Was kommt nach den fluorierten Wachsen? - Auf der Suche nach umweltverträglichen Skiwachsen - Sport Portal

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Umweltverträgliche Skiwachse

                    Was kommt nach den
                    fluorierten Wachsen?
                    Auf der Suche nach umweltverträglichen Skiwachsen

                    Peter Bützer

                                                                                           1. Etwas Geschichte
                                                                                            Worum geht es? Es geht um das Gleiten auf
                                                                                         Schnee. Diese hat man bei den alten Holzski noch
                                                                                         kaum berücksichtigt. Die früheste literarische Erwäh-
                                                                                         nung der Skipräparation, die der norwegische Histori-
                                                                                         ker Jakob Vaage (1905-1994) fand, war eine
                                                                                         Geschichte Lapplands (Abbildung 1), die der deutsch-
                                                                                         schwedischer Humanist und Gelehrte Johannes
                                                                                         Scheffer (1621-1679) in lateinischer Sprache schrieb
                                                                                         und 1674 in englischer Übersetzung veröffentlicht
                                                                                         wurde. Scheffer berichtete, dass die Lappländer Ski-
                                                                                         fahrer Kiefernharz verwendeten [1]. Das hatte bei
                                                                                         den Holzskiern vor allem den Zweck, die Oberfläche
                                                                                         glatter, sowie wasserabstoßend, hydrophob, zu ma-
                                                                                         chen. Die Oberfläche wird dabei so glatt, dass ein gu-
                                                                                         tes Gleiten in der Ebene möglich ist, sie ist aber doch
                                                                                         so rau, dass es möglich war, beim Abstoßen nicht
                                                                                         rückwärts zu rutschen.
Abbildung 1: Lappländer, Sámi ein indigenes Volk, beim Jagen auf Skiern (aus dem
Buch von Johannes Scheffer 1674).                                                           Es gibt nicht den Schnee, im Gegenteil, man kennt
                                                                                         viele unterschiedliche Schneearten (Abbildung 2).
                                                                                            Diesen großen Unterschieden gerecht zu werden
                                                                                         ist nicht einfach, denn gleiten auf einem feuchten
                    Seit Jahrhunderten hat man die Skioberflächen mit                    oder nassen Schnee ist ein Gleiten auf einem dünnen
                    Fetten, Wachsen und Teer beschichtet, damit sie auf dem              Wasserfilm. Bei sehr kaltem und trockenem Schnee
                    Schnee besser gleiten. Über die Paraffine lief die                   ist es ein Gleiten mit Trockenreibung. Im ersteren
                    Entwicklung weiter zu den heute besten, den fluorierten              Fall sollte die Gleitfläche wasserabstoßend, hydro-
                    Wachsen. Diese sind kaum abbaubar und daher                          phob, sein, im zweiten Fall hart und glatt. In den
                    ökologisch problematisch. Sie sind aber auch für                     1850er Jahren wurde Dope verwendet, der bestand
                    Lebewesen schädlich. Die International Ski Federation                aus Inhaltsstoffen wie wachsartiger Schleim von Wa-
                    (FIS) und die International Biathlon Union (IBU) verbieten           len, Harzen und Ölen, Kolophonium und später auch
                    die Verwendung von fluorierten Verbindungen bei                      Teer. In den 1890iger Jahren wurde erstmals Paraffin
                    Wettkämpfen ab der Saison 21/22, weshalb Alternativen                als Gleitmittel auf den Belag aufgetragen. Am 20. De-
                    gesucht werden.                                                      zember 1913 patentierte der Norweger Peter Schou
                                                                                         Østbye (1887-1979) den „Østbyes klister“ auf der Ba-
                                                                                         sis von Pflanzenharzen und Teer. 1922 produzierte
                                                                                         die neue „Vereinigte Wachswarenfabriken AG Hor-
                                                                                         nung und Dr. Fischer (VEWA)“ von Ditzingen (Baden-
                                                                                         Württemberg) eine Ski-Beschichtung mit Paraffin mit
                    Der Autor:                                                           dem Namen „Holmenkol-Mix“. Ab 1940 wurde ein
                    Dr. dipl. sc. nat. Peter Bützer ist Chemiker und Molekularbiologe,   Alpinwachs für drei Schneearten zum Auftragen na-
                    em. Professor der Pädagogischen Hochschule St.Gallen/Schweiz;        mens 1-3-5 unter der Marke TOKO verkauft. Diese
                     Dozent für Risikomanagement und Sicherheitsökonomik der             Technologie wurde nach 1943 mit den synthetischen
                    Universität St.Gallen und für Nachdiplomstudien an der ETHZ:         und mikrokristallinen Wachsen [2, 3] (Fischer-
                    heute tätig als Consultant tätig für Gefahrstoff- und                Tropsch-Wachs) einen wesentlichen Schritt weiterge-
                    Risikomanagement für Schulen, Behörden, Armee und Industrie.         bracht.

64                  CLB      71. Jahrgang, Heft 01 - 02/2021
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Umweltverträgliche Skiwachse

Abbildung 2: Wilson A. Bentley (1865-1931; "The Snowflake Man") fotografierte 1885 als erster Mensch einen einzelnen Schneekristall. Für ein gu-
tes Gleiten auf Schnee müssen Schneekörnung, Schneehärte, Schneedichte, Schneefeuchte und Schneetemperatur berücksichtigt werden.

  Heute werden Ski-Wachse bei Langlauf-Ski, Alpin-             verändert die physikalischen, chemischen, toxikologi-
Ski, Touren-Ski, Snowboards und Schlitten verwen-              schen und ökologischen Eigenschaften bei kurz- und
det.                                                           langkettigen Verbindungen ganz entscheidend. Je
                                                               mehr Wasserstoffatome ersetzt sind, desto stärker
  2. Fluorierte Wachse                                         sind die Veränderungen. Als Beispiel sei Oktansäure
                                                               (Caprylsäure) mit Perfluoroctansäure (Perfluoroocta-
   Nach 1986 entdeckte Terry J. Hertel (geb. 1944) in          noic acid, PFOA) verglichen (Abbildung 1, Abbildung
Kalifornien die Zugabe von Perfluorpolyether-diol              3 und Tabelle 1).
zum Wachs. Er schreibt im Patent [4]: "This greatly               Perfluorierte Kohlenwasserstoffe besitzen durch
reduces the force required to move the ski over the            den symmetrischen Molekülaufbau als Ganzes kein
surface of the snow. " So führte er 1986 mit Racing            elektrisches Dipolmoment. Die intermolekularen
739 das erste Wachs mit perfluorierten Substanzen              Wechselwirkungen sind bei diesen Verbindungen so
ein. In den 1990er Jahren fand der Swix-Chefchemi-             schwach, dass sie als hochwertige Gleit- und Antihaft-
ker Leif Torgersen (1944-2012) einen Gleitwachszu-             beschichtungen eingesetzt werden.
satz, der Pollen und andere Schneeverunreinigungen                PFAS, auch PFOA, weisen eine hohe thermische
abweisen sollte – bisher ein Problem mit weichen               und chemische Stabilität auf. Die Besonderheit von
Wachsen – in Form eines Fluorkohlenstoffs, der in              perfluorierten Verbindungen ist ihre Oberfläche, die
den Ski-Belag eingebügelt werden konnte – Cera F               sich durch negative Dipole auszeichnet. Da "normale"
(cera ist Wachs auf Italienisch). Der Preis von SWIX           Verbindungen mit C-H-Bindungen an der Oberfläche
war 100 Dollar für 30 Gramm. Die Lösung basierte               positive Dipole haben, binden sie sich über diese an
auf der Arbeit vom Italiener Enrico Traverso bei Eni-          die negativen Dipole der perfluorierten Verbindun-
chem SpA in Trissino (Provinz Vicenza in Venetien),            gen. Das ist für Gleitmittel für Ski ein Vorteil, denn
der ein Fluorkohlenstoffpulver patentiert hatte [5].           der Belag besteht meist aus ultrahochmolekularem
Es folgten Fluorcarbon-Pulver – mit den entsprechen-           Polyethylen (UHMWPE) und die Paraffin-Wachse sind
den Patenten [6]. Man geht davon aus, dass die fluo-           ebenfalls reine C-H-Verbindungen.
rierten Wachse bei entsprechenden Schneebe-                       Die Kohlenstoffkette beider Verbindungen ist hy-             Abbildung 3: Ver-
dingungen im Vergleich zu Paraffinen einen ca. 2 %             drophob, während die vorhandene Kopfgruppe (Carb-               gleich der mole-
geringeren Gleitwiderstand aufweisen.                          onsäure)      hydrophile   Eigenschaften     aufweist           kularen
                                                                                                                               Eigenschaften von
                                                               (Abbildung 3). Mit diesem hydrophoben und hydro-                Octansäure und
  3. Besonderheit von poly- und                                philen Charakter ist die Verwendung als Tensid mög-             Perfluoroctansäu-
                                                                                                                               re.
  perfluorierten Substanzen (PFAS)
   Per- und Polyfluoralkylsubstan-
zen (PFAS): Bei polyfluorierten
Substanzen sind viele Wasserstoff-
atome der C-H-Bindungen durch
Fluoratome ersetzt, bei perfluo-
rierten Substanzen sind alle Was-
serstoffatome der C-H-Bindungen
durch Fluoratome ersetzt. Da Flu-
or das elektronegativste aller Ele-
mente       ist,    haben      die
perfluorierten Verbindungen ganz
besondere, mit anderen Verbin-
dungen kaum vergleichbare als
Gleitmittel hervorragende Eigen-
schaften.
   Der Ersatz von Wasserstoff
durch Fluor bei C-H-Bindungen

                                                                                    CLB      71. Jahrgang, Heft 01 - 02/2021                 65
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Tabelle 1: Ver-                                                                                 [7]                            [8]
gleich einiger Ei-
genschaften von
Octansäure mit
Perfluoroctansäu-
re.

                     lich. Auf einer Oberfläche zeigt PFOA extrem wasser-      die chemischen (blau) Eigenschaften so unterschied-
                     , schmutz- und fettabweisende Eigenschaften – ideal       lich, wie man sie von den Unterschieden der Molmas-
                     für ein Gleitmittel auch auf schmutzigem Schnee.          se erwarten würde – nur die große Wasserlöslichkeit
                                                                               ist überraschend.
                       Folgerungen:                                               Bei Wechselwirkungen mit der Umgebung (grün)
                       PFOA hat als Gleitmittel auf Schnee hervorra-           fallen die langen Zeiten auf, welche die Perfluoroct-
                     gende Eigenschaften. Sie bindet sich stark auf            ansäure benötigt um abgebaut oder ausgeschieden zu
                     dem Ski-Belag, wird mit den üblichen Paraffin-            werden – man bezeichnet daher PFAS auch als „ewi-
                     Wachsen gut verbunden und ist wasser-, fett-              ge Chemikalien“.
                     und schmutzabweisend.
                       Rein funktional sind die perfluorierten Sub-              4. Die Folgen von fluoriertem Ski-Wachs
                     stanzen wohl die beste Stoffklasse für Gleitmit-
                     tel auf feuchtem Schnee.                                    Wenn fluorierte Wachse auf Ski aufgetragen wer-
                                                                               den, gelangen die PFAS über die Luft auch in den Kör-
                        So ist es nicht verwunderlich, dass sich PFOA-halti-   per. Ihre Konzentration ist bei Personen in
                     ge Ski-Wachse zuerst im Hochleistungsbereich und          professionellen Wachsteams bis 45-mal höher, als bei
                     dann auch in der breiteren Masse der Skifahrer, trotz     der allgemeinen Bevölkerung [9]. PFAS sind giftig
                     der sehr hohen Preise, durchgesetzt hat. Speziell bei     und daher arbeitshygienisch nicht unbedenklich [10].
                     feuchtem Schnee ist der Reibungskoeffizient von           Bei Personen, die mit PFC-Wachs bei der Ski-Präparie-
                     fluorhaltigen Wachsen tiefer als der von Paraffinen.      rung gearbeitet haben, hat man Blut-Werte von
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                                                                                                                       Abbildung 4: Ski-
schlagen, die Grenzwerte in Höhe von 2 ng PFOA/ml                                                                      Wachs hinterlässt
Blutplasma und 5 ng Perfluoroctansulfonsäure PFOS                                                                      Abrieb in der Um-
pro ml Blutplasma festzulegen. [12]                                                                                    gebung (Foto:
   Den Abrieb von fluoriertem Skiwachs auf dem                                                                         Edith Brunner).
Schnee (Abbildung 4) hat Merle Plassmann hat in ih-
rer Dissertation 2011 nachgewiesen [13]: "Sum SFA
(semifluorinated n-alkanes) concentrations in snow
samples from the Vasaloppet were in the range of 4.5
to 200 µg/m2, except for one sample taken from the
start field, which showed a sum concentration of
3240 µg/m2. The sum SFA concentrations decreased
significantly from the start to the finish of the compe-
tition."
   Diese Messungen von PFAS als Abrieb von Ski-
Wachs konnten bestätigt werden [14, 15]. In der öko-
logisch sensiblen Alpenregion der Engadiner Seen
(Kanton Graubünden, Schweiz) wurden in den Fi-
schen Äschen und Seesaiblingen hohe Konzentratio-
nen bis zu 2,68 mg/kg an PFOA nachgewiesen, als
Folge der stark frequentierten Langlaufloipen über
diese Seen [16, 17]. Die von der European Food Safe-
ty Authority (EFSA) zulässige wöchentliche Aufnah-
memenge (TWI) beträgt jedoch nur 4,4 Nanogramm
pro Kilogramm Körpergewicht pro Woche [18].
   Und die Gefährdung? Die ECHA [19] hat festge-
stellt, dass Serum-PFOA positiv mit einem diagnosti-
zierten hohen Cholesterinspiegel (Hypercholesterin-
ämie), mit entzündlichen Darmerkrankungen
(Kombination von Morbus Ulcerosa und Morbus
Crohn), einem verringerten Geburtsgewicht, wahr-
scheinlich mit verschiedenen Krebsarten wie Nieren-
und Hodenkrebs assoziiert ist.                             fe, die unter dem Patronat der FIS/IBU stehen.
                                                             Diese fluorierten Substanzen für Gleitmittel zeich-
  Folgerung:                                               nen sich durch folgende Kriterien aus:
  Die fluorhaltigen Wachse werden schon beim               1. sind hydrophob und
Auftragen auf den Ski eingeatmet und in den                2. bilden eine abriebfeste Schicht,
Körper aufgenommen. Sie reiben sich beim Glei-             3. nehmen kaum Schmutz auf.
ten ab und sind als Rückstände auf dem Schnee,
im Wasser und schließlich auch bei den Fischen               Es ist absehbar, dass alle geeigneten poly- und
in bedenklichen Mengen nachweisbar.                        perfluorierten Substanzen für Ski-Wachse verboten
  Schäden von PFAS sind beim Menschen und in               werden. Daher werden Ersatzstoffen mit ähnlichen
der Umwelt nachweisbar.                                    oder sogar besseren Eigenschaften intensiv gesucht.
                                                             Einen Nachteil haben fluorierte Wachse. Diese
                                                           können nicht für Tourenski (Abbildung 4) verwendet
  5. Konsequenzen und Alternativen                         werden, weil die Klebefelle darauf nicht haften.
                                                             Bei Ersatzsubstanzen für fluorierte Wachse müssen
   Ab 4. Juli 2020 verbot die EU die Herstellung und       die beiden Kriterien, abriebfest und wenig Schmutz-
das Inverkehrbringen der Perfluoroctansäure (PFOA),        aufnahme, besser berücksichtigt werden als dies bei
ihrer Salze und PFOA-Vorläuferverbindungen (fluo-          den meisten „weichen“ Wachsen bisher der Fall ist.
rierte C8-Verbindungen).                                     Die Zunahme der Gleitreibung durch Abrieb um
   Ab 3. Dezember 2020 gilt das Verbot für PFOA, de-       30 % (Abbildung 5) ist beim Gleiten sofort spürbar.
ren Salze und Vorläuferverbindungen auch in den üb-        Dass der Abrieb der Wachsschicht die Gleitreibung
rigen 152 Vertragsstaaten der Stockholmer                  erhöht und damit auch den notwendigen Kraftauf-
Konvention.                                                wand, um die Geschwindigkeit halten zu können, ist
   Die International Ski Federation (FIS) und die In-      für nassen und trockenen Schnee bekannt [22, 23].
ternational Biathlon Union (IBU) beschloss ab der          Noch weniger als der Abrieb wird normalerweise die
Wintersaison 2021/22 ein Verbot von per- und poly-         Schmutzaufnahme berücksichtigt. Der ist auf Neu-
fluorierten Alkylverbindungen (PFAS) in Wachsen in         schnee kaum spürbar, wohl aber auf Altschnee mit
allen Skidisziplinen [20]. Das gilt nur für Wettkämp-      Feinstaub und Pollen.

                                                                             CLB     71. Jahrgang, Heft 01 - 02/2021                 67
Was kommt nach den fluorierten Wachsen? - Auf der Suche nach umweltverträglichen Skiwachsen - Sport Portal
Umweltverträgliche
                                                       AufsatzthemaKurz
                                                                      Skiwachse

                                                                                                           Alternativen zu den fluorierten,
                                                                                                        den heute besten Wachsen sind
                                                                                                        aktuell die Folgenden:
                                                                                                           1. Ersatz der verbotenen
                                                                                                        perfluorierten Substanzen mit 8
                                                                                                        C-Atomen, solche mit 6, 10 oder
                                                                                                        mehr C-Atomen (aktuell z.B. bei
                                                                                                        Butta, Dominator, Gallium, Hol-
                                                                                                        menkol, HWK, Kandahar, Maplus,
                                                                                                        nordicx, Rex, Rode, START, SWIX,
                                                                                                        TOKO, Vauhti, Zipp, Zümwax).
                                                                                                        Diese fluorierten Alternativen sind
                                                                                                        ethisch nicht vertretbar, weil z. B.
                                                                                                        C6- und/oder C10-PFAS auf der
                                                                                                        Kandidatenliste der Substances of
                                                                                                        Very High Concern (SVHC) stehen
                                                                                                        [25]. Falls fluorierte Alternativen
                                                                                                        gefunden werden, sind alle PFAS
Abbildung 5: Gleitzeiten mit Langlaufski, frisch gewachst und nach 10 Kilometern zeigen die Folgen des  aufgrund der inhärent kritischen
Abriebs [21].                                                                                           Eigenschaften und der schwachen
                                                                                     Datenlage langfristig nicht nachhaltig [26, 27, 28, 29,
                         Die Zunahme der Gleitreibung um ca. 20 % durch 30, 31] und das mit entsprechenden ökologischen
                      eine verschmutzte Oberfläche (Abbildung 6) ist für Konsequenzen [32] als schwer abbaubare, persisten-
                      jeden Läufer spürbar. Das dabei verwendete Wachs te Substanzen [33].
                      ist ein relativ weiches Paraffin. Fluor-Zusatze machen           2. Siloxane sind im Vordergrund, weil sie verfüg-
                      die Wachse härter und die Verschmutzung geringer. bar sind, gute hydrophobe Eigenschaften zeigen und
                         Weil Gleitmittel für Ski, „Ski-Wachse“, zwangsläu- praktische Erfahrungen vorliegen. Leider sind wichti-
                      fig in der Umwelt freigesetzt werden, sollten nur um- ge Siloxane schon auf der Kandidatenlist der SVHC.
                      weltverträgliche Substanzen verwendet werden. Somit ist ihre Verwendung ethisch nicht vertretbar.
                      Praktisch alle Ski-Wachs-Produzenten bieten daher                3. Halogenierte Paraffine denkbar, weil sie hy-
                      PFOS/PFOA- oder PFC-freie Produkte an. Aber für die drophober sind als die nichthalogenierten. Aber bei-
                      Aussagen, dass keine giftigen Stoffe verwendet wer- spielsweise die halogenierten Paraffine sind in der
                      den oder dass die Wachse umweltfreundlich sind, Stockholm Konvention im Annex A als Persistent Or-
                      fehlen die Spezifikationen. Die Suche konzentriert ganic Polutant (POP) aufgeführt und daher für eine
                      sich darum heute auf Schmier- und Gleitmittel, die in Anwendung verboten [34]. PFC-frei lässt Chlor- und
                      der Tribologie bekannt sind.                                   Brom-Alternativen zu.
                                                                                                           4. Polyhalogenierte Derivate
Abbildung 6: Veränderung der Gleitreibung von Skating-Ski über 49 Kilometer durch Verschmutzung bei     von  bekannten Wachsen oder Fet-
unterschiedlichen Geschwindigkeiten [24] (Wachs: CH6, Temperatur: -5,7 °C).                             ten denkbar. Halogenkohlenwas-
                                                                                                        serstoffe       sind       lipophile
                                                                                                        (fettlösliche) Substanzen. Aber
                                                                                                        solche poly- oder perhalogenierte
                                                                                                        Substanzen sind kritisch, weil ihr
                                                                                                        sehr viele umweltschädliche Sub-
                                                                                                        stanzen angehören (z. B. FCKW,
                                                                                                        Halone, HBCDD, PBB, PBDE, PCB,
                                                                                                        PCDD/PCDF).
                                                                                                           5. Altbekannte Gleitmittel
                                                                                                        an, wie z. B. Paraffine (mikrokris-
                                                                                                        talline Paraffine), Wachse (z. B.
                                                                                                        Caranubawachs) oder Fette an,
                                                                                                        auch Metallsalze der Fettsäuren
                                                                                                        z. B. Zinkstearat [35] (aktuell bei
                                                                                                        Hertel, Holmenkol, NZero, Uncle
                                                                                                        Stankys, Vauhti). Fast alle unter
                                                                                                        1, aufgeführten Firmen führen
                                                                                                        eine fluorfrei-Linie, die sich im
                                                                                                        Wesentlichen auf Paraffine ab-
                                                                                                        stützt.

68                  CLB     71. Jahrgang, Heft 01 - 02/2021
Was kommt nach den fluorierten Wachsen? - Auf der Suche nach umweltverträglichen Skiwachsen - Sport Portal
Umweltverträgliche
                                                Die Evolution des Skiwachse
                                                                  Gehirns

   6. Zusätze zu den Paraffinen, wie z. B. Graphit/
Graphen/Nanotubes, Molybdändisulfid (MoS2), Bor,
das hochpolymere hexagonale Bornitrid (BN, White
Graphite), Gallium, Gallium-Indium-Legierungen,
Wolframdisulfid (WS2), Wolframdiselenid (WSe2), si-
lanisierte Partikel [36], Polymere, Teflon. Die Zugabe
von Partikeln wird oft als Nanotechnologie umschrie-
ben (Glide Nano, nanox, SkiGo). Die Gefährdung
durch Gallium oder Übergangsmetalle und Nanopar-
tikel kann noch nicht abgeschätzt werden.
   7. Eine polymere Beschichtung des Ski-Belags (z.
B. Juice Infinty, Phantom). Die heutigen Ski-Beläge
aus ultrahochmolekularem Polyethylen sind jedoch         Abbildung 7: Wassertropfen auf der auf Muschelblume, Pistia
schon so gut, hydrophob und hart, dass nur sehr inno-    stratiotes (Lotus-Effekt, Superhydrophobizität; Foto: Moritz
vative Ersatzstoffe besser sein können. Bei Polymeren    Holzinger).
ist ökologisch zudem der Abrieb als Mikroplastik zu
beachten.
   8. Selbstorganisierende Schichten, beispielswei-
se MoS2, WS2, WSe2, BN. In Ski-Wachs sind diese an-
organischen Verbindungen meist in Paraffin               Literatur / Quellen
eingebettet, weshalb sie keine größeren Strukturen
ausbilden können. Falls die Gleitschicht aus bioab-
baubaren Molekülen aufgebaut ist, verursacht sie         [1] Scheffler J., The History of Lapland Wherein Are Shewed the
ökologisch keine Probleme. Solche Gleitmittel, wie              Original, Manners, Habits, Marriages, Conjurations, & C. of
z. B. hochreiner Indigo, sind dann sogar besser ab-             That People, CHAP. XX, Of the Laplanders Weapons, and
baubar als Paraffine (z. B. Isantin).                           other instruments of Hunting, http://www.gutenberg.org/
   9. Neue Oberflächenstrukturen, die sich an die               ebooks/59695
Bionik Fisch- oder Schlangenschuppen der Superhy-        [2] TOXNET, ChemIDplus, Wax, microcrystalline [NF], https://
drophobizität anlehnen. Diese Oberflächen müssen                chem.nlm.nih.gov/chemidplus/rn/63231-60-7
geeignete Kombinationen von Makro- und Mikro-            [3] Patent: US3785841, Jan. 15, 1974
strukturen aufweisen. Solche Schichten sind hart, an-    [4] Patent Number: 5,114,482, Date of Patent: May 19, 1992:
ders als bei der Belastung durch Wassertropfen auf              Ski Wax for Use with Sintered Base Snow Skis
einem Blatt (Abbildung 7), denn sie müssen die Rei-      [5] Enrico Traverso, Antonio Rinaldi, Ski lubricant comprising a
bung auf hartem Schnee aushalten (z. B. Isantin).               hydrocarbon compound containing a perfluoro segment,
                                                                Patent number: 5423994, Filed: March 26, 1993, Date of
  Folgerung:                                                    Patent: June 13, 1995, Assignee: Enichem Synthesis S.p.A.
  Gleitschichten mit Fetten, Harzen Teeren sind          [6] Patents: US2122278A, 1934-07-28, US3515582A, 1965-06-
seit Jahrhunderten bekannt, Paraffine seit 100                  15; Patent: EP 0 421 303, 1991-07-31; US5914298A,
Jahren, fluorierte Wachse seit etwa 50 Jahren.                  1996- 08-13
Die heute besten, die fluorierten Wachse für             [7] PubChem, Octanoic acid, https://pubchem.ncbi.nlm.nih.gov/
feuchten Schnee, werden verboten, weil sie gif-                 compound/Octanoic-acid, 2021-01-27
tig und umweltschädlich sind. Alternativen sind          [8] ECHA, Pentadecafluorooctanoic Acid (PFOA) as a Substance of
bisher übliche Schmiermittel und Zusätze zu                     Very High Concern because of its CMR and PBT Properties,
Paraffinen. Neu sind selbstorganisierende,                      Adopted on 14 June 2013 (SVHC SUPPORT DOCUMENT –
schichtbildende Substanzen und weitere Innova-                  PFOA)
tionen werden sicher folgen.                             [9] Katz Ch., Ski Wax Chemicals Can Build Up in Blood, Scientific
  Ziel der Wachsentwicklung muss heute sein,                    American, Environmental Health News on March 15, 2011
kompetitiv Sport betreiben zu können, bei der            [10] Nilsson H.; Kärrman A.; Westberg H.; Rotander A.; van Bavel
Anwendung keine gesundheitlichen Gefahren zu                    B.; Lindström G., A time trend study of significantly
schaffen und beim Einsatz keine ökologischen                    elevated perfluorocarboxylate levels in humans after using
Schäden zu hinterlassen.                     �                  fluorinated ski wax, Environ Sci Technol, 44, 2010, 2150–
                                                                2155
                                                         [11] Nilsson H., Occupational exposure to fluorinated wax,
                                                                Örebro University, Örebro Studies in Chemistry 11, Repro
                                                                09/2012
                                                         [12] Stellungnahme der Kommission Human-Biomonitoring des
                                                               Umweltbundesamtes, HBM-I-Werte für Perfluoroctansäure
                                                               (PFOA) und Perfluoroctansulfonsäure (PFOS) in Blutplasma,
                                                               Bundesgesundheitsbl., 59, 2016, 1362–1363

                                                                                CLB      71. Jahrgang, Heft 01 - 02/2021      69
Neue Produkte                                   Umweltverträgliche Skiwachse

            [13] Plassmann M.M., Environmental occurrence and fate of              [26] Staude C., Vierke L., Perfluorierte Carbonsäuren – nicht nur
                   semifluorinated n-alkanes and perfluorinated alkyl acids              Perfluoroctansäure (PFOA) ist besorgniserregend, Mitt
                   present in ski waxes, Stockholm University, Doctoral Thesis           Umweltchem Ökotox, 13(2), 2013, 30-33
                   in Applied Environmental Science, 2011, 24                      [27] Posner S., Roos S., Brunn P., Pia Ólína Jörundsdottir H.,
            [14] Kwok K.Y., Yamazaki E., Yamashita N., Taniyasu S., Murphy               Gunnlaugsdóttir H., Xenia Trier D., Astrup Jensen A.,
                   M.B., Horii Y., Petrick G., Kallerborn R., Kannan K.,                 Katsogiannis A., Herzke D., Cecilie Bonefeld-Jörgensen E.,
                   Murano K., Lam P.K., Transport of perfluoroalkyl                      Jönsson Ch., Alsing Pedersen G., Ghisari M., Jensen S., Per
                   substances (PFAS) from an arctic glacier to downstream                and polyfluorinated substances in the Nordic Countries:
                   locations: implications for sources, Sci Total Environ, 2013,         Use, occurence and toxicology, Nordic Council of
                   46-55. doi: 10.1016/j.scitotenv.2012.10.091.                          Ministers. TeamNord; No. 542, Vol. 2013. DOI: 10.6027/
            [15] Carlson G.L., Tupper S., Ski wax use contributes to                     TN2013-542, 41
                   environmental contamination by per- andpolyfluoroalkyl          [28] Swedish Chemicals Agency (KEMI), Occurrence and use of
                   substances, Chemosphere, 261, 2020, 128078                            highly fluorinated substances and alternatives, Swedish
            [16] Rindlisbacher S., Skiwachs ist Gift für die Fische, Ktipp, 1,           Chemicals Agency, Print: Arkitektkopia, Stockholm 2015
                   2021, 4-5                                                       [29] Schmidt Ch., Vorsicht, Trinkwasser! Spektrum der
            [17] Achermann B., Giftige Spuren im Schnee, ZEIT Schweiz                    Wissenschaft, 20.07.2017
                   Nr.4, 2021, 21 Januar                                           [30] Umweltbundesamt, Per- und Polyfluorierte Chemikalien,
            [18] Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), Neue                          Einträge vermeiden – Umwelt schützen, Juli 2009
                   gesundheitsbezogene Richtwerte für die                          [31] Buck R.C., Franklin J., Berger U., Conder J.M., Cousins I.T.,
                   Industriechemikalien PFOS und PFOA, Stellungnahme Nr.                 de Voogt P., Jensen A.A., Kannan K., Mabury S.A., van
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            [19] ECHA, Background document to the Opinion on the Annex                   Classification, and Origins, Integrated Environmental
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                   2018, 86, 183                                                         Martin J.W., What is the effect of phasing out long-chain
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                   autumn-2019, 2020-10-12                                               (PFC), UFOPLAN FKZ [3714 67 416 1], November 2015
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                   Engineering, 72, 2014, 271                                      [36] Patente: EP2527014B1 13.09.2011; EP2527014A1
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            [25] ECHA, Liste der für eine Zulassung in Frage kommenden
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                   echa.europa.eu/de/candidate-list-table, 2021-01-29

     Die Vorstellung neuer Produkte unterliegt einem Druckkostenbeitrag. Näheres über service@clb.de

70          CLB      71. Jahrgang, Heft 01 - 02/2021
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