Alles Kunst! - Reformierte Stadtkirche

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Alles Kunst! - Reformierte Stadtkirche
Alles Kunst!

Es klingt wie die Aufforderung beim Opernball: „Alles Walzer!“ Nach den Profis dürfen und
können sich alle auf dem Parkett tummeln. Die Einladung in der Kunst gibt ebendiese frei
an alle – und alles – und befreit von der vermeintlichen Reservierung für die Profis, oder
noch drastischer: die gut verkäuflichen und hochdotierten Werke Prominenter. Das Volks-
kundemuseum gibt dazu einen deutlichen Denkanstoß und lässt Künstler und Künstle-
rinnen die vermeintliche Trennlinie markieren. Zwischen den Dingen. Künstlerische
Perspektiven zur materiellen Kultur der Gegenwart (bis 21. November). Denn wo
gesammelt, sortiert, miteinander kombiniert und einfach nur ausgestellt wird, findet be-
reits Kunst statt, machen das banalste Objekt und die Gegenstände des Alltags zu einem
Kunstwerk. Das skurrilste Ding ist beispielsweise eine missratene „Farfalle“ (Schmetter-
lings-Nudel), die zum wertvollen Unikum wird, das als teuerstes und höchst versichertes
Objekt in der Vitrine mit anderer Ausschussware liegt.

Heike Bollig, Errors in Production, seit 2004

      Eine Schau der Verspieltheit, kindlicher Sammelleidenschaft und Bastelei mit dem,
was andere als überflüssig und beschädigt entsorgen, und nun zu neuen Verbindungen
und Kreationen anregt. Dementsprechend wird auch eingeladen, hier und da selbst ein-
zugreifen und zu verändern, ein neues Bild zu schaffen, ein neues Bild der Kunst wahrzu-
nehmen.

      So gesehen gewinnt die Megaschau des Œuvres von Rebecca Horn (bis 22. Jän-
ner), die dem Bank Austria Kunstforum als weitere spektakuläre Ausstellung gelungen
ist (nach Gerhard Richter und dem anderen verspielten Sammler und Sortierer Daniel
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Spoerri), einen eigenen Kick. Installationen aus überflüssig Gewordenem und der höchst
aufwendige Umbau von wertvollen Gebrauchsgütern erobern den Kunstmarkt und erzielen
Höchstpreise.

Blue Monday Strip (1993) – Schreibmaschinen, Motoren und Tinte

       Ihre Vielseitigkeit ist ihr „Markenzeichen“ wie ihre Unabhängigkeit von Strömungen
und Stilrichtungen, von denen sie sich zwar anregen lässt, sich aber ausdrücklich keiner
Bewegung oder Gruppe angeschlossen hat. Sie gehört auch nicht in die Schublade der
feministischen Kunst und ist schon mit 28 Jahren in die 1. Liga der Kunstwelt aufgestiegen
als jüngste Teilnehmerin der epochalen documenta 5 in Kassel 1972. Sie ist in den großen
Häusern vertreten, denen die Direktorin des Kunstforum Ingried Brugger dank langjäh-
riger erfolgreicher Zusammenarbeit die Ausleihe der großartigen Objekte abgewinnen
konnte.
      Rebecca Horn bedient sich in den unterschiedlichsten Genres, knüpft an Kunsttra-
ditionen, Literatur und Film an und schöpft aus Mythologien und Märchen. Sie folgt den
von ihr gesuchten und erkannten Zusammenhängen, bildet die Idee einer Geschichte und
findet über den Text und die Skizze zu einem Film. Dessen Skulpturen und Installationen
sind der aufwendigste Teil der Ausstellung. Bauliche und statische Verstärkungen waren
nötig, um einen ganzen Konzertflügel samt den integrierten Automaten zum Abspielen
der Szene „Concert for Anarchy“ von der Decke herabhängen zu lassen. Das „Relikt“ aus
ihrem Film „Buster’s Bedroom“ von 1990, ist eine Hommage an Buster Keaton.
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Eine Lungenvergiftung durch Arbeiten mit Polyester und Fieberglas, die sie, wie auch
zwei Kommilitonen, erleidet, und die durch eine schwere Tuberkuloseerkrankung verstärkt
wird, zwingt sie zu einem längeren Sanatoriumsaufenthalt und führt sie zur intensiven
Beschäftigung mit dem Körper und seiner Fragilität. Masken, die Kopf und Körper ein-
schließen, als Performance, Skulptur und Bilder mutieren zu Prothesen und verselbstän-
digen sich zu Maschinen und Automaten.

 Maskenbilder aus den frühen 70ern

      Nach ihrem Schlaganfall im Jahr 2015 und in der langen Zeit der Genesung entste-
hen „Hauchkörper“, stark reduzierte Skulpturen, die für sie „eine Sehnsucht nach Fliehen,
nach Fliegen, nach einem Austasten der Welt“ darstellen. Sie ist in ihren Werken immer
selbst mittendrin.
      Die Ausstellung ist eine Entdeckungsreise durch den Kosmos ihrer Phantasie und
Fabulierkunst, die sich von den Banalitäten des Alltags entzünden lässt wie von den Gren-
zen der Existenz.

       Einen gänzlich anderen Star der Kunstszene präsentiert das Kunst Haus Wien mit
der Fotojournalistin Susan Meiselas unter dem Titel Mediations. Eine Ausstellung aber,
die ich im krassen Gegensatz zur eben vorgestellten im Schnelldurchgang und mit zuneh-
mend unguten Gefühlen passiere. Wieviel Grausligkeiten kann man beim Blick durch das
Kameraobjektiv und mit dem Finger auf dem Auslöser ertragen? Wie viele Grausligkeiten
müssen öffentlich bebildert werden und die Nachrichten beherrschen? Susan Meiselas war
weltweit als Kriegsreporterin unterwegs und hat mit den heroisierenden Bildern der Be-
freiungskämpfer in Nikaragua, die auf den Titelseiten der großen internationalen Magazine
gelandet sind, Karriere gemacht. Nicht erst die nachträgliche Erfahrung bis in die aktuelle
Gegenwart belehrt, dass mit Krieg kein Frieden und keine Gerechtigkeit geschaffen wird.
Die Befreiungskriege in Afrika haben neue Diktaturen und Ausbeuterregime geschaffen
wie die Clique um Ortega in Nicaragua das Land immer noch ausbeutet und mit Gewalt
beherrscht. Die „Vermittlungen“, die Susan Meiselas mit ihren verschiedenen oft lang-
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jährigen Fotoprojekten erreichen will, erschließen sich mir nicht wirklich. Bilder der Spuren
häuslicher Gewalt oder die Porträts der Jahrmarktstripperinnen in Neuengland bleiben
Elendszeugnisse ohne Perspektive.
      Es gibt eine bessere Variante der Fotokunst und des Fotojournalismus. Der 2013 ins
Leben gerufene Global Peace Photo Award, der sich auf den österreichischen Friedens-
nobelpreisträger Alfred Fried beruft, wählt und prämiert jährlich unter Zehntausenden
Einsendungen aus aller Welt sechs Preisträgerinnen und Preisträger, darunter einen oder
eine in der Altersklasse bis 14 Jahre. Die Bilder und Serien zeigen Frieden und beflügeln
eine andere Wirklichkeitswahrnehmung, die positive Kräfte freilegt. Der vom Österreichi-
schen Nationalrat geförderte Wettbewerb sollte aber bitte nicht nur mit dem „Siegerfoto
des Jahres“ in der Galerie des Parlament einen dauernden Platz finden, sondern zusätzlich
eine Ausstellung aller ausgewählten Arbeiten wie es die Galerie WestLicht mit dem
World Press Photo ermöglicht.

       Für die österreichische, aus Kärnten stammende Künstlerin Ines Doujak beginnt
die Kunst ebenfalls mit Sammeln - gezieltem Sammeln, Archivieren und Erforschen. Sie
begibt sich auf die Spuren der Zusammenhänge. Krisen und Krankheiten, die Menschen
in ihrer Einbindung und Abhängigkeit von der Natur, ihre Tier- und Pflanzenwelt, zeigen
und die Auswüchse der gesellschaftlichen Expansion sowie der wirtschaftlichen Ausbeu-
tung aufdecken und sinnlich wahrnehmbar machen. Die aktuelle Pandemie hat die Ge-
mengelage noch einmal zugespitzt und sich geradezu angeboten, die Facetten der Ver-
wicklungen zu markieren. Die vielseitige Künstlerin, die sich der Fotografie, Performance,
Film und Installation bedient, erzählt, initiiert Geschichten in den Köpfen der Betrachten-
den und bedient sich dabei der früher auch in Europa gängigen Jahrmarktskultur, der
Zurschaustellung von Abartigkeiten und sonderbaren Auswüchsen bis hin in das groteske
Theater.
Für die Zusammenstellung und Inszenierung der Ausstellung in der Kunsthalle im
Museumsquartier (bis Mitte Jänner) hat Ines Doujak den Titel „Geistervölker“ ge-
wählt. Das ist eine Werkgruppe aus Collagen, wo sie die Darstellung von Hautkrankheiten
in medizinischen Lehrbücher des 19. Jahrhunderts verwendet. Doch der Titel weist auf
eine Form der Lebens- und Krankheitsbewältigung hin, die bei den indigenen Völkern in
Vermischung mit den afrikanischen Sklaven in Lateinamerika entstanden ist. Die Be-
schwörung der Geister, die in ekstatischen Tänzen und abstrusen, wunderlichen Maske-
raden als Heilmittel für einzelne Betroffene wie die erkrankte Gemeinschaft eingesetzt
wird.
      Es lohnt sich, auf Entdeckungsreise zu gehen, und den Gedankenspielen zu folgen,
bei Bedarf und Interesse, sich dazu auch einzelner angebotener Podcasts zu bedienen.
Das meiste ist selbstredend, nicht nur die drastische Skulptur, die sich den Würmern wid-
met, die aus und in unseren Körper kommen. Jedenfalls sollte man sich Zeit nehmen, die
vielen Details zu finden und die Erzählungen weiterzuspinnen. Die Buntheit, das Spieleri-
sche und absurde Überzeichnung machen das Ganze dennoch erträglich und nehmen dem
Grauen seine lähmende Gewalt.

      Auf den Spuren der Darstellung krankhafter Auswüchse kann man inzwischen wie-
der in den renovierten und sanierten Narrenturm gehen. Allein architektonisch lohnt sich
der Anblick des kunstvollen und praktischen Rundbaus, der auf Veranlassung von Joseph
II. und nach seinen Vorgaben gebaut wurde. Es durfte kein Kellergeschoss geben, nach-
dem Joseph II. in Rumänien beim Besuch der dortigen Anstalten von der menschenun-
würdigen Verfrachtung der psychisch Kranken schockiert und erschüttert war. Aber auch
die kunstvoll strukturiert Fassade des Gebäudes entpuppte sich als Problem. Die Wiener
und Wienerinnen nutzen sie bei ihren Ausflügen zum Heraufsteigen, um in die „Zellen“
hineinschauen und die Narrischen ärgern zu können. Also musste um das Gebäude extra
noch eine Mauer gezogen werden.
      Das Gebäude und die Forschungs- und Lehranstalt, die inzwischen dem Naturhis-
torischen Museum angeschlossen ist, wurde museumstechnisch den heutigen Bedin-
gungen sensibel angepasst und für Tagungszwecke ausgebaut. Studentinnen und Studen-
ten, die ihren eigenen Studien nachgehen, stehen darüber hinaus dem allgemeinen Pub-
likum auch für Fragen und eine Museumsführung zur Verfügung. Die aktuelle Pandemie
dürfte ja das Interesse erhöht haben (siehe oben genannte Ausstellung in der Kunsthalle).
Im Übrigen lassen sich hier die Spuren der einzigen weltweiten Suche entdecken, die es
nur noch im Museum gibt. Die Pocken sind die große Erfolgsgeschichte der Impfungen.
Eine Botschaft von aktueller Dringlichkeit.
       Die systematisch aufbereitete Präsentation von Krankheitsbildern, Objekten der
Missbildung, von Verletzungen und der medizinischen Behandlung bis hin zur Entwicklung
von Prothesen sind offen und ehrlich, aber ohne den Bogen des Zumutbaren zu überspan-
nen und sich an der Abartigkeit weiden zu können. Die Grenze müssen die Besucherinnen
und Besucher jeweils für sich selbst ziehen. Im Übrigen gilt ein generelles Fotografierver-
bot, das die Museen und Ausstellungshäuser angesichts der allgemeinen Smartphonebe-
waffnung längst preisgegeben haben. Hier nicht wieder die Schaulust des exotisch Krank-
haften bedienen. Die Objekte, die weiterhin aus dem Betrieb der Universitätsklink kom-
men, werden respektvoll behandelt. Sammlungen, die sich aus „Forschungen“ während
des NS-Regimes rekrutieren und – soweit es sich feststellen lässt – wo das „Menschen-
material“ von den dazu missbrauchten und grausam „vernichteten“ KZ-Häftlingen genom-
men wurde, werden entfernt und würdig beigesetzt.
      Ein Ausstellungsstück im Kapitel der Medizingeschichte hat mein kirchengeschicht-
liches Interesse getroffen und mich verführt, doch die Kamera draufzuhalten. Ein Koffer
für die mobile Apotheke des 16. Jahrhunderts, auf dessen Innenseite des Deckels ein
damals verbreitetes Flugblatt geklebt ist. Es zeigt die Porträts der fiktiv um einen Tisch
versammelten Reformatoren ganz Europas und auch der ersten aus dem 15. Jahrhundert.

        ‘t Licht is op den kandelaer gestelt

         Unter dem Titel „Das Licht ist auf den Kandelaber gestellt“ hat der Holländer Jan
Houwen seinen Wunsch für die Einigkeit und Zusammenarbeit ausgedrückt, als Ausbruch
aus dem dunklen Zeitalter. Bemerkenswert ist dieses Bild in einem Medizinkoffer. Es ist
ein Zeugnis der Nähe zwischen den theologischen und kirchlichen Reformkräften und den
Medizinern. Der von Calvin geprägte Johann Crato von Krafftheim war Leibarzt der Kaiser
Ferdinand I. und Maximilian II. und wohl nicht ganz unschuldig daran, dass Maximilian II.
evangelisch freundliche Ambitionen nachgesagt wurden. Die Nähe der praktizierenden
Mediziner und der in der Kirche aktiven Theologen und ihre gemeinsame Aufgeschlossen-
heit für die Freiheit des Geistes in Wissenschaft und Lehre ergibt sich aus ihrer beruflichen
Nähe zu den Grenzen menschlicher Existenz, insbesondere den Fragen nach dem Tod und
dessen, was diesem folgen könnte. Auch die Ärzte wussten, dass die Angstmache mit
Fegefeuer und Hölle nicht hilfreich für den Genesungsprozess oder ein friedliches Sterben
waren, sondern die Erlösung in der Botschaft der Gnade liegt. Ein Rundgang mit überra-
schender Entdeckung.

                                               Fotos und Text Johannes Langhoff
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