Sozial wählen: Armut stoppen, Zukunft schaffen! - 3 | 2017 - Der ...

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Sozial wählen: Armut stoppen, Zukunft schaffen! - 3 | 2017 - Der ...
D 20493 E

                                                    3 | 2017

 Sozial wählen:
 Armut stoppen, Zukunft schaffen!
 Forderungen des Paritätischen zur Bundestagswahl

Nachrichten | Berichte | Reportagen
Sozial wählen: Armut stoppen, Zukunft schaffen! - 3 | 2017 - Der ...
Inhalt

                                                                             Editorial                                                       3

                                           Foto: Stephanie von Becker
                                                                             Thema
                                                                             Sozial wählen: Armut stoppen, Zukunft schaffen!
                                                                             Forderungen des Paritätischen zur Bundestagswahl

                                                                             In Menschen investieren – von der Kindheit bis zum Alter        4
                                                                             Mut zum Handeln!
                                                                             Familie, Kinder und Frauen wirksam fördern                      6
                                                                             Für eine humane Flüchtlingspolitik
                                                                             und ein modernes Einwanderungsgesetz                         8
                                                                             Politische Positionen und persönliche Präferenzen            9
                                                                             Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen                       10
                                                                             Im Gespräch mit der Politik                                 12

                                                                             Zweiter Armutskongress

                                      12                                     Umsteuern: Armut stoppen, Zukunft schaffen.

                                                                             Verbandsrundschau
                                                                                                                                         14

                                                                             Neues Projekt: Gesundheitsförderung
                                                                             für Migrantinnen und Migranten im Quartier                  18
                                           Foto: UNION Versicherungsdienst

                                                                             Fördermittel für tausende Projekte                          18
                                                                             Vielfalt ohne Alternative                                   18
                                                                             Bundesverdienstkreuz für
                                                                             Verbandsvorsitzenden Rolf Rosenbrock                        19
                                                                             Goldene Ehrenmedaille für Manfred Klocke                    20
                                                                             Mitgliedschaft, die sich lohnt                              21
                                                                             Initiative kulturelle Integration engagiert sich
                                                                             für gesellschaftlichen Zusammenhalt                         22
                                                                             Paritätischer sieht soziale Verantwortung als Arbeitgeber   23
                                                                             Zehn Jahre Forum der Migrantinnen
                                                                             und Migranten im Paritätischen                              24
                                                                             Armut verbaut immer mehr Menschen die
                                                                             Chance auf einen sozialen Aufstieg                          25

                                     23                                      Sozialpolitik
                                                                             BAGFW-Spitzentreffen mit der Bundeskanzlerin                26
                                                                             Die Kinder von Inhaftierten sind nahezu unsichtbar          27
                                                                             Impulse für eine soziale Wohnungspolitik                    28
                                             Foto: Fotolia – Thodonal

                                                                             Armutsfeste und solidarische Alterssicherung schaffen       28
                                                                             Paritätischer für Kindergrundsicherung                      28
                                                                             Die Umsetzung der Pflegereformen
                                                                             in der Praxis – eine Bestandsaufnahme                       29
                                                                             Pflegestärkungsgesetze – Wo bleibt
                                                                             die Stärkung der beruflich Pflegenden?!                     31
                                                                             Reichtum umverteilen                                        32
                                                                             Gesamtkonzept gegen Armut und Ausgrenzung gefordert         32

                                                                             Forum
                                                                             Lebenswirklichkeit von Studierenden                         33
                                                                             Bilderbuch für Kinder von Eltern in Haft                    33
                                                                             Inklusive Emojis fürs Smartphone                            33
                                                                             Werbung für Vielfalt und Inklusion                          33

                                     28                                      Hören & Sehen
                                                                             Literaturempfehlungen| Impressum
                                                                             was? – wann? – wo?
                                                                                                                                         34
                                                                                                                                         35
                                                                                                                                         36

2   www.der-paritaetische.de   3 | 2017
Sozial wählen: Armut stoppen, Zukunft schaffen! - 3 | 2017 - Der ...
Editorial

                                                                  Professor Dr. Rolf
                                                                       Rosenbrock,
                                                                   Vorsitzender des
                                                                       Paritätischen
                                                                   Gesamtverbands

Liebe Leserinnen und Leser,
am 24. September wird der 19. Deut-       dungsträgern seltener Gehör finden            dringenden Handlungsbedarf zur
sche Bundestag gewählt. Wie kaum ein      und bei politischen Entscheidungen            Armutsbekämpfung und Stärkung des
anderes Thema beschäftigt die Frage       weniger berücksichtigt werden, als            sozialen Zusammenhalts in der Ge-
nach der sozialen Gerechtigkeit die       einkommensstärkere Gruppen. Unge-             sellschaft deutlich.
Menschen im Land. Das ist kein Zu-        hört resignieren viele.                       Schwerpunktmäßig enthält und be-
fall, denn es zeigt sich, dass die gute   Doch die gleichberechtigte Chance             gründet die vorliegende Ausgabe des
wirtschaftliche Entwicklung keines-       aller Menschen auf gute Bildung, poli-        Verbandsmagazins die Forderungen
wegs von selbst zu mehr Gerechtigkeit     tische und kulturelle Teilhabe, auf           des Paritätischen zu den Bundestags-
führt: Die Spreizung der Einkommen        Selbstverwirklichung, sozialen Auf-           wahlen 2017 und damit die Erwartun-
zwischen Arm und Reich nimmt immer        stieg und Partizipation am Wohlstand          gen an die nächste Bundesregierung.
weiter zu, die Zahl der Menschen mit      ist die zentrale Bedingung für das gute       Dabei geht es in allen Bereichen, von
Einkommen an oder unter der Armuts-       Zusammenleben und den sozialen Zu-            der Familie über die Bildung, Kinder,
grenze ist auf skandalös hohem Niveau,    sammenhalt unserer Gesellschaft. Die          Gesundheitsversorgung, Eingliede-
und in der Ungleichheit der Vermö-        nächste Bundesregierung muss sich             rungshilfe, Pflege, Arbeitsmarkt, Rente,
gensverteilung nimmt Deutschland in-      dieser sozialen Fragen annehmen und           Arbeitslosigkeit, Aufnahme von Flücht-
zwischen einen Spitzenplatz ein. Nur      Menschen in ihren unterschiedlichen           lingen und der Gestaltung von Einwan-
wenige Gruppen profitieren vom wirt-      sozialen Problemlagen vor sozialer            derung, darum, Teilhabe und Chancen-
schaftlichen Wohlstand und Wachs-         Ausgrenzung schützen. Dazu sind               gleichheit zu schaffen, inklusive Struk-
tum unseres Landes – in den unteren       mehr Investitionen und größere An-            turen zu fördern sowie Armut zu be-
Sozialschichten kommt davon so gut        strengungen für eine inklusive Gesell-        kämpfen und vorzubeugen. Armuts-
wie nichts an. Das Versprechen der so-    schaft erforderlich.                          bekämpfung kostet Geld. Deshalb setzen
zialen Marktwirtschaft, durch Bildung     Täglich setzen sich der Paritätische          wir uns für eine steuerpolitische Um-
und Anstrengung sozial aufzusteigen,      und seine Mitgliedsorganisationen für         verteilung ein, die große Vermögen
wird hierzulande immer weniger ein-       die Menschen vor Ort ein, um ihnen in         und Erbschaften sowie Unternehmens-
gelöst. Vielmehr entscheiden Herkunft     ihrer jeweiligen Lebenssituation mehr         gewinne stärker als bisher heranzieht,
und soziale Lage maßgeblich über die      Partizipation in der Gesellschaft zu er-      um soziale Sicherheit für alle zu er-
Chancen des Kindes. Die soziale Mobi-     möglichen. Mit über 500 Teilnehmen-           reichen.
lität nimmt ab.                           den, sozialen Trägern, direkt von Ar-
Armut hat auch Auswirkungen auf die       mut Betroffenen und Wissenschaftlern          Herzlich, Ihr
politische Teilhabe der betroffenen       diskutierte der diesjährige Armuts-
Menschen. Eine im Auftrag des Bundes-     kongress am 27. und 28. Juni Strate-
ministeriums für Arbeit und Soziales      gien zur Bekämpfung von Armut. Der
erstellte Studie aus dem Jahr 2016        aktuelle Armutsbericht und das Paritä-
zeigt, dass einkommensschwächere          tische Jahresgutachten bildeten den
Menschen bei politischen Entschei-        Fakten-Hintergrund und machten den

                                                                                       3 | 2017   www.der-paritaetische.de    3
Sozial wählen: Armut stoppen, Zukunft schaffen! - 3 | 2017 - Der ...
Forderungen an die neue Bundesregierung

    Ende Juni fand in Berlin der zweite Armutskongress statt, über den in diesem
    Magazin ab Seite 14 berichtet wird. In den zahlreichen Beiträgen von Armutsbe-
    troffenen, Abgeordneten, Wissenschaftlern und Praktikern der Sozialen Arbeit
    wurde einmal mehr deutlich: Von Armut und Ausgrenzung bedrohte Menschen
    werden nur selten gehört. Noch seltener finden ihre Interessen Berücksichti-
    gung im politischen Prozess. Auch die nun endende Wahlperiode des Bundes-
    tages war eine Zeit der vergebenen Chancen bei der Bekämpfung von Armut
    und Ungleichheit, obwohl die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen günstiger denn je
    sind. Kinder- und Altersarmut, Geschlechterungerechtigkeit und Langzeitarbeitslosig-
    keit stagnieren auf hohem Niveau oder wachsen sogar. Die soziale Ungleichheit nimmt
    zu. Das muss sich ändern, um der Menschen Willen und weil Gemeinwesen, die Gleich-
    heit fördern, reicher sind. Sie sind erfolgreicher – sozial, wirtschaftlich und kulturell.

    In die Menschen investieren –
    von der Kindheit bis zum Alter
P
       rävention und Selbsthilfe sind        sich dabei auf eine umfassende, leis-       den. Für sie benötigen wir öffentlich
       über die Gesundheitspolitik hin-      tungsfähige soziale Infrastruktur ver-      geförderte, sinnstiftende Beschäfti-
       aus wichtige Prinzipien Paritäti-     lassen können. Gute Beschäftigungs-         gungsverhältnisse, die den Menschen
scher Arbeit. Menschen zu unterstüt-         verhältnisse zu fördern, gerechte Ein-      eine Zukunft außerhalb der Grund-
zen, indem Hilfebedürftigkeit mög-           kommen zu fordern und Mindestlöhne          sicherung garantieren. Mit einer Ver-
lichst früh und möglichst weitgehend         zu garantieren, ist deshalb wichtig. Wer    längerung von Bezugsdauer und Rah-
vermieden wird und Hilfe zur Selbst-         dabei Unterstützung benötigt, dem ist       menfrist des Arbeitslosengeldes und
hilfe zu organisieren, hat immer Vor-        diese bedarfsorientiert zu gewähren –       der Förderung von Weiterbildungen
rang. Reicht das nicht aus, müssen           durch eine Kindergrundsicherung,            muss sichergestellt sein, dass Arbeitslo-
schnelle, bedarfsorientierte Hilfen or-      durch die Förderung von Qualifikatio-       sigkeit nicht direkt in die Armut führt.
ganisiert und unbürokratisch zugäng-         nen, durch Kinderbetreuungsmöglich-         Es ist inakzeptabel, dass nicht einmal
lich gemacht werden. Wer sich nicht          keiten und anderes. Wer einmal ar-          jeder dritte Arbeitslose von der Arbeits-
selbst helfen kann, der muss sich auf        beitslos wird, der verdient individuelle    losenversicherung profitiert, weil de-
die Solidarität der Gesellschaft verlas-     Qualifizierungshilfen und eine verlässli-   ren Bezugsbedingungen in den ver-
sen können. Dazu soll jeder nach sei-        che, soziale Absicherung. Das alles ist     gangenen Jahren so restriktiv gestaltet
nen Möglichkeiten beitragen. Politik         heute nicht ausreichend gewährleistet.      wurden.
muss dies vermitteln.
                                             Öffentlich geförderte                       Armutsrisiko Erwerbsminderung
Arme Kinder gibt es nur                      Beschäftigung schaffen                      Auch wegen des steigenden Rentenein-
in armen Familien                            Zu den politischen Aufgaben der Zu-         trittsalters schaffen es vier von zehn
Etwas aufzubauen erfordert ein stabi-        kunft zählt es, eine leistungsfähige Be-    Menschen nicht, aus der Erwerbstätig-
les Fundament. Ziel der künftigen Po-        schäftigungsinfrastruktur zu schaffen,      keit direkt in die Rente zu wechseln.
litik muss es sein, den Boden dafür zu       die nicht nur schnell vermittelbare Ar-     Viele Menschen sind vorher erwerbs-
bereiten. Das fängt im Kindesalter an        beitslose in Arbeit bringt, sondern gera-   gemindert, und Erwerbsminderung
und hört im Alter nicht auf. Arme Kin-       de auch Langzeitarbeitslosigkeit be-        gehört zu den großen Armutsrisiken.
der gibt es nur in armen Familien. Per-      kämpfen hilft. Etwa 400.000 Menschen        Das ist unnötig und ungerecht: Der
spektiven für Kinder schafft man des-        werden aber auch dann keine Aussicht        Paritätische fordert deshalb, die Ab-
halb dann, wenn ihre Eltern in guten         haben, nachhaltig in reguläre Beschäf-      schläge für Erwerbsminderungsrent-
Erwerbsverhältnissen arbeiten und sie        tigungsverhältnisse vermittelt zu wer-      ner ersatzlos zu streichen und die Leis-

4      www.der-paritaetische.de   3 | 2017
Sozial wählen: Armut stoppen, Zukunft schaffen! - 3 | 2017 - Der ...
Forderungen an die neue Bundesregierung

                                                                                          fitiert in besonderer Weise vom euro-
                                                                                          päischen Integrationsprozess. Europa
                                                                                          wird dennoch nur dann dauerhaft Zu-
                                                                                          stimmung und Unterstützung finden,
                                                                                          wenn es kein Europa der Wirtschaft,
                                                                                          sondern ein Europa der Menschen ist.
                                                                                          Ein solches soziales Europa muss wei-
                                                                                          terentwickelt werden. Europäische För-
                                                                                          derpolitik muss so gestaltet werden,
                                                                                          dass sie diesem Ziel dient. Die För-
                                                                                          derung von sozialen Organisationen,
                                                                                          von Bildungseinrichtungen und auf
                            Dr. Joachim Rock,                                             Inklusion gerichteten Dienstleistun-
                          Leiter der Abteilung                                            gen ist dazu unerlässlich. Dies alles
                          Arbeit, Soziales und                                            muss in einer fairen, sozialen Handels-
                                  Europa beim                                             ordnung geschehen. Es geht nicht an,
                                  Paritätischen
                                                                                          dass Bürger- und Verbraucherrechte
                              Gesamtverband
                                                                                          eingeschränkt werden, um einseitig
                                                                                          große Unternehmen zu privilegieren
                                                                                          und diesen selbst gegenüber demokra-
tungen der Erwerbsminderungsrente             lichen Zuschlag zu seiner Rente be-         tischen Staaten durch Handelsabkom-
zu verbessern. Die Zwangsverrentung           kommen. Der Paritätische hat auch           men einseitige Klagerechte einzuräu-
von Arbeitslosen muss beendet werden.         dafür umfassende, konkrete und fi-          men. Der neue Bundestag muss klar-
                                              nanzierbare Vorschläge vorgelegt.           stellen, dass Handelsverträge Daseins-
Altersarmut begegnen                                                                      vorsorge und soziale Dienste nicht ge-
Die Bedeutung der Alterssicherung ist         Bundesweit gleichwertige                    fährden und dem Menschen, nicht nur
kaum zu überschätzen. Fast ein Viertel        Lebensverhältnisse schaffen                 der Wirtschaft, nutzen. Zwischen
der Bevölkerung ist auf Leistungen der        Ungleichheit gibt es nicht nur zwi-         Markt und Staat sind es die gemeinnüt-
Rentenversicherung angewiesen. De-            schen Menschen, sondern auch zwi-           zigen Dienste der Wohlfahrtspflege,
ren Leistungsniveau wurde in den ver-         schen den Regionen in Deutschland.          die Katalysatoren der Teilhabe sind. Sie
gangenen Jahren massiv reduziert. Die-        Mit seinen regionalen Armutsberich-         bieten nicht nur Leistungen an, die
se Leistungskürzungen sowie veränder-         ten hat der Paritätische Pionierarbeit      sich der Profitlogik entziehen und un-
te Beschäftigungsverhältnisse mit ge-         dabei geleistet, die Ungleichheit zwi-      ter Einbeziehung freiwilligen Engage-
ringeren Löhnen und mehr atypischer           schen Regionen sichtbar zu machen           ments Unbezahlbares schaffen, son-
Beschäftigung spiegeln sich in einem          und überwinden zu helfen. Die Verant-       dern sind zugleich der Wirtschaftsbe-
stetig wachsenden Armutsrisiko älterer        wortung vor Ort wächst. Selbst Leis-        reich, der auch angesichts der Debat-
Menschen. Das Armutsrisiko von Rent-          tungen aus Bundesgesetzen sind in-          ten um die Digitalisierung sichere und
nern und Pensionären liegt inzwischen         zwischen unterschiedlich viel wert, je      gute Beschäftigung bieten kann.
über dem Bevölkerungsdurchschnitt.            nachdem inwieweit sie mit der lokalen       Es ist deshalb unverständlich, warum
Wer einmal von Altersarmut betroffen          Infrastruktur eingelöst werden kön-         die Wohlfahrtsverbände nicht viel stär-
ist, dem droht dies als Schicksal für den     nen. Der Bund muss verlässliche             ker dabei gefördert werden, mit inno-
Rest des Lebens. Der Schlüssel zur Ver-       Rahmenbedingungen für die Soziale           vativen sozialen Dienstleistungen und
meidung von Altersarmut liegt im              Arbeit vor Ort schaffen: durch eine Ab-     durch Personal- und Organisations-
Arbeitsleben. Beiträge zur Alterssiche-       schaffung des Bildungs- und Teilhabe-       entwicklung ihr Beschäftigungs- und
rung sind umfassend anzuerkennen.             paketes zugunsten einer finanzierten        Leistungspotenzial      auszuschöpfen.
Zeiten der Kindererziehung, Pflege und        Infrastruktur durch die Träger vor Ort,     Der neue Bundestag muss die Bereiche
auch der Arbeitslosigkeit müssen deut-        durch die Fortschreibung und Weiter-        entwickeln und fördern, die Menschen
lich besser berücksichtigt werden: En-        entwicklung der Bundesprogramme             dienen und ihnen gute Arbeit ermögli-
gagement für andere muss sich lohnen.         für Soziale Stadt und die Förderung         chen. Nur die Wohlfahrtspflege ge-
Wer von Altersarmut betroffen ist,            von Stadtteil- und Gemeinwesenarbeit.       währleistet beides.
dem hilft eine Stabilisierung und An-         Der neue Bundestag muss den Bund-           Mehr Gleichheit fördern und organi-
hebung des Rentenniveaus nur wenig.           Länder-Finanzausgleich gerecht gestal-      sieren zu helfen, das ist ein Erfolgsre-
Diese Maßnahmen helfen aber den-              ten und gleichwertige Lebensverhält-        zept für die Entwicklung einer Gesell-
noch vielen, gar nicht erst in Alters-        nisse in ganz Deutschland schaffen.         schaft. Dem Paritätischen ist dieses
armut zu geraten. Wessen Rente den-           Doch nicht nur die kommunale Ebene,         Ziel nicht nur in seinem Namen, son-
noch nicht reicht, der muss einen un-         auch die europäische Ebene hat an Be-       dern in seiner verbandlichen DNA
bürokratisch gezahlten und auskömm-           deutung gewonnen. Deutschland pro-          eingeschrieben.

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Sozial wählen: Armut stoppen, Zukunft schaffen! - 3 | 2017 - Der ...
Forderungen an die neue Bundesregierung

                  Mut zum Handeln!
                  Familie, Kinder, Frauen und
                  Jugend wirksam fördern
    Jede Zeit hat ihre eigenen Herausforderun-                    nen Kinder als arm gelten, über 40 Prozent
    gen, muss sich gesellschaftlichen Umbrüchen,                  der Alleinerziehenden gegenwärtig mit ihrem
    Krisen und nationalen und globalen Entwick-                   Einkommen unterhalb der Armutsschwelle
    lungen stellen und hierauf Antworten finden.                  liegen, wenn es nach wie vor erkennbare De-
    Besonders gefragt ist hierbei eine Politik, die               fizite bei der Gleichstellung der Geschlechter
    als gestaltende Kraft Visionen und Ideen in                   gibt, wenn Kinder und Jugendliche in Deutsch-
    Konzepte gießen und für deren Umsetzung                       land nicht über die gleichen Bildungs- und
    Mehrheiten gewinnen kann. Wenn aber in                        Teilhabechancen verfügen, wenn Inklusion
    einem der reichsten Länder der Welt die                       vielerorts kaum mehr als ein Lippenbekennt-
    Schere zwischen Arm und Reich immer wei-                      nis ist, dann fehlt es offenbar an Konzepten,
    ter auseinander geht, wenn rund 2,7 Millio-                   Ideen und Gestaltungswillen in der Politik.

F
      ür viele Menschen ist die Familie       im Monat auskommen; rund jeder              Ein wirksamer Familienlasten- und
      nach wie vor der zentrale Lebens-       zweite Haushalt von Alleinerziehenden       -leistungsausgleich findet kaum mehr
      bereich. Um aber eine Familie           hatte ein Nettoeinkommen zwischen           statt. Jede familienbezogene Leistung
gründen und leben zu können, sind             1.300 und 2.600 Euro.                       hat ihre eigene Systematik, ihre eigene
verlässliche Rahmenbedingungen un-                                                        Berechnungsgrundlage und Anrech-
abdingbar. Hierbei ist eine monetäre          Unzureichende Förderung                     nungslogik, die es selbst ausgewiese-
Entlastung und Förderung von Familien         von Familien                                nen Kennern der Materie oft nicht
ebenso erforderlich, wie eine familien-       Insbesondere die Armutsquote von            leicht macht, den Überblick zu behal-
unterstützende Infrastruktur und eine         Alleinerziehenden verharrt seit Jahren      ten. Obwohl es zahlreiche Ansätze und
ausgewogene Zeitpolitik.                      auf einem anhaltend hohen Niveau.           Überlegungen für eine Reform der
Laut amtlicher Statistik (Datenreport         Ebenso ist die Armutsquote von Fami-        familienbezogenen Leistungen gibt,
2016) lebten in Deutschland 2014 ins-         lien mit drei und mehr Kindern dop-         ist es bisher nicht gelungen, ein ent-
gesamt 8,1 Millionen Familien, knapp          pelt so hoch wie von Familien mit ei-       sprechendes Vorhaben auf den Weg zu
ein Fünftel davon waren Familien mit          nem und zwei Kindern. Demnach ist           bringen. Nach wie vor fehlt es erkenn-
einem Elternteil. In etwas mehr als der       das Risiko, in Armut zu geraten gerade      bar an einer nachhaltigen Strategie zur
Hälfte der Familien lebte ein Kind, in        für Alleinerziehende und Familien mit       Bekämpfung der Armut von Familien.
36 Prozent zwei und in elf Prozent drei       drei und mehr Kindern besonders aus-
und mehr minderjährige Kinder. Im             geprägt. Diese Erkenntnis ist sicher        Existenzsichernde
selben Zeitraum verfügten neun Prozent        alles andere als neu, denn die Daten        Kindergrundsicherung
aller Familien über ein monatliches           sprechen seit Jahren eine eindeutige        Vor diesem Hintergrund fordert der
Familien-Nettoeinkommen von weniger           Sprache. Es ist in Deutschland nach         Paritätische eine Reform der mone-
als 1.300 Euro. Knapp jede dritte Familie     wie vor nicht gelungen, eine hinrei-        tären Förderung und Unterstützung
verfügte monatlich über ein Nettoein-         chende finanzielle Förderung und Un-        von Familien. Hierzu sollten alle ent-
kommen zwischen 1.300 und 2.600               terstützung von Familien zu erreichen.      sprechenden Leistungen auf den Prüf-
Euro. Vier von zehn Alleinerziehenden         Die Leistungen für Familien gelten als      stand gestellt und zu einer einheitli-
mussten 2014 mit einem Familien-              ineffizient, unübersichtlich und in ihrer   chen, existenzsichernden Kindergrund-
Nettoeinkommen von unter 1.300 Euro           Komplexität kaum mehr verständlich.         sicherung zusammengeführt werden.

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Sozial wählen: Armut stoppen, Zukunft schaffen! - 3 | 2017 - Der ...
Forderungen an die neue Bundesregierung

Mit dem quantitativen Ausbau der                                                      werden. Erste Ansätze für eine Umset-
Kindertagesbetreuung, wie er seit 2007                                                zung von Inklusion finden sich vor
vorangetrieben wurde, sowie mit der                                                   allem im frühkindlichen Bildungs-
Einführung des Rechtsanspruchs auf                                                    bereich. Weitere Bereiche, wie etwa
einen Betreuungsplatz für Kinder ab                                                   das Schul- oder Ausbildungssystem,
dem vollendeten ersten Lebensjahr in                                                  müssen folgen. Klar sein muss dabei
2013, sind erste wichtige Schritte für                                                jedoch, dass Inklusion nicht zum Null-
eine Stärkung der Infrastruktur für                                                   tarif zu haben ist. Das gilt auch für die
Familien geleistet worden. Die anhal-                                                 Schaffung einer inklusiven Kinder-
tend hohe Nachfrage nach Betreu-                                                      und Jugendhilfe.
ungsplätzen macht allerdings deutlich,                                                Der Paritätische fordert die neue Bun-
dass auch in den kommenden Jahren                                                     desregierung auf, sich konsequent für
weitere Anstrengungen beim quantita-                                                  Inklusion einzusetzen, die hierfür er-
tiven Ausbau notwendig sein werden.                                                   forderlichen Prozesse zu initiieren so-
Darüber hinaus muss die Qualität des                                                  wie die notwendigen Finanzmittel ver-
Betreuungsangebots stärker in den                                                     bindlich bereitzustellen.
Blick genommen werden. Hier müssen
deutliche Verbesserungen insbesonde-                                                  Gleichstellung der Geschlechter
re bei den Rahmenbedingungen er-                                                      Laut Artikel 3 Absatz 2 des Grundge-
zielt werden. Die Jugend- und Famili-                                                 setzes sind Männer und Frauen gleich-
enministerkonferenz hat sich auf ihrer                                                berechtigt. Der Staat fördert die tat-
                                           Marion von zur Gathen,
Sitzung Mitte Mai 2017 auf Eckpunkte       Leiterin der Abteilung Soziale Arbeit      sächliche Durchsetzung der Gleichbe-
für ein Bundesqualitätsentwicklungs-       beim Paritätischen Gesamtverband           rechtigung von Frauen und Männern
gesetz verständigt, der Bund hat die                                                  und wirkt auf die Beseitigung beste-
hierfür notwendigen Finanzmittel in                                                   hender Nachteile hin. Die Ergebnisse
Aussicht gestellt.                        ziehungszeiten bis hin zu einer             des 1. und 2. Gleichstellungsberichts
                                          Förderung einer familienfreundlichen        zeigen nicht nur den konkreten Hand-
Bundesqualitätsentwicklungsgesetz         Arbeitswelt sowie der Unterstützung         lungsbedarf, sie machen auch deut-
auf den Weg bringen                       bei der Übernahme von Pflegetätig-          lich, dass es zwischen Männern und
Der Paritätische fordert die neue Bun-    keiten und Sorge für Angehörige.            Frauen nach wie vor ungleiche Ver-
desregierung auf, auch in der kom-        Der Paritätische fordert die neue           wirklichungschancen sowie die un-
menden Legislatur den eingeschlage-       Bundesregierung auf, sich stärker als       gleiche Verteilung von Chancen und
nen Weg konsequent weiterzuverfol-        bisher mit Ansätzen und Überlegungen        Risiken im Lebenslauf gibt. Ausdruck
gen, das Bundesqualitätsentwicklungs-     für eine nachhaltige Zeitpolitik für        dessen ist unter anderem der „Gender
gesetz auf den Weg zu bringen und         Familien auseinanderzusetzen und            Pay Gap“ (Einkommensunterschiede
umzusetzen sowie die hierfür notwen-      hierbei auch Familienarbeitszeitmo-         aufgrund des Geschlechts) sowie der
digen Finanzmittel zur Verfügung zu       delle zu entwickeln.                        „Gender Pension Gap“ (Einkommens-
stellen.                                                                              ungleichheit von Männern und Frauen
                                          Inklusion als Prozess                       im Alter).
Nachhaltige Zeitpolitik                   Inklusion steht für die selbstverständ-     Es ist nicht länger hinnehmbar, dass
Ein wichtiger Aspekt für die Lebens-      liche Teilhabe aller Menschen an der        Frauen für die gleiche Arbeit weniger
qualität von Familien ist Zeit, die für   Gesellschaft. Die Teilhabe ist unab-        verdienen als Männer, dass „typische
Familie, Erwerbsarbeit, bürgerschaftli-   hängig von Behinderung, Geschlecht,         Frauenberufe“ schlechter entlohnt
ches Engagement, die Freizeit sowie       sozialen Bedingungen, Fähigkeiten,          werden als andere und Frauen auf-
die eigene Regeneration zur Verfü-        ökonomischen Voraussetzungen, Eth-          grund der Übernahme von Sorge- und
gung steht. Familien sehen sich immer     nizität, Sprache, Religion, sexueller       Pflegearbeiten seltener Karriere machen
stärker unter Druck, in der „rush hour    Orientierung und weiteren individuel-       und geringere Rentenanwartschaften
of life“ möglichst viele der Erwartun-    len Merkmalen. Inklusion ist ein zu         erwerben. Der Paritätische fordert die
gen zu erfüllen. Eine nachhaltige Fa-     gestaltendes gesellschaftliches Prinzip,    neue Bundesregierung auf, endlich
milienpolitik muss Konzepte und Stra-     ein Prozess, dessen Umsetzung für           ein Rahmenkonzept für eine konse-
tegien für eine nachhaltige Zeitpolitik   alle Lebensbereiche und Systeme ent-        quente Gleichstellung der Geschlech-
entwickeln und auf den Weg bringen.       wickelt und gestaltet werden muss.          ter vorzulegen und umzusetzen.
Diese reichen unter anderem von der       Inklusion darf nicht nur Gegenstand         Es ist an der Zeit, Mut zum Handeln
Förderung der partnerschaftlichen         von Sonntagsreden und Lippenbe-             zu zeigen und mit neuen Konzepten
Vereinbarkeit von Familie und Beruf,      kenntnissen sein, sie muss mit Leben        und Ideen endlich Teilhabe und Chan-
dem erleichterten Zugang zum Ar-          gefüllt, zu einem Grundsatz des Zu-         cengerechtigkeit für alle Menschen in
beitsmarkt nach Betreuungs- und Er-       sammenlebens in unserer Gesellschaft        Deutschland herzustellen.

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Sozial wählen: Armut stoppen, Zukunft schaffen! - 3 | 2017 - Der ...
Forderungen an die neue Bundesregierung

    Für eine humane Flüchtlingspolitik und
    ein modernes Einwanderungsgesetz
W
            ohl kaum jemand hat im           Familienzusammenführung                    Qualitätsmängel, auf die auch der
            Jahr 2013 vorhergesehen,         ermöglichen                                Paritätische wiederholt hingewiesen
            wie sehr das Flüchtlings-        Als Reaktion auf den Anstieg der           hat. Zu einem fairen Verfahren gehört
thema in dieser Legislaturperiode die        Flüchtlingszahlen hat die Bundesregie-     vor allem auch, dass die Betroffen
Innenpolitik bestimmen würde. Der zu-        rung im Jahr 2016 den Familiennach-        über ihre Rechte und Pflichten von
nächst großen Offenheit bei der Aufnah-      zug für einen Teil der Flüchtlinge bis     einer unabhängigen Stelle beraten
me von Flüchtlingen folgte dann eine         März 2018 ausgesetzt. Für die Betroffe-    werden können. Eine solche unabhän-
zunehmend restriktive Flüchtlings-           nen bedeutet das, dass sie jahrelang       gige Verfahrensberatung, die es bis-
politik nach dem Motto „so etwas darf        von ihren Familien, die noch in den        her in Deutschland nur in einigen
uns nicht nochmal passieren“.                Herkunfts- oder Transitstaaten leben,      Bundesländern gibt, muss bundes-
                                             getrennt bleiben. Für viele ist das eine   weit zur Verfügung gestellt werden.
Keine Festung Europa!                        untragbare Situation; einige kehren des-
Es wurden Maßnahmen massiv ver-              halb wieder in die Herkunftsländer         Rahmenbedingungen der
stärkt, um zukünftig die Flucht nach         zurück. Gerade wenn man verhindern         Integration verbessern
Europa zu erschweren beziehungswei-          will, dass sich Familienangehörige auf     Damit die zügige Aufnahme und
se unmöglich zu machen. Diskutiert           die höchst unsichere, gefährliche Flucht   Integration der Geflüchteten gelingen
wird aktuell vor allem, den Flücht-          nach Europa begeben, um hier mit der       kann, müssen die Rahmenbedingun-
lingsschutz in andere Staaten, insbe-        Familie in Sicherheit zusammen zu le-      gen stimmen. Es ist von zentraler
sondere in Nordafrika „auszulagern“.         ben, darf man das Recht auf Familien-      Bedeutung, allen Flüchtlingen zügig –
Der Paritätische hält eine stärkere          zusammenführung nicht weiter ein-          spätestens nach drei Monaten – Zu-
Unterstützung anderer Länder bei der         schränken. Der Ausschluss der Familien-    gang zu den unterschiedlichen Inte-
Aufnahme von Flüchtlingen und beim           zusammenführung für Subsidiär              grationsangeboten zu gewähren und
Aufbau eigener Asylsysteme zwar für          Geschütze darf nicht über den März         dabei nicht zwischen denen mit und
sinnvoll, sie darf aber keine Rechtferti-    2018 verlängert werden!                    ohne Bleibeperspektive zu unterschei-
gung dafür sein, sich selbst der Verant-                                                den. Die Abschaffung des Asylbewer-
wortung bei der Aufnahme von Flücht-         Faire Asylverfahren gewährleisten          berleistungsgesetzes und stattdessen
lingen zu entziehen und andere Staa-         Die Mehrzahl der neuen Asylverfahren       der gleichberechtigte Zugang zu Leis-
ten anzuhalten, Flüchtlinge von Europa       wird mittlerweile innerhalb weniger        tungen nach dem Sozialgesetzbuch
fernzuhalten. Daher lehnt der Verband        Monate abgeschlossen. Asylverfahren        gehören für uns ebenso zu den not-
Pläne ab, Asylverfahren in Nicht-EU-         sollen aber nicht nur zügig, sie müssen    wendigen Rahmenbedingen gelingen-
Staaten auszulagern und Flüchtlinge          vor allem fair durchgeführt werden.        der Integration wie die dauerhafte
zurückzusenden, wenn sie vermeint-           Tatsächlich gibt es aber zahlreiche        Auf hebung von Arbeitsverbot und Vor-
lich in anderen Transitländern sicher                                                   rangprüfung beim Zugang zum Ar-
waren. Europa muss offen bleiben für                                                    beitsmarkt.
Asylsuchende!                                                                           Der weitere Ausbau der Sprachför-
Mehrere Tausend Flüchtlinge sind im                                                     derung und passgenauer Qualifizie-
vergangenen Jahr auf ihrer Flucht nach                                                  rungsangebote wie auch die frühzeiti-
Europa im Mittelmeer ertrunken. Um                                                      ge und umfassende Anerkennung mit-
dies für die Zukunft zu vermeiden ist                                                   gebrachter Qualifikationen sind weite-
ein Umsteuern in vielen Bereichen not-                                                  re wichtige Bausteine.
wendig. Dazu gehört neben der Be-                                                       Flüchtlinge müssen uneingeschränk-
kämpfung von Fluchtursachen und der                                                     ten Zugang zu medizinischer Versor-
stärkeren Unterstützung der Transitlän-                                                 gung bekommen; wichtig ist insbeson-
der insbesondere auch, andere legale                                                    dere die Sicherstellung ausreichender
Möglichkeiten des Zugangs nach Euro-                                                    Angebote zur Behandlung psychischer
pa für Schutzsuchende auszubauen.                                                       Störungen beziehungsweise Traumata.
Wir fordern eine deutliche Aufstockung       Harald Löhlein, Leiter der                 Auch muss der Einsatz von Sprach-
                                             Abteilung Migration und
entsprechender Aufnahme- bezie-                                                         mittlern im Bereich der medizinischen
                                             Internationale Kooperation
hungsweise Resettlementprogramme.                                                       Versorgung finanziert werden.

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Sozial wählen: Armut stoppen, Zukunft schaffen! - 3 | 2017 - Der ...
Forderungen an die neue Bundesregierung

Ohne das große Engagement zahlrei-         von einer Einbürgerung fern. Die Ein-
cher ehrenamtlicher Unterstützerin-        bürgerungsmodalitäten müssen ver-                Online-Tool zur Wahl
nen und Unterstützer kann die Auf-         bessert, die Höhe der Gebühren ge-
nahme und Integration geflüchteter
Menschen kaum gelingen. Damit das
                                           senkt und die Voraufenthaltszeiten
                                           gekürzt werden. Die Mehrstaatigkeit
                                                                                            Politische
bisherige Engagement erfolgreich wir-
ken kann, müssen die notwendigen
                                           muss regelhaft möglich sein und die
                                           Optionspflicht komplett abgeschafft
                                                                                            Positionen und
Unterstützungsstrukturen weiter ge-
fördert werden.
                                           werden. Insbesondere für die erste Ge-
                                           neration der sogenannten „Gastarbei-
                                                                                            persönliche
Abschiebungen: menschenwürdige
                                           ter“ beziehungsweise „Vertragsarbei-
                                           ter“ müssen Einbürgerungsverfahren
                                                                                            Präferenzen
Standards beachten                         erleichtert werden. Es liegt auch im
Erfolgreiche Flüchtlingspolitik misst      Interesse der Aufnahmegesellschaft,              Wie stehen die Parteien zur Frage
sich nicht an einer möglichst hohen        dass diejenigen, die hier dauerhaft leben,       der Finanzierung von öffentlichen
Zahl von Abschiebungen! Aus Sicht des      die vollen Bürgerrechte, vor allem auch          Beschäftigungsmaßnahmen, zum
Paritätischen Gesamtverbands müssen        das Wahlrecht erhalten.                          Mindestlohn und zur Rentenhö-
beim Thema Rückkehr die Sicherheit                                                          he? Wie soll sich der Betreuungs-
und Würde des einzelnen garantiert         Besserer Zugang zu                               schlüssel in Kitas entwickeln und
werden. Dazu gehört, dass niemand in       Sozialleistungen für EU-Bürger                   wie ein menschenwürdiges Exis-
Länder zurückgeführt wird, in denen        Handlungsbedarf besteht aber keines-             tenzminimum für Kinder festge-
Bürgerkrieg herrscht oder sonstige         falls nur bei der Aufnahme von Flücht-           legt werden? Soll eine Bürger-
Gefahren für Leib oder Leben der           lingen, sondern auch hinsichtlich der            versicherung die Trennung der
Rückkehrer bestehen. Aus diesem            Situation von EU-Bürgern. Die neuen              privaten und der gesetzlichen
Grund lehnen wir Abschiebungen             Regelungen, die mehr EU-Bürger von               Krankenversicherung überwin-
nach Afghanistan ab.                       Sozialleistungen ausschließen, haben             den? Wie kann tatsächliche Teil-
Die sogenannte „freiwillige“ Rückkehr,     zur Folge, dass immer mehr von ihnen             habe für alle Menschen sicherge-
muss den absoluten Vorrang vor Ab-         in äußerst prekären Verhältnissen leben          stellt werden? Wie steht es um das
schiebungen haben. Um diese zu för-        und von verschiedenen Formen der                 Asylbewerberleistungsgesetz, die
dern, bedarf es einer unabhängigen         Ausbeutung, etwa am Wohnungs- oder               Mehrstaatlichkeit und das Recht
Rückkehrberatung, welche Ausreise-         Arbeitsmarkt, betroffen sind. Diese              auf Familienzusammenführung?
pflichtige neutral über Perspektiven       Formen der Ausbeutung müssen ent-                Undwas bedeuten die Freihandels-
und Möglichkeiten informiert und so-       schieden bekämpft und die Rechte der             abkommen für die betroffenen
mit eine höhere Glaubwürdigkeit und        EU-Bürger, auch beim Zugang zu So-               Bürgerinnen und Bürger?
Akzeptanz erlangen kann als staatliche     zialleistungen, gestärkt werden.
Beratungsstellen.                                                                           Wahlhilfe im Internet
Soweit Abschiebungen als unausweich-       Familienzusammenführung                          Diese und weitere Fragen zu sozial-
lich angesehen werden, gilt es auch        verbessern                                       politischen Themen, die eine be-
hier, für menschenwürdige Standards        Fast alle Parteien haben mittlerweile            sondere Bedeutung für den Einzel-
zu sorgen. Dies verbietet zum einen die    verkündet, dass in der kommenden                 nen, unsere soziale Arbeit und die
Abschiebung von besonders schutzbe-        Legislaturperiode die Einwanderung               Gesellschaft haben, stellt der Pari-
dürftigen sowie gut integrierten Perso-    nach Deutschland neu geregelt werden             tätische vor der Bundestagswahl
nen. Zum anderen regen wir eine Aus-       soll. Das ist auch gut so. Neben Erleich-        den Parteien. Die Antworten wer-
weitung des Abschiebemonitorings an,       terungen für qualifizierte Fachkräfte,           den in einem Programm verar-
um inhumane Abschiebungspraktiken          vor allem solche mit einem beruflichen           beitet, das die unterschiedlichen
künftig zu verhindern.                     Abschluss, ist es dabei auch wichtig,            Positionen der Parteien aufberei-
                                           die Regelungen für die Familienzu-               tet. Die meisten werden dies vom
Einbürgerung erleichtern                   sammenführung zu verbessern und                  Wahl-O-Mat der Bundeszentrale
Es ist ein Skandal, dass in Deutschland    auch die Zuwanderung von gering                  für politische Bildung kennen.
nach wie vor viele Eingewanderte seit      Qualifizierten neu zu regeln. Denn               Als Ergebnis erhält jede interes-
Langem leben, ohne dass sie hier die       wenn legale Wege der Zuwanderung                 sierte Bürgerin beziehungsweise
deutsche Staatsangehörigkeit anneh-        aus Drittstaaten geschaffen werden               jeder Bürger eine Rückmeldung,
men konnten. Dafür gibt es verschie-       sollen, um Alternativen zum Asylsys-             welche Partei mit den eigenen
dene Gründe. Langwierige Verfahrens-       tem zu bieten, dann muss es auch für             politischen Vorstellungen mehr
dauer, zahlreiche gesetzliche Hürden,      geringer Qualifizierte Zuwanderungs-             oder weniger übereinstimmt. Die-
die Notwendigkeit, die bisherige Staats-   möglichkeiten geben. Dabei kann man              se Wahlhilfe ist aufrufbar über:
angehörigkeit abzugeben, sowie die         auf den positiven Erfahrungen mit den            http://wahlhilfe.paritaet.org
Höhe der Gebühren halten Menschen          Westbalkan-Staaten aufbauen.

                                                                                        3 | 2017    www.der-paritaetische.de       9
Sozial wählen: Armut stoppen, Zukunft schaffen! - 3 | 2017 - Der ...
Forderungen an die neue Bundesregierung

                                                             Eine solidarische und gerechte Finanzierung von
                                                             Pflege und Gesundheit, Leistungen, die den
     Der Mensch muss                                         Bedarfen der Menschen gerecht werden, und

     im Mittelpunkt                                          entschiedene Schritte zur Realisierung der
                                                             Inklusion – das sind einige zentrale Forderungen
     stehen                                                  des Paritätischen Gesamtverbands im Bereich
                                                             Teilhabe, Gesundheit und Rehabilitation.

D
         ie Gesundheitsreformen der          dingungen beeinflussen die Gesund-         schen mit hohem Unterstützungs-
         vorhergehenden Bundesregie-         heit wesentlich. Gesundheitsförderung      bedarf haben ein Recht auf eine für sie
         rungen haben die Ungerech-          und Prävention können dazu beitra-         erreichbare Teilhabe am Arbeitsleben
tigkeiten in der gesundheitlichen            gen, sozial bedingte gesundheitliche       und Beschäftigung. Das Kriterium
Versorgung verschärft. Unternehmen           Ungleichheiten abzubauen. Zur Errei-       „die Schaffung eines Mindestmaßes
wurden entlastet, Versicherte müssen         chung dieses Ziels fordert der Paritäti-   an verwertbarer Arbeit“ ist abzuschaf-
durch Zuzahlungen und Zusatzbeiträ-          sche, flächendeckende und nachhalti-       fen und Teilhabe am Arbeitsleben für
ge alleine für die steigenden Kosten auf-    ge gesamtgesellschaftliche Strategien      ALLE – auch für Menschen mit hohem
kommen. Weil die Gesundheit eines            und Programme zu entwickeln.               Unterstützungsbedarf – umzusetzen.
jeden Menschen die zentrale Vorausset-                                                  Teilhabe steht vor Pflege! Die Fortfüh-
zung für gesellschaftliche Teilhabe und      Ressourcen für Inklusion                   rung der Sonderregelung im BTHG,
Selbstbestimmung ist, darf das Gesund-       Deutschland hat die UN-Behinderten-        mit der eine „Verlegung“ junger Men-
heitswesen nicht weiter den marktwirt-       rechtskonvention und damit die gleich-     schen mit Behinderung in Pflegehei-
schaftlichen, ökonomischen Interessen        berechtigte Teilhabe und Inklusion         me möglich wird, muss abgeschafft
untergeordnet werden. Denn: Gesund-          von Menschen mit Behinderung aner-         werden, weil sie die Leistungsberech-
heitsversorgung ist ein Menschenrecht.       kannt. Inklusion braucht nicht nur         tigten selbst bei der Entscheidungs-
Gesundheitsversorgung ist Daseinsver-        eine verbale Zustimmung. Inklusion         findung ausschließt.
sorgung. Deshalb müssen die markt-           verlangt eine neue Haltung, kostet         Kinder mit Behinderung und deren
wirtschaftlichen Mechanismen zurück-         Mühe und Geld. Hierfür sind Ressour-       Familien brauchen Sicherheit für Leis-
gedrängt und wieder eine sach- und           cen bereitzustellen! Das neue Bundes-      tungen der Früherkennung und Früh-
bedarfsgerechte Steuerung eingeführt         teilhabegesetz (BTHG) hat behinder-        förderung. Hierfür sind verbindliche
werden.                                      ten Menschen Verbesserungen zum            Regelungen zur Finanzierung und
                                             Beispiel bei der Heranziehung von          Leistung zu schaffen.
Soziale Bürgerversicherung                   Einkommen und Vermögen für Leis-
Als wichtigen Schritt in Richtung eines      tungen der Eingliederungshilfe ge-         Wahlrecht für alle
solidarischen und gerechteren Gesund-        bracht. Allerdings bleibt es bei Bedürf-   Menschen mit Behinderung
heitssystems sieht der Paritätische die      tigkeitsprinzip und Fürsorgerecht. Die     Der Paritätische fordert volles Wahl-
Überwindung der Zwei-Klassen-Me-             Eingliederungshilfe für Menschen mit       recht für ALLE Menschen mit Behinde-
dizin. Die Versorgung der Menschen           Behinderung muss unabhängig vom            rung. Die Abschaffung der Wahlrechts-
muss wieder im Mittelpunkt stehen.           Einkommen und Vermögen gewährt             ausschlüsse von Menschen mit Behin-
Der Paritätische fordert daher die zügige    werden. Auch die Möglichkeit zur Ge-       derung ist längst überfällig.
Einführung einer sozialen Bürger-            währung von Leistungen zur gemein-         Das Menschenrecht auf inklusive Bil-
versicherung sowie den zuzahlungs-           schaftlichen Inanspruchnahme von           dung ist anzuerkennen und notwen-
freien Zugang zu einer qualitativ hoch-      Unterstützungsleistungen etwa in der       dige sächliche, personelle Ressourcen
wertigen gesundheitlichen Versorgung         Freizeit oder beim Schulbesuch gegen       sind zu gewährleisten. Der Bund muss
für alle Menschen.                           den Wunsch des Leistungsberechtigten       Verantwortung übernehmen und dafür
                                             sind nicht konform mit der UN-Behin-       Sorge tragen, dass Gesetzes- oder Res-
Gesundheitsförderung                         dertenrechtskonvention.                    sourcenvorbehalte gestrichen werden.
und Prävention                               Die Verbesserungen mit dem Bundes-
Wer arm ist, stirbt früher und ist häu-      teilhabegesetz greifen fast ausschließ-    Selbsthilfe stärken
figer krank. Gute Gesundheitspolitik         lich für Menschen, die auf dem allge-      Damit Partizipation von behinderten
muss daher stets alle Politikbereiche        meinen Arbeitsmarkt integriert sind        und chronisch kranken Menschen auf
einbeziehen. Ein stabiles soziales Um-       oder ein Mindestmaß an verwertbarer        allen gesellschaftlichen Ebenen gelebt
feld, gute Arbeits-, Lern- und Wohnbe-       Arbeit leisten können. Aber auch Men-      werden kann, ist die finanzielle Aus-

10    www.der-paritaetische.de    3 | 2017
Forderungen an die neue Bundesregierung

stattung ihrer Selbsthilfeorganisatio-     was Bewegung in die Sache. Wenn               bau hin zu einer sozialen Bürgerver-
nen unter Einbeziehung weiterer Insti-     aber nicht nur Personen mit einge-            sicherung muss daher oberste politi-
tutionen wie etwa den privaten Kran-       schränkter Alltagskompetenz eine bes-         sche Priorität genießen. Die Beitrags-
kenversicherungen zu verbessern und        sere Versorgung erhalten sollen, son-         bemessungsgrenze muss auf das Ni-
gemäß den wachsenden Aufgaben an-          dern auch die Gruppe der rein somati-         veau der Rentenversicherung angeho-
zupassen. Die Patientenvertretungen        schen Pflegebedürftigen, ist eine An-         ben und das zu berücksichtigende
müssen im Hinblick auf personelle          hebung der Personalschlüssel alter-           Einkommen ausgeweitet werden. Dem
und zeitliche Ressourcen vergleichbar      nativlos. Die Erhöhung der Personal-          kontinuierlichen Anstieg der Eigen-
mit den Leistungserbringern und ih-        schlüssel beziehungsweise die tatsäch-        anteile muss durch regelmäßige und
ren Verbänden ausgestattet sein. Zu-       liche Umsetzung erreicht in dieser            regelgebundene Leistungsanpassun-
gleich müssen die Selbsthilfe- und         Hinsicht aber nicht das benötigte Niveau.     gen begegnet werden.
Patientenbeteiligungsrechte in den         Der Hemmschuh liegt in den Kosten
Sozialgesetzbüchern V (Gesetzliche         und im Fachkraftmangel. Durch die             Personenkreis erweitern
Krankenversicherung) und XI (Soziale       Übernahme der Kosten für Behand-              In der Hilfe zur Pflege sind die „verges-
Pflegeversicherung) weiter ausgebaut       lungspflege in teilstationären und sta-       senen Personengruppen“ wieder zu
werden. Dazu gehört beispielsweise,        tionären Pflegeeinrichtungen durch            berücksichtigen. Personen ohne Pflege-
dass die Selbsthilfe- und Patienten-       die Krankenversicherung könnte be-            grad erhalten derzeit keine Leistungen
vertreter/-innen im Gemeinsamen Bun-       reits ein wesentlicher Personalzuwachs        der Hilfe zur Pflege mehr. Pflegebe-
desauschuss langfristig ein Stimmrecht     refinanziert werden.                          dürftige unterhalb von Pflegegrad 2
erhalten. Dieses sollte in einem ersten                                                  haben keinen Anspruch auf Leistun-
Schritt ein Stimmrecht in Verfahrens-      Leistungen der Pflegeversicherung             gen in vollstationären Pflegeeinrich-
fragen umfassen.                           müssen angehoben werden                       tungen, und deren Leistungen sind ge-
Da die Krankenkassen keine Transpa-        Um dem Fachkraftmangel entschie-              deckelt. Betroffen sind sowohl Nicht-
renz bezüglich der Verwendung ihrer        den entgegenzutreten, führt kein Weg          versicherte als auch Versicherte mit
kassenindividuellen Selbsthilfeförde-      an einer besseren Bezahlung der               ergänzender Hilfe zur Pflege.
rung herstellen, bedarf es hierzu einer    Pflegekräfte vorbei. Deshalb müssen
entsprechenden gesetzlichen Vorgabe,       die Leistungen der Pflegeversicherung         Kommunen haben eine
die vorsieht, dass die Vertreter der       deutlich angehoben werden. Die Pfle-          zentrale Rolle bei der
Selbsthilfe an der Vergabe dieser Mittel   gebedürftigen beziehungsweise deren           wohnortnahen Versorgung
zu beteiligen sind.                        Angehörige können nicht weiter finan-         Die Stärkung kommunaler Aufga-
                                           ziell belastet werden.                        ben in der Pf lege ist ein Flop. Für
Umfassende Barrierefreiheit                Der Mehrbedarf an Personal und Zeit           eine angemessene, wohnortnahe
Damit Menschen möglichst selbst-           sowie notwendige Lohnsteigerungen             und aufeinander abgestimmte, mit-
bestimmt lernen, arbeiten und woh-         müssen refinanziert werden. Der Um-           einander verzahnte Beratungs-, Ver-
nen, aber auch ihre Freizeit gestalten                                                   sorgungs- und Unterstützungsland-
können, gilt es Barrieren möglichst                                                      schaft sowie für eine bedarfsgerech-
schnell und umfassend abzubauen                                                          te Infrastruktur müssen die Kom-
und künftig zu vermeiden. Nachdem                                                        munen Verantwortung in den rele-
sich der öffentliche Sektor hier bereits                                                 vanten Feldern für ihre originären
auf den Weg gemacht hat, bedarf es                                                       Aufgaben der Koordination, Vernet-
nun einer besseren Verankerung von                                                       zung, Planung und Steuerung über-
Barrierefreiheit im privatwirtschaft-                                                    nehmen. Ziel muss die Gestaltung ei-
lichen Bereich. Dazu braucht es eine                                                     ner wohnortnahen Versorgung und
bindende Verpflichtung für private                                                       nicht die bloße Steuerung von Leistun-
Unternehmen zur Barrierefreiheit, die                                                    gen und der Einbezug der Wohlfahrts-
dem Grundsatz der Verhältnismäßig-                                                       pflege sein.
keit Rechnung tragen muss und ein je
nach Dienstleistungsbereich gestuftes
und zeitlich festgelegtes Umsetzungs-
konzept beinhaltet.

Mehr Pflegepersonal
In der Altenpflege wird es keine grund-
legende Verbesserung der Versorgung
ohne mehr Personal und mehr Zeit für                                                     Joachim Hagelskamp Bereichsleiter
Pflege und Betreuung geben. Der neue                                                     Gesundheit, Teilhabe, Dienstleistungen
                                                                                         beim Paritätischen Gesamtverband
Pflegebedürftigkeitsbegriffs bringt et-

                                                                                       3 | 2017    www.der-paritaetische.de       11
Im Gespräch

                                                                              Ü        ber das steuerpolitische Konzept
                                                                                       der Partei Bündnis 90/Die Grünen
                                                                              sprach der Hauptgeschäftsführer des Paritä-
                                                                              tischen Gesamtverbandes, Dr. Ulrich Schnei-
                                                                              der, mit der Bundesvorsitzenden der Partei,
                                                                              Simone Peter. „Wohlhabende müssen end-
                                                                              lich einen fairen Beitrag zum Gemeinwesen
                                                                              leisten. Es darf nicht sein, dass Menschen in
                                                                              Deutschland in Armut leben“, betonte Simo-
                                                                              ne Peter. „Wir setzen uns zum Beispiel da-
                                                                              für ein, Steuersümpfe trocken zu legen, und
                                                                              wollen verhindern, dass extrem hohe Mana-
                                                                              gergehälter auch noch als Betriebsausgaben
                                                                              von den Steuern abgesetzt und damit von
                                                                              der Allgemeinheit mitfinanziert werden. Au-
                                                                              ßerdem müssen Superreiche endlich in die
                                                                              Verantwortung genommen werden. Wir
                                                                              fordern deshalb eine verfassungsfeste und
                                                                              ergiebige Vermögenssteuer.“

 U       m zu sondieren, wo gemeinsame Themen und Interessen zwischen dem
         Paritätischen und der FDP liegen könnten, trafen sich der Vorsitzende
 des Paritätischen Gesamtverbandes, Professor Dr. Rolf Rosenbrock, und Haupt-
 geschäftsführer Dr. Ulrich Schneider in Berlin mit dem Bundesvorsitzenden der
 FDP, Christian Lindner. Sie verständigten sich darauf, sich zu den Themen Bil-
 dungspolitik, sozialer Arbeitsmarkt und Rechtsextremismus vertieft auszutau-
 schen und gegebenenfalls gemeinsam Dinge auf den Weg zu bringen. Lindner
 betonte Berührungspunkte zu sehen zwischen dem liberalen Bürgergeld-Kon-
 zept und dem vom Paritätischen geforderten Passiv-Aktiv-Transfer bei Hartz IV,
 womit die Umwandlung von Hartz-IV-Leistungen in Richtung einer Beschäfti-
 gungsförderung gemeint ist.

                                                                                     Z      u einem grundsätzlichen Aus-
                                                                                            tausch über Fragen der Steuer-,
                                                                                     Wirtschafts- und Sozialpolitik trafen
                                                                                     der Parlamentarische Geschäfts-
                                                                                     führer der CDU/CSU-Fraktion im
                                                                                     Bundestag, Michael Grosse-Brömer,
                                                                                     und der Hauptgeschäftsführer des
                                                                                     Paritätischen, Dr. Ulrich Schneider,
                                                                                     zusammen.
                                                                                     Schneider unterstrich positive Er-
                                                                                     gebnisse aus der nun auslaufenden
                                                                                     Legislaturperiode wie die Pflegere-
                                                                                     form oder das Präventionsgesetz.
                                                                                     Gleichwohl beklagte er Defizite der

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Im Gespräch

D       er Vorsitzende des Paritätischen
        Gesamtverbandes, Professor Dr.
Rolf Rosenbrock, überreichte dem Vor-
sitzenden der SPD, Martin Schulz, bei
einem Treffen im Willy Brandt Haus
das Buch „Gleichheit. Warum gerechte
Gesellschaften für alle besser sind“ von
Richard Wilkinson und Kate Pickett. Je
größer die Einkommensspreizung, desto
mehr soziale Probleme gibt es, ist die
zentrale These der international aner-
kannten Autoren. Soziale Ungleichheit
führe zu mehr Ausgrenzung, gesundheit-
lichen Problemen, Menschen in Gefäng-
nissen und im Ergebnis zu einer kürzeren
Lebenserwartung.

                                            Ü       ber die Rolle der Wohlfahrtsverbände für die soziale Sicherung in
                                                    Deutschland sprach der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Ge-
                                            samtverbandes, Dr. Ulrich Schneider, mit der Fraktionsvorsitzenden der Par-
                                            tei Die Linke im Bundestag, Sahra Wagenknecht. „Die Wohlfahrtsverbände
                                            erfüllen eine bedeutende Rolle für die soziale Sicherung in Deutschland.
                                            Besonders vor der Arbeit der ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer haben
                                            wir allerhöchsten Respekt. Allerdings kann das Ehrenamt das Hauptamt
                                            nicht ersetzen. Sonst sind die Kräfte irgendwann aufgebraucht“, sagte Sahra
                                            Wagenknecht. „Es geht neben dem Ehrenamt immer auch um professionelle
                                            Leistungen, die auch bezahlt werden müssen. Hier darf sich die Politik nicht
                                            zurücklehnen, denn das Geld dafür ist da. Es kann nicht sein, dass sich auf
                                            der einen Seite der Reichtum ballt und auf der anderen Seite nicht genug
                                            Pflegepersonal da ist.“                      Texte und Fotos: Janina Trebing

 Koalition in der Armutsbekämpfung
 und eine aus Sicht des Verbands zu
 starke Dominanz wirtschaftlicher In-
 teressen. Grosse-Brömer hielt dem
 entgegen, dass auch Wohlfahrts- und
 Sozialverbände wie der Paritätische
 bei all ihrem wichtigen Bemühen mehr
 Verständnis dafür aufbringen müssten,
 dass jegliche sozialpolitische Leistung
 nur auf einem soliden wirtschaftspoli-
 tischen Fundament stattfinden könne.
 Die beiden Oberhausener verabrede-
 ten auch für die nächste Legislaturperi-
 ode regelmäßige Gespräche zu gemein-
 samen Themen.

                                                                                 3 | 2017    www.der-paritaetische.de   13
Armutskongress

                                               Zweiter Armutskongress:

                                               Umsteuern: Armut stoppen,
                                               Zukunft schaffen.
                                               Veranstalter fordern in gemeinsamem Aufruf zur
                                               Bundestagswahl eine sozial gerechte Steuerpolitik
Jakob Augstein, Verleger der Zeitung
„Der Freitag“, beschäftigte sich in

                                              U
seiner Rede mit Rechtspopulismus und
Ungleichheit.                                          nter dem Motto         Journalismus diesmal unter     und Rechtspopulismus und
                                                       „Umsteuern: Armut      anderem mit der Frage, wie     die Bedeutung von Ungleich-
                                                       stoppen, Zukunft       eine Gesellschaft ohne Ar-     heit für unsere Gesellschaft.
                                              schaffen.“ fand Ende Juni im    mut aussehen kann. In Vor-     Professor Dr. Rolf Rosen-
                                              traditionsreichen Langenbeck-   trägen, Foren und Arbeits-     brock, Vorsitzender des
                                              Virchow-Haus in Berlin-Mitte    gruppen ging es unter ande-    Paritätischen Gesamtver-
                                              der zweite Armutskongress       rem um Themen wie das          bands, betonte zum Auftakt
                                              statt. Nachdem es beim ers-     Bedingungslose Grundein-       des Kongresses, dass Armut
                                              ten Armutskongress voriges      kommen, die langfristigen      längst kein Randproblem
                                              Jahr darum ging, was Armut      Auswirkungen des wachsen-      mehr sei. Sie sei vielmehr ein
                                              in einem reichen Land be-       den Niedriglohnbereichs auf    massenhaftes Phänomen mit-
                                              deutet, wo sie systematisch     die Renten, um Steuerge-       ten in unserer Gesellschaft,
                                              produziert wird und wer die     rechtigkeit, Herausforderun-   das auf mehreren Ebenen be-
                                              Betroffenen sind, beschäftig-   gen der Wohnungspolitik,       kämpft werden müsse. Was er
Der Gesundheitsökonom und Professor           ten sich die mehr als 500       Bildungs- und Chancen-         nicht mehr ertragen könne,
für Sozialepidemiologie Richard Wilkin-       Teilnehmenden aus Politik,      gleichheit sowie den Zusam-    sei die Phrase vom „Schritt
son sprach über Status, Armut und ge-         Wissenschaft, Praxis und        menhang zwischen Armut         in die richtige Richtung“, be-
sellschaftliche Folgen von Ungleichheit.

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Die Veranstalter des Armutskongresses stellen den gemeinsamen Aufruf          Heinz Georg von Wensiersky vom Bundeserwerbslosenaus-
vor: (von li.) Verbandsvorsitzender Professor Dr. Rolf Rosenbrock, Barbara    schuss ver.di (links) und Angelika Zwering von der AG Ver-
Eschen (Sprecherin der Nationalen Armutskonferenz), Annelie Buntenbach        netzung von Betroffenen der Nationalen Armutskonferenz
(DGB-Bundesvorstand), Moderatorin Tina Groll.                                 schildern ihre persönlichen Erfahrungen mit Armut.

tonte Rosenbrock. „Politik        wirkungsvoll einzudämmen.         verträgen abzuschaffen.“ Auch
reagiert nur auf Druck.“ Um       Unterstützt wird der Aufruf       der Missbrauch von Werkver-
die Schere in der ungleichen      von 13 weiteren Sozial-, Wohl-    trägen und prekärer Solo-
Einkommens- und Vermö-            fahrts- und Fachverbänden         Selbständigkeit müsse ge-
gensverteilung zu schließen       sowie gewerkschaftlichen          stoppt werden. „Die Menschen
und um eine weitere Sprei-        Organisationen.                   brauchen gute und sichere
zung der Gesellschaft zu                                            Arbeit, die anständig entlohnt
verhindern, müsse in der          „Niedriglohnbereich               wird und deren Arbeitsbedin-
Steuerpolitik konsequent um-      austrocknen“                      gungen stimmen. Wichtig da-
gesteuert werden, so Rolf         DGB-Vorstandsmitglied Anne-       für ist auch eine vollwertige
Rosenbrock.                       lie Buntenbach wies auf den       Berufsausbildung – jedoch
Das fordern die Veranstalter      Zusammenhang von Armut            bieten die Arbeitgeber zu we-
des Armutskongresses auch         und prekärer Beschäftigung        nige Ausbildungsplätze an.
in einem gemeinsamen Auf-         hin: „Die Politik muss end-       Die Politik muss endlich
ruf. Der Paritätische Gesamt-     lich umsteuern und der Spal-      eine gesetzliche Ausbildungs-
verband, der Deutsche Ge-         tung am Arbeitsmarkt entge-       garantie beschließen.“
werkschaftsbund und die           gentreten. Es geht darum,         Barbara Eschen, die Direktorin
Nationale Armutskonferenz         den Niedriglohnbereich aus-       der Diakonie Berlin-Branden-
wollen damit anlässlich der       zutrocknen, Minijobs in abge-     burg und Sprecherin der
                                                                                                     Professor Dr. Marcel Fratzscher
bevorstehenden Bundestags-        sicherte Beschäftigung umzu-      Nationalen Armutskonferenz,      vom Deutschen Institut für Wirt-
wahl zeigen, auf welche Poli-     wandeln und die sachgrund-        sagte: „Die Regelsätze von       schaftsforschung über Ungleicheit
tik es ankommt, um Armut          lose Befristung von Arbeits-      Hartz IV sind zu niedrig. >>     und die Bedeutung von Bildung.

Oberes Foto: Der stellvertretende Verbandsvorsitzende Josef Schädle
(links) im Gespräch. Rechts: Professor Dr. Jutta Allmendinger, die bei
vielen Menschen Zukunftspessimismus feststellt.

                                                                                          3 | 2017   www.der-paritaetische.de   15
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