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5/2020
www.ekd.de
www.ezw-berlin.de Materialdienst
Zeitschrift für Religions-
und Weltanschauungsfragen
Materialdienst 5/2020 83. Jahrgang
Thich Nhat Hanh: Vom vietnamesischen Reform-
buddhismus zur weltweiten Intersein-Bewegung
Die Gebetshausbewegung
Hundert Jahre Yoga im Westen
Antisemitismus bei „Black Lives Matter“
Ein bremischer Pastor und die Grenzen der Toleranz
Stichwort: Christlicher Zionismus (historisch)
ISSN: 0721-2402 H 54226
MdEZW_5_2020_Umschlag.indd Alle Seiten 15.09.20 11:59INHALT
IM BLICKPUNKT
Liane Wobbe
Thich Nhat Hanh und sein Sangha
Vom vietnamesischen Reformbuddhismus zur
weltweiten Intersein-Bewegung 331
BERICHTE
Michael Müller
Die Gebetshausbewegung
Entstehung und Praxis 345
Alexander Benatar
1920 bis 2020: Ein Jahrhundert im Zeichen
des Kriya Yoga? 352
Kai Funkschmidt
Der Antisemitismus in der „Black Lives Matter“-Bewegung
und seine Ursprünge 358
INFORMATIONEN
Evangelikale Bewegung
Vorwurf Volksverhetzung:
Der bremische Pastor Olaf Latzel und die Grenzen der Toleranz 367
Interreligiöser Dialog
„Toleranz tut immer auch ein bisschen weh“:
Juden und Muslime in interreligiösen Ehen 371
Esoterik
Mit Virenkiller-Pendel und Zahlencodes gegen das Coronavirus 373
Gesellschaft
Erfolgreicher Protest gegen Antisemitismus auf Twitter 375
Berliner Neutralitätsgesetz in der Kritik 376
MdEZW_5_2020_Inhalt.indd 329 15.09.20 11:58Jehovas Zeugen
Schweizer Gericht erlaubt grundlegende Kritik an Jehovas Zeugen 378
Psychotherapie
Erfahrungsbericht einer Patientin von Traumatherapie
bei „Ritueller Gewalt“ 379
Evangelisations- und Missionswerke
Family Broadcasting Corporation stößt Kurzwellenstation ab,
eine andere Radiomission macht weiter 382
Radiomission: „Word of Deliverance“ 383
In eigener Sache
Friedmann Eißler scheidet aus der EZW aus 384
STICHWORT
Jeannine Kunert
Christlicher Zionismus (historisch) 386
BÜCHER
Matthias Roser
„Schöpfungswissenschaft“ an evangelikalen Bekenntnisschulen
Eine religionspädagogische Analyse 395
Julia Bernstein
Antisemitismus an Schulen in Deutschland
Befunde – Analysen – Handlungsoptionen 397
Victoria Hegner
Hexen der Großstadt
Urbanität und neureligiöse Praxis in Berlin 400
Rebecca Moore
Beyond Brainwashing
Perspectives on Cult Violence 403
MdEZW_5_2020_Inhalt.indd 330 15.09.20 11:58Kai Funkschmidt
Der Antisemitismus in der „Black Lives Matter“-
Bewegung und seine Ursprünge
Anders als in Deutschland wird in englisch- und französischsprachigen Medien
zunehmend Kritik an starken antisemitischen Zügen der „Black Lives Mat-
ter“-Bewegung (BLM) laut. Die BLM-Proteste, die nach dem Tod des Afroameri-
kaners George Floyd bei seiner Verhaftung Ende Mai in Minneapolis begannen,
führten unter anderem wegen der aktiven Unterstützung der „Antifa“ vielerorts
zu Gewaltausbrüchen, bei denen in den USA nicht nur viele Menschen ermordet
wurden, darunter eine ganze Reihe (auch schwarzer) Polizisten und eine junge
Mutter, die den Slogan „Black Lives Matter“ mit „All Lives Matter“ beantwortet
hatte.1 In ihrem Verlauf artikulierte sich auch Judenhass, und jüdische Einrich-
tungen wurden angegriffen.
BLM wurde 2013 von drei schwarzen Aktivistinnen gegründet. Auslöser ihres
Protests war der Freispruch eines Nachbarschaftswächters, der einen unbewaff-
neten schwarzen Jugendlichen erschossen hatte. Der Protest richtet sich gegen
einen ihrer Ansicht nach systemischen, weit verbreiteten Rassismus und gegen
rassistisch motivierte Gewalt der amerikanischen Polizei speziell gegen Schwarze.
Denn nur Rassismus könne erklären, dass schwarze Amerikaner, bezogen auf
ihren Bevölkerungsanteil, häufiger von der Polizei getötet werden als Weiße,
Latinos und Asiaten. Diese Schlussfolgerung ist allerdings aus mehreren Gründen
nicht stichhaltig, wie viele Studien zeigen.2
1 Vgl. Alexander Wendt: Sucht ihre Namen, PublicoMag, 30.7.2020, www.publicomag.com/
2020/07/sucht-ihre-namen (Abruf der Internetseiten: 10.9.2020).
2 Die vermeintlich überproportionale Todesrate von Schwarzen ist eher eine einzelfallba-
sierte „gefühlte Wirklichkeit“ als statistisch belegt. (George Floyd vergleichbare Fälle ex-
zessiver Polizeigewalt gegen Weiße wie z. B. Tony Timpa erfahren weit weniger Aufmerk-
samkeit, was die Wahrnehmung verzerrt.) Zahlreiche seit den 1970er Jahren unabhängig
durchgeführte Studien staatlicher und universitärer Einrichtungen widersprechen der
Annahme, die Polizei töte unverhältnismäßig mehr Schwarze (zuletzt Universitäten Was-
hington 2015, Maryland 2019, Minnesota 2019). Der Unterschied verschwindet bzw. ver-
wandelt sich sogar ins Gegenteil, wenn man ihn sinnvollerweise nicht in Beziehung zum
Bevölkerungsanteil, sondern zur schwarzen Gewaltkriminalitätsrate und den häufigeren
Polizeikontakten setzt. Logisch: Die Polizei tötet auch mehr Männer als Frauen und mehr
Junge als Alte – aber nicht aus Männer- und Jugendhass. Einige Studien kommen sogar
zur gegenteiligen Einschätzung: Polizisten (insbesondere weiße) sind, möglicherweise aus
Sorge vor Rassismusvorwürfen, beim Schusswaffeneinsatz gegen Schwarze zögerlicher als
gegen Weiße, ein als „reverse racism“ bezeichnetes Phänomen (Lois James, Uni Washing-
358 Materialdienst der EZW. Zeitschrift für Religions- und Weltanschauungsfragen, 83/5 (2020), 358-366
MdEZW_5_2020_Inhalt.indd 358 15.09.20 11:58Zuletzt war die BLM-Bewegung in Straßenprotesten 2016 nach einem weiteren
Todesfall aufgeflammt. Im Sommer 2020 erfährt sie erstmals eine große gesell-
schaftliche, auch kirchliche Unterstützung und verbreitet sich auch international.
Angriffe und Parolen gegen Juden
Die meisten antisemitischen Vorfälle fanden in den USA statt. In Los Angeles
wurden jüdische Geschäfte zerstört und geplündert und die Statue des schwedi-
schen Judenretters Raoul Wallenberg (1912 – 1947) geschändet. Mehrere Syna
gogen wurden beschädigt und mit „Free Palestine! Fuck Israel!“ besprüht.3
Am 1. Juli mischten sich bei Demonstrationen in Washington Hasschöre gegen
Israel, das „Kinder ermordet“, mit den BLM-Parolen, während in San Diego jüdi-
sche Einrichtungen wie das Haus der Studentenorganisation Hillel angegriffen
wurden.4 Der populäre Rapper Ice Cube bekannte sich zu BLM, indem er unter
großem digitalen Beifall eine antisemitische Karikatur im Stil des „Stürmers“
postete und dazu schrieb: „All we have to do is stand up [against them] and
their little game is over.“ Ice Cube feierte auch Louis Farrakhan, den Gründer
der „Nation of Islam“ (auch „Black Muslims“ genannt), einer von Judenhass und
antiweißem Rassismus geprägten neureligiösen Gruppe. Zahlreiche Stimmen
innerhalb von BLM sehen Parallelen zwischen dem „Genozid“ und den „Lyn-
chings“ der amerikanischen Polizei an Schwarzen und Israels Behandlung der
Palästinenser, die sie ebenfalls als Völkermord bezeichnen.
Viele Medien übernahmen die Behauptung, in der Ausbildung amerikanischer
Polizisten durch israelische Kollegen werde auch die „Methode“ gelehrt, an der
ton 2015). Der selbst im Schwarzenghetto aufgewachsene Harvard-Ökonom Roland Fryer
kommentierte sein Forschungsergebnis so: „Das ist das überraschendste Resultat meiner
Karriere“ (An Empirical Analysis of Racial Differences in Police Use of Force, NBER Working
Paper No. 22399, July 2016, www.nber.org/papers/w22399). Inzwischen erheben eine Reihe
schwarzer Intellektueller öffentlich ihre Stimme gegen BLM. Vgl. Marc Neumann: Denkt
genauer nach! Warum sich auch afroamerikanische Intellektuelle gegen den modischen An-
tirassismus stellen, 30.6.2020, www.nzz.ch/feuilleton/afroamerikanische-intellektuelle-
gegen-black-lives-matter-ld.1563701. Unabhängig davon sind die Fragen nach der Härte
der amerikanischen Polizei und danach, wie viel Rassismus es dort gibt. Statistiken zeigen
Unterschiede, keine Motivationen.
3 Kosher stores, synagogues, vandalized and looted in LA protests, Jerusalem Post, 2.6.2020,
www.jpost.com/diaspora/kosher-stores-synagogues-vandalized-and-looted-in-ongoing-
la-protests-629895.
4 Vgl. Ari Hoffman: Anti-Israel demonstrations are ruining Black Lives Matter, 2.7.2020,
https://forward.com/opinion/450089/anti-israel-demonstrations-are-ruining-black-
lives-matter.
5/2020 359
MdEZW_5_2020_Inhalt.indd 359 15.09.20 11:58George Floyd bei seiner Verhaftung gestorben sei (ein Polizist hatte minutenlang
auf dessen Hals gekniet). Sogar die Evangelisch-Lutherische Kirche der USA
(ELCUSA) habe dies in offiziellen Dokumenten verbreitet, bemängelt die „Jeru-
salem Post“.5 Teilweise wird allein die Tatsache der Kooperation von israelischer
und amerikanischer Polizei als Kritikpunkt angeführt. Dies impliziere, dass die
israelische Polizei routinemäßig menschenrechtswidrige, ja mörderische Gewalt
anwende. Durch diese Behauptung wird, kritisiert die Zeitung, eine jüdische
Mitverantwortung für die Härte der amerikanischen Polizei insinuiert – eine
Variante des alten Gerüchts über die jüdische Weltverschwörung, die hinter
allem Übel stecken soll. Die amerikanische Polizei bestreitet im Übrigen, dass
ein Verhalten, das in diesem Fall zu einer Mordanklage führte, in der Ausbildung
gelehrt werde.
Die Allianz von BLM und BDS
Auch international zeigten sich antisemitische Züge von BLM. Sie sind teils auf
den Schulterschluss mit arabischer Israelkritik und deren linksextremen Unter-
stützern zurückzuführen, die mit dem Slogan „Palestinian Lives Matter“ auf den
„Black Lives Matter“-Zug aufsprangen. In Paris schwenkten Demonstranten im
Juni auf einer Antirassismus-Kundgebung Palästinenserflaggen und zeigten
Plakate mit den Aufschriften „Israel, Laboratorium der Polizeigewalt“, „Wer
ist der Terrorist?“, „Palästina den Palästinensern! Boykottiert Israel“. Über den
Place de la République scholl wie in den letzten Jahren immer häufiger der Ruf
„Dreckige Juden!“. Der Chef der linksextremen Partei „La France Insoumise“,
Jean-Luc Mélenchon (mit fast 20 % Stimmenanteil dritter Platz bei der Präsi-
dentschaftswahl 2017), erklärte zum wiederholten Male in solchen Fällen, dies
sei nicht antisemitisch zu verstehen.
Neben der engen Verbindung zur Antifa und zur linken Szene fördert auch das
Zusammengehen mit der israelfeindlichen BDS-Kampagne (Boycott, Divestment,
Sanctions) die antisemitischen Züge von BLM. Die beiden Bewegungen erklären
sich seit Jahren gegenseitig ihre Solidarität und marschieren in den Demos der
jeweils anderen mit. Die deutsche BDS-Bewegung setzt den mutmaßlichen Mord
an einem wehrlosen Schwarzen mit dem angeblich üblichen Umgang Israels mit
Arabern gleich:
5 Celia Jean: Evangelical Lutheran Church implicates Israel in George Floyd death, 2.7.2020,
www.jpost.com/israel-news/evangelical-lutheran-church-implicates-israel-in-george-flo
yd-death-633706.
360 MdEZW
MdEZW_5_2020_Inhalt.indd 360 15.09.20 11:58„So, wie die israelischen Besatzungstruppen dazu dienen, das Apartheidsystem gegen
die Palästinenser*innen weiter zu verfestigen, so dienen die US-Polizeikräfte nur
dazu, das System der Vormachtstellung und Privilegien der US-amerikanischen
Weißen weiter zu verfestigen … An unsere schwarzen Brüder und Schwestern: Eure
Widerstandsfähigkeit angesichts der brutalen Entmenschlichung ist uns eine Quelle
der Inspiration für unseren eigenen Kampf gegen das israelische Besatzungsregime,
den Siedlerkolonialismus und die Apartheid.“
Dabei würde „Israels Unterdrückungsregime“ die „indigene Bevölkerung Paläs-
tinas mit bedingungsloser Unterstützung der US-Regierung … enteignen [und]
ethnisch … säubern“.6
Antisemitismus bei BLM ist dabei kein neues Phänomen. BLM-Mitgründerin
Patrisse Cullors war schon 2015 Mitunterzeichnerin der Erklärung „Black for
Palestine“. Darin werden „Solidarität mit dem palästinensischen Kampf um
Befreiung“ und ein Ende von Israels „Besatzung Palästinas“ gefordert. Außer-
dem wird um Unterstützung für die Boykottbewegung BDS geworben.7 Am
1.8.2016 publizierte BLM eine Programmschrift8, in der man uneingeschränkte
Unterstützung für die „Befreiung Palästinas“ und für BDS sowie die Ablehnung
des „Apartheidstaats Israel“ erklärte. Dieser verübe mit US-amerikanischer
Unterstützung einen „Genozid“ am palästinensischen Volk. „Black Lives Mat-
ter and Palestine: A historic alliance“ titelte der New Yorker Professor Hamid
Dabashi dazu auf Al-Jazeera und identifizierte die „Siedlerkolonie in Israel“ mit
den amerikanischen Juden in ihrem „imperialen Lebensraum“.9 Dieses BLM-Pa-
lästina-Bündnis bezeichnet sich teilweise als „Weaponized Intersectionality“
(bewaffnete Intersektionalität); seine Forderungen laufen in ihrer Konsequenz
auf eine Auflösung des Staates Israel hinaus.
Das BLM-Manifest zog 2016 scharfe Kritik jüdischer Organisationen auf sich.
Amerikanische Juden waren von der Entwicklung auch deshalb enttäuscht, weil
6 BDS Minneapolis: Wir können nicht atmen, bis wir frei sind! Palästinenser*innen ste-
hen in Solidarität mit den Schwarzen in den USA, 30.5.2020, http://bds-kampagne.
de/2020/05/30/wir-koennen-nicht-atmen-bis-wir-frei-sind-palaestinenserinnen-stehen-
in-solidaritaet-mit-den-schwarzen-in-den-usan.
7 www.blackforpalestine.com/read-the-statement.html#.
8 The Movement for Black Lives. Policy Demands for Black Power, Freedom & Justice, 2016.
Das Dokument ist in seiner ursprünglichen Gestalt heute nicht mehr in der damaligen
Quelle auffindbar (https://policy.m4bl.org/platform), wird aber in vielen zeitgenössischen
Texten zitiert.
9 Hamid Dabashi, 6.9.2016, www.aljazeera.com/indepth/opinion/2016/09/black-lives-mat
ter-palestine-historic-alliance-160906074912307.html. Der Autor ist Iranistik-Professor
in New York.
5/2020 361
MdEZW_5_2020_Inhalt.indd 361 15.09.20 11:58das organisierte Judentum ebenso wie viele einzelne Juden jahrzehntelang zu
den aktivsten Unterstützern der Bürgerrechtsbewegung Martin Luther Kings,
ihrer Vorläufer und später von BLM gehört hatten.10
Juden zwischen den Stühlen
Paradoxe Auswirkungen hat die Entwicklung auf schwarze Juden, die sich
plötzlich zwischen den Fronten wiederfinden. Sie sind bei BLM unerwünscht,
unter anderem, weil Juden angeblich die Medien kontrollieren. Als die englische
Journalistin Nadine Batchelor-Hunt einen antisemitischen Tweet der britischen
BLM-Bewegung kritisierte, schrieb sie explizit im Duktus der BLM-typischen
Identitätspolitik „as a Black Jewish woman“. Sie erklärte ihre grundsätzliche
Unterstützung von BLM, war aber mit einer bestimmten Äußerung nicht einver-
standen.11 Daraufhin wurde sie als „white supremacist zionist whore“ beschimpft.
Als sie darüber berichtete, nahmen die Beschimpfungen zu. Ähnliches erlebte die
bekannte Reformrabbinerin Susan Talve aus St. Louis. Sie unterstützt prominent,
sogar bei religiösen Feiern im Weißen Haus, BLM und viele andere politisch kor-
rekte Anliegen (gegen Rassismus, „Islamophobie“, „Transphobie“ usw.). Aber als
sie sich in Kommentaren zu BLM weigerte, das Existenzrecht Israels infrage zu
stellen, wurde ihr aus der Bewegung Unterstützung von Genozid und Apartheid
vorgeworfen, und sie erhielt Todesdrohungen.12 Trotz solcher Vorfälle halten
viele Juden an ihrer öffentlichen Unterstützung von BLM fest.
Die lange Geschichte jüdisch-schwarzer Spannungen
Für Teile der BLM-Bewegung sind Juden jeder Hautfarbe immer schon „Wei-
ße“ und damit der natürliche Feind. Sie knüpfen dabei an ältere Traditionen
von Israelfeindschaft und Antisemitismus in der amerikanischen schwarzen
Community an.
10 Vgl. AJC: Movement for Black Lives Disparages Jews, Israel, 5.8.2016, www.ajc.org/news/
ajc-movement-for-black-lives-disparages-jews-israel.
11 As a Black Jewish woman, here’s why I thought that Black Lives Matter UK tweet was an-
tisemitic, Glamour, 3.7.2020, www.glamourmagazine.co.uk/article/black-lives-matter-
antisemitic-tweet.
12 Vgl. Nathan Guttman / Britta Lokting: Can Jews Back #BlackLivesMatter and Be Pro-Is-
rael?, Forward, 21.12.2015, https://forward.com/news/327466/can-jews-back-black-lives-
matter-and-be-pro-israel. Trotzdem unterstützt sie BLM weiter (Susan Talve / Sarah Ba-
rasch-Hagans: 10 Rules for Engagement for White Jews Joining the #BlackLivesMatter
Movement, 2020, www.truah.org/resources/10-rules-for-engagement-for-white-jews-joi
ning-the-blacklivesmatter-movement.
362 MdEZW
MdEZW_5_2020_Inhalt.indd 362 15.09.20 11:58Das antiisraelische Bündnis schwarzer und arabischer Aktivisten begann mit-
ten im „Civil Rights Movement“ 1967 mit dem Sechstagekrieg. Damals fingen
schwarze Bürgerrechtler an, die Araber als „People of Color“ zu betrachten und
sich deswegen mit ihnen im Nahostkonflikt solidarisch zu erklären. Martin
Luther King kritisierte wenige Tage vor seinem Tod diese Haltung, die einen
politischen Konflikt im Nahen Osten zu Unrecht in Rassekategorien fasse:
„The responses of the so-called young militants does not represent the position of the
vast majority of Negroes. There are some who are color consumed and see a kind of
mystique in being colored, and anything non-colored is condemned.“13
Ebenfalls 1967 hatte James Baldwin – ein Klassiker der amerikanischen Literatur
des 20. Jahrhunderts, der heute zum Schulkanon gehört – knapp konstatiert:
„Negroes Are Anti-Semitic Because They‘re Anti-White.“14 Ausdrücklich recht-
fertigte er in einem langen, mit antisemitischen Stereotypen durchsetzten Artikel
in der linksliberalen New York Times den schwarzen Hass (sic!) auf Juden, da
Juden die Ausbeuter und Kapitalisten seien. Er erklärt „den Juden“ zum Teil
des allgemeinen Feindes, der „Weißen“. Zugleich aber richtet sich dann auf den
Juden ein ganz spezieller Hass innerhalb dieses allgemeinen Hasses auf Weiße.
„He is singled out by Negroes not because he acts differently from other white men, but
because he doesn’t ... And he is playing in Harlem the role assigned him by Christians
long ago: he is doing their dirty work.“
Besonders wirft Baldwin den Juden vor, den Holocaust und ihr eigenes Leiden
zu instrumentalisieren, ein bis heute verbreitetes antisemitisches Motiv:
„The Jew does not realize that the credential he offers, the fact that he has been despised and
slaughtered, does not increase the Negro’s understanding. It increases the Negro‘s rage.“
Juden seien sogar dann hassenswert, wenn sie die schwarze Bürgerrechtsbewe-
gung unterstützen, denn sie seien ja Teil des weißen kapitalistischen Systems –
eine Argumentation, die sich in der BLM-Bewegung wiederholt.
Die gespannten Beziehungen zwischen Schwarzen und Juden in den USA boten
gelegentlich auch Anlass für gewaltsame Konflikte. In den „Crown Heights
13 „Conversation with Martin Luther King”, in: Conservative Judaism. The Rabbinical As-
sembly 22/3 (1968). Vgl. Maurianne Adams / John Bracey (Hg.): Strangers and Neigh-
bors. Relations between Blacks and Jews in the United States, Cambridge 2000.
14 James Baldwin: Negroes Are Anti-Semitic Because They’re Anti-White, New York
Times, 9.4.1967, https://movies2.nytimes.com/books/98/03/29/specials/baldwin-anti
sem.html. Nächste Zitate ebd.
5/2020 363
MdEZW_5_2020_Inhalt.indd 363 15.09.20 11:58Unruhen“ im August 1991 griffen schwarze Mobs in einem schwarz-jüdisch
gemischten Stadtteil Brooklyns drei Tage lang fast ungehindert orthodoxe Juden,
jüdische Einrichtungen und Geschäfte an, zwei Männer wurden gelyncht.
Baldwins Haltung wirkt bis heute fort. Die „Anti-Defamation League“, die Anti-
semitismus dokumentiert, resümierte noch 1998 aufgrund von Umfrageergeb-
nissen, dass ausgeprägter Antisemitismus unter Schwarzen viermal stärker
verbreitet sei als unter Weißen, wobei auch hier wieder ökonomische Faktoren
eine Rolle spielen: je niedriger der ökonomische Status und der Bildungsgrad,
desto ausgeprägter der Antisemitismus – allerdings immer höher als bei ver-
gleichbaren Weißen.15
In einer nachdenklichen Kolumne fragte kürzlich der amerikanische jüdische
Historiker Gil Troy, warum nun auch BLM zu einem „jüdischen“, zu einem
Antisemitismusthema geworden sei. Beide Gruppen hätten Diskriminierungs-
erfahrungen gemacht und stünden einander politisch nahe, nämlich fest im
Lager der Demokratischen Partei. Er führt also genau jene Parallele ins Feld, die
Baldwin 1967 den Juden so vehement vorgeworfen hatte, weil Juden damit zu
Unrecht eine Leidenserfahrung beanspruchen, die sie den Schwarzen gleichstel-
len solle. Troy fragt selbstkritisch auch nach jüdischen blinden Flecken bei der
Wahrnehmung des „schwarzen Antisemitismus“ und nach jüdischem Rassismus
gegen Schwarze. Er konstatiert aber einen wesentlichen Unterschied: Schwarzer
Antisemitismus gehöre zum Mainstream und werde von einflussreichen Eliten
gestützt. Beides könne man vom jüdischen Rassismus nicht sagen. Dieser gelte
gesamtgesellschaftlich und innerhalb der jüdischen Gemeinde als inakzeptabel.16
Neureligiöse Quellen des schwarzen Antisemitismus
Neben der rassisch und ökonomisch fundierten Tradition gibt es einen eigen-
ständigen religiös begründeten schwarzen Antisemitismus, der die üblichen
antijüdischen Vorwürfe um spezifische Elemente ergänzt und sich von anderen
Formen unterscheidet.
15 www.jewishvirtuallibrary.org/adl-survey-finds-anti-semitism-high-in-black-commu
nity.
16 „Black antisemitism is mainstreamed – and validated by some influential elites; Jewish
racism isn’t“ (Gil Troy: How today’s black and white issue became a Jewish issue, too,
Jerusalem Post, 17.6.2020, www.jpost.com/opinion/how-todays-black-and-white-issue-
became-a-jewish-issue-too-631710).
364 MdEZW
MdEZW_5_2020_Inhalt.indd 364 15.09.20 11:58Neureligiöse Bewegungen wie Farrakhans „Nation of Islam“ (muslimisch inspi
riert, gegründet 1930) und die „Black Hebrew Israelites“ (jüdisch-christlich
inspiriert, um 1900 entstanden) entwickelten jeweils eine eigenständige ideolo-
gische Grundlage dieser besonderen Form des Antisemitismus. Sie behaupten
unter anderem, die aschkenasischen (westeuropäischen) weißen Juden hätten
ihnen, den Schwarzen, ihr kulturelles Erbe gestohlen. Denn die eigentlichen
Nachfahren der alten Israeliten des Nordreichs, der „verlorenen zehn Stämme
Israels“ (2. Kö 17,6), also die wahren Semiten, seien sie selbst – eine Form einer
Substitutionstheologie.17 Teilweise erheben sie Anspruch auf den Besitz des
Landes Israel bzw. Palästinas.
Die Nation of Islam publizierte 1991, 2010 und 2016 eine dreibändige pseudo-
wissenschaftliche Studie „The Secret Relationship Between Blacks and Jews“, in
der unter anderem behauptet wird, Juden hätten den transatlantischen Sklaven-
handel überproportional dominiert und steckten hinter einer Wiedergeburt des
Ku-Klux-Klan. Beides ist nachweislich falsch; insbesondere die Rolle von Juden
im Sklavenhandel und in der Sklavenhaltung im amerikanischen Süden ist von
Historikern seit den 1960er Jahren untersucht worden, ohne dass Unterschiede
zum Durchschnitt feststellbar waren.
Während die Nation of Islam in militanter Tradition steht, sind die Black Hebrews
eigentlich eine eher zurückgezogene Gemeinschaft. Nicht immer jedoch: Aus
ihrem Umfeld kam der Anschlag auf ein koscheres Lebensmittelgeschäft in Jer-
sey City im Dezember 2019, bei dem ein Ehepaar vier Menschen erschoss. Der
Zusammenhang ist hierzulande wenig bekannt, weil fast alle Medien darauf ver-
zichteten, den Bezug zu den Black Hebrews zu erwähnen, die Täter zu beschrei-
ben oder Bilder zu zeigen, sodass der Eindruck entstehen konnte, es habe sich
um einen rechtsextremen Anschlag gehandelt.18 Der Journalist Dov Hikind
interviewte und filmte in der schwarzen Menschenmenge, die sich unmittelbar
nach den Morden vor dem betroffenen Geschäft versammelte. Mehrere aufge-
17 Die Black Hebrews bzw. Black Hebrew Israelites sind eine in den USA und Israel verbrei-
tete jüdisch-christliche Neureligion, die weder von Christen noch von Juden als zugehö-
rig anerkannt wird. Sie leben vegan und polygam und vertreten teilweise eine Ideologie
von „black supremacy“. Die jüdische „Anti-Defamation League“ und die schwarze Bür-
gerrechtsorganisation „Southern Poverty Law Center“ betrachten die Gemeinschaft als
teilweise offen antisemitisch und rassistisch.
18 Typisch etwa Zeit Online, 11.12.2019: Jüdischer Supermarkt wurde offenbar gezielt an-
gegriffen, www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2019-12/jersey-city-schiesserei-juedi
sches-geschaeft-angriff.
5/2020 365
MdEZW_5_2020_Inhalt.indd 365 15.09.20 11:58regte Stimmen äußerten sich schreiend und hasserfüllt über „die Juden“, gaben
ihnen selbst die Schuld an dem Anschlag und schienen die Morde zu bejubeln.19
Schluss
Bei alledem darf man nicht aus dem Blick verlieren, dass es beim Antisemitis-
mus in BLM um einen extremistischen Flügel innerhalb der Bewegung und der
schwarzen Community insgesamt geht. Ein Teil davon geht dem Augenschein
nach eher auf das Konto weißer linksextremer BLM-Unterstützer. Sie sind eine
substanzielle Gruppe, aber vermutlich doch eine Minderheit unter den schwarzen
BLM-Aktivisten. Denn auch unter Afroamerikanern sympathisieren fast doppelt
so viele mit Israel (48 %) wie mit den Palästinensern (27 %), was freilich deutlich
unter den Werten für weiße christliche Amerikaner liegt.20 Diese vermutliche
Mehrheit steht in der Tradition Martin Luther Kings, dessen Bewegung auf
Gewaltfreiheit setzte und den viele Juden unterstützten. Wiederholt hatte er sich
gegen Judenhass ausgesprochen und den jüdischen Beitrag zur Bürgerrechts-
bewegung betont:
„It would be impossible to record the contribution that the Jewish people have made
toward the Negro’s struggle for freedom – it has been so great.“21
Wie evangelikale weiße Christen fühlen sich auch viele Afroamerikaner aufgrund
ihres Glaubens nicht zuletzt religiös mit Israel verbunden (vgl. das Stichwort
„Christlicher Zionismus“ in diesem Heft, 386-394). Viele jener Schwarzen, die
Israel und Juden hassen, neigen entweder zum Islam oder zum Linksextremis-
mus. Ihr Leitbild ist nicht mehr Martin Luther King, sondern sind schwarze
Antisemiten wie Malcolm X und Louis Farrakhan. Deren Bilder und Anden-
ken werden auch 2020 noch von BLM-Demonstranten hochgehalten. Auch in
Deutschland.
Bis heute steht eine Distanzierung der BLM-Bewegung von ihren lautstarken und
gewalttätigen antisemitischen Anteilen sowie von ihren BDS-Unterstützern aus.
„Black Lives Matter“ ist eine ambivalente Bewegung, deren breite gesellschaftliche
Akzeptanz nicht unproblematisch ist.
19 Der Film: https://twitter.com/HikindDov/status/1204806510762741760.
20 Vgl. https://news.gallup.com/opinion/polling-matters/247937/americans-views-israel-re
main-tied-religious-beliefs.aspx; https://news.gallup.com/poll/189626/americans-views-
toward-israel-remain-firmly-positive.aspx. Rate unter weißen Amerikanern: ca. 68 %.
21 Martin Luther King: A Testament of Hope. The Essential Writings and Speeches of Mar-
tin Luther King, Jr., New York 1990, 370.
366 MdEZW
MdEZW_5_2020_Inhalt.indd 366 15.09.20 11:58Sie können auch lesen