Rundbrief 2021 BUND Region Hannover
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Editorial 03 Contra Industriehuhn Wedemark 20
Begrüntes Hannover 04-05 Volksbegehren Artenvielfalt 21
in memorian Klaus Hennemann 06-07 Gewässerrandstreifen 22-24
Südschnellweg 08 Insektenbündnis Hannover 25
Universum Kleingarten 09-10 Weißstörche 26-28
Gartenkosmonauten 10-11 Rettet die Straßenbäume 29
Acker Pella 12 AG Naturfotografie 30
Wanderbäume 13 AG Stadtentwicklung 31
OG Pattensen 14 AG Fledermäuse 32-33
Ackergruppe 15 Naturschutzgebiet Stadt 34
Buchrezensionen 16-17 Einladung zur 35
Mitgliederversammlung 2021
Rebhühner 18
Veranstaltungskalender 36-42
OG Wunstorf 19-20
BUND aktiv 43-45
Impressum
Rundbrief Nr. 60
Herausgeber: BUND Region Hannover, Goebenstraße 3a, 30161 Hannover
Redaktion: Sabine Littkemann (verantw.), Kristina Bastian, Sibylle Maurer-Wohlatz
Titelbild: Mäusebussard, fotografiert von Anne Walter
Rückseite: Kronsberg Hannover, fotografiert von Antje Kohlstedde
Satz und Layout: Baensch Plus GmbH, Eike-Christian Bänsch
Druck: dieUmweltDruckerei GmbH | Auflage: 4.000 Exemplare
Stand: Juli 2021 | Erscheinungsweise: Einmal pro Jahr
Ein Nachdruck der Artikel ist mit Quellenangabe und Information der Redaktion ausdrücklich erwünscht. Die Beiträge
einschließlich der Fotos liegen in der Verantwortlichkeit der Verfasser.
Der BUND Region Hannover dankt dem Fachbereich Umwelt und Stadtgrün der Landeshauptstadt Hannover für die
jährliche institutionelle Förderung.
Die im Rundbrief oftmals genannte männliche Form bezieht sich gleichermaßen auf Personen jeden Geschlechts. Auf eine
Mehrfachbezeichnung wurde zugunsten einer besseren Lesbarkeit verzichtet.03
3
Editorial
Corona-Pandemie und
Umweltschutz
Was haben die miteinander zu tun? Sehr viel! Eine Besserung dürfen wir nicht allein durch
technologischen Fortschritt erwarten, denn
Erstens: Durch die noch immer aktive Pandemie neue Technologie hat schon immer auch neue
fallen weniger Umweltgifte an, und die CO2- Probleme geschaffen, wie unter vielem Ande-
Emissionen sinken weltweit. Das ist gut so, und ren das Beispiel der Batterien für E-Autos zeigt.
durch die weltweit reduzierte Produktion und Aber es gibt Hoffnung:
Mobilität hilft es hoffentlich, den Klimawandel
zu bremsen, der schon jetzt für manche Regio- Menschen können denken, erkennen und aus
nen unseres Planeten schreckliche Folgen hat. Erkenntnis lernen – zum Beispiel dass es an der
Zeit ist, eigenes Verhalten zu ändern, Konsu-
Zweitens hat die Pandemie sehr deutlich ge- merwartungen und Bequemlichkeiten zurück
zeigt, wovon sie profitiert hat: Massentouris- zu schrauben, Wohlstand nicht als schranken-
mus über alle Grenzen hinweg und ein ausge- losen Besitz und Konsum misszuverstehen.
uferter globaler Handel und Warenkonsum, der Man kann zu diesen Themen viel Information
rücksichtslos und nur einem ökonomischen finden, z. B. im Internet auch auf Futurzwei
Credo folgend gegen jede ökologische Vernunft (einfach dieses Wort in die Suchmaske einge-
verstößt. Beides hat (neben dem Wachstum der ben), wo es unter anderem ein ganz interessan-
Weltbevölkerung) der rasanten Verbreitung des tes „Zukunftsarchiv“ gibt. Wir raten zum neuen
Virus Vorschub geleistet. Beides – Tourismus Jahr allen Menschen: Informieren, nachdenken,
und Handel – hat letztlich mit uns zu tun: Mit mit anderen darüber reden, sich selbst prüfen.
unserer Lebensweise, unserem Konsumverhal- Sind Sie dabei?
ten (viel und „günstig“ soll es sein) und unseren
Erwartungen (keine Einschränkungen bei Spaß,
Handlungsfreiheit und materiellem Wohlstand)
sind wir die Verursacher des Dilemmas. Gleich- Dr. Bernd Alt
zeitig verursachen wir mit diesem unserem Ver- Vorstand BUND Region Hannover
halten Umweltschäden bei uns in Deutschland Facharzt für Innere Medizin
und Europa und fatale Umweltkatastrophen in und Kardiologie
meist recht fernen Ländern.04
Begrüntes Hannover
Foto: Jana Lübbert
BEGRÜNTES HANNOVER
Förderprogramm für Gebäudebegrünung
und Entsiegelung
Die Begrünung von Häusern –
jetzt von der Region Hannover gefördert
Die steigende Nachfrage für einen finanziellen Zu- träge überwiegend für Dachbegrünungen konzen-
schuss besonders für Dachbegrünungen hatte die trieren. Der BUND wird weiterhin sein kostenloses
Landeshauptstadt Hannover veranlasst, auch 2020 Beratungsangebot für Fassadenbegrünungen anbie-
weitere Fördermittel zur Verfügung zu stellen. ten. Denn auch wenn diese bisher wenig nachgefragt
„Denn 2019 wurden im Rahmen des Projektes Be- wurden, besteht hier ein großer Vermittlungsbedarf,
grüntes Hannover mehr Anträge eingereicht, mehr da sie künftig in der verdichteten Stadt als Eckpunkt
Fördermittel ausgezahlt und mehr Flächen begrünt eines notwendigen Klimafolgenmanagements eine
als im Zeitraum vorher!“ freute sich Jana Lübbert immer größere Rolle spielen werden.
vom BUND-Projektteam. Ein Umdenken zu mehr
Grün in der Stadt ist überall spürbar und so wollen Da auch für dieses Jahr Regionsmittel zur Förderung
Hauseigentümern*innen jetzt nicht nur ihr Wohn- von Dach- und Fassadenbegrünung in Aussicht ge-
umfeld aufwerten, sondern auch einen Beitrag zum stellt wurden, will die Landeshauptstadt Hannover
Arten- und Klimaschutz leisten. zusammen mit den BUND in Zukunft den Fokus
stärker auf die Flächenentsiegelung legen, da hier
Die steigende Nachfrage blieb auch der Region Han- seit der erfolgreichen Einführung 2017 noch Steige-
nover nicht verborgen. Sie stellte im vergangenen rungsbedarf besteht. Dies soll unter anderem durch
Jahr (2020) zusätzlich 200.000 Euro Fördermittel die Förderung von Teilentsiegelungen erreicht wer-
für Gebäudebegrünungen bereit, wovon auch die den, bei denen sowohl der Aspekt der Versickerung
Landeshauptstadt Hannover - als eine Kommune der wie auch der Bepflanzung Berücksichtigung findet.
Region Hannover - profitierte. Damit wurde nach Dazu bedarf es weiterer Anpassungen bezüglich der
acht Jahren das zusammen mit dem BUND entwi- Förderung von wasserdurchlässigen „grünen Belä-
ckelte erfolgreiche städtische Förderprogramm für gen“. Damit soll das Angebot noch attraktiver wer-
Dach- und Fassadenbegrünungen von der Region den, denn der Wunsch nach Erholung und nutzbaren
übernommen und das Fördergebiet erweitert. Fu- Raum im eigenen Wohnumfeld, besonders in Zeiten
ßend auf der jahrelangen umfangreichen Öffent- der Pandemie und der zunehmenden sommerlichen
lichkeitsarbeit des BUND im Rahmen des Projektes Hitzewellen, ist größer denn je.
„Begrüntes Hannover“ kann die Region sich nun auf
die Abwicklung der stetig eingehenden Förderan- Jana Lübbert05
Begrüntes Hannover
Foto: Gerd Wach
Jedes Grün zählt - BUND und Landeshauptstadt fördern
mit dem Projekt „Begrüntes Hannover“ Hofentsiegelungen
Hannover soll grüner werden, gleichzeitig wird im- So sieht die Förderung jetzt aus: Wird eine beto-
mer mehr Fläche für Wohnungen und Gewerbe be- nierte Hoffläche entsiegelt, sollte eine entstehende
nötigt und bebaut. Um dem Leitbild einer „doppelten Vegetationsfläche mit Rasen oder Sträuchern min-
Innenentwicklung“ des Bundesamtes für Natur- desten zehn Quadratmeter groß sein, damit die Kos-
schutz (BfN) zu entsprechen, versuchte die Stadt mit ten für Aufbruch, Entsorgung und die anschließende
Hilfe des Projektes „Begrüntes Hannover“ schon seit Begrünung bezuschusst werden. Sollen auf dem Hof
2017 unnötig versiegelte Flächen aufzuspüren und weitere Flächen mit zum Beispiel Rasengitterstei-
ihre Entsiegelung und anschließende Begrünung fi- nen versickerungsfähig befestigt werden, so sind
nanziell zu fördern. „Das Leitbild der doppelten In- auch dafür erstmals alle Entsiegelungskosten anre-
nenentwicklung verfolgt das Ziel, Flächenreserven chenbar. Die Kosten für die anschließend verlegten
im Bestand baulich sinnvoll zu nutzen, gleichzeitig Rasengittersteine werden hier entsprechend ihres
aber auch urbanes Grün zu entwickeln, zu vernet- Grünanteils (40 Prozent) hinzugerechnet, bei Schot-
zen und qualitativ aufzuwerten“ (BfN). Aus diesen terrasen wären es sogar 90 Prozent.
Gedanken ergab sich jetzt die Idee, alle Arten von
Entsiegelungen zu fördern, die sowohl befestig- Nach wie liegt der Fördersatz bei einem Drittel der
te und tragfähige Flächen darstellen aber dennoch förderfähigen Kosten. Das BUND-Projektteam un-
versickerungsfähig sind und Vegetation (Begrünun- terstützt die Stadt, wirbt für das Programm, berät die
gen) zulassen. So werden jetzt versickerungsfähige Grundstückseigentümer*innen, nimmt die Anträge
und teilweise begrünte Beläge für Einfahrten, Wege, entgegen und zahlt die Förderung aus. Die genauen
Stellplätze und Hofflächen in das Förderprogramm Förderbedingungen sind unter www.begruentes-
für Entsiegelungen aufgenommen. Damit werden hannover.de nachzulesen.
zum Beispiel Rasengittersteine, Rasenfugenpflas-
ter und Schotterrasen (nicht zu verwechseln mit Gerd Wach
Schottergärten) hinsichtlich ihres Grünanteils bezu-
schusst.06
Klaus Hennemann
in memoriam Klaus Hennemann (1937 – 2020)
Am 12. Dezember 2020 hat uns unser langjähriges seinen stetig blühenden Staudengarten zu einem
Vorstandsmitglied Klaus Hennemann für immer bewunderten Anziehungspunkt, entsprechend der
verlassen. Erst im Mai 2019 war Klaus freiwillig von Aussage Foersters: „Das kleine Stück Kosmos vor
seinem Vorstandsposten zurückgetreten, den er bald der eigenen Tür wird allmählich eine Zauberwerk-
nach seinem Beitritt zum BUND am 1. Februar 1998 statt unerschöpflicher Möglichkeiten“. Diese Mög-
für über zwanzig Jahre innehatte. Auch danach lichkeiten schließen den ökologischen Gedanken
blieb er unserer Kreisgruppe verbunden, zeigte im ein, so dass nicht nur ein bunter Garten entsteht,
Rahmen der „Offenen Pforte“ seinen wunderschö- sondern zugleich ein Lebensraum für die vielen In-
nen und inspirierenden Staudengarten und mach- sekten und die auf sie angewiesene große Zahl an
te sich mit seinen lecker geschmierten Broten und Singvögeln. Für die sorgte Klaus Hennemann wie
veganen Köstlichkeiten wie jedes Jahr viele Freun- selbstverständlich zusätzlich mit selbstgetöpferten,
de bei unserem letzten wegen Corona bisher noch stets sauber gehaltenen Tränken.
möglichen Jahresfest im Dezember 2019.
Seine wahre Passion galt dennoch den vielen Blü-
Der Garten, sein Kleingarten, gelegen am Mitteland- tenbesuchern, vor allem den Wildbienen und ande-
kanal in Hannover, war Quelle und Anker seiner ren Stechimmen. Auf Veranstaltungen warb er für
Aktivitäten für den BUND. Nach den Ideen des be- die richtigen Nisthilfen und verurteilte die meisten
kannten Gartenphilosophen und -architekten Karl zu kaufenden „Insektenhotels“ wegen ihrer vielen
Foerster (1874-1970) entwickelte Klaus Hennemann Konstruktionsfehler. Als Wespenberater des BUND07
erhielt er während der Saisonmonate Juli und Au- Klaus Hennemanns Garten – getreu Karl Foerster
Klaus Hennemann
gust Hunderte von Anrufen von verunsicherten eine „Wunderkiste Blütenstauden“ – gedeiht weiter
Menschen aus der ganzen Republik – und oft konnte mit den Händen seiner Frau Margrit – mit ihr zu-
der Wespenexperte allein mit seiner Telefonbera- sammen hat er diesen wundervollen Garten geschaf-
tung erreichen, dass Wespennester nicht beseitigt fen und gepflegt. Das Titelbild des Rundbrief 2018
wurden. Seine Gartenvorstellungen brachte Klaus zeigte eine Impression seiner geliebten Gartenoase,
Hennemann in den städtischen Wettbewerb „Gar- die Jahr für Jahr viele Besucher zur Offenen Pforte
tenLust“ ein – hier vertrat der leidenschaftliche Na- anlockt. Wir wünschen uns, dass sein Garten auch
turliebhaber über viele Jahre den BUND in der Jury, weiterhin kurz nach Klaus Geburtstag am 6. Juli
die die teilnehmenden Gärten bewertete und prä- wieder eine „Offene Pforte“ haben wird – damit viele
mierte. Dabei war es ihm wichtig, einen Sonderpreis Menschen lernen, dass „zur tiefsten Freude an dem,
des BUND auszuloben, der für seine Vorstellungen was ist, auch die Freude, an dem was wird, gehört“
eines naturnahen und tierfreundlichen Gartens warb (Karl Foerster).
– das Buch von Reinhard Witt: „Natur für jeden Gar-
ten“. Gerd Wach
Foto:s: Sabine Littkemann
Der naturnahe und blütenreiche Garten von Klaus und Margrit Hennemann zierte das Titel-
bild des Rundbriefs 2018.08
Keine Autobahn durch die
Südschnellweg
Leinemasch!
Bündnis gegen den Ausbau des
Foto: WeAct Campact
Südschnellwegs mit Rückenwind
Zusammen mit zahlreichen hannoverschen
Verbänden und Initiativen engagiert sich der
BUND gegen den geplanten autobahnmäßigen
Ausbau des Südschnellwegs durch die Leine-
masch. Auf 25 Meter Fahrbahnbreite, so die rastruktur (BMVI) in Berlin. Nur hier können
Planung, soll der Schnellweg ausgebaut und auf politischem Wege die Rahmenbedingungen
damit für mehr und schnelleren Autoverkehr geändert werden.
ertüchtigt werden. Das zentrale Ziel des Bünd-
nisses: Keine Verbreiterung des Südschnellwe- Ob der Widerstand in der Landeshauptstadt
ges um 13 Meter und keine damit verbundenen ausreicht, um die in Gang gesetzten Mühlen
Eingriffe in einen der schönsten Landschafts- zu stoppen, erscheint also fraglich. Dennoch
räume Hannovers! heißt es nun: dranbleiben. Denn der zivilge-
sellschaftliche Protest lohnt sich in jedem Fall.
Nicht zuletzt angesichts der fortschreitenden Nicht zuletzt, um weitere Ausbauvorhaben
Klimakrise darf es in der Verkehrspolitik kein in der Region – auch für den Westschnellweg
„Weiter So“ geben. Der im Rahmen von – erfor- steht in Kürze eine Erneuerung an – frühzei-
derlichen – Brückensanierungen geplante Aus- tig zurück zu weisen. Sollte es sogar gelingen,
bau des Südschnellweges wird unweigerlich ein das Landschaftsschutz- und Erholungsgebiet
noch größeres Verkehrsaufkommen induzieren. Leinemasch gegen den Ausbau zu verteidigen,
Stattdessen gilt es, den Autoverkehr überall zü- wäre ein Präzedenzfall mit Ausstrahlungskraft
gig zu reduzieren, um den Zielen des Pariser geschaffen. Dafür werden wir weiter kämpfen:
Klimaschutzabkommen überhaupt noch gerecht Die nächsten Aktionen des Bündnisses sind be-
werden zu können. Die Infrastruktur, die wir reits in Planung!
heute bauen, hält die nächsten 70 Jahre – sie
muss zukunftsfähig sein! für das Bündnis: Arne Käthner
Auch wenn die Planung scheinbar unbeirrt
voranschreit, verspüren die Initiatoren doch Wir freuen uns über weitere Unterzeichner für unsere
erheblichen Rückenwind. Die Ende Dezember Petition. Auf der Website könnt ihr euch auch eintragen,
gestartete Online-Petition gegen das Ausbau- um über weitere Aktionen des Bündnisses informiert zu
vorhaben haben mittlerweile Tausende un- werden: https://weact.campact.de/petitions/keine-
terzeichnet. Zu einer ersten Mahnwache Ende autobahn-durch-die-leinemasch
Februar auf dem Opernplatz kamen 250 Men-
schen. Und nicht zuletzt sprach sich auch der Bündnis gegen den Ausbau des Südschnellwegs:
hannoversche Oberbürgermeister Belit Onay in ADFC Region Hannover, ADFC Stadt Hannover,
einem Brief an den Bundesverkehrsminister öf- BUND Region Hannover, Extinction Rebellion Hanno-
fentlich gegen das Ausbauvorhaben aus. Denn ver, FridaysForFuture Hannover, HannovAIR Connec-
Planungsträger sind nicht die Stadt Hannover tion, Hannover summt!, NABU Hannover, ParentsFor-
oder das Land Niedersachsen, sondern das Bun- Future Hannover und Region, PlatzDa!, Transition Town
desministerium für Verkehr und digitale Inf- Hannover, VCD Hannover, VeloCityNight09
Universum Kleingarten
Das Team UNIVERSUM KLEINGARTEN: (v.l.) Sibylle Maurer-Wohl-
atz, Andrea Preißler-Abou El Fadil, Jan Heeren, Anke Bischoff
UNIVERSUM KLEINGARTEN
Nach vier intensiven Jahren der Zusammenarbeit unerkannte ökologisch motivierte Gärtner*innen
mit hannoverschen Kleingartenervereinen endete miteinander zu vernetzen und somit ihre Position im
2020 die Förderung der Niedersächsischen Bingo Verein zu stärken. Mit einer offenen Gemeinschaft
Umweltstiftung für das erfolgreiche Projekt UNI- von Kleingärtner*innen, die vereinsübergreifend für
VERSUM KLEINGARTEN, das über die Stadt und verantwortungsvolles Handeln auch in Hinblick auf
Region Hannover hinaus bekannt geworden ist. Idee zukünftige Generationen und ein wertschätzendes
und Name und stehen für die Fülle und Vielfalt öko- Miteinander einstehen, ist dies auch gelungen. Sie
logischer kleingärtnerischer Praxis, die während der werden die vom BUND-Projektteam angeschobenen
Laufzeit in Form eines Leitbildes formuliert und in Impulse fortsetzen.
unzähligen Workshops und Aktionen in den koope-
rierenden Vereinen umgesetzt wurde. Ein wichtiges Das BUND-Team hat hierfür ein Handbuch als Leit-
Ziel des Projektes war auch, gleichgesinnte, bisher faden für die eigenständige Weiterarbeit erstellt und
bleibt ehrenamtlich punktuell als Ansprechpart-
ner erhalten. Als weiterer Erfolg zu verbuchen ist
eine Veranstaltungsreihe, die 2021 erstmals über-
wiegend von Referent*innen aus den Reihen der
Kleingärtner*innen bestritten wird. Der Bezirksver-
band der Kleingärtner unterstützt diese Initiative
durch entsprechende Öffentlichkeitsarbeit.
Andrea Preißler-Abou El Fadil
Fotos: UNIVERSUM KLEINGARTEN
Naturnaher Kleingarten: Nektar für Wildbienen und
Hummeln ab Februar durch Winterlinge, wilde Kro-
kusse, Buschwindröschen; vielfältige Stauden, Buchs-
baum, Eiben und Buchenhecken; Pergolen mit Lonice-
ra, Clematis, Kletterrose; intensive Mulchwirtschaft10
Universum Kleingarten
Handbuch UNIVERSUM KLEINGARTEN zum Pfortenschild der offenen Gemeinschaft der
Downloaden: www.universum-kleingarten.de Kleingärtner*innen
1
Die UNIVERSUM KLEINGARTEN-Gemeinschaft ist aus dem BUND-Projekt UNIVERSUM KLEINGARTEN
hervorgegangen – einem Projekt der Initiatoren der Gartenkosmonauten Kleingartenpatenschaft im KGV Her-
renhausen-Burg. Mit ihrem Pfortenschild am Garteneingangstor „Mein Kleingarten für Vielfalt – UNIVERSUM
KLEIGARTEN – ich bin dabei“ zeigen sich die Gartenkosmonauten als ein lebendiger Teil der Gemeinschaft.
Bingo Umweltstiftung fördert die
Gartenkosmonauten
Gartenkosmonauten als eigenes Projekt
Erfolg der 1. Kleingarten-Patenschaft im KGV
Herrenhausen-Burg geht in die nächste Runde
Im Hochsommer 2020 lieferten gleich zwei groß-
artige Nachrichten die Gartenkosmonauten im
Kleingärtnerverein Herrenhausen-Burg Grund zur
Foto: BUND Gartenkosmonauten
Freude. Nach Monaten starker Einschränkungen
durch die Pandemie durften die KiTa-Kinder end-
lich wieder Ausflüge in ihren Kosmonautengarten
machen. Darüber hinaus sagte die Niedersächsische
Bingo-Umweltstiftung (NBU) zu, die Gartenkos-
monauten mit einem Budget von 29.900 € an die
BUND-Kreisgruppe als ein eigenes Projekt in 2021
zu unterstützen. Nach einem Jahr der doppelten Be-
währungsprobe, sind sich das BUND Projektteam
und die Zachäus KiTas sicher: die Gartensaison kann
kommen.
Gartenkosmonautin bei der Stangenbohnenernte11
Ein kleiner Rückblick: Die Rolle als Paten eines ei- Gartenpatenschaften weiter zu ebnen. Die Vision ist,
Gartenkosmonauten
genen Kleingartens war für die Zachäus-KiTas noch auf diese Art den immensen Schatz, den die hanno-
frisch, als die Pandemieregelungen griffen. Maximal verschen Kleingärten für eine Vielzahl von Stadt-
zwei Personen durften den Garten betreten. Aus- kindern bergen, nach und nach zu heben. Die Vision
flüge waren den KiTas grundsätzlich untersagt. Für ist auch, dass sich Kosmonautengärten mittel- und
die kleinen Gartenkosmonauten begann eine Zeit langfristig über Hannovers Stadtgebiet so etablie-
des „Gärtnerns ohne Garten“ bzw. der „Raumfahrt ren, dass sie zu einem Aushängeschild werden für
ohne Raumschiff“. In der Zwischenzeit stemmten ein zukunftsweisendes Kleingartenwesen.
vor allem einige KiTa-Pädagogen und einige Eltern
die Pflege des Gartens – an Stelle gemeinschaftli- Das Potenzial zur Verwirklichung dieser Visionen
cher Arbeitseinsätze traten Aktionen mit wenigen ist groß, denn in Hannover mit seinen 20000 Klein-
anpackenden Händen. Im August nach der Schließ- gärten auf 5% der Stadtfläche bieten sich viele Ge-
zeit war es dann endlich soweit – die KiTas durften legenheiten für Kooperationen zwischen KiTas und
wieder in ihren Garten. Viele Beeren warteten be- Kleingärtnervereinen. Kosmonautengärten werden
reits darauf, vernascht zu werden, die ersten Pap- von den Kindern und allen weiteren Beteiligten
rikas wurden reif. Die ersten Stangenbohnen auch. kinderfreundlich und ökologisch gestaltet. Als Vor-
Die ersten Äpfel folgten bald. In kleinen Gruppen bild für das Projekt „Gartenkosmonauten“ dient das
konnten die KiTas die Fülle des Kleingartens wie- Lerngarten-Netzwerk Bremen, in dem jedes Jahr
der mit allen Sinnen erleben, auch die neue – von rund tausend Kinder zum Gärtnern finden. „Wir
KiTa-Eltern – gebaute Matschküche. Dank des groß- wollen mit unserem Projekt die Basis für ein ver-
artigen Einsatzes all derer, die sich dieses Jahr trotz gleichbares Netzwerk in Hannover schaffen,“ nennt
Widrigkeiten aktiv und unterstützend eingebracht Anke Bischoff vom BUND das Ziel.
haben, erwies sich der Kosmonautengarten in den
Sommermonaten einmal mehr als großer Glücksfall Wer sich unter diese ersten neuen Gartenkos-
für die Kinder der beiden Zachäus-KiTas. monauten reihen wird, steht noch in den Ster-
nen. Vier Interessensbekundungen aus hanno-
verschen Kindertageseinrichtungen an solch
einer eigenen Kleingartenpatenschaft gibt es bereits.
Foto: BUND Gartenkosmonauten
Weitere sind willkommen und werden von
Anke Bischoff, die die Projektleitung über-
nommen hat, unter 0177 - 21 09 080 oder
anke.bischoff@gartenkosmonauten.de entgegen
genommen.
Anke Bischoff
Wohlverdiente Pause mit selbst geernteter Goldparmä-
ne, einer alten Apfelsorte, die im Kosmonautengarten
wächst
Ein kleiner Ausblick: Mit der Projektförderung der
NBU bekommt der gemeinsame Wunsch vom BUND
Region Hannover, dem Bezirksverband Hannover
der Kleingärtner (BZV) und der UNIVERSUM KLEIN-
GARTEN Gemeinschaft nun kräftig Rückenwind,
den Weg für die bestehende und weitere (Klein-)12
Acker Pella
Foto: Sibylle Maurer-Wohlatz
Gemeinschaftsgärtnerei Acker Pella e.V.
Der 2013 gegründete Verein Gemeinschafts- Neben der Anzucht von Tomaten für die
gärtnerei Acker Pella hat sich dem Anbau BUND-Pflanzenbörsen, bietet die Gärtnerei
samenfester Gemüsesorten, Kräuter und seit 2017 in mehreren Kleingärtnervereinen
Blühpflanzen verschrieben. Schwerpunkt im Frühjahr Jungpflanzen für Begeisterte der
der Vereinsaktivitäten sind neben dem An- Kulturpflanzenvielfalt an.
bau und Erhalt vielfältiger Kulturen auch die
Erprobung ökologischer, klimagerechter und Bei der Anzucht ihrer Gemüsejungpflanzen
sozialer Landbewirtschaftungsformen sowie verwendet Acker Pella torffreie Substrate,
die Verbreitung von Kenntnissen hierüber. angebaut wird ohne Pestizid- und Mineral-
düngereinsatz. Bei der Bewirtschaftung des
Seit der Betrieb Nötel die Anzucht von Toma- Vereinsgeländes in Langenhagen achten die
tenpflanzen aufgegeben hat, zieht Acker Pel- Gemeinschaftsgärtner und -gärtnerinnen
la auch die von BUND und Verband Entwick- darauf, vielfältige Lebensräume und ein Blü-
lungspolitik Niedersachsen e.V. (VEN) seit 20 tenangebot über die ganze Gartensaison für
Jahren erhaltenen Tomatensorten an, sodass Wildbienen, Schmetterlinge, Käfer, Schweb-
die BUND-Pflanzenbörsen in Zukunft wei- fliegen und Co. anzubieten.
terhin mit diesem Schatz historischer Sorten
versorgt werden können.
Gemeinschaftsgärtnerei Acker Pella e.V.
Foto: © Adobe Stock // lena_zajchikova
Email: acker_pella@t-online.de
Web: www.ackerpella.de
FB: https://fb.com/VereinAckerPella13
Wanderbäume
Foto: Kristina Bastian
„Wanderbäume“ begrünen graue Straßen und Plätze
Auf tristen Straßen und Plätzen stehen plötz- stützt, die sich auf vielfältige Weise für die
lich grüne Bäume. Die Wanderbaumallee Umsetzung einer ökologisch ausgerichteten
Hannover, eine Aktion von umweltbewegten Entwicklung Hannovers einsetzen. Weitere
Menschen, macht’s möglich! Ab 17. Juli ver- Unterstützer*innen, Mitmacher*innen und
schönern acht heimische Bäume den Bereich Baumpat*innen sind herzlich willkommen.
an der Goseriede. In einem Punkt unterschei-
den sich diese Bäume jedoch von normalen Insgesamt sind in diesem Jahr drei Wan-
Straßenbäumen: Sie stehen in fahrbaren derbaum-Aktionen vorgesehen, weite-
Trögen mit Sitzgelegenheit und ziehen nach re sind für das nächste Jahr geplant. Die
einigen Wochen an einen anderen Standort Orte und Termine werden rechtzeitig unter
um. www.bund-region-hannover.de/wanderbaeume/
sowie auf Instagram bekannt gegeben. Alle,
Die Idee der Wanderbaumallee ist es, ver- die Lust haben, sind herzlich eingeladen,
schiedene Straßen und Plätze in Hannover den fröhlichen Umzug der Wanderbäume zu
temporär zu begrünen und Verweilorte zu begleiten.
schaffen, an denen die Bürger*innen ganz
direkt erleben können, wie sich ihr Leben in Ute Pommel
der Stadt durch mehr Grün nachhaltig ver-
bessert – optisch, akustisch, klimatisch und
sozial. Getragen wird die Aktion vom BUND
Region Hannover. Darüber hinaus wird sie
von einer Reihe von Organisationen unter-14
OG Pattensen
Foto: Sibylle Maurer-Wohlatz
Wildblumen am Ackerrand: So könnte es in Zukunft überall aussehen.
Trotz Corona einiges auf den Weg gebracht
So verheißend, wie die BUND Ortsgruppe Patten- Blütenvielfalt auf Ackerrandstreifen und Stra-
sen sich vor Beginn des letzten Jahres voller Elan ßenbegleitgrün durch eine gestaffelte Mahd zu
getroffen hatte, so schnell hatte uns die Corona- ermöglichen. Die bisherige Praxis ist fatal: alle
Pandemie bei der Umsetzung gestoppt. Allerdings Seitenstreifen werden auf einmal gemäht, sodass
konnte die Pflanzen- und Tomatenbörse in Reden keine einzige Blüte mehr übrig bleibt. Auch die
stattfinden und waren sehr gut besucht: über 14 Frage, wie es möglich ist, die Mahd abzufahren,
Tage gestreckt und mit klaren Abständen und um die Seitenstreifen stetig abzumagern und da-
Maskenpflicht. Und wir konnten zumindest im mit mehr Blüten eine Chance zu geben, wurde dis-
kleinen Familienteam im zeitigen Frühjahr Müll kutiert, auch gemeinsam mit der AG Feldhamster.
an der Alten Leine sammeln, was sich (leider) ge- Wir können unsere Planungen hoffentlich bald
lohnt hatten. fortsetzen.
Trotz aller Probleme konnten wir einen „Runden Ein erstes Highlight ist, dass die UNB einen Biodi-
Tisch im Freien“ zum Thema Ackerrandstreifen in versitäts-Antrag des BUND bewilligt hat. Die von
der Feldmark organisieren. Wir haben uns zwei- der Ortsgruppe vor 10 Jahren angelegte Streuobst-
mal „mit Abstand“ mit allen Vertreter*innen der reihe am Hüpeder Bach soll aufgewertet werden:
landwirtschaftlichen Realgemeinden, der Stadt Auf einem breiten Streifen davor wird eine Regio-
Pattensen, Landwirtschaftskammer, Unteren Na- Wildblumenmischung von Rieger-Hofmann neu
turschutzbehörde (UNB) und Straßenmeisterei ausgesät.
getroffen. Ziel der Gespräche ist, Insekten mehr
Sibylle Maurer-Wohlatz15
Ackergruppe
Foto: Sibylle Maurer-Wohlatz
Mit Leidenschaft dabei: Dietrich Wohlatz bearbeitet die neue Ackerfläche
Auf neuem Acker
2020 sind wir von unserer alten Fläche in Jeinsen fläche blühten fast ausschließlich viele ein- und
auf eine neue in Pattensen auf dem Acker von Tina mehrjährige Blumen, und sie war ein wichtiges
und Christian Redeker umgezogen gegenüber der Rückzugsgebiet für Rebhühner, die hier Deckung
Kläranlage. Hier betreibt das Landwirtschaftsehe- und unendlich viel Nahrung gefunden haben.
paar ein tolles Projekt „DASgemüseBEET“, wo sich
Interessierte für eine Saison ein Beet von 25 qm Dietrich Wohlatz - BUND Ackergruppe
pachten können mit bereits vorgepflanztem und
gesätem Gemüse und dann pflegen, ernten und
nachsäen. Die Nachfrage war so groß, dass die
Fläche dieses Jahr vergrößert wird.
„Unser“ neuer Pachtacker befindet sich dahin-
ter, und unsere Ackergruppe besteht aktuell aus
fünf Personen. Wir werden auch dieses Jahr wie-
der viele rare alte Gemüsesorten erhalten wie die
Gurke „Berliner Aal“, die Tomate „Onkel Gustav“
oder interessante alte Bohnensorten wie die „Hil-
desheimer“. Umsäumt wird alles mit einjährigen
Blühpflanzen, die wie ein Magnet auf viele Insek-
ten wirken. Auf der aufgelassenen, alten Acker-16 Regenerative Landwirtschaft
von Dietmar Näser, Ulmer Verlag.
Buchrezensionen
Auf dieses Buch ha- Schritten, die hier nicht alle aufgezählt werden,
ben wir gewartet: wird das System erläutert: Es fängt an, die Basen-
Der Agraringeni- sättigung von Böden nach der Albrecht-Methode
eur Dietmar Näser zu Beginn zu untersuchen: Nicht allein der pH-
(www.gruenebrue- Wert der Böden, sondern der ausgewogene Anteil
cke.de), bekannt aller Basen zueinander, also Calcium (ca. 74%),
für seine prakti- Magnesium (ca.10,5 %), Kalium (ca. 2,8 %) ist
schen Bodenkurse wichtig, denn zu wenig oder zu viel eines Minerals
zu Regenerativer verklebt entweder den Boden oder verhindert sta-
Landwirtschaft, bile Ton-Humus-Komplexe und Humusbildung.
hat nunmehr sein Die Planung und Aussaat einer ausgewogenen,
Wissen sehr gut vielfältigen Frucht- und Kulturfolge, aber auch
verständlich in Untersaaten (!) sowie das Prinzip des immer be-
Buchform veröffentlicht. Sein Leitspruch ist ins- deckten Bodens mit lebendigen Pflanzen ist ein
pirierend: „Man schafft niemals Veränderung, in- nächster Schritt.
dem man das Bestehende bekämpft. Um etwas zu
verändern, baut man neue Modelle, die das Alte Auch eine schrittweise reduzierte Bodenbearbei-
überflüssig machen.“ Und dies wurde entspre- tung und Förderung des Humusaufbaus sind wich-
chend den Prinzipien der sogenannten Regenera- tige Pfeiler in der RL. Dietmar Näser empfiehlt,
tiven Landwirtschaft (RL) auch bereits oft in der erst einmal behutsam mit einer Fläche Erfahrun-
Praxis umgesetzt. Doch leider noch nicht bei uns gen zu sammeln und sich vor Ort mit Gleichge-
in der Region Hannover, aber das kann sich ja än- sinnten zu vernetzen und auszutauschen. Viel-
dern! Dabei wirken Maßnahmen der RL sofort und leicht bietet sich auch ein Stammtisch an, wenn
spürbar, egal ob im konventionellen oder biologi- das wieder möglich ist. Da können dann konven-
schen Land- oder Gartenbau. tionelle und Bio-Bäuer*innen und Gärtner*innen
zusammensitzen! Wir haben dieses Buch auch den
Doch was ist Regenerative Landwirtschaft? Sie Vertreter*innen des Niedersächsischen Weges in
baut darauf auf, dass wir das Bodenleben als der Region Hannover sehr ans Herz gelegt!
Schlüssel für fruchtbare Böden und den Pflan-
zenstoffwechsel erst einmal verstehen. In sieben Sibylle Maurer-Wohlatz
Gärtnern mit Mikroben
von Jeff Lowenfels und Wayne Lewis, Verlag Dr. Friedrich Pfeil
Ich erinnere mich an einen Zeitschriftenartikel funktioniert. Sie fangen an bei der Rhizosphäre,
aus den 1960er Jahren, da hieß es: „Der Acker ist also dem Bereich um die Pflanzenwurzeln, wo sie
dafür da, dass der Halm nicht umfällt, den Rest die Herde unter der Erde mit zuckerhaltigen Exu-
macht die Chemieindustrie.“ Welch ein Irrtum! daten anlocken.
Das Buch „Gärtnern mit Mikroben“ der Amerika-
ner Jeff Lowenfels und Wayne Lewis beweist uns Und schon nimmt das Drama im Garten seinen
das Gegenteil. Lauf: Abermillionen Bakterien fressen sich durch
die Erde und halten den Stickstoff gefangen. Erst
Die Autoren erklären das „Bodennahrungsnetz“, dadurch wird er für die Pflanzen verfügbar; aber
die Zusammenhänge, wie das Leben im Boden auch die Amöben und Wimperntierchen ruft dasrer Suche nach Nahrung Bakterien und Amöben 17
verspeisen. Schließlich kommen die Regenwürmer
Buchrezensionen
angekrochen, die alles verzehren, den Boden be-
lüften, Regen gut versickern lassen und den Pflan-
zenwurzeln Gänge graben, wenn sie nicht Opfer
von Maulwürfen oder Vögeln werden. Das ganze
Theater dreht sich um den Stickstoff, von dem sich
die Pflanzen im Bodennahrungsnetzwerk ernäh-
ren.
Das Buch ist in einem unterhaltsamen, aber der
Wissenschaft verpflichteten Stil geschrieben, mit
vielen praktischen Vorschlägen. Wir sollen mit
den Mikroben arbeiten und nicht gegen sie. Die
auf den Plan. Sie verspeisen die Mikroben samt Autoren wollen aus uns „denkende Gärtner ma-
Stickstoff und werden ihrerseits Nahrung für Ne- chen, keine gedankenlosen Konsumenten“, des-
matoden, die in dem Gartendrama die Rolle der halb raten sie „dringend davon ab“, den wissen-
Bösewichter übernehmen. Diese Fadenwürmer, schaftlichen Teil zu überspringen.
die wir zum Teil schon mit bloßem Auge erken-
nen, werden ihrerseits Opfer von Pilzen, die sie er- Wenn wir als Leser eine Vorstellung vom Boden-
barmungslos aussaugen und den Inhalt Pflanzen nahrungsnetz entwickelt haben, dann sind die
zum Tausch gegen Kohlenhydrate anbieten. Und Ratschläge des zweiten Teils gut nachvollziehbar.
weiter geht die unterirdische Schlacht mit Milben
und Springschwänzen (Arthropoden), die auf ih- Dietrich Wohlatz
Der Holzweg
von H. D. Knapp, S. Klaus, Lutz Fähser (Hrsg.), Oekom Verlag
Drei Trockenjah- der Forstbetriebe haben sich als falsche, für die Zu-
re in Folge haben kunft unserer Wälder schädliche Messlatte erwiesen.
in Deutschland
Wa l d s c h ä d e n Mit diesem Buch wird besorgten und kritischen
bislang nicht Stimmen zur Situation des Waldes in Deutschland
bekannten Aus- Raum gegeben. 36 fachlich ausgewiesene Autorin-
maßes sichtbar nen und Autoren legen ihre Einsichten und prakti-
werden lassen. schen Erfahrungen in aller Klarheit dar – als Kritik
Davon sind be- an verfehlten Forstpraktiken, als Weckruf an die
sonders Fich- Zivilgesellschaft und als dringender Appell an die
ten, Kiefern und Politik, die längst überfällige Waldwende einzulei-
nichtheimische ten. Vor allem der öffentliche Wald muss mit der ihm
Baumarten, gesetzlich auferlegten Vorbildfunktion der Daseins-
vereinzelt auch vorsorge von Natur und Mensch dienen.
Eichen und Bu-
chen betroffen. Die Ursachen liegen nicht nur im
Klimawandel, sondern auch im Umgang mit den Klappentext des Buches
Wäldern in den letzten 200 Jahren. Die bisher vor-
wiegend vom Holzerlös abhängigen Erfolgsbilanzen18
Rebhühner
Foto: J. Hoffmann
Rebhühner in einem Garten am Stadtrand
BUND kartiert Rebhühner
Rebhühner gehören zu den Feldvögeln, die in den in den letzten Monaten Rebhuhnketten mit über
letzten Jahren in Deutschland sehr stark im Be- 10 Vögeln gesehen. Im Normalfall sind sie auf den
stand zurückgegangen sind. Sie sind inzwischen Feldern nur schwer zu sehen, es sei denn, dass sie
in der Roten Liste von Niedersachsen in die Ge- gerade irgendwo auffliegen. Bei den schneebe-
fährdungsstufe 2 (stark gefährdet) eingestuft. Auf deckten Feldern im Februar 2021 sind sie sehr viel
den landwirtschaftlichen Flächen um Wunstorf besser zu sehen. Die Fotos zeigen Rebhühner im
herum werden die Rebhühner seit drei Jahren Privatgarten von einem BUND-Mitglied am Stadt-
systematisch kartiert. Dabei hat sich einerseits rand von Wunstorf.
gezeigt, dass es – gemessen an der Gesamtsitua-
tion - noch einen relativ guten Brutbestand gibt Die BUND-Ortsgruppe Wunstorf bittet die Wun-
und anderseits das Brutergebnis im letzten Jahr storfer, die in den Feldern spazieren gehen und
ganz gut war. So wurden durch Zufallsbeobach- dabei Rebhühner sehen, ihre Beobachtungen un-
tungen an verschiedenen Stellen in der Feldmark ter Angabe der Anzahl und einer möglichst ge-
nauen Ortsangabe an Frank Hessing (Tel. 05031 /
959003) zu melden. Die Rebhühner sollten jedoch
nicht gestört werden. Die systematischen Kartie-
Foto: J. Hoffmann
rungen rufender Rebhühner wurden im Frühjahr
fortgesetzt, sodass in einigen Monaten Ergebnisse
für die ganzen landwirtschaftlichen Flächen von
Wunstorf vorliegen.
Frank Hessing
Rebhühner in einem Garten am Stadtrand19
OG Wunstorf
Foto: Sabine Littkemann
Sie sind die neuen BUND-Stimmen in Wunstorf: Frank Hessing und Imme Schrader wurden
einstimmig zu den Sprecher*innen der BUND-Ortsgruppe gewählt.
Neue BUND Ortsgruppe Wunstorf
Bereits im letzten Rundbrief trommelte das lang- Naturschutzbehörde, den Landwirten und
jährige BUND-Mitglied Frank Hessing für einen Jägern sollen auf dieser Grundlage Maßnah-
Neustart der BUND-Ortsgruppe Wunstorf. Die Reso- men durchgeführt werden, um den Rebhuhn-
nanz auf diesen Aufruf und auf eine nachfolgende bestand zu erhalten bzw. möglichst wieder zu
persönliche Einladung aller BUND-Mitglieder aus verbessern, etwa in derzeit nicht besiedelten
Wunstorf war so gut, dass sich am 22. September Bereichen.
2020 zehn BUND-Mitglieder im Bauhof in Wunstorf • Im engen Zusammenhang mit den Rebhüh-
zu einer Gründungsversammlung trafen. Es waren nern sollen Blühflächen angelegt werden, da
altbekannte Gesichter darunter, aber auch einige sie zur Stützung des Bestandes beitragen kön-
neue – das freute auch den ebenfalls anwesenden nen.
langjährigen Leiter der Ortsgruppe Wunstorf, Dr. • Ebenso sollen innerstädtische Grünflächen er-
Alfred Schröcker, der dieses Amt aus Altersgründen fasst werden und in insektenfreundliche Blüh-
bereits 2018 aufgegeben hatte. wiesen verwandelt werden. Eine Initiative soll
Erste Projekte und Aktionen, der neuen Ortsgruppe: die weitere Ausbreitung von Schottergärten
verhindern.
• Das Volksbegehren Artenvielfalt wurde bis • Die Planung für die Nordumgehung Wunstorf
zur Beendigung der ersten Phase des Volksbe- ist zwar abgeschlossen und der Bau damit
gehrens und dem Abbruch der Aktion mit der wohl nicht mehr zu verhindern. Trotzdem soll
Unterschriftensammlung in der Wunstorfer noch versucht werden, Verbesserungen in der
Innenstadt unterstützt. Planung zu erreichen.
• Bereits seit drei Jahren werden auf den land- • Die Gebäudebrüter wie Mauersegler und
wirtschaftlichen Flächen um Wunstorf und Mehlschwalbe sollen durch Nisthilfen im in-
seiner Ortsteile herum die Rebhühner als nerstädtischen Bereich gefördert werden.
Grundlage für ein Artenschutzprogramm
kartiert. Diese Kartierung soll 2021 fortge-
setzt werden. In Kooperation mit der Unteren20
Zum Erreichen der Ziele will die Ortgruppe kon- Zum Sprecher der Ortsgruppe, die sich zukünftig
OG Wunstorf
struktiv mit der Stadt Wunstorf, den Landwirten alle zwei Monate treffen will, wurde Frank Hessing
und mit allen andern Akteuren zusammenarbeiten. gewählt, seine Stellvertreterin ist Imme Schaper. Die
Außerdem sollen Vorträge und Exkursionen zu Ortsgruppentreffen finden monatlich statt. Durch
Umwelt- und Naturschutzthemen durchgeführt wer- die anhaltende Corona-Situation bislang als Video-
den. Ein weiteres Thema für die Ortsgruppe werden Konferenz. Die Termine für die OG-Treffen können
in den nächsten Jahren die Planungen der Bahn zum bei Frank Hessing (Tel. 05031 / 959003) erfragt
Ausbau bzw. Neubau der Bahnstrecken Hannover werden.
– Verden und Hannover – Bielefeld. Von beiden
Planungen ist Wunstorf direkt betroffen. Sabine Littkemann
Hähnchenmast in Elze: OVG Niedersachsen fällt
CIW
mästerfreundlichen Beschluss
Wir gingen davon aus, dass die Aussichten gut sei-
en, u.a. weil die Flächen des Landwirts zunächst
Foto: Hubert Rieting
nicht ausreichten. Aber das OVG akzeptierte die
zahlreichen Pachtvertragsverlängerungen und
neuen Pachtverträge, die der Landwirt nach dem
erstinstanzlichen Beschluss im Dezember 2019
und Januar 2020 abschloss.
Wir sind davon überzeugt, dass trotz der Nieder-
Mitglieder der Bürgerinitiative CIW demonstrierten lage beim OVG das Engagement des Vereins Con-
im September 2020 gegen die geplante Staller- tra Industriehuhn Wedemark nicht umsonst war.
weiterung in Elze. Durch unsere Öffentlichkeitsarbeit, auch durch
die CIW-Homepage, trugen wir auf regionaler
Ebene dazu bei, die Bürger über die Umweltschä-
Nach dem Beschluss des Oberverwaltungsgerichts den der industriellen Hühnerhaltung, die immen-
Niedersachsen (OVG) im September 2020, den sen Tierschutzprobleme und die großen Gesund-
Eilantrag des NABU abzuweisen und dem Hüh- heitsgefahren für uns Menschen aufzuklären.
nermäster die Aufnahme des Betriebs zu erlau- Ein Schwerpunkt war dabei die Information über
ben, hat der Vorstand von Contra Industriehuhn die Schäden, die von antibiotikaresistenten Kei-
Wedemark (CIW) sich an die Bewertung der Ge- men ausgehen.
richtsentscheidung gemacht und beschlossen, die
Arbeit vorerst ruhen zu lassen. Die Höhe der Spenden, die wir bekamen, beweist,
dass wir viele Menschen erreicht haben und der
Der OVG-Beschluss war sehr enttäuschend für die Widerstand gegen Mega-Mastställe groß ist.
Bürgerinitiative, denn es hatte nach dem positiven
erstinstanzlichen Beschluss des Verwaltungsge- Allen Spenderinnen und Spendern sei an dieser
richts Hannover im Dezember 2019 und einigen Stelle noch einmal herzlich gedankt.
anderen für Gegner der industriellen Tierhaltung
günstigen Gerichtsentscheidungen Grund zur Christiane Hussels
Hoffnung gegeben. Für den Vorstand CIW!
21
ICH BIN
Volksbegehren Artenvielfalt
DANN MAL
WEG
Foto: Naturgucker, Hubert Gerweck
VIELFALT SCHÜTZEN,
Volksbegehren Artenvielfalt macht WegZUKUNFT
frei RETTEN
für den „Niedersächsischen Weg“
Nachdem im Frühjahr 2020 die Initiative „Volks- rung, den sogenannten „Niedersächsischen Weg“,
begehren Artenvielfalt“ in Niedersachsen gestar- zu unterzeichnen. Die entsprechenden Änderun-
tet wurde, hofften viele Naturschützer*innen auf gen im Naturschutz-, Wald- und Wassergesetz
weitreichende Verbesserungen im Natur- und wurden am 10.11.2020 vom Landtag einstimmig
Artenschutz. Viele Ehrenamtliche sammelten ab verabschiedet. Das Volksbegehren Artenvielfalt
Juni 2020 fleißig Unterschriften, um die benötig- wurde deshalb mit bis dahin 162.530 gesammel-
te Anzahl von 610.000 Stimmen für das Volksbe- ten Unterschriften auf Eis gelegt.
gehren zu erreichen. Auch wir als BUND Region
Hannover unterstützten das von Bündnis 90/Die Der BUND Region Hannover hat diesen Prozess
Grünen, dem Beruf- und Erwerbs-Imker-Bund kritisch begleitet. Leider erfolgte die aktive Ein-
e.V. und dem NABU Niedersachsen e.V. initiierte bindung der BUND-Basis in die Gespräche mit der
Bündnis. Landesregierung nur sehr eingeschränkt, so dass
die Skepsis gegenüber dem „Niedersächsischen
Doch fast zeitgleich machte sich die Landesre- Weg“ hoch ist. Ob er den erhofften Erfolg bringt
gierung auf den „Niedersächsischen Weg“, wohl und der dramatische Artenschwund in unserer
auch aufgrund des Volksbegehrens und dessen Kulturlandschaft damit zumindest gestoppt wer-
breiter Unterstützung in der Bevölkerung. Dabei den kann, bleibt noch abzuwarten. Wir werden
ging es darum, die Forderungen des Volksbegeh- den „Niedersächsischen Weg“ in jedem Fall wei-
rens aufzugreifen und einen gemeinsamen Weg terhin kritisch begleiten und mithelfen, dass seine
mit Landwirtschaft und Naturschutz zu finden. Vereinbarungen auch wirklich zielführend umge-
In Zusammenarbeit mit dem Landvolk, der Land- setzt werden.
wirtschaftskammer, dem NABU und dem BUND
gelang es nach vielen Gesprächen, eine Vereinba- René Hertwig22
Gewässerrandstreifen
Foto: Gerd Wach
Gewässerrandstreifen am Emmerbach, LK Gifhorn, 2. Platz beim Gewässerwettbewerb 2020
„Bach im Fluss“ mit Schwarzerlen und Totholz.
Die vergessene Aufgabe des Niedersächsischen Weges*:
Bäche und Flüsse brauchen gehölzreiche Randstreifen
Gewässerrandstreifen erlangten im letzten Jahr eini- Hochwässern und Aufnahme von Wasser aus den
ge Bekanntheit, als es in den Auseinandersetzungen anliegenden drainierten Flächen – standen und ste-
um den „Niedersächsischen Weg“ darum ging, ihre hen massive Nachteile für das Landschaftsbild, der
Qualitäten und ihre Bedeutung für die Bäche und Artenvielfalt in und an den Gewässern und die Eu-
Flüsse in Niedersachsen zu bestimmen. trophierung gegenüber. Eine lange Auseinanderset-
zung um jeden Meter links und rechts der Bäche und
Was sind Gewässerrandstreifen eigentlich und wo Gräben zwischen Landwirtschaft und Naturschutz
begegnet man ihnen? In Wäldern und nicht land- war die Folge, um einen räumlichen Puffer zwischen
wirtschaftlich genutzten Naturschutzgebieten wird den Agrarflächen und dem Fließgewässer zu schaf-
kaum von ihnen gesprochen, obwohl sie rechtlich fen. Die landwirtschaftliche Nutzung und ihre Stoff-
auch dort vorkommen. Man spricht von Auen mit einträge sollten möglichst wenig das Fließgewässer
ihren typischen Überschwemmungs- und Vegetati- beeinträchtigen. Nach den großen Flurbereinigun-
onszonen. Diese machen die Vielfalt und Schönheit gen der 50er bis 70er Jahre des letzten Jahrhunderts
eines Bach- und Flusslaufes aus. entstanden so in den folgenden Jahrzehnten mehr
oder weniger breite Gewässerrandstreifen, die dann
Tritt der Bach in die Agrarlandschaft ein, so steht 2010 anlässlich der Grundgesetzreform mit fünf Me-
ihm seine ursprüngliche Aue meistens nicht mehr tern im Wasserhaushaltsgesetz (WHG) des Bundes
zur Verfügung, obwohl diese in der Landschaft noch festgelegt wurden. Es war das erste bundesweit be-
erkennbar ist. Die jährlichen Überflutungen der Au- nannte Recht, dass Flächen an den Rändern zu den
enflächen wurden durch einen Ausbau des meist neu Fließgewässern zu zählen sind.
geschaffenen Fließgewässerverlaufs durch Verbeite-
rung und Tieferlegung verhindert. Nur sehr extreme Da nun Umwelt Länderhoheit ist, beließ es Nieder-
Hochwässer führen da noch zu großflächigen Über- sachsen nur für Gewässer zweiter Ordnung bei den
schwemmungen. Den Vorteilen der Landwirtschaft fünf Metern. Der Ordnungsbegriff beschreibt übri-
– Nutzung der fruchtbaren Aue, Verhindern von gens die Zuständigkeit für die Gewässerunterhal-23
tung (= Pflege): bei der ersten Ordnung ist es die werden. Als Erfolg wurde erzielt: Für die 130.000 km
Gewässerrandstreifen
Bundeswasserstraßenverwaltung, bei der zweiten Fließgewässer der III. Ordnung gilt mit Einschrän-
Ordnung sind es dafür gegründete Unterhaltungs- kungen ab 2022 jetzt ein drei Meter Randstreifen
verbände, und bei der dritten Ordnung sind es die zusätzlich zu den fünf Metern bei den 28.500 km
Anlieger selbst. Die Gewässerordnungen spiegeln Gewässern II. Ordnung. Als wichtigstes Verhand-
auch ungefähr die Mächtigkeit der Gewässer wider. lungsergebnis wurde jedoch erreicht, dass auf die-
Bei der großen Masse aller kleinen Fließgewässer (in sen Gewässerrandstreifen weder gedüngt noch ge-
der Regel III. Ordnung) blieb es - je nach Region – spritzt werden darf. So kann erwartet werden, dass
zwischen null und einem Meter Randstreifen. Mit weniger Stickstoff über die vielen kleinen Gräben
der Festlegung eines gesetzlichen Randstreifens än- und Bäche, gesammelt von Weser, Ems und Elbe,
dert sich übrigens qualitativ auf dem Randstreifen der Nordsee zufließt und sich die Überdüngung des
und im Gewässer fast nichts. Der Status quo wird Meeres hoffentlich langfristig reduziert. Damit wird
nur festgeschrieben, eine Grünlandfläche am Ge- Deutschland seiner Verpflichtung näher kommen,
wässer hatte eine Grünfläche zu bleiben, und wenn dass im Mittel nicht mehr als 2,8 mg/l Stickstoff aus
es ein Acker war, konnte weiter geackert werden. seinen Zuflüssen in die Nordsee gelangt, 2016 waren
es noch 3,8 mg/l mit abnehmender Tendenz.
Und was wurde zur Qualität der Randstreifen selbst,
die eine wichtige Rolle für den nach dem Wasserge-
setz geforderten guten ökologischen Zustand spie-
len, erreicht? Dieses Gütemerkmal muss spätestens
2027 vorliegen – augenblicklich weisen jedoch nur
zwei Prozent (!) diesen guten Zustand auf. Also eine
Sisyphosaufgabe. Haben wir jetzt bessere Bedingun-
gen, sie zu stemmen? Die Verringerung der Stick-
stoff – und Phosphateinleitungen sind zu begrüßen,
werden aber allein nur wenig zum Erreichen des gu-
Foto: Gerd Wach
ten ökologischen Zustands beitragen. Ein wichtiges
Qualitätsmerkmal dafür wäre die Gewässerstruktur,
dass heißt wie verschieden sind Breite, Tiefe, Strö-
mungsgeschwindigkeiten und Uferausprägungen
über den Gewässerverlauf verteilt. Würden Bäume
und Büsche die Gewässer begleiten, kämen wir dem
So nicht: Ein im übergroßen Trapezprofil ausge- guten Zustand ein ganz großes Stück näher, weil
bauter Bach, fast gehölzfrei, mit einem Gewässer- sie auf die Struktur in gewünschter Weise Einfluss
randstreifen, der aus Maisacker und asphaltiertem nähmen.
Fahrweg besteht (Dahlumer Moorbeeke in Geste,
September 2020). Leider gibt es dazu keine Aussagen im Verhand-
lungsergebnis, wahrscheinlich wurde das auch gar
Vor diesem rechtlichen Hintergrund gingen die nicht thematisiert. Damit bleibt es bei den schlech-
Umweltverbände in die Verhandlungen beim ‚Nie- ten Aussichten für die Zielerreichung, und es bleibt
dersächsischen Weg‘ - mit Landwirtschaft und Mi- auch bei einer Kann-Bestimmung im niedersäch-
nisterien - mit dem Ziel, dass der fünf Meter breite sischen Wassergesetz, die besagt, dass die Unteren
Randstreifen entsprechend WHG für alle Fließge- Wasserbehörden das Pflanzen von Gehölzen fordern
wässer gelten müsse. Mit einem breiteren Puffer können. Das haben sie in den letzten fünfzig Jahren
sollte der Eintrag aus der Fläche in die Gewässer jedoch nicht „gekonnt“. Ein weiteres herausragen-
weiter minimiert, die Nährstoff- und Pestizidfracht des Element zur Verbesserung der Diversität und der
gesenkt und damit die Gewässerqualität verbessert Artenvielfalt unserer Bäche und Flüsse ist das Tot-24
Gewässerrandstreifen
Foto: Sabine Littkemann
Selbst zwei einsame Bäume bringen Struktur in das Gewässer, hier der Mühlengraben bei Bissendorf (Wedemark).
holz. Darunter versteht man abgestorbene Äste oder
sogar Baumstämme, die ins Wasser fallen und so das
Habitat für viele Mikroorganismen und wirbellose
Tiere wie z. B. Eintagsfliegenlarven bilden. Gleichzei-
tig verändert es die Struktur und die Strömungsver-
hältnisse und verbessert allein dadurch die ökologi-
schen Bedingungen. Ohne Bäume an den Gewässern
fehlt dieses Plus und müsste künstlich eingebracht
werden. Schwarzerlen, als typische Begleiter unserer
Fließgewässer, befestigen und beschatten das Ge-
wässerbett und verhindern so übermäßigen Pflan-
zenwuchs (das „Verkrauten“) und damit auch ein
Foto: Gerd Wach
zu starkes Erwärmen unserer sommerkühlen Bäche.
Mit dem Erlenlaub im Wasser startet eine klassische
Nahrungskette über Bachflohkrebs und Bachforelle
mit den Spitzenprädatoren Schwarzstorch und
Fischotter. Alles Charakteristika, die den guten öko-
logischen Zustand beschreiben
Dieser war wohl noch nicht im Fokus, als man über *)Der „Niedersächsische Weg“ ist eine Verein-
den Zustand und die Aufgaben von Gewässerrand- barung zwischen BUND, Landvolk, Landwirt-
streifen beim „Niedersächsischen Weg“ verhandel- schaftskammer, NABU und den niedersächsi-
te. Man freut sich jetzt, dass auf den Randstreifen schen Ministerien für Landwirtschaft und Umwelt,
– gegen Entschädigung – bald nicht mehr gespritzt um gemeinsam Verbesserungen im Naturschutz
und gedüngt werden darf. Aber erst wenn Esche, und bei Gewässerrandstreifen zu erreichen.
Schwarzerle, Bergahorn, Haselnuss, Bruchweide Um einem Volksbegehren für mehr Artenviel-
u.a. auf den Flächen Mais und Zuckerrübe abgelöst falt, gestartet von den Grünen und dem NABU,
haben, werden unsere Bäche und Flüsse wieder zu entgegenzusteuern, wurde im Mai 2020 obige
Lebensadern in der Landschaft, deren Funktion sie Vereinbarung geschlossen und zügig mit Ver-
mal innehatten. handlungen begonnen. Das Ergebnis war das
Artikelgesetz ‚Niedersächsischer Weg‘, das am
Gerd Wach 10. November 2020 mit sehr großer Mehrheit
vom niedersächsischen Landtag angenommen
wurde. Das Volksbegehren wurde eingestellt.Sie können auch lesen