EUCH KLASSIK - PROGRAMM 2020/21 BERN Migros-Kulturprozent-Classics

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EUCH KLASSIK - PROGRAMM 2020/21 BERN Migros-Kulturprozent-Classics
W IR B R I N G E N
E UCH K  L A  S S I K

                  2020/21 B E R N
P   R O G R A M M
                 · Zürich
 Genf · Luzern
EUCH KLASSIK - PROGRAMM 2020/21 BERN Migros-Kulturprozent-Classics
E N T- C L A S S I C S
                                                                                                          L T U R P R O Z
                                                                                              MIGROS-K/U21 im Casino Bern
                                                                                                                     0
                                                                                              P r o g r a mm 2 0 2

                                                                                              Mittwoch, 21. Oktober 2020 – Abo I    Mittwoch, 17. März 2021 – Abo I
                                                                                              BUDAPEST FESTIVAL ORCHESTRA           DEUTSCHES SYMPHONIE-ORCHESTER
                                                                                              Iván Fischer (Leitung)                BERLIN
                                                                                              Alexandre Kantorow (Klavier)          Robin Ticciati (Leitung)
                                                                                              → Seite 11                            Isabelle Faust (Violine)
                                                                                                                                    → Seite 31
                                                                                              Sonntag, 15. November 2020 – Abo II
                                                                                              SHANGHAI OPERA HOUSE ORCHESTRA        Donnerstag, 8. April 2021 – Abo II
                                                                                              AND CHORUS                            EUROPEAN UNION YOUTH ORCHESTRA
                                                                                              Xu Zhong (Leitung)                    David Zinman (Leitung)
                                                                                              Zhang Huiyong (Sopran)                Valentine Michaud (Saxophon),
                                                                                              Shi Yijie (Tenor)                     Gewinnerin «Ouvertüre» 2019/20
                                                                                              Yu Haolei (Tenor)                     → Seite 37
                                                                                              → Seite 17
                                                                                                                                    Dienstag, 4. Mai 2021 – Abo I
Inhaltsverzeichnis                                                                            Dienstag, 5. Januar 2021 – Abo II     BBC SYMPHONY ORCHESTRA
                                                                                              LES SIÈCLES                           Sakari Oramo (Leitung)
Migros-Kulturprozent-Classics . . . . . . . . . . . . .                                   3   François-Xavier Roth (Leitung)        → Seite 43
Vorwort  .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .      4–5   Vilde Frang (Violine)
Zum Programm  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .                         6–7   → Seite 25
Ouvertüre   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .         9
Konzert 1: Budapest Festival Orchestra  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .               10–15
Konzert 2: Shanghai Opera House Orchestra and Chorus  .   .   .   .   .   .   .   .   16–23
Konzert 3: Les Siècles  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .                   24–29
Konzert 4: Deutsches Symphonie-Orchester Berlin  .  .  .  .  .  .  .  .  .            30–35
Konzert 5: European Union Youth Orchestra . . . . . . . . . .                         36–41
Konzert 6: BBC Symphony Orchestra  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .                 42–47
Abos und Karten      . . . . . . . . . . . . . . . .                                  48–49
Saalplan Casino Bern  .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   50–51
Tourneen und Einzelkonzerte  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .                 52–53

                                                                                                                                                                         3
EUCH KLASSIK - PROGRAMM 2020/21 BERN Migros-Kulturprozent-Classics
V O R W O R T
Sehr geehrte Musikliebhaberinnen und Musikliebhaber

Der Streaming-Anbieter Netflix produzierte 2019 täglich mehr als einen Film oder eine Serie.         Das höchste künstlerische Niveau gilt auch für unsere Talentförderung. In den «Ouvertüren»
Pro Minute werden auf Youtube über 500 Stunden neues Videomaterial publiziert. Im Sekunden-          erhalten seit der letzten Saison ausgewählte Nachwuchstalente aus der Schweiz die Chance,
rhythmus können wir Neues entdecken – nichtsdestotrotz stehen auf dem Programm                       ihr Können am Anfang jedes Konzertabends auf der grossen Bühne dem heimischen Publikum
der Migros-Kulturprozent-Classics über 100-jährige Meisterwerke der klassischen Musik.               zu präsentieren. Dieses musikalische Amuse-Bouche wird den Konzertbesuch auch in dieser
                                                                                                     Saison abrunden. Aber nicht nur: Wir haben bei den vergangenen «Ouvertüren» die Lautstärke
Trotz ihres «hohen Alters» haben diese Œuvres nichts an ihrer Kraft eingebüsst und klassische        des Applauses gemessen. Das Talent mit dem grössten Begeisterungssturm aus dem
Musik ist heute aktueller denn je. Nach wie vor füllen bekannte Orchester, Solisten und Dirigenten   Publikum können Sie in dieser Saison als Hauptsolistin oder -solisten gemeinsam mit dem
die grossen Konzerthäuser und berühren das Publikum. Der Konzertausfall in der letzten Saison        Orchester geniessen.
aufgrund des Coronavirus hat uns eindrücklich vor Augen geführt, dass sich das Erlebnis eines
klassischen Konzertes in einem Konzertsaal kaum ersetzen lässt.                                      Ich wünsche Ihnen wunderbare Konzerterlebnisse.

1948 fanden die ersten Klubhaus-Konzerte statt – mit grosser Freude begrüsse ich Sie über
ein halbes Jahrhundert später in der Konzertsaison 2020/2021. Das Migros-Kulturprozent lebt
heute noch den Grundgedanken von Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler: Wir verschaffen
der breiten Bevölkerung Zugang zu klassischer Musik auf höchstem künstlerischem Niveau zu
moderaten Preisen.

                                                                                                                             Hedy Graber
                                                                                                                             Leiterin Direktion Kultur und Soziales
                                                                                                                             Migros-Genossenschafts-Bund

4                                                                                                                                                                                             5
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G R A M M
Z U M P RO
Verehrtes Publikum,

wie vernetzt unsere moderne Welt ist, wurde uns in der vergangenen Spielzeit auf bestürzende        Was wären die Migros-Kulturprozent-Classics ohne zugkräftige Solisten? Im Mittelpunkt unserer
Weise bewusst: Der kulturelle Stillstand aufgrund der Corona-Pandemie betraf den gesamten           Konzerte stehen diesmal vor allem Geiger wie Frank-Peter Zimmermann, Vilde Frang, Timothy
Globus, grosse und kleine Veranstalter ebenso wie gewachsene Institutionen und die freie            Chooi und Nikolaj Szeps-Znaider. Den Abschluss der Saison aber bildet ein Projekt, das ganz
Szene. Natürlich hoffen wir, dass sich eine derartige Situation nicht so schnell wiederholt – und   ohne Solisten auskommt und das es so in der Schweiz wohl noch nie gab: Das BBC Symphony
setzen auch in dieser Saison ganz gezielt auf internationale Kooperationen.                         Orchestra wird sämtliche Sinfonien von Jean Sibelius an drei aufeinanderfolgenden Tagen
                                                                                                    präsentieren. Und am Dirigentenpult steht kein Geringerer als Sakari Oramo, Landsmann
So sind erneut Musiker aus China bei uns zu Gast, um mit uns den 150. Geburtstag des Kompo-         von Sibelius und Spezialist für dessen Werke.
nisten Franz Lehár zu feiern. Drei Mal wird Lehárs Erfolgsoperette «Das Land des Lächelns»
im November zu hören sein, dargeboten von Orchester und Chor der Oper Shanghai, einem der           Dass auch die Verbundenheit zur Schweiz nicht zu kurz kommt, dafür sorgt unser bewährtes
besten Opernhäuser Asiens. Ansonsten geben sich wieder Künstlerinnen und Künstler aus               Programm «Ouvertüre»: Zu Beginn ausgewählter Konzerte bekommen die besten Nachwuchs-
ganz Europa die Ehre: vom Budapest Festival Orchestra über das European Union Youth Orchestra       künstlerinnen und -künstler unseres Landes die Gelegenheit, sich einem grossen Publikum
bis zu François-Xavier Roths «Les Siècles». Besonders freuen wir uns auf das Israel Philharmonic    vorzustellen. Nehmen wir dies als Anlass, hoffnungsfroh in die Zukunft zu blicken!
Orchestra unter Stardirigent Lahav Shani.

2020 ist Beethoven-Jahr. Auch wir möchten unseren Beitrag hierzu leisten: durch Aufführungen
der Sinfonien 3 und 4 unter Vladimir Jurowski und Iván Fischer gleich zu Beginn der Spielzeit
sowie des Violinkonzerts, das Isabelle Faust zusammen mit dem DSO Berlin im März interpretieren
wird. Hochkarätig auch das Luzern-Gastspiel des Orchestre des Champs-Elysées unter Philippe
Herreweghe mit Beethovens Missa Solemnis.

                                                                                                                             Mischa Damev
                                                                                                                             Intendant
                                                                                                                             Migros-Kulturprozent-Classics

6                                                                                                                                                                                                   7
EUCH KLASSIK - PROGRAMM 2020/21 BERN Migros-Kulturprozent-Classics
OU V E R T Ü R E
Auch in der Saison 2020/21 bieten die Migros-Kulturprozent-Classics ausgewählten Talenten aus
der Schweiz zu Beginn zahlreicher Konzerte die Chance, sich dem heimischen Publikum vorzustellen.
Nach ihrem Auftritt wird jeweils der Applaus gemessen. Das Nachwuchstalent mit dem stärksten
Zuspruch wird in der kommenden Saison als Solist oder Solistin engagiert. Eine «Ouvertüre» also
in doppelter Hinsicht: nicht nur als Einstimmung auf den Konzertabend, sondern auch als Türöffner
für die Stars von morgen.

«Ouvertüre»-Talente der Saison 2019/20 mit der Gewinnerin Valentine Michaud (mehr dazu auf
Seite 37)

                                                                        zil
                                                                        © Amélie Kor
                                 Besenv al
                                   © Gabrielle
                                                                                                     zener
                                                                                       Edouard Mät
                                                               ichaud
                                                 Valentine M
   Chris   toph Croisé

                                                                                                             9
EUCH KLASSIK - PROGRAMM 2020/21 BERN Migros-Kulturprozent-Classics
Konzert 1 – Abo I
© Jean-Baptiste Millot

                                                                           Casino Bern Budapest Festival Orchestra
                                                      Mittwoch, 21. Oktober 2020, 19.30 h Iván Fischer (Leitung)
                                                      		 Alexandre Kantorow (Klavier)

                                                                                              Programm

                                                                            «Ouvertüre»: Unsere Stars von morgen (ca. 10')

                                                        Benjamin Britten (1913–1976) Dawn
                                                      «Four Sea Interludes» aus der Oper Sunday Morning
                                                         «Peter Grimes» op. 33a (ca. 16') Moonlight
                                                      		Storm

                                                                         Franz Liszt (1811–1886) Adagio sostenuto assai – Allegro agitato assai
                                                                  Konzert für Klavier und Orchester Allegro moderato – Allegro deciso –
                                                                         Nr. 2 A-Dur S 125 (ca. 21') Marziale un poco meno allegro – Allegro animato

                                                                                                 Pause

                                                      Ludwig van Beethoven (1770–1827) Adagio – Allegro vivace
                                                         Sinfonie Nr. 4 B-Dur op. 60 (ca. 35') Adagio
                                                      		                                       Menuetto. Allegro vivace – Un poco meno allegro
                                                      		 Allegro ma non troppo

                                            antorow
                              Alexandre K

                         10                                                                                                                      11
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PR O G R A M M                                                                                          junge Virtuose sein kompositorisches Vermögen        Schumann die 4. Sinfonie von Ludwig van Beet-
                                                                                                        unter Beweis stellen wollte. 1839 scheint eine       hoven. Das war lobend gemeint, doch im Zuge
Ko n z e r t 1                                                                                          erste Version des Stücks vorgelegen zu haben,        der heroischen Beethoven-Rezeption hatte es
                                                                                                        fertig gestellt wurde es aber erst in Liszts Wei-    das B-Dur-Werk immer schwerer, sich gegen-
                                                                                                        marer Zeit. Selbst nach der Uraufführung im          über seinen Schwesterwerken, den pathetisch-
Benjamin Britten (1913–1976)                         Der Konflikt zwischen dem Einzelnen und der        Januar 1857, mit Liszt am Dirigentenpult und         trotzigen Nrn. 3 und 5, zu behaupten. Alles ist
«Four Sea Interludes» aus der Oper                   Gesellschaft, zwischen Individualität und Anpas-   seinem Schüler Hans von Bronsart als Solisten,       hier auf klassisches Mass zurückgedrängt, die
«Peter Grimes» op. 33a                               sung bildet die Triebfeder des Geschehens –        kam es noch zu Revisionen.                           formale Anlage ebenso wie die thematische
Der Aussenseiter, der zum Mörder wird: Dieses        kein Wunder angesichts der Erfahrungen, die        Warum diese vielen Überarbeitungen? Neben            Gestalt, das Ganze zudem mit einer ordentlichen
Handlungsschema liegt nicht nur Bergs «Wozzeck»      Europa gerade mit diversen Diktaturen gemacht      spieltechnischen und instrumentatorischen            Prise Humor gewürzt.
und Schostakowitschs «Lady Macbeth von               hatte. Es gibt aber noch ein zweites, ebenso       Aspekten sind hier vor allem formale Gründe zu       Unterschätzen sollte man die Vierte allerdings
Mzensk» zugrunde, sondern auch Benjamin              wichtiges Thema der Oper: das Meer. Britten,       nennen. Schon der junge Liszt strebte nach einer     nicht. Hinter ihrer freundlichen Fassade ver-
Brittens 1945 uraufgeführter Oper «Peter Grimes».    aufgewachsen an der englischen Ostküste, ging      Emanzipation vom traditionellen Formenkanon.         steckt sich nämlich ein ästhetisches Programm,
Wobei unklar bleibt, ob Grimes, der eigenbröt-       es darum, «meinem Wissen um den ewigen             Dies gelang ihm jedoch nicht auf Anhieb, son-        das eine Errungenschaft, die Beethoven von
lerische Fischer, seinen Lehrling tatsächlich        Kampf der Männer und Frauen, die ihr Leben,        dern erst nach einschlägigen Erfahrungen mit         seinen Vorbildern Haydn und Mozart übernom-
getötet hat. Die Dorfbewohner jedenfalls sind        ihren Lebensunterhalt dem Meer abtrotzten,         eigenen und fremden Werken, etwa Schuberts           men hatte, auf die Spitze treibt: das Denken in
davon überzeugt. Als auch der zweite Junge bei       Ausdruck zu verleihen».                            «Wanderer-Fantasie», in der alle Sätze aus einem     Polaritäten. Jeder Einzelsatz dieser Sinfonie
einem tragischen Unfall stirbt, treiben sie Grimes   Dieses Konzept schlägt sich vor allem in den       identischen thematischen Kern erwachsen.             arbeitet dezidiert mit Kontrasten: Moll gegen
in den Tod.                                          insgesamt sechs orchestralen Zwischenspielen       Diese Idee prägt auch das Klavierkonzert A-Dur.      Dur, Fanfare gegen Melodie (erster Satz),
                                         itten       der Oper nieder. Vier von ihnen veröffentlichte    Es ist einsätzig, besteht aber aus zahlreichen, in   Gesang gegen Marsch (zweiter Satz), Zweier-
                              Benjamin Br
                                                     Britten separat: das zarte Erwachen des Tages      Tempo und Charakter unterschiedlichen Abschnit-      gegen Dreier­rhythmus (dritter Satz), Energie
                                                     über ruhiger See («Dawn»); Morgenstimmung,         ten. Der zu Beginn von den Holzbläsern vorge-        gegen Erstarrung (vierter Satz). Und in allen vier
                                                     in die hinein Kirchenglocken tönen («Sunday        stellte Gedanke dient hierbei als roter Faden –      Sätzen prallen diese Gegensätze irgendwann
                                                     Morning»); die geheimnisvolle Sphäre einer         nicht im Sinne eines klassischen Hauptthemas,        musikalisch aufeinander – nur werden die dar-
                                                     Mondnacht («Moonlight») sowie eine Sturm-          sondern als Erfindungskern, der je nach Umge-        aus entstehenden Konflikte, anders als in den
                                                     szene («Storm»). Diese Naturschilderungen sind     bung in neuer Gestalt erscheint. So entspinnt        Werken tragischen Charakters, rasch wieder
                                                     mehr als nur moderne Programmmusik, sie ent-       sich im Mittelteil des Konzerts ein zarter Dialog    beigelegt, abgelöst durch Witz und Überra-
                                                     werfen Gegenwelten, frei vom Kampf der Men-        zwischen Solocello und Klavier über eben dieses      schungseffekte. Dieser Befund spiegelt sich
                                                     schen um ein gelingendes Miteinander.              Thema, während es gegen Ende des Stücks als          übrigens in der Entstehungs­geschichte der Vier-
                                                                                                        Triumphmarsch wiederkehrt. «Mit wenig Bau-           ten, die parallel zur Sinfonie Nr. 5 komponiert
                                                     Franz Liszt (1811–1886)                            steinen ein musikalisches Gebäude errichten»,        wurde, gleichsam als deren Alternative. Nicht
                                                     Konzert für Klavier und Orchester                  so umriss Liszt sein Verfahren.                      immer klopft das Schicksal drohend an die
                                                      Nr. 2 A-Dur S 125                                                                                      Pforte; manchmal spielt es auch augenzwin-
                                                      Wenige Werke haben eine so komplizierte           Ludwig van Beethoven (1770–1827)                     kernd Komödie.
                                                       Entstehungsgeschichte wie das Klavierkon-        Sinfonie Nr. 4 B-Dur op. 60
                                                       zert A-Dur von Franz Liszt. Seine Anfänge        Eine «griechisch schlanke Maid zwischen zwei
                                                        reichen in die 1830er-Jahre zurück, als der     Nordlandriesen», so charakterisierte Robert

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INTE R P R E T E N                                                                                     Iván Fischer
                                                                                                       Ein wenig seltsam ist es schon, dass der Ungar          Orchestra. Mit dessen Siegeszug durch die inter-
Ko n z e r t 1                                                                                         Iván Fischer im deutschsprachigen Raum erst so          nationalen Konzertsäle wurde auch Fischer die
                                                                                                       spät auf sich aufmerksam machte. Nach einer             gebührende Aufmerksamkeit zuteil. Neben Gast-
                                                                                                       Ausbildung als Pianist, Geiger und Cellist, nach        dirigaten in den USA und Grossbritannien über-
                                                                                                       Kompositions- und Dirigierstudium in Budapest           nahm er die musikalische Leitung des Berliner
                                                                                                       und Wien arbeitete er als Assistent Harnon-             Konzerthauses am Gendarmenmarkt. Seine CD-
                                                                                                       courts in Salzburg, doch sein Durchbruch gelang         Einspielungen von Werken Mozarts, Mahlers
                                                                                                       ihm in England: 1976 Sieg beim Dirigentenwett-          und Bartóks errangen zahlreiche Preise, darunter
Budapest Festival Orchestra                                                                            bewerb in London, 1979 Chefposten bei der               den Gramophone Award, den Diapason d’Or und
In beeindruckender Geschwindigkeit hat sich        rikas ebenso zu hören wie im asiatischen Raum.      Northern Sinfonia, 1982 Welttournee mit dem             eine Grammy-Nominierung. 2006 erhielt Fischer,
das Budapest Festival Orchestra vom Projekt­       Für seine Einspielungen von Werken Mahlers,         London Symphony Orchestra. Im Anschluss wid-            der auch komponiert, die höchste ungarische
orchester für junge Talente zu einem der besten    Bartóks und Mozarts gab es zahlreiche Aus-          mete sich Fischer verstärkt Aktivitäten in der          Auszeichnung für Künstler, den Kossuth-Preis.
Klangkörper weltweit entwickelt, der heraus­       zeichnungen, darunter gleich zwei Grammys.          Heimat, v.a. dem Aufbau des Budapest Festival
ragende Qualität und Experimentierfreude mit       Darüber hinaus ist dem Budapest Festival
internationaler Strahlkraft verbindet. Ins Leben   Orchestra die «Basisarbeit» wichtig: Es hat nicht   Alexandre Kantorow
gerufen wurde es 1983 vom Pianisten Zoltán         nur Kinder- und Gesprächskonzerte im Pro-           2019 ging Alexandre Kantorows Stern kometen-            Seitdem hat er mit renommierten Orchestern
Kocsis und dem Dirigenten Iván Fischer, der noch   gramm, sondern veranstaltet auch ein eigenes        haft auf, als er den renommierten Tschaikowski-         wie dem Concertgebouw Amsterdam, dem
heute an der Spitze des Orchesters steht. Es ist   Musikfest, das Bridging Europe Festival. Und        Wettbewerb in Moskau gewann – mit 22 Jahren             Mariinsky oder dem Konzerthausorchester Ber-
regelmässiger Gast bei den Festivals und Fest-     jedes Jahr im Juni spielt es zum Tanz in der        und als erster französischer Pianist überhaupt.         lin konzertiert. Ausserdem spielte er CDs mit
spielen von Salzburg, Edinburgh, London, Luzern,   Budapester Innenstadt auf, mit Hunderten Kin-       Das Votum von Kritikern und Publikum war so             französischer und russischer Klaviermusik ein,
Bonn und Prag, war auf den Bühnen Nordame-         dern als Mitwirkenden.                              eindeutig, dass Kantorow zusätzlich mit dem             darunter die hochgelobte Aufnahme dreier
                                                                                                       Grand Prix für die beste Leistung aller Instrumen-      Konzerte von Camille Saint-Saëns mit der
                                                                                                       talisten geehrt wurde. Dabei hatte sich der Diri-       Tapiola Sinfonietta unter Leitung seines Vaters
                                                                                                       gentensohn aus Clermont-Ferrand erst nach dem           Jean-Jacques Kantorow. «Er verfügt über
                                                                                                       Abitur entschlossen, Berufsmusiker zu werden.                               ebenso viel Kraft wie Sensi-
                                                                                                                                                                                   bilität», urteilte das Fach-
                                                                                                                                                                                    magazin klassik.com, und
                                                                                                                                                                                    die britische Presse verglich
                                                                                                                                                                                     Kantorow sogar schon mit
                                                                                                                                                                                     dem jungen Franz Liszt.

                                                                                                                                                               antorow
                                                                                                                                                 Alexandre K
                                                                                                                         r
                                                                                                           Iván Fische

                                                                     stra
14                                                    stival Orche                                                                                                                                            15
                                        Budapest Fe
EUCH KLASSIK - PROGRAMM 2020/21 BERN Migros-Kulturprozent-Classics
Konzert 2 – Abo II
                                                       150 Jahre Franz Lehár

                                                  Casino Bern Shanghai Opera House Orchestra
                             Sonntag, 15. November 2020, 17.00 h and Chorus
                             		                                  Xu Zhong (Leitung)
                             		 Zhang Huiyong (Sopran)
                             		 Shi Yijie (Tenor)
                             		 Yu Haolei (Tenor)

                                                                   Programm

                                            Franz Lehár (1870–1948)
                                     Operette «Das Land des Lächelns»
                                              (Konzertversion, ca. 120')

                                                               Pause nach ca. 50'

               s Lächelns»
«Das Land de

    16                                                                                     17
EUCH KLASSIK - PROGRAMM 2020/21 BERN Migros-Kulturprozent-Classics
PR O G R A M M
Kon z er t 2

Franz Lehár (1870–1948)                             nen durch. In den Zwanzigerjahren aber, bedingt
Das Land des Lächelns                               auch durch die Erfahrungen des Weltkriegs,
Romantische Operette in drei Akten                  begann sich der Publikumsgeschmack zu wan-
Text von Ludwig Herzer und                          deln. Lehár und seine Librettisten bauten nun
Fritz Löhner-Beda nach dem Libretto                 zunehmend tragische Elemente in ihre Stücke
der Erstfassung von Viktor Léon                     ein: «Paganini» und «Der Zarewitsch» enden mit
Als romantische Operette hat Franz Léhar sein       Entsagung und Verzicht, schärfen andererseits
Erfolgsstück «Das Land des Lächelns» (1929)         aber auch das charakterliche Profil ihrer Prota-
bezeichnet. Was er damit meinte, wird durch         gonisten – die Nähe zur Oper ist unübersehbar.
den Vergleich mit der Erstfassung des Werks         Im «Land des Lächelns» sind die beiden Haupt-
klar. Diese hatte sechs Jahre vorher unter dem      figuren von Beginn an unterschiedlich gezeich-
Titel «Die gelbe Jacke» Premiere; die Unter-        net: hier Lisa, die lebenslustige Tochter aus
schiede betreffen weniger die Handlung selbst       gutem Wiener Hause, dort Sou-Chong, der
als deren dramatischen Kern. In beiden Fällen       zurückhaltende Prinz aus dem Fernen Osten.
steht der Protagonist, der chinesische Prinz Sou-   Was beide eint, ist nicht nur die Liebe, die sie
Chong, vor der Frage, ob er seinen Gefühlen         füreinander empfinden, sondern auch das                      Franz Lehár

folgen soll oder gesellschaftlichen Pflichten. Wo   Geflecht aus sozialen Zwängen, in dem sie
in der Erstfassung alles auf ein operettentypi-     gefangen sind. Sou-Chong darf keine Auslän­        Für «Das Land des Lächelns» bzw. für die Erst-
sches Happy End zusteuert, gibt es für diesen       derin heiraten, Lisa kann nicht aus ihrer euro­    fassung von 1923 entwickelte Lehár eine ganz
zutiefst romantischen Konflikt im «Land des         päisch-bürgerlichen Haut. Im zweiten Akt, am       eigene Musiksprache mit zahlreichen Exotis-
Lächelns» keine Lösung – es endet tragisch.         chinesischen Hof, werden diese Differenzen         men und schillernden Klangfarben. Einige Arien,
Eine Neugewichtung, die nicht von ungefähr          offensichtlich, so sehr man sich auch der gegen-   darunter das berühmte «Dein ist mein ganzes
kam. Léhar, Sohn eines Militärkapellmeisters        seitigen Gefühle versichert. Die Trennung ist      Herz» aus dem zweiten Akt, schrieb er als Zug-
und Schüler von Antonín Dvořák, hatte seine         unausweichlich und wird nur dadurch abgemil-       nummern für den Startenor Richard Tauber.
ersten Erfolge mit heiteren Bühnenwerken            dert, dass beide auf treue Weggefährten aus        Dank Tauber wurde das Werk, anders übrigens
gefeiert. Ob «Die lustige Witwe», «Eva» oder        der jeweils eigenen gesellschaftlichen Sphäre      als «Die gelbe Jacke», von Beginn an ein grosser
«Der Graf von Luxemburg»: Stets setzt sich die      bauen können: Lisa auf den ihr ergebenen Grafen    Erfolg. Schon ein Jahr nach der Uraufführung in
Sprache des Herzens gegen Standeskonventio-         Gustav, Sou-Chong auf seine Schwester Mi.          Berlin wurde es verfilmt.

18
IN T E R P R E T E N
Kon z er t 2

Shanghai Opera Symphony Orchestra and Choir                                                       Xu Zhong
Neben Beijing hat sich die Küstenstadt Shanghai Schostakowitsch und vielen anderen. Daneben       Ein Vermittler zwischen fernöstlicher und euro-      übernahm er die künstlerische Leitung des Opern-
als eine der kulturellen Metropolen Chinas eta- hat es auch chinesische «Klassiker» wie das       päischer Kultur wurde der aus Shanghai stam-         hauses von Catania – als erster Chinese in Italien
bliert, was sich unter anderem in einer Vielzahl Klavierkonzert «Yellow River» oder das Violin-   mende Pianist und Dirigent Xu Zhong einmal           überhaupt. Xu Zhong ist Generalmusikdirektor
von klassischen Orchestern niederschlägt. Eines konzert «Butterfly Lovers» im Programm. Von       genannt. Ersten Klavierunterricht erhielt er noch    des Sinfonieorchesters Haifa und Direktor der
der renommiertesten ist das Sinfonieorchester seiner gestiegenen Reputation zeugen diverse        in der Zeit der chinesischen Kulturrevolution, als   Fondazione Arena di Verona. Sein vermutlich
der Oper Shanghai, das 1956 gegründet wurde. Auslandstourneen, die das Orchester in den           die Musik des Westens weithin verpönt war.           wichtigstes Amt aber hat er in seiner Heimat-
Unter Gastdirigenten wie Lorin Maazel, Thomas letzten Jahren unternommen hat, unter anderem       Später konnte er nach Europa übersiedeln und         stadt Shanghai angetreten, als Intendant des
Sanderling, Markus Stenz und Jan Latham- nach Grossbritannien, Deutschland, Frankreich,           seine Ausbildung am Pariser Konservatorium           dortigen Opernhauses. 2010 wurde er vom fran-
Koenig konnte es sich ein breites Repertoire Italien und jüngst auch in die USA. Chefdirigen-     fortsetzen. Als Pianist gewann er diverse Preise,    zösischen Kulturministerium für seine Verdienste
sinfonischer Literatur erarbeiten: Werke von ten sind aktuell Zhang Chengjie, Lin Yousheng        u.a. bei Wettbewerben in Tokio, Santander und        als Kulturvermittler zum «Chevalier de l’Ordre
Beethoven, Tschaikowski, Brahms, Mahler, und Zhang Guoyong.                                       beim Tschaikowski-Wettbewerb Moskau. 2012            des Arts et des Lettres» ernannt.

                                                                                                      Xu Zhong

                                                                            d Choir
20                                                            rchestra an                                                                                                                             21
                                         pera S   ymphony O
                              Shanghai O
IN T E R P R E T E N                                                                                   Shi Yijie
                                                                                                       Shi Yijie zählt zu den renommiertesten chinesi-      Venedig und die Oper San Francisco. Shi sang
Kon z er t 2                                                                                           schen Tenören seiner Generation. Er stammt aus       unter Dirigenten wie Kent Nagano, Antonio
                                                                                                       Shanghai, machte aber schon bald im Ausland          Pappano und Zubin Mehta. Sein Repertoire
                                                                                                       Karriere: Studium in Tokyo, Graz-Stipendium,         reicht von Mozart (Requiem, «Entführung») über
                                                                                                       Sieg bei diversen Gesangswettbewerben in             Rossini («Il viaggio a Reims», «Guillaume Tell»)
                                                                                                       Österreich, Italien und Deutschland. Nach umju-      und Verdi («Falstaff», «Tancredi») bis zu Strauss
                                                                                                       belten Auftritten beim Rossini Festival in           und Janáček. Auch in der Heimat ist der Tenor
                                                                                                       Pesaro, die auch auf DVD dokumentiert sind,          nach wie vor tätig, bevorzugt bei Gastspielen an
                                                                                                       wurde er von grossen Häusern aus der ganzen          den Opernhäusern von Beijing und Shanghai;
Zhang Huiyong                                                                                          Welt eingeladen, unter ihnen die New Yorker          ausserdem hat er ein Professur für Gesang in
Die Sopranistin Zhang Huiyong fungiert aktuell      des abendländischen Repertoires, wo sie die        Met, die Deutsche Oper Berlin, La Fenice in          Hunan und bietet weltweit Masterclasses an.
als Leiterin der Solistenabteilung am Opernhaus     Violetta («La Traviata»), Micaela («Carmen»)
Shanghai. Nach ihrem Studium an der Kunst-          und Nannetta («Falstaff») gab, als auch in klas-   Yu Haolei
hochschule von Nanjing bei Prof. Gu Xuezhen         sischen chinesischen Opern wie «The Savage         Durch zahlreiche Auftritte im In- und Ausland        dem Theater Erfurt. Mehrfach war Yu musikali-
nahm sie mit Erfolg an mehreren Gesangswett-        Land», «The Song of Yanzi» oder «Eighteen          konnte sich der Tenor Yu Haolei ein breites          scher Botschafter seines Heimatlandes, etwa
bewerben teil. So gewann sie beim 9. Nach-          Springs». Diese stilistische Vielseitigkeit hat    Repertoire an Rollen erarbeiten. Nach seinem         bei der Feier zum 60-jährigen Jubiläum der diplo-
wuchswettbewerb des chinesischen Staats-            Zhang Huiyong auch in etlichen CD-Einspielun-      Studium in Shenyang, dem Zentrum der Mand-           matischen Beziehungen zwischen China und
fernsehens den 3. Preis in der Sparte Belcanto,     gen unter Beweis gestellt. Bereits mehrfach        schurei, schaffte er 2017 den Sprung nach Europa     Indien oder zum Gedenken an das Ende des
bei der 3. Austragung des Gesangswettbe-            wurde sie von der niederländischen Reisopera       durch Aufnahme in das Jette Parker Young             Weltkriegs in Singapur und im südkoreanischen
werbs der Provinz Jiangsu belegte sie den ers-      für Produktionen eingeladen («Hôtel de Pékin»,     Artists Programm am Londoner Royal Opera             Busan (Beethoven, 9. Sinfonie). Gastspiele als
ten Platz. Seither hat sie in zahlreichen Bühnen-   «Don Pasquale»).                                   House. Es folgten Auftritte in «La Traviata», «Die   Mitglied des Opernhauses Shanghai führten
werken mitgewirkt, und zwar sowohl im Bereich                                                          Fledermaus», «Die lustigen Weiber von Windsor»       ihn nicht nur nach Asien, sondern auch nach
                                                                                                       sowie als Erik in «Der fliegende Holländer», einer   Deutschland, Grossbritannien, Frankreich, Estland
                                                                                                       Koproduktion des Opernhauses Shanghai mit            sowie in die Vereinigten Arabischen Emirate.

                                                                                                                                                Yu Haolei
                                                                                                           Shi Yijie

                                                                                     ng
                                                                       Zhang Huiyo
22                                                                                                                                                                                                        23
Konzert 3 – Abo II
© Marco Borggreve

                                                      Casino Bern Les Siècles
                                   Dienstag, 5. Januar 2021, 19.30 h François-Xavier Roth (Leitung)
                                  		 Vilde Frang (Violine)

                                                                       Programm

                                                      «Ouvertüre»: Unsere Stars von morgen (ca. 10')

                                            Robert Schumann (1810–1856) In kräftigem, nicht zu schnellem Tempo
                                            Konzert für Violine und Orchester Langsam
                                                               d-Moll (ca. 33') Lebhaft, doch nicht zu schnell

                                                                          Pause

                                  Modest Mussorgski (1839–1881) Promenade
                                           «Bilder einer Ausstellung» Gnomus
                                         (arr. Maurice Ravel, ca. 35') Promenade
                                  		 Das alte Schloss
                                  		Promenade
                                  		 Die Tuilerien
                                                                       Bydło
                                  		Promenade
                                  		 Ballett der Küchlein in ihren Eierschalen
                                  		 Samuel Goldenberg und Schmuyle
                                  		 Der Marktplatz von Limoges
                                  		 Catacombae. Sepulcrum Romanum –
                                  		 Cum mortuis in lingua mortua
                                  		 Die Hütte auf Hühnerfüssen
                                  		 Das grosse Tor von Kiew
                    Vilde Frang

                    24                                                                                           25
PR O G R A M M
Ko n z e r t 3

Robert Schumann (1810–1856)                            dungen, Zitaten und Erinnerungsfetzen. Ein Spät-
Konzert für Violine und Orchester d-Moll               werk, ja – aber nicht im Sinne nachlassender
Das Schicksal, das Robert Schumanns Violinkon-         Kreativität, sondern als Summe eines Lebens,
zert erlitt, ist kaum anders als tragisch zu nennen.   das sich seiner Endlichkeit nur zu bewusst ist.
Ein echtes Spätwerk, entstanden nur wenige
Monate vor dem geistigen Zusammenbruch des             Modest Mussorgski (1839–1881)
Komponisten, wurde es nach seinem Tod von              «Bilder einer Ausstellung»
Schumanns Witwe Clara und dem Widmungs-                (arr. Maurice Ravel)
träger Joseph Joachim zurückgehalten; die              Für Modest Mussorgski war Kunst vor allem
Furcht, es halte nicht das Niveau früherer             eines: Mittel zur Kommunikation. Kaum eine
Schöpfungen, war zu gross. Und als das Stück           Komposition kommt diesem Anspruch so nahe
in den 1930ern wiederentdeckt und erstmals             wie sein Klavierzyklus «Bilder einer Ausstel-
öffentlich aufgeführt wurde, diente es den Nati-       lung». Kommuniziert wird hier auf ganz verschie-
onalsozialisten als Propagandawerk, das Men-           denen Ebenen: zwischen dem Komponisten und
delssohns beliebtem Violinkonzert den Rang             seinem Freund, dem Maler Viktor Hartmann,
ablaufen sollte. Erst durch den unermüdlichen          zwischen Musik und Bild, Hörer und Ausführen-
Einsatz Yehudi Menuhins und anderer Geiger             dem, Geschichte und Gegenwart. Und dieses
gelang die Rehabilitation.                             «Gespräch» wird bis heute weitergeführt, denn
Zum Glück, muss man sagen, steht Schumanns             noch immer dienen die «Bilder einer Ausstel-
Violinkonzert doch würdig neben denen Beet­            lung» als Ausgangspunkt für neue Kunstpro-                                  sorgski
                                                                                                                      Modest Mus
hovens, Mendelssohns und Brahms’. Nicht                jekte, seien sie musikalischer, visueller oder
obwohl, sondern weil es ganz anders ist als            literarischer Art.                                 Zehn Gemälde werden hier mit klanglichen Mit-
diese: lyrisch, introvertiert, gleichsam dunkel        Eine Bearbeitung war es auch, die dem Werk         teln beschrieben: Ruinen, skurrile Gestalten,
glühend und von einer Ausdruckstiefe, wie sie          zu Weltruhm verhalf. Mussorgski schrieb den        spielende Kinder, eine Marktszene. In reiner
in keinem anderen Solokonzert des 19. Jahrhun-         Zyklus 1874 als Nachklang zu einer Ausstel‑        Abbildfunktion beschränkt sich die Musik aber
derts erreicht wird. Äusserlich, in Bezug auf die      lung mit Bildern des kurz zuvor verstorbenen       nicht, immer schafft sie eigene Welten, die über
Satzfolge, die technischen Ansprüche an den            Hartmann. Im Druck erschien die Komposition        das konkrete Detail hinausgehen. Vom mysti-
Solisten und den Wechsel von Moll nach Dur,            erst 1886, also posthum. Und es dauerte bis        schen Mittelalter über herzzerreissendes Leid
erfüllt es die Konventionen. In seinem Inneren         zum Jahr 1922, dass Maurice Ravel auf Anre-        bis zur Todesnähe reicht der Ausdrucksbogen.
dagegen ist es ein subtil revolutionäres Werk          gung des Dirigenten Kussewitzki eine Orches-       Und dann ist da noch der Betrachter, das lyri-
mit einer ganz eigenen Zeitstruktur, mit melodi-       terfassung der «Bilder» erstellte und ihnen so     sche Ich, das von Bild zu Bild promeniert und die
schen Suchbewegungen, gebrochenen Empfin-              den Weg in die grossen Konzertsäle bahnte.         Eindrücke auf sich wirken lässt.

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INTE R P R E T E N                                                                                  François-Xavier Roth
                                                                                                    Im Jahr 2020 erhielt François-Xavier Roth den        Gastdirigent des London Symphony Orchestra.
Ko n z e r t 3                                                                                      Ehrenpreis der deutschen Schallplattenkritik:        Parallel hierzu hat Roth immer wieder versucht,
                                                                                                    als Musiker, der in seinem Wirkungskreis neue        der Szene neue Impulse zu geben, vor allem
                                                                                                    Massstäbe setzte, wie es in der Jurybegrün-          durch die Gründung von «Les Siècles» mit sei-
                                                                                                    dung heisst. Damit ist die Arbeit des 1971           nen weit gefächerten musikalischen und sozi-
                                                                                                    geborenen Organistensohnes gut umrissen:             alen Aktivitäten. In Paris und Köln initiierte er
                                                                                                    Nach Flöten- und Dirigierstudium in Paris ver-       aufsehenerregende Education-Projekte und
                                                                                                    diente er sich seine Meriten in London, Cardiff      rief Nachwuchsensembles wie das Jeune
Les Siècles                                                                                         und Lüttich, bevor er 2011 Chefdirigent des          Orchestre Européen Hector Berlioz ins Leben.
Als François-Xavier Roth 2003 «Les Siècles»      jedem Werk den passenden Klang zu verleihen.       renommierten SWR Sinfonieorchesters Baden-           Der französische Präsident honorierte dieses
gründete, war das nicht einfach ein weiteres     Entsprechend breitgefächert ist ihr Repertoire,    Baden und Freiburg wurde. Derzeit ist er Gene-       Engagement 2017 mit der Ernennung Roths
Spezialensemble für klassische Musik, zusam-     das vom Barock bis zur Moderne reicht. Ihre        ralmusikdirektor der Stadt Köln sowie Erster         zum Ritter der Ehrenlegion.
mengestellt aus den besten Instrumentalisten     CD-Einspielungen mit Werken von Debussy,
Frankreichs. Dahinter stand vielmehr die Idee,   Strawinski und Ravel heimsten jede Menge           Vilde Frang
neue Konzertformen zu erkunden: Musik in         Auszeichnungen ein, darunter den Jahrespreis       «Vilde Frang ist alles ausser Mainstream.» So        Korngold und Britten, sie spielt Schönberg,
Schulen, Krankenhäusern, Altersheimen und        der deutschen Schallplattenkritik, den Edison      brachte SRF das Erscheinungsbild der norwegi-        Bartók und Strauss. Trotzdem wird sie mit Pub-
Gefängnissen beispielsweise, ergänzt um eine     Klassiek sowie den französischen Victoire. «Les    schen Geigerin anlässlich ihrer Schweiz-Tournee      likumspreisen geradezu überschüttet, vom Grand
TV-Show sowie einen Ausbildungsstandort bei      Siècles» ist künstlerischer Partner der Philhar-   2014 auf den Punkt. Mit Starallüren und glattem      Prix du Disque über den Edison Klassiek und den
Paris. Und noch eine Besonderheit: Den Musi-     monie de Paris und arbeitet darüber hinaus         Geigenglamour hat die 1986 in Oslo geborene          Preis der deutschen Schallplattenkritik bis hin
kern von «Les Siècles» steht ein Fundus von      regelmässig mit verschiedenen Theatern in ganz     Frang in der Tat nichts am Hut. Ihre Auftritte und   zum Gramophone Award. Und natürlich fusst
Instrumenten aus unterschiedlichen Epochen       Frankreich zusammen.                               vor allem ihr Spiel bestechen durch eine Natür-      dieses Selbstverständnis auf einer umfassen-
zur Verfügung, so dass sie in der Lage sind,                                                        lichkeit, die absolut authentisch wirkt. Aus die-    den geigerischen Ausbildung. Obwohl Vilde
                                                                                                    sem Grund kann sie sich auch künstlerische           Frang schon mit zehn im Rundfunk debütierte,
                                                                                                    Wege abseits des Gewohnten leisten: Ihr              suchte sie noch lange, bis 2009 nämlich, den
                                                                                                    Repertoire umfasst Solokonzerte von Nielsen,                         Kontakt zu Mentoren wie Anne-
                                                                                                                                                                         Sophie Mutter, Kolja Blacher und
                                                                                                                                                                          Ana Chumachenco.

                                                                                                                                          Vilde Frang
                                                                                                                           Roth
                                                                                                        Fran   çois-Xavier

28                                                                                                                                                                                                     29
                              Les Siècles
Konzert 4 – Abo I
© Felix Broede

                                                          Casino Bern Deutsches Symphonie-Orchester Berlin
                                        Mittwoch, 17. März 2021, 19.30 h Robin Ticciati (Leitung)
                                       		 Isabelle Faust (Violine)

                                                                                Programm

                                                               «Ouvertüre»: Unsere Stars von morgen (ca. 10')

                                              Ludwig van Beethoven (1770–1827) Allegro ma non troppo
                                                  Konzert für Violine und Orchester Larghetto
                                                              D-Dur op. 61 (ca. 42') Rondo. Allegro

                                                                                   Pause

                                                     Hector Berlioz (1803–1869) Largo – Allegro agitato e appassionato assai
                                                            Symphonie fantastique Un bal. Valse: Allegro non troppo
                                       Episode de la vie d’un artiste op. 14 (ca. 50') Scène aux champs. Adagio
                                       		 Marche au supplice. Allegretto non troppo
                                       		                                              Songe d’une nuit du Sabbat. Larghetto – Allegro

                                   t
                      Isabelle Faus

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PR O G R A M M                                                                                        seiner eigenen Hinrichtung bei, bevor die Sinfo-   Verwendung von Harfen in einer Sinfonie, son-
                                                                                                      nie mit einem Hexensabbat schliesst, zu dem        dern auch szenische Elemente, Raumklänge,
Ko n z e r t 4                                                                                        auch die Geliebte kommt.                           die Sinfonie als «drame instrumental». Als
                                                                                                      Dass dieses «bizarre Nachtstück» (Heinrich         besonders zukunftsträchtig sollte sich seine
                                                                                                      Heine) nicht bei allen Hörern auf Gegenliebe       Erfindung der «idée fixe» erweisen, eines Leit-
Ludwig van Beethoven (1770–1827)                   Paukenschlägen, beantwortet von Holzbläser-        stiess, verwundert kaum. Schon bald aber           gedankens, der die geliebte Person verkörpert
Konzert für Violine und Orchester                  gesang. Und weil die Streicher erst danach in      wurde klar, welche Innovationen Berlioz hier       und in allen Sätzen wiederkehrt – von hier
D-Dur op. 61                                       Erscheinung treten, geht es auch um den Gegen-     auf den Weg gebracht hatte: nicht nur eine         war es nur noch ein kleiner Schritt hin zur
Kaum zu glauben, aber eines der beliebtesten       satz der Klangfarben. Selbst im burschikosen       Vielzahl neuer Klangfarben oder die erstmalige     Leitmo­tivik Wagners.
Violinkonzerte der Musikgeschichte, das Ludwig     Finale kommt es zu solchen Überraschungen,
van Beethovens, schlief zu Lebzeiten seines        wenn der Solist mit einzelnen Instrumenten-
                                                                                                                      z
Schöpfers einen Dornröschenschlaf. Nach der        gruppen (den Bässen, den Geigen, den Hörnern       Hector Berlio
halbwegs erfolgreichen Uraufführung Ende 1806      usw.) dialogisiert, als wäre das Ganze ein Stück
durch den Wiener Geiger Franz Clement, einen       Kammermusik.
Freund Beethovens, wurde es über viele Jahre
hinweg kaum noch gespielt. Erst Mendelssohn        Hector Berlioz (1803–1869)
und der junge Violinvirtuose Joseph Joachim        Symphonie fantastique
verhalfen dem Werk 1844 in London zur Rück-        Episode de la vie d’un artiste op. 14
kehr auf die Konzertbühne.                         Hector Berlioz war 24 und als Komponist so gut
Warum diese sträfliche Missachtung? Zum            wie unbekannt, als er sich in die irische Shake-
einen verweigert Beethoven seinem Solisten         speare-Darstellerin Harriet Smithson verliebte.
allen vordergründigen Glanz – ein Schicksal,       Die Nichtbeachtung durch Smithson liess seine
das op. 61 mit den Violinkonzerten Schumanns       Gefühle immer wieder in ihr Gegenteil, in Ver-
und Brahms’ teilt. Zum anderen ist das Stück       zweiflung und Hass, umschlagen – bis sich die-
gestaltet wie eine Sinfonie: Nicht die Themen      ser emotionale Überschuss ein Ventil suchte.
selbst sind das Entscheidende, sondern ihr         1830, mit 27 Jahren, komponierte Berlioz eine
Potenzial, also das, was sich aus ihnen machen     Sinfonie, deren fünf Sätze «Episoden aus einem
lässt. Solist und Orchester tragen Melodien        Künstlerleben» schildern sollten.
vor, die aus den einfachsten Bausteinen zusam-     Wie genau er sich diesen Inhalt vorstellte,
mengesetzt sind, fast ausschliesslich Tonleitern   beschrieb er in einem ausführlichen Programm,
und Dreiklänge. Und so verlagert sich die Auf-     das den verblüfften Pariser Uraufführungsbesu-
merksamkeit auf den Prozess, auf das Spiel der     chern ausgehändigt wurde. Demnach gibt sich
musikalischen Kräfte.                              der Künstler im ersten Satz seinen leidenschaft-
Und welche Kräfte sind das hier? Eben nicht nur    lichen Empfindungen hin, durchlebt im zweiten
Solist und Orchester, die einander die Bälle       den Rausch einer Ballnacht, um im dritten Ruhe
zuwerfen. Sondern auch Rhythmus und Melo-          in der Natur zu suchen. Es folgen zwei Traum-
die: Das Konzert beginnt mit vier einsamen         passagen: Im vierten Satz wohnt der Künstler

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INTE R P R E T E N                                                                                         Robin Ticciati
                                                                                                           Superlative begleiten den Dirigenten Robin              phoniker. Seine besondere Vorliebe für die Oper
Ko n z e r t 4                                                                                             Ticciati von Beginn seiner Karriere an. Mit             spiegelt sich in seinen Auftritten an Covent
                                                                                                           gerade einmal 19 Jahren erhielt der Londoner            Garden, der Metropolitan Opera New York und
                                                                                                           Nachwuchsstar die Arthur-Belgin-Medaille als            am Opernhaus Zürich. 2014 trat er sein Amt
                                                                                                           «Most Outstanding Musician of the Year», drei           als Music Director der Glyndebourne Festival
                                                                                                           Jahre später war er der jüngste Dirigent, der           Opera an. Für seine Brahms-Einspielung mit
                                                                                                           jemals an der Mailänder Scala auftrat. 2006             den Bamberger Symphonikern wurde Ticciati
                                                                                                           folgte sein Debüt bei den Salzburger Festspie-          2011 zum Nachwuchsdirigenten des Jahres
Deutsches Symphonie-Orchester Berlin                                                                       len mit Mozarts «Il sogno di Scipione». Von 2009        gekürt, auch seine Schumann- und Haydn-
Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin ist            das Orchester im Lauf der Zeit sämtliche wich-      bis 2018 hatte Ticciati den Chefposten des Scot-        Aufnahmen erhielten diverse Preise. Seit 2017
nur einer von mehreren exzellenten Klangkör-           tigen Plattenpreise gewonnen, den Grammy            tish Chamber Orchestra inne und war bis 2013            ist Ticciati Chefdirigent des Deutschen Sym-
pern in der Bundeshauptstadt, kann aber auf            ebenso wie den Preis der deutschen Schallplat-      zudem Erster Gastdirigent der Bamberger Sym-            phonie-Orchesters Berlin.
eine eindrucksvolle Historie verweisen. Gegrün-        tenkritik, den Grand Prix du Disque, den Diapason
det nach dem Zweiten Weltkrieg als Radio-              d’Or und viele mehr. Auch einige spektakuläre       Isabelle Faust
Orchester für den amerikanischen Sektor, ging          Uraufführungen sind mit ihm verbunden, Ligetis      Unter den grossen Geigerinnen ihrer Genera-             Diapason d’Or, und 2017 wählte erneut das
es später in die Verantwortung des deutschen           Cellokonzert etwa oder das Opern-Oratorium «El      tion zählt Isabelle Faust zu den Unbekannteren,         Gramophone Magazine ihre Aufnahme mit den
Rundfunks über. Zu seinen Chefdirigenten zähl-         niño» von John Adams. Überhaupt hat das DSO         zumindest beim Publikum. Vielleicht, weil sie           Mozart-Konzerten zur Einspielung des Jahres.
ten Ferenc Fricsay, Lorin Maazel, Kent Nagano          sich immer wieder für zeitgenössische Musik         jegliche Starallüren durch künstlerischen Ernst         «Ihr Klang hat Leidenschaft, er hat Biss und er
und Ingo Metzmacher; seit 2017 wird es von             eingesetzt, was ihm in der Vergangenheit schon      ersetzt? Die Kritikerzunft jedenfalls verlieh           elektrisiert», urteilte die New York Times. Fausts
Robin Ticciati geleitet. Für seine Aufnahmen hat       diverse Ehrungen einbrachte.                        der Schwäbin schon lange das Etikett «Welt-             künstlerische Bandbreite ist beeindruckend: Sie
                                                                                                           klasse». 1997 kürte die britische Gramophone            reicht vom Barock bis zur Moderne und bezieht
                                                                                                           sie zur Nachwuchskünstlerin des Jahres, 2002            auch das Spiel auf historischen Instrumenten
                                                                                                           folgte der Cannes Classical Award. 2012 gab             ein. 2014 etwa stellte sie Bachs Gesamtwerk für
                                                                                                           es für ihre Beethoven/Berg-CD gleich mehrere            Violine solo an einem Konzertabend vor. Ihr Ins-
                                                                                                           Preise, darunter den Echo Klassik und den                                 trument ist die lange verschol-
                                                                                                                                                                                     lene «Dornröschen»-Stradivari
                                                                                                                                                                                      von 1704.

                                                                                                                                                               t
                                                                                                                                               Isabelle Faus
                                                                                                                             ti
                                                                                                              Robin Ticcia

34                                                                  Berlin                                                                                                                                        35
                                                       -Orchester
                                           Symphonie
                               Deutsches
Konzert 5 – Abo II
© Priska Ketterer

                                                        Casino Bern          European Union Youth Orchestra
                                    Donnerstag, 8. April 2021, 19.30 h       David Zinman (Leitung)
                                   		                                        Valentine Michaud (Saxophon),
                                   		                                        Gewinnerin «Ouvertüre» 2019/20

                                                                     Programm

                                         Programm mit Schweizer Solistin
                                          Valentine Michaud, Gewinnerin
                                                     «Ouvertüre» 2019/20
                                              Bekanntgabe nach Drucklegung

                                                                        Pause

                                    Antonín Dvořák (1841–1904)               Allegro con brio
                                    Sinfonie Nr. 8 G-Dur op. 88 (36')        Adagio
                                   		                                        Scherzo. Allegretto grazioso
                                   		                                        Finale. Allegro ma non troppo

                    David Zinman

                    36                                                                                        37
PR O G R A M M
Kon z er t 5
                                                                                                                          řák
                                                                                                          A ntonín D vo
Antonín Dvořák (1841–1904)                          Im Scherzo unterläuft er sogar die Hörerwartun-
Sinfonie Nr. 8 G-Dur op. 88                         gen, indem statt eines rustikalen Volkstanzes
Als der Kritiker Louis Ehlert 1878 die «Klänge      ein wehmütiger Walzer erklingt; erst ganz zuletzt
aus Mähren» von Antonín Dvořák zu Gesicht           blitzt kurz ein echtes Volkslied auf, allerdings
bekam, geriet er ins Schwärmen: «Eine himmli-       versteckt in Oboen und Fagotten.
sche Natürlichkeit fluthet durch diese Musik,       Dvořák war also keineswegs der «Bauchmusi-
daher sie ganz populär ist.» Nun, populär wur-      ker», als der er vielen galt, sondern ein Künstler,
den in erster Linie diejenigen Werke Dvořáks,       der solche Folklorismen gezielt einsetzte. Auch
die mit nationalen Tonfällen spielen: die Slawi-    die vielfältigen Abweichungen vom klassischen
schen Tänze, das Dumky-Trio, die Streichersere-     Formenarsenal in der Achten sind Ergebnis
nade und die 8. Sinfonie (1889). Freilich wäre es   bewusster Planung: Im ersten Satz wird die
fatal, Dvořák auf das Klischee vom «böhmischen      Überfülle melodischer Einfälle durch das genau
Musikanten» zu reduzieren.                          austarierte Verhältnis von Dur- und Moll-Passa-
Das tschechische Kolorit der Sinfonie zum Bei-      gen aufgefangen. Und im Finale durchdringen
spiel ist eines aus zweiter Hand: Vom melan-        sich so unterschiedliche Formkonzepte wie
cholischen Beginn über den vexierbildartigen        Rondo, Sonatensatz und Variationenzyklus,
zweiten Satz bis zum überschäumenden Finale         bevor die Wiederkehr der einleitenden Trompe-
wählt Dvořák keine originalen Volksmelodien,        tenfanfare das Geschehen rundet.
sondern ahmt diese in Tonfall und Struktur nach.

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INTER P R E T E N                                                                                     David Zinman
                                                                                                      «Musik ist eine bessere Welt. Sie drückt die         Frühling, mit bestem Kontakt zum Publikum,
Ko n z e r t 5                                                                                        höchsten Ideale der Menschheit aus.» Gemäss          neuen Konzertformaten und natürlich mit hoch-
                                                                                                      diesem Motto hat der Dirigent David Zinman           gelobten Einspielungen, etwa den Sinfonien
                                                                                                      Hörern auf der ganzen Welt klassische Musik          Beethovens, Schuberts und Mahlers. Die Liste
                                                                                                      nähergebracht: direkt, unverfälscht, voller Lei-     seiner Auszeichnungen ist beeindruckend, sie
                                                                                                      denschaft. Bevor der New Yorker 1995 ans Ton-        reicht von diversen Grammys über den Jahres-
                                                                                                      halle-Orchester Zürich wechselte, hatte er sich      preis der deutschen Schallplattenkritik bis zum
European Union Youth Orchestra                                                                        in London, Amsterdam, Rochester und Rotterdam        Kunstpreis der Stadt Zürich. 2012 wurde Zinman
Seit 1976 leistet sich die Europäische Union ein    Kontinent, sondern bis nach Asien, Nord- und      internationale Meriten erworben. Zwischen 1985       in die American Classical Music Hall of Fame
klassisches Orchester aus den besten Nach-          Südamerika. Neben dem klassisch-romanti-          und 1998 formte er das Baltimore Symphony            aufgenommen, und selbstverständlich ist er
wuchskräften ihrer Mitgliedstaaten: das Euro-       schen Orchesterrepertoire spielt man immer        Orchestra zu einem der besten Klangkörper der        Ehrendirigent des Tonhalle-Orchesters Zürich.
pean Union Youth Orchestra EUYO. Bewerber           wieder auch zeitgenössische Werke, etwa von       USA. In Zürich aber erlebte er seinen zweiten
durchlaufen einen intensiven Auswahlprozess,        Erkki-Sven Tüür oder György Ligeti, der dem
das Höchstalter beträgt 24 Jahre. Kein Wunder,      Orchester lange persönlich verbunden war.         Valentine Michaud
dass das EUYO als Sprungbrett für erfolgreiche      Chefdirigent ist derzeit Vasily Petrenko, der     Mit 16 Jahren siedelte die Westfranzösin             h­ aus ist die Künstlerin bereits aufgetreten; im
Musikerkarrieren gilt: Über 90 Prozent seiner       langjährige Leiter Bernard Haitink fungiert als   Valentine Michaud in die Schweiz über, um             September 2020 folgt ihr Debüt mit den Wiener
Mitglieder finden später Stellen in Profiorches-    Ehrendirigent. Ironie der Geschichte: Die Grün-   zunächst an der Musikhochschule Lausanne              Philharmonikern unter Gustavo Dudamel. Auch
tern. Um als kultureller Botschafter der EU wahr-   dung des EUYO geht auf zwei Briten zurück;        und dann in Zürich Saxophon zu studieren. Schon       im Duo mit der Pianistin Akvile Sileikaite ist
genommen zu werden, unternimmt das EUYO             nach dem Brexit wurde der Sitz des Orchesters     bald stellten sich Erfolge ein: 2016 wurde            Michaud äusserst erfolgreich (u.a. Swiss Ambas-
jährlich mehrere Tourneen, nicht nur auf dem        von London nach Rom verlegt …                     Michaud ins Nachwuchsprogramm von Migros-             sador Award 2019). Besonders am Herzen liegen
                                                                                                      Kulturprozent-Classics aufgenommen, im selben         ihr interdisziplinäre Projekte wie die Trilogie
                                                                                                      Jahr gewann sie den Holzbläserwettbewerb in           «Waiting for Amon», die Tanz, Malerei und Musik
                                                                                                      Riga sowie 2020 den Credit Suisse Young               kombiniert und die 2018 mit dem Zürcher Nico
                                                                                                      Artist Award. In renommierten Häusern wie             Kaufmann Stipendium ausgezeichnet wurde.
                                                                                                      der Wigmore Hall und dem Wiener Konzert-                               Ausserdem bringt Valentine
                                                                                                                                                                             Michaud regelmässig neue
                                                                                                                                                                              Kompositionen für ihr Instru-
                                                                                                                                                                              ment zur Uraufführung.

                                                                                                                                                        ichaud
                                                                                                                                          Valentine M
                                                                                                                      an
                                                                                                         David Zinm

                                                                               Orchestra
                                                                  nion Youth
40                                                   European U                                                                                                                                          41
Konzert 6 – Abo I
© Benjamin Ealovega

                                             Alle Sibelius-Sinfonien in Genf, Bern und Zürich

                                                                 Casino Bern BBC Symphony Orchestra
                                                 Dienstag, 4. Mai 2021, 19.30 h Sakari Oramo (Leitung)

                                                                         Programm

                                                        «Ouvertüre»: Unsere Stars von morgen (ca. 10')

                                            Jean Sibelius (1865–1957) Tempo molto moderato, quasi adagio
                                     Sinfonie Nr. 4 a-Moll op. 63 (ca. 38') Allegro molto vivace
                                     		 Il tempo largo
                                     		Allegro

                                                                            Pause

                                                         Jean Sibelius
                                     Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 43 (ca. 50')      Allegretto
                                     		                                         Tempo andante, ma rubato
                                     		                                         Vivacissimo – Lento e suave
                                     		                                         Finale. Allegro moderato

                                 o
                      Sakari Oram

                      42                                                                                      43
PR O G R A M M
Kon z er t 6

Jean Sibelius (1865–1957)                           prägt; sowie mit tonalitätssprengenden Ele-
Sinfonie Nr. 4 a-Moll op. 63                        menten wie Ganztonleitern oder Bitonalität.
Als die 4. Sinfonie von Jean Sibelius 1911 in       Kein Wunder, dass es diese «vergeistigte»
Helsinki zur Uraufführung kam, sorgte sie für       (Sibelius) Musik schwer bei den Zeitgenossen
erhebliche Irritationen. «Auf die Zuschauer         hatte. Heute gilt die Vierte als herausragendes
wirkte die 4. Sinfonie wie ein Schock», erinner-    Beispiel für einen individuellen sinfonischen
ten sich Zeitzeugen, «dieses asketische, karge      Beitrag an der Schwelle zur Moderne.
Werk blieb unbegreiflich.» Einen «Stilwechsel»
hatte Jean Sibelius selbst angekündigt, freilich    Jean Sibelius
nur in seinem Tagebuch und auch da mit Frage-       Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 43
zeichen in Form einer Selbstvergewisserung.         Die 2. Sinfonie zählte schon früh zu den popu-
Offenbar hatten seine Begegnungen mit der           lärsten Schöpfungen von Jean Sibelius. Mit
Musik der Moderne – Debussy, Mahler und             ihren einprägsamen Melodien, ihrem anfangs
Schönberg, – die er seit der Dritten gemacht        pastoralen, zuletzt fast heroischen Ton wirkte
hatte, Spuren hinterlassen.                         sie wie ein Gegenentwurf zur schroffen, her-
Zum Auslöser für das neue Werk wurde ein Aus-       metischen Vierten. Die hellen, freundlichen
flug nach Nordkarelien im Herbst. «Einer der        Farben des ersten und dritten Satzes brachte
grössten Eindrücke meines Lebens», notierte         man mit Sibelius’ Italienaufenthalt 1901 in Ver-
Sibelius nach Besteigung des Berges Koli, und:      bindung, während dessen ein grosser Teil der
«Pläne». Direkt im Anschluss entstanden Skiz-       Sinfonie entstand. Die Düsternis des langsa-                                                                                                                  s
                                                                                                                                                                                                   Jean Sibeliu
zen zu einer Tondichtung mit dem Titel «La Mon-     men Satzes dagegen liess sich auf die bedrü-
tagne», die dann aber in die Sinfonie eingingen;    ckende Situation in Finnland beziehen, das
auch ein unvollendetes Orchesterlied nach Poes      noch immer unter russischer Herrschaft stand.
«The Raven» lieferte Material.                      Vor allem finnische Kritiker scheuten sich nicht,   Sache komplizierter. Dass der Komponist durch          den Rückhalt durch die Familie und gleichzeitig
Entscheidender als diese Bezüge zu Natur und        die Stimmungskurve der Sinfonie in direkte          den Süden künstlerisch inspiriert wurde und            eine gefährliche Typhus-Erkrankung der Tochter
Poesie, zu Aussermusikalischem also, sind die       Parallele zur politischen Lage zu setzen: glück-    dass diese Inspiration in sein neues Werk ein-         Ruth. Politisch war Sibelius natürlich ein Ver-
neuen kompositorischen Massnahmen, die es           liche Vergangenheit – Klage über die Gegen-         floss, gab er selbst zu: Er sei «in dieser Schönheit   fechter der finnischen Sache, ohne sich jedoch
erlauben, von einem Stilwechsel zu sprechen. In     wart – Auflehnung – Befreiung. Vor der Unab-        und Wärme ein ganz anderer Mensch gewor-               instrumentalisieren zu lassen. Und so ist auch
der Vierten arbeitet Sibelius nicht mehr mit The-   hängigkeit des Landes (1917) gab es solche          den», schrieb er aus Rom. Auf der anderen Seite        die 2. Sinfonie, selbst wenn all diese unter-
men, sondern mit kurzen Motiven, die er ständig     Interpretationen zuhauf, und noch 1945 wurde        war sein privates Leben weiterhin von Wider-           schiedlichen Erfahrungen in sie eingegangen
variiert und fortentwickelt; mit einem Zentral­     die Zweite als «Finnlands Freiheitskampf»           sprüchen durchzogen. Da gab es wachsenden              sein sollten, ein autonomes Kunstwerk, das
intervall, dem Tritonus, der sämtliche Sätze        bezeichnet. Aber wie so oft bei Sibelius ist die    künstlerischen Erfolg und dennoch Geldsorgen,          seine ganz eigene Geschichte erzählt.

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IN T E R P R E T E N
Kon z er t 6

BBC Symphony Orchestra                                                                                       Sakari Oramo
Fünf grosse Sinfonieorchester leistet sich die             wo es traditionell die First und Last Night       Als der Finne Sakari Oramo 1998 Nachfolger von    Society zum Dirigenten des Jahres gekürt zu
britische BBC, und das in London beheimatete               bestreitet. Daneben widmet es sich schwer-        Simon Rattle am Pult des City of Birmingham       werden. Daneben ist er weiterhin in seiner fin-
Symphony Orchestra darf als Flaggschiff des                punktmässig der Neuen Musik, mit Uraufführun-     Symphony Orchestra wurde, war sein Name nur       nischen Heimat tätig, wo er 2006 die West
Quintetts gelten. Gegründet 1930, sprechen                 gen zahlreicher Werke von Schnittke bis Rihm.     Fachleuten ein Begriff. Das hat sich nachhaltig   Coast Kokkola Opera als alternatives Opern­
allein die Namen seiner Chefdirigenten Bände:              Als Ergänzung hierzu sind die seit 2000 angebo-   geändert; längst zählt der aus Helsinki stam-     projekt aus der Taufe hob. Zum Dirigieren kam
Adrian Boult, Antal Doráti, Colin Davis, Pierre            tenen Residencys für Komponisten anzusehen;       mende Oramo zu den führenden Dirigenten           Oramo interessanterweise nicht auf direktem
Boulez, Andrew Davis … 2013 wechselte der                  die erste hatte Mark-Anthony Turnage inne,        weltweit. Nach zehn Jahren in Birmingham          Weg; er begann seine Ausbildung während sei-
Finne Sakari Oramo ans Pult des Traditions­                dem John Adams und Oliver Knussen folgten.        wechselte er als künstlerischer Leiter zum        ner Zeit als Konzertmeister des Finnischen Radio-
orchesters; sein Vertrag wurde vor Kurzem bis              Zum künstlerischen Portfolio des Orchesters       Stockholm Philharmonic Orchestra, 2013 über-      sinfonieorchesters. Dort machte er so nach-
2022 verlängert. Dem internationalen Publikum              gehören auch Opernaufführungen, Familienkon-      nahm er zusätzlich das Chefdirigentenamt des      drücklich auf sich aufmerksam, als er für einen
ist das BBC Symphony Orchestra vor allem durch             zerte sowie Filmmusik.                            BBC Symphony Orchestra, um nur zwei Jahre         erkrankten Dirigenten einsprang, dass man ihm
seine Auftritte bei den Londoner Proms bekannt,                                                              später von der Londoner Royal Philharmonic        schon bald die Orchesterleitung übertrug.

                                                                                                                                o
                                                                                                                  Sakari Oram

46                                                    ra                                                                                                                                                     47
                                        ony Orchest
                            BBC Symph
O S UND K A RT E N                                                                   ABONNEMENT
                                                                                                          S-
                                                                                                                                 BERN
AB.migros-kulturprozent-classics.ch                                                           UND EINZELVE
                                                                                                           RK A U F S P R E IS E

www                                                                                            Abo-Preise (6 Konzerte)                              Abo-Preise (3 Konzerte)
                                                                                                 Kategorie I             CHF 590.–                    Kategorie I          CHF 300.–
                                                                                                 Kategorie II            CHF 500.–                    Kategorie II         CHF 250.–
                                                                                                 Kategorie III           CHF 360.–                    Kategorie III        CHF 180.–
                                                                                                 Kategorie IV            CHF 275.–                    Kategorie IV         CHF 140.–
ABONNEMENTSVERKAUF
Bitte melden Sie sich schriftlich per Email oder Post im Casino Bern mit folgenden Angaben:    Abonnement 3 Konzerte (Abo I)                        Abonnement 3 Konzerte (Abo II)
Name, Adresse, Telefonnummer, Email, Anzahl Abonnemente mit 6 oder 3 Konzerten (Abo I oder     21. Oktober 2020    Budapest Festival                15. November 2020 Shanghai Opera
Abo II), Kategorie und allfällige Platzwünsche.                                                                    Orchestra                                          Symphony Orchestra
                                                                                               17. März 2021       Deutsches Symphonie-             5. Januar 2021    Les Siècles
Beratungszeiten Tickets und Abonnement                                                                             Orchester Berlin
Mo–Sa 9.00–12.00 Uhr und 14.00–17.00 Uhr                                                                                                                              European Union Youth
                                                                                               4. Mai 2021         BBC Symphony Orchestra           8. April 2021
So 10.00–12.00 Uhr und 14.00–17.00 Uhr                                                                                                                                Orchestra

VORVERKAUF EINZELKARTEN                                                                        Einzelverkaufspreise
Der platzgenaue Vorverkauf beginnt am 13. Juli 2020.                                             Kategorie I             CHF 130.–
Die Karten sind erhältlich unter www.casinobern.ch, telefonisch unter +41 31 328 02 00           Kategorie II            CHF 110.–
und an sämtlichen Vorverkaufsstellen des Ticketcorner: www.ticketcorner.ch
                                                                                                 Kategorie III           CHF 80.–
                                                                                                 Kategorie IV            CHF 60.–
KONTAKT
                                                                                                 Kategorie V             CHF 10.–    (Stehplätze)
Casino Bern
Casinoplatz 1, 3011 Bern
Telefon: +41 31 328 02 00
E-mail: migrosclassics@casinobern.ch
www.casinobern.ch                                                                              Last-Minute-Tickets für Studierende und Auszubildende
                                                                                               30 Minuten vor Konzertbeginn bezahlen Studierende und Auszubildende gegen Vorweisung eines
                                                                                               gültigen Ausweises CHF 5.– pro Ticket. Gültig für alle Kategorien, soweit verfügbar.

                                                                                               Migros-Kulturprozent-Classics akzeptieren die Kulturlegi der Caritas (nur Abendkasse).
                                                                                               www.kulturlegi.ch

                                                                                               Die Kategorieneinteilung entnehmen Sie bitte dem Saalplan (Seite 49).
                                                                                               Billettsteuer und Garderobengebühr inbegriffen.

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