Corona und Reha Schwerpunkt - BAR | REHA-INFO - Perfect Page

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Bundesarbeitsgemeinschaft
                   für Rehabilitation

Schwerpunkt

Corona und Reha

     BAR | REHA-INFO
     3/2021
Corona und Reha Schwerpunkt - BAR | REHA-INFO - Perfect Page
Editorial

          Inhalt
       3 Tipps & Tools

      4   Schwerpunkt
     		   Corona und Reha
     		   COVID-19: eine Pandemie                                                                 Prof. Dr. Helga Seel
     		   mit Langzeitfolgen                                                                      Geschäftsführerin der BAR

      6 Corona – und jetzt?
     		 Auswirkungen von SARS-CoV-2
     		 auf den Beratungsalltag                                        Liebe Leserin und lieber Leser,
      8 Wie die Beruflichen Trainings-
                                                                       in ungewöhnlichen Zeiten, wie in der aktuellen Krise, zeigt sich, wie
     		 zentren (BTZ) der Pandemie trotzen
                                                                       eine Gesellschaft funktioniert. Die COVID-19-Pandemie schärft den
      9 Interview: Kinder und                                          Blick auf die Stärken und Schwächen unserer gesellschaftlichen Sys-
     		 Jugendliche unter Druck
                                                                       teme. Vieles steht auf dem Prüfstand, etwa in der Arbeitswelt und
     10 Reha-Entwicklung                                               im Gesundheitswesen. Die rehabilitative Versorgung in der Pandemie
     		 Interview: Corona-Krise stärkt                                 ist auf vielfältige Weise betroffen. Die Zahl der angetretenen Reha-
     		 Stellenwert von Rehabilitation                                 Maßnahmen ging im vergangenen Jahr zurück. Die Situation ist aus-
     12 Recht                                                          gesprochen dynamisch und ein umfängliches Lagebild ist nur mit
     		 Entschädigung nur bei                                          Vorbehalt möglich. Absehbar ist aber bereits jetzt, dass die COVID-
     		 nachgewiesenem Impfschaden –                                   19-Spätfolgen auch die Rehabilitation vor große Herausforderungen
     		Soldatenversorgungsrecht                                        stellen wird. Da das Corona-Virus neben der Lunge auch andere Or-
                                                                       gane wie Herz, Nieren, Leber und Gehirn befallen kann, ist das Spek-
          Impressum                                                    trum der Langzeitfolgen vielfältig. Viele Menschen, die von Corona
          Reha-Info der BAR, Heft 3, Juni 2021                         genesen sind, werden in ihrer Teilhabe zumindest vorübergehend ein-
          Herausgeber: Bundesarbeitsgemeinschaft für                   geschränkt sein und Unterstützung benötigen.
          Rehabilitation (BAR) e. V., Solmsstr. 18,
          60 486 Frankfurt am Main                                     Das Ausmaß dieser Krankheitsfolgen erfordert ein hohes Maß an
          Verantwortlich für den Inhalt:                               medizinischem, therapeutischem und organisatorischem Einsatz.
          Prof. Dr. Helga Seel
                                                                       Einrichtungen der medizinischen und beruflichen Reha, Beratungs-
          Redaktion: Günter Thielgen (verantwortlich), Dr. Regina
          Ernst, Franziska Fink, Bernd Giraud, Dr. Teresia Widera      stellen und Trainingszentren stehen mit an vorderster Front bei der
          Rechtsbeitrag: Dr. Thomas Stähler und Marcus Schian          Bewältigung der Folgen der Pandemie und werden auch mittel- und
          Statistik: Dr. Teresia Widera, Christian Brand
                                                                       langfristig eine wichtige Rolle spielen.
          Telefon: 069/605018–0
          E-Mail: info@bar-frankfurt.de                                Die Rehabilitation bietet Chancen und Möglichkeiten, Long-COVID-
          Internet: www.bar-frankfurt.de
                                                                       Patienten zu unterstützen und die Folgen ihrer Erkrankung zu lindern.
          Die Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation e. V.
          (BAR) ist der Zusammenschluss der Reha-Träger. Seit          Es gibt mittlerweile eine Reihe von Handreichungen und Informatio-
          1969 fördert sie im gegliederten Sozialleistungssystem
                                                                       nen zum Thema Reha und Corona. Die BAR selbst berichtet auf ihrer
          die Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigungen. Die
          BAR koordiniert und unterstützt das Zusammenwirken           Website über aktuelle Entwicklungen in Rehabilitation und Teilhabe
          der Reha-Träger, vermittelt Wissen und arbeitet mit an
          der Weiterentwicklung von Rehabilitation und Teilhabe.       im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie.
          Ihre Mitglieder sind die Träger der Gesetzlichen Renten-,    Wie Menschen im Gesundheitswesen und anderswo unter Ausnah-
          Kranken- und Unfallversicherung, die Bundesagentur
          für Arbeit, die Bundesländer, die Bundesarbeitsgemein-       mebedingungen ihre Arbeitsabläufe engagiert und kreativ und mit
          schaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen,
          die Bundesarbeitsgemeinschaft der überörtlichen Träger
                                                                       großer Verantwortung für die ihnen anvertrauten Menschen organi-
          der Sozialhilfe und der Eingliederungshilfe, die Kassen-     sieren, zeigen die Beiträge in dieser Ausgabe der Reha-Info. Sie be-
          ärztliche Bundesvereinigung sowie die Sozialpartner.
                                                                       richten aus ihrem Arbeitsalltag und der Beratung und Unterstützung
          Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise,
          sind nur mit Genehmigung der BAR gestattet.                  von Menschen mit Behinderungen unter Corona-Bedingungen. Der
          Druck: reha gmbh, Saarbrücken                                deutlich erkennbare besonnene und sachliche Umgang mit der Krise
          Druckauflage: 3.000 Exemplare
                                                                       vermittelt Zuversicht, die wir alle brauchen.
          Schlussredaktion und Grafik: Perfect Page, Karlsruhe
          Jill Köppe-Ritzenthaler, Clarissa Rosemann
          Titelbild: Paulista, adobe stock                             Ich wünsche Ihnen eine spannende Lektüre,
          Composing: Clarissa Rosemann
                                                                       Ihre Helga Seel
          Gedruckt auf Umweltpapier Circleoffset Premium White,
          FSC®-zertifiziert, Blauer Umweltengel und EU Ecolabel

2   Reha-Info der BAR | 3-2021
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Tipps & Tools

    

                                                                                                                                Foto: metamorworks, istock
            E-Learning

● Kooperation der Reha-Träger
  im Reha-Prozess
   Modul 3 des E-Learning-Kurses der
BAR zur „Kooperation der Reha-Träger
im Reha-Prozess“ ist online. Dort, wo
konkrete Situationen der trägerüber-
greifenden Zusammenarbeit entstehen,
knüpft Modul 3 an, beleuchtet den Re-
ha-Prozess als Ganzes und im Einzel-
nen die Kooperation und Koordination
der Reha-Träger in wichtigen Phasen.
Damit ist der E-Learning-Kurs der BAR            www.bar-frankfurt.de > Service > Fort- und Weiterbildung > E-Learning
komplett.

            Corona – rechtliche Entwicklungen                                                         Leichte Sprache

● Auf einen Blick                                                                     ● Überarbeitung Wegweiser
   Die BAR gibt auf ihrer Website Informationen zu aktuellen Entwicklungen im           Reha und Teilhabe
Bereich Rehabilitation und Teilhabe, die in Zusammenhang mit der Corona-Pan-              Mit dem Bundesteilhabegesetz
demie stehen. Angeführt werden in erster Linie bundesweite und trägerübergrei-        (BTHG) hat sich der rechtliche und sys-
fende Regelungen. Die Übersicht wird regelmäßig aktualisiert. Hier finden Sie unter   temische Kontext des Bereichs Reha
anderem Informationen zu den Sozialschutzpaketen, zum COVID-19-Krankenhaus-           und Teilhabe grundlegend verändert.
entlastungsgesetz, Empfehlungen und Rundschreiben im Bereich der Reha-Träger          Der Wegweiser Reha und Teilhabe in
und weitere nützliche Links.                                                          Leichter Sprache erläutert die neuen
                                                                                      Regelungen und

                                                                                                                                                             Foto: Andreas Haertle, adobe stock
      www.bar-frankfurt.de > Themen > Corona-Rechtliche-Entwicklungen                 wird in mehreren
                                                                                      Heften herausge-
                                                                                      geben. Heft 1 er-
                                                                                      scheint in Kürze
                                                                                      unter dem Titel
                                                                                      „Re­ha und Teil-
            Bedarfsermittlung                                                         habe – Die wich-
                                                                                      tigsten neuen Re­-
● Basis- und Fokusseminar                                                             g­e­lun­gen“.
   Die BAR bietet auch 2021 zwei Seminare zur Bedarfsermittlung nach dem SGB              Weitere Hefte
IX an. In einem Onlineseminar (29.09.2021) lernen Sie die Bedarfsermittlung im Re-    werden im Laufe des Jahres folgen. Sie
ha-Prozess kennen. In dieser Phase geht es darum, die Bedarfe des Menschen zu         befassen sich unter anderem mit den
ermitteln und Teilhabeziele zu entwickeln. Im Fokusseminar (03.11.2021) geht es       neuen Regelungen in den Bereichen Ge-
darum zu verstehen, wie bei der Bedarfsermittlung konkret vorzugehen ist. Darüber     sundheit und Pflege, Bildung und Ausbil-
hinaus bietet das Seminar Raum zum Austausch über Best-Practice-Beispiele, In­-       dung, Arbeit oder Familie und Freizeit.
strumente und Verwaltungsverfahren, um Impulse für die eigene Arbeit zu bekom-
men. Das Fokusseminar ist in Präsenz geplant.                                                www.bar-frankfurt.de >
                                                                                             Service > Publikationen >
      www.bar-frankfurt.de > Service > Fort- und Weiterbildung                               Reha-Grundlagen

                                                                                                       Reha-Info der BAR | 3-2021                                                                 3
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Corona und Reha

                                                                                                                                              Foto: Andrey Kiselev, adobe stock
                Info
        Die genauen Quellen-
      angaben zu den Corona-
     Zahlen sind aufgeführt auf
        www.bar-frankfurt.de
       > Zahlen-Daten-Fakten
         > Zahlen zu Corona

     Herausforderungen auf allen Ebenen
     COVID-19: eine Pandemie mit Langzeitfolgen
     Als Anfang 2020 die ersten Medien            fast 5.000. Viele Menschen                                     sollen 10 bis 20 Prozent
     über SARS-CoV-2 berichteten, ei-             haben aber auch die Infektion                                  der COVID-19-Patientin-
                                                                                         3,61 Mio.
     nem ominösen Virus, das sich in der          überstanden, manche sind             bisher in Deutsch-        nen und Patienten unter
     bis dahin weitgehend unbekannten             jedoch nicht vollständig ge-          land gemeldete           Corona-Langzeitfolgen
                                                                                        COVID-19-Fälle
     chinesischen Stadt Wuhan wie ein             nesen. Dazu zählen auch die           (Stand: 19.5.2021)
                                                                                                                 leiden. Da das Corona-
     Lauffeuer ausbreitete, ahnten wohl           Patientinnen und Patienten,                                    Vi­rus neben der Lunge
     nur die wenigsten, was auf die Welt          die trotz überstandener Co-            3,34 Mio.               auch andere Organe wie
                                                                                       bisher in Deutsch-
     zukommen würde. Von den verstö-              rona-Virus-Infektion unter er-                                 Herz, Nieren, Leber und
                                                                                       land verzeichnete
     renden Bildern von Kühlwagen vor             ­heblichen COVID-19-Spätfol­             genesene              Gehirn befallen kann, ist
     Krankenhäusern wie in Bergamo                gen leiden. „Post-Covid-Syn-          COVID-19-Fälle           auch das Spektrum der
                                                                                        (Stand: 19.5.2021)
     oder New York, über das Erliegen             drom“ oder „Long Covid“ nen­-                                  Langzeitfolgen vielfältig.
     weiter Teile des öffentlichen und            nen Fachleute dieses neue                86.665                    Die Corona-Pandemie
     wirtschaftlichen Lebens und einem            Krankheitsbild. Zudem gibt es       bisher in Deutschland      hat das Land und die
                                                                                      dokumentierte Todes-
     gigantischen Konjunkturpaket, bis            Menschen, die zwar nicht an          fälle im Zusammen-
                                                                                                                 Welt in einen Ausnahme­
     hin zur zeitweiligen Einschränkung           COVID-19 erkrankt sind, aber         hang mit COVID-19         zustand versetzt. Sie hat
                                                                                        (Stand: 19.5.2021)
     von Grundrechten: Das Virus wurde            unter den seelischen Aus-                                      Auswirkungen auf al­le Be­-
     zu einer „demokratischen Zumu-               wirkungen der Co­­rona-Pan­-            9,9 Mio.               reiche des alltäglichen Le-
     tung“, wie Bundeskanzlerin Angela            demie leiden. Mitt­ler­weile gilt     bisher vollständig       bens (insbesondere Kon­
     Merkel in einer Pressekonferenz              es als erwiesen, dass ein Teil       gegen SARS-CoV-2          takt-, Be­triebsbeschrän­
                                                                                       geimpfte Personen
     konstatierte.                                der an COVID-19 erkrankten             in Deutschland          kungs- und Hygiene- bzw.
                                                  Menschen nach Abschluss               (Stand 19.5.2021)        Infektionsschutzverord-

    S
             either sind mehr als drei Millio­    ihrer akuten Behandlung mit                                    nungen), das Gesund-
             nen Menschen in Deutschland          anhaltenden Beschwerden und Corona-            heitssystem und die Ausgestaltung der
             an COVID-19 erkrankt, beinahe        Spätfolgen zu kämpfen hat (vgl. dazu           Gesundheits- und Sozialpolitik. Auch die
     80.000 sind im Zusammenhang mit dem          z. B. Studien von Maxwell 2020; Taquet         rehabilitative Ver­sorgung ist auf vielfälti-
     Virus gestorben und die Zahl der Corona-     et al. 2020; Townsend et al. 2020; Van         ge Weise betroffen. Die Situation ist dy-
     Intensivpatienten ist aktuell nach wie vor   den Borst et al. 2020). Wissenschaft-          namisch und Prognosen lassen sich nur
     auf einem hohen Niveau, zurzeit sind es      lichen Forschungsergebnis­sen zufolge          mit Vorbehalt stellen.

4   Reha-Info der BAR | 3-2021
Corona und Reha

Beeinträchtigungen bei Corona-Langzeitfolgen, auch „Post-Covid-Syndrom“ oder „Long Covid“ genannt
 Geschwächter Allgemeinzustand               Psychische Probleme im Umgang mit             Gefäßerkrankungen mit Risiko z. B.
  mit allgemeiner Schwäche, Kraft-             und bei der Bewältigung der COVID-19-          für Herzkreislauferkrankungen
  minde­rung und Einschränkung in              Erkrankung und ihrer Folgen, Reduk­           Nerven- und Gehirnschädigungen,
  der Be­wegung                                tion der Lebensqualität, Unruhe,               zum Teil mit starken Schmerzen der
 Andauernde Müdigkeit (Fatigue)               Stress Reaktionen, Angst, auch so-             Extremitäten, Gefühlsstörungen bzw.
                                               ziale Angst, depressive Verstimmung            Sensibilitätsstörungen an Händen
 Lungenschäden, Atem- bzw. Luftnot,
                                               und Reizbarkeit, Existenzsorgen                und Füßen, Lähmungen, kognitiven
  Husten, Langzeitfolgen der Beatmung
                                              Psychosomatische Beschwerden wie               Beeinträchtigungen unter Einschluss
 Verlust des Geruchs- und Ge-
                                               Herzklopfen, Atemnot, Magen-Darm-              von Gedächtnisproblemen, Konzen-
  schmackssinns und nur langsame
                                               Beschwerden, Kopfschmerzen und                 trationsstörungen, Wortfindungsstö-
  bzw. unvollständige Erholung dieser
                                               Schlafstörungen                                rungen, Unruhe und Verwirrtheit
  Sinnesfunktionen

In der medizinischen Rehabilitation gibt     schaftlichen Medizinischen Fachgesell­         Wie geht es weiter?
es Auswirkungen auf verschiedenen Ebe­       schaften (AWMF) stellt auf ihrem Portal        Die Forschungslage ist zwar noch in-
nen: Rehabilitationseinrichtungen sind       AWMF online Empfehlungen und Leitli­           konsistent, Fachleute aus Medizin und
angehalten, zu schließen und wieder zu       nien bereit, u. a. klinisch-ethische Empfeh-   Psychotherapie gehen aber davon aus,
öffnen. Sie verzeichnen Einnahmeaus-         lungen zu Entscheidungen über die Zu-          dass es verstärkt zu körperlichen und
fälle und Umsatzeinbrüche. Branchen-         teilung intensivmedizinischer Ressour­-        seelischen Folgeschäden in Folge der
verbände warnen vor sich zuspitzenden        cen im Kontext der COVID-19-Pandemie,          Corona-Pandemie und damit zu Beein-
Notlagen von Reha-Kliniken. Viele Ein-       Empfehlungen zur intensivmedizi­nischen        trächtigungen der Erwerbsfähigkeit und
richtungen fürchten, trotz Corona-Hilfen     Therapie von Patientinnen und Patien­
                                                                                 -          der Teilhabe allgemein kommen wird.
wirtschaftlich nicht zu überleben.           ten mit COVID-19, Handlungsempfeh-                Das könnte zu einem Anstieg des
   Der Klinikalltag in Rehabilitations-      lungen zur häuslichen Isolierung von           Reha-Bedarfs führen – sowohl für Men-
einrichtungen verändert sich. So führen      Verdachtsfällen und COVID-19-Fällen            schen, die mit dem COVID-19-Virus in-
Hygienevorschriften zu Anpassungen in-       mit leichtem Krankheitsbild, Patienten-        fiziert wurden, als auch für diejenigen,
­terner Prozesse, beispielsweise bei Gru-    leitlinien, Informationen zum Corona-          die durch anderweitige Auswirkungen
pensitzungen. Die somatischen (Multi-        Virus für die hausärztliche Praxis oder        der Pandemie gesundheitlich belastet
organkrankheit) und psychosozialen Fol-      Leitlinien zur Therapie von Patientinnen       sind. Sicher ist, dass die Gesellschaft
gen von Corona treten in den Vorder-         und Patienten mit COVID-19 aus pal-            im aktuellen Corona-Alltag und für den
grund. Es stellen sich Fragen der An-        liativmedizinischer Perspek­tive. Die BAR      Post-Corona-Alltag erhebliche Anpas-
schlussversorgung nach überstandener         berichtet auf ihrer Website über aktuelle      sungsleistungen in allen Bereichen voll-
Corona-Erkrankung.                           Entwicklungen im Bereich Rehabilitation        ziehen muss. Wie das „neue Normal“
                                             und Teilhabe, die in Zusammenhang mit          dann aussehen wird, wird sich noch zei-
Hilfs- und Informations-                     der Corona-Pandemie stehen.                    gen müssen.
angebote
Mittlerweile gibt es aber auch ein gan-
zes Potpourri an Hilfsangeboten. So ha­-           Hilfs- und Informationsangebote
ben mehrere Träger und Institutionen In-            Kompetenznetz Public Health COVID-19 (vor allem für Behörden,
­formationsseiten, Blogs, FAQ‘s, Stellung­           Institutionen und politische Entscheiderinnen und Entscheider)
nahmen und Handreichungen zum The-                   www.public-health-covid19.de
ma Reha und Corona veröffentlicht. Es hat           Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesell-
sich ein Kompetenznetz Public Health                 schaften (AWMF) Soziale Teilhabe und Lebensqualität in der stationären
zu COVID-19 gebildet, das verschiede­                Altenhilfe unter den Bedingungen der COVID-19-Pandemie
ne Handreichungen zur Verfügung stellt,              www.awmf.org/die-awmf/awmf-aktuell/aktuelle-leitlinien-und-
u. a. zum Arbeitsschutz, zu psychi-                  informationen-zu-covid-19
schen Arbeitsbelastungen oder zur                   Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation
so­zialen Isolation als Mortalitätsrisiko.           www.bar-frankfurt.de > Themen > Corona-Rechtliche-Entwicklungen
Die Arbeitsgemeinschaft der Wissen-

                                                                                                          Reha-Info der BAR | 3-2021   5
Corona und Reha

     Corona – und jetzt?
     Auswirkungen von SARS-CoV-2 auf den Beratungsalltag
     Ein Erfahrungsbericht zweier Reha-
     Manager aus dem Bereich Berufs-
     krankheiten der Unfallkasse Baden-
     Württemberg (UKBW) in Karlsruhe

    D
              ie Unfallkasse Baden-Württem-
              berg zählt zu den gesetzlichen
              Unfallversicherungsträgern    in
     Deutschland und ist zuständig für Ar-
     beitsunfälle und Berufskrankheiten.
        Auch im Bereich Rehabilitation und
     Teilhabe stellt uns die Pandemie vor gro-
                                                                Gerlinde Aufmuth-Ott,                         Louis Steffen,
     ße Herausforderungen, da die vollum-
                                                              BK-Reha-Managerin UKBW                     BK-Reha-Manager UKBW
     fängliche bedarfsorientierte Beratung
     unserer Versicherten in diesem Bereich
     besonders wichtig ist.                       dass dieser um­fängliche, aber auch sen-       derjenigen, die an Krebs erkrankt oder
                                                  sible Bera­tungs­bereich am besten im di-      aufgrund einer anderen Erkrankung als
     Persönliche Kontakte                         rekten Kon­takt zu unseren Versicherten        Risiko-Versicherte gelten.
     erschwert                                    erfolgen kann.
     Wir sind adressatenorientierte und trä-          Vor der Pandemie haben uns die Ver-           Diese Aspekte standen zu Beginn der
     gerunabhängige Berater nach Standards        sicherten zurückgemeldet, dass sie be-         Pandemie dem persönlichen Beratungs-
     des Sozialgesetzbuchs (SGB, insbeson-        sonders den persönlichen Kontakt vor           ansatz vor Ort entgegen. Um dennoch bei
     dere SGB VII und SGB IX). In dieser Funk-    Ort sehr schätzen und auch wünschen.           den Versicherten zu sein, haben wir den
     tion sind wir für die Planung, Steuerung,    So haben wir in den vergangenen Jahren         telefonischen Kontakt verstärkt genutzt
     Begleitung und Evaluation                                    den persönlichen Kontakt       und ausgebaut. Andererseits haben die
     der medizinischen Reha-                                      immer weiter ausgebaut         Versicherten selbst zunehmend Kontakt
                                          - 15,5 %
     bilitation zuständig, außer-                                 und eine hohe Akzeptanz        per E-Mail zu uns aufgenommen.
                                        (= 2,1 Mio.)
     dem für die berufliche und           Rückgang der            bei der Umsetzung unserer         Durch den Ausbau der Hygienemaß-
     soziale Teilhabe und die           Patientenzahlen in        Beratertätigkeit   erfahren    nahmen (Handdesinfektion, FFP2-Mas-
                                       deutschen Kranken-
     Teilhabe an Bildung auf                                      können.                        ken) und dem Start der Impfkampagnen
                                       häusern von Januar
     der Grundlage von Teilha-       bis September 2020 im                                       konnten wir den persönlichen Kontakt
     be- und Rehaplänen.                Vergleich zu 2019             Die Pandemie hat nicht     bedingt wiederherstellen.
        Das     Aufgabengebiet                                    nur zu Abstands- und Hy-          Mit Einverständnis der Gesprächs-
                                             52 %
     um­fasst die komplette Fest-      Anteil der stationär       gienevorschriften geführt,     und Netzwerkpartner – neben unseren
     stellung und Be­ar­beitung       behandelten COVID-          sondern   auch zur      Ein-   Versicherten sind das Arbeitgeber, Ärz-
                                      19-Patienten, die 70
     aller in Frage kommenden        Jahre oder älter waren
                                                                  schränkung der Kontakte        tinnen und Ärzte, Therapeutinnen und
     Teilhabeleistungen, insbe-                                   zu unseren schwerstkran-       Therapeuten und andere – führen wir,
     ­son­dere auch von er­gän-             33 %                  ken Versicherten. Diese        wo immer es möglich ist, persönliche
                                       Anteil der stationär
     ­zenden Leistungen (bei­                                     neue Lage stellte uns vor      Beratungen durch.
                                      behandelten COVID-
     spiels­weise Wohnungs- und         19-Patienten, die         die Frage, wie wir unserem        So nehmen wir beispielsweise im
     Kfz-Hilfe), die nachgehende       jünger als 60 Jahre        Beratungsansatz       weiter   Rahmen unserer Sprechstunden (Haut,
                                              waren
     Betreuung von schwerver-                                     gerecht werden können.         Atemwege oder Rücken) an Untersu-
     letzten Versicherten sowie            1,6 Mio.                   Oberste Priorität hat      chungen mitsamt Erstellung von Re-
     die Sicherstellung der quali-      Aufgeschobene             für uns die Sicherheit und     ha-Plänen teil oder an Arbeitgeberge-
                                        Operationen im
     fizierten Pflege. Bereits aus                                Gesundheit unserer Ver-        sprächen im Rahmen des Betrieblichen
                                       Corona-Jahr 2020
     den Aufgaben ist ersichtlich,                                sicherten, ganz besonders      Eingliederungsmanagements. Nicht zu­-

6   Reha-Info der BAR | 3-2021
Corona und Reha

                                                                                                                      Instrument für die weitere Planung und

                                                                                     Foto: DC Studio, adobe stock
        10-20 %                                                                                                       Steuerung der medizinischen, berufli-
  COVID-19-Genesene, die                                                                                              chen und sozialen Teilhabe.
   mit Langzeitfolgen zu
 kämpfen haben (unabhän-
 gig von dem Schweregrad                                                                                                   Selbst nach erfolgreicher stationä-
   der vorausgegangenen
                                                                                                                      rer Reha-Maßnahme ist in den meisten
   COVID-19-Erkrankung)
                                                                                                                      Fällen eine nahtlose ambulante Wei-
          34 %                                                                                                        terbehandlung unserer Versicherten
    Anteil der Menschen,                                                                                              un­abdingbar. Aus unseren bisherigen
   die sechs Monate nach
  einer COVID-19-Erkran-                                                                                              Erfahrungen und dem Verlauf der Virus-
     kung neurologische                                                                                               infektion konnten wir erkennen, dass
     oder psy­chiatrische
  Erkrankungen aufweisen
                                                                                                                      sich die Zeit der Rekonvaleszenz lange
                                                                                                                      hinziehen kann. Um eine schnelle, ge-
                                                                                                                                      zielte     und    effiziente
letzt führen wir bedarfsorientierte Be-      Un­sere Teilnahme an den                                                                 Rehabilita­tionswirkung
ratungen unserer Versicherten an ihren       Untersuchungsterminen in                                                                 zu erzielen, nutzen wir
                                                                                                                    36 %
Wohnorten oder in unseren beiden Ver-        den Praxen unserer (Bera-         der Befragten mit Bedarf                               weiterhin    das     Instru-
waltungsgebäuden in Stuttgart und            tungs)-Ärztinnen und Ärz-          an Gesundheitsversor-                                 ment der regelmäßigen
                                                                                gung berichten von Be-
Karlsruhe durch.                             te kristallisiert sich als sehr   handlungsverzögerungen                                 telefonischen/persönli-
                                             effizient und wichtig für           im Corona-Jahr 2020                                  chen Beratung nach der
Hoher Beratungsbedarf                        unsere Versicherten he­                                                                  stationären Reha-Maß-
mit steigender Tendenz                       raus. Wir erreichen damit                                       + 12 %                   nahme mit Hinzunahme
                                                                                Steigerung der Anzahl
Das Corona-Virus hat uns Reha-Manager        die optimale nahtlose Be-           der Arbeitslosen mit                                 einer Ärztin/eines Arz-
vor neue Herausforderungen gestellt. Es      darfsermittlung, ganz im            Schwerbehinderung                                    tes für die Koordination.
                                                                                 zwischen März 2020
steht auf der Liste der Berufskrankhei-      Sinne einer ganzheitlichen                                                               In unserer Beratungstä­
                                                                                   und März 2021
ten, wird unter bestimmten Vorausset-        Beratung.                                                                                tigkeit im BK-Reha-Ma-
zungen auch als solche anerkannt und                                                                                40 %              nagement wenden wir
geht mit multiplen und nicht erforschten         Neben den ambulanten          Anteil der erwerbstätigen                              derzeit hauptsächlich die
                                                                               Personen in Deutschland,
Komorbiditäten einher. Versicherte, die      Therapiemöglichkeiten bie-        die Einkommenseinbußen                                 oben genannten Maß­
sich mit SARS-CoV-2 infiziert haben, ha-     ten wir bei entsprechender          im Corona-Jahr 2020                                  nahmen an, die allen Be­-
                                                                                  hinnehmen mussten
ben einen hohen Beratungsbedarf, der         Indikation und Reha-Fä­                                                                  rufserkrankten       zu­teil­
monatlich steigt. Diesem Wunsch wollen       hig­keit eine stationäre Re-                                       + 21 %                wer­den.
und können wir entsprechen, indem wir        habilitationsmaßnahme in           Steigerung der Anzahl
immer mehr Netzwerke aufbauen. Gera-         mittlerweile darauf spezia­           der Arbeitslosen                                       Aus den genannten
                                                                                 zwischen März 2020
de in einer solch schwierigen Zeit spielen   lisierten Post-Covid-Re­ha-            und März 2021                                     Grün­den, nach unseren Er-
Netzwerkpartner eine wichtige Rolle.         Einrichtungen an. In diesem                                                              fah­rungen und vor allem
                                             Zuge möchten wir unse­re                                    6 Mio.                       den zahlreichen po­siti­
                                                                                Personen in Kurzarbeit
   Anlaufstellen waren anfänglich die        Abschlussgespräche         un-         im April 2020                                     ven Rückmeldungen un-
niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte         mittelbar vor Entlassung                                                                 ­se­rer Versicherten möch­-
verschiedener Fachrichtungen wie zum         aus der stationären Maß­               2,85 Mio.                                         ten wir unsere Kollegin-
                                                                                Personen in Kurzarbeit
Beispiel Lungenfachärzte, Kardiologen,       nah­
                                                me besonders hervor-                                                                  nen und Kollegen aus
                                                                                   im Januar 2021
Neurologen, aber auch Therapeutinnen         heben. Diese werden im                (Hochrechnung)                                     dem Bereich Reha-Ma-
und Therapeuten aus dem Bereich Phy-         Rahmen von Video- oder Te-                                                               nagement         ermuntern,
sio- und Ergotherapie. Wegen der zu-         lefonkonferenzen gemein­-
                                                                                                2,2-mal                               den persönlichen Kon-
                                                                                                 mehr
nehmenden Zahl an Erkrankten und der         sam mit Ärztinnen und Ärz-                                                               takt zu Versicherten auch
                                                                                   Fehltage aufgrund
schon vor der Pandemie bestehenden           ten, Therapeutin­nen und          einer COVID-19-Diagnose                                in diesen schwierigen
Engpässe bei der schnellen Vergabe von       Therapeuten und unseren               bei Fachkräften in                                 Zeiten aufzubauen und
                                                                                  Kontakt mit Kindern
Untersuchungsterminen bei Fachärztin-        Versicherten durchgeführt.          gegenüber solchen in                                 aufrecht zu erhalten.
nen und -ärzten, greifen wir nun zusätz-     Diese Abschlussge­sprä­che         anderen Arbeitsfeldern
lich auf unsere Beratungsärzte zurück.       dienen uns als hilfreiches

                                                                                                                                    Reha-Info der BAR | 3-2021        7
Corona und Reha

     Abrupte Änderung für alle Beteiligten
     Wie die Beruflichen Trainingszentren (BTZ)
     der Pandemie trotzen
     Die weltweite Pandemie stellt auch die berufliche Rehabilitation und ihre
     Beteiligten vor völlig neuartige Herausforderungen, für die es keine vorge-
     fertigten Herangehensweisen gibt.

    D
             ie Organisation der Beruflichen      erschwert (beispielsweise Beantra­gung
             Trai­ningszentren musste nicht       von Maß­nahmen nach Sozialdienst­leis­
             nur den Umgang mit Corona-           ter-Ein­satzgesetz oder An­forderung ein-
     Fällen unter Teilnehmenden und Mitar­        zelfallbezogener Beantra­gungen).
     beiten­den regeln. Sie sah sich auch stän-       Die Beruflichen Trainingszentren ha­-
     dig und rasch wechselnden Vorgaben           ben sich innerhalb kürzester Zeit der Pan­
     von Politik und Leistungsträgern gegen-      de­mielage angepasst, um den Teilneh­-                      Heiko Kilian,
     über. Betretungsverbote mit vorüber­
                                        -         menden die Fortsetzung ihrer Reha-                 Geschäftsführer BAG-BTZ Berlin

     gehenden Schließungen einiger Stand-         Maßn­ahmen zu ermöglichen: Flächen-
     orte, Abstandsregelungen und Hygiene-        deckend wurde das Training auf Home­          dass eine Rückkehr an seinen Arbeits-
     konzepte machten die Nutzung vieler          office-Betrieb umgestellt. Die digitale       platz denkbar wurde.
     Räumlich­keiten unmöglich, Gruppenan-        In­frastruktur wurde aufgerüstet – Hard-         Sechs Wochen nach Beginn erzwang
     gebote konnten nicht mehr stattfinden,       ware für Teilnehmende (Laptops/Tab-           die Pandemie eine Unterbrechung seiner
     Trainingsbe­reiche nur eingeschränkt         lets) be­­schafft und eingerichtet, zusätz-   Trainingsmaßnahme. In den täglichen
     oder nicht mehr genutzt werden.              liche Schulun­
                                                               gen organisiert und neue         telefonischen Kontakten mit seiner Psy-
        Die wirtschaftlichen Folgen waren ab­-    Software ein­ge­kauft oder auch in Win-       chologin berichtete er, wie er sich erneut
     seh­bar – es gab Einbrüche in der Bele­      deseile ent­wickelt oder angepasst. Bera-     ins Bett zurückziehe und nur mit großer
     gung, deren Steuerung massiv erschwert       tung und Betreuung erfolgten nun online       Anstrengung imstande sei, das Haus für
     war. Unterstützung durch die Leistungs­      oder te­le­fonisch.                           Einkäufe zu verlassen. Nach mehreren
     träger blieb aus: So wurden beispiels­           Für diejenigen, die sich bereits einige   Anrufen gelang es, ihn an seinen PC zu
     weise viele Rehaberater der Ar­
                                   beits­
                                        -         Zeit im Training befanden, erwies sich        lotsen und zur Teilnahme am Home­of­
     agenturen zur Bearbeitung von Kurz­          dieser abrupte Übergang meist als leist-      fice-Programm zu motivieren, an dem er
     arbeitergeldanträgen abgeordnet und          bar. Problematisch war die Situation für      zunächst nur unregelmäßig, bald aber
     die Einrichtungen der medizinischen Re-      neue Teilnehmende und ihre Betreue-           kontinuierlich teilnehmen konnte. Er be­-
     habilitation durften nur eingeschränkt       rinnen und Betreuer. Bei den ohnehin          tonte, dies habe ihn vor weiterer Ver-
     belegt werden, sodass Anträge zu Leis-       psychisch belasteten Teilnehmenden            schlechterung bewahrt. Nachdem mit
     tungen zur Teilhabe am Arbeitsleben          löste die Pandemie zusätzliche Verun-         Auf­nahme des Hybridmodells Teilprä-
     (LTA) nur in kleinem Umfang gestellt         sicherung und manche Rückfälle aus.           senz im BTZ möglich wurde, stellte er
     bzw. bearbeitet werden konnten. Der          Die Einführung von Hybrid- und Schicht-       selbst erfreut fest, dass sich sein Befin-
     entstandene Antragsstau führt bei in-        modellen mit einem Wechsel analoger           den und seine Belastbarkeit verbesserten.
     zwischen meist gut ausgelasteten Häu-        Präsenz- und digitaler Homeoffice-Tage
     sern zu Wartezeiten, da die Einhaltung       löste diese Schwierigkeiten. Groß war         Fazit und Ausblick
     der Flächenvorgabe mit je 10 m² pro          die Erleichterung, als Teil- und Vollprä-     Die Beruflichen Trainingszentren ha­ben
     Person gewährleistet werden muss.            senz wieder möglich wurden.                   trotz der enormen Herausforderungen
     So litten im vergangenen Jahr viele                                                        die Fortführung der Reha-Maßnahmen
     Einrichtungen an erheblichen wirtschaft-     Illustriert sei dies an einem Fallbeispiel:   sichergestellt und neue Modelle und Ar-
     lichen Einbußen. Finanzielle Un­ter­stüt­    Herr S., 41 Jahre, Diplom-Ingenieur, in       beitsformen aus dem Boden gestampft,
     zung durch Bund, Länder und Leistungs-       Trennung lebend, konnte sich nach zwei        die eine sinnvolle Ergänzung der Ange-
     träger gab es zwar, aber der Zugang war      langen depressiven Episoden mit statio-       bote beinhalten, aber eine analoge Prä-
     durch hohe bürokratische Hürden massiv       nären Aufenthalten soweit stabilisieren,      senz nicht ersetzen können.

8   Reha-Info der BAR | 3-2021
Corona und Reha

Kinder und Jugendliche unter Druck
Die Pandemie zeigt Bedarf an Vermittlung von Bewältigungsstrategien
Martina Siegwardt arbeitet als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeu-
tin mit eigener Praxis in Ginsheim-Gustavsburg. BAR Reha-Info hat sich
mit der Sozialpädagogin über die Auswirkungen der Pandemie unterhalten.

Wie hat sich Ihre Arbeit                      nicht genügend Autonomie und Intim-
durch die Pandemie verändert?                 sphäre erfahren, war die Rückkehr in den
Während ich im Frühjahr letzten Jah-          geschützten Therapieraum sehr wichtig.
res, dem ersten für alle überraschenden       Im Moment nutze ich die Videosprech-
Lockdown, in den meisten psychothe-           stunde vorwiegend in der begleitenden
rapeutischen Sitzungen mit Kindern,           Elternarbeit oder mit jungen Erwachse-
Ju­gendlichen und den Eltern auf Video-       nen, die beispielsweise aufgrund ihres
sprechstunde umgestiegen bin, arbeite         Studiums umgezogen sind.
ich jetzt wieder überwiegend mit Prä-                                                                   Martina Siegwardt,
senzterminen und mit den üblichen Hy-         Umfragen zufolge steigt die                          Diplom Sozialpädagogin (FH)

gienemaßnahmen. Durch die Psycho-             Nachfrage nach Psychothe-
therapie über Video konnte ich zunächst       rapien für Kinder und Jugend-                  Existenz- und Zukunftsängsten, die sie
den Kontakt zu den Familien aufrecht-         liche in der Corona-Pande-                     unbewusst an die Kinder wei­
                                                                                                                        tergeben.
erhalten. Gleichzeitig gab es allen Be-       mie. Woran liegt das?                          Hinzu kommt, dass die kompensieren-
teiligten auch das Gefühl, unter den er-      Es gibt eindeutig eine verstärkte Nachfra-     de Beziehung zu anderen Erwachsenen
schwerten Bedingungen selbstwirksam           ge nach Psychotherapien, die in meiner         wie Betreuer, Lehrer, Trainer nicht mehr
und handlungsfähig bleiben zu können.         Praxis besonders ab den Herbstferien,          ausreichend gegeben ist. Für die Jugend-
Die Grenzen der digitalen Psychothera-        den anschließenden Schulschließungen           lichen ist der fehlende oder nicht aus-
pie sind von den – oft nicht ausreichen-      und veränderten Unterrichtsbedingun-           reichende Kontakt zu Gleichaltrigen be-
den – technischen Voraussetzungen             gen spürbar wurde. Gleichzeitig hat sich       sonders belastend. Entwicklungsbedingt
in den Familien gesetzt. Sie sind aber        aber auch gezeigt, dass nicht alle Anfra­gen   benötigen sie die Unterstützung durch
auch von den individuellen Fähigkeiten        einer längerfristigen psychothera­peu­-        die Peergroup, um ein selbstbestimm-
des Kindes abhängig, beispielsweise die       tischen Behandlung bedürfen. Manch-            tes Leben zu entwickeln und sich von
Konzentration auf ein „Bildschirmgegen-       mal reicht es schon, mit wenigen Ge-           den Eltern abgrenzen zu lernen.
über“ aufrecht zu erhalten.                   sprächen oder in einer kurzen Behand-
   Diese Fähigkeiten sind                                   lung   neue    Perspektiven      Wie sehen Sie die
altersabhängig und auch                                     und Handlungsräume zu            Folgen der Pandemie?
von Kind zu Kind sehr unter-            30 %                schaffen oder sich selbst        Das Ausmaß der Auswirkungen der Co­
                                 der 7- bis 17-Jährigen
schiedlich. So sind jüngere       weisen eine psychi-
                                                            und die Umstände besser          rona-Maßnahmen auf die Kinder, Ju-
Kinder von der leibhafti­gen       sche Belastung auf       annehmen zu können.              gendlichen und ihre Familien wird wohl
Anwesenheit des The­ra­peu­-    (vor der Pandemie 18 %)         Offensichtlich ist, dass     erst in den nächsten Monaten deutlich
ten ab­hängig, wäh­rend der            + 13 %               die familiären Konflikte und     werden, beispielsweise wenn ein abseh-
Kon­takt zu vie­len Jugendli­     Anstieg des Risikos       die Belastung meiner jun-        barer schulischer Alltag eingekehrt ist.
chen auch län­gerfristig über     für psychische Auf-       gen Klientel durch die en-       Optimistisch stimmt mich aber, dass
                                fälligkeiten bei Kindern
das digi­tale Medium auf-            im Corona-Jahr         ge Konstellation zu den          unsere größten Ressourcen als Mensch
rechterhalten werden kann.          gegenüber 2019          selbst oft psychisch kran-       zur Bewältigung auch dieser Krise unse-
Aber selbst die Älteren sind                                ken oder durch die anhalten­-    re soziale Ausrichtung, unsere Lern- und
                                        46 %
froh, wieder persönlich –                                   de Doppelbelastung über-         Umstellungsfähigkeiten sind. Dies kann
                                    der 15- bis 30-
wenn auch dann mit Mas-           Jährigen, hatten am       forderten Eltern zugenom-        ich in meiner therapeutischen Praxis
ke – kommen zu können.             Ende des Corona-         men haben. Einige Eltern         immer wieder erleben, auch wenn diese
                                  Jahres 2020 Angst
Be­sonders für Ju­gend­liche,       vor der Zukunft         leiden selbst unter übermä-      Fähigkeiten manchmal erst wiederent-
die innerhalb der Familie                                   ßigen Leistungsansprüchen        deckt werden müssen.

                                                                                                          Reha-Info der BAR | 3-2021    9
Reha-Entwicklung

                  Vier Fragen an Dr. Susanne Wagenmann

      Interview mit Dr. Susanne Wagenmann, Abteilungsleiterin
      Soziale Sicherung, Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeber-
      verbände und neue Vorstandsvorsitzende der BAR

      Corona-Krise stärkt Stellenwert von Rehabilitation

     1   Wie sehen Sie die
         Auswirkungen der
      Corona-Pandemie auf
                                                  ßige Corona-Tests anbieten. In einem
                                                  nächsten Schritt müssen schnellst-
                                                  möglich Impfungen durch Betriebsärz-
                                                                                               2  Welche Rolle kann die
                                                                                                  Rehabilitation in der
                                                                                               aktuellen Situation spielen?
      die Arbeitswelt?                               tinnen und Betriebsärzte ermöglicht
                                                           werden. Betriebe leisten damit      Erfolgreiche Rehabilitation leistet wei-
      Die    Corona-Pandemie    ist                           einen umfangreichen Beitrag      terhin einen wertvollen Beitrag zum Er-
      für unsere Gesellschaft die
                                        Ökonomische            zum    Bevölkerungsschutz       halt und zur Wiederherstellung der Be-
                                        und medizini-
      größte Bewährungsprobe                                   und zur Pandemiebekämp-         schäftigungsfähigkeit von oft dringend
                                         sche Krise,
      seit dem Bestehen der                                    fung und sorgen dafür,          benötigten Arbeits- und Fachkräften.
                                        Digitalisierung
      Bundesrepublik     Deutsch-                              dass die negativen Folgen       Die durch Arbeitsunfähigkeit entstehen-
      land. Wirtschaftlich sind die                          für die Arbeitswelt möglichst     den volkswirtschaftlichen Kosten sind
      Schäden immens: Mit einem Ein-                      gering bleiben.                      gewaltig. Allein die unmittelbaren Kos-
      bruch des Bruttoinlandsprodukts (BIP)                                                    ten durch Entgeltfortzahlung im Krank-
      im vergangenen Jahr ist Deutschland in         Die Corona-Krise bietet aber auch         heitsfall beliefen sich im Jahr 2019 auf
      eine tiefe Rezession gerutscht. Gerade      Chancen. Sie hat gezeigt, in welchem         59 Mrd. Euro. Daher ist es wichtig und
      in den vom Lockdown besonders be-           Ausmaß eine Digitalisierung möglich          richtig, die Leistungsfähigkeit des Reha-
      troffenen Branchen kämpfen viele Be-        oder erforderlich ist. In kürzester Zeit     Systems weiter zu stärken.
      triebe um ihr Überleben. Die Auswirkun-     wurde eine technische Infrastruktur auf-        Gerade vor dem Hintergrund der
      gen dieser Wirtschaftskrise zeigen sich     gebaut, um wegen des notwendigen             aktuellen Corona-Krise könnte der Re-
      auch auf dem Arbeitsmarkt durch einen       „social distancings“ mobil arbeiten und      habilitation in Zukunft eine noch grö-
      großen Umfang an Kurzarbeit und einer       Konferenzen und sogar Arztbesuche di-        ßere Bedeutung zukommen. Bereits
      gestiegenen Arbeitslosigkeit.               gital durchführen zu können. Es hat sich     heute wissen wir, dass
                                                  aber auch gezeigt, dass – insbesondere       ein Teil der Erkrank-
            Vor diesem Hintergrund kann man       im öffentlichen Bereich – noch einige Di-    ten an Langzeit-
      die Leistungen der Betriebe beim wirk-      gitalisierungslücken zu schließen sind.      folgen einer Coro-        Fachkräfte-
      samen Arbeits- und Infektionsschutz                                                      na-Infektion   lei-
                                                                                                                          mangel,
                                                                                                                       Arbeitsfähigkeit
      gar nicht genug wertschätzen. Diesen           Man sieht es beispielsweise an der        den. Zudem gibt
      guten Schutz der Beschäftigten bestäti-     fehlenden Digitalisierung der Gesund-        es Hinweise, dass
      gen auch Studienergebnisse durch neu-       heitsämter, die eine effiziente Kontakt-     die Pandemie und
      trale Forschungsinstitute. Beschäftigte     nachverfolgung erschwert, sowie beim         die damit einhergehen-
      berichten über eine hohe Zufriedenheit      Homeschooling und der fehlenden Aus-         den notwendigen Beschränkungen die
      mit dem Corona-Management und dem           stattung der Schülerinnen und Schüler        Menschen auch psychisch belasten.
      Verhalten durch ihre Vorgesetzten. In ei-   mit mobilen Lerngeräten. Auch der öf-        Auch wenn es zu den Effekten noch
      nem Sachstandsbericht an die Bundes-        fentliche Dienst konnte seinen Beschäf-      keine ausreichende und belastbare
      regierung Anfang April konnten die Spit-    tigten nicht im gleichen Maße mobiles        Studienlage gibt, könnte es zu einem
      zenverbände der deutschen Wirtschaft        Arbeiten ermöglichen, wie es die Wirt-       erhöhten und veränderten Rehabilita-
      den Nachweis erbringen, wie erfolgreich     schaft getan hat. Jetzt gilt es, die Chan-   tionsbedarf führen. Die medizinische
      die Betriebe in kürzester Zeit ihren Be-    cen zur Digitalisierung auch in diesen       und berufliche Rehabilitation wird daher
      schäftigten flächendeckend regelmä-         Bereichen zu nutzen.                         einen wichtigen Beitrag zu Bewältigung

10   Reha-Info der BAR | 3-2021
Reha-Entwicklung

der Auswirkungen der Corona-Pande-         kann die notwendige Staats-                                   meinsam als Leitmotiv
mie leisten.                               ferne gewährleistet werden.              - 32 %               voranbringen. Mit dem
                                                                              Rückgang der angetre-
   Und auch hier kann die Digitalisie-     Gleichwohl ist eine Strategie                                 Bundesteilhabegesetz
                                                                               tenen Reha-Maßnah-
rung, die durch die Corona-Krise einen     zu entwickeln, um die Verwal-        men von Januar bis       und dem Teilhabever-
Schub erhalten hat, einen positiven Ef-    tungseffizienz zu verbessern.        September 2020 im        fahrensbericht konnten
                                                                                 Vergleich zu 2019
fekt entfalten. Neue Arbeitsformen und        Die Gestaltungsrechte der                                  bereits einige Weichen
Technologien können sich auch förder-      sozialen Selbstverwaltung sind           + 56 %               gestellt werden.
lich auf die Inklusion am Arbeitsmarkt     dort, wo es sinnvoll ist, zu er-   Anstieg der Fehltage           Aber auf dem be-
                                                                               wegen psychischer
auswirken. Fast 30 Prozent aller Unter-    weitern. Die Verantwortungs-         Erkrankungen im
                                                                                                         reits Erreichten sollten
nehmen sehen nach einer Studie des         bereiche von Gesetzgeber, Mi­-      Corona-Jahr 2020          wir uns nicht ausruhen,
                                           nisterialbürokratie und sozia-     im Vergleich zu 2010       denn auf Ebene der
Instituts der deutschen Wirtschaft Köln
                                                                                 (kontinuierliche
e.V. (IW) durch die Digitalisierung neue   ler Selbstverwaltung müssen            Entwicklung)           BAR gehört zur Norma-
Chancen für die Beschäftigung von          sachgerecht abgegrenzt sein.                                  lität stets auch ein Rin-
Menschen mit Behinderungen.                Der Staat sollte sich dazu auf           + 102 %              gen um Verbesserun-
                                                                              Anstieg der Fehltage
                                           den Erlass der Rahmengesetz-                                  gen von Leistungen, der

3
                                                                               wegen Belastungs-
   Wo sehen Sie die                        gebung beschränken und die           und Anpassungs-          Wirksamkeit und Wirt-
                                                                               störungen (F43) im
   Vorteile der sozialen                   konkrete Ausgestaltung dieser
                                                                               Corona-Jahr 2020
                                                                                                         schaftlichkeit, das alle
Selbstverwaltung und wie                   Gesetzgebung der Selbstver-        im Vergleich zu 2010       Beteiligten    einbindet.
kann sie verbessert und                    waltung überlassen. Kranken-          (kontinuierliche        Bei einem Leistungs-
                                                                                  Entwicklung)
gestärkt werden?                           und Pflegekassen müs­sen in                                   volumen von 40 Mrd.
                                           Zukunft wieder Vorstandsver­              75 %                Euro, die 2019 für Reha
Die Tatsache, dass Arbeitgeber-                    träge eigenverantwort-       der Psychiater und       und Teilhabe ausgege-
                                                                              Psychotherapeuten in
und Versichertenvertreter in                          lich abschließen kön-                              ben wurden, haben wir
                                 Gestaltungs-                                  Deutschland rechnen
den Organen der Selbstver-                             nen. Die Berufung       mit einem Corona-be-      in der Rehabilitation für
                                    rechte,                                    dingten Anstieg psy-
waltung   partnerschaftlich                             von    hauptamtli­                               sich genommen längst
                               Einschränkungen                                chischer Erkrankungen
zusammenwir­ken, ist von         durch Gesetz-          chen Geschäfts-         in den kommenden         die Dimension eines
erheblicher Be­deutung. Die          geber              führern der Sozial­        zwölf Monaten         ganzen Sozialversiche-
Zusammenarbeit dient der                              versi­che­rung muss                                rungszweigs        erreicht.
                                                                                     +5%
praktischen Verwirklichung un-                     ausschließlich in die      Anstieg der Anrufe bei
                                                                                                         Um für Rehabilitandin-
seres sozialen Rechtsstaats und dem         Zu­ständigkeit der Selbstver-     der Telefonseelsorge       nen und Rehabilitan-
Erhalt des sozialen Friedens. Tausende     waltung fallen. Auch die Ar­       im Corona-Jahr 2020        den da­mit ein Optimum
in der Selbstverwaltung ehrenamtlich       beits­losenversicherung     mit           43 %                zu er­reichen, müssen
tätige Vertreterinnen und Vertreter der    Selbst­verwaltung handelt aus      der Befragten trinken      Reha-Maßnah­men wirt­-
Arbeitgeber und der Gewerkschaften mit     eigenem Recht auch gegen-          häufiger Alkohol als       schaft­lich   eingesetzt
                                                                               vor der Pandemie
ihren unterschiedlichen Lebens- und Be-    über Ministerien und ist keine                                werden. Oft helfen Ver­
rufserfahrungen ermöglichen ausgewo-       nachgeordnete Dienstbehörde.                                  einfa­
                                                                                                              chungen       in   der
gene und lebensnahe Sachlösungen, bei                                                  Verwaltung sowohl den Leistungsemp-
denen die sozialen und wirtschaftlichen
Gesichtspunkte gleichermaßen berück-
sichtigt werden.
                                           4    Als neue Vorstandsvor-
                                                sitzende der BAR: Wo
                                           sehen Sie mittel- und lang-
                                                                                       fängern als auch der Gemeinschaft der
                                                                                       Beitragszahler. Beispielsweise verspre­
                                                                                       che ich mir von der Entwicklung eines
                                           fristig die künftigen Aufga-                gemeinsamen Grundantrags positive
   Die Autonomie der Sozialversiche-       benschwerpunkte der BAR?                    Auswirkungen auf den Zugang, die
rungsträger ist in den letzten Jahren                                                  Trans­parenz und die Effizienz der Ver-
durch einen gewachsenen Staatseinfluss     Es ist mir eine große Freude im Vor-        waltungsprozesse. Dafür brauchen wir
auf die Sozialversicherung immer weiter    stand der BAR die erfolgreiche Koope-       einen langen Atem, Geduld und gemein-
beschnitten worden. Damit Versicherte      ration der vergangenen Jahre nicht nur      same Verständigung. Denn dicke Bretter
und Arbeitgeber die von ihnen finanzier-   zwischen den Sozialpartnern sondern         bohren sich nicht von selbst, noch wer-
ten Sozialversicherungen verantwortlich    auch mit den Reha-Trägern fortsetzen        den sie über Nacht gebohrt. Für solche
und aktiv mitgestalten können, muss        zu dürfen. Die Zusam­menarbeit der Re­      Vorhaben ist die BAR genau die richtige
dieser Trend umgekehrt werden. Nur so      ha-Trä­ger werden und müs­sen wir ge-       Plattform.

                                                                                                       Reha-Info der BAR | 3-2021       11
Recht                                                           Der Anspruch auf Versorgung setzt einen Ursachen-
                                                                zusammenhang zwischen Impfung und Schaden
                                                                voraus; dieser muss nach gesicherten
                                                                medizinischen Erkenntnissen feststehen.

              Entschädigung nur bei nachgewiesenem Impfschaden –
              Soldatenversorgungsrecht

                                                        Es habe nicht festgestellt werden            Die Wahrscheinlichkeit eines ursäch-
       Orientierungssatz*                            können, dass die Impfung die Ursache         lichen Zusammenhangs als Voraus-
       Wer einen Impfschaden erleidet,               der Erkrankung war. Maßgeblich für die       setzung einer Gesundheitsschadensan-
       erhält nur eine Entschädigung,                Ursachenfeststellung sei der aktuelle        erkennung gemäß § 61 Satz 1 IfSG ist
       wenn die Impfung als Ursache                  Stand der medizinischen Forschung und        gegeben, wenn auf der Grundlage der
       der Erkrankung feststeht.                     Wissenschaft. Obwohl der verwendete          zum Zeitpunkt der gerichtlichen Ent-
       LSG Niedersachsen-Bremen,                     Impfstoff schon in über 600 Millionen        scheidung aktuell geltenden medizini-
       Urteil v. 28.01.2021 – L 10 VE 11/16          Dosen gespritzt worden sei, gebe es          schen Lehrmeinung (hierbei unter Bezug
       (rechtskräftig)                               keine Berichte über ähnliche                         auf die Anhaltspunkte für die
 * Leitsätze oder Entscheidungsgründe des Gerichts   Fälle. Dies sei ein Indiz für                             ärztliche Gutachtertätigkeit
 bzw. Orientierungssätze nach JURIS, redaktionell
                                                     anderweitige Ursachen.                                       und Versorgungsmedi-
 abgewandelt und gekürzt
                                                     Außerdem habe der                                             zinische    Grundsätze
                                                     Mann schon vor der                                             als Anlage zur Vers-
Sachverhalt und                                      Impfung erste Sym-                                              MedV) mehr für als
Entscheidungsgründe                                  ptome der Krankheit                                             gegen einen Ursa-
                                                     gezeigt.                                                       chenzusammenhang

G
           eklagt hatte ein Soldat, der                 Der Anspruch auf                                           spricht. Ge­
                                                                                                                              mäß stän-
           2010 wegen eines bevorste-                Versorgung als Folge                                         diger Spruchpraxis des
           henden Auslandseinsatzes ge-              einer Impfung setzt im                                   BSG reicht die bloße Mög-
gen Gelbfieber geimpft wurde. Danach                 Soldatenversorgungsrecht eine                       lichkeit der schädlichen Wirkung
litt er unter anderem unter Schwindel,               Schutzimpfung als Wehrdienstverrich-         eines Impfstoffs hingegen nicht aus.
Sprachproblemen, verlangsamten Au-                   tung, den Eintritt einer über eine übliche
genbewegungen und Unbeweglichkeit.                   Impfreaktion hinausgehenden gesund-             Vorliegende Entscheidung ist nicht
In einer ersten Einschätzung hielt der               heitlichen Schädigung (Impfkomplika-         zuletzt vor dem Hintergrund der anste-
Truppenarzt den Angaben zufolge zwar                 tion) sowie eine – dauerhafte – gesund-      henden Neuordnung des allgemeinen so-
einen Zusammenhang zwischen den                      heitliche   Schädigung     (Impf­
                                                                                     schaden)     zialen Entschädigungsrechts (SGB XIV)
neurologischen Ausfällen und der Imp-                und   einen    Ursachenzusammenhang          sowie der Entschädigung für Soldatin­nen
fung für möglich. Allerdings lehnte die              zwischen Impfung und Schaden voraus;         und Soldaten mit anerkannter Wehr­
Bundeswehr eine Entschädigung ab,                    dieser muss nach gesicherten medizini-       dienst­beschädigung in einem eigenstän­
                                                                                                                                              Foto: littlewolf1989, adobe stock

weil es Hinweise dafür gäbe, dass die Er-            schen Erkenntnissen feststehen. Hierbei      digen Regelwerk (Soldatenentschädi­
krankung schon vorher aufgetreten sei.               gilt im sozialen Entschädigungsrecht         gungsgesetz, SEG) von Interesse. Hierbei
                                                     (vgl. § 1 Abs. 3 Bundesversorgungs-          sind auch besondere Vorkehrungen für
    Nach erfolglosem Klageverfahren                  gesetz, BVG) ebenso wie im Recht der         ein zügiges Verfahren verankert, die sich
folg­te auf der Grundlage mehrerer Gutach­-          gesetzlichen    Unfallversicherung    die    in die übergreifenden Regelungen des
ten auch das Landessozialgericht (LSG)               Kausalitätstheorie von der wesentlichen      SGB IX (vgl. § 7 SGB IX) einfügen.
der Rechtsauffassung der Bundeswehr                  Bedingung.
und hat einen Anspruch des Klägers aus
§ 85 Soldatenversorgungsgesetz (SVG)
gegen die BR Deutschland verneint.

                                                                                  Lesen Sie in der nächsten Ausgabe:
                                                                                   Politische Teilhabe von Menschen
                                                                                   mit Behinderungen
                                                                                     Erscheinungstermin: 16.08.2021
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