Spezial Game Changer Gesundheitsdaten - Auszug Sonderausgabe, November 2021 - gematik
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Operation Gesundheitswesen • 19. Jahrgang atik
Gesundheitspolitische Nachrichten und Analysen der
Presseagentur Gesundheit • ISSN 1860-8434
Auszug Sonderausgabe, November 2021
Game Changer
Gesundheitsdaten
© stock.adobe.com, metamorworks
pag Presseagentur
GesundheitOPG Spezial Auszug Sonderausgabe, November 2021 Game Changer Gesundheitsdaten Operation Gesundheitswesen • 19. Jahrgang Gesundheitspolitische Nachrichten und Analysen der Presseagentur Gesundheit • ISSN 1860-8434 Diese OPG-Sonderausgabe wurde erstellt mit freundlicher Unterstützung von Dierks+Company
INHALT
Game Changer Gesundheitsdaten
Editorial . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 7
Vorwort von Prof. Christian Dierks . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 8
I. BEDEUTUNG VON DATEN FÜR UNSERE GESUNDHEIT
„Datenschutz ist nicht gleich Patientenschutz“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 10
Prof. von Kalle kritisiert Folgen eines falschen Verständnisses
„Eine Widerspruchslösung wäre effizienter” . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 16
Prof. Daniel Strech zu ethischen Aspekten rund um Datennutzung
Jeder soll selbst über seine Daten bestimmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 22
Patientenperspektive: Eva Schumacher-Wulf fordert mehr Tempo
II. EUROPA AM STEUER DER DATENCHUTZGESETZGEBUNG
Europa setzt auf GAIA-X . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 26
Die Architektur der Cloudplattform ist im Aufbau
„Wir wollen Datensouveränität verankern“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 28
Prof. Roland Eils im Gespräch über GAIA-X und Google-Booster
„Wir brauchen keinen Flickenteppich“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 31
Dr. Jörg Wojahn über den Plan der EU zum Umgang mit KI
III. DEUTSCHLAND BAUT DIE DATENAUTOBAHN
„Wir sind moralisch verpflichtet“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 35
Für Dr. Gottfried Ludewig essenziell: Nutzung von Gesundheitsdaten
© PAG, November 2021 • Seite 4OPG Spezial
„Die Industrie müsste sich strengen Regeln unterwerfen“ . . . . . . . . . . . Seite 40
Forschungsdaten: Dr. Stefan Brink sieht Chancen für Privatwirtschaft
„Wir gewinnen gerade an Flughöhe“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 44
Dr. Markus Leyck Dieken über die digitale Transformation
„Wir haben die Hausaufgaben noch nicht erledigt“ . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 48
Prof. Sylvia Thun über den Stand der Datennutzung in Deutschland
„Hier schlummern noch viele Schätze“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 52
Dr. Ursula Marschall spricht über das Potenzial von Gesundheitsdaten
„Wir konnten aufholen“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 56
Bundesregierung sieht sich bei DiGA und DiPA sogar als Vorreiter
„... für eine Hightech-Nation peinlich“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 60
Prof. Ferdinand Gerlach im Gespräch über das SVR-Gutachten
„Es gibt einen Denkfehler beim Datenschutz“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 68
Stefan Vilsmeier im Gespräch über digitale Lösungen im Klinikalltag
Welche Rolle spielt KI bei Medizinprodukten? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 72
Prof. Christian Johner über Daten im Regulierungsdschungel
IV. FAZIT UND KONSEQUENZEN
Was jetzt zu tun ist . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 78
Acht Handlungsanleitungen für digitalen Gesundheitsfortschritt
Impressum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 81
© PAG, November 2021 • Seite 5OPG Spezial
Editorial
Symbiose Daten und Gesundheit
Liebe Leserinnen und Leser,
wenn es hierzulande um Digitalisierung geht, dann ist schnell die Rede
von „Anschluss nicht verlieren“ oder einer „begonnenen Aufholjagd“.
Aber was genau bedeutet das für die Gesundheit? Was muss passieren,
um der Befürchtung, abgehängt zu werden, entgegenzuwirken?
In Interviews und persönlichen Gesprächen mit Aufholern werden die
vielen kleinen Schwachstellen mit großer Wirkung sichtbar. Technische,
kulturelle, rechtliche Fragen werden aufgeworfen. Es wird deutlich:
Daten und Gesundheit sind längst eine wegweisende Symbiose.
Gesundheitsdaten helfen, Geheimnisse zu entdecken und Krankheits-
rätsel zu lösen. Welche Rolle spielt dabei das europäische Regelwerk?
Was bedeutet Datensouveränität für Patienten? Wer wissen will, wo wir zu
Beginn der 20. Legislatur stehen, erhält einen umfassenden Eindruck.
Mit dieser Ausgabe haben wir Neuland betreten und erstmals mit Dierks+Company
kooperiert, viele Impulse haben die Recherche bereichert.
Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Lesen und neue Erkenntnisse.
Lisa Braun und das Redaktionsteam
der Presseagentur Gesundheit
© PAG, November 2021 • Seite 7Vorwort von Prof. Christian Dierks
Liebe Leserinnen und Leser,
Wozu ein ganzes Spezialheft der Operation Ge- Interesse der Diagnostik und Behandlung des einzel-
sundheitswesen (OPG) über Daten in der Gesundheits- nen Patienten, zur Erforschung klinischer Zusammen-
versorgung? „Daten sind das neue Öl der Gesundheits- hänge für die Entwicklung innovativer Arzneimittel,
wirtschaft“ – das ist oft zu lesen oder zu hören und Medizinprodukte, in-vitro-Diagnostika und digitaler
doch hat dieses Gleichnis, das auf die treibende Kraft Gesundheitsanwendungen. Einer Datennutzung,
der Gesundheitsdatenwirtschaft hinweist, einen ganz die Disease Interception, Prävention und Diagnostik,
erheblichen Fehler: Anders als das Rohöl werden Daten aber auch Public Health, betriebliche Gesundheits-
nicht verbraucht. Im Gegenteil: Sie können vervielfäl- förderung, Pandemiemanagement und vieles mehr
tigt und geteilt werden. Sie können strukturiert und mit einem Kalibersprung auf ein ganz neues Niveau
aufbereitet, mit anderen Daten verbunden und ausge- befördern kann. Dazu bedarf es allerdings einer ad-
wertet werden. Damit können die daraus abgeleiteten aptiven Gesetzgebung, die sich schnell und agil auf
Erkenntnisse im Gesundheitswesen dort zur Verfü- neue Anforderungen einstellt und die benötigten pas-
gung stehen, wo sie am meisten gebraucht werden: senden Rahmenbedingungen schafft.
Am Punkt der Versorgung der Bürger und Patienten.
Doch wie werden wir diese Weichen stellen?
Um diese Verteilung und um diese Bereitstellung soll es
Einige politische Fraktionen und zahlreiche Daten-
in diesem OPG-Spezialheft gehen, denn wir stehen in
schutzaufsichtsbehörden, Rechtswissenschaftler und
Deutschland an einem ganz entscheidenden Punkt der
Sozialpolitiker haben sich bereits eindeutig gegen das
Weichenstellung zwischen zwei Richtungen.
zuvor beschriebene zweite Konzept positioniert. Der
Die eine Richtung ist die der Verweigerung, der Datenschutz als Grundrecht sei in Gefahr, der unvor-
Bedenken, der Überbetonung des Datenschutzes und sichtige Bürger müsse davor geschützt werden, sei-
der informationellen Selbstbestimmung, der Maximie- ne Daten preiszugeben, und es gilt, die Hürden für
rung der Datensicherheit, der Blockade und der Ver- die Forschung mit Gesundheitsdaten, insbesondere
steifung auf einen Datenschutz alter Prägung, den die durch privatwirtschaftliche Unternehmen, besonders
Apologeten dieser Richtung wie eine Monstranz unter hochzulegen.
Berufung auf das Urteil des Bundesverfassungsgerichts
In einigen Wahlprogrammen finden sich aller-
zur Volkszählung 1983 vor sich hertragen.
dings zarte Hinweise in eine andere Richtung. Und
Und die andere Richtung? Die andere Richtung auch die medizinische Wissenschaft und Praxis begeg-
ist die einer Datennutzung im wohlverstandenen nen innovativen Ansätzen durchaus aufgeschlossen,
© PAG, November 2021 • Seite 8OPG Spezial
auch wenn sie ob der rigiden Haltung des „Da- In der 19. Legislaturperiode haben Ministerien und
tenschutzes“ (auf Nachfrage ist meist nicht klar zu Parlamente die gesetzlichen Rahmenbedingungen für
identifizieren, wer oder was das eigentlich ist) noch die digitale Transformation des Gesundheitswesens in
verhalten oder verzagt sind. Der Sachverständigenrat bislang nicht gekannter Intensität weiterentwickelt.
hat im Juni 2021 in seinem Gutachten zur Digitalisie- Die Digitalisierungstür ist damit geöffnet worden – es
rung eine klare Position bezogen und einen Weckruf muss sich nun zeigen, inwieweit wir in den nächsten
in das Land geschickt, nicht zuletzt im Hinblick auf Jahren auch von der Möglichkeit Gebrauch machen
die im internationalen Vergleich geradezu antiquierte wollen, durch diese Tür hindurchzuschreiten.
Informationsinfrastruktur unseres Gesundheits-
In dieser Situation haben die Herausgeber von
systems. Umfragen der vergangenen Jahre zeigen,
„Operation Gesundheitswesen“ ein Forum eröffnet,
dass in der Bevölkerung das Verständnis dafür vor-
auf dem eine Vielzahl von Experten zu Wort kommt,
herrscht, dass eine Integration der individuellen Be-
um aus allen Perspektiven die Herausforderungen rund
handlungsdaten aus dem Bauchnabel des Einzelnen
um diese Weichenstellung zu beleuchten. Provokante
heraus in eine strukturierte Forschungslandschaft
Fragen und fundierte Antworten bieten ein facetten-
nicht nur zulässig, sondern geradezu geboten ist. Die
reiches Bild dieser komplexen Thematik. Profunde Er-
überraschend offene Diskussion um die Datenfrei-
kenntnisse und neue Perspektiven tragen dazu bei,
gabe legt nahe, dass der Großteil der Bürgerinnen
nicht nur bisherige Meinungen zu überdenken, son-
und Bürger unseres Landes mit den aus der Ratio
dern auch neue Positionen zu entwickeln, und diese
geborenen Überlegungen wesentlich weiterdenkt als
auch in der neuen Legislaturperiode zu vertreten. Nur
so manche konservative Datenschutzbehörde. Nicht
wer dazu bereit ist, an dieser Diskussion teilzunehmen
zuletzt die Pandemie hat uns gezeigt, dass Forschung
und die richtigen Weichen zu stellen, kann die Wis-
mit Gesundheitsdaten keine Erfindung der dunklen
senschaft und Gesundheitswirtschaft in diesem Land
Macht, sondern Voraussetzung für die Überwindung
zukunftsorientiert transformieren und die Gesund-
gegenwärtiger und zahlreicher noch kommender ge-
heitsversorgung maßgeblich verbessern.
sundheitlicher Gefahren ist. Ohne diese Forschung
gäbe es keine Tests, Impfungen oder Medikamente Sind Sie daran interessiert, sich an diesem Vorhaben
gegen bekannte und neue Erkrankungen, die ganze zu beteiligen? Dann wünsche ich eine interessante
Kontinente lahmlegen können. Lektüre und viele Erkenntnisse!
Zur Person
Prof. Christian Dierks ist Gründer und geschäfts-
führender Gesellschafter von Dierks+Company,
einem Beratungsunternehmen, das sich auf die
Förderung von Innovationen im Gesundheits-
© Dierks+Company
wesen und in den Life Sciences spezialisiert hat.
Der Arzt und Anwalt ist mit dem Gesundheits-
wesen bestens vertraut.
© PAG, November 2021 • Seite 9III. DEUTSCHLAND BAUT DIE DATENAUTOBAHN
n „Wir gewinnen gerade an Flughöhe“
Dr. Markus Leyck Dieken über die digitale Transformation
Den Start hat Deutschland verschlafen. Doch jetzt läuft die Aufholjagd, sagt
Dr. Markus Leyck Dieken mit Blick auf die fortschreitende Digitalisierung
der Gesundheitslandschaft. Außerdem erklärt der gematik-Geschäftsführer,
wieso hierzulande alles länger dauert und worauf es beim Update der
Telematikinfrastruktur ankommt.
opg: Wie geht‘s insgesamt voran mit
der Digitalisierung des Gesundheits-
wesens, mit der digitalen Transformation?
Leyck Dieken: eHealth in Deutschland
nimmt deutlich an Fahrt auf. Mit An-
wendungen wie dem E-Rezept oder der
elektronischen Patientenakte wird das
Thema für die Menschen zunehmend
greifbar. Dennoch: Die Etablierung der
digitalen Medizin ist ein Marathon, kein
Sprint.
Dr. Markus Leyck Dieken im Gespräch mit opg: Weil der Gesetzgeber sich mit Rahmenvorgaben für ein digitales
Redakteuren der Presseagentur Gesundheit
(Archivaufnahme) © pag, Fiolka Gesundheitswesen so lange zurückgehalten hat, gibt es viele Solisten,
digitale Insellösungen. Teilen Sie diese Einschätzung?
Leyck Dieken: Modell- und regionale Projekte zeigen, wie hoch der
Glossar Bedarf an digitalen Lösungen an vielen Stellen ist. Das individuelle Enga-
• SNOMED – Die Systematisier- gement und der Pioniergeist haben die ganze Branche vorangebracht.
te Nomenklatur der Medizin Nun braucht es aber einheitliche und bundesweite Lösungen und verbind-
ist eine Familie medizinischer liche Standards, die wiederum Verlässlichkeit und Anschlussfähigkeit im
Terminologiesysteme. Ziel nationalen wie internationalen Kontext bedeuten. Der Gesetzgeber hat
aller SNOMED-Versionen ist viele Schritte unternommen, um hier Klarheit und bessere Ausgangslagen
die Bereitstellung einer Spra- zu schaffen, wie z.B. die Einführung der nationalen SNOMED-CT-Lizenz,
che, welche klinische Inhalte das Krankenhauszukunftsgesetz oder das Mandat an die gematik, die
unabhängig ihrer Ursprungs- nationale Koordinierungsstelle – also als Runder Tisch – für sektoren-
sprache weitgehend eindeu- übergreifende Interoperabilität zu übernehmen.
tig und möglichst präzise
opg: Sie sind als gematik-Chef vor zwei Jahren mit der Vision angetre-
repräsentiert. (Quelle: Wiki-
ten, dass der Apparat gematik mit seinen 360 Experten eine führende
pedia)
Rolle in der Digitalisierung auf europäischer Ebene einnehmen könnte.
© PAG, November 2021 • Seite 44
10OPG Spezial
Sind Sie angesichts der Entwicklungen heute ernüchtert, oder ist das noch zu
schaffen?
Leyck Dieken: Die gematik hat nicht nur auf nationaler Ebene ein Konzept für die
Zukunft der digitalen Medizin und die „TI 2.0“ vorgelegt, um darüber mit allen
Akteuren den Dialog zu führen. Die Einrichtung eines neuen Bereichs Strategie &
Europa ist hier prägend für die Konzeption der Roadmap zur europäischen An-
bindung, die nun auch gesetzlich ab 2023 verankert ist. Auch auf internationaler
Ebene haben wir erfolgreich den Austausch mit unseren Partnern initiiert und
moderiert: So waren wir Gastgeber einer Konferenz im Rahmen der deutschen
EU-Ratspräsidentschaft, an der Health-Kompetenzzentren aus 21 europäischen
Staaten sowie Israel teilgenommen haben und wir unsere Fortschritte in den An-
wendungen ePA und E-Rezept, aber auch unsere Überlegungen zur Modernisie-
rung der Telematikinfrastruktur präsentieren konnten.
opg: Deutsche und internationale Standards sollten aufgestellt werden. Sind
wir in unserer Aufholjagd schon auf „internationaler Flughöhe“ – wie Sie es mal
genannt haben?
Leyck Dieken: Wir gewinnen gerade an Flughöhe und haben einen klaren Kurs:
Es wurden viele wichtige Schritte unternommen, Verantwortungsbereiche und
Zeithorizonte vereinbart und mit der Einführung der ePA und des E-Rezeptes
holen wir kontinuierlich auf im Vergleich mit unseren europäischen Nachbarn.
Wir freuen uns über den nun intensivierten Dialog mit unseren europäischen Part-
nern zum Erfahrungsaustausch bei der Einführung und Weiterentwicklung neuer
digitaler Anwendungen.
© istock.com, nadia
©©PAG,
PAG,November
November2021
2021•• Seite 11
45III. DEUTSCHLAND BAUT DIE DATENAUTOBAHN
opg: Verlassen wir die internationale Bühne und steigen herab in die „Kampfzone
der Versorgung“, wie sie die komplexe Akteurslandschaft bei anderer Gelegenheit
passend beschrieben haben. Was macht den Prozess hierzulande eigentlich so
schwergängig? ePA nur sehr zögerlich, E-Rezept mit Fehlstart, noch sind wir die
18. Nation in Europa, die das einführt.
Leyck Dieken: Die Wahrnehmung eines Fehlstarts beim E-Rezept kann ich nicht nach-
vollziehen. Die Vielschichtigkeit des Gesundheitswesens hierzulande ist mit anderen,
zentraleren Systemen nicht vergleichbar, zudem sind wir in Europa der größte Gesund-
heitsmarkt mit den meisten Versicherten. Das macht manche Prozesse einfach kom-
plexer in der Umsetzung. Wir werden Schritt für Schritt mit mehr Tempo erleben, dass
diese Anwendungen auch in Deutschland selbstverständlich und alltäglich werden.
opg: Wir leben in einer komplexen Gesundheitswelt, die noch dazu auf kompli-
zierte Regelungen in Bund und Land trifft. Was kann die Telematikinfrastruktur
vor diesem Hintergrund leisten?
Leyck Dieken: Wir wollen mit der Telematikinfrastruktur Entlastung für Menschen,
die im Gesundheitswesen arbeiten, und Mehrwerte für Nutzer und Anbieter
schaffen. Das geht nur mit einer modernen Plattform für Digitale Medizin – der
TI, die wir gezielt in den nächsten Jahren modernisieren zu einer Version 2.0.
Im Ergebnis wollen wir die Integrationskraft steigern und die Nutzerfreundlichkeit
viel stärker in den Vordergrund stellten.
opg: Datenerhebung macht nur dann Sinn, wenn
Glossar sie uns für die Beantwortung von Fragen in Me-
• TI – Die Telematikinfrastruktur ist die bevorzugte dizin und Versorgung zur Verfügung steht. Was
Informations-, Kommunikations- und Sicherheits- können wir mit den Datenschätzen heute schon
infrastruktur des deutschen Gesundheitswesens anfangen, und wo müssen wir in einem ver-
mit allen technischen und organisatorischen Antei- netzten zukunftsorientierten Gesundheitswesen
len. Die TI vernetzt alle Akteure und Institutionen noch hinkommen?
des Gesundheitswesens miteinander und ermög-
Leyck Dieken: Durch den Einsatz neuer tech-
licht dadurch einen organisationsübergreifen- nischer Verfahren erkennen wir beispielsweise im-
den Datenaustausch innerhalb des Gesundheits- mer deutlicher, dass eine Krebserkrankung stets
wesens. (Quelle: gematik) auf einer recht individuellen Mutation beruht und
• KIM – Kommunikation im Medizinwesen – die- dass es nicht nur eine Form von Asthma bronchiale
ser Dienst sorgt für den sicheren Austausch von gibt. Die Chancen, die sich daraus für die Medi-
sensiblen Informationen wie Befunden, Beschei- zin ergeben, sind die tiefer liegende Motivation
den, Abrechnungen oder Röntgenbildern über die für schlüssige Konzepte für eine Digitalisierung
des Gesundheitswesens und aller im Umfeld For-
Telematikinfrastruktur. Die Kommunikation der
schender. Das ermöglicht die sinnstiftende Ein-
Teilnehmer läuft über KIM-E-Mail-Adressen.
bindung von KI in der Forschung und Diagnostik
© PAG, November 2021 • Seite 12
46OPG Spezial
© pag, Fiolka
Zur Person
Seit Juli 2019 zeichnet Dr. Mar-
kus Leyck Dieken als Geschäfts-
führer der gematik hauptverant-
wortlich für die Umsetzung der
Digitalisierung des deutschen
Gesundheitswesens. Zuvor arbei-
tete der gelernte Internist und
Notfallmediziner als Manager in
der Pharmabranche.
sowie eine individualisierte, personalisierte Therapie – und somit eine Verbesserung
der medizinischen Versorgung jedes Einzelnen.
opg: Über KIM können Leistungserbringer erstmals einem sicheren Datenraum für
eine sichere bundesweite Kommunikation beitreten. Wie wird das genutzt?
Leyck Dieken: Die Rückmeldung der Anbieter fällt aktuell sehr positiv aus und
signalisiert eine hohe Nachfrage der Ärzteschaft nach KIM-E-Mail-Adressen. Wir
gehen davon aus, dass bald die meisten Ärztinnen und Ärzte KIM-Dienste nutzen
werden. Denn KIM spart Zeit, Geld und Papier.
opg: Angesichts der Blockchain-Technologie, die vielen vor allem über Bitcoins be-
kannt ist und Vermögenswerte und andere sensible Daten ohne einen Mittelsmann
versenden kann, wirkt das, was wir innovativ nennen, schon veraltet. Wie sehen Sie
diese Technologie? Macht sie Institutionen wie die gematik überflüssig?
Leyck Dieken: Es gibt interessante erste Ansätze für Blockchain im Gesundheits-
wesen, etwa in den USA, aber auch in Europa im Bereich der Sicherung der Validität
und Nutzung von Gesundheitsdaten für bestimmte Forschungszwecke. Allerdings
ist auch Blockchain nur eine Technologie, die bestimmte Probleme lösen kann, und
für diese kann und sollte sie zum Einsatz kommen.
opg: Corona hat die digitalen Defizite sichtbar gemacht. Hat diese Entwicklung
das Mindset verändert? Den Wind endgültig gedreht?
Leyck Dieken: Die Mehrwerte, die die Digitalisierung gerade auch im Gesund-
heitsbereich bringt, sind noch mehr in den Fokus gerückt. Den digitalen Wandel,
der schon viel zu lange zaghaft vor unserer Tür gewartet hat, lassen wir nun end-
lich ein und heißen ihn herzlich willkommen. t
©©PAG,
PAG,November
November2021
2021•• Seite 13
4714 © PAG, November 2021 • Seite 80
OPG Spezial
Die Mitarbeiterinnen dieser Ausgabe, von links: Antje Hoppe, Lisa Braun, Denise Toygar und Anna
Fiolka © pag, Fiolka
IMPRESSUM
OPG – Operation Gesundheitswesen, ISSN 1860-8434, 2020, 19. Jahrgang; Presse-
agentur Gesundheit GmbH, Albrechtstraße 11, 10117 Berlin Tel.: 030 - 318 649-0,
Mail: news@pa-gesundheit.de, Web: www.pa-gesundheit.de
Herausgeberin: Lisa Braun. Redaktion: Lisa Braun (verantwortlich), Denise Toygar und
Anna Fiolka (Layout, Bildredaktion), Antje Hoppe
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November2021
2021 • Seite
Seite 81
15OPG Spezial – Die fokussierten Sonderausgaben
OPG Spezial OPG Spezial
Operation Gesundheitswesen • 17. Jahrgang Operation Gesundheitswesen • 17. Jahrgang
Gesundheitspolitische Nachrichten und Analysen der Gesundheitspolitische Nachrichten und Analysen der
Presseagentur Gesundheit • ISSN 1860-8434 Presseagentur Gesundheit • ISSN 1860-8434
Sonderausgabe, November 2019 Sonderausgabe, September 2019
Resistenzen Kranke Atemwege
Wenn Antibiotika nutzlos werden
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pag Presseagentur
Gesundheit pag Presseagentur
Gesundheit
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Operation Gesundheitswesen • 17. Jahrgang Operation Gesundheitswesen • 18. Jahrgang Operation Gesundheitswesen • 18. Jahrgang
Gesundheitspolitische Nachrichten und Analysen der Gesundheitspolitische Nachrichten und Analysen der Gesundheitspolitische Nachrichten und Analysen der
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aber nicht gleich Eine Vision wird Realität
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men lassen? Das ist ein Fall für OPG-Spezial. Wir bereiten Ihr Thema so auf, dass
Dritte es verstehen.
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zester Zeit einen Platz auf den Schreibtischen der Entscheidungsträger erobert. Unse-
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