Soziale Orte Konzept Das - Neue Infrastrukturen für gesellschaftlichen Zusammenhalt - Universität Göttingen

 
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Soziale Orte Konzept Das - Neue Infrastrukturen für gesellschaftlichen Zusammenhalt - Universität Göttingen
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Das
Soziale
Orte
Konzept

  Neue Infrastrukturen für
  gesellschaftlichen Zusammenhalt
Soziale Orte Konzept Das - Neue Infrastrukturen für gesellschaftlichen Zusammenhalt - Universität Göttingen
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                                                                                    Editorial:
                                                                                      Liebe Leserinnen und Leser,
                                                                                      sehr geehrte Projekt-Interessierte,

                                                                                      die nebenstehende Aufzählung von Voraussetzungen          einer Vielzahl engagierter Bürger*innen, konsequent
                                                                                      für das Entstehen und Bestehen Sozialer Orte erhiel-      an innovativen Lösungsstrategien. In den unter-
  „Es braucht Raum, es braucht Menschen. Man                                          ten wir als Antwort in einem unserer ersten Exper-
                                                                                      ten*innen-Interviews rund um den gesellschaftlichen
                                                                                                                                                suchten Regionen wurde öffentlicher Raum gestaltet,
                                                                                                                                                wurden Soziale Orte aufgebaut und (neuer) Zusam-

  muss ihnen eine Infrastruktur bieten. Man muss                                      Zusammenhalt. Sollte es wirklich so einfach sein?
                                                                                      Entstehen Gemeinschaft und Zusammenhalt auto-
                                                                                                                                                menhalt geschaffen.
                                                                                                                                                   Die Ergebnisse unserer Forschungsreise zur Wirk-
                                                                                      matisch, wenn man kreative Menschen mit Raum,             lichkeit Sozialer Orte stellen wir Ihnen auf den
  ihnen Unterstützung bieten, dass sie ihre Arbeit                                    Ressourcen und Know-how ausstattet und sie einen          nächsten Seiten vor. Beurteilen Sie selbst, ob das So-
                                                                                      Sozialen Ort „bauen“ lässt? Gesellschaftlicher Zu-        ziale-Orte-Konzept (SOK) ein Mittel gegen die sozial-
  leisten können.“ Im Rahmen unserer Forschung haben wir mit
                    Expert*innen, Bewohner*innen und Akteur*innen
                                                                                      sammenhalt ist angesagt! Gerade in Zeiten der Krise
                                                                                      braucht es Solidarität, Rücksichtnahme und tätige
                                                                                                                                                strukturelle und räumliche Spaltung unserer Gesell-
                                                                                                                                                schaft sein kann. Ob es in der Lage ist, gleichwertigere
                                   vor Ort gesprochen. Wichtige Zitate aus diesen     Hilfeleistung. Dabei ist Zusammenhalt aber auch ein       Lebensverhältnisse herzustellen, was bisher weder
                                                                                      gesellschaftliches Do-it-Yourself, das von aktiven Bür-   politischen noch rechtlichen Ausgleichsinstrumen-
                                   Gesprächen finden sich über die gesamte
                                                                                      ger*innen in Angriff genommen werden muss. Doch           ten – wie Länderfinanzausgleich, Solidaritätspakt
                                   Broschüre verteilt.                                was sind die Grundbedingungen für die nachhaltige         und EU-Strukturfonds – oder einer Vielzahl regio-
                                                                                      Produktion von Zusammenhalt?                              nalspezifischer Modellprojekte gelungen ist. Das So-
                                                                                         Im BMBF-Projekt „Das Soziale-Orte-Konzept. Neue        ziale-Orte-Konzept möchte den Aufbau neuer (Infra-)
                                                                                      Infrastrukturen für gesellschaftlichen Zusammen-          Strukturen und Institutionen des gesellschaftlichen
                                                                                      halt“ haben wir uns genau diese Frage – neben vielen      Zusammenhalts unterstützen, Orte schaffen, an de-
                                                                                      anderen – gestellt. Forschungsteams aus Göttingen         nen Menschen zusammenkommen und Gesellschaft
                                                                                      waren in Waldeck-Frankenberg in Hessen (Georg-            gestalten können. Es geht dabei nicht nur um Aus-
                                                                                      August-Universität) sowie in Saalfeld-Rudolstadt          differenzierung, Bündelung und Konzentration von
                                                                                      in Thüringen (Soziologisches Forschungsinstitut)          Infrastrukturangeboten, wie sie das Zentrale-Orte-
                                                                                      unterwegs, um Antworten zu erhalten. Beide Land-          Konzept vorsieht, sondern um eine tragfähige Infra-
                                                                                      kreise haben mit den Herausforderungen des demo-          struktur in der Fläche, bedarfsorientiert, individuell,
                                                                                      grafischen Wandels und wirtschaftlichen Struktur-         jedoch vernetzt, die lokal wirken kann. Ein horizonta-
                                                                                      wandels zu kämpfen, wenn auch in unterschiedlicher        les Netz Sozialer Orte soll die hierarchische, vertikale
                                                                                      Ausprägung. Beide Landkreise haben die Problem-           Struktur Zentraler Orte ergänzen, zu einem Gesamt-
                                                                                      lage jedoch erkannt und arbeiten, gemeinsam mit           konzept gegen die Absiedlung ländlicher Räume.

                                                                                                                                                Ihre Meinung dazu interessiert uns!
                                                                                                                                                Aber zunächst viel Vergnügen beim Lesen,
                                                                                                                                                Ihr SOK-Projektteam

                                                                                    Grußwort:
                                                                                      Bunt, ansprechend, informativ: So stellt sich dieses      vorliegende Magazin und das Soziale-Orte-Projekt
                                                                                      Magazin vor. Kurzweile ist angesagt, wenn es darum        sind ein gutes Beispiel dafür, wie Forschung in Zu-
                                                                                      geht, sich darüber zu informieren, wie gesellschaftli-    sammenarbeit mit der Praxis zu Lösungen dringender
                                                                                      cher Zusammenhalt gelingen kann, mit welchen Mit-         Zukunftsfragen beitragen kann. Bei der Durchfüh-
                                                                                      teln demokratische Prozesse gestärkt, wie sich von        rung des Vorhabens kam den Perspektiven von Kom-
                                                                                      Abwanderung bedrohte ländliche Räume wiederbele-          munen, lokalen Wirtschaftsunternehmen und der Zi-
                                                                                      ben lassen. An vielen Beispielen wird anschaulich dar-    vilgesellschaft – den Menschen vor Ort – eine tragende
                                                                                      gestellt, was Soziale Orte ausmacht.                      Rolle zu. Die in und mit den Landkreisen Saalfeld-Ru-
                                                                                         Das Magazin entstand innerhalb des Verbundvor-         dolstadt und Waldeck-Frankenberg ermittelten Er-
                                                                                      habens „Das Soziale Orte Konzept. Neue Infrastruktu-      gebnisse rund um die Gestaltung Sozialer Orte sind
                                                                                      ren für gesellschaftlichen Zusammenhalt“, einem von       so aufbereitet, dass sie auch in anderen Regionen und
                                                                                      50 Projekten, die im Rahmen des Forschungsschwer-         Orten angewendet werden können.
                                                                                      punkts „Zusammenhalt stärken in Zeiten von Krisen
                                                                                      und Umbrüchen“ vom Bundesministerium für Bildung          Dr. Stephanie Becker
                                                                                      und Forschung (BMBF) seit 2017 gefördert werden. Das      DLR Projektträger

In Saalfeld-Beulwitz entsteht neben einer Geflüchtetenunterkunft
ein Werkhaus, mit Hilfe der Stadt.
Soziale Orte Konzept Das - Neue Infrastrukturen für gesellschaftlichen Zusammenhalt - Universität Göttingen
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Inhalt:
Editorial und Grußwort 					                                3

Forschungsregionen kurz vorgestellt 		                      6

„Die Menschen machen den Unterschied“
Im Gespräch mit Claudia Neu und Berthold Vogel 			10

Was macht Soziale Orte aus?
Eine grafische Annäherung						14

„Stadt kann jede*r, Land muss man wollen“
Reportage Landkreis Waldeck-Frankenberg (Hessen)			       16

Das Forschungsteam in Waldeck-Frankenberg                                                  Gemeinschaftsküche der SoLawi Falkenhof Strothe im Landkreis Waldeck-Frankenberg.

Georg-August-Universität Göttingen					24

                                                                                           Soziale Orte erforschen
                                                                                           Welche Methoden wurden genutzt?					28
                                                      Blick auf Schwarzburg im Landkreis
                                                      Saalfeld-Rudolstadt.
                                                                                           Zusammenhalt Gestalt verleihen
                                                                                           Zwei künstlerische Interventionen						30

                                                                                           Von Benefits, Gefahren und Impulsen
                                                                                           Ergebnisse des Forschungsprojektes					36

                                                                                           Wo im Kleinen Großes entsteht
Landkreis Waldeck-Frankenberg.
                                                                                           Reportage Landkreis Saalfeld-Rudolstadt (Thüringen)			               46

                                                                                           Das Forschungsteam in Saalfeld-Rudolstadt
                                                                                           Soziologisches Forschungsinstitut Göttingen				56

                                                                                           Und nun?
                                                                                           Handlungsempfehlungen			              				60

                                                                                           Öffentlichkeit gegen den Trend
                                                                                           Ein Ausblick			      					66
Soziale Orte Konzept Das - Neue Infrastrukturen für gesellschaftlichen Zusammenhalt - Universität Göttingen
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Blick über Frebershausen.

                                                               Forschungsregion
                                                               Waldeck-Frankenberg
                                                               Schrumpfen und Wachsen liegen im flächen-
                                                               mäßig größten Landkreis Hessens nah
                                                               beieinander. Wir finden hier prosperieren-
                                                               de Industriestandorte der Kunststoff-, Mö-
                                                               bel- und Gummiindustrie ebenso wie eine
                                                               touristisch stark erschlossene Mittelgebirgs-
                                                               landschaft – mit großen Wäldern, Stauseen,
                            • 1.848 km² Fläche                 dem Nationalpark Kellerwald-Eder und der
                            • 156.406 Einwohner*innen          Mühlenkopfschanze. Zugleich kennt der
                                                               Landkreis auch die strukturschwachen Berg-
                              (85 EW/km²)                      regionen des Uplandes und sehr kleinteilige
                            • 22 Gemeinden, vier               dörfliche Siedlungsstrukturen. In Waldeck-
                              Mittelzentren über 10.000 EW:    Frankenberg spielen Landwirtschaft, Hand-
                                                               werk und verarbeitendes Gewerbe immer
                              Kreisstadt Korbach (23.458 EW)   noch eine wichtige Rolle. Hier trifft drohen-
                              Bad Arolsen (15.382 EW),         der Arbeitskräftemangel auf anhaltende Bil-
                                                               dungswanderung der jüngeren Generation.
                              Bad Wildungen (17.264 EW) und
                                                               Gleichzeitig zieht die landschaftliche Schön-
                              Frankenberg (17.689 EW)          heit wieder vermehrt Neubürger*innen an.
                                                               Für Sozialwissenschaftler*innen also ein
                                                               weites und spannendes Untersuchungsfeld.
Soziale Orte Konzept Das - Neue Infrastrukturen für gesellschaftlichen Zusammenhalt - Universität Göttingen
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In den Gassen von Rudolstadt.

                                                                   Forschungsregion
                                                                   Saalfeld-Rudolstadt
                                                                   Im Süden des Freistaates Thüringen gele-
                                                                   gen, weckte gerade das Uneindeutige und
                                                                   das Kontrastreiche im Landkreis das Inter-
                                                                   esse des Forschungsteams. Saalfeld-Rudol-
                                                                   stadt ist ein ländlicher Kreis, aber er ist auch
                                                                   städtisch geprägt, er verfügt über eine reiche
                                                                   industriell-gewerbliche Tradition und zu-
                                • 1.009 km² Fläche                 gleich über eine bemerkenswerte kulturelle
                                • 103.199 Einwohner*innen          Vielfalt. Wir können gerade auch mit Blick
                                                                   auf die vergangenen Jahrzehnte seit 1990 die
                                  (100 EW/km²)                     Entwicklung des Landkreises als Geschichte
                                • 26 Gemeinden, Städte über        von Verlusten, insbesondere durch Abwande-
                                  10.000 EW: Kreisstadt Saalfeld   rung, beschreiben, aber eben auch als erfolg-
                                                                   reichen Neuanfang und Selbstbehauptung.
                                  (29.278 EW) und                  Wir sehen Leerstand und schrumpfende
                                  Rudolstadt (24.943 EW)           Dörfer, aber auch neue Aktivitäten und eine
                                                                   Menge Energie und den Willen, die Region,
                                                                   das Stadtviertel, das Dorf zu gestalten.
Soziale Orte Konzept Das - Neue Infrastrukturen für gesellschaftlichen Zusammenhalt - Universität Göttingen
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Im Gespräch mit Claudia Neu
und Berthold Vogel

„Die Menschen
machen den
Unterschied“
Wer der gesellschaftlichen
Spaltung entgegenwirken will,
muss engagierte Menschen        Was genau sind Soziale Orte?                             Sehen Sie dabei einen Zusammenhang zwischen

unterstützen, vor allem im
                                 Claudia Neu: Soziale Orte sind Orte der Begegnung,      Demokratie und Demografie? Dass also an Orten,
                                 der Kommunikation und des Miteinanders. Die             an denen die Menschen gehen, auch die Demokra-

ländlichen Raum. Ein Gespräch
                                 unterschiedlichsten Menschen kommen hier im öf-         tie schwindet?
                                 fentlichen Raum zusammen, um gemeinsam etwas               BV:    Zumindest in den Regionen, in denen viele

über Erfahrungen aus zwei
                                 zu unternehmen, aufzubauen oder zu erhalten. Ich           qualifizierte und junge Menschen gehen, verliert
                                 denke hier an den Dorfplatz in Löhlbach, die „Alte         der Ort Teile seiner sozialen Mitte, also Menschen,

Regionen. Interview geführt
                                 Schule“ Dahlwigksthal oder die Initiative „Rudol-          die sich engagiert haben. Lokale Demokratie lebt
                                 stadt blüht auf“. Soziale Orte antworten häufig auf        von Engagement. Dafür, dass vor Ort etwas voran

von Susanne Kailitz.
                                 einen empfundenen Mangel – an Infrastruktur, an            geht, braucht es mehr, als nur alle sechs Jahre zur
                                 Freizeit- oder Begegnungsmöglichkeiten. Dann fin-          Kommunalwahl zu gehen. Es braucht Leute, die in
                                 det sich eine einzelne Bürgerin oder auch eine ganze       Vereinen aktiv sind, im Kirchenchor singen oder
                                 Gruppe Aktiver, die sich an die Arbeit machen und          die Sportjugend trainieren. Diese Aktivitäten ma-
                                 einen Prozess der Veränderung einleiten, an dessen         chen die Qualität des Lebens vor Ort aus. Wenn al-
                                 Ende sehr unterschiedliche Ziele oder Ergebnisse           lerdings die jungen, engagierten Leute weggehen
                                 stehen können. Das kann eine Kulturscheune sein,           oder die mittleren Jahrgänge, die voll im Erwerbs-
                                 wie etwa in Strothe, ein Dorfmoderationprozess             leben stehen, bestenfalls am Wochenende Zeit ha-
                                 wie in Diemelstadt oder eine bessere Vernetzung            ben, weil sie unter der Woche in 100 Kilometer Ent-
                                 im Schwarzatal. Es gibt also nicht den einen Sozia-        fernung ihren Arbeitsplatz haben, dann bleibt das
                                 len Ort oder die Schablone „Wie backe ich mir einen        nicht ohne Folgen für den lokalen Zusammenhalt.
                                 Sozialen Ort“.
                                                                                         Beheben die Sozialen Orte in den ländlichen Räu-
                                Herr Vogel, aus welcher Perspektive schauen Sie          men nicht eigentlich einen Mangel, um den der
                                auf die Sozialen Orte?                                   Staat sich kümmern müsste?
                                  Berthold Vogel:  Der Begriff der Sozialen Orte setzt     CN: Engagement braucht Ressourcen – das muss
                                  einen wichtigen wissenschaftlichen, aber auch            aber nicht allein finanzielle Unterstützung sein.
                                  einen gesellschaftspolitischen Akzent. Gegen Stim-       Zugleich braucht es auch intakte funktionsfähi-
                                  men, die für Abwicklung und Absiedlung sogenann-         ge Infrastrukturen wie Sporthallen, Schulen oder
                                  ter strukturschwacher Regionen plädieren und für         Schwimmbäder, an denen sich bürgerschaftliches
                                  Bürger*innen, die sich vor Ort engagieren. Mit der       Engagement und Gestaltungswille andocken kann.
                                  Forschung zu Sozialen Orten zeigen wir, dass wir         Zugleich sind wir bei „unseren“ Sozialen Orten auf
                                  vorsichtig sein sollten, Regionen nur basierend auf      eine offene Verwaltung gestoßen, die Partnerin,
                                  Strukturdaten abzuschreiben. Gerade dort, wo es          auch Ermöglicherin ist und nicht Bremsklotz. Wir
                                  strukturell nicht gut aussieht, gibt es viele Men-       haben auch festgestellt, dass die örtliche Wirt-
                                  schen, die sich vor Ort engagieren, zupacken und         schaft oft gar nicht mitgedacht wird. In Gesprächen,
                                  gegen die Widrigkeiten der Verhältnisse arbeiten.        etwa mit den Handwerksbetrieben, wurde jedoch
                                  Unsere Forschung verhilft ihnen – hoffentlich – zur      schnell klar, dass Selbständige einen wichtigen Bei-
                                  Sichtbarkeit.                                            trag leisten und hier auch noch Potential ist. Sozia-
Soziale Orte Konzept Das - Neue Infrastrukturen für gesellschaftlichen Zusammenhalt - Universität Göttingen
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„Soziale Orte entstehen nicht im
Alleingang, sondern immer im Team.“                                                                                      kalibrigen, millionenschweren Projekte, die auf
                                                                                                                         den Weg gebracht und mit großem Glockengeläut
                                                                                                                         vor Ort installiert werden. Auch kleine Initiativen
                                                                                                                                                                                Bezogen auf unsere Fallbeispiele bin ich aber eher
                                                                                                                                                                                zuversichtlich gestimmt.
                                                                                                                                                                                BV:    Ihr Bestehen wäre wünschenswert, weil die
                                                                                                                         von wenigen Leuten können vor Ort große Wirkung        Coronakrise uns noch einmal deutlich vor Augen
                                                                                                                         entfalten. So beobachten wir auch in den Landkrei-     geführt hat, dass wir auch diese Art von Begegnung
                                                                                                                         sen gewissermaßen Nadelstiche, die dann zu einer       brauchen. Die ganze digitale Welt ist natürlich ein
                                                                                                                         größeren Wirkung geführt haben, wie bei der Aku-       schönes Werkzeug, aber eigentlich zeigt Corona
                                                                                                                         punktur. Man trifft einen Nerv, verändert damit        noch sehr viel mehr, wie wichtig Präsenzerfahrun-
                                                                                                                         aber gleichzeitig auch Dinge an anderen Stellen.       gen sind und wie auch nur daraus soziale Aktivi-
                                                                                                                                                                                täten, sozialer Zusammenhalt und soziale Verbin-
                                                                                                                       Zum Schluss würde mich Ihr Ausblick interessie-          dungen entstehen. Ich sehe mit großer Sorge, dass
                                                                                                                       ren. Wie optimistisch sind Sie hinsichtlich der Ent-     die öffentlichen Kassen irgendwann dramatisch
                                                                                                                       wicklung der Sozialen Orte beider Landkreise, vor        leer sein werden. Obwohl Rettungsschirme und
                                                                                                                       allem nach der Coronakrise?                              Konjunkturpakete, die rasch auf den Weg kamen,
                                                                                                                          CN:    Wenn ich ernst nehme, was ich vorher ge-       natürlich sinnvoll sind, frage ich mich doch, was
                                                                                                                          sagt habe und Soziale Orte mehr sind als nur ein      in den nächsten Jahren geschehen wird, sollten die
                                                                                                                          Ort, den ich wieder zuschließen kann, und es sich     Kommunen in immer größere finanzielle Schwie-
                                                                                                                          tatsächlich um Netzwerke handelt, die sich beige-     rigkeiten geraten? Dann wird es auch für die Sozia-
                                                                                                                          bracht haben, wie man auch in Krisen auf bestimm-     len Orte hart, denn sie leben von einer leistungsfä-
                                                                                                                          te Dinge reagiert, schätze ich die Chancen als sehr   higen kommunalen und lokalen Infrastruktur. Wir
                                                                                                                          gut ein. Trotzdem wird natürlich das ein oder ande-   müssen jedenfalls darauf achten, dass Soziale Orte
  le Orte entstehen also nicht im Alleingang, sondern        che Orte besser und andere schlechter entwickelt.            re zu Ende gehen. Das ist aber manchmal auch not-     nicht zur Spielmasse finanzpolitischer Restriktio-
  immer im Team. Wie sich diese Akteursnetzwerke             Wir schauen in der Soziologie immer mehr auf die             wendig, um mit etwas Neuem starten zu können.         nen werden.
  aus Zivilgesellschaft, Verwaltung und lokalen Un-          Strukturen und denken, dass es die Person nicht al-
  ternehmen jeweils zusammensetzen, hängt immer              leine ist. In der Realität ist das oft anders. Die Men-
  von den örtlichen Bedingungen ab.                          schen machen den Unterschied.

Unterscheiden sich Soziale Orte und die Art, wie           Was sind die Ergebnisse aus Ihrer jahrelangen Ar-
sie entstehen, in Ost und West?                            beit? Was brauchen Soziale Orte, um gut zu funkti-
   BV: Auf jeden Fall. Der Osten ist eine Region, die      onieren? Und wie kann ihnen das gegeben werden?
   ihre Vergangenheit mit sich trägt. Die Bürde der          BV: Ich glaube, Infrastrukturen sind für Soziale
   DDR und die häufig sehr verunsichernden Erfah-            Orte unheimlich wichtig, genau wie eine zugängli-
   rungen der Nachwendezeit, das steckt den Leuten           che Verwaltung. Das ist auch unsere Botschaft: Wer
   in den Knochen. Neben der industriellen Struktur          die Infrastruktur rückbaut, gefährdet die Existenz-
   und den Arbeitsplätzen sind auch viele junge Leute        fähigkeit Sozialer Orte.
   nicht mehr da. Ich glaube, das ist eine Grunderfah-
   rung. Es gibt viele positive Entwicklungen, aber sie    Frau Neu, teilen Sie das?
   verblassen vor den dreißig Jahren Transformation          CN: Ja, absolut. Eins der überraschenden Ergebnis-
   mit all ihren Verwerfungen und Verlusterfahrun-           se war, dass diese Sozialen Orte eben nicht nur ein
   gen. Diese Zwiespältigkeit gibt es in den westlichen      konkreter Ort sind, sondern dass sich daran auch
   Landkreisen nicht. Vermutlich spalten sich die Be-        immer ein Netzwerk aufgebaut hat, das die Quali-
   wohner ostdeutscher Regionen stärker in die, die          tät dieser Sozialen Orte ausmacht. Unsere Sozia-
   sich als außerhalb der Gesellschaft sehen, und jene,      len Orte weisen über sich selbst hinaus, sie sind
   die sich sehr stark vor Ort, für die Gesellschaft und     inklusiv, laden zum Mitmachen ein, gestalten öf-
   das Gemeinwohl engagieren.                                fentlichen Raum und entwickeln Ideen für eine
   CN: Im Westen fehlt vor allem diese Umbrucher-            nachhaltige Zukunftsgestaltung. Dies bedeutet für
   fahrung. Das Verlustnarrativ gibt es auch, aber es        eine zukünftige Förderung Sozialer Orte in Stadt
   ist unspezifischer und hat keinen konkreten Be-           und Land, dass nicht mehr Projekte mit einer äu-
   zugspunkt.                                                ßerst begrenzten Laufzeit gefördert werden soll-
                                                             ten, sondern Prozesse. Es braucht eine Förderung,
Gibt es einen bestimmten Typ Mensch, der sich                mit der sich die Aktiven vor Ort ihren Sozialen Ort
vor Ort engagiert oder ist das altersgruppen- und            erhalten, erschaffen und gestalten können. Und das
schichtenübergreifend?                                       sieht eben überall anders aus.
  CN: Man braucht natürlich ein Zugpferd, trotzdem           BV:   Interessant ist in dem Zusammenhang auch
  ist es keine One-Man- oder One-Woman-Show. Es              die Theorie der Nadelstiche des Stadtplaners Kon-
  braucht Ideengeber*innen, aber vor allem diejeni-          rad Hummel, die besagt, dass es gerade in schwie-
  gen, die die Ideen dann in die Welt tragen.                rigen Stadtteilen nur geringe Mittel braucht, um
  BV: Es sind die aktiven Leute vor Ort, die einen           große Wirkung zu erzielen. Das gleiche gilt auch
  Unterschied ausmachen. Daher sind auch man-                für Soziale Orte. Es geht nicht um die ganz groß-
Soziale Orte Konzept Das - Neue Infrastrukturen für gesellschaftlichen Zusammenhalt - Universität Göttingen
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                                                                                            Ein Sozialer Ort ist gemeinschaftlich nutzbarer Raum mit
                                                                                            niedriger Zugangsschwelle. Dort können Menschen geplant

Was macht Soziale
                                                                                            oder spontan zusammenkommen. Er ist ein Kommunikationsort,
                                                                                            an dem man sich über Milieugrenzen hinweg kennenlernen
                                                                                            und soziale Bindungen verstärken kann. Auch kann er ein Ort

Orte aus?
                                                                                            der Verhandlung und Konfliktaushandlung sein.

Was sind (idealtypisch) Soziale Orte?
Ein Sozialer Ort ist ein „Dritter Ort“
(nach Ray Oldenburg) neben Zuhau-
se und Arbeitsplatz, geht aber auch
weit darüber hinaus:

                                                                 Sie antworten auf
                                                                 konkrete Bedarfe der
                                                                 Gemeinschaft.

                                   Sie zeigen sich als innovative, hybride
                                                                                                                                   Sie binden bürgerschaft-
                                   Institutionen, in denen Akteur*innen
                                                                                                                                   liches Engagement.
                                   aus lokaler Zivilgesellschaft, kommu-
                                   naler Verwaltung und regionaler
                                   Wirtschaft zusammenfinden.

                                                                                            Damit festigen Soziale Orte die
                                                                                            lokale Demokratie und den ge-
Die Akteur*innen Sozialer Orte                                                              sellschaftlichen Zusammenhalt.
                                                            Soziale Orte schaffen Öffent-                                                                     In der heutigen, technologiezentrier-
knüpfen Netzwerke, die (über-)
                                                            lichkeit und machen damit                                                                         ten Welt bilden Soziale Orte analoge
regional wirken und so räumliche
                                                            gemeinschaftliches Wirken                                                                         Anker der Begegnung, des persön-
Verbindungen herstellen.
                                                            und gesellschaftlichen Zu-                                                                        lichen Kontaktes.
                                                            sammenhalt sichtbar.
Soziale Orte Konzept Das - Neue Infrastrukturen für gesellschaftlichen Zusammenhalt - Universität Göttingen
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„Stadt kann jede*r,
Land muss man
wollen“                                             Wie Engagierte Orte
                                                    für sozialen Zusam-
                                                    menhalt im Landkreis
                                                                                                           Jenny Wintzer (li.) und Carolin Weidemann betrei-
                                                                                                           ben eine solidarische Landwirtschaft in Strothe.
                                                                                                           Ihr realisierter Traum: eine Kulturscheune für
                                                                                                           die Kunstschaffenden der Region.

                                                    Waldeck-Frankenberg
                                                    gestalten.

                                                                           Abwanderung, Leerstand, fehlende Infrastruk-          dagegen 120“, erklärt Jenny Wintzer die Idee.
                                                                           tur: Außenstehende sehen oft am ehesten, was          „Wir sind aktuell im vierten Anbaujahr und bis-
                                                                           dem Landleben fehlt. Auch die Gemeinde Die-           her hat das immer geklappt.“ Hinter dieser Art
                                                                           melstadt könnte man so wahrnehmen. Hier gab           von Landwirtschaft stecke auch eine Idee der Si-
                                                                           es bis zum letzten Jahr keinen nennenswerten          cherheit. „Ist eine Saison besonders reichhaltig,
                                                                           Internetzugang, in Strothe sucht man den Su-          haben wir alle was davon. Fallen jedoch die Blatt-
                                                                           permarkt vergeblich und in Frebershausen kann         läuse über unsere Ernte her, fangen wir die Ver-
                                                                           man sich noch so sehr verrenken, mit dem Han-         luste gemeinsam auf.“ Nur so sei eine nachhaltige
                                                                           dyempfang wird es nichts. Aber der erste Ein-         Landwirtschaft möglich, die keine Ausbeutung
                                                                           druck täuscht. Die Orte sind belebt, die Einwoh-      der natürlichen Ressourcen mit sich bringt und
                                                                           ner*innen begeistert, viele legen sich auf die eine   die Anbauenden nicht zwingt, sich dem radika-
                                                                           oder andere Weise für ihre Heimat ins Zeug und        len Preisdruck zu beugen, der in konventioneller
                                                                           sind dabei schon weit gekommen. Zurückgelas-          Landwirtschaft herrscht.
                                                                           sen und abgehängt fühlt sich hier niemand, die           Dass die Zahl an Mitgliedern fest ist, ermög-
                                                                           allermeisten haben sich bewusst für das Dorfle-       licht eine Landwirtschaft ohne Verluste: Geern-
                                                                           ben entschieden und können sich einen Umzug           tet wird nur, was auch gebraucht wird. Im Ge-
                                                                           in die Stadt schon lange nicht mehr vorstellen.       spräch wird deutlich, wie sehr die beiden sich auf
                                                                              Genauso geht es Carolin Weidemann und Jen-         ihrem Hof wohlfühlen und für das brennen, was
                                                                           ny Wintzer, die in dem 250-Seelen-Dorf Strot-         sie machen. „Wir genießen unsere Arbeit jeden
                                                                           he, das mittig im Landkreis liegt, den Falkenhof      Tag und haben hier alles, was wir brauchen.“ Für
                                                                           gegründet haben und den Hof als solidarische          die Zukunft haben beide noch einige Visionen.
                                                                           Landwirtschaft betreiben. Aktuell leben hier          Als nächstes steht die Eröffnung der „Kultur-
                                                                           zehn Erwachsene und acht Kinder, verteilt auf         knolle“ auf dem Plan, einer Kulturscheune, die
                                                                           drei Häuser.                                          Künstler*innen und Kunsthandwerker*innen
                                                                              Interessierte können Mitgliederanteile erwer-      aus der Region eine Bühne geben soll. „Damit
                                                                           ben, für die sie einen monatlichen Beitrag zahlen.    sind wir für den Moment erstmal gut ausgelas-
                                                                           Im Gegenzug haben sie die Möglichkeit, das gan-       tet“, sagt Carolin Weidemann zum Abschied.
                                                                           ze Jahr über frisches, saisonales und regionales         So geht es auch Elmar Schröder aus Diemel-
                                                                           Gemüse zu genießen, das zudem noch bio-zerti-         stadt. Der Bürgermeister des etwa 5200 Ein-
                                                                           fiziert ist. Der Betrag, der zum Wirtschaften not-    wohner*innen großen Städtchens ganz im Nor-
                                                                           wendig ist, wird jedes Jahr neu berechnet, aktu-      den des Landkreises hat in den letzten Jahren
                                                                           ell sind es 75 Euro. „Das Besondere an dieser Art     einiges auf die Beine gestellt. 2015 startete er
                                                                           von Landwirtschaft ist, dass jede*r nur so viel       das Projekt „Zukunftswerkstatt“, um sich mit
An der Ausgabestelle der SoLawi in Strothe holen sich die Mitglieder       zahlt, wie er oder sie kann. Die alleinerziehende     den Themen Demografie, Leerstand und Ab-
ihren Ernteanteil ab.                                                      Mutter mit fünf Kindern kann vielleicht nur 50        wanderung zu beschäftigen. Mit Geldern aus
                                                                           Euro aufbringen, der alleinstehende Zahnarzt          dem Programm „Dorfmoderation“ des Landes
Soziale Orte Konzept Das - Neue Infrastrukturen für gesellschaftlichen Zusammenhalt - Universität Göttingen
18                                                                                                                                     19

     „Der Soziale Ort muss keine Tür
     haben, die man abschließen kann,
     er kann auch ein Prozess sein.“

                                                                                                     Elmar Schröder ist Bürgermeister
                                                                                                     von Diemelstadt. Er hört ge-
                                                                                                     nau hin, was seine Bürger*innen
                                                                                                     brauchen.

                                        Hessen hat er eine Tour durch alle größeren und    deckt: Für das Projekt wurde Diemelstadt mit
                                        kleineren Ortsteile gemacht, um die Bürger*in-     dem zweiten Platz des „Hessen smart gemacht“
                                        nen nach ihren Wünschen und Visionen für Die-      Preises ausgezeichnet.
                                        melstadt zu befragen. „Das war eine ganz schöne       Ruhe ist damit in Diemelstadt jedoch nicht ein-
                                        Mammutaufgabe“, erzählt er. „Die Anstrengung       gekehrt: Die Gemeinde wurde gerade in das hes-
                                        so großer Veranstaltungen, so schnell hinterei-    sische Dorfentwicklungsprogramm aufgenom-
                                        nander, hatte ich auf jeden Fall unterschätzt.“    men. Vor der Ausweisung von Neubaugebieten
                                        Trotzdem ist er begeistert, wenn er von dem        steht hierbei die Bebauung von freien Flächen in
                                        Prozess und den daraus resultierenden Errun-       den Dörfern, was die Ausbildung von Donut-Dör-
                                        genschaften berichtet.                             fern vermeiden soll. Bei all dem hat Diemelstadt,
                                           Im Mittelpunkt hätten Themen wie Kom-           ganz nebenbei, auch für die Forschung wichtige
                                        munikation, Internet, Bauplätze und ärztliche      Ergebnisse gebracht: Der Soziale Ort muss keine
                                        Versorgung gestanden; seit im Frühjahr letzten     Tür haben, die man abschließen kann, er kann
                                        Jahres die Ergebnisse vorlagen, seien fast alle    auch ein Prozess sein. Und was mindestens ge-
                                        Vorschläge umgesetzt worden. Und so wurde in       nauso wichtig ist: Es sind die Engagierten vor
                                        Diemelstadt mittlerweile flächendeckend Breit-     Ort, die einen Unterschied machen.
                                        bandkabel verlegt, mit Förderung des Landes           Menschen wie Lisa Ohntrup, Daniela Hübent-
                                        wurde ein lokales Radwegekonzept umgesetzt,        hal und Sven Keute aus Frebershausen etwa.
                                        und auch neue Bauplätze sind in Planung. Ne-       Seit 2006 stellen sie alle zwei Jahre das DorfArt
                                        ben einem „Bürgerbus“, der ältere Leute zum        Festival auf die Beine. An einem Tag im Sommer
                                        Einkaufen und auf Ausflüge bringt, hat Elmar       werden die verschiedensten Künstler*innen ein-
                                        Schröder auch die Idee einer Dorfapp in die Rea-   geladen, um ihre Werke zu präsentieren oder
                                        lität umgesetzt. Hier können sich Vereine und      live Musik zu spielen. Für DorfArt stellen viele
                                        Gruppen vernetzen und auch die Dorfmetzgerei       Frebershäuser*innen ihre Scheunen und Höfe
                                        bewirbt ihr aktuelles Angebot. „Während der        zur Verfügung, das Fest zieht sich durch das
                                        Coronazeit haben wir die gesamte Kommunika-        ganze Dorf und lockt bis zu 3000 Besucher*in-
                                        tion zwischen Stadt und Bürgern über die App       nen an. „Langsam kommen wir da auch an unse-
                                        abgewickelt“, berichtet er. Mehr als 40 Prozent    re Grenzen“, sagt Sven Keute, Ortsvorsteher von
                                        der Einwohner*innen seien bereits darüber          Frebershausen. Problematisch seien vor allem
                                        verbunden. Das Engagement blieb nicht unent-       fehlende Parkplätze. Im Moment wird für das
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                                                                                            In Frebershausen ist die
                                                                                            nächste Einkaufsmöglichkeit
                                                                                            fünf Kilometer entfernt.
                                                                                            Die Einwohner*innen lieben
                                                                                            ihr Dorf trotzdem. Hier
                                                                                            mit dem gemeinschaftlichen
                                                                                            Backhaus im Bild.

Sie stellt das DorfArt Festival in Frebers-
hausen auf die Beine: Lisa Ohntrup.

                   nächste Fest eine Art Park&Ride-Möglichkeit in      Ortsmitte. Ein gepflasterter Platz mit Linden,
                   Erwägung gezogen. „Im Vordergrund steht bei         die im Sommer Schatten spenden und der sich
                   uns der Nachhaltigkeitsgedanke,“ erklärt Initia-    so optimal für verschiedene Vereinsfeierlich-
                   torin Ohntrup. „Deswegen versuchen wir auch         keiten nutzen lässt. Daneben ein tegut Markt,
                   verstärkt, Fahrradparkplätze zur Verfügung zu       der als „Lädchen für alles“ mittlerweile seit 2010
                   stellen.“                                           dort ansässig ist; auch eine Bäckerei und einen
                      Obwohl keine*r der drei ursprünglich aus         Bankautomaten findet man hier. Die Räumlich-
                   Frebershausen stammt, wirken sie dort sehr          keiten der Sparkasse stehen mittlerweile leer
                   verwurzelt – von Beschwerden über das Dorf-         – ein Nachmieter*in für das Büro konnte noch
                   leben auch hier keine Spur. „Stadt kann jede*r,     nicht gefunden werden.
                   Dorf muss man wollen“, so Sven Keute. Obwohl           Initiator des Projekts war Rudolf Backhaus,
                   die nächste Einkaufsmöglichkeit fünf Kilome-        ehemaliger Bürgermeister von Haina (Kloster).
                   ter entfernt ist, überwiegen für die Frebers-       „Früher hatten wir hier drei kleine Lebensmit-
                   häuser*innen eindeutig die Vorteile. „Bei uns       telläden. Geblieben ist keiner“, erzählt er. Einen
                   herrscht deutlich weniger Anonymität. Wenn          Interessent*innen für das ehemalige Schulge-
                   man seinen Nachbarn für ein, zwei Tage nicht        bäude zu finden, sei schwer gewesen. Backhaus,
                   gesehen hat, macht man sich schon Sorgen.“ Die      der in Löhlbach geboren, aufgewachsen und ge-
                   Lebensqualität sei eine ganz andere, man wa-        blieben ist, hat dort noch die ersten Schuljahre
                   che mit Vogelzwitschern auf und müsse weder         miterlebt. Mittlerweile wurde die Schule mit der
                   Haus noch Auto abschließen. Obwohl es im Dorf       des Nachbarortes zusammengelegt. Nach langen
                   mittlerweile frei zugängliches WLAN gibt, sucht     Verhandlungen mit dem Landkreis, der damals
                   man den Handyempfang vergeblich. „Genau             noch Eigentümer des Gebäudes war, konnte ein
                   deswegen haben wir auch noch ein öffentliches       Kompromiss gefunden und die neue Ortsmit-
                   Telefon an unserer Bushaltestelle – das ist der     te im Jahr 2012 eingeweiht werden. Obwohl die
                   einzige Ort, an dem jemand, der hier nicht an-      Umsetzung erfolgreich war, werden die Löhlba-
                   sässig ist, einen Notruf absetzen kann“, erklärt    cher*innen auch weiterhin von Zukunftsangst
                   Sven Keute.                                         begleitet, denn ob sich der Laden auf Dauer hal-
                      Mit dem DorfArt Festival hat Frebershausen       ten kann, ist unklar. „Alle wissen, dass sie im Al-
                   einen Sozialen Ort geschaffen, der weit über die    ter darauf angewiesen sind, fußläufig einkaufen
                   Ortsgrenzen hinaus Aufmerksamkeit erregt.           zu können – trotzdem erledigen die meisten ihre
                   Das Fest lockt alle zwei Jahre sogar Besucher*in-   Einkäufe auf dem Rückweg von der Arbeit in grö-
                   nen aus den angrenzenden Bundesländern in das       ßeren Supermärkten“, beschreibt der ehemalige
                   kleine Dorf. Einen permanent verfügbaren So-        Bürgermeister das Problem.
                   zialen Ort findet man in Löhlbach mit der neuen
22                                                                                                                                                            23

Wichtiger Treffpunkt: die alte Schule in
Dalgwigksthal. In der Corona-Krise bleiben
die Stühle leer.

                                             Kämpft mit dem
                                             Lädchen für
                                             alles gegen die
                                             große Konkur-
                                             renz: Rudolf
                                             Backhaus.
                                                                  Auch der Betreiber hat mittlerweile schon        enfeiern über Wasser. „Sieben Jahre lang haben
                                                               mehrfach gewechselt, einen neuen zu finden sei      wir den Betrieb mit einer ‚roten Null‘ hinbekom-
                                                               sehr schwierig, sagt Alexander Köhler, der den      men“, beschreibt Römer. „Durch Corona waren
                                                               Bürgermeisterposten von Rudolf Backhaus über-       wir allerdings gezwungen, auf unbestimmte
                                                               nommen hat. „Auch für die Räumlichkeiten über       Zeit zu schließen.“ So wurden unter anderem
                                                               dem Supermarkt suchen wir schon seit zwei           der wöchentliche Rentnertreff und der Freitags-
                                                               Jahren einen Nachmieter.“ Mittlerweile hat die      stammtisch heimatlos. Ob die alte Schule wie-
                                                               Gemeinde entschieden, daraus Wohnraum zu            der öffnen wird, ist im Moment noch unklar. Für
                                                               machen, die Renovierungsarbeiten sind bald ab-      viele Einwohner*innen würde jedoch ein wichti-
                                                               geschlossen.                                        ges Stück sozialen Lebens wegbrechen, sollte das
                                                                  Mit ähnlichen Problemen hat auch die alte        nicht der Fall sein. Auch Jürgen Römer hat Angst
                                                               Schule in Dalwigksthal zu kämpfen. Das ehema-       davor. „Für mich als Alleinstehenden ist das hier
                                                               lige Schulgebäude, das die Funktion eines Dorf-     ein sehr wichtiger Treffpunkt.“ Ein Abend in der
                                                               gemeinschaftshauses für den westlich im Land-       alten Schule sei deutlich ungezwungener, als
                                                               kreis gelegenen Ort übernahm, ist in Kooperation    den Stammtisch zu einem Mitglied nach Hause
                                                               mit der Stadt nach und nach zur Ersatzkneipe        zu verlegen. „In Dalwigksthal wird das sozia-
                                                               geworden. „Wir hatten den Plan, etwas Größeres      le Leben in großem Maße durch die alte Schule
                                                               daraus zu machen“, erzählt Jürgen Römer, seit       bestimmt“, so Römer. Die einzige andere Kneipe
                                                               mittlerweile 15 Jahren Wahl-Dalwigksthaler. Um      hat vor Jahren geschlossen, Wiedereröffnungs-
                                                               die alte Schule offiziell nutzen zu können, habe    versuche sind gescheitert. Die alte Schule ist al-
                                                               man sich für die Gründung einer Genossenschaft      les, was den Dalwigksthalern geblieben ist. Ein
                                                               entschieden. Bei der ersten Versammlung gab es      Grund mehr für den umtriebigen Mann, nicht
                                                               bereits Zusagen für den Kauf von 40 Anteilen: bei   aufzugeben. „Wir werden sehen, was die Situati-
                                                               nur 180 Einwohner*innen.                            on noch mit sich bringt. Ich bin jedoch überzeugt
                                                                  Nach gutem Start ließ der Kneipenbetrieb je-     davon, dass Dalwigksthal einen Ort wie diesen
                                                               doch allmählich nach, und die alte Schule hielt     braucht – und wir werden alles daransetzen, um
                                                               sich als Lokalität für Geburtstage oder Famili-     ihn zu erhalten.“
24                                                                                                                                                       25
                                                                                                          Prof. Dr. Claudia Neu
                                                                                                          Projektleiterin
Das Forschungsteam in Waldeck-Frankenberg                                                                 Sie ist Ideengeberin, Projektverantwortliche und

Georg-August-
                                                                                                          so oft wie möglich Forschende vor Ort.

                                                                                                          Was war für Sie die größte Überraschung der
                                                                                                          Projektlaufzeit?

Universität
                                                                                                          Die größte Überraschung für mich war, festzu-
                                                                                                          stellen, wie stark Narrative, also Erzählungen über
                                                                                                          eine Region, Gedanken und Handlungen beein-
                                                                                                          flussen. Die Wende und auch die DDR ist im Osten
                                                                                                          noch immer sehr präsent, vielleicht sogar präsen-

Göttingen
                                                                                                          ter, als vor 20 Jahren. Das Leben in der DDR ist die
                                                                                                          Vergleichsfolie, vor der alles gespiegelt wird. Die
                                                                                                          Verluste im privaten wie im öffentlichen Leben
                                                                                                          bestimmen sehr stark den Blick auf das heute. Die
                                                                                                          erzielten Erfolge, die erreichten Handlungsspiel-
                                                                                                          räume und Chancen scheinen eher weniger Ge-
                                                                                                          wicht zu haben. Im Westen fehlt dieses einschnei-

Department für Agrarökonomie und
                                                                                                          dende Erlebnis „Wende“, auf das sich alles bezieht.
                                                                                                          Das Leben im ländlichen Raum wird in Hessen

Rurale Entwicklung, Lehrstuhl für
                                                                                                          durchweg positiv bewertet, aber auch hier gibt
                                                                                                          es eine Art Verlustnarrativ. Die Erzählung eines

Soziologie Ländlicher Räume
                                                                                                          schwindenden Zusammenhalts ist aber wesentlich
                                                                                                          unspezifischer und eher auf eine verschwommen
                                                                                                          idyllische bäuerliche Vergangenheit bezogen. Der
                                                                                                          Blick allein auf sozio-demografische Kennzahlen
                                                                                                          zur Bewertung einer Region greift also zu kurz.
Das Leben im ländlichen Raum steht im Mittelpunkt        Ljubica Nikolic
der Forschungsarbeiten von Frau Prof. Dr. Claudia Neu,   Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Projektmanagerin
                                                         Ist im Projekt Öffentlichkeitsarbeiterin, Ansprechpartnerin für die Projektpartner in der Forschungs-
die den Lehrstuhl für Soziologie Ländlicher Räume an
                                                         region, Erhebungstool-Entwicklerin, Interviewerin, teilnehmende Beobachterin, Verfasserin der
den Universitäten Göttingen und Kassel innehat.          SOK-Artikelserie in Waldecker Landeszeitung und der Frankenberger Allgemeinen, Kreativkopf bei
Sie arbeitet mit ihrem engagierten Team in zahlreichen   der Veranstaltungsplanung, Netzwerkerin und Analystin von Befragungsergebnissen.

Projekten zu den Themen Demografischer Wandel,                                                   Wenn Sie fünf Jahre in die Zukunft schauen: Was ist dann
                                                                                                 idealerweise mit den Sozialen Orten passiert?
Daseinsvorsorge und Zivilgesellschaft in ländlichen                                              Idealerweise würde ich die Zukunft unserer Sozialen Orte
                                                                                                 natürlich rosig malen. Für Diemelstadt wünsche ich mir,
Räumen. Fragen nach räumlicher Ungleichheit, Armut                                               dass Herr Schröder Tandems mit Gemeinden gründet, die
                                                                                                 nicht so gut aufgestellt sind und von seinen Erfahrungen
und gleichwertigen Lebensverhältnissen zählen daher zu                                           in der Prozessentwicklung profitieren können. Ich hoffe
                                                                                                 also auf einen Blick über den Tellerrand der eigenen Ge-
den zentralen Forschungsfeldern von Professorin Neu.                                             meinde, in Richtung transkommunaler Kooperation. Für
                                                                                                 die SoLawi in Strothe wünsche ich mir, dass der Elan und
Seit 2016 ist sie stellvertretende Vorsitzende des                                               die Ideen nie versiegen, die Kulturknolle ein voller Erfolg
                                                                                                 wird, das junge Team noch enger mit der alteingesessenen
Sachverständigenrates Ländliche Entwicklung beim                                                 Bevölkerung des Örtchens zusammenwächst und der Hof
                                                                                                 zur Institution wird. In Löhlbach möchte ich auch in fünf
Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft.                                              Jahren noch einen gut gepflegten Dorfladen sehen, in dem
                                                                                                 solidarisch nicht nur Vergessenskäufe getätigt werden,
                                                                                                 sondern Wocheneinkäufe. Zudem soll der Dorfmittelpunkt
                                                                                                 immer noch rege mit Feierlichkeiten der Vereine belebt
                                                                                                 werden und den Leerstand könnte ich mir wunderbar als
                                                                                                 offenen Arbeitsraum für Anbieter aus Dienstleistung und
                                                                                                 Kreativsektor vorstellen. In Dalwigksthal hat die Schule
                                                                                                 die Corona-Pandemie gut überstanden und kooperiert nun
                                                                                                 intensiver mit dem neuen Anbieter von Partyräumlichkei-
                                                                                                 ten, der Getränke und Speisen von dort bezieht und so sein
                                                                                                 Portfolio erweitern kann. Für Frebershausen wünsche ich
                                                                                                 mir immer das richtige Maß an Aufmerksamkeit für das
                                                                                                 DorfArtFestival und dass der Generationswechsel unter
                                                                                                 den Akteur*innen reibungslos gelingt.
26                                                                                                                                                                             27
Moritz Arndt                                                                                                      Kai Buschbom
Wissenschaftliche Hilfskraft                                                                                      Wissenschaftliche Hilfskraft
Ist seit Beginn des Projektes dabei. Nach seinem                                                                  Ist seit Oktober 2018 im Team und studiert im
Bachelorabschluss in Agrarwissenschaften an                                                                       dritten Mastersemester Agrarwissenschaften.
der Universität Hohenheim studiert er seit 2018 in                                                                Er hat diverse Experten- und Haustürinterviews
Göttingen evangelische Theologie. Neben Recher-                                                                   durchgeführt sowie die wissenschaftliche Be-
chetätigkeiten war er in den drei Jahren vor allem an                                                             gleitung des "KulturNetz Waldeck" und die Doku-
der Auswertung von Interviews beteiligt.                                                                          mentation der Zusammenarbeit mit den "Neuen
                                                                                                                  Auftraggebern", im Rahmen der künstlerischen
Was ist die wichtigste Erkenntnis der letzten
zwei Jahre?                                                                                                       Intervention, übernommen.
Die wichtigste Erkenntnis der letzten zwei Jahre
war für mich, zu begreifen, wie wichtig regelmäßige                                                               Was passiert in einer Gemeinde, wenn sie
persönliche Kontakte für unsere demokratische Ge-                                                                 einen guten Sozialen Ort hat?
sellschaft sind. Zu sehen, wie im Laufe des Corona-                                                               Sie gewinnt an Halt, da die Sozialen Orte sich
Lockdowns Unsicherheit, Verschwörungstheorien                                                                     vernetzen. Stillstand hat immer etwas Pessi-
und gesellschaftliche Spaltung um sich gegriffen                                                                  mistisches. Dadurch, dass Menschen sich zu-
haben, hat mich daran erinnert, wie dringend wir                                                                  sammenfinden und etwas aufbauen, inspirieren
soziale Kontakte als Korrektiv brauchen und wie                                                                   sie auch andere dazu, ähnliche Projekte auf die
schnell wir uns voneinander entfremden können,                                                                    Beine zu stellen - man spricht dabei auch vom
wenn die alltäglichen Begegnungen und Gesprä-                                                                     sogenannten Leuchtturmeffekt. Das „KulturNetz
che fehlen. Im Hinblick auf unser Projekt ist mir                                                                 Waldeck“ wächst konstant und bietet vielen
dadurch nochmal klarer geworden, warum Soziale                                                                    Menschen aus der ganzen Region eine (Aus-
Orte so wichtig für den gesellschaftlichen Zusam-                                                                 tausch-)Plattform. Die Akteur*innen vernetzen
menhalt sind.                                                                                                     dabei nicht nur sich, sondern auch die Orte.

                                                                                                                         Dr. Jürgen Römer
                                                                                                                         Kontaktmann im Landkreis
                                                                                                                         Als Leiter des Fachdienstes Dorf- und Regional-
                                                        Judith Althaus                                                   entwicklung im Landkreis Waldeck-Frankenberg
                                                        Studentische Hilfskraft                                          der erste Ansprechpartner des Uni-Projekt-
                                                        Begleitet das Projekt seit Juli 2018. Sie befasste sich          Teams vor Ort. Stand als Interviewpartner genau-
                                                        unter anderem mit den Fragen, wie sich Zusammenhalt              so zur Verfügung wie als Mitorganisator verschie-
                                                        definiert und was ihn fördern könnte, sowie mit einer            dener Netzwerkveranstaltungen im Landkreis. Als
                                                        statistischen Auswertung der Online-Befragung in den             Insider einer der wichtigsten Ideengeber.
                                                        beiden Landkreisen. Außerdem stellte sie die For-                Können Sie drei wichtige Momente benennen,
                                                        schungsperspektive und das Projekt zusammen mit                  die für das Projekt von Bedeutung waren?
                                                                                                                         Ein schöner, lustiger, spannender Abend beim
                                                        Moritz Arndt bei einer Konferenz in Kyoto, Japan, vor.           Zukunftsforum ländliche Entwicklung in Berlin,
                                                                                                                         der bestehende Zusammenarbeit in vertrauens-
                                                        Beschreiben Sie bitte ihr Projekt in drei Sätzen!                volles Miteinander verwandelte.
                                                        Unser Projekt zielt auf eine veränderte Wahrnehmung              Die gemeinsame Bereisung der Partnerregion
                                                        des ländlichen Raums sowie ganz Deutschlands. Es                 Saalfeld-Rudolstadt, weil diese Blicke schärfte für
                                                        soll nicht mehr nur die Quantität von Infrastrukturen            Gemeinsamkeiten und Unterschiede.
                                                        betrachtet werden, sondern die Analyse der Art der               Die erste gemeinsame Tour des Projektteams zu
                                                        Begegnungen und die Bedeutung, die solche Orte des               den ausgewählten Sozialen Orten in Waldeck-
                                                        Zusammenhalts haben, stehen im Mittelpunkt. Wir                  Frankenberg, weil sie wiederum eine schöne,
                                                        glauben, dass durch Begegnungen und Austausch in der             lustige, spannende Begegnung war mit vielen
                                                        nicht-digitalen Welt die Demokratie gestärkt wird.               Menschen.
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                           Expert*innengespräche: Gruppen- und Einzelinterviews mit

Soziale Orte
                           Wissenschaftler*innen und Praktiker*innen deutschlandweit
                           sowie mit Bewohner*innen und Akteur*innen aus den Be-
                           reichen Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft in den
                           beforschten Landkreisen zu Fragen rund um die Themen

erforschen:
                           des gesellschaftlichen Zusammenhalts, der Zukunft des
                           ländlichen Raums sowie der Entstehung, Wirkung und des
                           Erhaltes Sozialer Orte

Welche Methoden                                                    Befragungen: Bürger*innen beider Landkreise
                                                                   wurden dazu eingeladen, Fragebögen zu ihrer
                                                                   Wahrnehmung des gesellschaftlichen Zusam-

wurden genutzt?
                                                                   menhalts in ihren Wohnorten, Landkreisen, in
                                                                   Deutschland und Europa zu beantworten, außer-
                                                                   dem führten Student*innen der Universität Kassel
                                                                   und der Universität Göttingen zahlreiche Ge-
                  Thematischer Austausch: Einholen
                                                                   spräche an Haustüren in einzelnen ausgewählten
                  externer Expertise aus den Fachbe-
                                                                   Gemeinden
                  reichen Verwaltungsrecht und Raum-
                  planung, Initiierung jeweils einer künst-
                  lerischen Intervention mit Blick auf
                  Soziale Orte und Zusammenhalt in den
                                                                                              Nachwuchsförderung:
                  Landreisen, gegenseitige Besuche der
                                                                                              Betreuung von studenti-
                  Landkreispartner*innen in Hessen und
                                                                                              schen Haus- und Master-
                  Thüringen, mehrtätige Auslandsexkur-
                                                                                              arbeiten an den Universitä-
                  sionen nach Japan und Tschechien
                                                                                              ten Kassel und Göttingen,
                                                                                              mit klarem Fokus auf die
                                                                                              Forschungsregionen

                                            Beobachtung: Intensive Vorort-Umfeld-
                                            Analyse mit teilnehmender Beobachtung
                                            von Arbeitstreffen und Veranstaltungen          Literaturarbeit: Doku-
                                            rund um die Sozialen Orte in beiden             mentenanalyse, Recher-
                                            Landkreisen                                     che, Literaturauswertung

                                                                       Kommunikation: Zusammenarbeit mit Land-
                                                                       kreis-Akteur*innen in thematischen Workshops,
                                                                       Öffentlichkeitsarbeit zur Vermittlung von
                                                                       Forschungsergebnissen
30                                31

Zusammen-
halt Gestalt
verleihen
Eine ganz besondere Landkar-
te und eine Spielbank: Wie eine
künstlerische Intervention das
Thema Soziale Orte aufgreift.
32                                                                                                                                                                                                                     33

                                                                                                                des Projekts: Dafür hat Marlen Hoh in Absprache mit
                                                                                                                drei Gemeinden Objekte gestaltet, auf denen man
                                                                                                                nicht nur sitzen, sondern auch spielen kann. „Die
                                                                                                                Sitzflächen sind mit Brettspielen bedruckt“, erklärt
                                                                                                                Marlen Hoh, „hier können Menschen unabhängig von
                                                                                                                Alter, Status oder Beruf zusammenkommen und ge-
                                                                                                                meinsam spielen. Brettspiele gehören zu den ältesten
                                                                                                                Kulturgütern, sie stehen für kulturelle Vielfalt und
                                                                                                                Toleranz - und für Spaß am Spiel unabhängig von
                                                                                                                Herkunft und Hautfarbe.“ Für das Spielen gebe es nur
                                                                                                                eine einzige Voraussetzung: „Man muss mindestens
                                                                                                                zu zweit sein.“
                                                                                                                   14 Spiele standen für die Gemeinden zur Auswahl.
                                                                                                                Katzhütte und Leutenberg haben sich für das süd-
                                                                                                                ost-asiatische Surakarta, das skandinavische Tafl
                 Luise Ritter (li.) und Marlen Hoh freuen sich über die Zusammenarbeit: So können sie unter-    und Queah aus Nordafrika entschieden. In Rudol-
                 schiedliche Arbeitsweisen vereinen.                                                            stadt-Schwarza dagegen können die Besucher*innen
                                                                                                                neben Surakata auch Backgammon und Laska spie-
                                                                                                                len. Während die Spielfelder mit den Sitzflächen der
                                                                                                                Bänke verbunden sind, finden sich die nötigen Mate-
                                                                                                                rialien in Schubfächern. Außerdem ist eine verein-      Gelegenheit war, unsere beiden Arbeitsweisen ge-
                                                                                                                fachte Karte der Sozialen Orte im Landkreis auf die     meinsam zu verwirklichen.“ Ritter hätte gern auch
                                                                                                                Bänke gedruckt. Eine Website, zu der ein auf die Bank   enger mit den Menschen im Landkreis zusammen-
                                                                                                                aufgebrachter QR-Code führt, verknüpft beide Teile      gearbeitet. Geplant war ein Zeichenworkshop, in dem
                                                                                                                des Kunstprojekts und stellt Informationen zu allen     Ritter gemeinsam mit den Bewohner*innen von Saal-
                                                                                                                Treffpunkten zur Verfügung.                             feld-Rudolstadt deren Soziale Orte zeichnen wollte.
                                                                                                                   Marlen Hoh und Luise Ritter kennen einander aus      Die Corona-Pandemie mit ihren Kontaktbeschrän-
                                                                                                                dem Studium - und haben sich sehr über die Mög-         kungen hat das verhindert; das Zusammenkommen
                                                                                                                lichkeit gefreut, gemeinsam Kunst zu machen. Für        entfiel.
                                                                                                                das Projekt hätten die beiden Frauen sich beworben,        Nun setzen die Künstlerinnen auf die Bänke: Sie
                                                                                                                                                 weil sie darin „eine   hoffe, sagt Marlen Hoh, die selbst in Thüringen lebt
                                                                                                                                                 Chance für kultu-      und das Gelingen ihres Projekts so aus nächster Nähe
Zwei Jahre lang sind die Göttinger Forscher*innen      und Rudolstadt. Den Faltplan aus Papier hat Luise                                         relles und ange-       verfolgen kann, dass diese zu „liebenswerten Treff-
durch den Landkreis Saalfeld-Rudolstadt gereist,       Ritter für und mit den Menschen aus dem Landkreis                                         wandtes künstleri-     punkten“ in den drei Gemeinden würden. In die Land-
haben Menschen getroffen und befragt und sich ein      entwickelt, erzählt sie: „Wir hatten die Bewohnerin-                                      sches Bewusstsein      karte der Sozialen Orte sind sie jedenfalls schon auf-
Bild von Sozialen Orten im Landkreis gemacht. Im       nen und Bewohner dazu aufgerufen, uns Zeichnungen                                         in der ländlichen      genommen.
dritten Forschungsjahr suchte das Team gezielt nach    von den Orten zu schicken, an denen Menschen zu-                                          Region“ sehen wür-
Kunstprojekten und Künstler*innen, um darüber ei-      sammenkommen und wo Engagierte aktiv sind.“ Nach                                          den, erklärt Luise     → Weitere Informationen und Download des
nen weiteren – nicht typischerweise soziologischen     Gesprächen mit vielen Akteur*innen und Recherchen                                         Ritter, „und weil es   Faltplans unter: www.projekt-treffpunkt.com
- Zugang in die Region zu erhalten und sich mit den    über den Landkreis hat die Künstlerin ergänzend zu                                        eine     wunderbare
Menschen vor Ort der Frage zu widmen, wie durch        den Einsendungen der Bewohner*innen 42 weitere
Kunst das Verbindende im sozialen Raum gestärkt        Soziale Orte und Treffpunkte gezeichnet und in eine
oder zusammenhaltsstiftende Orte sichtbar und ver-     Karte eingetragen - damit Bürger*innen und Besu-
netzt werden können. Die Jury zur öffentlichen Aus-    cher*innen auf diese Weise den Landkreis aus einer
schreibung, bestehend aus lokalen Akteur*innen         ganz anderen, neuen Perspektive entdecken können
und Forscher*innen, entschied sich für das Vorhaben    und Zusammenhalt vor Ort sichtbar wird. Denn, da-
„Treffpunkt Landkarte – Treffpunkt Spiel“, das von     von ist die Leipzigerin überzeugt: „Eine Karte, die                                       Die Leipziger
den zwei Künstlerinnen Luise Ritter und Marlen Hoh     zahlreiche persönliche Geschichten erzählt, bietet                                        Grafikerin
verwirklicht wird.                                     eine vielschichtige und vielleicht wirklichkeitsnähere                                    Luise Ritter hat
   Entstanden ist dabei eine Karte der Sozialen Orte   Darstellung der räumlichen Umgebung, als es ein amt-                                      eine Karte der
in Saalfeld-Rudolstadt und je eine bespielbare Sitz-   licher und standardisierter Plan zulässt.“                                                Sozialen Orte
bank in den drei Gemeinden Katzhütte, Leutenberg          Neue Orte der Begegnung schafft der zweite Teil                                        gezeichnet.
34                                                                                                                                                                                                                           35

Kunst
als Impuls
Wie sich in Waldeck-Frankenberg
eine Bürger*innen-Initiative ein
Kunstwerk erarbeitet

Nicht immer beginnt Kunst mit Künstler*innen. Den         Neuen Auftraggeber Deutschland. „Die Formulierung
Beweis erbringt gerade die Georg-August-Universität       des künstlerischen Auftrags ist quasi das Nadelöhr,
Göttingen im Landkreis Waldeck Frankenberg. Hier          durch das eine Gruppe gemeinsam gehen muss, be-
liegt der Fokus weniger auf der Entstehung des Kunst-     vor die Künstlerperson einen ersten Entwurf vorlegen       Die Kultur-Arche in Frankenau informiert über die Arche-Region - und ist selbst ein Kunstwerk.
werks, als auf dem Prozess, der zur Verpflichtung der     kann.“ Das präzise Nachdenken, was dafür nötig ist,
Künstlerperson führt. „Wie wirkt Kunst auf das Enga-      mache „im Endeffekt die DNA des gesamten Projekts“
gement vor Ort? Kann die Beauftragung eines Kunst-        aus. Eine Auftragserteilung an einen Künstler oder
werks durch einige Bürger*innen wie ein Stimulus          eine Künstlerin steht daher ganz am Ende des Prozes-
weitere Aktivitäten auslösen und den Zusammenhalt         ses; so ist auch im Landkreis Waldeck-Frankenberg
am Ort beeinflussen? Kann so ein neuer Sozialer Ort       noch nicht klar, wie das Kunstwerk am Ende aussehen
entstehen?“, umreißt Claudia Neu die Fragestellung,
die zur Idee der künstlerischen Intervention geführt
hat. Dafür kooperieren die Wissenschaftler*innen
                                                          wird. Ob es sich dabei um ein Musikstück, eine be-
                                                          pflanzte Grünfläche oder eine Skulptur handeln wird,
                                                          ist noch völlig offen.
                                                                                                                                                   „Kann durch Kunst, die
mit der „Gesellschaft der Neuen Auftraggeber“, einem
Netzwerk von Mediator*innen, das es sich zur Auf-
gabe gemacht hat, die Art und Weise, wie zeitgenös-
                                                             Trotz dieser Überraschungsmomente bringt sich
                                                          die Landkreisverwaltung unmittelbar ein. Sie unter-
                                                          stützt das Projekt „Das Soziale-Orte-Konzept“, indem
                                                                                                                                                   Bürger*innen in Auftrag geben,
sische Kunst entsteht, zu erweitern. Denn während
Kunst im öffentlichen Raum normalerweise durch
Ausschreibungen realisiert wird und die Bürger*in-
                                                          sie zum Beispiel die Kosten für den künstlerischen
                                                          Entwurf übernommen hat, zu einem Zeitpunkt, als
                                                          weder klar war, wer die Auftraggeber*innen sind, was
                                                                                                                                                   ein Sozialer Ort entstehen?“
nen davon erst Kenntnis erlangen, wenn das Kunst-         ihr Thema sein wird und welche Künstler*in letztend-
werk steht, wird ein Teil von ihnen hier selbst zu Auf-   lich in den Landkreis kommt. „Wir stehen hinter der
traggeber*innen.                                          Idee, kooperieren vertrauensvoll mit unseren Part-         xander Koch. So bekämen Bürger*innen die Chance,        rin eine Chance, die Arbeit der Engagierten weiter
   Die Mediator*innen Mirl Redmann und Roland             nern der Uni Göttingen und sind selbst gespannt, wie       mit Kunst auf lokale Situationen zu reagieren. Der      voranzutreiben. So erhofft sich die Wasserinitiative
Knieg erkundeten den Landkreis auf der Suche nach         sich hier Zusammenhalt generieren lässt“, so Dr. Jür-      große Unterschied zu künstlerischen Projekten, die      neben Aufmerksamkeit für ihr Anliegen, auch ande-
potentiellen Auftraggeber*innen. An verschiedenen         gen Römer, Leiter des Fachdienstes Dorf- und Regio-        von Gemeinde oder Land initiiert sind, bestehe dar-     re Bürger*innen auf einer emotionalen Ebene zu er-
Anlaufpunkten erarbeiteten sie mit Akteur*innen vor       nalentwicklung.                                            in, dass die auftraggebende Bürger*innen von Anfang     reichen und deutlich zu machen, dass beim Umgang
Ort, welche Themen den Menschen im Landkreis be-             Die Entscheidungen über Art, Aussage und Ent-           bis Ende dabei sind und den Prozess durchleben, den     mit Wasser die Nachhaltigkeit über wirtschaftlichen
sonders unter den Nägeln brennen, und stießen hier-       wickler*in des Kunstwerkes aber treffen die Ak-            sie selbst vorangetrieben haben. „So entsteht eine      Interessen stehen sollte. Die öffentliche Präsentation
bei auf die Wasserinitiative Waldeck-Frankenberg,         teur*innen vor Ort: Die Mitglieder der Wasserini-          enge Bindung der Menschen an ihr Projekt und letzt-     des Künstler*innenentwurfs lädt dann zu intensiven
eine Gruppe, die sich für den verantwortungsvollen        tiative Waldeck-Frankenberg. Zu deren Zielen gehört        endlich auch an das neue Kunstwerk“, betont Koch.       Diskussionen mit den Bürger*innen ein. Je länger der
Umgang mit Wasser als Lebensgrundlage einsetzt.           ebenso die Erhaltung „enkeltauglichen“ Trinkwassers        Im Idealfall entsteht so über die Kunst ein Sozialer    Prozess dauere, desto größer seien oftmals der Erfolg
Erst in einem weiteren Schritt kommt dann die Kunst       sowie Sensibilität für das öffentliche Gut Wasser zu       Ort, der Menschen zusammenbringt – in Frankreich,       und die Bindung am Ende, erklärt Alexander Koch.
ins Spiel. Die Mediator*innen unterstützen die Enga-      schaffen. Das mögliche Kunstwerk soll dann auch die        wo das Konzept entstanden ist, geschieht das seit in-   „Und genau diese Teilhabe ist es, auf die es ankommt.“
gierten dabei, einen künstlerischen Auftrag festzule-     Wertschätzung für Wasser erhöhen. Der Wasseriniti-         zwischen 30 Jahren auf diese Weise. Über 500 Pro-          Durch die beiden unterschiedlichen Ansätze in
gen, der am besten auf ihre Wünsche und Vorstellun-       ative ist es wichtig, dass der Fokus auf dem „für etwas“   jekte hat das Mediator*innennetzwerk europaweit         Thüringen und Hessen bietet sich der breitestmögli-
gen zugeschnitten ist, und passende Künstler*innen        und weniger auf dem „gegen etwas“ liegt.                   schon betreut.                                          che Blick auf die Wirkung künstlerischer Intervention
ausfindig zu machen. Gerade dieser Prozess des „Sich         „Unser Anliegen ist, das finanzielle oder auch in-         Besonders durch die künstlerische Persönlichkeit     – im Vorfeld in Waldeck-Frankenberg und in der Um-
Einigens“ sei für die Initiativen vor Ort besonders       stitutionelle Privileg, Kunstprojekte zu initiieren,       und deren Ideen entstehe ein Impuls, der unerwar-       setzung in Saalfeld-Rudolstadt.
wertvoll, sagt Alexander Koch, Geschäftsführer der        möglichst vielen zugänglich zu machen“, erklärt Ale-       tet oder provokant sein könne, so Koch. Er sieht da-
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