entsteht
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Doch geht es eben auch um Kunst, um Qualität, Brillanz, Verzauberung. Das Interesse des
Publikums wird ja nicht durch Vorführungen geweckt, welche die gängigen Auffassungen
von Moral bloß noch einmal widerspiegeln. Im geschützten Raum der Kultur soll sich auch
Überschreitung, ja sogar Non-Moral ereignen können. Verstoßen Kulturleute aber auf ganz
nichtfiktionale Weise gegen moralische Normen, fällt die Spannung zusammen, welche
Kunst und Apparat auseinanderhält: Die Kunst bleibt einer sachbezogenen Kritik verant-
wortlich, während sich die Einrichtung angemessen selbst regulieren darf. Als Folge des
Skandals wird dann in der Institution alles moralisch empfindlich, auch das künstlerische
Ergebnis. Der Argwohn dringt in alle Falten.
Die Skandale der vergangenen Monate führten noch einmal vor Augen, dass in den Kultur-
einrichtungen geradezu archaische Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnisse fortbe-
stehen, und zwar solche, die in den »kapitalistischen« Sektoren der Gesellschaft nicht län-
ger geduldet würden. Der Wunsch ist verständlich, auch an dieser Stelle Veränderungen
einzuleiten, ein Klima der Angst durch bessere Organisation zu verhindern.
Allerdings führt nichts so direkt aufs derzeitige Dilemma der Kultur, wie diesen Gedanken
einer schnellen Abhilfe fortzuspinnen: Mag das Intendantenprinzip ein bizarres Überbleib-
sel der ohnehin bizarren deutschen Geniereligion sein, so haben sich Selbstverwaltungs-
modelle nie und nirgendwo bewährt, und zwar seit den Siebzigerjahren nicht. Noch immer
ist der Name eines Intendanten ein Gütesiegel für sein Haus, auch wenn dieses ganz basis-
demokratisch tut. Manche Theater experimentieren inzwischen mit einem speziellen Be-
auftragten, der Proben beaufsichtigt und eingreifen soll, wenn es dort zu hoch hergeht
(»Moralpolizei«). An einem toxischen Arbeitsklima wird auch er nichts ändern, nichts an
den schändlichen Vertragsbedingungen für Nachwuchsschauspieler.
Als Konsequenz liefe das in den öffentlich unterhaltenen Einrichtungen auf eine stärkere
und dauerhaft Aufsicht führende Präsenz des Staates hinaus, also auf rigide Kontrolle. Um
auf Loyalität und Regeln zu pochen, müsste man ein Ensemble dann auch in so etwas wie
Theater- oder Opernbeamte verwandeln. Personalräte würden jeden Tag signalisieren, wie
sehr es ihnen egal ist, wer unter ihnen als Prinzipal arbeitet. Kultur wäre am Ende Verwal-
tungssache, die Qualität der Kunst im Grunde nicht mehr von Belang, man benötigte keine
Kritik mehr, aber auch keine Kulturpolitik.
Heißt das, die alte Verschweigedecke lieber wieder ausbreiten und um der Kunst willen
doch diskret über Missbrauch und Gewalt hinwegsehen? Das wäre ein schlimmer Rück-
schritt. In der von der Gesellschaft gewährten Autonomie für die Kultureinrichtungen ste-
cken auch ein Kooperationsangebot und eine Aufforderung zur Transparenz. Diesen Kon-
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takt mit Gesellschaft und Öffentlichkeit mit Leben zu füllen, soll die Sache der Institutionen
bleiben, was auch heißt, sie müssen überzeugende Strategien entwickeln, wie sie Verfeh-
lungen Einzelner ahnden oder deren Größenwahn bremsen. Und sie müssen faire Arbeits-
bedingungen für alle garantieren. Kulturchefs sind auch Vorgesetzte, sie können nicht auf
ihre künstlerischen Meriten verweisen, wo ihre Führungsqualitäten infrage stehen.
Im Konfliktfall muss die Kommunikation ehrlich sein. Das gilt genauso für die involvierten
Kulturbehörden. Die Öffentlichkeit hat ein Recht, über die wirklichen Motivlagen im Streit
informiert zu werden. Shermin Langhoff am Gorki ist ein symptomatischer Fall: Sie, die ein
sehr neuartiges und sehr moralisches migrantisches Theater erfand – hochgelobt –, reali-
sierte in der Vergangenheit auch Projekte mit behördlichen Extrageldern. Man könnte sa-
gen: woke Staatskunst. Das war so am Rande einer unabhängigen Kunst, und diese Praxis
wird sich nicht fortführen lassen. Eigentlich müsste der Schimmer des Verdachtes genügen,
Langhoff dementiere durch ihr Verhalten jene Werte, deren Propagierung wegen sich der
Staat direkt in die Kultur eingemischt hatte, damit sich der staatliche Akteur wieder zu-
rückzieht. Doch die Intendantin scheint sich politischer Rückendeckung sicher zu sein,
egal, was im Haus vor sich geht. Zur Transparenz gehörte, dass auch mitgeteilt wird, in wel-
chem parteipolitischen Spiel Shermin Langhoff genau mitspielt und was das mit Kultur zu
tun hat.
Fälle wie dieser stärken die Kultur nicht. Die Corona-Gelder sind ausgegeben, und die Etats
der Kultureinrichtungen werden irgendwann schrumpfen, im besten Fall bei steigenden
Kosten nicht weiter steigen. Das Virus wird bleiben, so dicht wie früher werden sich die Zu-
schauerräume auf absehbare Zeit nicht mehr füllen. Weniger Tickets heißt, der Refinanzie-
rungsanteil sinkt. Im kommenden Jahr wird ein gerade beschlossener Sonderfonds mit 2,5
Milliarden Euro das Kulturleben in Deutschland in gewohnter Form aufrechterhalten. Da-
nach wird (wieder) über Kürzungen gestritten werden. Eine Debatte über die Bedeutung
von öffentlicher Kultur und deren finanzielle Ausgestaltung wird jetzt noch einmal verzö-
gert, aber sie kommt. Dann wird es auch wichtig sein, in welchem inneren Zustand sich ih-
re Einrichtungen befinden.
www.zeit.de/audio Illustration: Lydia Ortiz für DIE ZEIT
https://epaper.zeit.de/webreader-v3/index.html#/941567/52 4/410.6.2021 https://epaper.sueddeutsche.de/webreader-v3/index.html#/808681/10
Flexibel bleiben
Dig it al e Exp er im ent e geh ör en für die Freie Theat ers zen e schon lang daz u, wie das „Imp ul-
se“-Fest iv al zeigt
VON A L E X A N D E R M E N D E N
Im Wint er, als Ann e Schulz mitt en in der Vorb ereit ung für das „Akad em ie 2“-Prog ramm des „Imp ul-
se“-Fest ivals steckt e, war die Coron a-Lag e in Ind ie n noch recht vielvers prec hend. Das Attakk al ar i
Centre for Movement Art in Beng alur u war fest eing ep lant als ein er der vier int ern at ion al en Partn er
für das amb it ion iert e, dreit äg ig e Proj ekt mit Onl ine-Vera ns talt ung en am Vorm itt ag und Präs enz-
Works hops am Nachm itt ag. „Kurz vor Beg inn des Fest ivals schrieb uns der Leit er des Zent rums und
erk lärt e, die Coron a-Sit uat io n sei mittl erweil e so kat as trop hal, dass er all e Works hops abs ag en müs-
se“, sagt Schulz. Aber imm erh in kann das gep lant e Hyb rid-Form at unt er dem frag end en Mott o „Lost
in Space?“ von dies em Donn erst ag an in Düss eld orf und Köln, Bern, Joh ann esb urg und Minsk statt-
find en.
Die Them en, die in Zoom-Vort räg en und -Disk uss ion en verh and elt werd en soll en, sind jen e, mit de-
nen „Imp uls e“, das wicht igst e Showc as e-Fest ival der freie n Theat ers zen e im deutschs prac hig en
Raum, sich noch bis eins chließ l ich komm end en Sonnt ag bef ass en wird: die Roll e des Körp ers für Ge-
meins chaftsb ild ung, pol it is cher Prot est, die Mögl ichkeit von Geg enwart trotz Pand em ie. Und, mit
Blick auf die Sit uat io n in and eren Länd ern, viell eicht auch die Erkenntn is, dass die Lag e für das
Theat er in Deutschl and trotz der unb es treitb aren hoh en Bel ast ung en durch Coron a noch imm er ver-
gleichsweis e komfort ab el ist.
Im verg ang en en Jahr fand das ges amt e „Imp uls e“-Fest ival noch onl ine statt. „Ich hab e den Eind ruck,
dass die freie Szen e oft viel flex ib ler ist als die Stadtt heat er“, sagt Ann e Schulz, die unt er and erem
fünf Jahre lang in der Theat erverm ittl ung an den Münchn er Kamm ers piel en mit Matt hia s Lil ie nt hal
arb eit et e. „Viel e freie Künstl er, die schon vorh er Dig it alform at en nicht abg en eigt gewes en waren, wa-
ren jetzt bess er vorb ereit et.“ Auch 2021 stand es auf der Kipp e, ob an den Vera ns talt ungso rt en Düs-
seld orf, Köln und Mülh eim an der Ruhr irg ende twas würd e vor Pub lik um stattf ind en könn en. „Wir
hab en von vornh ere in die Sit uat io n them at is iert – wie könn en wir zus amm enkomm en und Gem ein-
schaft schaffen?“, sagt Fest ivall eit er Haiko Pfost. „Aber wir bild en nun einm al ab, was die freie Szen e
macht, und die hat eben 2020 vor all em alt ern at ive Form at e bed ient.“ So sind viel e Vera ns talt ung en
auch in dies em Jahr onl ine, viel es davon „Vid eo on Dem and“. Die Konz ert-Perform ance „Mit Echt en
sing en“ von Tanj a Kron e und Friedr ich Greil ing etwa, ein mus ik al isch unt erm alt er Rückb lick auf die
Wend ej ahre 1989/90. Oder der „Het eraclub“ der Hamb urg er Perform ance-Künstl er in Sibyll e Pet ers,
in dem es um weibl ic hes Beg ehren geht und in dem phys is che Ber ühr ung zent ral er Teil des Konz epts
ist. Das ist in Zeit en des Soc ia l Dis t anc ing und enkb ar.
Die Inz id enz-Acht erb ahnf ahrt macht e die Plan ung insg es amt schwier ig, aber die „Imp uls e“ bewei-
sen, dass Flex ib il it ät tats ächl ich ein e Stärke der freie n Szen e ist. „Ind oor, Outd oor und Dig it al blie-
ben für 2021 para ll el e Opt ion en“, erk lärt Pfost. „Wir hab en auf all en Eben en gep lant. Was dann um-
setzb ar war, hing von der konk ret en Lag e ab.“ Anf ang Jun i konnt e nach nur vier Tag en Vorl aufz eit im
Düss eld orfer Arc hiv des Fest ivals ein e Auss tell ung erö ffn et werd en, die auf die äst het is chen, inh altl i-
chen und strukt urell en Verä nd er ung en des freie n Theat ers im Laufe der 31-jähr ig en Imp uls e-Ge-
schicht e blickt.
Auch die Schweiz er Tänz er in und Choreog raf in Teres a Vitt ucc i kann an dies em Donn erst ag und
Samst ag mit ihrer One-Wom an-Choreog raf ie „Hat e me, tend er“ im Köln er Kult urz ent rum Tanzf ak-
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