Und raus bist du! - GEW Hamburg

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PÄDAGOGIK

…und raus bist du!
Die heutige Spielart von Schwarzer Pädagogik mit schickem
englischen Begriff getarnt: Social Scoring

   Lukas schaut finster. Gerade     Kindern registriert, vergleichend    onsregulation, Impulskontrolle
hat der Erstklässler vom Lehrer     eingeordnet und in Form einer        und Handlungssteuerung bereits
mitgeteilt bekommen, dass er        Statistik öffentlich dokumen-        gut gelingt, darin bestärkt, noch
seinen fünften traurigen Smiley     tiert. Dabei wird aber nicht nur     besser zu werden, wird durch die
erhalten hat. Dieses rote Steck-    eine Rangfolge erstellt, sondern     drohende Bestrafung der Druck
symbol wird nun sichtbar für alle   es werden meistens auch positi-      auf diejenigen erhöht, die damit
Schüler_innen an einer Wand         ve oder negative Sanktionen für      (aus verschiedenen Gründen)
neben der Tafel unter seinem        Störenfriede oder (um den sozi-      noch Probleme haben - bei zehn
Namen angebracht. Erhalten hat      alen Druck zu erhöhen) für die       traurigen Smileys darf dann das
Lukas den Tadel, weil er wäh-       gesamte Gruppe verhängt. Die         betreffende Kind z.B. nicht mit
rend des Unterrichts mit seinem     Kinder werden also auf der einen     auf Klassenreise! Der Druck, der
Nachbarn geredet hat, was er        Seite vereinzelt und auf der an-     durch diesen Ausschluss aus der
nicht tun soll. Der 5. rote Punkt   deren Seite untereinander künst-     Gemeinschaft aufgebaut wird,
hat eine besondere Bedeutung:       lich in eine Situation des Wett-     wirkt somit auch noch auf die
Tobias darf nun nicht mehr beim     bewerbs gesetzt, wodurch das         anderen sozialen Systeme, in de-
lange geplanten Ausflug der         Prinzip der gegenseitigen Hilfe      nen sich das Kind befindet und
Klasse in der nächsten Woche        oder der Solidarität ausgehebelt     wird z.B. von den Sorgeberech-
mitkommen. „Mensch, Lukas,          wird, nicht aber das Konkurrenz-     tigten aufgrund von Ärger oder
schade, aber das hast du dir ganz                                        Enttäuschung eventuell noch
alleine zuzuschreiben“ sagt der                                          verstärkt. Das Problem, das da-
Lehrer. Lukas tritt daraufhin          Das eigene Verhalten              durch angezeigt ist, betrifft zwar
wütend mit dem Fuß gegen den           wird für die Kinder zur           nur einzelne, was es aber für die
Tisch. „Pass auf“, ermahnt ihn      Währung und am Ende wie              Struktur des Sozialen bedeu-
der Pädagoge: „Sonst bekommst                                            ten kann, lässt sich durch einen
du gleich noch den nächsten ro-
                                    Treuepunkte im Supermarkt            Wechsel auf die politische Ebe-
ten Smiley“ Der Junge murmelt                 eingelöst                  ne illustrieren: In China werden
mürrisch: „Ist doch eh schon                                             bereits auf Grundlage von durch
egal….“.                                                                 Überwachung erhobenen Daten
   So oder so ähnlich geht es in    denken und die damit verbunde-       bestimmten Menschen Vergüns-
vielen Klassenräumen und auch       ne Gefahr von Ausgrenzung.           tigungen, wie z.B. das Reisen ins
Kitas zu, wenn sogenannte „So-         Die Gruppe fungiert im            Ausland, verwehrt als Strafe für
cial-Scoring“ Bewertungssyste-      schlechtesten Fall dann nur noch     als negativ bewertetes Verhalten.
me zur Anwendung kommen, wo         als faszinierte, aber distanzierte      Das Ganze firmiert unter dem
jedem Kind ein Status zugewie-      und damit tendenziell mitleidlo-     Label „Motivations- bzw. An-
sen wird, der das Level seiner      se Agentin eines Systems, dessen     reizsysteme“, die in Form einer
Fähigkeiten markiert, das per-      Bewertungslogik sie unterwor-        bunten Produktpalette von Ta-
sönliche Verhalten den Anfor-       fen ist. Das eigene Verhalten wird   feln, Symbolen oder Ampeln das
derungen der sozialen Umwelt        für die Kinder zur Währung und       individuelle Benehmen durch
anzupassen. Dahinter steht die      so werden – bezogen auf die Ka-      Belohnung und Bestrafung von
pädagogische Absicht, mit Grup-     tegorien „gutes“ oder „schlech-      außen regulieren sollen. Die
pen relativ schnell und einfach     tes“ Benehmen – eifrig stan-         Gründe oder Umstände, die dazu
eine störungsfreie Arbeitsatmo-     dardisierte     „Token“-Symbole      führen, dass einige Kinder das
sphäre herzustellen. Der Weg,       (Stempel/Sonne/Regen/Smileys/        Einhalten von Regeln besser
der dafür eingeschlagen wird,       Murmeln) gesammelt und am            schaffen als andere, interessie-
birgt jedoch einige Risiken und     Ende wie Treuepunkte im Super-       ren dabei nicht, denn der Fokus
Nebenwirkungen, die es zu ken-      markt eingelöst, allerdings mit      ist darauf gerichtet, Menschen
nen gilt. Denn um die erwünsch-     höchst unterschiedlichen Folgen:     durch den gezielten Einsatz von
te Disziplin zu erreichen, wird     Während es diejenigen, denen         Sanktionen als sogenannte „ver-
das individuelle Verhalten von      der erwünschte Grad an Emoti-        stärkende“ Effekte so zu beein-

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flussen, dass sie das erwünschte         Kopplung an die Sinndimension       und erfolgreich zu inszenieren,
Verhalten irgendwann auch ohne           zur subjektiven Entscheidung,       um die Belohnung zu bekom-
den Verstärker zeigen, weil er er-       die es zu treffen oder zu verwei-   men, obwohl eine produktive
folgreich antrainiert worden ist:        gern gilt. Ungehorsam wird so       Lern- und Arbeitsumgebung ei-
„Wer oft genug einen Smiley be-          zur Option auf Grundlage eines      gentlich eine sein sollte, in der
kommen hat, um fleißig zu arbei-         Urteils über Sinn oder Unsinn       Fehler offen zugegeben werden
ten, wird irgendwann auch ohne           hinsichtlich der Forderung, ge-     können, in der sich Schüler und
Smiley fleißig arbeiten.“ (Dietz         horchen zu sollen. Das ist der      Mitarbeiter bereitwillig helfen
2017, S. 2) Diese Idee ist nicht         Unterschied zwischen Mündig-        und um Hilfe bitten.“ (Dietz
neu, sie wurde aus der Tierdres-         keit und Anpassung und er kann      2021, 4)
sur in das Repertoire der Verhal-        auf alle möglichen Inhalte bezo-       Es ist somit stark begrün-
tenspsychologie übernommen               gen werden, die in der Pädago-      dungsbedürftig, warum das „So-
und ist dort unter dem Namen             gik als legitime Ziele formuliert   cial Scoring“ in pädagogischen
„Operantes Konditionieren“ ein

                                                                                                                  © Wikimedia
lerntheoretisches Standardwis-
sen. Dabei wird eine Aktion mit
einer bestimmten Art der Reak-
tion verbunden und diese Kopp-
lung dann bei ständiger Wie-
derholung vom Organismus als
selbstverständliche Kausalität
übernommen. Das eigene Ver-
halten wird also nicht aufgrund
eines selbstständigen Urteils
über dessen Zweck, Mittel und
Folgen reguliert, sondern an-
hand eines extern organisierten
Systems von negativen oder po-
sitiven Effekten ausgerichtet. So
wird z.B. das Prinzip der Ampel
in pädagogischen Gruppen dafür           Gefährliche Analogien
benutzt, um dem Kind mit Hilfe
der Farben Rot, Gelb und Grün            werden können.                      Institutionen so beliebt ist, denn
anzuzeigen, auf welcher Skala              Dabei wirkt der Vorgang des       es kann ja nicht darum gehen,
sich dieser Aneignungsprozess            Lernens durch Aktion und Re-        Kinder zu erziehen, indem man
nach Meinung des Erwachsenen             aktion doppelt: Bei denjenigen,     künstlich Angst erzeugt oder sie
aktuell befindet. Doch lassen            die von der Norm abweichen,         systematisch korrumpiert. Wenn
sich soziale Regeln ähnlich sim-         funktioniert er durch das Vermei-   zusätzlich dann noch so getan
pel wie Verkehrsregeln beibrin-          dung-Wollen von Strafen und bei     wird, als seien die Kinder sel-
gen und verstehen? Zweifel sind          denjenigen, die andauernd dafür     ber schuld, wenn sie aufgrund
angebracht:                              gelobt werden, weil sie etwas       unbotmäßigen Benehmens z.B.
   „Es macht einen Unterschied,          können, was andere noch nicht       vom sozialen Leben (Morgen-
ob das Kind gehorcht weil es             schaffen, führt er zur Gewöh-       kreis/Angebote/Ausflüge/Klas-
nicht “auf Rot“ kommen möch-             nung an das Schema der Be-          senreisen) ausgeschlossen wer-
te, oder ob es gehorcht, weil es         lohnung. Doch diese nutzt sich      den, dann findet dadurch eine
versteht, dass soziales Verhalten        schnell ab und entwertet die Sa-    unzulässige Umlenkung der
gewinnbringender ist als ego-            che, um die es geht. Eine Moti-     pädagogischen Verantwortung
istisches und verständnisvolle           vation wird nur dann entwickelt,    statt: Die Schuld für getroffe-
Begegnungen        befriedigender        wenn ein entsprechender Gegen-      ne Entscheidungen wird nicht
sind als Aggression.“ (Campana           wert in Aussicht steht, nach dem    dort übernommen, wo sie ihren
2017, 34)                                Motto: „Wofür ich nichts erhalte,   Ursprung hat, d.h. beim zustän-
   Während im ersten Fall das            das ist dann wohl auch weniger      digen Erwachsenen, sondern an
Lernziel des Gehorsams quasi             wert“. Zum anderen hat das ei-      das Kind delegiert, wo das „fal-
„blind“ ist, weil dieser als ge-         nen negativen Einfluss auf den      sche“ oder „richtige“ Verhalten
nerelles Prinzip zur Vermeidung          eigenen Umgang mit Fehlern:         als bewusstes Antizipieren für
von negativen Effekten eingeübt            „Belohnungen verführen die        oder gegen die Inkaufnahme der
worden ist, so wird der Gehor-           Belohnten dazu, Probleme zu         Sanktion reduziert wird:
sam im zweiten Fall durch die            verstecken, sich als kompetent         „Die Strafe wird zur ‚logi-

hlz – Zeitschrift der GEW Hamburg 1-2/2022                                                                   21
schen Konsequenz‘ deklariert,       mität aufgegeben wird?                tivationspsychologen Deci und
die unmittelbar und natürlich aus      Das soll ein Beispiel aus der      Ryan (vgl. Deci/Ryan 1993)
dem Fehlverhalten folgt. Zudem      Praxis illustrieren: Ein Kind in      haben das als Effekt einer soge-
wird das Verhalten als bewusst      der Kita hatte oft das Problem,       nannten „extrinsischen Motivati-
gewähltes interpretiert. Demzu-     in Konflikten mit anderen Kin-        on“ bezeichnet und sie qualitativ
folge tragen die Schüler_innen      dern handgreiflich zu werden.         von der „intrinsischen Motiva-
auch die Verantwortung dafür.“      Ermahnungen halfen wenig,             tion“ unterschieden, die sich an
(Rauh/Welter, u.a. 2020, S.         das pädagogische Personal war         den menschlichen Grundbedürf-
14/15.)                             ratlos. Schließlich einigten sich     nissen von Kompetenz, sozialer
   Der Begriff der „Konsequenz“     die Erzieher_innen darauf, dem        Teilhabe und Autonomie ori-
erfährt dabei eine eigentümliche    Kind jedes Mal, wenn es ein           entiert. Lerne ich bei letzterem
Verschiebung, weil das, was da-     anderes schlug, eine sogenannte       selbstbestimmt etwas aus einem
mit normalerweise gemeint ist,      „Auszeit“ zu verabreichen, wo         eigenen, begründeten Interes-
nur bedingt stattfindet: Es han-    es für eine bestimmte Zeit alleine    se heraus, so ist das Lernen bei
delt sich ja beim Verhängen von     sein musste und von den anderen       ersterem fremdbestimmt von
Sanktionen nicht um eine un-        separiert wurde. Langsam „bes-        äußeren Impulsen, d.h. auch in
mittelbare Auswirkung, die ein      serte“ sich das aggressive Ver-       Abhängigkeit von Kriterien, die
Verhalten auf andere Menschen       halten, bis es schließlich kaum       eventuell nicht meine eigenen
hat, z.B wenn ein Kind weint,                                             sind. Die Fähigkeit zum selbst-
weil es zuvor von einem anderen                                           ständigen Urteilen wird dadurch
Kind geschlagen wurde, sondern       Das scheinbar nüchterne              erschwert.
die Konsequenz entsteht als Wir-      „Wenn-Dann“ entpuppt                   Es geschieht dabei zweierlei:
kung auf den Urheber erst durch         sich als autoritäres              Zum einen werden pädagogische
die Intervention einer übergeord-          „Wehe-Sonst“                   Entscheidungen nicht als das
neten Instanz. Diese Art der Fol-                                         deutlich, was sie in diesem Fall
ge ist damit aber nicht „logisch“                                         sind, nämlich eine Manipulation
aus einer Handlung abgeleitet,      noch auftrat. Die Pädagog_innen       zur möglichst einfachen Hervor-
sondern sie ist bezogen auf den     waren sehr zufrieden mit ihrer        bringung von „erwünschtem So-
künstlicher Akt der Setzung eben    Strategie. Eines Tages saß das        zialverhalten“, weil der Vorgang,
der externen Macht, die im Hin-     Kind mit einem anderen Kind           die lachenden oder weinenden
blick darauf lobend oder strafend   friedlich ins Spiel mit Eimer und     Smileys zu vergeben, wie ein
eingreift. Das scheinbar nüchter-   Schaufel vertieft, als es plötzlich   neutrales Feststellungsverfahren
ne „Wenn-Dann“ entpuppt sich        die Schaufel nahm und sie dem/        angesehen und kommuniziert
als autoritäres „Wehe-Sonst“,       der Spielpartner_in über den          wird: Der oder die Pädagog_in
denn die Möglichkeiten der Be-      Kopf zog. Geistesgegenwärtig          vollzieht quasi „objektiv“ eine
einflussung oder der Verände-       fragte die anwesende Praktikan-       Art Datenerhebung mit gleich-
rung durch die Kinder sind dabei    tin: „Warum hast du das getan?“       zeitiger Evaluation, die sich aus
begrenzt.                           Die Antwort lautete: „Och, ich        einem bestimmten Umstand
   Für die Ich-Entwicklung          bin müde, ich brauche eine Aus-       (Wohl- oder Fehlverhalten)
besteht hierbei die Gefahr,         zeit.“                                auf Seiten des Kindes ergibt.
dass die rigide Logik der              Das Kind hatte also nur ge-        Er wird damit nicht als Person
Fremdbeurteilung, die dem           lernt, was mit ihm passiert, wenn     sichtbar, sondern erscheint als
binären Code der Unterschei-        ein bestimmtes Verhalten auftritt,    kontrollierende      Messinstanz,
dung von „belohnt=gut“ und          nicht aber, worin der eigentliche     die unter der Last eines schein-
„bestraft=schlecht“ folgt, als      Zusammenhang dabei besteht.           baren Sachzwangs („Lukas zeigt
unbedingte Gültigkeit einer herr-   Es hatte verstanden, dass es bei      schlechtes Verhalten“) eine Kon-
schenden Norm ins Selbstkon-        der Entscheidung für oder gegen       sequenz ausspricht, deren Au-
zept übernommen wird. Wie soll      eine Handlung darauf ankommt          torität sie sich bis zum bitteren
sich daraus eine differenzierte     abzuschätzen, wie das jemand          Ende unterwirft. Der Sadismus,
und kritische Beurteilungskom-      findet, der mächtiger ist und be-     der sich hinter dieser Neuaufla-
petenz auf Seiten des Subjekts      stimmte Sanktionen verhängen          ge von „Wer-nicht-hören-will-
ergeben? Was geschieht mit der      kann.                                 muss-fühlen“ versteckt, kann
Beziehung zu sich selber, zu den       Gelernt wird beim „Social          sich dann auch noch als Mitleid
anderen und mit der pädagogi-       Scoring“ also unter Umständen         maskieren: „Mensch Lukas, wie
schen Beziehung, wenn das Inte-     nur das Prinzip von Macht, Be-        doof, leider hast du jetzt den 10.
resse für die Genese von Proble-    lohnung und Bestrafung sowie          traurigen Smiley bekommen.
men zugunsten der Orientierung      Strategien, sich damit abzufin-       Es tut mir ja auch leid, dass du
auf die Herstellung von Konfor-     den und anzupassen. Die Mo-           dadurch jetzt nicht mit auf Klas-

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senreise darfst, aber so ist das           Wie soll ein vertrauensvolles       schieht oder wie sie das ändern
nun einmal.“ Das eigene Urteil           und wertschätzendes Arbeits-          können. Wenn das auch sonst
muss sich somit nicht einmal             bündnis entstehen, wenn die           niemanden interessiert, greift das
kritisch hinterfragen lassen, weil       Aufmerksamkeit des Erwachse-          Prinzip der negativen Sanktion
es zuvor durch die Systemlogik           nen sich nicht in verstehender,       dann immer weniger, weil diese
unkenntlich gemacht worden ist,          sondern in bewertender Absicht        Kinder resignieren und sich eine
obwohl es ja ohne eine persön-           auf die kindliche Fähigkeit zum       „Ist ja eh schon alles egal“-Hal-
liche Entscheidung überhaupt                                                   tung zulegen. Als Folge sinkt die
nicht funktioniert.                                                            Motivation und das Selbstwert-
                                          Der Sadismus, der sich
   Dass unter Umständen die                                                    gefühl ist dauerhaft angeschla-
emotionale Verfassung der/s Be-           hinter dieser Neuauflage             gen, weil das Nicht-Erfüllen der
obachter_in seine/ihre Vorerfah-         von „Wer-nicht-hören-will-            Erwartungen die Abwehr von
rungen inklusive Vorlieben und            muss-fühlen“ versteckt,              Frustration, Scham und Selbst-
Vorurteile sowie Sympathie und           kann sich dann auch noch              zweifeln erforderlich macht. Der
Antipathie die Wahrnehmung                                                     Philosoph Michel Foucault hat
                                            als Mitleid maskieren
von Personen und Situationen                                                   das als Nebeneffekt einer „Dis-
stark beeinflussen kann, wird da-                                              ziplinarmacht“ analysiert:
bei ignoriert. Eine mögliche Fol-        Wohlverhalten fokussiert? Zu-            „Die Individuen werden un-
ge könnte sein, sich als Fachkraft       dem lösen Messverfahren und           tereinander und im Hinblick auf
nicht als Urheber von eventuell          Rückmeldungen noch nicht das          diese Gesamtregel differenziert,
fehlerhaften      Interpretationen       Problem, was damit erhoben            wobei diese sich als Mindest-
anzusehen, sondern diese für ob-         wird: Vom Wiegen wird die Sau         maß, als Durchschnitt oder als
jektive Fakten zu halten. Für die        nicht fett, d.h., bestimmte Kinder    optimaler Annäherungswert dar-
Gestaltung von pädagogischen             sammeln einfach ständig trauri-       stellen kann. Die Fähigkeiten,
Beziehungen ist das kontrapro-           ge Smileys oder Regenwolken,          das Niveau, die ‚Natur‘ der Indi-
duktiv, weil dadurch ein „Menta-         ohne eine Idee davon zu haben,        viduen werden quantifiziert und
lisieren“, also ein Verstehen der        warum das immer wieder ge-            in Werten hierarchisiert. Hand
inneren Welt des/der anderen,
seiner/ihrer Gefühle, Absich-                Literatur:
ten und Gründe, nicht erfolgen
kann. Wenn Pädagogik aber be-                   Hehn-Oldiges, M./Ostermann, B. (2020): Ampeln und andere
deutet, sich auf den/die andere/n            Ermahnungssysteme – problematische Strategien zur Erziehung.
im Rahmen einer professionel-                Abrufbar unter http://paedagogische-beziehungen.eu/amplen-
len Beziehung einzulassen, dann              und-andere-ermahnungssysteme-problematische-strategien-zur-
reicht es nicht aus, sich als rich-          erziehung/
terliche Instanz zu inszenieren,                Deci, E./Ryan, R (1993): Die Selbstbestimmungstheorie der
weil ich dadurch zum Teil des                Motivation und ihre Bedeutung für die Pädagogik. In: Zeitschrift
Problems werde, zu dessen Be-                für Pädagogik, Heft 2/1993; S. 224-238. Beltz.
arbeitung Pädagogik eigentlich                  Campana, S. (2017): ROT für die Ampel im Klassenzimmer. In:
einen Beitrag liefern möchte,                „4 bis 8“, Ausgabe 2/2017, S. 34-35. Schulverlag plus AG.
da davon ausgegangen werden                     Dietz, H. (2017): Belohnen ist das neue Bestrafen. Aus: „!0
kann, dass „Bestrafungen ande-               nach 8“, S. 1-6, Abrufbar unter https://zeit.de/Kultur/2017-03/
re unerwünschte Emotionen wie                erziehung-belohnung-pschologie/. Zeit Online. Bucerius Verlag
z.B. Ärger oder Frustration aus-                Rauh, B./Welter, N. u.a. (2020) : Emotion, Emotionsregulati-
lösen, was wiederum aggressi-                on und psychoanalytische Pädagogik. In: Emotion – Disziplinie-
ves Verhalten begünstigen kann.              rung – Professionalisierung. Schriftenreihe der DGfE, Band 10, S.
(…) Die strafende Person wirkt               9-28. Verlag Barbara Budrich.
auch als Modell für die bestraf-                Foucault, M (1976) Überwachen und Strafen. Suhrkamp.
te Person. Demzufolge können                 Frankfurt a.M
ungünstige       Verhaltensweisen               Winkler, M (2006) Kritik der Pädagogik. Kohlhammer, Stutt-
gelernt werden, die wiederum                 gart
Bestrafung und Aggression nach                  Werner, N./Trunk, J. (2017) Operante Verfahren. Techniken der
sich ziehen. Schließlich ist nicht           Verhaltenstherapie. Beltz Verlag.
zu vergessen, dass sich Bestra-                 Wir veröffentlichen ausnahmsweise die verwendete Literatur,
fung auch negativ auf die Bezie-             weil wir keine Zeit mehr fanden, den Text umzuformulieren. Wir
hung zwischen Strafendem und                 bitten zukünftige Autor_innen, dies zu berücksichtigen, weil wir
Bestraftem auswirkt.“ (Werner/               uns nicht als wissenschaftliches Medium verstehen. Die Redaktion
Trunk 2017, 28)

hlz – Zeitschrift der GEW Hamburg 1-2/2022                                                                     23
in Hand mit dieser ‚wertenden‘      negativ bewertet werden. In der      den Kontext der inneren und
Messung geht der Zwang zur          jeweiligen Gruppe werden sie         äußeren Situation miteinbezie-
Einhaltung einer Konformität.“      als auf problematisches Verhal-      hen, in dem sich die Menschen
(Foucault 1976, 236)                ten reduziert dargestellt. Die so    befinden.
   Das erklärt, warum das „Soci-    Hervorgehobenen erleben sich            Es gibt für komplexe Her-
al Scoring“ auf die Beteiligung     als abgelehnt, wertlos und unzu-     ausforderungen keine einfachen
und Mitwirkung der Öffentlich-      länglich.“ (Hen-Oldiges/Oster-       Lösungen, auch nicht für das
keit angewiesen ist, denn der       mann 2020, S. 5)                     Erlernen von sozialen Kompe-
Vergleich und die dadurch ent-         Neben dieser wenig ressour-       tenzen in institutionell gepräg-
stehende Scham und Frustration      cenorientierten und datenschutz-     ten Schicksalsgemeinschaften
auf Seiten derjenigen, die den      rechtlich bedenklichen Art und       wie Klassen oder Kita-Gruppen.
Anforderungen nicht genügen,        Weise der „Brandmarkung“             Wer glaubt, das mit Hilfe von
aber auch die Erleichterung, der    erlangen Pädagog_innen durch         Verfahren wie „Social Scoring“
Triumph und die Schadenfreude       die Skalierung von kindlichem        erreichen zu können, muss sich
auf Seiten der Kinder, welche       Verhalten keinerlei Aufschluss       mindestens fragen lassen, ob die
die Standards erreichen, werden     darüber, ob nicht vielleicht die     damit verbundenen Gefahren
bewusst mit einkalkuliert. Das      Leistung des Einzelnen darin         den Einsatz rechtfertigen, denn
wertende und urteilende Herab-      bestanden hat, es vor der Ermah-     der pädagogische Zweck heiligt
schauen auf andere wird dadurch     nung so gut wie möglich ver-         die Mittel nicht, im Gegenteil,
eingeübt und funktioniert im        sucht zu haben? Dieses zu wis-       er limitiert sie. Wenn der Aufbau
Grunde genauso wie der Pranger      sen, wäre aber durchaus wichtig,     einer stabilen und solidarischen
auf einem Marktplatz am Ende        wenn es um Würdigung des Ein-        sozialen Architektur eine der
des 13. Jahrhunderts:               zelnen und um mögliche Formen        wichtigsten Zukunftsaufgaben
   „Die öffentliche Darstellung     der pädagogischen Unterstüt-         unserer Gegenwart ist, dann ist
der Unzulänglichkeit (…) ist        zung von individueller Entwick-      es nicht ausreichend, das mit
als Beschämung anzusehen. Die       lung gehen soll: „Anerkennung        Bauplänen aus dem Mittelalter
Betroffenen werden bloßgestellt,    benötigt Leistungen, die man         versuchen zu wollen.
ihr Augenmerk ist auf die Ampel     vielleicht nicht versteht.“ (Wink-                    STEFAN DIERBACH
oder die Sammelskala gerichtet,     ler 2006, S. 289) Um diese er-       Fachschule für Sozialpädagogik Altona
durch die sie offensichtlich als    kennen zu können, müsste ich                                 (FSP2/BS 21)

 Schulmuseum sammelt Dokumente
 zum Unterricht in der Coronazeit
    Das Hamburger Schulmuse-        später auch für Sie interessant,     Hamburger Schulmuseum
 um interessiert sich für Unter-    diese in unserem Museum an-          LIF 14
 richtseinheiten und Unterrichts-   zusehen. Zudem möchten wir           Dr. Silke Urbanski
 ergebnisse aus der Coronazeit.     die Arbeit während der Corona-       Ausstellungsgestaltung
 Bitte senden Sie uns speziell      Zeit dokumentieren.                  Seilerstraße 42
 für die Pandemiezeit entwor-          Auf den Schüler_innenarbei-       20359 Hamburg
 fene Unterrichtseinheiten und      ten muss folgendes verzeichnet       Telefon: 0 40 / 31794819
 Schüler_innenarbeiten zu, die      sein: Vorname, Klasse, Schule        Telefax: 0 40 / 3179 5107
 sich auf die Pandemie, den         und Titel. Senden Sie uns bitte
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