Empfehlungen des Expertenrats zur Zukunft des Hauses der Kunst vom 21.01.2019

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Empfehlungen des Expertenrats zur Zukunft des Hauses der Kunst
                       vom 21.01.2019

Zur weiteren strategischen und programmatischen Unterstützung des Hauses der Kunst hat
der Aufsichtsrat des Hauses der Kunst im Oktober 2018 einen Expertenrat eingesetzt.
Aufgabe des Expertenrates ist es, dem Aufsichtsrat einen Vorschlag für ein strategisches
Konzept zur Zukunft des Hauses zu machen und das kuratorische Team bei der
Weiterentwicklung und Umsetzung sowie bei der Planung des Ausstellungsprogramms
beratend zu unterstützen. Der Expertenrat ist auf zwei Jahre berufen und hat sich im
Dezember 2018 konstituiert. Er ist ehrenamtlich tätig.

Nachfolgend gibt der Expertenrat Empfehlungen zum Profil des Hauses und macht hierauf
aufbauend Vorschläge zum Findungsverfahren für eine künstlerische Geschäftsführung und
zu den kuratorischen Verfahren in der Interimszeit bis zur Besetzung der künstlerischen
Geschäftsführung.

A) Profil des Hauses:

Aus der Gründungsgeschichte während des Nationalsozialismus und der damit verbundenen
Instrumentalisierung bildender Kunst in den Anfangsjahren der Institution, resultiert für das
Haus der Kunst eine besondere kulturpolitische Verpflichtung. Das Bekenntnis zu Selbstkritik,
gesellschaftlicher Öffnung und Toleranz, ästhetischem Experiment und Internationalität
bestimmt seit der Wiedereröffnung nach dem 2. Weltkrieg die Identität des Hauses. So
wurde erstmals in Deutschland 1955 Pablo Picassos monumentales Historiengemälde
„Guernica“ – eine Ikone antifaschistischer und moderner Kunst – symbolträchtig ausgestellt;
bereits früh wurde mit Ausstellungen wie „Brasilianische Künstler“ (1959) oder
„Weltkulturen und Moderne Kunst“ (1972) auch außereuropäische Kunst präsentiert; und
die Erweiterung der bildenden Kunst auf Design, Architektur und angewandte Kunst war in
Überblicksschauen wie „Kultur und Mode“ (1950) von Beginn an prägend. Über Jahrzehnte
hinweg ist es gelungen, ein Profil weit über die Grenzen Münchens und Deutschlands zu
schärfen. Heute zählt das Haus der Kunst zweifellos zu den wichtigsten Institutionen für
moderne und zeitgenössische Kunst weltweit. Für Bayern und München hat das Haus der
Kunst als international sichtbare Kultureinrichtung also eine wichtige Funktion sowohl für
das Publikum vor Ort auch für die Außenwahrnehmung des Kulturstandorts Bayern.

Entscheidenden Anteil daran hatte die programmatische Neuausrichtung seit den 1990er-
Jahren. 1992 wurde das Haus der Kunst in die Rechtsform „Stiftung Haus der Kunst
München, gemeinnützige Betriebsgesellschaft mbH“ überführt und Christoph Vitali konnte
als erster Direktor der Stiftung Haus der Kunst berufen werden. Gemeinsam mit seinem
Hauptkurator Prof. Hubert Gaßner und einem festen Team von Kuratoren etablierte Vitali
eine eigenständige, unverwechselbare Programmatik. Bereits mit seiner
Eröffnungsausstellung „Elan vital. Das Auge des Eros“ (1993) ging ein Ruck durch die
deutsche Presse. Der renommierte Autor Günter Metken schrieb damals in der Zeit, dass
sich mit der neuen Ausrichtung des Hauses der Kunst der Schwerpunkt des
Ausstellungswesens von Köln, Düsseldorf und Hamburg nach München verlagern würde: „Ja,
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München. In der Haupt- und Residenzstadt Bayerns, wo alles außer der Hochtechnologie
verspätet, beharrend, konservativ anmutet, vollzieht sich eine stille Revolution.“
Die Hinwendung auf die zeitgenössische Kunstproduktion wurde von Vitalis Nachfolger Chris
Dercon (2003 bis 2011) konsequent weitergeführt. Insbesondere beförderte Dercon einen
spartenübergreifenden Kunstbegriff, der die Bereiche Performance, Design, Mode, Theater,
Architektur aktiv ins Haus holte. Mit Ausstellungen von Herzog & de Meuron und
AMO/OMA, Konstantin Grcic (2006), Carlo Mollino (2011) oder Christoph Schlingensief
(2007) öffnete sich das Haus der Kunst für ganz neue Publikumsschichten. Auch die
Ausrichtung auf Positionen jenseits von Westeuropa und den USA wurde von Chris Dercon
(z.B. Amrita Sher-Gil, 2006, Ai Weiwei, 2009) weiterentwickelt.
Es ist das Verdienst von Okwui Enwezor (2011 bis 2018), die globale Ausrichtung des Hauses
der Kunst ins Zentrum seiner Aktivitäten gerückt zu haben. Mit groß angelegten
thematischen Ausstellungen wie „Aufstieg und Fall der Apartheit» (2013) oder „Postwar“
(2016) und zahlreichen monografischen Präsentationen von Künstler/innen aus allen
Kontinenten etablierte sich das Haus der Kunst als führende Institution eines globalen
Kunstgeschehens – eine Programmatik, die gerade vor dem Hintergrund der
nationalsozialistischen Historie einen einzigartigen Charakter entfaltet.

Dank dieser beeindruckenden Entwicklung in den vergangenen Dekaden ist das Haus der
Kunst ein Symbol der künstlerischen und gesellschaftlichen Öffnung unter aktiver
Einbeziehung und Teilhabe der lokalen Kunstszene. So ist es einerseits gelungen, Münchner
Künstler und Designer wie Florian Süssmair oder Konstantin Grcic in Ausstellungen mit
internationaler Ausstrahlung zu präsentieren, Kooperationen mit dem kunsthistorischen
Institut, der Akademie der Bildenden Künste, der Staatsoper, dem Filmmuseum und anderen
Kunstinitiativen (z.B. diverse Münchner Offspaces in dem „Festival of Independence“) zu
initiieren. Gleichzeitig ist es gelungen, groß angelegte Kooperationen mit den
renommiertesten Museen weltweit zu realisieren – vom Museum of Modern Art in New
York, dem Museum of Contemporary Art in Los Angeles, der Tate Modern in London, dem
Centre Pompidou in Paris, der Reina Sofia in Madrid, dem Guggenheim Museum in Bilbao bis
hin außereuropäischen bzw. -amerikanischen Institutionen wie der Sharjah Art Foundation
(Vereinte Arabische Emirate) oder dem Garage Museum of Contemporary Art in Moskau.

Wir möchten aufbauend auf diese überaus erfolgreichen Entwicklungslinien folgende
Eckpunkte für die zukünftige inhaltliche und strukturelle Ausrichtung des Hauses der Kunst
empfehlen:

1. Die generelle Ausrichtung des HdK als eine avancierte Institution moderner und
   zeitgenössischer Kunst mit einem globalen Fokus und einer spartenübergreifenden
   Offenheit gegenüber Performance, Film, Mode, Architektur und angewandter Kunst
   sollte beibehalten werden.

2. Im Unterschied zu den Häusern mit eigenen Sammlungen und mit musealem Anspruch in
   München (Lenbachhaus, Hypo-Kunsthalle, Pinakothek der Moderne, Museum
   Brandhorst und Villa Stuck) kommt dem Haus der Kunst ganz natürlicherweise eine
   andere Rolle zu. Es kann schneller, pointierter auf die Gegenwart und damit auf ein
   jüngeres, breiteres Publikum zugehen.

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3. Essentiell ist die seit Christoph Vitali etablierte Praxis einer international vernetzten und
   inhaltlich profilierten Direktion, die gemeinsam mit einem fest angestellten Team an
   Kuratoren eine eigenständige Ausstellungsprogrammatik entwickelt. Abzulehnen ist ein
   Modell einer Ausstellungshalle, die Projekte von Außen einkauft und aneinanderreiht.

4. Die Spannbreite zwischen lokaler Verankerung und globalem Anspruch, die die
   Geschichte des Hauses der Kunst seit Ende des 2. Weltkriegs geprägt hat, sollte
   weitergeführt werden. So ist das Haus ein wichtiger Treffpunkt der Kulturinteressierten
   in Bayern. Gleichermaßen stellt der seit den 1990er-Jahren erarbeite Ruf einer global
   agierenden Institution ein Alleinstellungsmerkmal in Deutschland dar, das es zu erhalten
   gilt. Diesem Spannungsverhältnis zwischen internationalem Anspruch und lokaler
   Verankerung gilt es auch künftig gerecht zu werden. In seiner Anbindung an die
   Freizeitkultur des Englischen Gartens und der Gastronomie bietet das Haus der Kunst
   ideale Voraussetzungen für eine qualitativ hochwertige und publikumswirksame
   Positionierung im Kontext der Angebote in München.

5. Gerade in einer Zeit der grossen kulturellen Umbrüche wie der unsrigen gilt es, für die
   Zukunft gewappnet zu sein. Eine junge Generation wächst im Umfeld einer von der
   digitalen Revolution geprägten pluralistischen Kultur heran, durch die an die Kunst neue
   Ansprüche herantragen werden. Das Haus der Kunst stellt sich als die ideale Institution
   dar, um sich seismographisch schnell, innovativ und differenziert auf die neuen
   Herausforderungen einzustellen. Damit kommt dem Haus der Kunst auch bei der
   Gewinnung neuer, junger Publikumsschichten und in der Kulturvermittlung eine zentrale
   Rolle zu. Dieses Potential gilt es bei der Einbindung in die bayerische Kulturlandschaft
   und darüber hinaus noch intensiver zu nutzen und die Breite zu tragen.

B) Künstlerische Leitung:

I) Anforderungsprofil:

Aus diesen Gründen möchten wir im Hinblick auf die Suche nach einer neuen künstlerischen
Geschäftsführung folgende Qualifikationen empfehlen:

   -   Voraussetzung ist eine einschlägige inhaltliche Expertise im Bereich moderner und
       zeitgenössischer Kunst. Das Interesse am Austausch zwischen Bildender Kunst und
       Design, Architektur, Film und Performance sollte dabei ebenso selbstverständlich
       sein wie eine global ausgerichtete Perspektive auf aktuelle künstlerische
       Entwicklungen. Hervorzuheben ist der geschärfte Blick auf das Avancierte, die Nähe
       zum künstlerischen Zeitgeschehen, die Fähigkeit, neue Entwicklungen und
       Diskursräume zu erschließen und einem breiteren Publikum zu vermitteln.
   -   Eine in der internationalen Museumswelt und im Ausstellungswesen bestens
       vernetzte Persönlichkeit, die weitreichende Erfahrung in der Konzeption und
       finanziell verantwortungsvollen Realisation groß angelegter Ausstellungs- und
       Veranstaltungsprojekte besitzt.
   -   Erfahrung im Management und in der Personalführung von Kunstinstitutionen, um
       bestehende Strukturen teamorientiert und im Zusammenspiel mit der
       kaufmännischen Geschäftsführung zu verbessern und zu optimieren. Darüber hinaus
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Erfahrung im Umgang mit Freundeskreisen, der Akquise von Sponsoren und
       Verständnis für die Geschichte des Hauses und das spezifische Umfeld vor Ort.
   -   Angesichts der anstehenden Sanierung des Hauses der Kunst sollten die
       Kandidat/innen Konzepte für den Fall einer Teilschließung bzw. einer kompletten
       Schließung entwickeln, in der das Haus der Kunst mit reduzierten Ausstellungsflächen
       oder auch ohne feste Ausstellungsfläche in München und Bayern präsent bleibt.

II. Verfahren

Es ist aus Sicht des Expertenrats dringlich, baldmöglichst eine künstlerische Leitung neben
die kaufmännische zu stellen.

Dazu schlägt der Expertenrat folgendes Verfahren vor:

   -   Der Aufsichtsrat setzt eine Findungskommission mit bis zu 5 Mitgliedern ein.

   -   Der Expertenrat unterstützt die Findungskommission mit der Vorlage einer Shortlist
       von möglichen Kandidatinnen und Kandidaten.

   -   In das Findungsverfahren werden bereits vorliegende Initiativbewerbungen und
       Vorschläge Dritter eingebracht.

   -   Ziel ist nach Klärung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in 2019 eine zeitnahe
       Neubesetzung möglichst noch vor oder während der Sommermonate

C) Maßnahmen bis zur Gewinnung einer neuen künstlerischen Leitung:

Umgehend empfehlen wir eine Klärung der Kompetenzen und eine Stärkung des derzeitigen
Kuratorenteams (Jana Baumann, Damian Lentini, Anna Schneider). Das kuratorische Team
wird bis zur Ernennung einer neuen künstlerischen Leitung und im Rahmen der von der
kaufmännischen Leitung bereitgestellten finanziellen Mittel die weitere Programmplanung
verantworten. Der Expertenrat soll ab sofort während dieser Interimszeit das kuratorische
Team besonders unterstützen und eine beratende, sowie kontrollierende Funktion
einnehmen, sowohl was die Inhalte als auch die Machbarkeit der geplanten Projekte angeht.
Gerade angesichts der herrschenden finanziellen Probleme muss vor einer Dynamik gewarnt
werden, in welcher die wirtschaftlichen und die künstlerischen Belange gegeneinander
ausgespielt werden. Das Kaufmännische muss sich helfend in den Dienst des Künstlerischen
stellen, während die künstlerischen Entscheide mit kühlem Realismus im Verhältnis zum
Möglichen getroffen werden müssen.

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D) Sanierung:

Zur Sanierung geben wir folgende ergänzenden Hinweise:
Im Hinblick auf die Renovierung des HdK wird voraussichtlich 2020 eine Entscheidung
getroffen. Zwei Szenarien stehen dabei zur Diskussion:

1.   Eine komplette Schließung des HdK: In diesem Falle sollte die neue künstlerische Leitung
     ein alternatives Szenario entwickeln, das HdK im öffentlichen Raum und anderen
     Ausstellungsorten in Bayern präsent zu halten
2.   Eine schrittweise Renovierung in zwei bzw. drei Abschnitten: Westflügel, Mitteltrakt,
     Ostflügel. Trotz voraussichtlich höherer Kosten wäre diese Variante eindeutig
     vorzuziehen, sofern sie wirtschaftlich darstellbar ist.

München ist eine Stadt mit einem vibrierenden kulturellen Geschehen, wichtiger
Hochschulen und bedeutendem Theatergeschehen, einer Kunstakademie - im Vertrauen auf
diese lebendige Kulturgeographie sendet das Haus der Kunst seine ganz besonderen Impulse
aus.

Bice Curiger
Ingvild Goetz
Achim Hochdörfer

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