Verbrannte bücher - Verfemte Komponisten

Verbrannte bücher - Verfemte Komponisten
Verbrannte Bücher –
Verfemte Komponisten




Iris Berben Liest
Musikalisch begleitet
Verbrannte bücher - Verfemte Komponisten
Verbrannte Bücher –
Verfemte Komponisten




Iris Berben Liest
Musikalisch begleitet
Verbrannte bücher - Verfemte Komponisten
Verbrannte Bücher –
                                                                                                       Verfemte Komponisten
                    U2
                    Anzeige carpe artem
                                                                                                       Iris Berben · Lesung

                                                                                                                                                      „Das war ein Vorspiel nur, dort,
                                                                                                                                                      wo man Bücher verbrennt,
                                                                                                                                                      verbrennt man am Ende auch
                                                                                                                                                      Menschen“
                                                                                                                                                                     Heinrich Heine

                                                                                                       Idee und Konzept
                                                                                                       Christian Reinisch – carpe artem GmbH

                                                                                                       Dramaturgie und Buch
                                                                                                       Gitta Jäger (Bayerischer Rundfunk, München)

                                                                                                       Eingesprochene Textpassagen
                                                                                                       Axel Wostry

                                                                                                       Musik
                                                                                                       Südwestdeutsches Kammerorchester Pforzheim/

                                                                                                       Musikalische Leitung
                                                                                                       Achim Fiedler

                                                                                                                                                               Eine Produktion der
                                                                                                                                                     carpe artem GmbH · München
Produktionen von CARPE ARTEM München               www.carpeartem.de
Christian Reinisch · Fon 089 330 356 68-0 • Dytha Mund · Fon 089 330 356 68-13 · dytha@carpeartem.de
                                                                                                                                                                                     3
Verbrannte bücher - Verfemte Komponisten
Programm                XXXXXXXXXXXXXXXXXX
                                                                                            Programm

                Karl Amadeus Hartmann 1905–1963                                             Kurt Tucholsky 1890–1935
	Concerto funebre für Violine und Streichorchester ·                                       „Hitler und Goethe – ein Schulaufsatz“
   Introduktion. Largo (Solo: Sonja Starke)
                                                                                            	Max Bruch 1838–1920
Karl Kraus 1874–1936                                                                        	Kol Nidrei op. 47 für Violoncello und Streichorchester
„Die letzten Tage der Menschheit“                                                             (Solo: Andrea Hanke)
Vorwort
                                                                                            Kurt Tucholsky
	Karl Amadeus Hartmann                                                                     „Eine Frage“
	Concerto funebre für Violine und Streichorchester · Adagio
                                                                                                             Karl Amadeus Hartmann
Bertolt Brecht 1898–1956                                                                    	Concerto funebre für Violine und Streichorchester ·
„Der Soldat von La Ciotat“                                                                     Allegro di molto – Choral

	Paul Ben-Haim 1897–1984                                                                    Hermann Kesten 1900–1996
	Sephardische Melodie aus „Lieder ohne Worte“ für Klarinette und                           „Josef sucht die Freiheit“ · Ausschnitt
  Streicher (Solo: Andrea Steinberg)
                                                                                            	Ernst Krenek 1900–1991
Stefan Zweig 1881–1942                                                                      	Suite für Klarinette und Streichorchester op. 148a ·
„Geschichte in der Dämmerung“ aus „Die Mondscheingasse – Erzählungen“                         Andante sostenuto – Allegro

	Erwin Schulhoff 1894–1942                                                                  Joseph Roth 1894–1939
                Alla valse viennese (Molto allegro) aus „Fünf Stücke für Streichquartett“   „Hiob“ · Letztes Kapitel

Irmgard Keun 1905–1982                                                                      	Ernst Krenek
„Das kunstseidene Mädchen“ · Beginn                                                         	Suite für Klarinette und Streichorchester op. 148a · Andante – Vivace

                Erwin Schulhoff                                                             Joseph Roth
                Alla Serenata (Allegro con moto) aus „Fünf Stücke für Streichquartett“      „Hiob“ · Letztes Kapitel (Fortsetzung)




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Verbrannte bücher - Verfemte Komponisten
Verbrannte Bücher – Verfemte Musik                                Verbrannte Bücher – Verfemte Musik
                     1933 kamen die Nationalsozialisten in Deutschland an die         Gesinnung und bzw. oder ihre jüdische Herkunft. Am 9. Juni
                     Macht. Bereits im Mai und Juni dieses Jahres wurden in vielen    1941 veröffentlichte das Reichssicherheitshauptamt unter der
                     deutschen Städten in einer übergreifend geplanten studen-        Führung Heinrich Himmlers einen Erlass, nach dem „Druckschrif-
                     tischen „Aktion wider den undeutschen Geist“ öffentlich und      ten, die nicht in die Liste des schädlichen und unerwünschten
                     demonstrativ Bücherverbrennungen durchgeführt. Die Autoren       Schrifttums eingereicht worden sind“, verboten wurden. Betrof-        Gegen Klassen­
                     standen bereits im März 1933 auf einer im Auftrag des Propa-     fen waren hiervon weitere 300 Titel religiösen, philosophischen       kampf und
                     gandaministeriums erstellten „Schwarzen Liste“. Sie war die      oder metaphysischen Gedankenguts.                                     Materialismus,
                     in den Folgejahren noch erweiterte Grundlage für die Feme, die                                                                         für Volks­
          Bücher­    mit der Plünderung von Buchhandlungen und Bibliotheken, bald     Mit „Verbrannte Bücher – Verfemte Komponisten“ setzt Iris             gemeinschaft
verbrennung 1933     auch privater Sammlungen, begann und mit Exil und Tod vieler     Berben ihr Engagement wider das Vergessen und für den Dialog          und idealistische
                                                                   zeitgenössischer   fort: Die positive Resonanz auf die Produktionen „Das Tagebuch        Lebnshaltung
                                                                   Literaten,         der Anne Frank – Tagebücher von Joseph Goebbels“ (2002) und            (Feuerspruch)
                                                                   Komponisten        „Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier – Zeugnisse von
                                                                   und Künstler en-   Holocaust-Opfern“ (2004) ist noch nicht vergessen. Für beide
                                                                   dete. Doch auch    Projekte wurde Iris Berben mit Ehrungen bedacht.
                                                                   posthum wurden
                                                                   viele große Au-    Die hier ausgewählten Texte spiegeln nur in den seltensten Fäl-
                                                                   toren, Musiker     len den ernsten Hintergrund wider, wurden sie doch nicht we-
                                                                   und Maler, die     gen ihres direkten Bezugs zur politischen Situation vernichtet,
                                                                   das Bild eines     sondern generell wegen ihres „undeutschen Geistes“, dessen
                                                                   „Volkes der        genaue Kriterien im Dunkeln blieben. In jedem Falle wurden –
                                                                   Dichter und Den-   außer den ausnahmslos jüdischen Texten – alle Schriften darun-
                                                                   ker“ mitgeprägt    ter subsumiert, die weit entfernt von Idealisierung, Glorifizierung
                                                                   hatten, zum Tod    und Illusionierung standen, sondern die Szenen menschlichen
                                                                   des Vergessens     Lebens schildern, sei es in frappant drastischer oder ironischer,
                                                                   verurteilt.        wenn nicht gar sarkastischer und auch melancholischer Form.
                                                                                      So bietet sich für uns ein breites Spektrum an Schriften und
                     Und die Verfolgung wurde perfektioniert: Das Reichsministerium   Themen, die sich der Maßgabe entzogen, Volk verherrlichende
                     für Volksaufklärung und Propaganda gab ab 1935 in regelmä-       und Wunschbilder erzeugende Kunst zu schaffen, und stattdes-
                     ßigen Abständen eine Liste „schädlichen und unerwünschten        sen ganz nah am Leben bleiben – auch für den Leser von heute.
                     Schrifttums“ heraus: Sie umfasste am Ende 12.400 Titel und
                     das Gesamtwerk von 149 Autoren. Ihr „Vergehen“ war ihre          Im Zuge der „Gleichschaltungsmaßnahmen“ schlug dann
                     humanistisch-pazifistische, demokratische oder sozialistische    ebenso für die Musik und deren Komponisten die „Stunde der


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Verbrannte bücher - Verfemte Komponisten
Verbrannte Bücher – Verfemte Musik                                 „Der Soldat von La Ciotat“
                                                                                          „Der Soldat von La Ciotat“
                                                                                          von Bertolt Brecht
                        Wahrheit“. Sie wurden in mancher Hinsicht sogar noch mehr         Nach dem ersten Weltkrieg sahen wir in der kleinen südfranzö-
                        instrumentalisiert als das geschriebene Wort. „Die Sprache        sischen Hafenstadt La Ciotat auf einem öffentlichen Platz das
                        der Töne ist manchmal durchschlagender als die Sprache der        bronzene Standbild eines Soldaten der französischen Armee,
                        Worte“ heißt es unter Punkt 9 der „Zehn Grundsätze deutschen      um das sich die Menge sich drängte. Wir traten näher hinzu und
                        Musikschaffens“. Die deutsche Musik sollte die von Deutsch-       entdeckten, dass es ein lebender Mensch war, der da unbeweg-
                        land beanspruchte Vormachtstellung in der Welt kulturell          lich in erdbraunem Mantel, den Stahlhelm auf dem Kopf, ein
                        legitimieren. Und noch heute haftet vielen damals zu Propagan-    Bajonett im Arm, in der heißen Junisonne auf einem Steinsockel
                        dazwecken eingesetzten und gedeuteten Werken der Schatten         stand. Sein Gesicht und seine Hände waren mit einer Bronzefar-
                        der NS- Zeit an. Alle „rationale“, „unemotionale“ und jede Form   be angestrichen. Er bewegte keine Muskel, nicht einmal seine
                        moderner, zeitgenössischer Musik galt als „zersetzend“ und        Wimpern zuckten. Zu seinen Füßen an dem Sockel lehnte ein
       Vernichtung      „unerwünscht“ und fiel in die Kategorie der „entarteten Kunst“    Stück Pappe, auf dem folgender Text zu lesen war:
    des „Entarteten“    – der „verfemten“ Musik.                                                      „Der Statuenmensch
                                                                                                      Ich, Charles Louis Franchard, Soldat im Xten Regiment erwarb als Folge
                                                                                                      einer Verschüttung vor Verdun die ungewöhnliche Fähigkeit, vollkom-
                                                                                                      men unbeweglich zu verharren und mich beliebige Zeit lang wie eine
                                                                                                      Statue zu verhalten. Diese meine Kunst wurde von vielen Professoren
                                                                                                      geprüft und als eine unerklärliche Krankheit bezeichnet. Spenden Sie
                                                                                                      bitte einem Familienvater ohne Stellung eine kleine Gabe!“

                                                                                          Wir warfen eine Münze in den Teller, der neben dieser Tafel
                                                                                          stand und gingen kopfschüttelnd weiter.
                                                                                          Hier also, dachten wir, steht er, bis an die Zähne bewaffnet,
                                                                                          der unverwüstliche Soldat vieler Jahrtausende, er mit dem
                                                                                          Geschichte gemacht wurde, er der alle diese großen Taten der
                                                                                          Alexander, Cäsar, Napoleon ermöglichte, von denen wir in den
                                                                                          Schulbüchern lesen. Das ist er. Er zuckt nicht mit der Wimper.
                                                                                          Er besitzt die eben doch nicht so ungewöhnliche Fähigkeit, sich
                                                                                          nichts anmerken zu lassen, wenn alle erdenklichen Werk-
                                                                                          zeuge der Vernichtung an ihm ausprobiert werden. Wie ein
                                                                                          Stein, fühllos, sagt er, verharre er, wenn man ihn in den Tod


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Verbrannte bücher - Verfemte Komponisten
„Der Soldat von La Ciotat“                       Ein Gespräch mit Iris Berben
                       schicke. Durchlöchert von Lanzen der verschiedensten Zeitalter,
                       angefahren von Streitwagen, zertrampelt von den Elefanten des
                                                                                           Erinnerung und Mahnung zugleich
                       Hannibal und den Reitergeschwadern des Attila, zerschmettert
                       von Geschützen mehrerer Jahrhunderte, zerrissen von Gewehr-         Frau Berben, immer wieder setzen Sie sich in Vorträgen und
                       kugeln, steht er, unverwüstlich, immer von neuem, kommandiert       Lesungen mit der Geschichte des Dritten Reichs auseinander.
                       in vielerlei Sprachen, aber immer unwissend warum und wofür.        Ein Lebensthema?
                       Die Ländereien, die er eroberte, nahm er nicht in Besitz, so wie
                       der Maurer nicht das Haus bewohnt, das er gebaut hat. Noch          Iris Berben: Als ich vor 30 Jahren zum ersten Mal nach Israel
                       gehörte ihm etwa das Land, das er verteidigte. Nicht einmal         kam – die Fernsehbilder des Sechs-Tage-Kriegs im Kopf – war
                       seine Waffe oder seine Montur gehörte ihm. Aber er steht, über      das einer der ganz entscheidenden Momente in meinem Leben.
                       sich den Todesregen der Flugzeuge und das brennende Pech            Ich besuchte damals noch das Internat in St.-Peter-Ording, und
                       der Stadtmauern, unter sich Mine und Fallgrube, um sich Pest        es war für mich eine Konfrontation mit einem Land und einer
     1933 verbrannt    und Gelbkreuzgas, fleischerner Köcher für Wurfspieß und Pfeil,      Geschichte, von der ich so gar nichts wusste, die auch in meiner
       und verboten:   Zielpunkt, Tankmatsch, Gaskocher, vor sich den Feind und hinter     Schulzeit sehr ausgespart wurde. Damals nach dem Sechs-
      Bertolt Brecht   sich den General!                                                   Tage-Krieg herrschte eine ungeheure Euphorie diesem Land
                                                                                           gegenüber, weltweit gab es Zuspruch. Man spürte, dass es sich
                                            Unzählig Hände, die ihm das Wams               lohnen würde, dort etwas aufzubauen, dass dort eine Geschich-
                                            webten, den Harnisch klopften, die S­ tiefel   te vonstatten ging, an der man beteiligt sein sollte. Mit meinem
                                            schnitten! Unzählbare Taschen, die sich        ersten Besuch in Israel stellten sich mit plötzlich unendlich viele
                                            durch ihn füllten! Unermessliches Geschrei     unbeantwortete Fragen. Eigentlich sollte ich nur drei Wochen
                                            in allen Sprachen der Welt, das ihn an-        bleiben, aus denen dann drei Monate wurden, ich wollte das
                                            feuerte! Kein Gott, der ihn nicht segnete!     Land gar nicht mehr verlassen, das so unterschiedliche Eindrücke
                                            Ihn, der behaftet ist mit dem entsetzlichen    in mir hinterlassen hatte. Da waren zunächst einmal meine ganz
                                            Aussatz der Geduld, ausgehöhlt von der         großen Bedenken und meine Zurückhaltung, die Frage, wie man
                                            unheilbaren Krankheit der Unempfindlich-       als Deutsche dort auftreten würde, wie wird man sich verhalten,
                                            keit!                                          wie wird man aufgenommen? Daneben war die Faszination
                                                                                           dieses im Aufbau befindlichen Landes ungeheuerlich. Ich war
                                            Was für eine Verschüttung, dachten wir, ist    sehr jung und somit sehr empfänglich für alles Neue, eine
                                            das, der er diese Krankheit verdankt, diese    neue Sprache, eine andere Sicht auf die Dinge. Heute leben 96
                                            furchtbare, ungeheuerliche, so überaus         Nationen in Israel, aber schon damals faszinierte mich die Mi-
                                            ansteckende Krankheit?                         schung all dieser unterschiedlichen Menschen. Plötzlich konnte
                                            Sollte sie, fragten wir uns, nicht doch        ich mich dort in diesem Land und mit diesen Menschen meiner
                                            heilbar sein?                                  Geschichte stellen. Wir haben in Israel Gespräche geführt


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Verbrannte bücher - Verfemte Komponisten
Ein Gespräch mit Iris Berben                            Ein Gespräch mit Iris Berben
                     über die eigene Geschichte, die eigene Verantwortung dieser           als Schauspielerin oder öffentlicher Mensch. Ich war fast ein
                     Geschichte, die Herkunft. Paradox! Ich musste – quasi immer           Jahr mit der Lesung „Mama, was ist Auschwitz“ unterwegs.
                     noch aus dem Land der „Täter“ – in das Land der Opfer gehen,          Es ist heute wichtiger denn je, Farbe zu bekennen, denn das
                     um zum ersten Mal über diese Dinge sprechen zu können, in             Problem des Rechtsradikalismus ist ein sehr tiefgreifendes,
                     einen Dialog zu treten. Diese Eindrücke haben sich in mir festge-     das alle Gesellschaftsschichten berührt. Für mich ist es einfach
    „So ist in mir   saugt, mich nicht mehr losgelassen und mich in meiner Ansicht         unbegreiflich, dass man fast sieben Jahrzehnte nach Kriegsende
  eine Verantwor-    bestärkt, dass hier noch lange nichts in Ordnung ist. So ist in mir   seine Geschichte am liebsten verabschieden möchte, dass man
 tung gewachsen,     eine Verantwortung gewachsen, die ich ganz normal finde. Viel-        keinen Bezug mehr zu den Dingen hat, die auch schmerzhaft
      die ich ganz   leicht hat das auch mit meiner Erziehung zu tun, mit Offenheit,       waren. Das ist so ein kurzer Zeitraum, und wenn mir die Leute
     normal finde“   mit Reden und Hinterfragen, dass ich mich immer mehr diesem           heute sagen, sie haben keinen Bezug mehr dazu, dann muss
Iris Berben         Thema stellte, Erfahrungen suchte, die Verantwortung spürte.          man ihnen eine Hilfestellung geben. Wir sind ein wohlhabendes
                     Im Gegensatz zu den meisten Menschen habe ich auch immer              und aufgeklärtes Land, das alle Möglichkeiten und Chancen
                     noch ein Schuldgefühl. Ich bin nicht frei davon, obwohl ich 1950      hat. Also ist es doch nur ein Teil unserer gesellschaftlichen
                     geboren bin. Das hat damit nichts zu tun.                             Aufklärung – nicht, sich schuldig zu fühlen, sondern einfach um
                                                                                           die Dinge zu wissen. Das Leben ist nicht immer nur Vorteil oder
                                                                                           Amüsement, sondern auch Arbeit, Aufarbeiten, Sich-Einbringen.
                     Erfahrung und Wissen wurden also zu den wesentlichen                  Ich denke, dieses Thema ist ein Teil unserer Tagesordnung, ein
                     Grundlagen dessen, was Sie heute machen.                              Teil unseres Lebens und unserer Kultur.

                     Iris Berben: Ja, die ersten Lesungen, die meinerseits damals
                     noch sehr „leise“ waren, habe ich schon vor fast 30 Jahren            „Unsere Kultur“, das war ja immer auch ein Teil jüdische Kul-
                     gemacht. Ich hatte immer eine gewisse Scheu davor, dieses             tur, was in manchen Bereichen fast vergessen scheint. Sicher
                     Thema mit meinem Beruf zu verbinden, der soviel mit äußer-            ist das ein Teil der Thematik, die Sie in Ihrer aktuellen Lesung
                     lichen Dingen zu tun hat. Ich hatte Angst, dass man mir etwas         „Verbrannte Bücher – Verfemte Komponisten“ aufgreifen.
                     nehmen könnte, indem man das öffentlich macht, dass man es
                     als einen Trend oder eine Attitüde interpretiert. Aber ich wollte     Iris Berben: Absolut. Man muss sich bewusst machen, welche
                     Schritt für Schritt einen Weg finden zur Normalität – obwohl ich      Aktualität diese Texte auch heute – 78 Jahre nach der Bücher-
                     das Wort nicht mag. Normalität heißt abgehakt. Nein, ich wollte       verbrennung – noch haben. Geht es nur um das Erinnern, oder
                     die Tabuisierung vermindern, wollte, dass man in Deutschland          hat das Thema nicht auch sehr viel mit unserer Zeit zu tun? Es
                     offen und öffentlich über das Thema Judentum spricht. Somit           wurden ja nicht nur jüdische Dichter verbrannt, sondern auch
                     hatte ich mich entschlossen, meine Popularität pragmatisch            Künstler geächtet, die diesen „undeutschen Geist“ verbreitet
                     zu nutzen, auch wenn das Anliegen ein sehr privates ist,              haben. Eine schreckliche Formulierung, die uns heute aber auch
                     vielleicht mein privatestes als Bürger dieses Landes, nicht           nicht ganz fremd ist.


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Verbrannte bücher - Verfemte Komponisten
Ein Gespräch mit Iris Berben                            Ein Gespräch mit Iris Berben
     Was ist für Sie deutsch?                                              Wenn man die Auswahl der Texte betrachtet, fällt auf, dass
                                                                           diese sich nicht immer unmittelbar mit der Thematik des
     Iris Berben: Bei dieser Frage muss ich von meinem Jahrgang            Dritten Reichs auseinandersetzen. Vielmehr scheint eine be-
     und meinem gelebten Leben ausgehen. Natürlich ist deutsch für         stimmte Stimmung die literarischen Szenen auszuzeichnen …
     mich meine Geschichte. Das Dritte Reich ist Deutschland, aber
     Deutschland ist auch eine Nation, die wunderbare kulturelle           Iris Berben: Die Textauswahl enthält viele Facetten: zum
     Werte geschaffen hat. Deutsch ist für mich aber auch, gar keine       Beispiel einen Mann wie Bert Brecht, der seit Beginn der
     Leichtigkeit zu haben. Das hat nichts mit Spaßgesellschaft zu         Dreißiger Jahre auf der schwarzen Liste der Nazis stand und
                                          tun, sondern mit Lebens-         ihnen immer ein Dorn im Auge war. Am Anfang der Lesung
                                          leichtigkeit. In Deutschland     steht Karl Kraus. Seine Bücher wurden nicht verbrannt, er war
                                          hat alles etwas Schwe-           „nur“ unerwünscht. Aber dieser Einstieg, der sich gar nicht auf
                                          res, etwas so katholisch         die Thematik des Dritten Reichs, sondern auf das Scheitern des
                                          Gebücktes.                       Ersten Weltkriegs bezieht, scheint mir kraftvoll und weitsichtig.
                                                                           Der Abend soll auf ganz unterschiedliche Weise auch eine
                                                                           sarkastische und komische Komponente haben. Wenn man sich
                                         Leichtigkeit als Flexibilität?    in diese Thematik einarbeitet, wird einem erst bewusst, als
                                                                           wie groß die Nazis diese Gefahren eingeschätzt haben, diese
                                         Iris Berben: Ja, vielleicht ist   Bücher, ihre Ideale, die Menschen, den eigenen Alltag … Bei
                                         es das. Flexibilität, Lust auf    Tucholsky, ein Pazifist, der für die Nazis einfach unbequem war,
                                         Risiko, oder Unbekanntes,         dominieren seine sarkastische Ader, das Schräge, seine Komik.
                                         Unabgesichertes …                 Bei Irmgard Keun liegt die Kraft in der Sprache der Zwanziger
                                                                           Jahre, dann Stefan Zweig mit einem erotischen Text. Das alles
     … das Risiko, sich auf Geschichte einzulassen …                       waren Begriffe, vor denen das NS-Regime Angst hatte: der
                                                                           Erotik willen, des Gefühls wegen, das passte nicht in ihr Bild.
     Iris Berben: … und sich selbst auszuhalten. Risiko beinhaltet         Uns war wichtig, all diese unterschiedlichen Ebenen zu zeigen,
     auch Veränderungen, aber wichtig ist, das Rückgrat zu haben …         die man als Bedrohung empfunden hat: Erotik, Sozialkritik,
                                                                           Zynismus und Sarkasmus.
     Es waren nicht nur politische Texte, die damals vernichtet
     wurden, das versuche ich in der Auswahl für diese Lesung              Ich denke auch, dass man im Grunde erst jetzt anfängt, wirklich
     widerzuspiegeln. Nehmen Sie beispielsweise den Text von               aufzuarbeiten. Aufarbeitung ist immer ein Prozess, und wir
     Irmgard Keun, in dem sie sich mit dem Slang und der Sprache           versuchen, Akzente zu setzen. Ich trage immer die Vorstellung
     der Zwanziger Jahre gegen jede bürgerliche Moral stellt. Und          in mir, dass das ganze eine große Wunde war, die ausheilen
     damit den Idealen der Nazis widersprach.                              musste. Dann hat sich eine Kruste gebildet, und diese scheint


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Ein Gespräch mit Iris Berben                         Ein Gespräch mit Iris Berben
     sich jetzt ein bisschen zu lösen. Über die Wundheilung entsteht    Ein wesentlicher Aspekt, der meiner Meinung nach auch zu
     auch eine gewisse Distanz, die dazu führt, vieles besser benen-    dieser Thematik gehört, ist sicher so etwas wie das „Leiden
     nen zu können und in die heutige Zeit hineinzutransportieren. Es   der Kunst“ an ihrer Geschichte. Auf der einen Seite die
     braucht einfach mehrere Generationen, weil jede nachfolgende       Vergessenheit, auf der anderen Seite der Missbrauch, der ja
     Generation sich einen anderen Zugang erschließt. Die Kruste        auch in der Musik manche Komponisten bis heute belastet.
     löst sich, und dadurch gewinnt man Möglichkeiten, auf ganz         Muss neben der Befreiung aus der Vergessenheit nicht auch
     unterschiedliche Art und Weise mit dem Thema umzugehen             die Befreiung von den Schatten des Missbrauchs stehen?
     und zu arbeiten. Jeder muss für sich einen Weg suchen, den er
     selbst begreifen und vermitteln kann.                              Das wäre das Schönste, was man erreichen könnte.



     Also ist dieser Abend für Sie nicht nur ein historisches,          Kann Kunst überhaupt rassistisch sein?
     sondern auch ein aktuelles Thema?
                                                                        Ich denke, dass man sie als Transportmittel, als Medium
     Iris Berben: Auch heute sind viele unterschwellige Facetten        benutzen kann – aus jeder Richtung, aus der man sie benutzen
     wahrnehmbar, und es ist wichtig, dass man diese sehr früh          möchte. Kunst bietet immer die Möglichkeit der Verbindung, ob
     erkennt und darüber nachdenkt: die Politikmüdigkeit der Men-       man zerstört oder hinterfragt. Das ist in der Musik besonders      „Kunst ist eine
     schen, die sie dann wieder zu den Rattenfängern treibt. Oder die   stark zu spüren. Musik ist durch ihre unmittelbare Emotionalität    große Kraft, Leute
     Zweifel an der Demokratie … das alles sind Indizien dafür, dass    ein ganz starkes Bindeglied, das Menschen unterschiedlichster       zu vereinen und
     immer eine Gefahr besteht, und wir mit unserer Arbeit nicht nur    Herkunft und Bildung anrührt. Bücher hingegen setzen eine           etwas zu bewirken“
     eine Erinnerungstour machen. Warum macht man einen solchen         gewisse Form kultureller Erziehung voraus. Man kann Kunst
     Abend? Will man sich nur erinnern? Natürlich, das möchte ich       benutzen, für Positives ebenso wie für Negatives. Auch wir         Iris Berben
     auch, aber es geht auch darum, festzustellen, dass wir auch        benutzen Kunst, um zu verbinden, zu öffnen, zu analysieren und
     heute in einer Zeit leben, in der Diskussionen von Überfrem-       anzustoßen. Das ist das positivste, was Kunst erreichen kann.
     dung, von „Nicht-deutsch-genug-sein“ geführt werden. All das       Aber Kunst wird niemals rassistisch sein können. In der Kunst
     sind Parallelen, die Kunst und Literatur widerspiegeln können.     gibt es keinen Fremdenhass, keinen Rassismus. Kunst ist eine
     So ist diese Lesung auch ein aktueller Beitrag, unser heutiges     große Kraft, Leute zu vereinen und etwas zu bewirken.
     Leben wahrzunehmen, aufzuzeigen, wie Dinge be- und verurteilt
     werden. Der Abend ist Erinnern und Mahnen zugleich.
                                                                        Dann ist Kunst auch die größte Chance?

                                                                        Ja! Und das ist auch der Sinn dieses Abends.




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Biographie             Biographie

     Iris Berben
     Ihre Schullaufbahn war weder geradlinig noch von Erfolg              die Serie „Sketchup“ zu einem regelrechten TV-Highlight und für
     gekrönt – ganz anders dagegen ihr Weg als Schauspielerin.            Iris Berben – diesmal an der Seite von Diether Krebs – zu einer
     Während sie als Schülerin aneckte, als vorlaut galt und ohne         weiteren Gelegenheit, ihr Comedy-Talent unter Beweis zu stel-       „In dieser Zeit, in
     das angestrebte Abitur die Schule verlassen musste, machte sie       len. Zum absoluten Publikumsliebling avanciert sie schließlich in    der sich Anzei-
     früh vor der Kamera auf sich aufmerksam: Schon als 18-Jährige        „Die Guldenburgs“. Die Familiensaga aus Adelskreisen gehört          chen von Rechts-
                                            spielt Iris Berben in Kurz-   bis heute zu den erfolgreichsten deutschen Fernsehserien und         radikalismus
                                            filmen der Hamburger          hielt die Zuschauer zwischen 1986 und 1990 in Atem. Während          mehren, muss
                                            Kunsthochschule, die bei      Iris Berben gemeinsam mit Sohn Oliver und dem Regisseur Carlo        dieses Thema
                                            den renommierten Ober-        Rola in den 1990er Jahren ihre inzwischen wohl bekannteste           im Bewusstsein
                                            hausener Kurzfilmtagen        Figur entwickelt, die Kommissarin Rosa Roth der gleichnamigen        der Öffentlichkeit
                                            präsentiert werden. Bald      ZDF-Krimireihe, spielt sie außerdem in zahlreichen großen Kino-      erhalten bleiben.
                                            darauf dreht sie unter        und Fernsehfilmen. Mit Filmen wie „Ein mörderischer Plan“            Denn jeder Tag,
                                            der Regie von Rudolf          (2000), „Fahr zur Hölle, Schwester“ und „Wer liebt hat Recht“        der vergeht,
                                            Thome ihren ersten Ki-        (beide 2001) bestätigt sie ihren Ruf als eine der profiliertesten    vernichtet die
                                            nofilm „Detektive“. Nur       und vielseitigsten deutschen Schauspielerinnen. Die starke           Zeugnisse der
                                            ein Jahr später hat sie       Kämpferin wie 2004 in „Die Patriarchin“ oder 2007 in „Afrika,       Vergangenheit.“
                                            1969 in Klaus Lemkes          mon amour“ stellt sie ebenso überzeugend dar wie die verletzte      Iris Berben
                                            „Brandstifter“ ihr            Ehefrau in „Silberhochzeit“ (2005) oder die schöne, jedoch stän-
                                            Fernsehdebüt. Ihre erste      dig alkoholisierte Verliererin in „Die Mauer“ (2006). Und immer
                                            große Popularitätsetap-       noch steht ihr Gesicht auch für eine der beliebtesten deutschen
                                            pe gewinnt Iris Berben        Fernsehkommissarinnen: Rosa Roth. Iris Berben versteht in allen
                                            Mitte der 1970er Jahre        Rollen zu begeistern, und ihre schauspielerische Leistung wird
                                            mit ihren Auftritten          nicht nur durch hohe Einschaltquoten belohnt, sondern auch
                                            als Chantal in Michael        durch zahlreiche Auszeichnungen wie Bambi, Goldene Kamera
                                            Pfleghars Serie „Zwei         oder Romy, mit denen sie zum Teil sogar mehrfach geehrt wird.
                                            himmlische Töchter“.          Für ihr politisches Engagement gegen das Vergessen, gegen
                                            Nach zahlreichen Rollen       Antisemitismus und für Toleranz erhält sie u.a. das Bundesver-
                                            für Kino und Fernsehen        dienstkreuz und wird vom Zentralrat der Juden Deutschlands
                                            entwickelt sich 1985/86       mit dem Leo-Baeck-Preis ausgezeichnet.




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Biographie             Biographie
Südwestdeutsches Kammerorchester Pforzheim                                                und CDs eingespielt. Auch heute arbeitet es mit international
                                                                                          bekannten Solisten wie Mischa Maisky, Cyprien Katsaris, Nigel
                     Ein frischer und packender musikalischer Zugriff und stilistische    Kennedy, Michala Petri oder Frank Peter Zimmermann zusam-
                     Vielfalt von der Alten bis zur Neuen Musik sind die Erkennungs-      men und war mit ihnen in ganz Europa (Festival Prager Frühling,
                     zeichen des Südwestdeutschen Kammerorchesters Pforzheim.             Schleswig-Holstein-Musikfestival, Schwetzinger Festspiele,
                     Das mit vierzehn Musikern aus sieben Nationen besetzte En-           Flandern-Festival, Festival Euro Mediterraneo Rom, OsterKlang
                     semble ist eines der ganz wenigen Full-time-Kammerorchester,         Wien), in den USA und Japan zu Gast.
                     so dass eine außergewöhnliche Homogenität und Flexibilität
                     des Klangbildes möglich wird.

                     Gegründet wurde das Orchester 1950 von dem Hindemith-                Achim Fiedler                                                     Am Pult
                                                                                                                                                            inter­nationaler
                     Schüler Friedrich Tilegant. Rasch fand das Ensemble inter-           Achim Fiedler studierte Violine in Köln bei Saschko Gawriloff     ­Orchester täig:
                     nationale Anerkennung und war bald bei den Festspielen in            und an der Guildhall School London sowie Dirigieren in Mailand    Achim Fiedler
    Ensemble der     Salzburg, Luzern und Leipzig und auf weltweiten Konzertreisen        und Stuttgart. Er besuchte Meisterkurse
Extra Klasse: Süd-   mit musikalischen Größen wie Maurice André, Dietrich Fischer-        u.a. bei Seiji Ozawa, absolvierte Assi-
  westdeutsches      Dieskau, Frans Brüggen und Yehudi Menuhin zu hören. Nach             stenzen bei Bernard Haitink und Carlo
Kammerorchester      dem allzu frühen Tod des Gründers 1968 wurde das Orchester           Maria Giulini und wurde schließlich in
        Pforzheim    vor allem durch den Wiener Paul Angerer und den aus der              das Dirigentenforum des Deutschen
                                                               großen tschechi-           Musikrates aufgenommen. Besondere
                                                               schen Musiktradition       Anerkennungen seiner künstlerischen
                                                               stammenden Vladislav       Arbeit sind die Auszeichnung mit dem
                                                               Czarnecki geprägt.         Herbert-von-Karajan-­Stipendium und
                                                               Seit 2002 wirkt Se-        Preise bei verschiedenen internationalen
                                                               bastian Tewinkel als       Dirigentenwettbewerben. Seit 1998
                                                               Künstlerischer Leiter      wirkt Achim Fiedler als Künstlerischer
                                                               und hat Klang, Stilistik   Leiter der Festival Strings Lucerne und
                                                               und Programmatik die-      seit 2006 als Chefdirigent des Folkwang-
                                                               ses traditionsreichen      Kammerorchesters Essen. Daneben ist
                                                               Ensembles stetig           er Gast am Pult renommierter Orchester
                                                               weiterentwickelt.          im In- und Ausland und dirigierte u.a. die
                                                                                          Staatskapelle Dresden, das Konzert-
                     Auf seinem Erfolgsweg hat das Südwestdeutsche Kammer-                hausorchester Berlin und den Wiener
                     orchester neben Rundfunkaufnahmen rund 250 Schallplatten             Concert Verein.


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Biographie
                             „Hier vollzieht sich Politik. Und hier
                             ereignet sich Geschichte. Die Flam-
                             men dieser politischen Brandstiftung
                             würden sich nicht löschen lassen. Sie
                             würden weiterzüngeln, um sich fres-
                             sen, auflodern und Deutschland, wenn
                             nicht ganz Europa, in verbrannte Erde
                             verwandeln.“               Erich Kästner
                                                    am 10. Mai 1958
                                auf dem PEN-Kongress in Hamburg




      Impressum
         Herausgeber
Carpe artem GmbH,
          München
           Redaktion
   Verlag Piribauer
  GesbR, Ottendorf
    a.d. Rittschein
       Gesamtherstellung
     dm druckmedien
      gmbh München
       Copyright Titelfoto
         www.harald
       hoffmann.com



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