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INFOMAIL
1 / 2019
Thema: Das Schöpferische
Was ist eigentlich Kreativität?
Es kommt darauf an, wann man fragt
bzw. gefragt hätte. Schrieb man im
Mittelalter allein Gott die Fähigkeit zur
kreativen Schöpfung zu, gewisserma-
ßen als ein Erschaffen aus dem Nichts
– creatio ex nihilo – wurden in den spä-
teren Epochen der Neuzeit Künstler als
gottähnliche Schöpfer betrachtet und
im Geniekult verehrt. Erfindungen aus
Naturwissenschaft und Technik galten
hingegen nicht als schöpferisch, weil sie
rational aus der Natur erschlossen wer-
den und eben nicht aus dem Nichts ein-
fallen wie eine göttliche Eingebung.
Heute heißt es „Jeder ist kreativ“. Auch
sind technische Ideen wichtiger als Kunst,
weil dort handfeste Probleme gelöst und
die Grundlagen für neue Produkte ge-
schaffen werden. Kreatives Denken gilt
als planbarer Prozess, der sich managen
lässt, als Handwerkszeug, das man erler-
nen kann, mit klar definierten Zielen, Auf-
gaben und Ablaufs-Regeln. Mit den rich-
tigen Kreativitätstechniken lassen sich
Aus der Installation: „Knüll, Rächer der Ideen fast wie auf Knopfdruck produzieren.
verworfenen Entwürfe“ Verschwunden ist das „ex nihilo – aus
INNCH Infomail 2019 Seite 1dem Nichts“. Sofern dieses Nichts ein uner- Der Chemiker Albert Hofmann, u.a. Erfin-
klärliches Mysterium war, ist es auch nicht der des LSD, beschreibt seine kreativen
wirklich schade um sein Verschwinden. Vorhaben als gar nicht auf Erfolg angelegt,
also quasi pro nihilo: für nichts. Er sei bei
„Der Kopf ist rund, damit die Gedanken seinen Experimenten immer eher zufällig
die Richtung ändern können.“ (Francis Pi- auf Interessantes gestoßen, das sich dann
cabia, Maler und Schriftsteller). als Grundlage für eine Erfindung regelrecht
angeboten habe. Von anderen Erfindern er-
Werden die Probleme und Aufgaben jedoch zählt man sich, dass sie ihre Idee geträumt
so klar definiert wie im heutigen Verständnis haben, z.B. Charles Weisenthal, Erfinder der
von Kreativität in der Produktentwicklung – Nähmaschinen-Nadel mit dem Nadelöhr an
z.B. als Liste von technischen Anforderungen der Spitze. Manche Erfindungen benötig-
oder Bedürfnissen und Barrieren von Konsu- ten Jahre obsessiven Arbeitens. Edison soll
menten – wird die Freiheit der Schöpfung be- nach der langwierigen Erfindung einer funk-
reits eingeschränkt. Legt man auch den Weg tionstüchtigen Glühbirne gesagt haben: „Ich
und die Werkzeuge fest, hat man den kreati- bin nicht gescheitert. Ich kenne jetzt 1000
ven Denkprozess noch mehr eingehegt. Als Wege, wie es nicht funktioniert“.
wenig zielführend gilt das Suchen im Vagen,
das Irren und produktive Scheitern. Visionä- Die Designforschung spricht von verzwick-
res Tagträumen, fantastische Einbildungskraft ten Problemen („wicked problems“), die eine
oder der Zufall spielen kaum eine Rolle. Designerin zu lösen hat, weil man nicht auf
ein Ziel hin planen kann, da das Ziel etwas
Neues sein soll und daher noch unbekannt
ist. Das Problem, das es zu lösen gilt, lässt
sich auch nicht so klar definieren wie es das
moderne Kreativitätsmanagement nahelegt,
weil oft eine gute Lösung erst dadurch ent-
steht, dass man das Problem anders definiert
oder auf den wirklich interessanten Knack-
punkt – wie Albert Hofmann – zufällig stößt.
Der Kopf ist zwar immer noch rund,
aber echte Richtungsänderungen
sind nicht mehr vorgesehen.
Nur die Künstlerin kann sich ein solches
Vorgehen noch leisten, denn sie steht
nicht unter dem Erfolgsdruck, markt-
taugliche Produkte zu entwickeln, und
das möglichst schnell, bevor die Kon-
kurrenz sie auf den Markt bringt.
Unterwegs mit einem Begleitgeländer
INNCH Infomail 2019 Seite 2Künstlerisches Schöpfen versus Ideensprint
Moderne Ideenentwicklung in Unternehmen
Im Sinne des heutigen Verständnisses von
Kreativität macht z.B. die Methode Design
Thinking alles richtig: Jeder kann mitmachen
– auf schräge Erfinder und irre Künstler ist
man nicht mehr angewiesen. Die Teams sind
interdisziplinär. Die Teammitglieder erhalten
ein Gefühl für die Bedürfnisse und Sorgen
ihrer Kunden. Man sprintet – unter Zuhilfe-
nahme eines Timetimers, um den Prozess
zu beschleunigen – von Schritt zu Schritt und
manchmal iterativ auch nochmal zurück. Ide-
en werden mithilfe von Kreativitätstechniken
in Mengen – fast wie am Fließband – gene-
riert, Skizzen und Prototypen erstellt und am Im Design Thinking wird gerne mit vielen
Kunden schon im Rohzustand getestet, um Post-its gearbeitet
keine Zeit mit einer wenig erfolgversprechen-
den Idee zu verplempern. Glaubt man daran, während des Entwicklungsprozesses ein,
dass sich Kreativität in einem solchen Set- weil man möglichst schnell zu umsetzbaren
ting genug entfaltet, wird hier eine enorme Ergebnissen kommen muss. Die besonders
Produktivitätssteigerung bei der Entwicklung ungewöhnlichen – und im Rohzustand oft
Konsumenten-orientierter Ideen erreicht. noch unverständlichen und daher unattrak-
tiven – Ideen werden i.d.R. spätestens beim
Andererseits bleibt wenig Zeit und ersten Konsumententest aussortiert – hässli-
Freiraum für … che Entlein gehören geschreddert, und man
wird nie erfahren, ob je ein schöner Schwan
• genaues Analysieren der Probleme oder
daraus geworden wäre.
Kundenbedürfnisse
• tiefes Eintauchen in die Aufgabe, Vorstel- Kunst als Inspiration für kreatives Denken
lungen schweifen lassen, um Analogien Nun handelt es sich hierbei nur um eine Art,
zu finden oder gar Warten auf den Zufall Kreativität zu verstehen. Es gibt sicherlich
• Pflegen von Irrtümern als Chance, und mehr Wege, die nach Rom führen – und was
Scheitern als schöpferische Zerstörung, liegt näher, als sich die Wege der Menschen
die zu ganz neuen Einsichten führen kann anzusehen, die bereits in Rom angekommen
sind? Das sind nun mal (leider) die schrä-
• produktive Umwege durch das ausgie- gen Erfinder und irren Künstler. Besonders
bige Weiterverfolgen ungewöhnlicher Künstler (Poesie, Musik, bildende Kunst
Ideenansätze – z.B. die Entwicklung einer etc.) bieten eine vielschichtige Wegbe-
Getränkeflasche ohne Flasche schreibung für ungewöhnliche Erneue-
• kreatives Lösen von Problemen, die sich rungen, weil sie im Zuge der Moderne und
erst durch ungewöhnliche Ideenansätze er- zeitgenössischen Kunstentwicklung mehr-
geben, um dann am Ende eine ungewöhn- mals das gesamte Verständnis davon, was
liche und dennoch funktionierende Idee zu Kunst überhaupt ist, schöpferisch zerstört
haben (z.B. Konsument bringt die Flasche und neu erfunden haben. Auch wenn in den
mit und bekommt Getränk abgefüllt) Künsten selten Lösungen für attraktive neue
Produkte entwickelt werden – weil das gar
Die “Innovations-Schwerkraft” (Arno Dirlewan- nicht ihr Sinn ist – können die Künste durchaus
ger), mit der die Ideen von Schritt zu Schritt als Blaupause bzw. Probehandeln für andere
gewöhnlicher werden, stellt sich oft schon kreative Prozesse dienen.
INNCH Infomail 2019 Seite 3Hier wäre zunächst zu fragen, was denn dann tuell anspricht und in eine Auseinanderset- der Sinn von Kunst ist? Mit der Frage haben zung mit dem jeweiligen Thema verwickelt. sich schon viele Generationen von Philoso- Georg W. Bertram spricht von einer „reflexi- phen, Soziologen, Psychologen etc. auseinan- ven Praxis“: Kunstwerke sind als konkrete dergesetzt, so dass diese Frage hier nur sehr Gestaltungen – Bilder, Musik, Geschichten verkürzt behandelt werden kann. Der Philosoph etc. – ein Denken mit dem Körper, mit allen Georg W. Bertram schreibt dazu: „Kunstwerke Sinnen, Empfindungen und Vorstellungen. ringen um ihr Gelingen als Gegenstände, die für eine Auseinandersetzung wertvoll sind.“ In „One Minute Sculpture“ von Erwin Wurm Kunstwerken werden menschliche, kulturelle oder auch alltägliche Themen behandelt, die einen anderen Blick auf diese Themen provo- zieren und so zum Nachdenken über deren Bedeutung anregen. Als z.B. der syrische Künst- ler Manaf Halbouni mehrere Omnibusse als Schutzwall in Dresden vor der Frauenkirche hochkant aufstellte, so wie sie im syrischen Krieg zum Schutz aufgestellt werden, brachte er den Krieg selbst ein Stück weit symbolisch nach Dresden. Er irritierte damit die Dresdener Bevölkerung so sehr, dass eine kontroverse Diskussion provoziert wurde. „Man kann dem Künstler und Dresden nur dankbar sein für dieses Monument. Sogar Kriminelle und ungebildete Intensivtäter er- muntert es, sich mit dem Werk auseinander- zusetzen …“ (Holger Schmidt, Initiative: Dres- den offen und tolerant). Kunst wird also nicht aus dem Nichts geschaf- fen – ex nihilo – sondern bezieht sich immer auf Besonders die zeitgenössische Kunst stellt menschliche Erfahrungen im Leben. Sie legt sich den Konsumenten – in diesem Fall Rezipi- aber nicht auf bestimmte Themen fest, sondern enten – in den Mittelpunkt. schöpft aus der gesamten Lebenswirklichkeit, Da Kunstwerke neue Sichtweisen von Bedeu- aber auch aus der Historie, dem Unbewussten, tungen anstoßen wollen, müssen Künstler im- dem fantastisch Visionären oder unerklärlich mer den Kunstbetrachter, Zuhörer oder Leser Mysteriösen und bringt verschiedene Themen mitdenken. In vielen Fällen entsteht das Werk zusammen. erst durch Partizipation der Rezipientinnen, Im Unterschied zu Abhandlungen, Kommenta- indem z.B. die Bedeutung relativ offen bleibt ren oder wissenschaftlichen Texten zu einem und das Werk nur dazu auffordert, eine eigene Thema übermittelt Kunst die Bedeutung jedoch Sichtweise zum Thema zu finden. In anderen über das Erleben. Sie schafft ein intuitives Ver- Fällen ist der Rezipient sogar Mitproduzent, stehen, das nicht an der Oberfläche des rationa- z.B. wenn Erwin Wurm in seinen „One Minu- len Denkens bleibt. Kunst bewegt und berührt, te Sculptures“ Requisiten zur Verfügung stellt indem sie Menschen mit allen Sinnen, körper- und dazu anleitet, selbst zu einer Skulptur zu lich, emotional, symbolisch aber auch intellek- werden. INNCH Infomail 2019 Seite 4
Heute kann man aus allem Kunst
machen und das wird auch gemacht.
Längst werden Kunstwerke auch pro-
grammiert, sind mediale Mixe aus
Filmprojektionen, Sound, Skulptur
oder Theaterperformance. Der Künst-
ler Eduardo Kac löste mit einem gen-
technisch veränderten, in blauem Licht
neon-grün leuchtenden Kaninchen
einen weltweiten Medienwirbel aus.
„Mit Essen spielt man nicht“ gilt nicht
für Künstler. Abfall und Schrott entfaltet
schon lange seinen Charme in Kunst-
werken. Christo verpackt ganze Ge-
Performance von Marina Abramovic bäude wie den deutschen Reichstag.
Oder Marina Abramovic, die in ihrer Perfor- Tomás Saraceno beschäftigt sich mit Netzstruktu-
mance den Besuchern anbot, sich einfach ren aller Art und stellt dazu auch lebendige Spinnen
– solange sie es aushielten – ihr gegenüber in ihren Netzen aus. Der russische Aktionskünstler
auf einen Stuhl zu setzen, während sie Pjotr Pawlenski nähte sich als politische Protestak-
stumm und regungslos blieb, was bei den tion den eigenen Mund zu. Schon 1917 stellte Mar-
Besuchern nicht selten dazu führte, irgend- cel Duchamp ein handelsübliches Klo im Kunstmu-
wann in Tränen auszubrechen. seum aus, erklärte es zur Kunst und nannte diese
neue Kunstrichtung „ready made“. Während im
Man kann also auch nicht wirklich von „für komplett grauen „Collector’s Room“ von Hans Op
Nichts – pro nihilo“ sprechen. Im Unterschied de Beeck die Besucher selbst zum farbigen Aus-
zur Produktentwicklung stehen eben nur stellungsstück werden, verwandeln sie sich im von
nicht die Verkaufszahlen im Vordergrund, Ólafur Elíassons geschaffenen „Room for one co-
sondern die unmittelbare Wirkung auf den lour“ in einfarbige Wesen, indem sie mit Natrium-
Rezipienten und das Ziel, eine möglichst ge- dampflicht angestrahlt werden. In der Komposition
haltvolle Auseinandersetzung zu erzeugen. 4′33″ von John Cage schließt der Pianist den Kla-
Der Sinn der Künste liegt damit nicht vierdeckel, um ihn nach 4 Minuten und 33 Sekunden
so weit weg von dem anderer kreativer wieder zu öffnen, ohne dass ein einziger Ton zu hö-
Prozesse z.B. zur Produktentwicklung. ren war, während Gregor Schneider ein Fenster ver-
Daher lohnt sich zunächst ein Blick auf schwinden ließ: Gewissermaßen Musik ohne Musik
die besonderen Eigenarten des künstleri- und Kunstwerk ohne Kunstwerk. Hier zeigt sich eine
schen Schaffensprozesses. direkte Parallele zur Flasche ohne Flasche.
Künstlerischer Schaffensprozess „Collector´s Room“ von Hans Op de Beek
Die Künstlerin muss etwas wagen und
bereit sein zum Scheitern, denn je kon-
troverser über das Werk unter den Rezi-
pienten und Kunstkritikern gestritten wird,
desto besser. Je mehr der Künstler wagt,
desto größer aber auch die Gefahr, dass
Rezipienten nur irritiert und nicht involviert
werden, oder einfach nur mit der Schulter
zucken und sich empört abwenden: „Das
ist doch keine Kunst!“. Kunst balanciert
also oft eng an der Grenze zum Schei-
tern oder scheitert tatsächlich.
No risc, no art.
INNCH Infomail 2019 Seite 5Die Vielfältigkeit der Künste zeigt nicht Hier lässt sich als Rezipient quasi modellhaft durch-
nur, dass hier weit über den Tellerrand leben und neu verhandeln, was im Alltag ignoriert
geblickt wird. Es ist fraglich, ob es über- oder verdrängt wird, weil für solche Verwicklungen
haupt noch einen Teller gibt. und ein solches Nachdenken über die Welt und das
Leben sonst meist keine Zeit und Muße ist.
Dabei zeigen die meisten Künstler nicht nur eine
ausgesprochen leidenschaftliche Experimentierfreu-
de und die Fähigkeit, tief in ein Thema einzutauchen
und das Gegebene schöpferisch zu zerstören, um
ganz neu anzusetzen. Sie besitzen auch ein enor-
mes Durchhaltevermögen, ihre Ideen immer weiter
zu treiben und zu verdichten, Sackgassen wieder
in Verwandlung zu bringen und Irrtümer und Schei-
tern nicht nur als Herausforderung zu begreifen,
sondern als große Chance einen neuen Blick auf
die Welt zu erhalten.
Feste Methoden für die Ideenentwicklung oder Ver-
fahren wie Kreativitätstechniken wären hier nur hin-
derlich, denn gerade die Entscheidung für ein ganz
anderes Vorgehen ist hier oft zielführend. Richtet
man sein Handeln nach den verfügbaren Verfahren
aus – z.B. Leinwände bemalt man mit Pinsel und Far-
be und hängt sie dann an die Wand – können keine
Ideen entstehen, die über die Regeln des Verfahrens
hinausgehen, z.B. Karton oder alte Socken auf die
Leinwand kleben, die Leinwand zerschneiden wie es
Fantasie- Zeichnung Lucio Fontana getan hat, oder Bilder als Accessoires
zum kunstbeflissenen Flanieren benutzen.
In hochexperimentellen Prozessen werden
Dinge zusammengebracht, die nicht zu-
sammengehören, Widersprüche heraus-
gestellt und noch einmal gegeneinander
gedreht, harmlose Selbstverständlichkeiten
zu brisanten Ereignissen verfremdet oder
auf den Kopf gestellt. Irritationen rütteln
Gewissheiten durcheinander. Ordnungen
und Wahrheiten werden brüchig, gewohnte
Strukturen ins Absurde verrückt.
Aus der Performance: „façon avant-gardiste des
Lustwandelns“, kunstbeflissenes Flanieren
INNCH Infomail 2019 Seite 6Was lässt sich nun daraus für die Ideen-Entwicklung lernen?
Produktentwicklung ist darauf ausgerichtet, er- Noch näher an die künstlerische Vorge-
folgreiche Produkte möglichst effizient auf den hensweise kommt man, wenn man sich
Markt zu bringen. Es macht also keinen Sinn, auch die „reflexive Praxis“ zu eigen macht
es den Künsten exakt gleich zu tun. Wie lassen und gestalterisch-sinnliche Verfahren ein-
sich die nötigen Anforderungen der Produktent- setzt. Solche künstlerischen Forschungs-
wicklung jedoch mehr mit der künstlerischen verfahren können dabei helfen, den Bedeu-
Schöpfungsweise verbinden, um einen optima- tungen deutlicher auf die Spur zu kommen.
len Ideenentwicklungsprozess zu erreichen? Sie bieten dem Befragten eine Bühne, auf
Was aus der künstlerischen Vorgehensweise der er sich mit allen Sinnen, körperlich,
lässt sich übertragen? emotional und symbolisch ausdrücken
kann. Er kann Intuitives leichter in Szene
Künstlerische Sicht auf die Welt und den setzen, das sich in Worten nur schwer oder
Markt gar nicht ausdrücken lässt. Im Prinzip kann
Auch bei Produkten geht es oft viel mehr um man hier mit allen Materialien, Medien und
ihre oft vielschichtigen und manchmal wider- Praktiken arbeiten, mit denen auch in der
streitenden Bedeutungen für den Menschen Kunst gearbeitet wird:
als um rein praktischen Nutzen. So kauft man • zeichnen, malen und modellieren von z.B.
sich z.B. ein Produkt einer bestimmten Marke, Erinnerungs- oder Vorstellungsbildern der
weil diese mit einem bestimmten Lebensgefühl Befragten, oder die Befragten werden ge-
einhergeht, oder einer Erinnerung. Menschen beten, symbolische „ready mades“ zum
kaufen ein Image, mit dem sie sich selbst aus- Thema mitzubringen
statten oder aufwerten, und manchmal ist es ih- • ein Objekt konstruieren, mit dem man z.B.
nen gleichzeitig peinlich. Ein Produkt bedeutet die Sorgen verschwinden lassen kann
Seriosität, Tradition Verwegenheit, Freiheit oder
Modernität, während ein anderes für mehreres • eine Performance z.B. zu einem Dienst-
zugleich steht. Mit dem Kauf und der Nutzung leistungsprozess entwickeln
des Produktes ordnet man sich selbst einer • den Klang von Gefühlen, die man bei einer
Sinn- oder Wertehaltung zu. Sich am Menschen bestimmten Produktverwendung hat, als
auszurichten, bedeutet für den Künstler – und Sound entwickeln
den künstlerisch denkenden Ideenentwick- • eine Science-Fiction Geschichte zu Zu-
ler, sich auf diese Bedeutungen einzulassen, kunftsvisionen oder -ängsten erfinden
scheinbare Gewissheiten zu hinterfragen, einen
Blick für das Seltsame im Denken und Handeln • etc.
der Menschen zu entwickeln und über die Welt
und das Leben zu reflektieren. Installation „Stehplätze“: Festhaltestelle, Eckstehplatz
Künstlerisches Denken in der
Forschung
Schon bei der Fragetechnik z.B. bei
Interviews mit Konsumenten in der
Marktforschung kann man künstlerische
Denkweisen einbeziehen: Selbstver-
ständlichkeiten nicht selbstverständlich
nehmen, Widersprüche herausstellen,
an Gewissheiten rütteln, um die sozial
erwünschten Antworten und gelernten
Wahrheiten aufzubrechen und die tat-
sächlich relevanten Bedeutungen – Be-
dürfnisse oder Sorgen – aufzudecken,
die nicht nur vorgeschoben sind.
INNCH Infomail 2019 Seite 7Bewährte Methoden in der Forschung müs- ßerdem viel weitreichendere Ideenansätze.
sen dafür nicht über den Haufen geschmissen Man könnte z.B. anstelle der Verbesserung
werden. Es macht sogar Sinn, sie mit künst- einzelner Komponenten des Rasenmähers
lerischen Verfahren zu verbinden, z.B. über eine neue Rasensorte züchten, die just bei 5
die künstlerischen Werke ausführlich mit den Zentimetern aufhört zu wachsen.
Befragten zu sprechen, um die Bedeutungen
auch in Worten heraus zu arbeiten. Man kann Ebenso verhält es sich mit den Bedürfnissen,
auch schon mit geringem Risiko experimen- Sorgen und Bedeutungen der Konsumenten.
tieren (aber nicht vergessen: no risc, no art). Anstelle einer Begriffsliste der Bedürfnisse kann
Schon das Setting eines Interviews oder ei- man die Erkenntnisse aus der Forschungspha-
ner Gruppendiskussion kann mit einfachen se zu einem psychologischen Code verdich-
Mitteln aufgelockert werden, z.B. die übliche ten. Der Code beschreibt die Verheißungen,
Sitzordnung: alle sitzen um einen Tisch. Man Wünsche und Visionen, aber auch Sorgen der
kann auch ohne Tisch im Halbkreis sitzen, Konsumenten auf einer allgemeinen Ebene,
stehen, sich bewegen – z.B. ein Interview um in der Ideenentwicklung ‚größer‘ und über
während eines Spaziergangs führen. Warum den Tellerrand hinaus denken zu können. Für
nicht einmal für 10 Minuten ausprobieren, dem Produkte rund um ein Smartphone könnte
Befragten wie Marina Abramovic stumm und das z.B. so formuliert sein: Wie lässt sich der
regungslos gegenüber zu sitzen und sehen, Wunsch erfüllen, selbstmächtig auf Knopf-
was passiert? druck den eigenen Alltag zu erleichtern und
zu bereichern, ohne sich aber der Technik
Künstlerisches Denken beim Übergang ausgeliefert zu fühlen?
von der Forschung zur Ideenentwicklung
Welche Grundlage liefert eine technische Für die Ermittlung des psychologischen Codes
Anforderungsliste dafür, z.B. Ideen für die ist eine gründliche Analyse der Forschungs-
Verbesserung eines Rasenmähers zu entwi- ergebnisse nötig. Das lohnt sich jedoch, denn
ckeln? Gar keine! Eine solche Liste würde nur man erhält eine optimale Ausgangslage für die
dazu verleiten, dass man an den einzelnen Ideenentwicklung: einen flexiblen Dreh- und An-
Spezifikationen herumschraubt, dabei das gelpunkt, der sich in viele Richtungen frei kre-
Ganze völlig aus dem Blick verliert und am ativ drehen lässt. Die Forschungsergebnisse
Ende kleine Einzelverbesserungen entwickelt. bleiben dabei immer im Mittelpunkt. Man kann
Eine viel bessere Grundlage bietet die Frage sich mehr oder weniger weit davon entfernen,
nach dem idealen Endresultat, die bei einem der Dreh- und Angelpunkt gewährleistet im-
Rasenmäher z.B. lauten könnte: Der Rasen mer eine bleibende Verwurzelung der Ideen in
soll kurz sein, wie lässt sich das erreichen? den Forschungsergebnissen. Das verhindert,
Das veranlasst dazu, die Aufgabe in ihrer Ge- dass man in der Ideenentwicklung von einem
samtheit zu betrachten und es ermöglicht au- Einzelbedürfnis zum anderen springt und nur
Einzelverbesserungen generiert, anstatt einen
großen Ideenentwurf zu leisten.
Aus der Objektserie „Nutzhafte Dinge“: Raumkrümmer, Anonymisierer, Eselsohrenknicker, Reality-Liker
INNCH Infomail 2019 Seite 8Das Material aus den Aufgaben der künstleri- unmoralisch sein. Zur Übung eines Denkens
schen Forschung hilft beim Verstehen der Be- ohne Denkverbote könnte man z.B. einmal
dürfnisse und Sorgen der Konsumenten. Man durchspielen, welche Ideen sich entwickeln
schöpft von der Bühne, auf der sich die Befrag- lassen, wenn man die Vorstellung zulässt, sei-
ten mit allen Sinnen, körperlich, emotional und ne Kunden einfach zu erschießen (bitte nicht
symbolisch ausgedrückt haben. Das erleichtert zusammenzucken, es ist nur ein Gedanken-
es, von einem eher abstrakten Verständnis auf spiel). Oder was, wenn man dem Verkäufer
der Basis von Textformulierungen zu einem den Mund zunähen würde, oder sein Produkt
Nachempfinden, also intuitiven Verstehen zu – wie Gregor Schneider das Fenster oder
gelangen. Man kann sich ein konkretes Bild John Cage die Musik – einfach verschwinden
machen, sich von den Lebenswirklichkeiten, lässt? Gibt es sogar schon! Geschäfte, die
Erinnerungen, dem Unbewussten, fantastisch deshalb einen enormen Zulauf haben, weil
Visionären oder unerklärlich Mysteriösen der sie ständig den Ort wechseln und sich nur als
Gestaltungen bewegen und berühren lassen. Geheimtipp von Wissenden herumspricht, wo
sich das Geschäft gerade befindet.
Künstlerisches Denken in der Ideenent-
wicklung selbst Wichtig ist es, in die Aufgabe tief hinein zu
Die Werke aus der künstlerischen Forschung tauchen (auch unter dem Begriff „Flow“ be-
bieten gleichzeitig eine wirkungsvolle Inspi- kannt) und Pausen einzulegen, in denen man
rationsgrundlage zur nahtlosen Fortführung sich mit ganz anderen Dingen beschäftigt.
der reflexiven Praxis in der Ideenentwicklung. Das Warten auf den zündenden Zufall ver-
Künstler gehen auch bei der Entwicklung ih- kürzt sich, weil die Ablenkung quasi den Kopf
rer Ideen reflexiv praktisch vor. Anhand von für das Empfangen von Zufällen frei macht.
sinnlichem Rohmaterial als Ausgangsla- Man lässt sich genug Muße, um Vorstellun-
ge entwickeln sie ihre Werke überwiegend gen schweifen zu lassen und dadurch z.B.
– wenn auch nicht ausschließlich – intuitiv Analogien zu finden, Irrtümer als Chance zu
weiter, ebenso wie Erfinder im technischen pflegen und Scheitern als Weiterentwicklung
Bereich: Eintauchen in die Aufgabe, Vorstel- zu begrüßen. Sich diese Zeit nicht zu neh-
lungen schweifen lassen, Suchen im Vagen, men, kann nach hinten losgehen. Wenn man
Irren, produktives Scheitern, visionäres Tag- etwas anpflanzen möchte und aus Zeitgrün-
träumen und fantastische Einbildungskraft den die Samenkörner einfach wahllos ver-
oder gar Warten auf den Zufall. streut und dann die meisten nicht auf frucht-
baren Boden fallen, fällt die Ernte dünn aus.
Ebenso ist es mit den Mengen von Ideen,
die wie am Fließband erzeugt werden. Be-
reitet man aber den Boden gut vor, gibt sich
im Vorfeld Mühe, dann kann aus jedem Korn
ein üppiges Gewächs entstehen.
Installationen von
Marianne Lindow
zum Thema
Krieg und
Alltags-Rassismus
Gerade am Anfang der Ideenentwicklung soll- Mit einer guten Grundlage wie z.B. das Her-
te man mit ungewöhnlichen Ideen starten und ausarbeiten des Dreh- und Angelpunkts, dem
sich hier auch keine Denkverbote auferlegen. intuitiven Verstehen des Konsumenten, dem
Ideen richten keinen Schaden an, solange es tiefen Eintauchen in die Aufgabe etc. spart
nur Ideen oder Prototypen sind. Sie dürfen man am Ende Zeit mit zusätzlich besseren
also auch völlig unmöglich, irre, absurd oder Ergebnissen. Ist man als Künstler zu faul, die
INNCH Infomail 2019 Seite 9Farbpigmente gründlich anzurühren, die Blei- Künstlerisches Denken in der Handhabung
stifte zu spitzen, die Schnitzmesser zu schär- von Techniken
fen, oder das Klavier zu stimmen, hat man als Kreativitätstechniken sind nützlich, wenn sie
Folge ein schlechtes Kunstwerk, an dem sich für den richtigen Zweck richtig eingesetzt wer-
dann nur noch herumflicken und spachteln den. Oft werden jedoch Toolboxen genutzt, die
lässt, was dann aber wieder viel Zeit kostet. eine vorgegebene Sammlung an meist Stan-
dardtechniken enthalten. Wenn man in sei-
Künstlerische Leidenschaft nem Werkzeugkasten das übliche Werkzeug
Die leidenschaftliche Experimentierfreude hat – Hammer, Zange, Schraubenschlüssel,
von Künstlern ist ein nicht zu unterschätzen- Nägel und Schrauben – ist das solange nütz-
der Motor. Das bedeutet im Zweifel leider lich, wie man die Werkzeuge auch nur für
auch, dass man nicht jeden Mitarbeiter in die übliche Handwerksaufgaben benötigt. Schnit-
Ideenentwicklung einbinden kann, wenn man zen kann man damit nicht. Dafür braucht es
es nicht schafft, die Leidenschaft zu wecken. Schnitzbeitel und einen Holzhammer. Andern-
Um die weniger leidenschaftlichen Teilneh- falls wird das Ergebnis enttäuschen. Warum
mer nicht völlig zu frustrieren, wird oft der Rat sollte es sich bei Kreativitätstechniken anders
gegeben: Keine Kritik! Gleichzeitig ist jedoch verhalten?
allseits bekannt, dass kritisches Feedback
wichtig für das Lernen und Verbessern ist. Künstler nutzen ebenfalls Techniken. Sie pas-
Für den leidenschaftlichen Schöpfer sind Irr- sen diese jedoch an die jeweiligen Aufgaben an
tümer, Scheitern und Kritik eher eine Heraus- und entwickeln Standardtechniken kreativ wei-
forderung, die anspornt, sich nicht zu schnell ter. Auch hier kann man sich ein Vorbild neh-
selbstzufrieden zurück zu lehnen, sondern men. Entwickelt man die Techniken so, dass
dran zu bleiben, alles noch einmal zu drehen, sie genau zur Aufgabe passen, kann man z.B.
noch einmal das gesamte Bild zu übermalen, den psychologischen Code so darin einweben,
weil Flicken keinen Sinn macht. Hätte Edison dass in der Ideenentwicklung fast automatisch
bei Versuch 999 aufgegeben, wer weiß wie Ideen entwickelt werden, die sich an den For-
lange die Menschen noch im dumpfen Ker- schungsergebnissen ausrichten. Zudem kann
zenschein gesessen hätten. man die Techniken so konzipieren, dass schon
vorherbestimmt werden kann, ob man revolu-
tionäre Ideen entwickeln möchte, oder doch
nur leichte Verbesserungen des Vorhandenen.
So werden die Techniken zu dem, was Tech-
niken auch sein sollten: Keine mystischen
Zauberformeln, sondern klug und systema-
tisch eingesetzte Hilfsmittel.
Zum Schluss
Man muss nicht das gesamte Bürogebäude
einpacken, den Chef verschwinden lassen,
die Stühle in der Kantine durch Klos ersetzen,
sein Auto hochkant parken, sich mit Spinnen-
netzen das Ohr ans Knie nähen oder sonst
etwas Verrücktes tun, das Künstler zuweilen
tun. Man kann sich aber von der hochexpe-
rimentellen schöpferischen Leidenschaft von
Künstlern für die eigenen schöpferischen Pro-
zesse inspirieren lassen. Oder einfach öfter
Kunstausstellungen besuchen und sich zu
einer neuen Sicht auf Bedeutungen und kre-
ative Prozesse herausfordern lassen.
INNCH Infomail 2019 Seite 10Schöpferische Grüße senden Ihnen
Monika Heimann und Michael Schütz
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