Entwicklungen im Jahr 2020 - Ambulantes Ethikkomitee Bochum e.V - Netzwerk Behandlung im Voraus Planen in Bochum

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Entwicklungen im Jahr 2020 - Ambulantes Ethikkomitee Bochum e.V - Netzwerk Behandlung im Voraus Planen in Bochum
Entwicklungen im Jahr 2020

Netzwerk
Behandlung im Voraus Planen
in Bochum

     Ambulantes
     Ethikkomitee
     Bochum e.V.
Entwicklungen im Jahr 2020 - Ambulantes Ethikkomitee Bochum e.V - Netzwerk Behandlung im Voraus Planen in Bochum
Entwicklungen im Jahr 2020
Netzwerk „Behandlung im Voraus Planen in Bochum“
Ambulantes Ethikkomitee Bochum e.V.
Entwicklungen im Jahr 2020 - Ambulantes Ethikkomitee Bochum e.V - Netzwerk Behandlung im Voraus Planen in Bochum
Inhalt
4   Das Netzwerk BVP in Bochum in Zeiten von Corona
    Dr. Birgitta Behringer M.A., Ambulantes Ethikkomitee Bochum e.V.
5   Das Netzwerk „Behandlung im Voraus Planen in Bochum“
    Britta Anger, Sozialdezernentin der Stadt Bochum
6   BVP verdient größte Unterstützung
    Prof. Dr. Christoph Hanefeld, Geschäftsführung St. Anna-Stift und Seniorenstift Maria-Hilf
7   Unser Ziel: Die Verfügbarkeit von BVP als stiftungsweites Angebot
    Thomas Drathen, Augusta Kliniken Bochum Hattingen
8   BVP – Ein wichtiger Baustein im Ringen um Selbstbestimmung
    Ulf Kauer, Geschäftsleitung Lebenshilfe Bochum
9   BVP in den Wohneinrichtungen der Lebenshilfe Bochum
    Martina Zabel, Lebenshilfe Bochum
10 Erfahrungsberichte in 2020 aus Bochumer Einrichtungen
   Augusta Kliniken Bochum Hattingen, St. Anna-Stift, Jochen-Klepper-Haus und Buchen-Hof
12 Ambulantes Ethikkomitee Bochum e.V. –
   Die Steuerungsgruppe des Netzwerkes BVP in Bochum
   Kooperation mit dem Palliativnetz Bochum e.V.
14 Die Koordination im Ambulanten Ethikkomitee Bochum
   Eveline Futuwi, Barbara Jaskolla
15 Der Qualitätszirkel Ethik des Ambulanten Ethikkomitees Bochum
   Gesine Maurer
16 Ausbildung für das Netzwerk BVP in Bochum
   Gesprächsbegleiter, Botschafter und Begleitung durch BVP-Plenartreffen
   Rainer Meschenat, Leiter und Trainer für die Ausbildung von Gesprächsbegleitern
17 Bericht über die Ausbildung in 2020
   Freia Brix Bögge, Trainerin für die Ausbildung von Gesprächsbegleitern
18 Von der Patientenverfügung zum Netzwerk „Behandlung im Voraus Planen in Bochum“
   Dr. Birgitta Behringer M.A.
20 Prästationäre patientenzentrierte Vorausplanung für den Notfall
   Ein gemeinsames Vorgehen von Bochumer Ärztinnen und Ärzten
21 Förderpreis der Josef und Luise Kraft-Stiftung
   Dr. Birgitta Behringer M.A. und Ambulantes Ethikkomitee Bochum
   Eberhard Franken
22 Termine und Treffen im Jahr 2021
   Netzwerk „Behandlung im Voraus Planen in Bochum“
23 Impressum

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Entwicklungen im Jahr 2020 - Ambulantes Ethikkomitee Bochum e.V - Netzwerk Behandlung im Voraus Planen in Bochum
Das Netzwerk „BVP in Bochum“ in Zeiten von Corona
                Dr. Birgitta Behringer M.A.
                Ambulantes Ethikkomitee Bochum e.V.

                Liebe Kooperationspartner, liebe Gesprächsbegleiter, liebe Förderer und
                Interessierte des Netzwerkes „Behandlung im Voraus Planen in Bochum“,
                kurz „BVP in Bochum“,

                2020 ist ein besonderes Jahr. Covid 19   Im Netzwerk hat ein intensiver Austausch darüber
                zwingt uns, Abstand zu halten, damit     stattgefunden, wie die Partner gemeinsam den Be-
                wir uns und vor allem andere schützen    dürfnissen der Erkrankten besser gerecht werden. Foren
vor einer schweren Infektion. Ein Netzwerktreffen ist    dafür waren die Qualitätszirkel, Plenarsitzungen, der
als Präsenzveranstaltung leider nicht möglich. Das       1. deutsche ACP-Kongress in Köln, der Betreuungsge-
finden wir sehr schade. Gerade in diesem Jahr gab es     richtstag sowie verschiedene Vortragsveranstaltungen
so viele Fortschritte, über die wir berichten wollen.    – in diesem Jahr meist Online-Konferenzen.
Darum hat sich der Vorstand des Ambulanten Ethikko-
mitees als Steuerungsgruppe des Netzwerks BVP in         Im April wurde unter Beteiligung von sechs Fachge-
Bochum entschlossen, in einer Netzwerkbroschüre zu       sellschaften der Leitfaden zur ambulanten patienten-
zeigen, welche Arbeit von allen geleistet wurde.         zentrierten Vorausplanung für den Notfall veröffentlicht.
                                                         Diesem Leitfaden schlossen sich Bochumer Ärzte und
Engagierte Gesprächsbegleiter in den stationären Ein-    Netzpartner in einem gemeinsamen Brief offiziell an.
richtungen haben trotz Corona unermüdlich und unter      Dieser Brief (s. S. 20) ist ein weiterer Schritt des gemein-
erschwerten Bedingungen weitergearbeitet. Sie haben      samen Bemühens in der Stadt um die bestmöglichen
Vorausplanende dabei unterstützt, ihre physischen,       Grundlagen zur Therapiezielbestimmung in akuten ge-
psychischen, sozialen und spirituellen Bedürfnisse in    sundheitlichen Krisen.
Anbetracht von Gesundheit, Krankheit und Sterben zu
dokumentieren. Um wirksame Handlungsanweisungen          Ich danke den Vertretern der Stadt, den Vertretern der
für zukünftige gesundheitliche Krisen zu erarbeiten.     Wohlfahrtsverbände, den Einrichtungsleitenden, dem
Damit Vorausplanende so behandelt werden können,         Palliativnetz, den Hochschulen, den Trainern, den Ge-
wie sie das wollen. Damit Handlungssicherheit möglich    sprächsbegleitern, den Ärzten, den Pflegenden und
wird – gerade in Krisenzeiten. Trotz Corona hat auch     Betreuern herzlich für die intensive Zusammenarbeit.
die Ausbildung weiterer Gesprächsbegleiter stattge-      Ich freue mich sehr über die tollen Beiträge in dieser
funden.                                                  Broschüre und wünsche allen viel Freude beim Lesen!

Wir sind froh, mit Eveline Futuwi in diesem Jahr eine    Im Namen meiner Vorstandskollegen im Ambulanten
kompetente und engagierte Koordinatorin für das          Ethikkomitee
Netzwerk gefunden zu haben. Wir bedanken uns bei
den Netzwerkpartnern für die gemeinsame Finanzierung     Ihre
der neuen Stelle!

                                                         Birgitta Behringer
                                                         Vorstandsvorsitzende des AEB e.V.

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Entwicklungen im Jahr 2020 - Ambulantes Ethikkomitee Bochum e.V - Netzwerk Behandlung im Voraus Planen in Bochum
Das Netzwerk „Behandlung im Voraus Planen in Bochum“
Britta Anger
Sozialdezernentin der Stadt Bochum

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

das Bild einer älter werdenden Gesellschaft zeichnet       Gerade in Zeiten großer Unsicherheit,
sich deutschlandweit ab, so auch in Bochum: Fast ein       die die gegenwärtige Pandemie mit
Drittel der Bochumer Bevölkerung ist gegenwärtig           sich bringt, steht unsere Gesellschaft
über 60 Jahre und die Tendenz steigt. Langfristig          vor großen Herausforderungen, die wir
erfordert diese Entwicklung einen kulturellen Wandel       nur gemeinsam bewältigen können.
in der Versorgungsstruktur in Pflege und der medizini-     Verlässliche Partner, die sich verantwortungsvoll mit
schen Behandlung. Ein wichtiger Schritt ist die Verste-    den Wünschen und Zielen der Patienten auseinander-
tigung von Maßnahmen wie Behandlung im Voraus              setzen sind unverzichtbar. Insbesondere Personen, die
Planen (BVP), in denen Patienten in einem begleiteten      einem hohen Risiko für einen schweren Verlauf einer
Gesprächsprozess ihre Vorstellungen über medizinisch-      COVID-19-Erkrankung ausgesetzt sind, brauchen Un-
pflegerische Abläufe, das Ausmaß, die Intensität, Mög-     terstützung und gute Planung. Gesprächsprozesse zur
lichkeiten und die Grenzen medizinischer Interventionen    gesundheitlichen Vorausplanung können dies leisten.
in der letzten Lebensphase entwickeln und mitteilen.       Sie können darüber hinaus in Situationen, in denen
Strukturelle Rahmenbedingungen sind unerlässlich,          die Ressourcen für lebenserhaltende medizinischen
um diesem Bedarf in der Praxis gerecht zu werden,          Maßnahmen unter Umständen knapp, der Bedarf aber
dieses Angebot allen Patienten zugänglich zu machen        hoch ist, einer möglichen Unter- oder Überversorgung
und erfolgreich zu implementieren. Das Netzwerk BVP        im Ernstfall vorbeugen und eine gewisse Planungssi-
in Bochum, aus Vertretern der Wohlfahrtsverbände,          cherheit der verfügbaren Ressourcen möglich machen.
Pflegeeinrichtungen, Krankenhäuser, Hochschulen, des       Hier war die Zusammenarbeit mit dem Netzwerk BVP
Betreuungsgerichts und der Seelsorge ist ein Beispiel      sehr hilfreich.
dafür, wie solche Strukturen geschaffen und umgesetzt
werden.                                                    Das Netzwerk eröffnet die Möglichkeit, BVP als stadt-
                                                           weites Projekt in Krankenhäusern und Pflegeheimen,
Die Netzwerkpartner setzen sich für einen angemesse-       der Wohnungslosenhilfe sowie in Stadtteilbüros in Bo-
nen und selbstbestimmten Einsatz medizinischer Maß-        chum anzubieten und setzt damit ein Zeichen für Bo-
nahmen ein und bilden eine Wertegemeinschaft, die          chum und die ganze Region. Die zunehmende Zahl
in regelmäßigem transparenten Austausch steht. Auf         der Einrichtungen, die BVP anbieten und der rege
diese Weise können Qualifizierungsbedarfe ermittelt,       Zulauf, den das Netzwerk erfährt, sind eindeutige
gezielt Schulungen angeboten und eine standardisier-       Zeichen für den Bedarf an einem kulturellen Wandel
te Ausbildung der Gesprächsbegleiter sichergestellt        in der medizinischen Versorgungsstruktur. Dieses Vor-
werden. Eine standardisierte Gesprächsführung und          haben, durch Vernetzung Planungssicherheit zu erhöhen,
Dokumentation bringt wiederum Klarheit und Transpa-        Standards zu setzen und verlässliche Strukturen zu
renz für Vorausplanende und ihre Angehörigen sowie         schaffen, die über die Stadtgrenzen hinausgehen, un-
Handlungssicherheit unter Pflegedienstleistern, Einsatz-   terstütze ich nachdrücklich. In diesem Sinne freue ich
kräften, Sozialarbeitern und allen weiteren Beteiligten.   mich über die wertvollen und interessanten Einblicke
In diesem Sinne ist das Netzwerk BVP in Bochum ein         in die Arbeit der Netzwerkpartner, die die vorliegende
wesentlicher Baustein einer neuen medizinischen Ver-       Broschüre bietet.
sorgungskultur.
                                                           Britta Anger
                                                           Sozialdezernentin der Stadt Bochum

                                                                                                               5
Entwicklungen im Jahr 2020 - Ambulantes Ethikkomitee Bochum e.V - Netzwerk Behandlung im Voraus Planen in Bochum
BVP verdient größte Unterstützung
                           Prof. Dr. Christoph Hanefeld
                           St. Anna-Stift und Seniorenstift Maria-Hilf

                           BVP – drei Buchstaben mit viel Inhalt. Es geht um ein hohes Gut:
                           das Selbstbestimmungsrecht von Menschen in besonderen
                           Lebenslagen. Dies gilt besonders für unsere Altenheime.
                           Das St. Anna-Stift und viele andere Akteure in Bochum haben
                           die Bedeutung einer Behandlung, die im Voraus zu planen ist,
                           sehr früh erkannt.

Das ist alles andere als selbstverständlich und vor allem   Das nicht regelmäßige Treffen mit Angehörigen und
hochkomplex. Schließlich müssen Menschen dabei              Freunden, die Enkelkinder nicht umarmen zu können
gesundheitlich und emotional in die Zukunft schauen         und der Mund-Nasen-Schutz erschweren für viele den
und auf dieser Basis Entscheidungen von erheblicher         Alltag. Diese Maßnahmen sind notwendig, aber für
Tragweite für sich selbst treffen. Was möchte ich und       alle, insbesondere für die ältere Generation, sehr be-
was möchte ich nicht?                                       lastend. Ich bin daher froh, dass wir dieses wertvolle
                                                            Angebot „Behandlung im Voraus Planen“ dennoch und
Am Ende eines solchen Prozesses steht häufig die            gerade unter diesen erschwerten Bedingungen auf-
Krankheit und Sterbebegleitung. Gerade hier sind            rechterhalten konnten und können.
Würde, Respekt und Gefühl gefragt. Ein christlicher
Träger ist noch stärker als andere aufgefordert, sich       Dabei in größeren Netzwerken zu arbeiten, ist besonders
dieser Herausforderung zu stellen. Unsere älteren Mit-      in medizinischen und ethischen Fragen wichtig. Wir
menschen haben Anspruch darauf, dass man ihnen              haben hier in Bochum auf mehreren Ebenen gute An-
diese Chance zumindest eröffnet. Sie auch anzuneh-          sätze, die sicherlich noch ausgebaut werden können
men, ist dann der zweite Schritt. Auch unser Senioren-      und sollten. Das hohe ehrenamtliche Engagement
stift Maria-Hilf in Gerthe ist bei BVP mit im Boot.         derjenigen, die BVP in Bochum auf den Weg gebracht
                                                            haben und jetzt begleiten, ist aller Anerkennung wert.
Die aktuelle Corona-Pandemie hat diesen Prozess nun         BVP ist ein Projekt, das größte Unterstützung verdient.
wahrlich nicht erleichtert. Insbesondere die Situation
zu Beginn des Jahres mit der Diskussion über die knap-
pen Ressourcen im Intensivbereich der Kliniken haben
das Thema in besonderer Form in den Vordergrund
gerückt. Die aktuell notwendigen Hygienemaßnah-
men, die Besuchseinschränkungen in vielen Bereichen
und das Distanzgebot führen zu einer Aggravierung
der Problematik.

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Entwicklungen im Jahr 2020 - Ambulantes Ethikkomitee Bochum e.V - Netzwerk Behandlung im Voraus Planen in Bochum
Unser Ziel: Die Verfügbarkeit von BVP als stiftungsweites Angebot
Thomas Drathen
Augusta Kliniken Bochum Hattingen

Warum implementieren Sie das Projekt
„Behandlung im Voraus Planen“ im Bereich
der Augusta Stiftung?
Den Kliniken der Evangelischen Stiftung Augusta ver-
trauen sich jährlich mehr als 36.000 stationäre Patienten
in einer gesundheitlichen Krise an. Diese möchten wir
nicht nur medizinisch bestmöglich versorgen, sondern
möchten auch ihre individuellen Wünsche und Bedürf-
nisse an die Behandlung beachten und umsetzen.              schaffen. Das Netzwerk BVP in Bochum sorgt mit seiner
Eine große Unterstützung ist es dabei, die Einstellungen    stadtweiten Vernetzung und Einbindung von Kranken-
zu medizinischen Behandlungen zu kennen, in denen           häusern, Senioren- und Behinderteneinrichtungen,
der Patient nicht für sich selbst entscheiden kann. Eine    dem ärztlichen Notdienst und vielen mehr für eine
Patientenverfügung und ein informierter Vorsorgebe-         Verbindlichkeit der Patientenverfügungen, sodass diese
vollmächtigter können für Patienten, Angehörigen und        auch im Notfall nach den Vorstellungen des Patienten
das Behandlungsteam eine große Entlastung sein, und         umgesetzt werden können.
dafür Sorge tragen, dass wir die Patienten nach ihren
ganz persönlichen Wünschen behandeln.                       Hat sich das Selbstverständnis in Ihrer Institution
                                                            geändert im Hinblick auf die Therapieziel-
Mit „Behandlung im Voraus Planen“ (BVP) bieten wir          bestimmung?
Patienten in unserem onkologischen Zentrum seit eini-       Unser Ziel ist es, Patienten erfolgreich durch ihre ge-
gen Jahren an, in Gesprächen mit eigens ausgebilde-         sundheitliche Krise zu führen und gesundet zu entlassen.
ten Gesprächsbegleitern eine aussagekräftige Patien-        Häufig werden während des stationären Aufenthalts
tenverfügung zu erstellen. Neben den Einstellungen zu       folgenreiche gesundheitliche Themen besprochen, die
Leben und Sterben werden Behandlungspräferenzen             weit über den stationären Aufenthalt hinauswirken.
in Situationen einer plötzlichen Entscheidungsunfä-         Mit dem Angebot für „Behandlung im Voraus Planen“
higkeit, der Entscheidungsunfähigkeit unbestimmter          schärft sich in unserer Stiftung zunehmend das Be-
Dauer oder dauerhafter Entscheidungsunfähigkeit er-         wusstsein für ein mögliches Vorgehen in einer zukünf-
arbeitet. Unser Ziel ist die Verfügbarkeit als stiftungs-   tigen erneuten gesundheitlichen Krise.
weites Angebot.
                                                            Wie bewerten Sie die Arbeit des Netzwerks BVP
Wie bewerten Sie die gesundheitliche Voraus-                in Bochum?
planung im Sinne von BVP vor dem Hintergrund                Das Netzwerk BVP in Bochum engagiert sich als ehren-
der Corona-Pandemie?                                        amtliche bürgerschaftliche Bewegung, sodass sich ins-
Das neuartige Virus, das uns in den letzten Monaten in      besondere vorerkrankte Menschen mit wichtigen Fra-
unberechenbarer Form und Intensität begegnet ist            gestellungen zur Behandlung auseinandersetzen und
und schlussendlich zu einer übergreifenden Pandemie         darin Sicherheit finden können. Zum anderen werden
geführt hat, verdeutlicht die Wichtigkeit dieser Voraus-    auch die Beschäftigten im Gesundheitswesen angeregt,
planung. In einer gesundheitlich derart unsicheren          sich mit Möglichkeiten der Vorausplanung zu beschäf-
Zeit können schriftlich festgelegte Behandlungsvor-         tigten und ggf. weitere Hilfsangebote zu erstellen. Wir
stellungen helfen, mehr Sicherheit für den Ernstfall zu     möchten diesen Prozess gerne weiter unterstützen.

                                                                                                                  7
Entwicklungen im Jahr 2020 - Ambulantes Ethikkomitee Bochum e.V - Netzwerk Behandlung im Voraus Planen in Bochum
BVP – Ein wichtiger Baustein im Ringen
               um Selbstbestimmung
               Ulf Kauer
               Lebenshilfe Bochum

Bei der Lebenshilfe Bochum hat die Begleitung von Bewohnern sowie Kunden in der
letzten Lebensphase eine lange Tradition. Es ist Verständnis und Haltung der Bochumer
Lebenshilfe, das Angebot zur palliativen Betreuung in den Wohneinrichtungen zu ermög-
lichen, um Selbstbestimmung und Teilhabe auch im Falle einer lebensverkürzenden
Diagnose zu gewährleisten. Zur Gestaltung des Angebotes haben wir bereits vor langer
Zeit entsprechende innerbetriebliche Strukturen geschaffen und die Mitarbeiter geschult
und somit mit auf den Weg genommen.

Die Zusammenarbeit mit dem Ambulanten Ethikkomi-        dass sie sehr beeindruckt gewesen sei, nicht nur von
tee Bochum war dabei immer ein wichtiger Baustein       den Gesprächsbegleitern, sondern auch von den betei-
und hat uns im Ringen um die Selbstbestimmung           ligten pädagogischen Mitarbeitern. Sie habe stets das
und den mutmaßlichen Willen der Bewohner unterstützt    Gefühl gehabt, dass dieses sehr intensive Gespräch
und entlastet. Konzeptionelle Aussagen zur Selbstbe-    auch bei ihrem Sohn dazu geführt habe, den Willen
stimmung auch am Lebensende und die Option einer        zur letzten Lebensphase trotz fehlender Sprache erfasst
palliativen Begleitung sind seit langer Zeit in dem     zu haben. Sie ermutigte ihre Gesprächspartnerin, das
Handbuch zum Qualitätsmanagement verankert.             Angebot ebenfalls zu prüfen und anderen Angehörigen
                                                        und gesetzlichen Betreuungen davon zu berichten.
Vor diesem Hintergrund war es für die Lebenshilfe
Bochum selbstverständlich, Gesprächsbegleiter durch     Der Unterschied in der Arbeit des Netzwerkes BVP in
das AEB ausbilden zu lassen und sich auch als aktiver   Bochum zu anderen Gebietschaften ist aus meiner
und gestaltender Partner für das Netzwerk BVP in Bo-    Sicht, dass die Arbeit getragen wird von dem bürger-
chum zu engagieren.                                     schaftlichen Engagement vieler Akteure, sowohl auf
                                                        der politischen als auch der gesellschaftspolitischen
Bewohner erzählen mir seitdem häufiger von intensiven   Ebene. Basiert ist die Arbeit auf dem Verständnis, das
und besonderen Gesprächen, die für sie die Sicherheit   Sterben in den eigenen vier Wänden auch dann zu er-
bringen, dass sie selbst bestimmen, immer auch, wenn    möglichen, wenn die Erfassung einer Willenserfassung
sie sich nicht mehr selbst äußern können.               zur letzten Lebensphase alters- oder behinderungs-
                                                        bedingt kaum möglich erscheint.
Eine für mich nachhaltige in Erinnerung gebliebene
Begegnung ereignete sich im Frühling des Jahres auf     Insofern ist dem Netzwerk BVP in Bochum ein großes
dem Parkplatz am Westring. Dort berichtete eine An-     Dankeschön für die Arbeit auszusprechen verbunden
gehörige eines behinderten Menschen mit schweren        mit dem Wunsch der Fortführung auf Implementierung
autistischen Zügen und einem hohen Hilfebedarf einer    von BVP in möglichst viele Lebensbereiche von Bochu-
anderen Angehörigen über Gespräche mit den Bezugs-      mer Bürgerinnen und Bürgern.
personen in einer Wohnstätte der Lebenshilfe zur Er-
mittlung einer Werteanamnese zur Dokumentation
des mutmaßlichen Willens. Diese Angehörige erzählte,

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Entwicklungen im Jahr 2020 - Ambulantes Ethikkomitee Bochum e.V - Netzwerk Behandlung im Voraus Planen in Bochum
BVP in den Wohneinrichtungen der Lebenshilfe Bochum
Martina Zabel
In den Wohneinrichtungen der Lebenshilfe Bochum ist über viele Jahre eine
tragende hospizlich-palliative Kultur gewachsen. Dabei stand die Autonomie
und Selbstbestimmung der Bewohner auch in der letzten Lebensphase für
alle Mitarbeiter stets handlungsweisend im Vordergrund.

Unter dem Leitziel „Selbstbestimmung ein Leben lang“        Seit Dezember 2018 hat sich eine interdisziplinäre
wurde das Thema Patientenverfügung in der Bewohner-         Arbeitsgruppe der Deutschen Gesellschaft für Pallia-
schaft und bei den Mitarbeitern sehr präsent und führ-      tivmedizin, aus der bestehenden Arbeitsgruppe „Men-
te dazu, dass sich – anders als vorher – viele Bewohner     schen mit intellektueller und komplexer Beeinträchti-
gegenwärtig und frühzeitig mit Fragen zur gesund-           gung“ zur Entwicklung von DiV-BVP für Einrichtungen
heitlichen Vorsorgeplanung auseinandersetzen wollten:       der Eingliederungshilfe in München gegründet, die
„Wir wollen immer selber bestimmen!“ Somit kam der          sich zweimal jährlich trifft. Diese Arbeitsgruppe ermög-
Auftrag zur Beteiligung am Netzwerk „Behandlung im          licht einen Erfahrungsaustausch zwischen Wissenschaft
Voraus planen in Bochum“ von den Experten in eigener        und Praxis zur Umsetzung von DiV-BVP in Einrichtungen
Sache, den Bewohnern selbst, denen es wichtig war           der Eingliederungshilfe. Besonders erfreulich und
und ist, ihren Wünschen gemäß behandelt zu werden,          hilfreich für die Praxis ist die rasante Entwicklung eines
auch wenn sie diese nicht mehr äußern können. Im            deutschlandweiten Netzwerkes für Gesprächsbegleiter
Frühjahr 2017 begannen wir in Kooperation mit dem           nach §132g SGB V in Einrichtungen der Behindertenhilfe.
AEB als einzige Einrichtung der Eingliederungshilfe in      Dieses Netzwerk wurde im März 2019 von zwei Prakti-
Bochum die Weiterbildung „BVP“ mit der Qualifikation        kerinnen gegründet und ist ausschließlich für aktive
zur Gesprächsbegleitung. Seitdem entwickeln wir ge-         und ausgebildete Gesprächsbegleiter in der Behinder-
meinsam mit den Bewohnern visuelle Hilfsmittel und          tenhilfe unabhängig von der Trägerschaft oder Aus-
Methoden, um komplexe Inhalte zu Behandlungen am            richtung der Weiterbildung zugänglich. Im Netzwerk
Lebensende verständlich und damit Entscheidungen            sind zur Zeit bundesweit aktive Gesprächsbegleiter
und ihre Dokumentation möglich zu machen. Dazu sind         aus 80 Einrichtungen der Behindertenhilfe aktiv und
viel Zeit und Aufmerksamkeit, durchschnittlich 5 bis 8      nutzen das Netzwerk als Plattform zum praktischen
Gespräche, sowie flexible Gesprächsvereinbarungen           Austausch und gegenseitigen Beratung.
mit einer größeren Bezugspersonengruppe notwendig.
                                                            Dies zeigt, wie hoch der Bedarf an Vernetzung und
Die Phase des Lockdowns während der Corona-Pande-           Unterstützung gerade bei den Gesprächsbegleitern in
mie konnte durch geschützte Gespräche im Außen-             der Eingliederungshilfe ist. Die Lebenshilfe Bochum ist
bereich und Telefonate mit Bewohnern, Bezugspersonen,       deshalb auf zwei Ebenen vernetzt. Durch die Mitglied-
gesetzlichen Betreuungen und Angehörigen gemeinsam          schaft und Kooperation mit dem Ambulanten Ethik-
kreativ gestaltet werden. Die Bereitschaft und Motivation   komitee gibt es eine tragende Vernetzung auf regionaler
die Gespräche gerade in dieser schwierigen Zeit zu          Ebene in der Stadt Bochum und durch das Netzwerk
nutzen, zeigte, dass die Akzeptanz des Angebotes und        der Gesprächsbegleiter der Behindertenhilfe nach
damit die interne Implementierung von BVP in der Le-        §132g SGB V eine bundesweite Vernetzung auf fach-
benshilfe Bochum auf einem guten Weg sind. Unsere           spezifischer Ebene. Diese Vernetzung ist wichtig, um
gewonnenen Erfahrungen machen deutlich, dass Men-           gemeinsam die besonderen Bedarfe und Anforderun-
schen mit geistigen Behinderungen zu den existentiell       gen in der Behindertenhilfe den Kostenträgern gegen-
wichtigen Fragen einer Patientenverfügung angemes-          über transparent zu machen und so die notwendigen
sene Rahmenbedingungen (Zeit, individuelle metho-           Rahmenbedingungen für die Qualität der Gesprächs-
dische Zugänge) und deshalb unbedingt Gesprächs-            prozesse nach §132g SGB V für die Bewohner in den
begleiter mit System- und Feldkompetenz benötigen.          Einrichtungen der Eingliederungshilfe zu sichern.

                                                                                                                    9
Entwicklungen im Jahr 2020 - Ambulantes Ethikkomitee Bochum e.V - Netzwerk Behandlung im Voraus Planen in Bochum
Erfahrungsberichte in 2020 aus Bochumer Einrichtungen
Augusta Kliniken Bochum Hattingen St. Anna-Stift
Mechthild Schuhmann, Dorothee Henzler                      Johanna Beyer
Gesprächsbegleiterinnen                                    Gesprächsbegleiterin und Ethikberaterin
                                                           Zu meinen Aufgaben im St. Anna-Stift gehören:
                                                           – Der kontinuierliche Austausch mit dem Pflegeperso-
                                                             nal bezüglich der neu erstellten Patientenverfügung
                                                             bzw. Vertreterdokumentation oder die Nachforschung,
                                                             welcher Bewohner eine PV oder VD brauchen könnte
                                                             sowie ggf. die Aktualisierung der Dokumente bei
                                                             Veränderung der Lebenseinstellung.
                                                           – Die Kontaktaufnahme mit den Angehörigen und die
                                                             Aufklärung der Angehörigen über das BVP-Projekt.
                                                           – Terminvereinbarung mit Bewohnern und Angehörigen
Die Aufgaben der Gesprächsbegleiter liegen in der            oder Betreuern sowie regelmäßiger Austausch und
Organisation, Durchführung und Dokumentation der             Kontakt mit den Hausärzten, meistens schriftlich, nur
Gespräche sowie der Einbeziehung der Angehörigen.            in besonderen Situationen telefonisch.
Zudem erfassen wir statistische Daten zu jedem Ge-         – Die Aufklärung der Betreuer zum Thema BVP, die Vor-
spräch. Wegen begrenzter Personalressourcen ist das          bereitung der PV/VD, die Durchführung der Gespräche
Angebot weiterhin auf Patienten mit onkologischen            sowie Dokumentation, Statistiken und Evaluation.
Erkrankungen begrenzt. Die Gesprächsbegleiter tref-        – Die Hilfestellung für das Pflegepersonal bei ethischen
fen sich einmal im Quartal mit Prof. Behringer zum           Konflikten und ggf. die Antragstellung für ethische
Austausch und zur Weiterentwicklung des Angebots.            Fallgespräche.
Wir haben z. B. einen Flyer entwickelt, den wir in die-
sem Jahr an interessierte Patienten ausgeben können.       Zu Beginn der Corona-Pandemie war es sehr schwierig,
Außerdem arbeiten wir an der Vereinheitlichung der         weiterhin Patientenverfügungen und Vertreterdoku-
Dokumentation im Krankenhausinformationssystem             mentationen zu erstellen, weil der Austausch mit An-
und planen weitere Schulungen von Mitarbeitern.            gehörigen und Betreuern nicht oder nur erschwert
                                                           möglich gewesen ist. Telefonische Gespräche waren
Durch Corona ist die Anzahl der Anfragen von Patienten,    teilweise machbar aber nicht zufriedenstellend, da der
die eine Patientenverfügung erstellen möchten, gestie-     persönliche Kontakt und die Wahrnehmung fehlten.
gen. Wir mussten uns sehr anstrengen, allen gerecht        Teilweise fanden die Gespräche im Garten statt, damit
zu werden. Aufgrund der Belastung des Personals im         die Arbeit fortgeführt werden konnte. Nach wie vor
Krankenhaus war es uns in diesem Jahr leider nicht         sind die Mund-Nasen-Schutzmasken ein Hindernis bei
möglich, weitere Mitarbeiter für die Ausbildung zum        den Gesprächen, sie erschweren die Kommunikation
Gesprächsbegleiter zu gewinnen. Dies ist aber zur Öff-     mit schwerhörigen Bewohnern und das Ablesen der
nung des Angebots für alle Patienten absolut notwen-       Mimik ist nicht möglich. Es war ein sehr anstrengendes
dig. Die meisten Gespräche konnten wir trotz erschwerter   aber trotzdem erfolgreiches Jahr, denn ich konnte die
Bedingungen zufriedenstellend für die Verfügenden          Arbeit trotz schwieriger Umstände, der Kommunikati-
und Angehörigen durchführen. Das Besuchsverbot er-         onsprobleme und aufgrund des großen Engagements
forderte dafür aber einen erhöhten organisatorischen       der Einrichtungsleitung fortsetzen. Das allein zeigt, wie
und zeitlichen Aufwand, z. B. um Termine zu planen         wichtig das Thema ist und besonders jetzt in der Co-
oder Unterschriften einzuholen.                            rona-Zeit im St. Anna-Stift weitergelebt wird.

10
Jochen-Klepper-Haus
Dirk Schulze-Steinen
Leitung Sozialdienst, Gesprächsbegleiter,
stellv. Einrichtungsleiter
„Was willst Du jetzt von mir?“ – Das Wissen, was eine       Mein Anliegen ist es, die Implementierung der BVP-
Bewohnerin oder ein Bewohner möchte – oder eben             Prozesse in den Einrichtungen der Diakonie Ruhr Pflege
auch nicht – ist eine Grundlage für die personenorien-      und Wohnen in Bochum zu unterstützen. Hierzu gehört
tierte Pflege und Betreuung in der Altenhilfe. Das gilt     auch die Schaffung der Grundlagen zur Abrechnung
auch für die Situationen, in denen der Wille nicht mehr     der Leistungen gem. §132g SGB V. Die Gesprächsbe-
geäußert werden kann, sowohl für die Gestaltung des         gleiter („BVP-Team Diakonie-Ruhr“) treffen sich zur Ab-
Lebens als auch des Sterbens. Im Jochen-Klepper-            stimmung nachvollziehbarer, niederschwelliger und
Haus stirbt jedes Jahr ungefähr ein Drittel der Bewohner,   einheitlicher Prozesse. Die Vernetzung außerhalb der
das Sterben und der Tod sind Bestandteil des Lebens         Diakonie war in diesem Jahr zudem wieder hilfreich
in unserem Seniorenheim. Das Erleben der letzten Le-        und notwendig – der Austausch über ethische Frage-
bensphase gehört zum (Berufs-)Alltag unserer Mitarbei-      stellungen kann uns Hinweise geben, was andere von
ter, denen die vorausschauende Behandlungsplanung           unserem Tun erwarten.
Handlungssicherheit und Orientierung bietet.

Buchen-Hof                                                  gehörigen und Mitarbeitern bekannt. Ich schule die
                                                            Pflegenden im Umgang mit bestehenden Verfügungen
Stefanie Goedecke
                                                            und mache sie mit den Bestandteilen der Verfügung
Pflegedienstleiterin und
                                                            vertraut, um so sicherer nach dem Willen der Bewohner
BVP-Botschafterin
                                                            in Krisensituationen zu handeln. Wir setzen uns in mul-
Der Buchen-Hof ist eine Ein-                                tiprofessionellen Fallgesprächen mit den Inhalten ein-
richtung der stationären Alten-                             zelner Verfügungen auseinander, damit Zweifel, Vor-
hilfe in Bochum. Im Jahr 2018                               behalte und Verständnisfragen nicht erst in Krisen son-
habe ich die Gesprächsbegleiter-Ausbildung für die ge-      dern nach Möglichkeit vorab geklärt sind.
sundheitliche Vorausplanung (Behandlung im Voraus           Im vergangenen Jahr haben wir uns, nicht zuletzt auch
Planen) des AEB e.V. besucht. Eine Verfügung nach den       im Hinblick auf die Schwere einer Erkrankung bei einer
Standards des BVP ist aussagekräftig, weil sie neben        Infektion mit dem SARS-CoV-2, kontinuierlich mit den
dem Willen des Verfügenden in gesundheitlichen Krisen       Verfügungen auseinandergesetzt. Wir haben nach
auch seine Aussagen zur Lebenseinstellung und per-          Möglichkeiten gesucht, unter Einhaltung der Auflagen
sönlichen Sicht auf das Leben und Sterben enthält. Sie      durch die Schutzverordnungen und Erlasse des Minis-
unterscheidet drei unterschiedliche Szenarien:              teriums, Gespräche unserer Gesprächsbegleiter mit
– Die Einwilligungsunfähigkeit in einer akuten gesund-      den Bewohnern und deren Zugehörigen zu ermögli-
   heitlichen, oft lebensbedrohlichen Krise.                chen. Das war zeitweise eine große Herausforderung.
– Die fortbestehende Einwilligungsunfähigkeit unbe-         Informationsveranstaltungen oder ähnliche Treffen in-
   stimmbarer Länge in einer gesundheitlichen Krise         nerhalb der Einrichtung konnten wir ja nicht anbieten.
   bei Behandlung im Krankenhaus.                           Ich bin sehr froh, dass wir eine Gesprächsbegleiterin
– Die dauerhafte Einwilligungsunfähigkeit.                  haben, die regelmäßig auf die Bewohnern zugeht und
                                                            ihnen das Angebot der BVP macht oder auf Wunsch
Patientenverfügungen gibt es bereits eine lange Zeit,       bereits bestehende Verfügungen im Hinblick auf ihre
aber selten geben sie den Wunsch und Willen des Ver-        Aussagekraft überprüft. Gemeinsam haben wir erreicht,
fügenden so wieder, das die Bevollmächtigten und/oder       dass etliche Bewohner eine Verfügung für sich erstellt
die Pflegenden eine Handlungssicherheit in gesund-          haben, und es dadurch sehr viel wahrscheinlicher ist,
heitlichen Krisen haben. Mit einer Verfügung nach den       dass ihr Wille und Wunsch in einer gesundheitlichen
BVP-Standards wollen wir erreichen, dass der Voraus-        Krise bekannt und erkannt ist. Zugehörigen und uns
planende nach seinem Willen behandelt wird, auch            Pflegenden ist damit ein gutes Instrument an die Hand
wenn er diesen nicht mehr selbst mitteilen kann. Als        gegeben, im Sinne der Verfügenden zu handeln, und
Botschafterin für BVP mache ich die Inhalte des BVP in      gegenüber Dritten dafür einzutreten, wenn sie sich
meiner Einrichtung unter den Bewohnern, ihren Zu-           selbst nicht mehr äußern können.

                                                                                                                11
Ambulantes Ethikkomitee Bochum e.V. – Die Steuerungsgruppe des Netz
Es gehört zu den Zielen des Ambulanten Ethikkomi-
tees Bochum, Menschen, Patienten, Behandlern, An-
gehörigen und Betreuern Unterstützung zu geben,
wenn ethische Fragen bei der Entscheidung für die
individuell am besten geeignete Therapie auftreten.
Das Ambulante Ethikkomitee Bochum hat zu diesem
Zwecke zunächst neben der Öffentlichkeitsarbeit die
Moderation von ethischen Fallgesprächen angeboten.

Bochumer Bürger – sowohl Patienten, Angehörige und
Betreuer – können beim Ethikkomitee anfragen, wenn
sie sich wünschen, durch ein von ausgebildeten Ethik-
beratern moderiertes Gespräch mit den wichtigsten
Entscheidungsträgern in der aktuellen Frage, gute Ent-                 Gesine Maurer, Diplomsozialarbeiterin im
scheidungskriterien für die beste Behandlung des Pa-                   Ruhestand, Supervisorin. „Neben meiner
tienten zu gewinnen. Bei den Ethikgesprächen wurde                     Vorstandstätigkeit im AEB bin ich auch im
deutlich, dass ethische Konflikte häufig auftraten, wenn               Hospizverein Wattenscheid engagiert.“
Patienten in der gesundheitlichen Krise nicht entschei-
dungsfähig waren. Das führte dann zu erheblichen
Belastungen bei Angehörigen, Betreuern und Behand-
lern. Darum wurde die gesundheitliche Vorausplanung
neben der Moderation von ethischen Gesprächen ein
weiteres wichtiges Anliegen. Beide Angebote gehören
eng zusammen, da es insgesamt darum geht, Menschen
zuzuhören, sie ganzheitlich zu betrachten und sie so
zu unterstützen, dass ihre Wünsche und Bedürfnisse
im Zentrum der Therapiezielbestimmung stehen. Ethi-
sche Fallgespräche können auch im Verlauf der ge-
sundheitlichen Vorausplanung notwendig werden, vor
allem wenn wir uns um aktuell nicht einwilligungsfä-
hige Menschen bemühen.                                     Markus Fischer, Alpha Apotheke im Centro, Alpha
                                                           Apotheke Bochum, Civis Apotheke in der Drehscheibe:
Kooperation mit dem Palliativnetz Bochum e.V.              „Ich bin Apotheker – und das aus Leidenschaft, um
Das Palliativnetz Bochum arbeitet seit vielen Jahren       Menschen zu helfen. Ebenso bin ich Ethikberater sowie
mit Engagement für den kulturellen Wandel in der Ge-       Vorstandsmitglied des Palliativnetzes Bochum e.V und des
sellschaft im Umgang mit dem Sterben und dem Tod.          Verbandes der Cannabis versorgenden Apotheken e.V.“
Es stellt die Würde des Menschen in den Mittelpunkt
der täglichen Arbeit seiner haupt- und ehrenamtlichen
Mitarbeiter. Aus diesem Leitgedanken wurde die Ausbil-
dung einiger Ethikberater finanziert und der Weg zur
Gründung des Ambulanten Ethikomitees begleitet, mit
dem weiterhin eine enge Kooperation besteht. Die Ent-
wicklung einer intensiven Ethikberatung bis hin zur
Selbstbestimmung über moderne und individuelle Pa-
tientenverfügungen ist nicht nur ein großer Gewinn für
Bochum, sondern deutschlandweit ein Vorzeigemodell.

12
werkes BVP in Bochum

                             Dr. Birgitta Behringer M.A., Hausärztin, Palliativärztin,
                             Medizinethikerin, Vorstandsmitglied im Palliativnetz
                             Bochum. „Die Arbeit im ,Netzwerk BVP-Bochum’ ist eine
                             große Bereicherung für mich und hilft mir, den Blick
                             für meine Patienten zu schärfen. Ich lebe und arbeite
                             gerne in Bochum.“

   Rainer Meschenat: „Ich bin 64 Jahre und pensionierter
   evangelischer Pfarrer. Im Ambulanten Ethikkomitee
   Bochum e.V. bin ich zuständig für die Ausbildung der
   Gesprächsbegleiter. Neben meiner Vorstandstätigkeit
   im AEB bin ich außerdem stellvertretender Vorsitzender       Martina Zabel: „Ich bin Wohnstättenleiterin bei der
   der Lebenshilfe Bochum.“                                     Lebenshilfe Bochum, Diplompädagogin und Supervisorin
                                                                DGSv. Im Ambulanten Ethikkomitee Bochum bin ich
                                                                zuständig für den Bereich der Eingliederungshilfe,
                                                                insbesondere für den Personenkreis der Menschen mit
                                                                geistigen Behinderungen und Lernschwierigkeiten.“

                                          Prof. Dr. Dirk Behringer, Augusta Kliniken Bochum
                                          Hattingen, Hämatologie, Onkologie & Palliativmedizin:
                                          „Als Arzt möchte ich die Wünsche und Bedürfnisse
                                          unserer Patienten genau kennen, um diese als wesent-
                                          liche Grundlage für die Behandlung einzubeziehen.“

                                                                                                                13
Die Koordination im Ambulanten Ethikkomitee Bochum

                Eveline Futuwi
Seit dem 1. Juli 2020 bin ich Koordinatorin im Ambu-      Die Ausbildung zur Gesprächsbegleiterin zeigt mir,
lanten Ethikkomitee Bochum. In den letzten Monaten        welch sinnvolle und herausfordernde Tätigkeiten hinter
habe ich mich mit den Vereinsstrukturen, dem Quali-       den Gesprächsbegleitungen und damit verbundenen
tätsmanagement und dem Kennenlernen des Netz-             Prozessen liegen. Hoch qualifizierte Trainer leisten hier
werkes beschäftigt. Parallel dazu absolviere ich die      hervorragende Arbeit, ich bin beeindruckt von den
Ausbildung zur BVP-Gesprächsbegleiterin und nehme         aktiven Gesprächsbegleitenden, die sich sehr engagiert
an einem Koordinatoren-Workshop teil.                     einbringen und das Netzwerk leben lassen. Zusammen
                                                          mit allen Akteuren schaffen wir Großartiges, um das
Zu meinen Hauptaufgaben gehört die Unterstützung          BVP-Netzwerk wachsen zu lassen und die Autonomie
von Dr. Birgitta Behringer bei den geschäftsführenden     der Bürger in Bochum zu stärken und den Willen des
Tätigkeiten, wie der Vorbereitung und Protokollierung     Patienten ins Zentrum seiner Behandlungskriterien zu
der Vorstandsitzungen, dem Qualitätszirkel Ethik und      rücken.
den BVP-Plenartreffen, der Beantragung von Fördermit-
teln, den Sekretariatsaufgaben des AEB und zukünftig
auch der Finanz- und Budgetplanung. Regelmäßig
nehme ich an den offenen Onlineforen der DiV BVP
teil. In den letzten Monaten habe ich einen tiefen Ein-
blick in die Bereiche des AEB und dem BVP Netzwerk
erhalten. Ich bin dankbar, eine so interessante und he-
rausfordernde Stelle besetzen zu dürfen. Meinen Tä-
tigkeiten gehe ich mit großer Begeisterung nach. Die
Zusammenarbeit mit den engagierten und heraus-
ragenden Akteuren im gesamten Netzwerk bereitet
                                                                                     Barbara Jaskolla
mir viel Freude. Einen besonderen Dank möchte ich         Mein Name ist Barbara Jaskolla. Ich bin Mitarbeiterin
Frau Dr. Birgitta Behringer aussprechen, die mich als     in der Praxis von Dr. Birgitta Behringer. Ich unterstütze
großartige Mentorin unterstützt, sowie den weiteren       ehrenamtlich das Ambulante Ethikkomitee Bochum.
Vorstandsmitgliedern, die mir zur Seite stehen und in     Mein Aufgabengebiet umfasst die Planung und Or-
meiner Einarbeitung helfen. Ein großes Dankeschön         ganisation ethischer Fallgespräche. Dazu gehört die
auch den vielen Förderern des AEB, die die Einrichtung    Kontaktaufnahme mit den Ethikberatern zwecks Termi-
der Koordinationsstelle ermöglicht haben.                 nierung sowie die Zusammenstellung von ärztlichen
                                                          Befunden. Darüber hinaus unterstütze ich Frau Dr. Beh-
                                                          ringer bei der Kontaktaufnahme z. B. mit dem Pflege-
             Ambulantes                                   personal, Angehörigen und mitbehandelnden Ärzten.

             Ethikkomitee                                 Ich vertrete Frau Futuwi in ihrer Abwesenheit.

             Bochum e.V.
14
Der Qualitätszirkel Ethik des Ambulanten Ethikkomitees Bochum
Gesine Maurer

Die Idee für einen „Qualitätszirkel Ethik“ entstand 2014 im Qualitätszirkel des
Palliativnetzes Bochum. Zu dieser Zeit gab es intensive Auseinandersetzungen
mit der ethischen Rechtfertigung von Therapiezieländerungen. Es wurde
offensichtlich, dass neben der Beschäftigung mit den ethischen und recht-
lichen Grundlagen der Therapiezielbestimmung Kenntnisse einer geordneten
Gesprächsführung mit allen Beteiligten notwendig sind.

Das Palliativnetz Bochum finanzierte eine Inhouse           Mitglieder des Qualitätszirkels beteiligen sich an der
Schulung „Ethikberater im Gesundheitswesen“ für 25          Öffentlichkeitsarbeit, um die Arbeit des Ambulanten
Mitglieder des Palliativnetzes. Die Standards dieser Aus-   Ethikkomitees in Bochum bekannt zu machen. Sie be-
bildung entsprechen den Empfehlungen der Akademie           setzen Info-Stände oder lassen sich von Vereinen und
für Ethik in der Medizin (AEM). Seit 2015 bieten aus-       Verbänden zu Vorträgen einladen.
gebildete Ethikberater die Moderation von ethischen
Fallgesprächen an, welche Patienten, Behandlerteams         Das Projekt „Behandlung im Voraus planen“ und die
und Familien unterstützen, wenn ethische Bedenken           ethische Fallberatung gehören eng zusammen, haben
bei der Behandlung auftreten. Die medizinethischen          sie doch einen Grundsatz gemeinsam: Es gilt, die
Kriterien von Beauchamps und Childress, nämlich die         Würde und Autonomie der Menschen zu stärken, die
Selbstbestimmung des Patienten zu stärken, ihm Gutes        existenziell auf Fürsorge angewiesen sind. Der Quali-
zu tun, ihm nicht zu schaden und Gerechtigkeit zu           tätszirkel Ethik bietet Interessierten einen Raum, sich
wahren, geben die Orientierung vor. Im Februar 2016         kollegial auszutauschen, voneinander zu lernen und
gründeten die Mitglieder des „Qualitätszirkels Ethik“       Handlungssicherheit zu gewinnen. Die Treffen finden
einen eigenen Verein. Damit beginnt die Geschichte          am ersten Dienstag im Monat von 18.15 bis 19.45 Uhr
des Ambulanten Ethikkomitees Bochum e.V. (AEB). Das         statt, zur Zeit überwiegend als Videokonferenzen. Inte-
Angebot der Ethikberatung sollte nicht nur für Palliativ-   ressierte können sich in den E-Mail-Verteiler aufnehmen
patienten gelten, da bei der medizinischen Behandlung       und einladen lassen: koordination@ae-bochum.de
vielfältige ethische Fragen auftreten können.
                                                            Themen des Qualitätszirkels Ethik in 2020
Mit dem Qualitätszirkel Ethik des AEB wurde ein Raum        – Gesprächsbegleitung in der Corona-Pandemie
geschaffen, in dem vertrauensvoll, ausführlich und          – Menschenleben versus Menschenwürde:
grundlegend Konflikte und Unsicherheiten angespro-            Diskussion um die Grundrechte in der Corona-Zeit
chen werden können, die bei der Behandlung schwerst-        – Pflegeethische Reflexion der Maßnahmen zur
kranker Menschen auftreten. Die Treffen leben vom             Eindämmung von COVID-19
Engagement der Teilnehmenden, von ihren Fragen              – Über die besondere Verantwortung des rechtlichen
und den eingebrachten Fallgeschichten. Die Gespräche          Patientenvertreters in gesundheitlichen Krisen
ergänzen die Ausbildung in klinischer Ethikberatung         – Die Entwicklung der ambulanten Ethikberatung
und führen sie weiter. Auf Wunsch der Gruppe gibt es          in Bochum im Vergleich mit außerklinischer Ethik-
Themenabende mit Gastreferenten oder Experten aus             beratung an anderen Standorten in Deutschland
den eigenen Reihen mit Kurzreferaten zu medizinethi-        – Triadische Gespräche in der Gesundheitsversorgung,
schen und rechtlichen Fragen sowie zu medizinischen           Patient – Gesetzliche Betreuung – Arzt,
und pflegerischen Themen oder zu Methoden gelin-              Herausforderung und Chance
gender Kommunikation.                                       – Der zweite Lockdown: Menschenrechte und
                                                              Beschränkungen in stationären und ambulanten
                                                              Einrichtungen. Diskussion des Ampelschemas.

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Ausbildung für das Netzwerk BVP in Bochum
Rainer Meschenat
Leiter der Gruppe „Ausbildung“ im Netzwerk BVP,
Trainer für die Ausbildung von Gesprächsbegleitern

Für das Netzwerk Behandlung im Voraus Planen in
Bochum bietet das Ambulante Ethikkomitee Bochum
unterschiedliche Aus- und Weiterbildungen an.

Gesprächsbegleiter
Die Ausbildung zur Gesprächsbegleiterin oder zum            Eingliederungshilfe. Sie erhalten hier einen Einblick in
Gesprächsbegleiter gliedert sich in zwei Teile. Im ersten   die Komplexität der Vorsorgegespräche und lernen
Teil gibt es eine intensive theoretische und praktische     die genutzten Dokumente ansatzweise kennen. Dies
Ausbildung in drei Blöcken mit insgesamt 7,5 Tagen.         ermöglicht ihnen später in ihren Einrichtungen die
Die Inhalte stimmen überein mit den Anforderungen           nötigen Strukturen zu schaffen, um die Vorsorge-
der „Vereinbarung nach §132g Abs. 3 SGB V über Inhalte      gespräche und Dokumente in den Einrichtungen er-
und Anforderungen der gesundheitlichen Versorgungs-         folgreich zu implementieren.
planung für die letzte Lebensphase vom 13.12.2017“.         Wir haben bisher vier Weiterbildungen erfolgreich
Die angehenden Gesprächsbegleiter erlernen u. a. den        durchgeführt und dabei fast fünfzig Gesprächsbegleiter
Umgang mit den Verfügungen zur gesundheitlichen             ausgebildet, wovon ein großer Teil in Bochum tätig ist.
Vorausplanung der „Deutschsprachigen interprofessio-        Die fünfte Weiterbildung für zwölf Gesprächsbegleiter
nellen Vereinigung Behandlung im Voraus Planen“ (DiV-       und vier Botschafter beginnt im Sommer 2021, die
BVP) und Techniken zur Gesprächsbegleitung. Dies ge-        Anmeldephase läuft.
schieht u.a. durch angeleitete und begleitete Gespräche
mit Schauspielpatienten und Vorausplanende in Ein-          Begleitung durch BVP-Plenartreffen
richtungen der Alten- und Eingliederungshilfe.              Nach der abgeschlossenen Weiterbildung werden die
Nach erfolgreichem Abschluss dieses ersten Teiles be-       Gesprächsbegleiter weiter durch das AEB begleitet. Es
gleiten die Gesprächsbegleiter selbstständig sieben         lädt fünfmal im Jahr zu Regionaltreffen ein (90 Minuten
Vorausplanende in den jeweiligen Einrichtungen und          in der Mittagszeit), bei denen die Gesprächsbegleiter
besprechen die Dokumente mit den Trainern des AEB.          – sich untereinander austauschen,
Hierfür haben sie ein Jahr Zeit und schließen dadurch       – mit den Trainern schwierige Gesprächssituationen
Teil 2 zur Weiterbildung zur Beraterin/zum Berater nach       und auftretende Fragen besprechen können,
§132g SGB V ab. Gemäß der Vereinbarung können die           – Informationen zu Weiterentwicklungen der
Vorsorgegespräche bereits nach dem ersten Teil mit            Dokumente zur Vorausplanung bekommen und
den Krankenkassen abgerechnet werden. Im AEB ar-            – Begleitung bei der Implementierung in den
beiten vier Trainer in der Ausbildung, bei Bedarf unter-      jeweiligen Einrichtungen u.a. durch die Koordinatorin
stützen uns weitere aus dem überregionalen Netzwerk           des AEB erhalten.
der DiV-BVP.
                                                            Diese regionale Vernetzung der Gesprächsbegleiter, die
Botschafter                                                 meist in den Einrichtungen allein oder zu zweit tätig
Das AEB bietet weiter die Ausbildung zur Botschafterin      sind, ist unbedingt nötig, um sicherzustellen, dass die
bzw. zum Botschafter zur gesundheitlichen Voraus-           aktuellen Dokumente genutzt und Gesprächsbeglei-
planung für die letzte Lebensphase an. Zielgruppe für       tungen auch weiter mit einer hohen Qualität durchge-
diese Weiterbildung sind Personen in Leitungsverant-        führt werden. An dieser Stelle danken wir allen Arbeit-
wortung innerhalb von Einrichtungen der Alten- und          gebern für die Freistellung der Gesprächsbegleiter.

16
Bericht über die Ausbildung in 2020
Freia Brix-Bögge
Trainerin für die Ausbildung von Gesprächsbegleitern

Ein für uns alle herausforderndes Jahr neigt sich dem
Ende. Das gilt auch für mich, in meiner Eigenschaft als
Gesprächsbegleiter-Trainerin für Patientenverfügungen
im Rahmen von „Behandlung im Voraus Planen“ (BVP).
Mein Aufgabengebiet erstreckt sich auf die Beteiligung
der Durchführung und Moderation der Ausbildung
neuer Gesprächsbegleiter, sowie deren Begleitung           Informationsveranstaltungen in den Seniorenheimen,
während der gesamten Ausbildungszeit.                      Vorträge in Seniorenbüros oder anderen Einrichtungen
                                                           und Netzwerktreffen.
Ziel ist es, durch die didaktische und methodische Er-
arbeitung der Elemente der Gesprächsbegleitung, die        Die Herausforderungen in diesem Jahr waren dergestalt,
Teilnehmer zu befähigen, die Autonomie der Voraus-         dass wir aufgrund der Corona-Pandemie, den Beginn
planenden zu stärken und deren Möglichkeiten, Gren-        unserer Ausbildung zweimal verschoben haben, neue
zen und Risiken zu ermitteln. Neben dem theoretischen      Räumlichkeiten erforderlich wurden und das Konzept
Input wird der Praxis viel Raum und Zeit gewidmet.         neu zu überdenken war. Kreative Lösungen waren so-
Als Trainerin coache ich sowohl interaktive Rollenspiele   wohl gefragt in der Umsetzung der geforderten Anzahl
mit Schauspielern, als auch die Patientenverfügungen,      der zu erstellenden Patientenverfügungen, da die an-
die während der Ausbildungszeit entstehen und führe        gehenden Gesprächsbegleiter diese nur unter er-
Supervisionen durch. Selbstverständlich stehe ich          schwerten Bedingungen durchführen konnten, als
immer als Ansprechpartnerin zur Verfügung.                 auch bei der Frage, wie ein regelmäßiger Austausch
                                                           mit allen stattfinden kann. Wie viele andere haben
Darüber hinaus ist der stetige Kontakt mit allen, auch     auch wir Trainerinnen und Trainer in diesem Bereich
ausgebildeten Gesprächsbegleitern, erforderlich, um        die digitale Welt erobert und mithilfe von Videokon-
dem Qualitätsstandard der BVP gerecht zu bleiben;          ferenzen während des gesamten Jahres diesen Aus-
das geschieht z. B. durch monatliche Treffen. Darüber      tausch ermöglicht. Nach all dem Beschriebenen war
hinaus bin ich auch als Botschafterin an der regionalen    es für mich als Trainerin ein anspruchsvolles, erfolgrei-
Implementierung beteiligt; dazu gehören unter anderem      ches und kohärentes Jahr 2020.

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Von der Patientenverfügung zum Netzwerk
„Behandlung im Voraus Planen in Bochum“

Dr. Birgitta Behringer M.A.

Die rechtliche Grundlage für die gesundheitliche            Themen der Gesprächsbegleitung
Vorausplanung ist das dritte Gesetz zur Änderung            Gesprächsbegleiter sollten mit Vorausplanenden über
des Betreuungsrechts („Patientenverfügungsgesetz“)          persönliche Wertvorstellungen und über konkrete me-
vom 29. Juli 2009. Der BGH hat in einigen Beschlüssen       dizinische Krisensituationen sprechen.
weitere Anforderungen an eine Patientenverfügung
präzisiert. Vorausplanende können für zukünftige             Grundlegende Fragen:
gesundheitliche Krisen festlegen, wie sie behandelt          Wie gerne lebe ich?
werden möchten.                                              Wie wichtig ist es, noch lange weiter zu leben?
                                                             Welche Gedanken habe ich, wenn ich an mein
Somit besteht die Legitimation für die Durchführung          eigenes Sterben denke?
einer medizinischen Therapie weiterhin auf den Säulen        Darf Medizin mein Leben in einer Krise verlängern?
der ärztlichen Indikation und der Einwilligung des Pa-       Welche Sorgen und Ängste habe ich, wenn ich an
tienten. Patienten können ärztlich indizierte Behand-        medizinische Behandlung denke?
lungen ablehnen. Sie können nicht Therapien einfordern,      Was darf auf keinen Fall geschehen?
die nach der Nutzen/Schaden-Abwägung medizinisch             Welche religiösen und spirituellen Überzeugungen
nicht sinnvoll sind.                                         habe ich?

 Behandlung im Voraus Planen ist ein standardisier-         Gesprächsbegleiter können mit einfacher Sprache die
 ter Prozess, der Vorausplanende bei ihrer Willens-         verschiedenen gesundheitlichen Krisen verständlich
 ermittlung unterstützt.                                    machen. Hilfreich sind persönliche Erfahrungen der
                                                            Vorausplanenden, aber auch Bilder und Hilfsmittel. Be-
Die gesundheitliche Vorausplanung kann in einer Pa-         sprochen werden medizinische Prozeduren und mög-
tientenverfügung schriftlich dokumentiert werden. Es        liche gesundheitliche Einschränkungen.
gibt in Deutschland über 200 Patientenverfügungs-
muster. Es gibt keine Qualitätsstandards für Patienten-      Zu den typischen gesundheitlichen Krisensitua-
verfügungen. Es existieren nur wenige Verfügungen            tionen gehören der akute Notfall, die stationäre
in leichter Sprache. Eine Beratung etwa durch einen          Behandlung zum Beispiel auf der Intensivstation
Arzt ist vielerorts empfohlen, aber nicht vorgeschrieben.    und die dauerhafte Entscheidungsunfähigkeit.
Angehörige werden häufig nicht in die Überlegungen
der Vorsorgeplanenden mit einbezogen. Vorsorgepla-          Körperliche und geistige Einschränkungen haben ver-
nende sind zumeist medizinische Laien. Sie sollen Ent-      schiedene Gesichter. Die Haltung von Menschen für
scheidungen treffen für zukünftige medizinische Krisen,     diese Lebenssituationen ist unterschiedlich. Zu den
die sie sich ohne Unterstützung nicht immer gut vor-        grundlegenden Überlegungen gehören die Fragen:
stellen können.                                             Wie gerne lebe ich auch mit Einschränkungen und
                                                            wie viel Kraft habe ich für die konkrete medizinische
 Hilfreich für Vorausplanende ist die Unterstützung         Behandlung?
 durch einen professionellen Gesprächsbegleiter.

18
Einbeziehung von Angehörigen, rechtlichen
Betreuern und Behandlern
Wenn Menschen wichtige Entscheidungen treffen,
tauschen sie sich häufig im sozialen Umfeld aus. Dieser
wichtige Prozess sollte unterstützt werden. Vor allem
rechtliche Betreuer und Behandler sollten über die Pa-
tientenverfügung Bescheid wissen.

Das regionale gesundheitliche Netzwerk                    §132g SGB V und das Netzwerk
Patienten sollten im regionalen gesundheitlichen Netz-    „Behandlung im Voraus Planen in Bochum“
werk sicher aufgehoben sein. Sie sollten sich darauf      Der §132g SGB V ermöglicht es Einrichtungen der sta-
verlassen, dass sie so behandelt werden, wie sie das      tionären Pflege und Einrichtungen der Eingliederungs-
wollen. Es gehört zur Haltung aller an der gesundheit-    hilfe für Menschen mit geistigen Behinderungen, ihren
lichen Behandlung des Patienten Beteiligten, den Willen   Bewohnern ausgebildete Gesprächsbegleiter zur Ver-
des Patienten in den Mittelpunkt zu stellen. Dazu         fügung zu stellen. Diese unterstützen die Bewohner
gehören die Aufklärung, das Zuhören und die Beschäf-      bei Gesprächen über Behandlungswünsche in zukünf-
tigung mit den Fragen und Bedürfnissen, die für den       tigen gesundheitlichen Krisen und verschriftlichen die
Patienten wichtig sind.                                   Ergebnisse auf Wunsch in einer Patientenverfügung.

 Die interprofessionelle Zusammenarbeit und die            Das AEB wurde vom Netzwerk „Behandlung im
 Nutzung der Ressourcen der verschiedenen Berufs-          Voraus Planen in Bochum“ als Steuerungsgruppe
 gruppen im Netzwerk führen zu einer ganzheit-             beauftragt, die Implementierung der gesundheit-
 lichen Patientenversorgung, Handlungssicherheit           lichen Vorausplanung im Raum Bochum gemein-
 und Entlastung aller Beteiligten.                         sam zu entwickeln.

                                                          Aufgrund der hohen Qualität von Ausbildung und
                                                          Dokumentation dienen die Standards von „Behandlung
                                                          im Voraus Planen“ (BVP) als Grundlage. Die dazu
                                                          gehörige Fachgesellschaft nennt sich „Deutsche inter-
                                                          professionelle Vereinigung Behandlung im Voraus
                                                          Planen“ (DiV-BVP). Zu den Standards gehören die Aus-
                                                          bildung von Gesprächsbegleitern, die Nutzung einheit-
                                                          licher Vorsorgedokumente und die Vernetzung in der
                                                          Region. Ziel ist es, weitere Einrichtungen zu gewinnen,
                                                          die BVP-Gesprächsbegleiter zur gesundheitlichen Vo-
                                                          rausplanung ausbilden.

                                                          Auch Institutionen, die derzeit andere Standards der
                                                          Gesprächsbegleitung nutzen, sollten an der Netzwerk-
                                                          arbeit beteiligt werden. Personengruppen außerhalb
                                                          von stationären Einrichtungen der Pflege und Einglie-
                                                          derungshilfe sollten Unterstützung durch BVP-Ge-
                                                          sprächsbegleiter bei ihrer gesundheitlichen Vorauspla-
                                                          nung erhalten. Das AEB arbeitet daran, BVP-Gesprächs-
                                                          begleitungen zukünftig für alle Bürger zugänglich zu
                                                          machen.

                                                                                                              19
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