Dick Brave Retter des Rock'n'Roll
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Deutschlands erstes Kultur- und Musikmagazin // kulturnews.de November 2011 // Nr. 253
Retter des Rock'n'Roll
Dick Brave
kino // musik //
„Halt auf freier Strecke“ Roterfeld Peter Gabriel
buch // Rolf Zacher Foster The People
„Sickster” von Thomas Melle Fard Snow Patrol
entertainment // Kool Savas Anna Ternheim
Hans Liberg Coldplay Tok Tok TokBITTE STRESS MICH!
Florence + The Machine: Vom Überleben zwischen Pomp, Pop und Panik
JUSTICE Von der Clubsensation zur Couchkartoffel THOMAS MELLE Autor für die Generation ohne Alternative
PETERLICHT Wer sich beschwert, lebt doch verkehrt GLOBALER STYLE Wenn aus Fernweh Mode entsteht
LARS EIDINGER Warum der Schauspieler Fehler machen will NACHHALTIG KAUFEN Wie unser Konsum cool wird
Volume out now!
www.uMagazine.dekulturnews 11/11 // inhalt 3
Deutschlands erstes Kultur- und Musikmagazin // kulturnews.de November 2011 // Nr. 253
Retter des Rock'n'Roll
Dick Brave
kino // musik //
„Halt auf freier Strecke“ Roterfeld Peter Gabriel
buch // Rolf Zacher Foster The People
„Sickster” von Thomas Melle Fard Snow Patrol
entertainment // Kool Savas Anna Ternheim
Hans Liberg Coldplay Tok Tok Tok
Tickets, News und das komplette Kinoprogramm: www.kulturnews.de
musik // live //
6 Dick Brave 30 Auf Tour
Als wäre nichts gewesen Tipps und Interviews
8 Peter Gabriel 35 citymag
Von unten nach oben Programm-Magazin Tipps und Termine
10 Coldplay
„Cool ist, was gefällt“ platten //
12 Foster The People 72–83 Pop, Rock + Dance
Angenehm angespannt Dillon
Bush
14 Rolf Zacher Leonard Cohen
Der Allesschaffer … und viele andere mehr
15 Anna Ternheim Jazz + Classics
Ab in den Süden George Benson
Dieter Ilg
16 Fard Götz Alsmann
Poet aus dem Pott
17 Aura Dione bücher //
Seelenstrip
84–87Thomas Melle:
18 Kool Savas „Sickster“
Der Gentleman-Gladiator
Roberto Bolaño
20 Snow Patrol Antje Rávic Strubel
Die neuen Leiden des Gary L. Howard Jacobson
Andrea Hanna Hünniger
21 Hélène Grimaud Daniela Krien
Bitte loslassen Paul Harding
Max Goldt
22 Secret Garden
Wortlos glücklich
23 Tok Tok Tok kino //
Zwischen Pumps und Protest
88–93„Halt auf freier Strecke“:
24 Roterfeld Erloschenes Leben
Fotostrecke „Himmel, was hab ich getan?!“
„Bullhead“
news // „Eine dunkle Begierde“
„Die Abenteuer von Tim & Struppi“
4 Thomas Melle Nora Tschirner
Sean Penn Florence + The Machine dvds //
aktion 94–97 „Source Code“
//
„Kaboom“
79 Muppet Show: 5 CDs “Green Album” „Beginners“
„The Fighter“
98 Clueso: 1x2 Tickets und Fanpaket „The Big Bang Theory –
Jägermeister Wirtshaus Tour: 1x2 Tickets Die komplette 3. Staffel“
87 Abo 98 Impressum4 news //
Foto: ZDF/Randa Chahoud/VFX:
Max Stolzenberg, Francesco Sacco
Kurztrip ins All
„Meine Generation
Dass die Moderatorin und Schauspielerin ist gefangen in
Nora Tschirner im TV herumrüpelte, ist
schon eine Weile her. Heute flimmert sie einem Zwitterdasein
lieber über die große Leinwand und mimt zwischen
an der Seite von Til Schweiger in den
„Keinohrhasen“-Schmonzetten das Mäd- Angepasstsein
chen von nebenan oder in „Vorstadt- und Aufmucken.“
krokodile“ sogar die Mutter der Prota-
gonisten. Langsam wird es also Zeit zurück-
zukehren zur früheren Frechheit, für die wir Der Schriftsteller Thomas
sie ins Herz geschlossen haben. Und tat- Melle im Interview mit
sächlich: Ab 4. November erfüllt uns Tschirner mit der zweiten Staffel des Sci- der Zeitschrift uMag. Sein
Fi-Klamauks „Ijon Tichy: Raumpilot“ auf ZDFneo diesen Wunsch. Erneut in der Debütroman „Sickster“ ist
Foto: Carsten Thielker
Rolle der computeranimierten frechen Halluzinellen, die dem Weltraumhelden unser Buch des Monats.
Ijon Tichy mit genervten Sprüchen das Leben schwer macht. Leider währt der Die Besprechung gibt es
Allausflug der Berlinerin nur acht Folgen. Danach zieht’s Tschirner schon wieder auf S. 84.
auf die Kinoleinwand: Soeben hat sie die internationale Komödie „Girl on a
Bicycle“ von Jeremy Leven („Die Frau des Zeitreisenden) abgedreht. (mh)
Sean of the Dead
Nein, das ist nicht Bono an einem Bad-Hair-Day. Auch nicht Cure-Frontmann
Robert Smith an einem ganz normalen Tag. Es ist der zweifache Oscar-
Preisträger Sean Penn, der sich wohl von beiden Popgrößen beeinflussen ließ.
Im Roadmovie „Cheyenne – This must be the Place“ (ab 10. 11. im Kino)
spielt der 51-Jährige einen gealterten Rockstar, der mit weiß geschminktem
Gesicht, rotem Lippenstift und toupierten Haaren als Goth (Robert Smith!) in
seiner Villa in Dublin (Bono!) hockt und sich langweilt. Oder depressiv ist. Als
sein Vater stirbt, reist er nach New York, erfährt von der Suche seines Daddys
Foto: Delphi Film
nach seinem Peiniger und reist weiter ins Herz von Amerika, wo er zum
Nazijäger (!) wird. Was eher klingt wie ein Song von Ozzy Osborne – dem Penn
ebenfalls irgendwie ähnelt. Jetzt ist wahrscheinlich Alice Cooper sauer, weil er
als Inspirationsquelle fehlte. (vs)// news 5
Florence + The Machine
Zwischen den Welten
Florence Welch ist Englands spannendster Popstar –
und funktioniert nicht, wenn sie säuft.
kulturnews: Florence, dein erstes Album „Lungs“ war in England ewig auf
Platz eins, du hast einen Britaward erhalten, bist bei der Oscar-Verleihung
und den Grammys aufgetreten, und dem Time-Magazin zufolge liegst du
auf Rang 51 der einflussreichsten Personen der Welt. Was planst du mit
deinem zweiten Album „Ceremonials“ – die Weltherrschaft …?
Florence Welch: Meine Mutter ist Professorin für Renaissancegeschichte
Foto: Tom Beard
und hofft inständig, dass Popmusik für mich bloß eine Phase ist, die vor-
übergeht. Vielleicht hat sie Recht, und ich sollte lieber englische
Literatur studieren.
kulturnews: Moment: Du giltst quasi als Nachfolgerin von Annie
Lennox und Kate Bush, für Karl Lagerfeld bist du eine Modeikone.
Welch: Das ist alles verrückt … Ich bin eine schusselige Tagträumerin, die Welch: Wir sind noch zusammen. Die neuen Songs handeln wesentlich
überall ihre Sachen liegen lässt. Und dann passiert so was. davon, wie es ist, in so einer Beziehung zu leben, nämlich verwirrend. Ich
kulturnews: Wie kommst du mit dem Erfolg klar? habe Stuart nicht gerne auf Tour dabei. Ich schaffe es nicht, von der Bühne
Welch: Mit dem großen Erfolg kommt große Verantwortung – das Sprichwort ist zu kommen, zu duschen, umzuschalten und zu sagen: Du, Schatzi, was wol-
leider wahr, und es nervt total. Ich gehe zum Beispiel gerne einen trinken, len wir denn heute Abend kochen …?
und es ist auch echt öde, wenn die Band nach einem Superkonzert loszieht. Interview: Steffen Rüth
Aber wenn ich saufe, funktioniere ich nicht, also lasse ich es sein.
kulturnews: Und wie läuft es mit deinem langjährigen Freund Stuart? Ceremonials erscheint am 15. November.
Ekel im Anflug Unrenoviert Ins Rampenlicht
Die Bürocomedy „Stromberg“ kommt am 8. Kaum jemand kennt Staffan Valdemar Horn. Also Am 6. November kürt eine Schriftstellerjury um
November mit der 5. Staffel zurück. Dann darf wollte sich der Schwede zum Saisonstart am Tilman Rammstedt aus 16 Finalisten den
Christoph Maria Herbst als fieser Chef dienstags Düsseldorfer Schauspielhaus mit „Hamlet“ groß als Gewinner des Nachwuchspreises open mike in
um 22.15 Uhr auf ProSieben wieder seine neuer Intendant einführen. Leider war das Theater Berlin. Dem Gewinner winken 7 500 Euro, die
Untergebenen quälen, allen voran „Ernie“ nicht fertig renoviert – Mist … Neuer Premieren- Autorenkarriere ist damit so gut wie gebongt.
Heisterkamp, genial gespielt von Bjarne Mädel. termin: 4. 11.
Tagesaktuelle News gibt es auf kulturnews.de
20 JAHRE
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Das Ber lin- Alb um von U2 mit
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Raritäten und • vier DVDs mit Videos, unver- und der und der neuen Dokumentation „From
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Sky Down“ Bono’s „The Fly“ Sonnenbrille u.v.m.
AB 28. Oktober Auch als Standard-CD, Vinyl und Download6 musik // Retrorock
Foto: Sven Sindt/Upfront
Zurück in die Zukunft: Dick Brave (v.) mit seiner treu ergebenen Band
Dick Brave schließlich gefunden und aus den Klauen dieser Psychopathin befreit. Ohne
ihn wäre ich wahrscheinlich immer noch dort!
kulturnews: Du hast an einer kompletten Rock’n’Roll-Amnesie gelitten – hattest
du in all den Jahren in der Waldhütte nie eine Idee, wer du wirklich bist?
Brave: Es ist alles ziemlich verschwommen, aber wenn ich mal einen Anflug von
Als wäre Erinnerung hatte, wurde er gleich im Keim erstickt.
kulturnews: Also hast du auch nichts wirklich vermisst, oder? Den Ruhm, die
Auftritte …
nichts gewesen Brave: Gespürt hab ich es hier und da schon, aber ich wusste es nicht besser.
Also eigentlich nein.
kulturnews: Was war denn der erste Song, den du zurück in der Zivilisation
Nach sieben verlorenen Jahren in der kanadischen Wildnis ist der geschrieben hast?
Brave: Er heißt „Taking over“ und handelt davon, wie eine Gruppe Musiker
Mann mit der Haartolle wieder zurück und bekämpft mit einer
für eine Nacht eine Stadt erobert und dann wieder verschwindet … Wahr-
„Rock’n’Roll Therapy“ seine Amnesie. An eine Persönlichkeit namens scheinlich ein kleiner Aufruf an mich selbst, wieder an mich zu glauben.
Sasha, die Dick Brave sich früher mal eingebildet hat, kann er sich kulturnews: Deine Band, die Backbeats, war sicherlich völlig außer sich nach
dem Flugzeugabsturz. Ohne dich weiterzumachen stand aber nie zur Debatte,
allerdings partout nicht erinnern … oder?
Brave: Zumindest nicht mit einem anderen Sänger. Das rechne ich meinen
kulturnews: Dick, du hast nach einem Flugzeugabsturz sieben Jahre lang in Jungs hoch an, obwohl ich es sogar verstanden hätte, schließlich wurde ich für
einer Hütte in der kanadischen Wildnis gelebt. Wie muss man sich deinen Alltag tot erklärt. Aber sie haben trotzdem immer an mich geglaubt. Das macht
dort vorstellen? Hat dir deine Armeeausbildung dabei geholfen? mich stolz und dankbar. Heute ist es so, als wäre nichts gewesen, vielleicht
Dick Brave: Leider nein. Ich hatte eine Amnesie und wusste überhaupt nicht sogar ein bisschen besser.
mehr, wer ich war … Ich wurde von dieser Frau gehalten wie ein Tier, mit kulturnews: Preise, Platz eins der Charts, ein Auftritt bei der Hochzeitsfeier der
Resten oder rohem Fleisch abgespeist … Eine schreckliche Zeit! Sängerin P!nk – wann konntest du dich denn wieder an diese glanzvollen
kulturnews: Wie hast du es denn geschafft, wieder zurück ins Leben zu kom- Zeiten erinnern?
men? Brave: Die Erinnerungen kamen zwar nach und nach, aber doch recht schnell
Brave: Mein mittlerweile guter Freund, der Musikjournalist Klaas Heufer-Um- zurück. Ein paar Sachen fehlen auch noch, aber das hol ich mir bei unseren
lauf, hat sich sechs Jahre lang auf die Suche nach mir gemacht und mich Konzerten zurück. Die haben irgendwie eine heilende Wirkung auf mich.
kulturnews 11/11Retrorock // musik 7
kulturnews: Du hast eine kleine Clubtour im Frühjahr hinter dir – wie war das kulturnews: Ist der Songtitel auch bezeichnend für dich selbst?
Gefühl, wieder auf der Bühne zu stehen? Brave: Klar! ich kann vom Leben nicht genug kriegen. Ich bin froh, dass ich
Brave: Ich war ehrlich gesagt sehr nervös, dann aber von den Reaktionen wieder da sein kann und werde alles in vollen Zügen genießen!
des Publikums überwältigt. Hätte nicht gedacht, dass nach diesen Jahren so kulturnews: Nach welchen Kriterien hast du die Songs für das aktuelle Album
viele kommen würden, um uns zu sehen … Grandios, ich danke euch! ausgewählt?
kulturnews: Auch Shakin’ Stevens hat eine Comebacktour angekündigt. Brave: Das klingt vielleicht ein bisschen esoterisch, ist aber nicht so gemeint:
Fürchtest du die Konkurrenz? Die Songs mussten die richtige Energie haben, das ist alles.
Brave: Ach Quatsch, ich bin einfach dankbar, wieder da zu sein! Ich bin aller- kulturnews: Was sind deine Pläne für die Zukunft? Auf was freust du dich am
dings schon gespannt, ob Shakin’ Stevens seinen berühmten Radschlag meisten?
noch hinbekommt. Brave: Viele Pläne mache ich nicht mehr, man weiß ja nie, was als nächstes
kulturnews: Welche Therapiemöglichkeiten birgt der Rock’n’Roll eigentlich? passiert. Deshalb freue ich mich auf alles, was jetzt kommt. Vor allem aber
Brave: Rock’n’Roll ist ja nicht nur Musik, sondern auch eine Lebenseinstel– auf unsere Livetour im November.
lung – und daher multipel einsetzbar: bei Eheproblemen, Depressionen … Interview: Ellen Stickel
Bei Sexsucht vielleicht nicht, die wird eher verstärkt. Aber auch im Fall eines
Gedächtnisverlusts, wie man in meinem Fall sieht.
kulturnews: Die erste Single des neuen Albums heißt „I just can’t get enough“,
frei interpretiert nach Depeche Mode. Welche Beziehung hast du zu dieser
großartigen Band? Tour 1. 11. Mannheim, 2. 11. Stuttgart, 3. 11. Saarbrücken, 6. 11. München,
Brave: Wir haben damals oft zusammengehockt und Spaß gehabt … Sie 7. 11. Erlangen, 9. 11. Köln, 11. 11. Hamburg, 12. 11. Berlin, 14. 11. Leipzig,
mochten das Lied irgendwann nicht mehr (war ihnen wohl zu fröhlich), aber 15. 11. Hannover, 16. 11. Dortmund
ich find’s immer noch super, deshalb jetzt in unserer Version. Bin gespannt,
was die Jungs dazu sagen. Rock’n’Roll Therapy ist bereits im Handel.
D IE BESTEN BANDS,
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KO S T E NL
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ERFURT 6. DEZEMBER 2011
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powered by8 musik // Orchesterpop
Foto: York Tillyer
Peter Gabriel Das Stück habe sich für diese Art von Arrangement geradezu angeboten,
sagt Gabriel: „Ich mag das rhythmische Element, das die Streicher diesem
Lied geben. Es bekommt in dieser Fassung auch eine ausgeprägtere spirituelle
Komponente. Ich habe quasi den Mittelpunkt der Schwerkraft im Körper
etwas mehr von unten nach oben verlagert … Wenn man älter wird“, lacht
Von unten nach oben Gabriel, „ist Sex nicht mehr so ein ausgeprägter Motivator.“ Auch „Red Rain“
gewinnt in der neuen Fassung an Dramatik. „Ursprünglich war das Schlag-
zeug extrem wichtig. Deshalb war ich mir anfangs nicht sicher, ob es in der
Artrocklegende Peter Gabriel kriegt einfach nicht genug vom neuen Version funktionieren würde. Ich habe dann ein paar Extramelodien
reingepackt, die sehr romantisch klingen.“
Orchestersound – worunter allerdings die Erotik leidet.
Für die orchestrale Neufassung der Ballade „Don’t give up“ lud Gabriel
Jahrelang widmete sich Peter Gabriel seiner neu gegründeten Familie, grün- diesmal die norwegische Sängerin Ane Brun ins Studio. Sie ersetzt – leider
dete mit Kofi Annan und Jimmy Carter „The Elders“, eine Art nationenüber- nicht ganz adäquat – Kate Bush, die bei der Originalversion Duettpartnerin
greifenden Ältestenrat, und bastelte mit Laurie Anderson und einem tibe– gewesen war. Gabriel erinnert sich noch gut an die Situation, in der er den
tischen Lama an Ideen für einen Abenteuerpark. Nur Alben kamen selten. Song Mitte der 80er-Jahre in seinem gemieteten Bauernhof bei Bath schrieb:
Der Öffentlichkeit präsentierte sich der eigenwillige Brite höchstens noch bei „Ich hatte mir einen Fotoband von Dorothy Lange angesehen“, erzählt er.
hochkarätigen Preisverleihungen. Doch dann packte ihn wieder die Lust auf „Die Bilder der US-Wirtschaftskrise von 1929 hatten mich sehr beeindruckt.
intensivere musikalische Arbeit. Nachdem er 2010 seine CD „Scratch my In den Song flossen aber auch meine persönlichen Probleme ein. Ich hatte
Back“ mit sinfonisch verpackten Neuinterpretationen von Songs seiner Lieb- damals mit einer Depression zu kämpfen. Ich konnte mich zum Glück mit
lingskollegen herausgebracht hatte, kommt der 61-Jährige jetzt schon Hilfe einiger Mitmenschen aus diesem Loch befreien.“
wieder mit einem neuen Projekt um die Ecke.
Auf die Hilfe von Mitmenschen setzt er auch bei seinem nächsten Projekt,
Für die Tournee zum letzten Album hatte ihm Material gefehlt; deshalb das bereits zur Hälfte fertig ist. Im Gegenzug zum Album „Scratch my Back“,
stockte er die Setliste mit ein paar eigenen Songs auf. „Ich hatte sie mit Hilfe auf dem er Kollegen coverte, hat er einige Musiker gebeten, seine Songs neu
von John Metcalfe umarrangiert“, erzählt Gabriel. „Und dann gefielen mir zu interpretieren. Die Liste klingt vielversprechend: Altmeister Lou Reed
einige dieser Fassungen so gut, dass ich dachte: Das sollten wir aufnehmen.“ brummt „Solsbury Hill“, Paul Simon nimmt sich des Menschenrechts-
Wer unter den neu arrangierten Gabriel-Songs auf „New Blood“ Hits wie klassikers „Biko“ an, und Elbow haben „Mercy Street“ neu vertont.
„Sledgehammer“ sucht, wird allerdings enttäuscht: „Ich wollte nicht einfach
nur meine Hits mit Orchester“, erklärt er, „sondern lieber Songs, die von der Danach allerdings sollte er auch mal wieder neue Songs vorlegen. Wie
Stimmung oder der Struktur her interessant sind und sich gut für diese grandios er schreiben kann, beweist sein neu arrangierter Backkatalog ja zur
Verwandlung eignen. Und das sind nun mal nicht gerade die traditionellen Genüge.
Popsongs aus meinem Repertoire.“ So gab er unbekannteren Songs wie „San Christiane Rebmann
Jacinto“, „The Rhythm of the Heat“ oder „Wallflower“ den Vorzug. Doch auf
„New Blood“ finden sich auch einige Klassiker aus dem 86er-Top-10-Album
„So“, zum Beispiel eine sehr filigrane Version seines Lovesongs „In your
Eyes“ – wohl eines der schönsten Liebeslieder, die je geschrieben wurden. New Blood ist bereits im Handel.
kulturnews 11/11 W W W.G EO RG E M I C H A E L .COM
0 9. NOV E M BER , OBER H AUSE N - KÖN IG PI L SE N E R A R E NA
15. NOV E M BER , BER L I N - O 2 WOR L D QLJ8KQJ?FN
17. NOV E M BER , M Ü NCH E N - OLY M PI A H A L L E
www.sade.com 19. NOV E M BER , F R A N K F U RT - F E ST H A L L E LJM10 musik // Britpop
Foto: Sarah Lee
Coldplay Albumtitel gesucht haben, der erst mal nichts bedeutet. Abgesehen davon,
dass er unserer Meinung nach interessant klingt, gab er uns eine freie Fläche,
die wir mit Ideen füllen konnten. Das Mysterium „Mylo Xyloto“ schafft Raum
für Projektionen.
kulturnews: Als Gegenentwurf zu den Reflexionen, die früher oft deine Texte
„Cool ist, was gefällt“ ausmachten?
Martin: Ja, ich kann Textideen anders, klarer formulieren, wenn ich mich
selbst ausklammere, zumindest vordergründig.
Mit knapp 50 Millionen verkauften Alben haben sich Coldplay den kulturnews: Der Titel eurer ersten neuen Albumsingle „Every Teardrop is a
Waterfall“ zieht sich als Zitat durchs ganze Album.
Status von Superstars der Popmoderne erspielt. Das verringert
Martin: „Mylo Xyloto“ ist unsere Version eines Konzeptalbums. Aber es ist,
ihre Sorgen aber nicht, wie Sänger Chris Martin gern bestätigt. wie gesagt, unsere Konzeptversion. Wir haben nicht versucht, Songs eine
bestimmte Bedeutung zu geben, damit sie ins Konzept passen. Erst als wir
den Großteil der Platte geschrieben hatten, stellten wir fest, wie gut die Songs
kulturnews: Chris, was ärgert dich an der Außenwahrnehmung von Coldplay? thematisch zueinander passten.
Chris Martin: Uns wird oft unterstellt, wir seien vier verklemmte englische kulturnews: Ist das Thema der Platte Empathie?
Typen. Martin: Das soll jeder für sich selbst rausfinden. Aber wenn du es so emp-
kulturnews: Seid ihr’s etwa nicht? findest, liegst du sicher nicht falsch.
Martin: Doch, natürlich – aber es reicht, wenn wir uns selbst so sehen … kulturnews: Es geht um ein Paar, dessen gegenseitige Zuneigung ständig
kulturnews: Habt ihr während der Produktion am neuen Album in geheimen durch äußere Einflüsse auf die Probe gestellt wird.
Fantasiewörtern wie „Mylo Xyloto“ miteinander kommuniziert? Martin: … und Mitgefühl und Verständnis sind ganz gute Werkzeuge, um
Martin: (lacht) Das hätte garantiert zu interessanten Gesprächen geführt. Wir den äußeren Einflüssen widerstehen zu können, die uns ständig Angst vor-
haben viel ausprobiert, viel verworfen, vieles neu angefangen. Es ist schwer einander machen wollen. Das Album ist eine mehr oder weniger deutlich
genug, sich selbst mit etwas Interessantem zu überraschen. Noch schwieri- geschriebene Liebesgeschichte.
ger wird es, wenn interessante Ideen auch noch richtig gut sein sollen. kulturnews: Wovor habt ihr Angst?
kulturnews: Was habt ihr diesmal fürs Finden guter, interessanter Ideen getan? Martin: Ich kann nur für mich reden, aber als Musiker trägt man latent stän-
Martin: Was man halt so macht. Man legt sich beispielsweise in der dig die Angst in sich, morgen vielleicht ein ideenloser Exmusiker zu sein.
Hoffnung eine neue Frisur zu, dass die Ideen nach dem Stutzen sprießen … kulturnews: „Mylo Xyloto“ steckt doch voller Energie.
Nein, im Ernst: Wir haben viel herumgesponnen, viel zusammen gesungen, Martin: Danke, aber wer weiß, welche äußeren Einflüsse mich morgen in die
manchmal tagelang als A-cappella-Formation. Und wir haben einen coolen Knie zwingen können.
Albumtitel gefunden. kulturnews: Gibt es ein erfülltes Leben nach dem Erfolg?
kulturnews: Wolltet ihr mit dem letzten Album „Viva la Vida“ nicht gerade der Martin: Es geht uns nicht darum, Erfolg zu steigern oder ein bestimmtes
Coolness trotzen? Erfolgslevel beizubehalten. Es geht schlicht ums Verbessern der Fertigkeiten,
Martin: Das haben wir ja auch getan. Das letzte Album holte uns aus der die wir haben.
Coolnesslethargie raus. Und prompt fanden ein paar Leute die Platte richtig kulturnews: Werdet ihr nie müde?
cool. Cool ist, was gefällt – und nicht, was gefallen soll. Martin: Wir sind alle über 30 und nutzen unsere Energien jetzt. Sie sind end-
kulturnews: Wofür steht denn der Titel „Mylo Xyloto“? lich – aber bitte noch nicht so bald.
Martin: Für unser neues Album. Interview: Michael Loesl
kulturnews: Und inhaltlich? Mylo Xyloto ist Ende Oktober erschienen.
Martin: Am Namen Coldplay kleben so viele Klischees, dass wir einen
kulturnews 11/11B E F O R E T H E
D I N O S A U R S
D A S A L B U M
INKL. DER HITSINGLE
“GERONIMO (GI GI GIO GIO)”
W W W. AU R A D I O N E . C O M E R H Ä LT L I C H A B 4 . N OV E M B E R12 musik // Indiepop
Große Klappe, viel dahinter: Mark Foster (v.)
Foster The People des Jahres durch diverse Blogs und Indiediscos.
Der Song wurde zum Hit, ihr Album „Torches“
schaffte es in Amerika auf Platz acht der Charts,
und einige ihrer anstehenden Tourtermine in
Deutschland sind bereits ausverkauft. Mark
Angenehm Foster allerdings traut all dem noch nicht so rich-
tig. „Tief in mir drin empfiehlt mir eine Stimme,
vorsichtig zu sein und mich nicht zu sehr darüber
angespannt zu freuen“, sagt er. „Ich hatte schon so viele ver-
schiedene Bands, und immer wenn es aussah,
als wäre meine Chance gekommen, hat sich wie-
Eben noch an der Kaffeemaschine, jetzt in der alles zerschlagen. Das ist, als würde dir
jemand den Boden unter den Füßen wegziehen.“
den Charts: Wie gut es für seine Band
Foster The People läuft, überrascht selbst Auch wenn es Foster The People erst seit 2009
Sänger Mark Foster. Aber es trifft den gibt und sie scheinbar über Nacht zum Erfolg ka-
men: Musik macht Bandkopf Foster schon so lange
Richtigen. er denken kann. „Ich bin noch gekrabbelt, als ich
anfing Klavier zu spielen“, erzählt er und rutscht
dabei unruhig auf dem Sofa hin und her. „Meine
Nein, wie ein Popstar sieht Mark Foster nicht Eltern haben mein Talent schnell erkannt, denn ich
aus. Das Ledersofa, auf dem er sitzt, scheint ihn habe nicht wie andere Zweijährige aufs Klavier ge-
gleich zu verschlucken. Seine großen Augen hauen, sondern einzelne Tasten angeschlagen und
schweifen nervös durch den Raum. Überhaupt zugehört.“ Nachdem er zunächst klassisches
wirkt er schüchtern – dabei könnte der Ameri- Klavier gelernte hatte, begann Foster mit acht
kaner ruhig ein bisschen selbstbewusster sein. Schlagzeug zu spielen, mit zwölf kam die Gitarre
Mit der Single „Pumped up Kicks“ geisterten er hinzu, und anschließend sang er vier Jahre in
und seine Band Foster The People schon Anfang einem Kinderchor in seiner Heimatstadt Cleveland.
kulturnews 11/11KAR STE N JAH N KE KON Z E RTD I R E KTION
Indiepop // musik 13
26.03.12 Frankfurt - Festhalle
27.03.12 Hamburg - Sporthalle
TOWER 20.03.12 Hamburg - Fabrik
OF 21.03.12 Hannover - Capitol
22.03.12 Berlin - Postbahnhof
POWER
Foto: Sony Music
Youn
Sun Nah
& Ulf
Wakenius
in concert
Dort, in Cleveland, steht übrigens auch die Rock’- Werbebranchenvergangenheit nicht verwunder-
08.03.12 Darmstadt - Central Station
n’Roll Hall Of Fame. „Ein super Ort, um Zeit totzu- lich. „Ich hatte nie Hemmungen, eingängige Me- 09.03.12 Stuttgart - Bix
schlagen“, grinst Foster. „Dort habe ich mit zwölf lodien zu schreiben, denn all meine Lieblingskünst- 12.03.12 Düsseldorf - Theater a.d. Kö
Jahren das erste Mal Nirvana gehört, einer der ler tun das“, sagt er. „Trotzdem mag ich es, wenn 14.03.12 Köln - Stadtgarten
15.03.12 Trier - Jazzclub Eurocore
musikalischen Meilensteine in meinem Leben.“ Musik gleichzeitig komplex ist.“ So fröhlich „Tor-
ches“ klingt, so nachdenklich sind einige der Texte. weitere Termine in Vorbereitung
JOHANNES
Es war also klar, dass er Musiker werden würde. „Waste“ zum Beispiel handelt davon, jemanden
Doch bis es mit Foster The People klappen sollte, zu lieben, der gerade einen mentalen Zusammen-
musste er einige Umwege nehmen. Letzte Station:
ein Job als Komponist von Film- und Fernseh-
bruch erlebt hat. In „Pumped up Kicks“ versetzt
Foster sich in die Lage eines Jungen, der so sehr OERDING
werbung in Los Angeles. Ein hartes Geschäft. gemobbt wird, dass er sich in seiner Fantasie ei- BOXER TOUR 2011
„Wenn ein neuer Job rein kam, waren es teilweise nen Amoklauf ausmalt. Eine Situation, mit der er
10.11.11 Lüneburg - Vamos Kulturhalle
bis zu 30 Komponisten, gegen die man sich durch- sich selbst auf gewisse Art identifizieren kann. 11.11.11 Osnabrück - Rosenhof
setzen musste“, erzählt Foster und fuchtelt nervös „Ich hatte zwar nie den Gedanken, Amok zu lau- 12.11.11 Bremen - Schlachthof
17.11.11 Saarbrücken - Garage
mit den Händen. „Aber davor habe ich im Café fen, aber ich war früher selbst ein Außenseiter“, 18.11.11 Heidelberg - Halle 02
gearbeitet, und Musik zu schreiben ist definitiv sagt er und guckt mit großen Augen durch den 19.11.11 Stuttgart - Longhorn
21.11.11 Nürnberg - Hirsch
nicht so ermüdend, wie 100 Latte Macchiato am Raum. 22.11.11 Leipzig - Moritzbastei
Tag zu machen! Mein Geld mit Musik zu verdie- 23.11.11 Erfurt - HsD/Gewerkschaftshaus
26.11.11 Lingen - Alter Schlachthof
nen: Das war ein Traum für mich.“ Zumal Foster Ob Mark Foster den Erfolg überhaupt genießen 27.11.11 Oberhausen - Schacht 1
im Aufnahmestudio kommen und gehen konnte, kann? „Erst muss ich ein gutes zweites Album 01.12.11 Lübeck - MuK
02.12.11 Pahlen - Eiderland-Halle
wann er wollte. Ein Großteil der Songs auf „Tor- schreiben“, sagt er. „Danach kann ich mich viel- 03.12.11 Flensburg - MAX
ches“ ist dort entstanden. Als Foster schließlich leicht etwas entspannen.“ Zusatztermine 2012:
genug Songs zusammen hatte, holte er seine Nadine Lischick 23.03.12 Augsburg - Kantine
24.03.12 Aschaffenburg - Colos-Saal
Freunde Mark Pontius und Cubbie Fink in die 19.04.12 Hannover - Capitol
Band. 20.04.12 Aurich - Stadthalle
23.04.12 Bonn - Harmonie
03.05.12 Potsdam - Waschhaus
Dass die Songs auf „Torches“ einen so hohen Tour 2. 11. Köln, 9. 11. München, 11. 11. Berlin, 12. Weitere Termine folgen.
Wiedererkennungswert haben, ist bei Fosters 11. Hamburg
kulturnews 11/11 TICKETS: 01805 - 62 62 80* | 040 - 413 22 60
www.karsten-jahnke.de
*E 0,14/Min. aus dem dt. Festnetz, Mobilfunk max. E 0,42/Min.14 musik // Chansonrock
Rolf Zacher
Der Allesschaffer
Rolf Zacher (70) sang bei Amon Düül II, schrieb mit Fassbinder
Filmgeschichte und wohnt manchmal am liebsten in seinem Opel.
Kein Wunder, dass auch die Musik des knorrigen Berliners nicht
mit normalen Maßstäben zu messen ist.
kulturnews: Guten Tag, Herr Zacher, schön, wieder von Ihnen zu hören. Wie
geht es Ihnen?
Rolf Zacher: Ich bin gerade auf Entzug, ich rauche nicht mehr. Harte Nummer.
Nikotinsucht ist stärker als Heroinsucht, habe ich neulich mal gelesen.
Deshalb schafft es auch kaum einer, vom Tabak wegzukommen. Aber ich
schaffe alles, das weiß man doch. Für mich ist die Musik heute interessanter
als die Filmerei. Ich habe über 240 Filme gemacht. Aber Deutschland blickt
nicht durch: Anstatt jetzt mal richtig gute Rollen für einen 70-Jährigen zu
schreiben … Aber da musst du schon dick sein wie Dieter Pfaff. Und saufen
musst du. Das erschüttert nicht nur mich. Dafür werde ich jetzt auf der Bühne
stehen, bis ich dahingleite.
kulturnews: Haben Sie Angst vor dem Tod?
Zacher: Ich bin einer, der sich langsam auf den Tod vorbereitet. Ich sehe ihn
als etwas Natürliches. Niemand hat uns gefragt, ob wir geboren werden wol-
len, und genauso ist es mit dem Sterben. Aber durch die Kirche werden die
Menschen zur Angst erzogen.
kulturnews: Wurden Sie selbst religiös erzogen?
Zacher: Nee, überhaupt nicht. Mein Vater, glaube ich, war gar kein Zacher,
sondern ein anderer. Irgendeiner aus dem Zirkus. Das habe ich mal eruiert,
meine Tante hat mir das bestätigt. Mir ist es völlig egal, ich kannte meinen
Vater ja überhaupt nicht. Oft habe ich Väter erlebt von Freunden, da war ich
Foto: Lutz Voigtlaender
froh, dass ich keinen hatte. Dieses patriarchische Erziehen und Denken! Ich
war im Kirchenchor, weil ich schon als Junge eine tolle Stimme besaß. Damals
hatte ich mir ein Mofa zusammengespart, das ich dann gegen einen Platten-
spieler und eine Platte von Mario Lanza eingetauscht habe. Wenn Besuch
kam, habe ich zu dieser Platte immer Opern gesungen.
kulturnews: Ihr neues Album heißt „Danebenleben“. Was verstehen Sie
darunter?
Zacher: Eben nicht so zu leben wie die anderen! Die meisten sehen rechts und kulturnews: Welches Genre bevorzugen Sie?
links nichts. Wenn du aber daneben gehst, siehst du alles. Einmal bin ich als Zacher: Ich bin sehr vielseitig, ich könnte auch Schlager singen. Für das Händel-
Junge nach der Schule nicht nach Hause gefahren wie die anderen, sondern Stück brauchte ich nur einen Take. Genau wie beim Film. Was kann ich dafür,
habe mich irgendwo in Steglitz auf ein Karussellpferd gesetzt, bin die ganze dass ich so schnell bin! Aber bei mir muss es ruhig sein wie in einer Kirche.
Zeit geritten und irgendwann zu Fuß nach Hause gelaufen. Zwar gab es Meditativ. Als wenn im Zirkus einer übers Drahtseil geht. In dem Moment
Ärger mit meiner Mutter, aber das war mir egal. Ich habe viel erlebt. Das herrscht Ruhe.
meine ich mit danebenleben. kulturnews: Sie haben alle Höhen und Tiefen erlebt. Was ist Ihnen heute
kulturnews: Sie machen sich „I’m on Fire“ von Bruce Springsteen, „Love of wichtig?
my Life“ von Queen und die Händel-Arie „Lascia ch’io pianga“ zu eigen. Was Zacher: Ich bin im Laufe meines Lebens durchgeliebt worden. Ich weiß, ich
erkennen Sie in diesen Stücken? könnte nach jedem Auftritt eine Frau mit nach Hause nehmen. Aber ich brau-
Zacher: (singt mit rauchiger Stimme) „Hey little girl is your daddy home, did che das gar nicht mehr. Was ich nach einem Konzert brauche, ist Zärtlichkeit
he go away and leave you all alone, I got a bad desire, I’m on fire” … Dieser – und nicht Herumvögelei.
Song trifft das Leben und den Schmerz, den man hat, wenn man liebt. Mein Interview: Olaf Neumann
musikalischer Partner Martin Bechler hat mir einen Film über diese Kastraten Danebenleben ist seit Oktober im Handel.
im 15., 16. Jahrhundert gezeigt. Die Reichen entführten damals junge Typen,
beschnitten sie und behandelten sie wie eine Blume. Die Kastraten sangen wie kulturnews präsentiert
eine Frau. Diesen Schmerz wollte ich mit der Händel-Arie zeigen, allerdings Tour 8. 11. Berlin, 9. 11. Hamburg, 12. 11. Ratingen, 14. 11. München, 7. 12. Dresden,
komme ich nicht so hoch. 9. 12. Dortmund, 10. 12. Köln, wird 2012 fortgesetzt
kulturnews 11/11Songwriterpop // musik 17
präsentiert
Foto: Katja Hentschel
Foto: Julia Hetta
Jennifer Rostock
1.11. // Stuttgart
LKA
Anna Ternheim Mal darüber nachgedacht, zurück nach Schweden
3.11. // Bremen
zu gehen. Es gibt keinen inspirierenderen Ort, und
ich genieße es auch immer wieder, von der Stadt
Modernes
verschluckt zu werden.
4.11. // Dresden
kulturnews: Auf deinem neuen Album „The Night Alter Schlachthof
Ab in den Visitor“ haben sich aber vielmehr die Südstaaten
eingeschrieben.
Ternheim: Trotzdem hat New York diese Spur
5.11. // Erfurt
Stadtgarten
6.11. // Hannover
Süden gelegt. In einem Gitarrenladen in Brooklyn habe
ich eine ramponierte Gibson aus den 30ern ent-
deckt, mit der ich dann zu meinem Freund Matt
Capitol
9.11. // Osnabrück
Rosenhof
Die Stockholmer Songwriterin Anna Sweeney gefahren bin, um das Spielen auf ihr zu 10.11. // Bochum
üben und an neuen Songs zu arbeiten. Seine Idee Matrix
Ternheim litt in New York unter Schreib-
war es dann auch, mein Album in Tennessee auf-
blockaden. Also fuhr sie nach Nashville und
11.11. // Hamburg
zunehmen. Er kannte den langjährigen Toninge-
Große Freiheit 36
erfand sich neu – mit Hilfe alter Männer. nieur von Johnny Cash, in dessen Studio wir uns
einquartiert haben. Natürlich hat er mich zunächst
12.11. // Leipzig
sehr kritisch als die seltsame, fremde Schwedin
Haus Auensee
kulturnews: Anna, du hast lange nichts von dir beäugt, doch schon nach zwei Tagen war ich 14.11. // Saarbrücken
hören lassen, seit deiner letzten Platte sind fast vollständig akzeptiert, und er rief immer mehr Garage
drei Jahre vergangen … seiner Musikerfreunde an. Jetzt habe ich ein Al- 15.11. // Mannheim
Anna Ternheim: Es ist für mich immer eine schwere bum, auf dem unzählige Legenden zu hören sind. Capitol
Zeit, wenn ich die Konzerte zu einer Platte beende, kulturnews: Die Nashville-Szene ist ja eine ziem- 16.11. // Köln
aber nach dem letzten Album war es besonders liche Männerdomäne. Wie hast du die alten Herren Essigfabrik
schlimm. Ich war erschöpft und leer, konnte keine geknackt und dich als cooles Cowgirl etabliert? 18.11. // Kiel
neuen Songs schreiben und bin auf der Suche Ternheim: Ach, Frauen sind doch leider in so ziem- Max
nach Inspirationen durch New York gestreift. Es lich jedem Musikgenre eine Minderheit. Vielleicht 19.11. // Magdeburg
hat ein ganzes Jahr gedauert, bis ich wieder krea- hat es sich einfach ausgezahlt, dass ich mich von Factory
tiv sein konnte. dieser Überzahl unbeeindruckt gezeigt und nie un-
20.11. // Berlin
kulturnews: Hast du in dieser Zeit deinen Umzug wohl gefühlt habe. Ich interessiere mich für Men-
bereut? schen und versuche, die Kategorie Geschlecht so
Astra
Ternheim: Niemals! Natürlich ist alles viel kompli- weit es geht auszublenden. Außerdem habe ich
21.11. // Berlin
zierter als daheim in Stockholm: Ich bin weit weg in Nashville viele Typen getroffen, die femininer Astra
von meiner Familie, und der Arbeitsweg ist un- waren als meine Freundinnen in Schweden.
glaublich lang, da ich ja meist in Europa auf Tour Interview: Carsten Schrader Tickets und mehr
gehe. Aber ich bin jetzt in meinem vierten New über Jennifer Rostock
auf kulturnews.de
Yorker Jahr, und ich habe noch nicht ein einziges The Night Visitor ist am 28. Oktober erschienen.
kulturnews 11/1116 musik // D-HipHop
Foto: Ruhrpott Illegal
Fard und nicht so alles-ist-meins-mäßig drauf.“ Seine Liebe zum HipHop entdeckte
Fard im – inzwischen aus Geldmangel geschlossenen – Gladbecker Jugend-
haus. „Es war egal, welche Hautfarbe oder welchen Hintergrund jemand
hatte. Für uns war nur das Rappen wichtig.“
Poet aus dem Pott Das Arbeiterkind lebte seine Leidenschaft zunächst als Freestylerapper aus.
Er war 17 und brachte es in dieser Spielart sogar zum Deutschen Meister.
„Beim Freestyle kommt es darauf an, schnell, spontan, lustig und unterhalt-
Eigentlich wollte Fard Fußballer werden, doch seine Zunge war flinker sam zu sein.“ Parallel zog der in der Schule eher aufmüpfige und wenig am Stoff
interessierte Teenager seinen Realschulabschluss durch und begann eine
als seine Beine. Deutscher Meister war er trotzdem schon mal.
Lehre als Zerspanungsmechaniker. „Dieses ganze heiße Metall, das war aber
nicht mein Ding“, erinnert er sich. „Meinen Eltern zuliebe habe ich die Aus-
Vor kurzem war Fahad Nazarinejad zusammen mit Gunter Gabriel im Fern- bildung abgeschlossen und kurz in dem Beruf gearbeitet.“
sehen. Während Gabriel eine verschlagerte Version von Fahads Nummer
„Peter Pan“ zum Besten gab, nahm sich Fahad, kurz Fard, Gabriels Gassen- Doch die Musik war nun sein zentraler Lebensinhalt, zumal sich die alter-
hauer „Hey Boss, ich brauch’ mehr Geld“ zur Brust. Heraus kam eine deutlich native Karriere zerschlug. Fard hatte davon geträumt, Profifußballer zu wer-
aktualisierte Version der Arbeiterklassenhymne. Er gibt sich darin als Stimme den und schaffte es bis ins Team des Regionalligisten Preußen Münster. Ein
seiner Generation – und schreckt nicht vor der Zeile „Autos brennen, solange Schienbeinbruch machte alles kaputt. „Einige meiner Träume sind geplatzt,
wir nicht mehr verdienen“ zurück. doch dafür sind neue dazugekommen“, nimmt er es inzwischen gelassen.
„HipHop hat mir geholfen, wieder nach vorne zu schauen, wieder Mut zu
Ein Aufruf an alle Frustrierten, kriminell zu werden? „Nein, nein, nein!“, wehrt fassen.“ Die aktuelle Single „Seine Geschichte“ dreht sich um dieses Thema.
der Rapper schnell ab. „Ich würde niemals zur Gewalt auffordern. Ich habe
nur ein aktuelles Thema aufgegriffen und frage mich, was die Wurzel dieser Schon während seiner Zeit als Freestyler brachte er Mixtapes auf den
Unzufriedenheit ist. Das kann ja kein Einzelner sein, sonst würden nicht 300 Markt, 2010 kam sein erstes Album „Alter Ego“, nun legt er nach mit „Invictus“
Autos pro Jahr in Berlin und 200 in Hamburg brennen.“ Ein wenig mehr ge- – was soviel heißt wie „Der Unbezwungene“. „Beim Freestyle kannst du Un-
sellschaftliches Aufbegehren würde sich der 26 Jahre alte Deutsch-Iraner sinn erzählen, ein Song dagegen ist etwas für die Ewigkeit“, meint Fard. „Dem-
dennoch wünschen. „In den französischen Vorstädten gehen die Jugend- entsprechend macht man sich mehr Gedanken über das Bild, das man mit
lichen seit Jahren auf die Straße. Wir hier in Deutschland waren immer sehr seiner Musik malen will.“
träge und desinteressiert.“
Fard erfindet den HipHop nicht neu, macht seine Sache aber gekonnt, mit
Wenn Gunter Gabriel der Gossenpoet ist, dann ist Nazarinejad der Straßen- einem Gespür für Geschichten und gut ausbalanciert zwischen Spaß und Ernst.
rapper. Er war im Kindergartenalter, als er mit seiner Familie aus dem unru- „Meine Stücke sind melancholisch und sollen gleichzeitig Hoffnung spenden“,
higen Iran floh und sich in Gladbeck niederließ. Dort, mitten im Ruhrgebiet, sagt der Gladbecker. „Die Menschen sollen erkennen, dass es Rapper gibt,
lebt Fard immer noch. „Ich habe mir diese Ruhrpottmentalität wirklich zu die intelligente Musik machen – auch wenn sie auf den ersten Blick nicht so
eigen gemacht“, sagt er. „Dieses Kumpelige, dieses Füreinander-da-Sein, das aussehen.“
ist hier wirklich ausgeprägter als in manchen anderen deutschen Städten, die Steffen Rüth
mir immer etwas barsch vorkommen. Die Leute im Pott sind offen, warmherzig Invictus erscheint am 4. November.
kulturnews 11/11.ODXV %ŌQLVFK IşU .%. *PE+ SUÃVHQWLHUW
Songwriterpop // musik 17 KLAUS BÖNISCH FÜR KBK GMBH PRÄSENTIERT
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31.10.11 FRANKFURT
01.11.11 HANNOVER
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05.11.11 KÖLN
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„Essentials & Rarities“
2 CD Box Set OUT NOW !
10.11.11 TRIER
19.11.11 MÜNCHEN
07.11.11 BOCHUM
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10.11.11 BERLIN
11.11.11 BIELEFELD
12.11.11 ERLANGEN
13.11.11 MÜNCHEN
Foto: Universal Music
15.11.11 KÖLN
16.11.11 HEIDELBERG
20.11.11 FRANKFURT
21.11.11 STUTTGART
15.11.11 FRANKFURT
Aura Dione Wenn’s geht, würde ich mich ganz pur und frei BROTFABRIK
von Zwängen zeigen.
kulturnews: Wie Eva im Paradies. 16.11.11 BONN
Dione: Ich schäle nicht zufällig einen Apfel, das ist
HARMONIE
selbstverständlich eine Anspielung auf den Garten
Seelenstrip Eden. Dieses Bild hat für mich Symbolcharakter.
Es beantwortet eine Frage, die mir in Interviews
andauernd gestellt wird: Woher kommt deine
19.11.11 BERLIN
PASSIONSKIRCHE
Die Dänin Aura Dione hat keine Angst vor Kreativität? Ich habe ziemlich viel darüber nach-
gedacht. Bis ich erkannt habe, dass es sich dabei 20.11.11 HAMBURG
der Wahrheit – und deshalb auch nicht STAGE CLUB
um eine Form von Energie handelt. Sie ist einfach
davor, sich auszuziehen. da. Immer. Kreativität muss mindestens so alt wie
wir Menschen sein.
kulturnews: Kreativ zu sein heißt ja in deinem Falle ZUSATZSHOWS
kulturnews: Aura, du posierst auf dem Cover dei- vor allem, Lieder zu schreiben. Ist das ein biss- MIT GROSSEM
ner CD nackt. Warum eigentlich? chen wie Striptease? ORCHESTER!!
Aura Dione: Es gibt eine Menge Gründe. Zu- Dione: Um zur Wahrheit zu gelangen, musst du
allererst wollte ich mich auf das Wesentliche re- quasi das, was du sehen möchtest, ausziehen. 03.12.2011
duzieren. Für mein erstes Album habe ich mich Sonst kannst du nicht zu deinem wirklichen Ich
HALLE/WESTFALEN
ja mit recht ausgefallenen Klamotten inszeniert. durchdringen. Als Songschreiberin mache ich das
GERRY-WEBER-STADION
Dieses Image musste ich abstreifen. Das da auf immer wieder. Ich denke recht intensiv nach, des-
dem Foto bin wirklich nur ich. wegen empfinde ich mich oft als eine Art Philo- 04.12.2011
kulturnews: Mode ist dir also auf einmal egal? sophin.
SCHWERIN
Dione: So krass würde ich das nicht formulieren. kulturnews: … die einen neuen Hit à la „I will
SPORT- & KONGRESSHALLE
Ich erkunde einfach gerne neues Terrain. Mich love Monday“ vorlegen will …
auszuziehen war für mich etwas Natürliches. An Dione: Nicht zwingend. Musik ist für mich kein
Scham habe ich dabei keinen Gedanken ver- reiner Wettbewerb. Ich möchte nicht um jeden 30.01.2012
schwendet. Ohne meine Kleidung habe ich neben Preis die Nummer eins werden, diesem Druck HAMBURG
meiner Zerbrechlichkeit eine immense Stärke setze ich mich auf keinen Fall aus. Mir geht es in 31.01.2012
gespürt – ähnlich wie auf der Bühne. erster Linie darum, ganz ich selbst zu sein. ASCHAFFENBURG
kulturnews: Man könnte dir vorwerfen, dass du Interview: Dagmar Leischow 01.02.2012
jetzt auch auf den „Sex sells“-Zug aufspringst. MÜNCHEN
Dione: Was soll ich dazu sagen? Ich kann nicht Before the Dinosaurs erscheint am 4. November. 05.02.2012
steuern, was anderen durch den Kopf geht. Trotz- KÖLN
dem verbiete ich mir nicht, meinen Instinkten zu kulturnews präsentiert
06.02.2012
folgen. In irgendwelchen hochmodischen Sachen Tour 12. 12. Köln, 13. 12. Berlin, 14. 12. Hamburg,
hätte ich mich eingeengt gefühlt. Ich wusste: 15. 12. Darmstadt, 18. 12. Flensburg BELLOWHEAD BERLIN
07.02.2012
ZUM 5. MAL IN FOLGE VON BBC ZUR BESTEN LIVE GRUPPE GEWÄHLT!
kulturnews 11/11
NEUE CD: OUT NOW! HANNOVER
0UMVZ ;PJRL[Z\U[LY^^^RIRJVT^^^[PJRL[THZ[LYKL18 musik // D-HipHop
Kool Savas
Der Gentleman-
Gladiator
Savas Yurderi gilt als bester Rapper Deutschlands. Seinen Ruf
kann er trotzdem nicht kampflos genießen. Momentaner Lieblings-
gegner: die Generation Facebook.
kulturnews: Savas, als du jetzt in einem Berliner Luxushotel zum ersten Mal
einem eingeladenen Publikum dein neues Album „Aura“ vorgespielt hast, war
deine gesamte Familie anwesend. Was halten deine Eltern von deiner Musik?
Kool Savas: Meine Geschwister und meine Mutter waren von Anfang an inter-
essiert. Mein Vater hat sich immer schwergetan. Er hat tatsächlich erst im
vergangenen Jahr zum ersten Mal eines meiner Konzerte besucht. Mein
Vater ist nicht spießig, aber doch traditionell. Und er findet es nicht toll, wenn
ich so was rappe wie „Lutsch meinen Schwanz“. Für meine Mutter dagegen
war das immer nur dummer, spätpubertärer Humor.
kulturnews: „Lutsch meinen Schwanz“ – kurz: „LMS“ – war dein erster Hit.
Savas: Richig. Mehr als zehn Jahre ist das her. Mittlerweile ist mein Vater
ziemlich stolz. Er merkt auch, dass es bei mir textlich schon längst nicht
mehr so asozial ist, dass es in andere Richtungen geht und reifer geworden ist.
Foto: Groove Attack
kulturnews: Wie lief das bei euch mit der vielbeschriebenen Integration?
Savas: Ich bin mit beiden Kulturen aufgewachsen, das war gar kein Problem.
Meine Mutter ist katholisch, mein Vater ist Moslem, die haben sich beide
integriert und die Sprache des anderen gelernt. Meine Güte, ich weiß auch
nicht, warum das immer so ein Theater ist! Menschen, die offen sind und
ein bisschen was im Kopf haben, die sind neugierig und akzeptieren den
anderen. In den 20 Jahren, in denen ich überwiegend in Berlin lebe, habe ich
keinen einzigen Radikalen kennengelernt, dieser ganze Terrorismus, das ist nur Weise. Immer muss man neue Widerstände abbauen und weiterkämpfen,
von den Medien und der Politik aufgeblasene Scheiße. sich beweisen und immun sein gegen irgendwelche Trends und Moden. Ich
kulturnews: Im Video zu deiner Single „Aura“ läufst du über ein Schlachtfeld denke, alles in allem habe ich mich in den Herzen der Leute etabliert. Aber
und siehst ziemlich fertig aus. Was ist die Aussage? weißt du, was mich ankotzt?
Savas: Die Ästhetik ist eine Mischung aus Gladiator und Highlander. Wir kulturnews: Was denn?
haben den Clip im Teutoburger Wald in Ostwestfalen gedreht, dort kämpften Savas: Die neue Jugendgeneration hier in Deutschland, die ist oftmals ein
schon die Römer gegen die Germanen. Die Musik dazu ist sehr episch und echt ätzendes Pack. Die einmalige Arroganz dieser „Generation Facebook”
breit, rapmäßig geht es um jemanden, der über alle Zweifel erhaben ist, der macht mich wahnsinnig. Können nichts, aber meinen, sie wären selbst zum
seine Prüfungen bestanden hat und als vernarbter, melancholischer Sieger Star geboren und haben gegenüber anderen eine große Fresse. Früher hatte
den Kriegsschauplatz verlässt. man gegenüber Älteren noch Respekt. Heute? Posten diese dreisten Herr-
kulturnews: Ein Stück des Albums heißt „Last Man standing“ und ist eine schaften auf meine Pinnwand Sprüche wie „Mach mal was Gescheites“ oder
Zusammenarbeit mit Xavier Naidoo, mit dem du nächstes Jahr ein komplet- „Nur 15 Songs? Dann lad ich mir das lieber irgendwo runter.“ Ich reiße mir
tes Album veröffentlichen wirst. Eine weitere Nummer hat den Titel „Der für HipHop den Arsch auf, und dann so was. Das ist richtig, richtig unver-
Letzte meiner Gattung“. Insgesamt macht diese ziemlich ernste Platte den schämt. Ich will nicht verallgemeinern. Viele, auch und speziell sozial schwä-
Eindruck, dass es anstrengend und auslaugend ist, in Deutschland als Rapper chere Kids, bemühen sich wirklich, etwas aus ihrem Leben zu machen. Und
zu arbeiten. der Rest? Sollte dringend lernen, für alte Leute im Bus den Platz freizuma-
Savas: Ist es auch. Ich bin kein unbescheidener Wichser und ziemlich rea– chen. Das wäre ein erster Schritt.
listisch, was mich und meine Musik angeht. Mit meinen Reimstyles und Interview: Steffen Rüth
Flows, da mache ich schon auch Ansagen, will der Geilste sein, und erfreue
mich daran, die Konkurrenz zu ärgern. Nur: Es ist ein hartes Brot. HipHop
hat mein Leben unheimlich stark geformt, auf positive wie auf negative Aura erscheint am 11. Novermber.
kulturnews 11/11ein-n.de
17 songs inkl. der hit-single
"Just Can't Get Enough"
ab dem 14.10. als CD, limited edition mit bonus DVD & poster-booklet,
doppelvinyl und download erhältlich!
mehr info's unter: www.dickbrave.com20 musik // Poprock
Foto: Deirdre O’Callaghan
Snow Patrol Lightbody: Nur ein paar Cocktails mit alten Songtiteln, die ich aber nie trin-
ken würde – ich bin schließlich ein Mann. Ich stehe auf Bier!
kulturnews: Genau wie auf Techno, der auf diesem Album erstmals Einzug in
den Sound von Snow Patrol hält. Warum hat das so lange gedauert?
Lightbody: Weil wir feige sind und uns nicht getraut haben. Wir dachten, dass
Die neuen Leiden wir damit unsere Fans verschrecken könnten. Aber diesmal hatten wir das
Gefühl, alles gemacht zu haben, was sich mit Gitarre, Bass und Schlagzeug
erreichen lässt und dass wir gar nicht umhin kommen, etwas Neues zu pro-
des Gary L. bieren. Das ist ein Riesenschritt nach vorne. Er lässt das Ganze frisch klingen.
kulturnews: Ein zweites „Pop“ – Snow Patrols Version des 97er U2-Albums?
Lightbody: Ich hätte nichts dagegen, wenn es sich genauso verkaufen würde.
Beziehungsunfähigkeit, ignorante Kritiker, Schreibblockade: Snow- Aber ich denke nicht, dass es so radikal ist. Es sind schließlich immer noch
jede Menge Gitarren auf dem Album – und Stücke, die wie unsere alten
Patrol-Frontmann Gary Lightbody (35) hat es nicht leicht. Doch
Sachen klingen, richtig episch und groß, aber doch besser als je zuvor. Weil
zum Glück hat er Michael Stipe. mir Michael Stipe in den Hintern getreten hat.
kulturnews: Wie bitte …?
Lightbody: Als es darum ging, Songs für das Album zu schreiben, ist mir par-
kulturnews: Mr. Lightbody, wo liegt das Problem? tout nichts eingefallen. Ich war wie ein Kind, das seine Hausaufgaben
Gary Lightbody: Welches? Ich habe viele! machen soll – und stattdessen sein Zimmer aufräumt. Ich habe Sachen ge-
kulturnews: Das mit den Frauen. Auf „Fallen Empires“ dreht sich wieder alles macht, die ich sonst in einer Million Jahre nie tun würde, zum Beispiel Ge-
um unerfüllte Liebe – ein Ansatz, mit dem Sie inzwischen sechs Alben fül- schirr spülen. Und das nur, weil ich Angst vorm Schreiben hatte und meine
len. Da scheint doch etwas schief zu laufen … Zeit irgendwie anders ausfüllen wollte. Ich war komplett leer. Bis Michael
Lightbody: (lacht) Keine Ahnung, was es ist. Aber ich habe kein glückliches vorbeischaute, sich anhörte, was ich hatte, und meinte: „Du machst dir zu
Händchen. Was Beziehungen betrifft, bin ich wie ein Elefant im Porzellan- viele Gedanken. Schreib einfach drauflos – irgendwann kommt es von ganz
laden. Ein echtes Desaster. Ich schaffe es, dass selbst die verständnisvollste alleine.“ Was soll ich sagen? Er hatte Recht. Ein paar Tage später strömten die
Frau nach ein paar Wochen sagt: „Es reicht, ich will dich nicht mehr sehen.“ Ideen nur so aus mir heraus.
Wahrscheinlich, weil ich nicht in der Lage bin zurückzustecken, sondern kulturnews: Was ist mit den Kritikern, warum herrscht da seit Jahren Eiszeit?
immer sage, was ich denke. Großer Fehler. Und wird sich das mit „Fallen Empires“ ändern?
kulturnews: Und ein millionenschwerer Rockstar zu sein und zu den „10 Lightbody: Ich glaube nicht. Wenn du mich fragst, sind die Rezensionen
sexiest Irishmen“ gewählt zu werden, hilft auch nicht? schon fertig, ehe sie die Alben überhaupt gehört haben. Sie brauchen nur
Lightbody: Leider nein. Ich habe eher das Gefühl, das macht es noch schlim- den Titel, und schon können sie den üblichen Sermon verfassen. Was mich
mer – weil es Erwartungen weckt, die ich nicht erfüllen kann. Ich meine, ich mittlerweile auch nicht mehr stört – weil es unwichtig ist. Eine euphorische
bin nicht besonders sexy, und ich lebe auch nicht auf großem Fuß. Ich habe Rezension verkauft vielleicht eine Platte, ein Song im Radio dagegen
ein kleines Apartment in Belfast, eine Comicsammlung … Tausende. Also: Sollen sie doch machen, was sie wollen.
kulturnews: … und einen Pub in New York City, den Houndstooth. Interview: Marcel Anders
Lightbody: Da bin ich nur Teilhaber. Im Grunde ist es nur ein Ort, aus dem
man mich nicht rausschmeißen kann … Aber im Ernst: Er ist cool. Ich habe Fallen Empires erscheint Mitte November.
dort schon aufgelegt und Akustiksets gespielt. Außerdem ist es nett, eine Art
Zuhause in New York zu haben. kulturnews präsentiert
kulturnews: Gibt es da auch den Snow-Patrol-Burger? Tour 25. 2. Berlin, 26. 2. Düsseldorf, 28. 2. Frankfurt, 4. 3. München
kulturnews 11/11Klaviermusik // musik 21
N DE N
WIR WOLLE
O M M E R ZU RÜCK!
S
Foto: Mat Hennek / DG
aus L.A. und ihr Hit
PUMPED UP KICKS
aus dem Erfolgsalbum
Hélène Grimaud dann erkennen Sie ganz schnell den wahren Cha-
rakter dieses Mannes. TORCHES helfen uns
kulturnews: Hätten Sie ihn gern kennengelernt?
Grimaud: Nein. Seine Musik erzählt mir doch alles dabei!
Interessante über ihn, sie lässt mich tief in seine
Bitte Seele blicken. Mehr will ich gar nicht wissen.
kulturnews: Wie Mozart galten Sie als Wunder-
kind. Allein deswegen hätte es viel Gesprächs-
loslassen stoff gegeben.
Grimaud: Dieses Wunderkindimage halte ich in
meinem Falle für völlig unangemessen. Tatsache
Wunderkind spielt Wunderkind: Die franzö- ist: Ich habe erst mit acht angefangen, Klavier zu
spielen. In diesem Alter geben andere schon Kon-
sische Pianistin Hélène Grimaud interpretiert
zerte. Okay, ich habe ziemlich schnell Fortschritte
Mozart – hätte ihn aber nicht gern kennen- gemacht, war die jüngste Studentin am Pariser
gelernt. Konservatorium und hatte meinen Abschluss in
Rekordzeit in der Tasche. Trotzdem sehe ich mich
nicht auf einer Stufe mit jemandem, der schon
kulturnews: Mme Grimaud, warum haben eigent- mit drei oder vier sein Instrument für sich ent-
lich fast alle Pianisten einen enormen Respekt vor deckt hat.
Mozarts Werken? kulturnews: Sie haben den Ruf, eine Perfektio- www.fosterthepeople.com
Hélène Grimaud: Weil es gar nicht so leicht ist, für nistin zu sein …
seine Stücke den richtigen Ton zu finden. Man Grimaud: Damit stehe ich als Musikerin bestimmt
muss sie möglichst unprätentiös spielen und sich nicht allein da. Am liebsten möchten wir immer
von seinem eigenen künstlerischen Ego loslösen. alles unter Kontrolle haben. Dabei liegt die Kunst
Die Klänge sollten ganz spontan aus dem beim Spielen im Loslassen. Wenn Sie sich in eine
Augenblick heraus entstehen – ohne Pathos oder Aufnahme von Vladimir Horowitz vertiefen, wer-
Sentimentalität. den Sie viele Fehler entdecken. Keiner hat es für
kulturnews: Woher wissen Sie überhaupt, was ein nötig befunden, sie zu korrigieren. Warum auch?
Komponist mit seinen Noten wirklich ausdrücken Sie spiegeln die Risikobereitschaft des Pianisten
wollte? wider, seine Aufregung, die Magie des Moments.
Grimaud: Berechtigte Frage. Gemeinhin heißt es Das ist absolut ehrlich und authentisch.
ja, Mozart habe sein wahres Ich in seiner Musik
meist hinter einer Maske versteckt. Ich halte Interview: Dagmar Leischow
dagegen: die Leidenschaft, die Zärtlichkeit, der
Schmerz, das Drama – das ist alles echt.
Allenfalls die leichtherzig-fröhlichen Passagen
sind ein wenig gekünstelt.
kulturnews: Wie kommen Sie darauf?
Grimaud: Sie müssen bloß Mozarts Briefe lesen, Wolfgang Amadeus Mozart ist seit Ende Oktober erhältlich.
kulturnews 11/11Sie können auch lesen