Epilepsie Offenheit - und vielfältige Behandlungsansätze - Deutsche Epilepsievereinigung

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Epilepsie Offenheit - und vielfältige Behandlungsansätze - Deutsche Epilepsievereinigung
Nr. 139/140
  35. Jahrgang
  3/4. Quartal 2016
  75540

              Epilepsie                          braucht
                                      Offenheit
              – und vielfältige Behandlungsansätze
                                                                                                      Epilepsie braucht Offenheit, klar –
                                                                                                      aber allen Menschen gegenüber? Wenn
                                                                                                      Medikamente nicht weiterhelfen – gibt
                                                                                                      es dann zusätzliche Behandlungsmög-
                                                                                                      lichkeiten? Auf diese und weitere Fragen
                                                                                                      versuchen wir, in dieser Doppelnummer
                                                                                                      Antworten zu finden.
einfälle, Zillestr. 102, 10585 Berlin, Postvertriebsstück, Deutsche Post AG, Entgelt bezahlt, 75540
Epilepsie Offenheit - und vielfältige Behandlungsansätze - Deutsche Epilepsievereinigung
BEITRITTSERKLÄRUNG
Hiermit erkläre ich meinen Beitritt zur Deutschen Epilepsievereinigung e.V.

Name:                                                                  Vorname:

Straße, Nr.:

PLZ, Ort:

Einrichtung, Firma:

Telefon, Fax:

Beruf*:                                                                 Geburtsdatum:

E-Mail:

Ich erkläre meinen Beitritt als:

ordentliches Mitglied                                      Fördermitglied

     60,- Euro Jahresbeitrag                                 250,- Euro Jahresbeitrag (Privatpersonen, Selbstständige)

    Euro                        Jahresbeitrag                 500,- Euro Jahresbeitrag (gemeinnützige Einrichtungen)
     (freiwillig gewählter Beitrag, höher als 60,- Euro)

    26,- Euro ermäßigter Jahresbeitrag                        750,- Euro Jahresbeitrag (Wirtschaftsunternehmen)

Epilepsie betrifft mich*                                      selbst       als Elternteil       beruflich        sonstiges

Ich zahle

     per Überweisung/Rechnung                                 Spendenbescheinigung erwünscht

     per (SEPA-) Lastschrift Vordruck zu Einzugsermächtigung geht Ihnen per Post/Mail zu.)

Ehrenamt*
     Ich interessiere mich für eine ehrenamtliche Tätigkeit in der DE und bitte um Kontaktaufnahme

Datum, Unterschrift:
*freiwillige Angaben.
Im Mitgliedsbeitrag ist der Bezug der Mitgliederzeitschrift ,,einfälle‘‘ enthalten. Fördermitglieder erhalten auf Wunsch bis zu
30 Exemplare. Die DE ist zzt. von der Körperschaftssteuer befreit. Der Mitgliedsbeitrag ist steuerlich absetzbar, auf Wunsch
erhalten Sie eine Spendenquittung.

Datenschutzrechtliche Hinweise zur Verwendung von Mitgliederdaten (Auszug aus der Vereinssatzung Stand: 03.07.2014)
§ 5.6 Antrag auf Mitgliedschaft
6.3 Im Rahmen der Mitgliederverwaltung werden von den Mitgliedern folgende Daten erhoben: Name, Vorname, Anschrift, Telefon, Mail,
Beruf, Geburtsdatum, Betroffenheit und Ehrenamt. Diese Daten werden im Rahmen der Mitgliederversammlung erhobenen Daten für die
Mitglieder des Bundesverbandes in ihrem Bereich übermittelt, wenn das Mitglied dem nicht ausdrücklich widerspricht.
6.4 Die nach § 6 Abs. 4 anerkannten Landesverbände bekommen im Rahmen der Mitgliederverwaltung erhobenen Daten für die Mitglieder
des Bundesverbandes in ihrem Bereich übermittelt, wenn das Mitglied dem nicht ausdrücklich wiederspricht.

Deutsche Epilepsievereinigung
gem. e.V.                                      Telefon + (49)030 342 4414                   Spendenkonto:
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10585 Berlin                                   www.epilepsie-vereinigung.de                 BIC (Swift) DEUT DE DBBER
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editorial
                                                                                                              ANZEIGE

                  Liebe Leserin, lieber Leser–
                  liebe Freunde und Förderer!
                  zunächst einmal möchte ich mich bei Ihnen/Euch ent-
                  schuldigen, dass einfälle erst jetzt wieder erscheinen.
                  Im letzten Halbjahr war so viel zu tun, dass wir es mit
                  einfälle 139 einfach nicht pünktlich geschafft haben.
                  Das heißt aber nicht, dass das Heft wegfällt: Diesmal
                  erscheinen wir mit einer Doppelnummer und im
                  nächsten Jahr halten wir (hoffentlich) unsere Termine
                  besser ein.

                    Unabhängig davon geht es voran: Unsere
                    Mitgliederzahlen steigen stetig – wir haben vor eini-
gen Wochen unser 1.000 Mitglied aufgenommen. Wir haben jetzt eine
Imagebroschüre, mit der wir uns vorstellen und zeigen können, wer wir       Sie haben eine
sind, was wir machen und wofür wir stehen. Der Tag der Epilepsie war
ein voller Erfolg: Auf der Zentralveranstaltung in Berlin konnten wir
150 Menschen begrüßen und auch all die anderen Veranstaltungen in
                                                                            Epilepsie?
Deutschland waren gut besucht.                                              Sie suchen einen Ausbildungs-
                                                                            platz? Sie möchten Ihre beruf-
                                                                            liche Zukunft sichern?
Epilepsie braucht Offenheit: Nach wie vor ein wichtiges Thema. Mehr dazu
                                                                            Nutzen Sie unsere Möglichkeiten,
im ersten Schwerpunkt dieser Doppelausgabe. Im zweiten Schwerpunkt          um erfolgreich eine Ausbildung
beschäftigen wir uns mit der Frage, was getan werden kann, wenn             im Berufsbildungswerk Bethel in
Medikamente oder Operationen nicht weiterhelfen. Hier haben wir uns         den Berufsfeldern
auf die Themen Anfallsselbstkontrolle und Ketogene Diäten konzentriert.       Agrarwirtschaft (Gartenbau)
Dann gibt es im kommenden Jahr ein neues Projekt: Wellenreiten. Mit           Ernährung und
diesem Kreativ-Workshop möchten wir gezielt junge Erwachsene mit              Hauswirtschaft
                                                                              Hotel und Gastronomie
Epilepsie ansprechen – mehr darüber im Gespräch mit den Menschen,
                                                                              Metalltechnik
die diesen Workshop leiten.                                                   Textiltechnik und Bekleidung
                                                                              Wirtschaft und Verwaltung
Im vorliegenden Heft finden sich noch viele weitere Informationen, zu de-   abzuschließen.
nen es durchaus unterschiedliche Meinungen gibt (z.B. zur Forschung an      Wenn Sie in Ihrer Berufswahl
Menschen, die nicht einwilligungsfähig sind; zum Bundesteilhabegesetz).     noch nicht sicher sind, bieten
Wir wünschen uns, dass wir diese Dinge weiterhin kontrovers diskutieren     wir abklärende oder vorbe-
und denjenigen, die anderer Meinung sind, weiterhin zuhören und sie         reitende Maßnahmen an, die
                                                                            Ihnen die Entscheidung
nicht verunglimpfen – denn nur dann werden wir unsere Ziele erreichen.
                                                                            erleichtern.
                                                                            Ihre Ansprechpartnerin im
Wenn ich etwas gelernt habe, dann das: Wenn wir unsere Ziele erreichen
                                                                            Berufsbildungswerk Bethel ist
wollen; wenn wir wollen, dass Menschen mit Epilepsie nicht mehr be-         Marlies Thiering-Baum.
nachteiligt werden; wenn wir wollen, dass Menschen mit Epilepsie die
                                                                            Bethel. Epilepsie verstehen.
Unterstützung bekommen, die sie benötigen – dann müssen wir uns in
die politische und öffentliche Diskussion einbringen, auch wenn das, um
mit Rudi Dutschke zu sprechen, ein langer Weg ist. Nur so und nicht mit
                                                                            Berufsbildungswerk Bethel
dumpfen Parolen, können wir etwas erreichen – auch wenn immer mehr
                                                                            An der Rehwiese 57– 63
Menschen in der Welt anderer Meinung zu sein scheinen.                      33617 Bielefeld
                                                                            Tel. 0521 144-2856
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen/Euch allen ein gesegnetes                 Fax 0521 144-5113
Weihnachtsfest und viel Mut, Kraft und Lebensfreude im neuen Jahr 2017      marlies.thiering-baum@bethel.de
                                                                            www.bbw-bethel.de

In diesem Sinne,
Ihr/Euer Norbert van Kampen

                                                                                                   einfälle     3
Epilepsie Offenheit - und vielfältige Behandlungsansätze - Deutsche Epilepsievereinigung
aufgefallen

4   einfälle
Epilepsie Offenheit - und vielfältige Behandlungsansätze - Deutsche Epilepsievereinigung
inhalt

                                        6    schwerpunkt 1
                                             Epilepsie braucht Offenheit Eine Einführung
                                             Epilepsie braucht Offenheit Auch am Arbeitsplatz?
                                             20 Jahre Tag der Epilepsie Jubiläumsveranstaltung in Berlin Charlottenburg
                                             Grußworte zum Tag der Epilepsie
                                             Berichte über Veranstaltungen zum Tag der Epilepsie

                                        24   Schwerpunkt 2:
Epilepsie braucht                            Selbst-Handeln bei Epilepsie Eigene Kraftquellen finden und anwenden
Offenheit                                    Denke positiv und beschäftige Dich mit Dingen, die Dir gut tun
Eine pauschale Sorge über eine               Wellenreiten Gemeinsam die Herausforderungen des Lebens annehmen
überwiegend negative und feh-
                                             Ketogene Diät Erfahrungsbericht einer Mutter
lerhafte Berichterstattung in den
Printmedien über das Thema Epi-              Ketogene Diäten Funktionsweise, Risiken und Erfolgsaussichten
lepsie lässt sich nicht bestätigen.

                                        37   Wissenswert
                                             Bundesteilhabegesetz verabschiedet Das neue Gesetz tritt 2020 in Kraft
                                             Brivaracetam beim G-BA durchgefallen Und nun?
                                             Forschung an nicht-einwilligungsfähigen Menschen …

                                        45   Menschen und Meinungen
                                             Jeder hat das Recht, sich an die Volksvertretung zu wenden

                                        55   aus dem Bundesverband
Ketogene Diäten                              Thema trifft weiter den Nerv Bericht über die Arbeitstagung 2016
Grundsätzlich können die ketoge-             Protokoll der 29. Mitgliederversammlung in Mainz
nen Diäten als nicht-medikamen-
töse Therapie bei allen Epilepsien           Veranstaltungen und Seminare des Bundesverbandes 2017
zur Anwendung kommen.

                                        75   aus den Gruppen und Verbänden
                                             Die Selbsthilfegruppenzusammenarbeit in Sachsen wächst
                                             Informationsaustausch steht im Vordergrund Epilepsie-Selbsthilfeverbände
                                             Deutschlands treffen sich erneut
                                             Panthertage in Nürnberg Lesung war ein großer Erfolg

                                        79   Magazin
                                             25 Jahre Epilepsiechirurgie in Bethel/Bielefeld
                                             Flugzeuge und Ufos auf dem Sommerfest

Jeder hat das Recht,
                                        82   Medien
sich an die Volksvertre-                     Nach wie vor ein wichtiges Thema Interview mit dem Regisseur von
tung zu wenden                               „Nebel im August“
„Egal, welches Alter, welche Nationa-        Eine Abenteuergeschichte über Epilepsie
lität, ob Handicap oder nicht – jeder
kann eine Petition schreiben“, sagt          Klettermax - dem Trauma zum Trotz
MdB Annette Sawade, Mitglied im
Petitionsausschuss des Deutschen
Bundestages.                            89   leserbriefe/kalender/termine

                                                                                                                    einfälle   5
Epilepsie Offenheit - und vielfältige Behandlungsansätze - Deutsche Epilepsievereinigung
schwerpunkt 1

                       Reichstagskuppel, Foto: Sybille Burmeister

             Epilepsie braucht Offenheit …
             … aber keiner sollte sich gezwungen sehen, sich zu „outen“
             Epilepsie ist eine immer noch                          gleichzusetzen, was bei aller Fahr-    Allerdings ist die Berichterstat-
             stigmatisierte Erkrankung, mehr                        lässigkeit des Betroffenen nicht       tung über Unfälle oder Todesereig-
             als alle anderen Erkrankungen                          von besonderem Sachverstand            nisse im Zusammenhang mit
             des zentralen Nervensystems                            zeugt.                                 Epilepsie zum Teil übertrieben.
             (ZNS). Dies belegen regelmäßige                                                               Mögliche begleitende Erkran-
             Umfragen die zeigen, dass auch                         Im Gegensatz zu dem erwähnten          kungen (Angst, Depression),
             heute in Deutschland noch ein                          Artikel lässt sich in der Analyse      psychosoziale Konsequenzen der
             großes Unwissen zu der Erkran-                         deutschsprachiger Berichte in Zei-     Erkrankung und Stigma werden
             kung erkennbar ist und – schlim-                       tungen und Fachjournalen festhal-      teilweise sehr ausführlich thema-
             mer noch – sehr viele Vorurteile                       ten, dass sich eine pauschale Sorge    tisiert. Das für Epileptologen ne-
             bestehen. Das ist in Österreich                        über eine überwiegend negative         gativ besetzte Wort „Epileptiker“
             nicht anders.                                          und fehlerhafte Berichterstattung      wird auch weiterhin recht häufig
                                                                    der Printmedien über das Thema         benutzt, „Menschen mit Epilepsie“
             Publikationen in den Printmedien                       Epilepsie nicht bestätigt. Definiti-   oder „Epilepsiepatienten“ wäre zu
             zeichnen oft ein negatives und                         on der Epilepsie, Ursachen, Epide-     bevorzugen. Ausdrucksweisen wie
             klischeehaftes Bild von Epilepsie.                     miologie, Symptomatik und The-         „der Fallsüchtige“ oder „der Epi-
             Der „Todesfahrer von Eppendorf“                        rapie werden mehrheitlich neutral      leptiker“ sind stigmatisierend und
             ist ein sehr unerfreuliches Beispiel                   und differenziert besprochen,          reduzieren die Menschen auf ein
             dafür, selbst der Chefredakteur                        Grundlagen und wissenschaftliche       Symptom.
             der Zeit fühlte sich aufgefordert,                     Neuerungen werden meist sach-
             dazu Stellung zu nehmen und den                        lich dargestellt.                      Die Epilepsie ist sicher stärker mit
             Patienten mit einem Terroristen                                                               Vorurteilen besetzt als andere

        6       einfälle
Epilepsie Offenheit - und vielfältige Behandlungsansätze - Deutsche Epilepsievereinigung
schwerpunkt 1

chronische Erkrankungen. Epilep-        einzelnen Anfall hinausgeht.           Epilepsie Offenheit, wie diese Er-
sie ist eben immer noch mehr eine       Epilepsie als Thema in der Literatur   krankung sie braucht.
Last als eine chronische Erkran-        hat sehr viele Autoren beschäftigt,
kung des zentralen Nervensystems        sei es aus persönlicher Betroffen-     Drehbuchautor Sascha Arango,
(ZNS), die natürlich für Betroffene     heit, sei es aus dramaturgischen       selbst betroffen, hat mehrfach
und Angehörige oft schwer ist.          Gründen oder auch aus starkem          vor Fachpublikum zu seinen „Epi-
Daher muss Epilepsie öffentlich         Interesse. In der Literatur hat die    lepsiefilm“ (Borowski-Tatort „Der
sein und wahrgenommen werden            Epilepsie ganz unterschiedliche        stille Gast“ von 2012) gesprochen
– nicht negativ, sondern objektiv.      Funktionen, oft stellen Anfälle        und von eigenen Anfällen und
Epilepsie zu haben ist kein Spaß,       oder die Erkrankung selbst in          der eigenen Verweigerung, die
aber eben eine Erkrankung; Epi-         der Dramaturgie der Geschichte         Medikamente zu nehmen, erzählt.
lepsie ist kein Stigma, sondern ein     Wendepunkte dar oder verändern         Er kennt inzwischen die verschie-
neurologisches Syndrom.                 völlig den Ablauf der vom Leser        denen Motive von Regisseuren,
                                        vermuteten Handlung, wie z.B.          Epilepsie im Film zu thematisieren
Epilepsie mit ihrer Aufsehen            in dem lesenswerten Buch „Was          und weiß auch von den unzurei-
erregenden Symptomatik be-              Liebe ist“ von Ulrich Wölk (DTV-       chenden Kenntnissen zu berichten,
gleitet die Menschheit seit ihren       Verlag, München 2013). Neben           die dann im Film Anfallskranke
frühesten Anfängen und spielt           der Darstellung von Epilepsie in       stigmatisieren können. Leider ist
sich in hohem Maße im öffent-           der Literatur versucht sich der        genau dieser Vorwurf auch dem
lichen Raum ab. Ihre Geschichte         Betroffene auch selbst mit der         oben genannten „Tatort“ zu ma-
ist daher wesentlich nicht aus-         Darstellung des eigenen Schicksals     chen.
schließlich Medizingeschich-            Aufmerksamkeit zu verschaffen,
te, sondern Kulturgeschichte.           literarisch überzeugend ist das        Die Kenntnis der Stellung von
Neben medizinischen ist sie in          Sarah Bischof gelungen (Panther-       Epilepsie im Dritten Reich ist von
juristischen, religiösen und lite-      tage, Eden-Books 2014).                elementarer Bedeutung für die
rarischen Texten enthalten mit                                                 Einstellung der Menschen in der
jeweils eigenen Blickwinkeln,           Das Thema Epilepsie im Film wird       Öffentlichkeit, auch heute noch.
die erst zusammen ein vollstän-         schon seit längerer Zeit wissen-       Publikationen wie die von Götz Aly
diges Bild der Epilepsie als ge-        schaftlich untersucht, auch im         (Die Belasteten: Euthanasie 1939-
sundheitliches und gesellschaft-        deutschsprachigen Raum fand            1945. Eine Gesellschaftsgeschich-
liches Phänomen ergeben.                durch mehrere Autoren frühzeitig       te, Frankfurt a.M., Fischer-Verlag
                                        eine Auseinandersetzung mit dem        2013.), der eine behinderte Tochter
Epilepsie ist schon sehr lange ein      Thema Epilepsie im Film statt.         mit Down-Syndrom hat, tragen
Thema in der bildhaften Kunst,          Alte, inzwischen überholte Vor-        dazu bei, dass eine breite Öffent-
beispielsweise wurden Werke aus         stellungen über die Erkrankung         lichkeit das Thema wahrnimmt.
einem Wettbewerb zum Thema              Epilepsie scheinen in bestimmten
„Anfall im Bild“ (1996) international   Filmgenres länger erhalten zu blei-    Warum braucht also Epilepsie
anerkannt und verbreitet. Der epi-      ben (wie z.B. Aggression während       Offenheit – mehr als andere chro-
leptische Anfall wurde bereits von      eines Anfalls in Horrorfilmen).        nische Erkrankungen? Das hat zum
alten Meistern aufgegriffen und                                                einen mit den immer noch beste-
eindrucksvoll bearbeitet. Aus ei-       Das Thema Epilepsie im Spiel- und      henden Vorurteilen zu tun: Der
nem Vergleich zwischen bildlichen       Fernsehfilm ist oft benutzt, um        große Anfall im Supermarkt führt,
Anfalls-Darstellungen von Künst-        Klischees zu bedienen. Die TV-Serie    wie selbst erlebt, meist nicht dazu,
lern mit und ohne Epilepsie ergibt      „In aller Freundschaft“ hat in den     dass man selbst hilft, sondern dass
sich die Vermutung, dass Künstler       letzten zwei Jahren mindestens         jemand angerufen wird, der helfen
mit Epilepsie in der Darstellung ihr    dreimal Epilepsie und Anfälle          soll. Häufig fallen Bemerkungen
Anfalls-Erleben, ihre Gefühle und       dramaturgisch genutzt. Die Serie       wie: „Der soll nicht so viel saufen“.
Empfindungen zum Ausdruck brin-         beschäftigt sich ungewöhnlich          Anteilnehmende Hilfe ist oft die
gen im Unterschied zu Künstlern         professionell mit der Frage der        Ausnahme. Ein Anfall in der Öffent-
ohne Epilepsie, die eine Botschaft      Epilepsiechirurgie und den Chan-       lichkeit führt fast immer dazu, dass
vermitteln wollen, die über den         cen dieser Methode. So bekommt         ein Notarzt oder ein Krankentrans-

                                                                                                            einfälle   7
Epilepsie Offenheit - und vielfältige Behandlungsansätze - Deutsche Epilepsievereinigung
schwerpunkt 1

                                                                                                  All das schränkt das selbstbe-
                                                                                                  stimmte Leben ein. Und Epilepsie
                                                                                                  scheint eine Erkrankung zu sein,
                                                                                                  die hartnäckig mit den immer
                                                                                                  gleichen Verboten belegt wird
                                                                                                  wie: kein Flackerlicht, keine Disko,
                                                                                                  keine Nachtschicht, kein Schlaf-
                                                                                                  mangel. Diese Verbote sind in
                                                                                                  dieser Pauschalität in aller Regel
                                                                                                  falsch. Auch wenn die Printmedi-
                                                                                                  en sich wie oben erwähnt zuneh-
                                                                                                  mend um objektive und korrekte
                                                                                                  Darstellung bemühen und auch
    Zentralveranstaltung zum TdE 2016 in Berlin, Foto: Reinhard Elbracht
                                                                                                  Bücher wie Panthertage von Sa-
                                                                                                  rah Bischof oder Was Liebe ist von
                                                                                                  Ulrich Wölk sehr eindrucksvoll die
                                                                                                  Dinge darzustellen in der Lage
                                                                                                  sind, so bleibt vieles solange im
                                                                                                  Nebel, bis man selbst Kontakt
                                                                                                  mit Epilepsie hat. Denn die gute
                                                                                                  Botschaft ist, dass es eine extrem
                                                                                                  effektiv und erfolgreich behandel-
                                                                                                  bare Erkrankung ist, ja sogar die
                                                                                                  am besten zu behandelnde chro-
                                                                                                  nische Erkrankung des zentralen
                                                                                                  Nervensystems. Marion Witt, die
                                                                                                  ihre Epilepsie in einem Theater-
                                                                                                  stück auf die Bühne brachte, ist
    Arbeitstagung der DE 2016 in Mainz, Foto: Andreas Rupprecht                                   genau deshalb so großartig, weil
                                                                                                  sie sehr authentisch als Betroffe-
                                                                                                  ne künstlerisch geschaffen hat,
                                                                                                  was mit reiner Information meist
                                                                                                  nicht gelingt.

                                                                                                  Aber noch so gute und informative
                                                                                                  Bücher, Theaterstücke, Printinfor-
                                                                                                  mationen und Bilder nützen dann
                                                                                                  nichts, wenn der Adressat (Arbeit-
                                                                                                  geber, Behörde, Partner) davon
                                                                                                  nichts weiß, sich uninformiert
                                                                                                  oder schlimmer noch uninter-
                                                                                                  essiert zeigt. Es scheint den US-
                                                                                                  Amerikanern besser zu gelingen,
    Arbeitstagung der DE 2016 in Mainz, Foto: Andreas Rupprecht
                                                                                                  Epilepsien zu akzeptieren und zu
                                                                                                  integrieren. Möglicherweise wirkt
    port gerufen wird. Das scheint gut                        fährt oft unnötige Untersuchungen   die Geschichte der „Belasteten“
    gemeint, führt aber bei Menschen,                         und Verbote oder sogar andere       (Götz Aly) in der NS-Zeit immer
    die solche Ereignisse regelmäßig                          oder neue Medikamente, die oft      noch nach. Vielleicht hat sie uns
    haben, zu Problemen: Man muss                             nicht sinnvoll sind oder früher     langfristig noch viel mehr gescha-
    ins Krankenhaus, man muss oft                             schon vergeblich eingenommen        det, als uns klar ist.
    dort eine Nacht bleiben, man er-                          worden waren.

8    einfälle
Epilepsie Offenheit - und vielfältige Behandlungsansätze - Deutsche Epilepsievereinigung
schwerpunkt 1

Aber auch der Offenheit sind klare     die negativen Erfahrungen mit           Weg bis zu einer vorurteilsfreien
Grenzen gesetzt: Niemand muss          Behörden, wie sie Sarah Bischof in      und nicht stigmatisierenden Sicht
sich outen zu etwas, was schnell       ihrem Buch Panthertage am Bei-          auf die Erkrankung, so wie es
zu seinem Ungunsten gewertet           spiels eines Besuchs im Jobcenter       bei der Multiplen Sklerose heute
werden kann. Natürlich muss der        darstellt, offenbaren, dass viel        schon der Fall ist, ist noch weit
potenzielle Arbeitgeber nicht von      zu tun bleibt, bis Epilepsie eine       und steinig.
der Epilepsie wissen, wenn der         „normale“ chronische Erkrankung                Dr. Thomas Mayer / Maria Lippold /
Arbeitsplatz keine Fremd- oder Ei-     sein kann, eine Erkrankung mit                                            MartinLutz
                                                                                   Sächsisches Epilepsiezentrum Radeberg
genfährdung im Anfall birgt oder       Besonderheiten – aber eben auch                                      Wachauerstr. 30
wenn jemand schon sehr lang-           nicht mehr.                                                           01454 Radeberg
                                                                                                      Tel.: 03528 – 431 1400
fristig anfallsfrei ist. Behörden                                                                     Fax: 03528 – 431 1850
gegenüber besteht für chronisch        Die Zeit, in der es eine „Anstalt für                Mail: t.mayer@kleinwachau.de
kranke Menschen nicht in jedem         Epileptische“ gab, ist vorbei – in
Fall eine Offenbarungspflicht.         Bethel wie in Lobetal; in Klein-
Das gilt für Epilepsiekranke wie       wachau, Kork, Alsterdorf und an-        Anmerkung der Redaktion: Aus
für den rheumakranken oder an          derswo. Hilfen für Betroffene und       Gründen der besseren Lesbarkeit
Diabetes erkrankten Menschen.          Angehörige bieten Internet-Seiten       wurden die zahlreichen Litera-
Zwar kann Offenheit dazu beitra-       wie die vom Modellprojekt Epilep-       turhinweise im Text entfernt. Der
gen, dass Epilepsie immer mehr         sie (www.modellprojekt-epilepsie.       vollständige Text incl. der Literatur-
als eine „normale“ chronische          de), öffentliche Veranstaltungen        hinweise kann über die Linkliste zu
Erkrankung angesehen wird wie          z.B. zum Tag der Epilepsie oder         einfälle 139/140 heruntergeladen
z.B. Multiple Sklerose oder das        auch lokale Veranstaltungen in          oder über unsere Bundesgeschäfts-
Parkinson Syndrom. Aber gerade         Schulen und Ämtern. Aber der            stelle bezogen werden.

Epilepsie braucht Offenheit –
Offenheit mit der eigenen Epilepsie
Wichtig ist, die eigenen Anfälle beschreiben zu können
Ich finde es gut, dass es den Tag      Nicht selten habe ich in Gesprä-        nur angebe: Ich habe Epilepsie.
der Epilepsie gibt und mit plaka-      chen mit Betroffenen oder auf Se-       Dem Sachbearbeiter – der viel-
tiver Werbung, der Verteilung von      minaren festgestellt, dass es große     leicht keine Ahnung hat – sollte
Faltblättern und der Durchführung      Schwierigkeiten bereitet, wenn          ich zumindest sagen können,
von öffentlichen Informationsver-      man einem Dritten seine Epilepsie       wie häufig meine Anfälle auf-
anstaltungen Aufklärung betrie-        so beschreiben soll, dass dieser sie    treten, ob dies mehrfach täglich,
ben wird.                              versteht.                               wöchentlich oder monatlich der
                                                                               Fall ist und vor allem, wie diese
Ein weiterer Teilaspekt ist für mich   Gerade für Unwissende – seien           Anfälle aussehen. Bin ich z.B. be-
die persönliche Auseinanderset-        es ein Freund, eine Freundin, ein       wusstlos, falle ich hin oder bin ich
zung des Einzelnen mit seiner          möglicher Arbeitgeber oder der          nur für kurze Augenblicke etwas
Epilepsie und ein entsprechend         Sachbearbeiter in einer Behörde         geistig abwesend. Wichtig in die-
offener Umgang damit. Es kann          – kann es sehr wichtig und vorteil-     sem Zusammenhang ist auch ein
nur von Vorteil sein, wenn ich         haft sein, wenn sie über die Epilep-    Hinweis, ob ich in regelmäßiger
selbst lerne, mit meiner Epilepsie     sie näher Bescheid wissen.              ärztlicher Behandlung bin – beim
bewusst umzugehen und diese                                                    Haus- oder Facharzt – und ob ich
einem anderen möglichst ver-           So reicht es nicht aus, wenn ich        Medikamente einnehme. Insge-
ständlich erklären kann.               einen Schwerbehindertenaus-             samt gilt, je klarer der Epilepsie-
                                       weis beantrage und im Antrag            Sachverhalt, desto genauer kann

                                                                                                                  einfälle     9
Epilepsie Offenheit - und vielfältige Behandlungsansätze - Deutsche Epilepsievereinigung
schwerpunkt 1

                                                                                    Beschreibung kann dann eine
                                                                                    angstfreie Atmosphäre entstehen
                                                                                    lassen.

                                                                                    Zum offenen Umgang mit seiner
                                                                                    Epilepsie kann es auch wichtig
                                                                                    sein, dem Dritten zu beschreiben,
                                                                                    welche Gefühle und welche kör-
                                                                                    perliche Verfassung man nach
                                                                                    einem Anfall hat, also ob ich Angst
                                                                                    habe, ob ich mich völlig schlapp
                                                                                    oder leer fühle oder ob ich Kopf-
                                                                                    schmerzen oder Muskelschmerzen
                                                                                    habe. Dies erleichtert für Dritte
                                                                                    ganz erheblich das Verständnis für
                                                                                    einen epileptischen Anfall oder
                                                                                    auch das Verhalten nach einem
     die Einstufung als Schwerbehin-         Für Schule wie Kindergarten ist        Anfall.

                                                                                                                            Fotos: Fotolia
     derter erfolgen.                        ebenfalls wichtig und vorteilhaft,
                                             wenn die Erzieher genauestens          Das Beschreiben eines Anfalles
     Geht es um ein Arbeitsverhältnis,       über das Anfallsgeschehen in-          kann man auch erlernen, indem
     z.B. ein Vorstellungsgespräch, sollte   formiert sind und wissen, was          man beispielsweise Eltern, einen
     ich dem möglichen Arbeitgeber           im Falle eines Anfalles zu tun ist.    Freund oder Begleiter ermuntert,
     zum einen meine Leistungsstärken        Eltern sollten deshalb genau be-       eine Anfallssituation genau zu
     deutlich machen, zum anderen            schreiben, wie sich der Anfall im      beobachten, ggf. Notizen über Art
     aber auch mehr über meine Epi-          Regelfall bei ihrem Kind abspielt,     und Dauer des Anfalles zu machen
     lepsie sagen und erläutern, damit       wie lange dieser dauert, wie es        und sich dann darüber miteinan-
     er Vertrauen gewinnt, keine Angst       dem Kind geht und was danach zu        der austauscht.
     entwickelt, mich einstellt, weiter-     tun ist (längere Ruhepause, Kind
     arbeiten lässt oder nicht so schnell    nach Hause schicken, ärztliche Hil-                            Jochen Röder
     kündigt. Der Arbeitgeber braucht        fe holen oder ähnliches). Eine klare                               Bielefeld

     Sicherheit und diese kann ich ihm
     geben, wenn ich mich klar ausdrüc-
     ken und meine Epilepsiesituation
     genau schildern und beschreiben
     kann. Der Arbeitgeber will in erster
     Linie wissen, ob ich meine Anfälle
     während der Arbeit bekomme, wie
     diese dann aussehen, ob gege-
     benenfalls ein Arzt oder Notarzt
     herbeigerufen werden muss und
     schließlich, wie lange ich dann
     anfallsbedingt als Arbeitskraft
     ausfallen werde. Positiv kommt
     auch an, wenn ich den Arbeitgeber
     beruhigen kann mit dem Hinweis,
     dass ich unter ärztlicher Kontrolle
     regelmäßig meine Medikamente
     nehme (und vielleicht sagen kann,
     dass sich meine Anfallssituation
     deutlich gebessert hat).

10    einfälle
schwerpunkt 1

Epilepsie braucht Offenheit
Auch am Arbeitsplatz?
Viele Menschen sind sich unsicher,    erheblich zu einer Ent-Stigmatisie-     Anfälle zuverlässig nur während
ob sie einem zukünftigen Arbeit-      rung der Epilepsien bei. Außerdem       des Schlafes auftreten – warum
geber gegenüber ihre Epilepsie        müssen sie nicht die Angst haben,       dann den Arbeitgeber darüber
offenbaren sollen, ob sie dies tun    dass das Vertrauensverhältnis dem       informieren?
müssen und wann der geeignete         Arbeitgeber gegenüber in irgend-
Zeitpunkt dafür gegeben ist. Viele    einer Weise beeinträchtigt ist.         Darüber hinaus gibt es nach wie
Menschen haben Angst davor,                                                   vor viele Vorurteile gegenüber
dass, wenn sie ihre Krankheit nicht   Dem gegenüber steht, dass es sich       Menschen mit Epilepsie – auch bei
offenbaren und es dann während        beim Arbeitsvertrag um einen Ver-       potenziellen Arbeitgebern. Wenn
der Arbeitszeit zu einem epilepti-    trag auf Gegenseitigkeit handelt:       also ein Arbeitgeber der Meinung
schen Anfall kommt, ihr Arbeits-      Der Arbeitnehmer stellt seine Ar-       ist, dass bei anfallskranken Men-
verhältnis fristlos gekündigt wer-    beitskraft für eine gewisse Zeit zur    schen bzw. bei Menschen mit
den kann.                             Verfügung und erhält dafür vom          einem Schwerbehindertenausweis
                                      Arbeitgeber ein Gehalt. Natürlich       mit Leistungseinschränkungen
Die Argumente derjenigen, die ih-     muss der Arbeitgeber alles wis-         zu rechnen ist, warum sollte er
rem zukünftigen Arbeitgeber ihre      sen, was das Arbeitsverhältnis in       dann einen solchen Menschen
Epilepsie mitteilen möchten, sind     irgendeiner Weise beeinträchtigen       einstellen? Auch wenn es bei der
auf der einen Seite nachvollzieh-     könnte – aber nur das und nichts        Einstellung eines schwerbehin-
bar: Sie müssen nicht in der stän-    anderes (keiner würde z.B. auf die      derten Menschen teilweise erheb-
digen Angst leben, dass sie einen     Idee kommen, seinem Arbeitgeber         liche Lohnkostenzuschüsse gibt
Anfall bekommen und ihre Krank-       zu offenbaren, dass er Diabetiker       und auch wenn Betriebe ab einer
heit dann doch offenbar wird.         ist). Beeinträchtigt also die Epilep-   Mitarbeiterzahl von 20 Personen
Auch können sie den Kolleginnen       sie die berufliche Tätigkeit nicht      einen bestimmten Prozentsatz
und Kollegen gegenüber ganz of-       – etwa dann, wenn über Jahre            der Arbeitsplätze mit schwerbe-
fen sein und tragen zudem noch        Anfallsfreiheit besteht oder die        hinderten Mitarbeitern besetzen

                                                                                                        einfälle   11
schwerpunkt 1

                                                                                  bestimmte Tätigkeiten in dem
                                                                                  gewünschten Beruf nicht möglich
                                                                                  sind, ist sorgfältig zu überlegen,
                                                                                  wie und wann dies erfolgt (vgl.
                                                                                  dazu die von der Stiftung Michael
                                                                                  herausgegebene Schrift Sprechen
                                                                                  über Epilepsie, die bei der Stif-
                                                                                  tung Michael, Alsstraße 12, 53227
                                                                                  Bonn, www.stiftung-michael.de
                                                                                  kostenlos bezogen werden kann).
                                                                                  Ein Gespräch mit dem behandeln-
                                                                                  den Arzt, dem Berufsberater, der
     Foto: Fotolia

                                                                                  Selbsthilfegruppe oder auch dem
                                                                                  Integrationsfachdienst vor dem
                                                                                  Vorstellungsgespräch kann hilf-
     müssen (ansonsten wird eine Aus-       weitere Vorgehen für den Fall, dass   reich sein.
     gleichsabgabe „fällig“), sollte dies   epilepsiebedingt für bestimmte
     nicht darüber hinwegtäuschen,          Tätigkeiten keine Eignung besteht,    Auf keinen Fall gehören Angaben
     dass Arbeitgeber zu Recht in erster    sollte offen mit dem Arzt bespro-     zur Epilepsie oder zum Schwerbe-
     Linie daran interessiert sind, einen   chen werden. Unverzichtbar in         hindertenausweis in das Bewer-
     Mitarbeiter einzustellen, der die      diesem Zusammenhang ist die           bungsschreiben oder in die Bewer-
     in ihn gestellten Erwartungen voll     von der Deutschen Gesetzlichen        bungsunterlagen.
     und ganz erfüllt – und nicht einen     Unfallversicherung herausgegebe-
     Mitarbeiter, der „kostengünstiger“     ne Schrift Berufliche Eignung bei     Abschließend noch eine Anmer-
     ist, weil bei dessen Einstellung       Epilepsie und nach erstem epilepti-   kung: Viele Menschen mit Epi-
     Zuschüsse gewährt werden.              schen Anfall – DGUV-I-250-001, die    lepsie denken, dass es doch gut
                                            dazu detaillierte Hinweise enthält.   wäre, wenigstens ihren engsten
     Was also tun? Vielleicht ist es                                              Kollegenkreis zu informieren, da-
     hilfreich, sich in diesem Zusam-       Das Gesagte gilt unabhängig da-       mit dieser im Falle eines Anfalls
     menhang noch einmal die beste-         von, ob ein Schwerbehindertenaus-     weiß, wie er sich zu verhalten
     henden rechtlichen Regelungen          weis vorliegt oder nicht. Wird dem    hat. Dabei wird allerdings über-
     vor Augen zu halten, nach denen        Arbeitgeber bei der Einstellung die   sehen, dass bei vielen Menschen
     chronisch kranke Menschen ihren        Schwerbehinderteneigenschaft          die Anfälle nur sehr selten am
     Arbeitgeber nur dann über ihre         nicht offenbart, bleiben die Nach-    Arbeitsplatz auftreten, dass zum
     Erkrankung informieren müssen,         teilsausgleiche – insbesondere der    Zweiten der Kollegenkreis gerade
     wenn sie wesentliche Teile der         besondere Kündigungsschutz –          die „kleineren“ Anfälle gar nicht
     Arbeit aufgrund ihrer Erkrankung       dennoch erhalten. Spricht der Ar-     mitbekommt und zum Dritten die
     (in diesem Fall der Epilepsie) nicht   beitgeber zu einem späteren Zeit-     Möglichkeiten der ersten Hilfe bei
     ausüben können oder dürfen. Ist        punkt (nach Ablauf der Probezeit)     einem epileptischen Anfall sehr
     dies nicht der Fall, hat der Arbeit-   eine Kündigung aus, muss dieser       begrenzt sind.
     geber keinen Anspruch auf diese        umgehend mit Hinweis auf den
     Information.                           Schwerbehindertenausweis wider-       Natürlich wäre es schön, wenn am
                                            sprochen werden. Gleichzeitig soll-   Arbeitsplatz offen über die Epilep-
     Bestehen Zweifel, ob alle Tätigkei-    te das zuständige Integrationsamt     sie gesprochen werden könnte,
     ten am Arbeitsplatz ausgeführt         informiert werden. Erfolgt dieser     ohne dass es dadurch zu Benachtei-
     werden können bzw. dürfen, soll-       Hinweis nicht, ist die Kündigung      ligungen oder ungerechtfertigten
     ten diese mit dem zuständigen          trotz Vorliegens der Schwerbehin-     Einschränkungen kommt – aber
     Betriebsarzt besprochen werden,        derteneigenschaft rechtsgültig.       sind wir wirklich schon so weit?
     der wie alle Ärzte der ärztlichen                                                                 Norbert van Kampen
                                                                                       Epilepsie-Zentrum Berlin Brandenburg
     Schweigepflicht unterliegt – auch      Muss der Arbeitgeber über die                           n.kampen@keh-berlin.de
     gegenüber dem Arbeitgeber. Das         Epilepsie informiert werden, weil                                   www.ezbb.de

12         einfälle
schwerpunkt 1

20 Jahre Tag der Epilepsie –
Ein Blick zurück
Interview mit Helga Renneberg

                                                 pe mit Vertretern der Selbsthilfe,                      der 5. Oktober 1996 für den Tag der
                                                 dem damaligen Vorsitzenden der                          Epilepsie in Heidelberg festgelegt
                                                 Deutschen Sektion der Internatio-                       und zwar in Verbindung mit der
                                                 nalen Liga gegen Epilepsie, Prof. Dr.                   ersten gemeinsamen Jahrestagung
                                                 med. Dietz Rating aus Heidelberg,                       der Deutschen Sektion der Internati-
                                                 der Stiftung Michael, dem damali-                       onalen Liga gegen Epilepsie und der
                                                 gen Informationszentrum Epilepsie,                      Deutschen Epilepsievereinigung.
                                                 der die Epilepsie betreffenden
                                                 pharmazeutischen Industrie und                          einfälle: Ich habe mal gehört, dass
                                                 anderen gegründet, die sich über-                       das die Mediziner ganz schön ver-
                                                 wiegend zur Vorbereitung der Ak-                        blüfft hat, dass auf einmal so viele
                                                 tion in Göttingen getroffen hat.                        Patienten da waren …

Helge Renneberg, Foto: Johannes Albert Lehmann
                                                 einfälle: Wie liefen die Vorbereitun-                   Renneberg (lacht): Stimmt, man-
                                                 gen ab?                                                 che schon. Es war ja die erste
                                                                                                         Aktion von Ärzten und Patienten
Helga Renneberg ist ein Urgestein                Renneberg: Wir haben erst einmal                        zusammen, das gab es bis dahin
der Deutschen Epilepsieselbsthilfe.              überlegt, wie wir die Sache am                          noch nicht. Aber wir kannten zu
Sie lebt in Göttingen, hat sich aber             besten angehen können. Nach                             diesem Zeitpunkt schon viele Ärz-
weitestgehend aus der aktiven                    Gesprächen mit Institutionen, die                       te und hatten ein gutes Verhältnis
Selbsthilfearbeit zurückgezogen.                 solche Kampagnen regelmäßig                             aufgebaut. Wir haben in Nieder-
Helga Renneberg ist die „Mutter“                 durchführen, war uns klar, dass wir                     sachsen und bundesweit seit
des Tags der Epilepsie, der am 5.                diese Gelder nie aufbringen kön-                        1984 viele Wochenend-Seminare
Oktober 1996 zum ersten Mal be-                  nen. Wir haben in etlichen Jahren                       organisiert und hatten dabei viele
gangen wurde.                                    durch intensive Zusammenarbeit                          Ärzte als Referenten.
                                                 nicht ausgegeben, was eine einzige
einfälle: Frau Renneberg, wie kam                Profi-Kampagne gekostet hätte.                          einfälle: Was haben Sie konkret
es zum ersten Tag der Epilepsie?                 Im Laufe der Vorbereitung wurde                         gemacht?

Renneberg: Nachdem die Epilepsi-
en in meiner Familie nach etlichen
schlimmen Jahren unter Kontrolle
waren, musste etwas passieren,
um mehr Aufmerksamkeit für die-
ses Krankheitsbild zu bekommen.
Es wurde die Idee vom Tag der
Epilepsie geboren. Die bundes-
weite Epilepsie-Selbsthilfe konnte
für diese Idee gewonnen werden,
anschließend auch die damalige
Deutsche Sektion der Internatio-
nalen Liga gegen Epilepsie (heute:
Deutsche Gesellschaft für Epilepto-              Zentralveranstaltung zum Tag der Epilepsie 2009 in Hannover
logie). Es wurde eine Arbeitsgrup-               (von links: Klaus Göcke, Helga Renneberg, Norbert van Kampen)

                                                                                                                                      einfälle   13
schwerpunkt 1

                                                                                                            von Frau Süssmuth unterstützt,
                                                                                                            unter anderem auch beim Thema
                                                                                                            Epilepsie im höheren Lebensal-
                                                                                                            ter. Dieses Thema war Ende der
                                                                                                            1990‘er Jahre gerade erst in das
                                                                                                            Bewusstsein aller Beteiligten ge-
                                                                                                            rückt.

                                                                                                            einfälle: Was hat sich aus Ihrer
                                                                                                            Sicht in den vergangenen zwei
                                                                                                            Jahrzehnten getan?

                                                                                                            Renneberg: Die vielen bundeswei-
     Zentralveranstaltung zum Tag der Epilepsie 2016 in Berlin (li.: Stefan Conrad, re.: Helga Renneberg,   ten Aktionen von Epilepsie-Selbst-
     Foto: Johannes Albert Lehmann
                                                                                                            hilfegruppen, Epilepsie-Ambulan-
                                                                                                            zen, Epilepsie-Beratungsstellen
     Renneberg: Wir haben bei mir                               Renneberg: Die Themen wurden                und anderen haben das Interesse
     das Büro für die Aktion Tag der                            jeweils von der Arbeitsgruppe               an der Epilepsie in der Öffentlich-
     Epilepsie eingerichtet. Von hier                           festgelegt. In Heidelberg wurde             keit wachsen lassen. Wenn ich
     aus wurden sämtliche Arbeiten –                            ein Film des Instituts für den wis-         mir das Motto für die diesjährige
     vom bundesweiten Postversand                               senschaftlichen Film zur Ersten             Aktion anschaue, dann sehe ich,
     bis zur Pressearbeit – für die                             Hilfe vorgestellt. Daher wurde              dass noch viel gearbeitet werden
     Aktion koordiniert und durch-                              Epilepsie und Erste Hilfe das               muss. Wir haben viel erreicht, aber
     geführt. Ohne Unterstützung                                Thema des zweiten Tages der                 es reicht wohl noch nicht, wenn
     meiner Familie, der Göttinger                              Epilepsie. Im Rahmen der Aktion             immer noch Offenheit gefordert
     Epilepsie-Selbsthilfegruppe und                            wurde dieser Film zum Beispiel              werden muss.
     meiner Nachbarn wäre vieles                                von vielen Kreisbildstellen für
     nicht möglich gewesen. Bis zur                             die Schulen beschafft. Viele Ret-           einfälle: Was wünschen Sie der
     Übernahme des Tages der Epilep-                            tungsorganisationen beschafften             Epilepsie-Selbsthilfe?
     sie durch die Deutsche Epilepsie-                          ihn sich ebenfalls. Da es uns allen
     vereinigung habe ich in Zusam-                             sehr wichtig war, wurde für den             Renneberg: Ich wünsche uns, dass
     menarbeit mit der Arbeitsgruppe                            dritten Tag das Thema Epilepsie             wir alle die Kraft haben, weiter-
     die Organisation von Göttingen                             und Schule festgelegt. Im Rah-              zumachen. Neben allen anderen
     aus koordiniert.                                           men dieser Aktion fand unter                Aktivitäten muss der Tag der Epi-
                                                                anderem ein Gespräch in der                 lepsie weiter helfen, Menschen
     einfälle: Wie ging es dann weiter?                         Kultusministerkonferenz der Län-            mit Epilepsie ihre Situation zu er-
                                                                der zur Situation unserer Kinder            leichtern. Wir brauchen aber auch
     Renneberg: Der erste Tag der                               statt. Der Deutsche Sportbund               Menschen, die sich entschließen,
     Epilepsie hatte eine so große                              hat die Aktion Epilepsie und Sport          mitzuarbeiten. Und ich wünsche
     Resonanz, dass wir einfach wei-                            unterstützt.                                mir, dass es immer einen Vorstand
     termachen mussten. Wir mussten                                                                         in der Deutschen Epilepsievereini-
     die Gunst der Stunde nutzen,                               einfälle: Da hat bestimmt geholfen,         gung gibt, der weitermacht und
     zumal auch die Weltgesundheits-                            dass die damalige Gesundheitsmi-            weiterkämpft.
     organisation 1997 die Kampagne                             nisterin Rita Süssmuth Schirmher-
     „Epilepsy – out of the shadow“ (auf                        rin des Tages der Epilepsie war.            einfälle: Wir bedanken uns für das
     Deutsch: Raus aus dem Schatten)                                                                        Gespräch und wünschen Ihnen,
     gestartet hat.                                             Renneberg: Allein der Hinweis               Frau Renneberg, für die Zukunft
                                                                auf die Schirmherrschaft auf dem            alles Gute.
     einfälle: Was waren die nächsten                           Kopfbogen des Tages der Epilep-
     Themen?                                                    sie hat uns viele Türen geöffnet.                    Das Gespräch wurde geführt und
                                                                Wir wurden in vielerlei Hinsicht                  aufgezeichnet von Sybille Burmeister.

14    einfälle
schwerpunkt 1
Foto: Johannes Albert Lehmann

Foto: Johannes Albert Lehmann

                                20 Jahre Tag der Epilepsie
                                Jubiläumsveranstaltung fand im
                                Rathaus Charlottenburg in Berlin statt
                                Der Austausch stand im Vorder-        Naumann, hatte uns den Festsaal
                                grund bei der Zentralveranstal-       seines Rathauses zur Verfügung
                                tung zum Tag der Epilepsie 2016       gestellt. Er bestärkte uns in unse-
                                am 05. Oktober in Berlin. Damit       rer Lobbyarbeit gegen die immer
                                wurde zugleich das 20. Jubiläum       noch vorhandene Stigmatisierung
                                dieses bundesweiten Aktionstages      anfallskranker Menschen und
                                                                                                              Rathaus Charlottenburg, Foto: Johannes Albert Lehmann
                                gefeiert.                             verwies auf das Stigma, das der
                                                                      Homosexualität lange Zeit ange-
                                Unter dem Motto Epilepsie braucht     haftet hat. Beide Politiker berichte-
                                Offenheit begrüßten unser Vorsit-     ten, dass sie in ihrer eigenen Um-
                                zender Stefan Conrad und Tanja        gebung mit Epilepsie konfrontiert
                                Salzmann vom Landesverband            seien. Barley sagte, es sei ihr eine
                                Epilepsie Berlin-Brandenburg die      Ehre, die Schirmherrschaft über-
                                etwa 150 Teilnehmenden an der         nommen zu haben. Gerade in dem
                                Veranstaltung. Schirmherrin des       derzeitigen gesellschaftlichen
                                Tages war Dr. Katarina Barley (SPD-   Klima müssten Berührungsängste
                                Generalsekretärin und Mitglied        aller Gruppen untereinander ab-
                                des Bundestags). Sie stand Rede       gebaut werden und Vielfalt einen
                                und Antwort und zeigte sich offen     größeren Raum bekommen. Das
                                für die Anliegen der Anwesenden:      Motto des Tags der Epilepsie sei        Grußwort des Bezirksbürgermeisters von
                                                                                                              Berlin-Charlottenburg, Reinhard Naumann,
                                „Ihr Motto steht gegen die Aus-       ein Zeichen für mehr Solidarität        Foto: Reinhard Elbracht
                                grenzungsgefahr, die in der Gesell-   und gegen die Ausgrenzung.
                                schaft immer mehr zunimmt.“                                                   Epilepsievereinigung, „Mutter“ des
                                                                      Norbert van Kampen hielt eine           Tags der Epilepsie und jahrelang
                                Der Bezirksbürgermeister von          Laudatio auf Helga Renneberg –          eine der wichtigsten Aktivistin-
                                Berlin-Charlottenburg, Reinhard       Mitbegründerin der Deutschen            nen der Epilepsie-Selbsthilfe. Er

                                                                                                                                                    einfälle    15
schwerpunkt 1

     lobte ihren Einsatz für eine grö-                          leptologie hielten Grußworte und                         von Sybille Burmeister vorgetra-
     ßere Präsenz der Epilepsie in der                          erinnerten an die Anfänge. Für                           gen, weil der Minister kurzfristig
     Öffentlichkeit. Neben Renneberg                            Bühler ist es noch ein „weiter und                       seine Teilnahme absagen musste.
     nahmen weitere Organisatoren                               steiniger Weg“, bis das Klima für
     der ersten Stunde an der Zentral-                          einen wirklich offenen und vorbe-                        Die Epileptologen Dr. med. Frank
     veranstaltung teil. Dr. Heinz Bühler                       haltlosen Umgang mit Epilepsie                           Bösebeck (Rotenburg/Wümme),
     von der Stiftung Michael und Prof.                         reif ist. Das Grußwort von Gesund-                       Prof. Dr. med. Martin Holtkamp
     Dr. med. Dietz Rating als Vertreter                        heitsminister Hermann Gröhe (vgl.                        (Berlin), Dr. med. Axel Panzer (Ber-
     der Deutschen Gesellschaft für Epi-                        dazu den folgenden Artikel) wurde                        lin) und Prof. Dr. med. Bernhard
                                                                                                                         Steinhoff (Kork) diskutierten
                                                                                                                         – moderiert von Gabriele Juvan
                                                                                                                         – in einer ersten Runde über die
                                                                                                                         medizinische Entwicklung und
                                                                                                                         den gesellschaftlichen Wandel im
                                                                                                                         Umgang mit der Erkrankung. Wäh-
                                                                                                                         rend Eltern sich vor 20 Jahren noch
                                                                                                                         schämten und das Wort Epilepsie
                                                                                                                         vermieden wurde, so seien sie
                                                                                                                         heute erleichtert, wenn die Diag-
                                                                                                                         nose klar benannt wird. Jugendli-
                                                                                                                         che gingen heute mit der Krank-
     Diskussion im Publikum, von links: Dr. Katarina Barley, Reinhard Naumann, Anne Söhnel, Sudabah Pollok, Sybille
                                                                                                                         heit ganz anders um als früher
     Burmeister, Norbert van Kampen, Foto: Reinhard Elbracht                                                             und das Internet habe einerseits
                                                                                                                         die Informationsmöglichkeiten er-
                                                                                                                         leichtert, andererseits stünde dort
                                                                                                                         als „ungeschütztes Medium“ auch
                                                                                                                         viel Unfug über Epilepsie geschrie-
                                                                                                                         ben – so Dr. Panzer. Leider vergehe
                                                                                                                         oft viel Zeit, bis die Patienten in ein
                                                                                                                         Epilepsiezentrum überwiesen wer-
                                                                                                                         den, um die Diagnose und richtige
                                                                                                                         Therapie zu erhalten. Differenzier-
                                                                                                                         te Unterstützung sei notwendig
                                                                                                                         – merkte Prof. Holtkamp an.

                                                                                                                         In einer zweiten, ebenfalls von Ga-
     von links: Dr. Katarina Barley, Prof. Dr. Martin Holtkamp, Stefan Conrad, Tanja Salzmann, Foto: Reinhard Elbracht   briele Juvan moderierten Runde,
                                                                                                                         sprachen Michael Danielowski, Dr.
                                                                                                                         Katrin Löhken, Sudabah Pollok und
                                                                                                                         Marita Wuschke sowie Edith Pan-
                                                                                                                         chyrs-Bardorf von der Lebenshilfe
                                                                                                                         Berlin vor allem über das Thema
                                                                                                                         Offenheit in der Arbeitswelt und
                                                                                                                         im privaten Umfeld: „Ich entschei-
                                                                                                                         de, wem ich mich öffne!“ „Offen-
                                                                                                                         heit fängt zu Hause an.“ In beiden
                                                                                                                         Runden gab es nicht nur ein
                                                                                                                         Podiumsgespräch, sondern auch
                                                                                                                         eine rege Diskussion mit dem Pu-
                                                                                                                         blikum. Dabei wurde klar, dass es
     Grußwort der Generalsekretärin der SPD, Dr. Katarina Barley, Foto: Reinhard Elbracht
                                                                                                                         viele unterschiedliche Meinungen

16    einfälle
schwerpunkt 1

        dazu gibt, ob eine Epilepsie bei der
        Bewerbung oder im Vorstellungs-
        gespräch erwähnt werden sollte
        oder nicht; die einschlägigen Rege-
        lungen dagegen, die von Norbert
        van Kampen zusammenfassend
        dargestellt wurden, schienen nur
        wenigen bekannt zu sein. Löhken
        sprach sich für mehr Zeit beispiels-
        weise in sogenannten Assessment
        Centern für Bewerber aus.
                                                                          Erste Gesprächsrunde mit Ärzten, von links: Gabriele Juvan, Dr. med. Frank Bösebeck, Prof. Dr. med. Bernard
                                                                          Steinhoff, Dr. med. Axel Panzer, Prof. Dr. med. Martin Holtkamp, Foto: Reinhard Elbracht

                Nachdenkliches und Kritisches von Arnulf Rating, Foto: Reinhard Elbracht                      Martin Fromme mit seinem Programm „Lieber Arm ab als arm dran“, Foto: Reinhard Elbracht

        Umrahmt wurde die Veranstaltung
        vom inklusiven (Martin Fromme)
        und politischen Kabarett (Arnulf
        Rating). Martin Fromme machte
        mit seinem Leitspruch „Lieber Arm
        ab als arm dran“ deutlich, dass es
        wichtig ist, auch einmal über sei-
        ne eigene Behinderung und den
        gesellschaftlichen Umgang damit
        zu lachen. Er zeigte auch kuriose
        Bilder von Behindertentoiletten
        und Rollstuhlrampen und plädierte
                                                                          von links: Stefan Conrad, Arnulf Rating, Prof. Dr. Dietz Rating
        für Wolfgang Schäuble als Bundes-
        kanzler – er könnte nicht zurücktre-
        ten. Auch seine Witze über Epilepsie                             dem Fernsehen bekannt – war                                   che Absurditäten in Politik und
        als Gegenstück zum Pfannkuchen                                   auch schon beim ersten Tag der                                Berichterstattung aufmerksam. Er
        sorgten für Lacher: „Der eine ist mit                            Epilepsie 1996 in Heidelberg da-                              lobte die Zeitung als „abhörsiche-
        Zimt und Zucker, der andere liegt im                             bei. Er bezog deutlich Stellung                               res Medium“ und sprach sich für
        Zimmer und zuckt“.                                               gegen diejenigen, die derzeit mit                             einen IQ- und Promilletest vor der
                                                                         dumpfen Parolen gegen eine                                    Wahlkabine aus.
        Arnulf Rating – verwandt mit                                     weltoffene, tolerante Gesellschaft
        Prof. Dietz Rating und vielen aus                                wettern und machte auf so man-                                                             Sybille Burmeister

                                                                                                                                                                               einfälle   17
schwerpunkt 1

     Grußwort des Bundesministers
     für Gesundheit – Hermann Gröhe
     Unser Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe, der seine Teilnahme an der Zentralveranstaltung avisiert hatte,
     musste aus terminlichen Gründen leider kurzfristig absagen. Er hat uns jedoch ein Grußwort zukommen lassen,
     das von Sybille Burmeister verlesen wurde und das wir im Folgenden wiedergeben.

                                                Menschen mit zahlreichen Fragen          zeigen uns aber auch, ob die Hilfe
                                                verbunden ist: Kann ich weiterhin        ankommt – und zwar nicht nur
                                                meinem Beruf nachgehen? Darf ich         medizinisch und technisch, son-
                                                wieder Autofahren? Habe ich die          dern vor allem menschlich. Das
                                                Epilepsie an meine Kinder vererbt?       macht die Selbsthilfe für uns und
                                                                                         die ganze Gesellschaft so überaus
                                                Für Menschen mit Epilepsie ist           wertvoll. Ich möchte Sie, die Sie als
                                                Aufklärung und Information über          „Deutsche Epilepsievereinigung“
                                                das Krankheitsbild daher eine            aktiv sind, ausdrücklich ermun-
                                                ganz wichtige Hilfe, den Alltag          tern, sich im besten Sinne weiter
                                                zu bewältigen. Einen Ansatz, den         einzumischen und uns damit
                                                auch die „Deutsche Epilepsieverei-       aufzuzeigen, wo Verbesserungen
     Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe,   nigung“ verfolgt. Wissen, das die        in der Versorgung möglich sind.
     Foto: BMG/Jochen Zick
                                                ehrenamtlich tätigen Mitglieder          Für dieses Engagement möchte
                                                                                         ich Ihnen herzlich danken und Sie
     Grußwort                                                                            weiter darin bestärken.

     Mit bundesweit etwa 500.000                                                         „Wissen vermitteln“ – das ist auch
     Betroffenen gehört Epilepsie zu                                                     das Ziel des vom Bundesverband
     den häufigsten Erkrankungen des                                                     veranstalteten Tages der Epilep-
     zentralen Nervensystems. Die als                                                    sie, der mit dem 5. Oktober einen
     „Gewitter im Kopf“ umschriebe-             durch ihre persönliche Krankheits-       festen Platz im Kalender gefunden
     nen Anfälle reichen von kurzen             geschichte sammeln konnten,              hat. Wie in den vergangenen zwei
     Bewusstseinspausen, die von Au-            geben sie an Betroffene und ihre         Jahrzehnten verspricht das Pro-
     ßenstehenden oftmals gar nicht             Angehörigen weiter. Ihr ehren-           gramm auch in diesem Jahr neben
     wahrgenommen werden, bis hin               amtlicher Einsatz umfasst zudem          informativen Vorträgen und Podi-
     zu großen Krampfanfällen.                  die Interessenvertretung der Mit-        umsdiskussionen, auch die Mög-
                                                glieder gegenüber Krankenkassen,         lichkeit zum Erfahrungsaustausch
     Die gute Nachricht ist: Eine Epilepsie     Ärztinnen und Ärzten sowie Ent-          unter Gleichgesinnten.
     kann man behandeln und in vielen           scheidungsträgern zum Beispiel
     Fällen einen Zustand der Anfalls-          aus der Politik.                         Ich wünsche Ihnen, den Teilneh-
     freiheit erreichen. Wer jedoch selbst                                               merinnen und Teilnehmern, eine
     einmal einen Anfall erlitten hat,          Kurzum: Dank ihres Einsatzes erfah-      erfolgreiche Veranstaltung in Ber-
     weiß auch um die seelischen Belas-         ren Menschen mit Epilepsie, dass         lin mit vielen guten Gesprächen
     tungen, die das Krankheitsbild mit         sie mit ihrer Erkrankung nicht allein    und Begegnungen.
     sich bringt. Zu dem Gefühl, einer          sind. Damit leistet die „Deutsche Epi-
     Epilepsie mehr oder weniger macht-         lepsievereinigung“ einen entschei-
     los ausgeliefert zu sein, kommt            denden Beitrag zur Verbesserung der
     die Unsicherheit, wann oder ob             Lebensqualität der Betroffenen.
     überhaupt wieder ein „Gewitter im                                                   Hermann Gröhe
     Kopf“ ausbricht. Hinzu kommt, dass         Die persönlichen Erfahrungen             Bundesminister
     die Diagnose für die betroffenen           der Mitglieder und Unterstützer          Mitglied des Deutschen Bundestages

18    einfälle
schwerpunkt 1

                                                                                           Ehre den vergessenen Opfern
                                                                                           Führung zum Gedenkort der „Aktion T 4“
                                                                                           am Vortag des Tags der Epilepsie
Fotos: Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und Bärbel Teßner (rechts oben)

                                                                                           Jörg Haberland führte uns durch       „T 4“ steht für die Dienststelle
                                                                                           die halbe Berliner Innenstadt –       in der Berliner Tiergartenstraße
                                                                                           und öffnete vielen von uns die        4, von der von 1939 bis 1941 die
                                                                                           Augen für die Schicksale von Grup-    systematische Ermordung von
                                                                                           pen, die im Nationalsozialismus       mehr als 70.000 Menschen mit         es zu den jeweiligen Gedenkfor-
                                                                                           verfolgt worden sind. Diese Ver-      geistigen und körperlichen Behin-    men gekommen ist. Bei „T 4“ ist
                                                                                           anstaltung am 04. Oktober 2016        derungen organisiert wurde. Die      das Besondere, dass an diesem
                                                                                           hatte Klaus Göcke organisiert,        extra dafür gegründeten Behör-       Ort die systematische Vernichtung
                                                                                           von 1991 - 2005 Vorsitzender der      den organisierten den Transport      tatsächlich organisiert worden ist,
                                                                                           Deutschen Epilepsievereinigung        und die Tötung von angeblich         die Adresse habe eine besondere
                                                                                           (DE). Haberland ist museumspäda-      unheilbar Kranken in zentralen       „Authentizität“, sagte er. Bevor die-
                                                                                           gogischer Mitarbeiter der Stiftung    Anstalten. Dieser Gedenkort ist      ser Gedenkort eingerichtet wurde,
                                                                                           Denkmal für die verfolgten und        ganz besonders gestaltet: Er         gab es jahrelange Diskussionen.
                                                                                           ermordeten Juden Europas.             besteht aus einer blauen Glas-       Schließlich sei es aber gelungen,
                                                                                                                                 scheibe und einer umfangreichen      dass diese marginalisierte Opfer-
                                                                                           Nach dem Start am Reichstagsge-       Mediathek, die die Biografien von    gruppe sozusagen angekommen
                                                                                           bäude war das Mahnmal für die         Opfern und Tätern, das Tötungs-      ist im Bewusstsein von Politik und
                                                                                           verfolgten Reichstagsmitglieder       system und die Folgen aufzeigt.      Öffentlichkeit.
                                                                                           das erste Ziel. Zum Abschluss ge-     Dargestellt ist dies in verschie-
                                                                                           dachten Mitglieder der DE der Op-     denen Sprachen, unter anderem        Zuvor hatte die DE auf dem Platz
                                                                                           fer der Euthanasie – unter ihnen      auch in Braille-Schrift und in so-   vor dem Reichstagsgebäude bei
                                                                                           auch Menschen mit Epilepsie –         genannter Leichter Sprache. Die      einer Demonstration mit roten
                                                                                           während der Zeit des Nationalsozi-    wendet sich in einfachen Worten      Regenschirmen unter dem Motto
                                                                                           alismus (1933 bis 1945) und legten    und kurzen Sätzen an Menschen        „Epilepsie? Lasst uns nicht im Re-
                                                                                           am Gedenk- und Informationsort        mit Verständigungsschwierigkei-      gen stehen!“ auf das Krankheits-
                                                                                           für die Opfer der nationalsozialis-   ten. In der Scheibe spiegelt sich    bild aufmerksam gemacht und
                                                                                           tischen Euthanasie-Morde (Aktion      der Betrachter zwangsläufig. Die     auf das derzeitige Problem in der
                                                                                           T 4) einen Kranz nieder. Die Route    Teilnehmer an dieser besonderen      Medikamentenversorgung durch
                                                                                           führte über das Holocaust-Denk-       Stadtführung legten einen Kranz      die Folgen des Arzneimittelmarkt-
                                                                                           mal mit den Steinstelen durch         am Gedenkort nieder. Dort be-        neuordnungsgesetzes (AMNOG)
                                                                                           den Tiergarten zum Mahnmal für        findet sich im Boden eingelassen     hingewiesen.
                                                                                           die ermordeten Sinti und Roma         eine Metalltafel, die „Ehre den
                                                                                           sowie zu einem Kubus, der an die      vergessenen Opfern“ entbietet.       Weitere Informationen zum Ge-
                                                                                           Ächtung und Verfolgung homose-                                             denkort T 4 finden sich im Internet
                                                                                           xueller Menschen im Dritten Reich     Haberland erinnerte an jedem         unter www.gedenkort-t4.eu.
                                                                                           erinnert.                             Denkmal mit vielen Bildern und
                                                                                                                                 eindringlichen Worten daran, wie                          Sybille Burmeister

                                                                                                                                                                                                   einfälle     19
schwerpunkt 1

     Grußwort der Schirmherrin des Tages
     der Epilepsie 2016
     Die Generalsekretärin der SPD, MdB Dr. Katarina Barley, hat die Schirmherrschaft für den diesjährigen Tag der Epilep-
     sie übernommen und uns auf der Zentralveranstaltung mit einem Grußwort begrüßt. Anschließend stand Frau Bar-
     ley für eine Diskussion zur Verfügung. Wir veröffentlichen im Folgenden einen kurzen Auszug aus ihrem Grußwort.

                                                          Grußwort (Auszug)                                  Die Deutsche Epilepsievereinigung
                                                                                                             hat in den vergangenen 20 Jah-
                                                          Wir brauchen mehr Aufklärung in                    ren viel dazu beigetragen, mehr
                                                          unserer Gesellschaft. Nur daraus                   Wissen und Verständnis über die
                                                          kann dann auch Akzeptanz wach-                     Krankheit Epilepsie, das Leiden der
                                                          sen. Dazu leistet der Bundesver-                   Betroffenen und die Bedeutung
                                                          band der Deutschen Epilepsiever-                   für unsere Gesellschaft in die
                                                          einigung gemeinsam mit den Lan-                    Öffentlichkeit zu tragen. Es gibt
                                                          desverbänden und Gruppen vor Ort                   sicher noch eine Menge zu tun.
                                                          in unseren Gemeinden und Kom-                      Ihre Arbeit wird angesichts der
                                                          munen wichtige Arbeit. Epilepsie                   Alterung in der Bevölkerung wich-
                                                          darf kein heimliches Leiden bleiben,               tiger werden.
                                                          das man lieber versteckt, weil man
      Katarina Barley (MdB), Foto: Büro Katarina Barley
                                                          Nachteile befürchtet. Offenheit, In-               Herzlichen Dank
                                                          formation und Verständnis sind der
                                                          Schlüssel zu einem gleichberechtig-                Dr. Katarina Barley (MdB)
                                                          ten Umgang aller mit Epilepsie.                    Generalsekretärin der SPD

     Tag der Epilepsie in Trier
     Veranstaltung im Klinikum Mutterhaus
     Am 21.10.16 fand in Kooperation                                                                         Südwest durch die Leiterin des
     mit dem Klinikum Mutterhaus der                                                                         Filialbetriebs Südwest, Anja Ass-
     Borromäerinnen die Vortragsver-                                                                         mann, überreicht, den Stefan Con-
     anstaltung zum Tag der Epilepsie                                                                        rad entgegennahm. Anja Assmann
     der Epilepsie Selbsthilfegruppe                                                                         hob hervor, dass die Trierer Selbst-
     Trier SAAT e.V. statt.                                                                                  hilfegruppe eine wertvolle Arbeit
                                                                                                             leiste, die sie gerne unterstützen.
     Nach der Begrüßung durch den                                                                            Sie dankte auch allen Sparda Bank-
     Vorsitzenden Stefan Conrad                                                                              Kunden, die Gewinnsparlose kau-
     sprach der Schirmherr der Ver-                                                                          fen und damit das soziale Enga-
     anstaltung, der Trierer Oberbür-                                                                        gement der Sparda Bank Südwest
     germeister Wolfram Leibe, ein                                                                           möglich machen.
                                                          von links: Oberbürgermeister Wolfram Leibe,
     Grußwort. Dabei ging er auf die                      Stefan Conrad (Vorsitzender SAAT e.V.),
                                                          Anja Assmann (Sparda Bank), Rainer Hewener
     Wichtigkeit der Arbeit der Trie-                     (2. Vorsitzender SAAT e.V.), Foto: Stefan Conrad   Als Referenten waren Prof. Dr. med.
     rer Selbsthilfegruppe ein und                                                                           Dietz Rating (Heidelberg) und Pau-
     versprach, die Selbsthilfegruppe                     Im Anschluss wurde der Selbsthil-                  line Lux (Sozialdienst Epilepsiezen-
     auch weiterhin bei ihrer Arbeit zu                   fegruppe ein Scheck in Höhe von                    trum Kork) zu Gast. Sie referierten
     unterstützen.                                        3.000 Euro von der Sparda Bank                     über die Themen: „20 Jahre Tag der

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