Frankreich als negativer Lernort des deutschen Bevölkerungsdiskurses - OpenEdition Journals
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Trajectoires
Travaux des jeunes chercheurs du CIERA
13 | 2020
Intrus
Frankreich als negativer Lernort des deutschen
Bevölkerungsdiskurses
Demografisches Wissen und Nationalismus, 1860–1940
Philipp Kröger
Édition électronique
URL : http://journals.openedition.org/trajectoires/5117
ISSN : 1961-9057
Éditeur
CIERA - Centre interdisciplinaire d'études et de recherches sur l'Allemagne
Référence électronique
Philipp Kröger, « Frankreich als negativer Lernort des deutschen Bevölkerungsdiskurses », Trajectoires
[Online], 13 | 2020, Online erschienen am: 30 März 2020, besucht am 01 April 2020. URL : http://
journals.openedition.org/trajectoires/5117
Ce document a été généré automatiquement le 1 avril 2020.
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d’Utilisation Commerciale - Partage dans les Mêmes Conditions 4.0 InternationalFrankreich als negativer Lernort des deutschen Bevölkerungsdiskurses 1
Frankreich als negativer Lernort des
deutschen Bevölkerungsdiskurses
Demografisches Wissen und Nationalismus, 1860–1940
Philipp Kröger
1 Die Gefahr lauerte im Osten, so eine zentrale Aussage des deutschen
Bevölkerungsdiskurses der 1920er und 30er Jahre. Hier war der „deutsche Volksboden
aufs stärkste gefährdet“ durch „polnische Unterwanderung“ (Burgdörfer, 1929: 30). Als
bedrohlich wurde die Berechnung der im Vergleich zur deutschen Nation höheren
Geburtenzahl der östlichen Nachbarvölker wahrgenommen: Deutschland galt als
„Zentrum des demographischen Tiefdruckgebietes“ und grenzte im „Osten unmittelbar
an die breite Front des demographischen Hochdruckgebiets“ (Burgdörfer, 1934: 411).
2 Diese zentrale Blickrichtung nach Osten1 kann jedoch nicht in Gänze verstanden
werden, ohne auch den Blick der Wissenschaftler nach Frankreich zu analysieren –
denn sehen gelernt, so die These dieses Aufsatzes, hatten diese Wissenschaftler im
Westen. Frankreich wurde um 1900 zum negativen Lernort der deutschen
Bevölkerungswissenschaft: Hier zeigte sich das Phänomen des Geburtenrückgangs und
damit der berechneten demografischen Bedrohung durch die Einwanderung der aus
Sicht der Wissenschaftler Fremder schon einige Jahrzehnte früher. Das Bild
Frankreichs, das auf Basis statistischer Daten entstand, wurde so in der ersten Hälfte
des 20. Jahrhunderts zu einer Chiffre für eine Entwicklung, die es für Deutschland zu
verhindern galt.
3 Es liegt somit eine wechselseitige Transfergeschichte eines „in sich vernetzten
Konstitutionsprozess[es]“ (Werner und Zimmermann, 2002: 619) dieser demografischen
Bilder vor, derer hier zwei Komponenten hervorgehoben werden sollen. Erstens
wurden nationale Imaginationen und Bedrohungsszenarien im transnationalen
Wissensraum, der im 19. und insbesondere 20. Jahrhundert entstehenden
Bevölkerungswissenschaft produziert. Es entstand somit keine spezifisch deutsche
Perspektive aus sich selbst heraus, sondern das, was als deutsche Perspektive entstand
und nicht selten auch das, was als deutsch galt, war Produkt jener hier untersuchten
Verflechtung (Conrad, 2002: 148). Und nicht zuletzt stellten deutsche Wissenschaftler
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nationale Vorstellungen auf Basis von Daten her, die etwa der französische Staat erhob.
Zweitens, und auch hier wird diese Verflechtung deutlich, überschrieben
Beobachtungen, die beim Blick deutscher Wissenschaftler nach Westen entstanden, den
deutschen Blick nach Osten und vice versa.
4 Mit dieser Feststellung lässt sich auch der Gegenstand dieser Untersuchung eingrenzen.
Es geht nicht darum, die Entstehung des Phänomens und Deutungsmusters des
Geburtenrückgangs nachzuzeichnen (Ferdinand, 2011; Ferdinand, 2007; Reinecke, 2005;
Weipert, 2006: 33-75), sondern um die transnational verflochtene Produktion
nationaler Imaginationen auf der Basis wissenschaftlichen Wissens und dessen
Mobilisierung als symbolische Ressource des Nationalen. Wissenschaftliches Wissen
wird dementsprechend nicht auf seinen Wahrheitswert untersucht, sondern im Sinne
einer kulturgeschichtlich inspirierten Wissens(chafts)geschichte als symbolische
Ressource der Sinnproduktion verstanden.
5 Der dieser Untersuchung zugrunde gelegte Quellenkorpus besteht aus Monografien
und Aufsätzen, die zwischen den 1860er und 1930er Jahren von deutschsprachigen
Wissenschaftlern publiziert wurden. Damit fällt der Beginn des
Untersuchungszeitraumes mit einer verstärkten Forschungs- und Publikationstätigkeit
deutscher Statistiker sowie einer disziplinären Ausdifferenzierung der Statistik
zusammen.2 Das Ende des Untersuchungszeitraumes bildet der Zweite Weltkrieg.
Insbesondere dessen Ende bedeutete einen, wenn auch zumeist nicht personellen, so
doch in Hinsicht auf den hier im Zentrum stehenden demografischen Blick nach
Westen und Osten ideologischen Bruch.
6 Die hier untersuchten Wissenschaftler lassen sich dabei der im Untersuchungszeitraum
erst entstehenden Disziplin der Bevölkerungswissenschaft beziehungsweise
Demografie zuordnen, die sich innerhalb dieses Zeitraums jedoch nicht durch scharfe
Disziplingrenzen auszeichnete. Während deutschsprachige Statistiker zwar den Fokus
dieser Untersuchung bilden, geraten somit auch Wissenschaftler anderer Disziplinen,
etwa Nationalökonomen, ins Blickfeld. Mit wenigen Ausnahmen lassen sich diese
Wissenschaftler unter dem Begriff der „völkischen Wissenschaften“ (Fahlbusch, Haar
und Pinwinkler 2017) subsumieren. Es handelt sich also um Wissenschaftler, die sich in
ihrer Forschung auch von völkisch-nationalistischer Ideologie leiten ließen und
zugleich mit ihrem wissenschaftlichen Wirken völkische Ideologie produzierten wie
verbreiteten. Dabei waren sie jedoch trotz oder zum Teil auch gerade wegen ihrer
radikalen Ansichten nicht Teil eines lunatic fringe, sondern als Universitätsprofessoren
anerkannte Wissenschaftler oder auch Beamte in führenden Positionen innerhalb
staatlicher Institutionen wie statistischen Ämtern.
Von „Eigenthümlichkeiten“ zu „Schicksalsfragen“ –
der Blick gen Westen
7 Im Verlauf des 19. Jahrhunderts stagnierte die Bevölkerungsentwicklung Frankreichs,
während sie in anderen europäischen Staaten anstieg. War Frankreich um 1800 noch
das einwohnerreichste Land Europas, so wurde es im 19. Jahrhundert vom Deutschen
Reich nicht nur ein-, sondern überholt (Le Bras 1993: 9). Die Deutungen dieser
Entwicklung unterlagen einem Wandel: Wurde von der unterschiedlichen
Bevölkerungsentwicklung um 1860 durch einen der bekanntesten deutschsprachigen
Statistiker des 19. Jahrhundert, Richard Boeckh, noch auf „Eigenthümlichkeiten“ der
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Nationen beziehungsweise Völker geschlossen (Boeckh, 1866: 330), so sah der
Bevölkerungswissenschaftler Hans Harmsen 1925 nicht mehr Eigenheiten, sondern
„bedrohliche Entwicklungen“, die für die „Völkergruppen in gleicher Weise zu
Schicksalsfragen geworden sind“ (Harmsen, 1925a: 339). Diesen Wandel gilt es
nachzuzeichnen und zu fragen, wie Frankreich in der ersten Hälfte des 20.
Jahrhunderts zum negativen Lernort des deutschen Bevölkerungsdiskurses wurde.
8 Vor dem Hintergrund einer gegenüber Frankreich wachsenden Bevölkerungszahl –
dieser Parameter wurde als „Volkskraft“ (Fircks, 1875) ideologisch überformt – war es
deutschen Statistikern um die Jahrhundertmitte möglich, Imaginationsinhalte
deutscher Identität zu produzieren. Der Blick auf Frankreich zeigte den
Wissenschaftlern ex negativo, was die deutsche Nation auszeichnete. Ein Vergleich der
„Fruchtbarkeit“ offenbarte dem am Königlich Preußischen Statistischen Bureau (KPSB)
arbeitenden Boeckh „einen hellen Einblick in den Volkscharakter“ (Boeckh, 1866: 282).
Der Nationalökonom Adolph Wagner, ab 1870 ebenfalls am KPSB, verwies auf die Größe
der „deutsche[n] Nation“, die „im Gegensatz zu den Franzosen hinlänglich innere
Vermehrungskraft“ aufwies (Wagner, 1867: 550). Der Direktor des Königlich
Bayerischen Statistischen Bureaus, Georg von Mayr, sprach von den Deutschen als
„jugendkräftige[m] Volk“, während Frankreich „statistisch recht eigentlich als das
Land der Greise bezeichnet werden“ könne (Mayr, 1871: 11–12). Noch drastischer
drückte es der KPSB-Statistiker Arthur von Fircks aus: Die Daten über die französische
Bevölkerungsentwicklung ergaben das Bild eines „abgelebten Volks“ (Fircks, 1875: 64).
9 Auf Basis der als objektiv wahrgenommenen statistischen Daten wurden so ethnisierten
Kollektiven Eigenschaften wie einer hohen „Volkskraft“ zugeschrieben, die als
symbolische Ressource des Nationalen mobilisiert werden konnten. Dabei übersetzten
die hier betrachteten Wissenschaftler offensichtlich das Konzept des
Durchschnittsmenschen, des homme moyen, des belgischen Statistikers Adolphe
Quetelet und wandten es auf ethnisierte Kollektive an (Desrosières, 2005: 208–209).
Quetelets Konzept basierte auf dem mathematischen Modell der Normalverteilung:
Vermessene Werte wie Körpergröße, das Gewicht aber auch moralische Eigenschaften
wie Sittlichkeit streuten sich demnach um Mittelwerte. Letztere galten Quetelet als
„quasi natürliche ‚Eigenschaften des mittleren Menschen‘“ (Bonß, 1982: 92). Deutsche
Statistiker wie Boeckh entnahmen dieses Konzept, das bereits selbst einem
methodischen Nationalismus unterlag, den internationalen wissenschaftlichen
Debatten und transformierten es zu „Völkerindividuen“ mit einem spezifischen
„Volkscharakter“.3 Diese Völkerindividuen samt ihren Eigenschaften wurden auf Basis
statistischer Vermessungen sichtbar. Gerade bei deutschen Statistikern leistete somit
die statistische Denkweise des 19. Jahrhunderts und mit ihr das Konzept des
Durchschnittsmenschen einem holistischen Gemeinschaftsverständnis Vorschub – das
Ganze galt als mehr als die Summe seiner Teile und transzendierte die Individuen auf
einer durch die Statistik sichtbar gemachten Stufe höherer Realität (Nikolow, 2002:
240).
10 Diese angenommene Natürlichkeit und Ahistorizität der Gemeinschaftsentwürfe um die
Jahrhundertmitte lässt verstehen, warum der um 1900 auch im Deutsche Reich
einsetzende Geburtenrückgang, bald auch als „Volkstod“ bezeichnet, eine solch
einschneidende Wirkung entfaltete. Die Aufrechterhaltung des Selbstbildes einer
hohen deutschen „Volkskraft“ war vor dem Hintergrund der gemessenen
Bevölkerungsentwicklung nicht mehr möglich. „Schon bald nach der
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Jahrhundertwende“, so Hans Harmsen, „wurde offenbar, daß die Erscheinung des
Geburtenrückgangs, die man ehemals für eine französische Eigentümlichkeit hielt, sich
bei allen Völkern des westeuropäischen Kulturkreises mehr oder weniger bemerkbar
machte.“ Man sah sich nun selbst der „Gefahr einer Schrumpfung [des]
Volksbestandes“ ausgesetzt (Harmsen, 1935: 3–4). Ganz ähnlich sah es auch Friedrich
Burgdörfer, ein insbesondere im Nationalsozialismus einflussreicher
Bevölkerungswissenschaftler: Der Geburtenrückgang sei im 19. Jahrhundert als „eine
spezifisch französische Angelegenheit betrachtet“ worden, nun zeige er sich jedoch im
„ganzen abendländischen Kulturkreis“ (Burgdörfer, 1937: 11). Die französische
Bevölkerungsentwicklung war nun nicht mehr Spiegel deutscher Suprematie, sondern
wurde als Bild einer möglichen, aber ungewollten Zukunft zum Bedrohungsszenario für
die deutsche Nation.
11 An Frankreich lasen die Wissenschaftler ab, was Deutschland bei einer stagnierenden
oder gar rückläufigen Bevölkerungszahl drohte. Georg von Mayr wies bereits 1897 auf
die mit dem Geburtenrückgang zusammenhängende Frage des „Fremdenzuflusses“ hin,
denn „das Vacuum, welches der Geburtenrückgang schafft […], bedingt mit der
Nothwendigkeit eines Naturgesetzes den Ersatz durch Fremden-Einströmung“. Mayr
berechnete, dass etwa das „Nord-Departement nicht weniger als 17 Proz. Fremde
zählt“, im „Departement der Seealpen sogar […] 25 Proz.“ (Mayr, 1897: 110). Auch
Nationalökonom Karl Oldenberg warnte 1911 vor einer „drohenden Entvölkerung“.
Diese kleide sich „in die Form einer zunehmenden Mischung mit eingewanderten
Fremdelementen, wie sie in Deutschland, Frankreich und anderswo schon begonnen
hat“ (zit. n. Ferdinand, 2011: 168). Zwar beobachteten deutsche Wissenschaftler auch
die bevölkerungspolitischen Maßnahmen, die Frankreich ergriff und hoben diese zum
Teil lobend hervor – Burgdörfer sprach etwa vom „Verdienst“ Frankreichs, die
Familienstatistik als erster Staat „in Angriff genommen zu haben“ (Burgdörfer, 1917:
218).4 Doch war es vor allem das Bild des negativen Lernorts, das sich innerhalb des
deutschen Bevölkerungsdiskurses verfestigen sollte.
12 Dieses Bild Frankreichs ging nach der Jahrhundertwende mit einem Wandel nationaler
Identitätsentwürfe auf Basis des statistischen und demografischen Wissens einher.
Nicht mehr das „Volksindividuum“ als den Einzelnen transzendierendes Ganzes wurde
aus den statistischen Daten abgelesen. Vielmehr erhielten statistische Aufnahmen nun
eine anamnestische Funktion, der Zensus wurde zur Krankenakte des Nationalen. Der
Geburtenrückgang wurde dabei auf den fehlenden Willen zur Reproduktion der zur
Nation oder Volk gerechneten Individuen zurückgeführt. Burgdörfer attestierte auf
Basis der französischen Familienstatistik, dass der „Rückgang der französischen
Natalität in dem Willen der Familienhäupter […] begründet ist“ (Burgdörfer, 1914: 153).
Der Nationalökonom Julius Wolf widerlegte in seiner populären Studie Der
Geburtenrückgang die Annahme, dass die „Verschiedenheit der ‚Rasse‘ die Gründe
größerer oder geringerer Nativität“ seien (Wolf, 1912: 154). Damit wurde das Nationale
zu einem biopolitisch regulierbaren Kollektiv innerhalb dessen in der Tat der Sex zum
„Scharnier“ (Foucault, 1977: 173) zwischen Individuum und Gemeinschaft wurde.
13 Die zukünftige Entwicklung der deutschen Nation lag somit nicht mehr in einem
ahistorischen Wesen begründet, sondern im Handeln der Individuen selbst: Der
Leipziger Professor für Statistik und Vorsitzende des Alldeutschen Verbandes, Ernst
Hasse, machte dies in Die Zukunft des deutschen Volkstums deutlich: Während es für
Frankreich schon zu spät und dessen „Volkszahl […] nur noch durch einen Ueberschuß
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der Einwanderer über die Auswanderer aufrecht zu erhalten“ sei, könne der für die
„Bevölkerungsvermehrung“ maßgeblich „menschliche Wille“ in Deutschland noch
beeinflusst werden, um so „auf planmäßigem Wege die Volkszahl zu vermehren“
(Hasse, 1907: 25). Wollte man also Deutschland vor „französischen Zuständen“
(Burgdörfer, 1915: 159) bewahren, galt es bessere (familien)statistische Aufnahmen
einzuführen und eine darauf begründete Bevölkerungspolitik zu lancieren.
14 Dieser bevölkerungswissenschaftliche Blick verstetige sich nach dem Ersten Weltkrieg
zusehends. In der Zwischenkriegszeit hatten andere europäische Staaten Frankreich
aus zeitgenössischer Perspektive bei „seinem biologischen Abwärtsweg nicht nur
eingeholt, sondern zum Teil noch überholt“ (Burgdörfer, 1943: 131) – darunter das
Deutsche Reich. Dabei war es insbesondere das von Mayr und Hasse bereits vor dem
Ersten Weltkrieg skizzierte Szenario einer durch den Geburtenrückgang ausgelösten
Migrationsbewegung, die als Bedrohung betont wurde. Diese Migrationsbewegung
wurde aus Sicht der deutschen Wissenschaftler durch eine über den Rückgang der
Bevölkerung ausgelöste Sogwirkung sich entleerender Räume bedingt. Besonders
eindringlich zeichnete Hans Harmsen dieses Bild. Dabei sei Frankreich gezwungen
gewesen, den im Zuge des Geburtenrückgangs einsetzenden Arbeitskräftemangel durch
Einwanderung zu kompensieren. Harmsen bilanzierte den „Zusammenbruch des
französischen Volkstums“: Ein „buntes Völkergemisch leistete die landwirtschaftliche
und industrielle Arbeit. Chinesen und Anamiten arbeiteten vorzugsweise in den
Bergwerken, Kabylen, Marokkaner, Tunesier und Malgachen als landwirtschaftliche
Arbeiter in Mittelfrankreich, Spanier, Italiener, Portugiesen und Griechen im Süden an
der Küste.“ Als Bedrohung sah er dabei insbesondere die Einwanderung aus den
afrikanischen Kolonien. Es käme so zur „Verniggerung“ und „Rassenverschlechterung
durch die Mischung mit den afrikanischen Völkern“. Europa stünde an der Schwelle
einer „neuen Völkerwanderung“: „Fremde Völker rücken in das verödende Frankreich
[…] ein“ (Harmsen, 1925a: 347–349).
15 Mit dieser Beschreibung des drohenden Zusammenbruchs des „französischen
Volkstums“ war Harmsen in den 1920er und 1930er Jahren nicht allein. Auch in
populärwissenschaftlichen Abhandlungen lässt sich ein ähnliches Bild Frankreichs
ausmachen. Unter der Überschrift „Die Folgen für das deutsche Volk“ blickte Reinhold
Lotze, Verfasser des Kosmos-Bändchens Volkstod?, zunächst nach Westen. Sei
Frankreich in Europa „mit dem Geburtenrückgang vorausgegangen“, so würden sich an
dessen Bevölkerungsentwicklung „eine ganze Reihe von Folgen [zeigen], die
Deutschland noch bevorstehen können.“ Der leichte Zuwachs der französischen
Bevölkerung zwischen 1925 und 1931 sei nicht aus der „eigenen Kraft des Volkes“
erfolgt, sondern im Zuge der „starken Einwanderung“ – die „Zahl der Fremden in
Frankreich wird heute auf 6 Millionen geschätzt.“ Gerade die „entvölkerten
Landschaften Südfrankreichs“ stünden unter „stärkstem Bevölkerungsdruck“. Dabei
würden die so entstanden leeren Räume nicht nur durch Europäer, sondern auch mit
„Menschen fremder Rasse“ gefüllt. Insgesamt zeichnete Lotze das Bild einer drohenden
„Umvolkung“ durch „Einwanderung fremden Blutes“ – „eine bedrohliche Gefahr für
das Volkstum“ (Lotze, 1932: 52–53).
16 Die aus statistischen Aufnahmen gewonnenen Größen wie der „Volkskraft“ oder auch
der „Volkszahl“ wurden in der Zwischenkriegszeit zu einem Wechsel auf die Zukunft –
aus feststehenden Eigenschaften wurden dynamische Werte, die Schwankungen
unterlagen. Würde der nun auch für Deutschland berechnete Geburtenrückgang nicht
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aufgehalten, so drohte das, was deutsche Wissenschaftler an Frankreich bereits zu
beobachten glaubten: „Umvolkung“ und Zusammenbruch des „Volkstums“. Und
obwohl die Geburtenzahl im nationalsozialistischen Deutschland wieder stieg und man
sich dem „Volkstod“ entkommen sah,5 blieb das Bild Frankreichs auch in den 1940er
Jahren noch als Drohung bestehen. Ein einschlägiges Beispiel hierfür ist der in der
Schriftenreihe der NSDAP erschienene Band Sterbendes Frankreich? Ein Warnruf über die
Grenzen. Gewarnt wurde im Umfang ganzer Kapitel über die „Entvölkerung des Landes“,
die „wachsende Überfremdung“ und die „farbige Gefahr“ (Hieronimi, 1940: 31– 63).
Völkische Bevölkerungswissenschaft und der Blick
nach Osten
17 Wird Bevölkerungsdiskurs als „Schule des Sehens“ (Etzemüller, 2007: 14) begriffen, so
lässt sich verstehen, warum der bevölkerungswissenschaftliche Blick nach Frankreich
sich so und nicht anders verfestigte. Bevölkerungswissenschaftler sahen nicht, wie es
ihr positivistisches Wissenschaftsverständnis sie selbst glauben ließ, ein einfaches
Abbild realer Verhältnisse in den Zahlen entstehen. Die Wissenschaftler sahen
Bevölkerung auf eine bestimmte Art und Weise und machten so Bevölkerung auf eine
bestimmte Art und Weise erst sichtbar. Dieses Sehen war überformt. Es wurde durch
andere Wissensformationen geprägt und vermischte sich mit ihnen. Zwei dieser
Formationen sollen hier hervorgehoben werden: Erstens die im Vergleich deutlich
stärkere Prävalenz völkischen Denkens innerhalb der deutschen
Bevölkerungswissenschaft. Zweitens hatte die Ostgrenze als „zentraler Ort der
Konstruktion der deutschen Nation“ (Conrad, 2006: 130) einen starken Einfluss auf den
Bevölkerungsdiskurs.
18 Die meisten der hier betrachteten Akteure waren nicht nur Wissenschaftler, sondern
zugleich „ethnopolitical entrepreneurs“: Sie lebten nicht nur von, sondern auch für die
‚Nation‘ (Brubaker, 2002: 166). Um dies anhand einiger Beispiele zu zeigen: Richard
Boeckh widmete sein Hauptwerk nicht nur Ernst Moritz Arndt, sondern war zugleich
„geistiger Schöpfer“ (Brocke, 1998: 414) des völkischen Allgemeinen Deutschen
Schulvereins zur Erhaltung des Deutschtums im Ausland, später Verein für das
Deutschtum im Ausland. Von 1894 bis 1899 war Boeckh dessen Vorsitzender. Zudem
publizierte er um die Jahrhundertwende auch in der Deutschen Erde, einer aus
zeitgenössischer Perspektive wissenschaftlichen Publikation des völkischen
Alldeutschen Verbands (Boeckh, 1906). Georg von Mayr war Mitherausgeber jener
Deutschen Erde und saß im Verwaltungsrat des Deutschen Ausland Instituts. Ernst Hasse
war bis zu seinem Tod 1908 Vorsitzender des Alldeutschen Verbands. Friedrich
Burgdörfers Verstrickungen in die nationalsozialistische Herrschaft sind bereits
weitestgehend erforscht und bedürfen hier keiner weiteren Ausführung. 6
19 Zu einem zentralen Ideologem und damit Paradigma dieser völkischen Wissenschaftler
stieg das Konzept des „Volksbodens“ auf. Entschieden geprägt wurde es durch den
Statistiker Hasse um die Jahrhundertwende,7 der Geograf Albrecht Penck popularisierte
es in der Zwischenkriegszeit. Letzterer lieferte auch folgende Definition: „Wo deutsches
Volk siedelt, ist deutscher Volksboden“ (Penck, 1925: 62). Jenes Territorium, das als
deutsch gedacht wurde, war also in der völkischen Vorstellungswelt nicht durch
Staats-, sondern durch ethnisch konzipierte Volksgrenzen bestimmt.
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20 Vor dem Hintergrund dieses Paradigmas lässt sich besser verstehen, warum Frankreich
zu jenem Zeitpunkt, als der Geburtenrückgang auch der deutschen Bevölkerung
attestiert wurde, zum negativen Lernort des Bevölkerungsdiskurses wurde. Denn die an
Frankreich beobachteten Phänomene des „Fremdenzuflusses“ oder auch der
„Umvolkung“ wurden als direkte Bedrohung der territorialen Integrität
wahrgenommen. In den imaginierten Zukünften Deutschlands, von denen eine
mögliche Variante die Entwicklung Frankreichs war, sahen die
Bevölkerungswissenschaftler also nicht nur einen weiteren Rückgang der
Bevölkerungszahl, sondern eine dadurch bedingte, nach Deutschland gerichtete
Migrationsbewegung von Nichtdeutschen, an dessen Ende ein Verlust an „Volksboden“
drohte. Es ist somit nicht verwunderlich, dass sich die völkischen Wissenschaftler in
einem kriegsähnlichen Zustand wähnten: „Was den Grenzkampf vom eigentlichen
Krieg unterscheidet“, so Max Hildebert Boehm, „ist die Tatsache, daß er auch im
‚Frieden‘ seinen Fortgang nimmt. […] Er ist ein Kampf um die Scholle, ein Wettbewerb
der Geburten und damit der Volksvermehrung und des relativen
Bevölkerungsgewichtes“ (Boehm, 1934: 30).
21 Dieser von Boehm ausgerufene „Kampf um die Scholle“ als „Wettbewerb der Geburten“
war jedoch nicht nur an Frankreich zu beobachten, sondern fand in dieser
Vorstellungswelt im ausgehenden 19. Jahrhundert auch im Deutschen Reich
beziehungsweise auf deutschem „Volksboden“ statt . Denn die Entdeckung des
Geburtenrückganges in Deutschland fiel mit einer weiteren Sichtbarmachung
zusammen: Statistiker und Bevölkerungswissenschaftler sahen eine demografische
Bedrohung an der Ostgrenze entstehen. Und in Form der 1886 gegründeten
preußischen Ansiedlungskommission, deren Aufgabe vor allem darin bestand, in den
preußischen Grenzregionen polnischen Landbesitz in deutschen umzuwandeln,
materialisierte sich der „Kampf um die Scholle“ auch bereits in ersten ethnopolitischen
Eingriffen (Lerp, 2016: 162-169). Das Zusammenfallen dieser statistischen
Sichtbarmachungen – Geburtenrückgang und demografische Bedrohung im Osten –
erklärt, warum sich Frankreich als negativer Lernort im Verlauf des 20. Jahrhunderts
derart verfestigte. Im Osten sah man in Anfängen das, was in Frankreich bereits
eingetreten sei: entleerte Räume und die dadurch bedingte Einwanderung Fremder.
22 Ernst Hasse verwies so in seiner Schrift Die Polenfrage auf die Bedeutung der
„Volkszahl“ als entscheidendem Kriterium des zukünftigen Einflusses der „Völker“ und
zeigte anschließend, dass Frankreich keine Zukunft unter den „europäischen
Kulturvölkern“ (Hasse, 1894: 4) habe. Gleichzeitig warnte er dabei vor dem
Bevölkerungswachstum Russlands und sah im Osten eine „Verschiebung der
Volksgrenzen zu Ungunsten des deutschen Volkstums“ im Zuge einer „polnischen
Rückflutung“ (Hasse, 1894: 9–10). Vor einer „steigenden slawischen Flut“ (Burgdörfer,
1917: 29) warnte auch Friedrich Burgdörfer in seiner Dissertationsschrift, die sich im
Besonderen mit der französischen Familienstatistik und Bevölkerungspolitik
beschäftigte. Und auch hier findet sich der Zusammenhang von Bevölkerungswachstum
und territorialer Ausdehnung: „jedes tüchtige Volk“ schaffe „sich seinen
Nahrungsspielraum selbst“ (Burgdörfer, 1917: 4).
23 Dabei waren die Analysen der Bevölkerungsentwicklung vor und während des Ersten
Weltkriegs noch durchaus ambivalent: Einerseits kündigte sich zwar eine Bedrohung
an, zugleich schien jedoch die Möglichkeit territorialer Expansion auf. Nach der
Kriegsniederlage änderte sich dies, es kam zu einer deutlicheren Betonung des
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Bedrohungsszenarios. So sah Hans Harmsen an der Ostgrenze das, was er in einem
fortgeschrittenen Stadium auch bereits an Frankreich meinte beobachten zu können.
Er verwies auf eine „Völkerwanderung“, die er als „Ost-Westbewegung“ beschrieb: „Sie
gibt im Osten deutschen Siedlungsboden fremden Volkstum preis“ (Harmsen, 1931: 14).
Eine eindrückliche Beschreibung der Lage an der Ostgrenze lieferte dann auch
Burgdörfer, der in seinem Hauptwerk Volk ohne Jugend vom „biopolitische[n] Kampf um
den deutschen Volksboden“ sprach, wobei die „Gefährdung an den östlichen Grenzen“
am höchsten sei (Burgdörfer, 1934: 429). Durch den Geburtenrückgang, der
insbesondere in Großstädten auszumachenden sei, die wie „Saugpumpen auf die
Landbevölkerung wirken“, sah er, dass „das platte Land, ähnlich wie in Frankreich,
weitgehend veröden“ würde. Er beschwor zugleich die Gefahr der „Unterwanderung
durch volksfremde Elemente“ im Osten (Burgdörfer, 1934: 432).
24 Die demografische Bedrohung, die deutsche Bevölkerungswissenschaftler in der ersten
Hälfte des 20. Jahrhunderts an der Ostgrenze des deutschen Reiches sahen, war, so
konnte es gezeigt werden, auch ein Produkt des sich schon früher formierenden Blickes
dieser Wissenschaftler nach Westen. Das bei diesem Blick auf Basis statistischer Daten
entstandene Bild Frankreichs unterlag dabei um 1900 einem erstaunlichen Wandel. Aus
der im ausgehenden 19. Jahrhundert noch vorherrschenden Vorstellung der Franzosen
als Volk ohne „innere Vermehrungskraft“, die ex negativo gewendet auf positive
Eigenschaften einer hohen „Volkskraft“ der Deutschen verwies, wurde Frankreich
unter dem nun auch in Deutschland auszumachenden Geburtenrückgang zum
negativen Lernort. Die französische Bevölkerungsentwicklung bildete damit nicht mehr
die Kontrastfolie deutscher Suprematie, sondern verwies auf eine bedrohliche
Entwicklung, die es zu verhindern galt. In der durch völkische Ideologeme grundierten
Vorstellung der hier untersuchten Wissenschaftler entstanden aufgrund der niedrigen
Geburtenziffer innerhalb des französischen Staatsgebietes leere Räume, die dann durch
Migrationsbewegungen gefüllt würden – einen Prozess, den deutsche Wissenschaftler
als „Umvolkung“ beschrieben und der in ihren Augen eine „Bedrohung des […]
Volkstums“ darstelle.
25 Die hier vorgenommene Perspektive ermöglicht dabei ein besseres Verständnis dieses
deutschen bevölkerungswissenschaftlichen Blickes: Gerade weil die französische
Bevölkerungsentwicklung schon früh beobachtet wurde, hatte die
Geburtenrückgangsdiskussion und damit die gesehene demografische Bedrohung in
Osten ab der Jahrhundertwende eine solche einschneidende Wirkung. Beide statistisch-
demografischen Bilder stützten sich dabei gegenseitig: Während der Blick auf
Frankreich zeigte, was nun an der deutschen Ostgrenze selbst drohte, konnte auf Basis
dieser gesehenen Bedrohung Frankreich als negativer Lernort und damit als
symbolische Ressource des Nationalen noch bis in den zweiten Weltkrieg hinein als
wirkmächtige Warnung und bevölkerungspolitischer Appell mobilisiert werden.
Trajectoires, 13 | 2020Frankreich als negativer Lernort des deutschen Bevölkerungsdiskurses 9 BIBLIOGRAPHIE Quellen Boeckh, Richard (1906): Die Ermittelung des Volkstums der Einwanderer in die Vereinigten Staaten. Ein Beitrag zur Kenntnis des Anteils der Deutschen, in: Deutsche Erde, 5, S. 95–101, 132– 137. Boeckh, Richard (1869): Der Deutschen Volkszahl und Sprachgebiet in den europäischen Staaten, Berlin. Boeckh, Richard (1866): Die statistische Bedeutung der Volkssprache als Kennzeichen der Nationalität, in: Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft, 4, S. 259–402. Boehm, Max Hildebert (1935): Volkstheorie und Volkstumspolitik der Gegenwart, Berlin. Boehm, Max Hildebert (1934): Was ist Volkslehre?, Stuttgart. Burgdörfer, Friedrich (21943): Bevölkerungsentwicklung in Deutschland, Frankreich und England, in: Reichs- und Reichsfeinde, Bd. 2, Hamburg, S. 129–158. Burgdörfer, Friedrich (21937): Völker am Abgrund, München/Berlin. Burgdörfer, Friedrich (21934): Volk ohne Jugend. Geburtenschwund und Überalterung des deutschen Volkskörpers. Ein Problem der Volkswirtschaft – der Sozialpolitik der nationalen Zukunft, Berlin. Burgdörfer, Friedrich (1929): Die schwindende Wachstumsenergie des deutschen Volkes im europäischen Raum, in: Harmsen, Hans; Loesch, Karl Christian C. (Hg.): Die deutsche Bevölkerungsfrage im europäischen Raum, Berlin, S. 9–30. Burgdörfer, Friedrich (1917): Das Bevölkerungsproblem, seine Erfassung durch Familienstatistik und Familienpolitik mit besonderer Berücksichtigung der deutschen Reformpläne und der französischen Leistungen, München. Burgdörfer, Friedrich (1914): Die französische Familienstatistik von 1906, in: Allgemeines Statistisches Archiv, 8, S. 153–159. Fircks, Arthur von (1875): Die Volkskraft Deutschlands und Frankreich. Statistische Skizze, Berlin. Harmsen, Hans (1935): Bestandsfragen der deutschen Volksgruppen im osteuropäischen Raum, Berlin. Harmsen, Hans (1931): Praktische Bevölkerungspolitik. Ein Abriß ihrer Grundlagen, Ziele und Aufgaben, Berlin. Harmsen, Hans (1925a): Bevölkerungsprobleme Frankreichs, in: Loesch, Karl Christian von (Hg.): Volk unter Völkern, Breslau, S. 339-349. Harmsen, Hans (1925b): Die französische Sozialgesetzgebung im Dienste der Bekämpfung des Geburtenrückgangs, Berlin. Hasse, Ernst (1907): Die Zukunft des deutschen Volkstums, München. Hasse, Ernst (1905): Die Besiedelung des deutschen Volksbodens, München. Hieronimi, Martin (1940): Sterbendes Frankreich? Ein Warnruf über die Grenzen, Berlin. Lotze, Reinhold (1932): Volkstod?, Stuttgart. Mayr, Georg von (1897): Statistik und Gesellschaftslehre, Bd. 2: Bevölkerungsstatistik, Freiburg. Trajectoires, 13 | 2020
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Frankreich als negativer Lernort des deutschen Bevölkerungsdiskurses 12 RÉSUMÉS Im Rahmen dieses Aufsatzes wird demografisches Wissen als symbolische Ressource des Nationalen begriffen und analysiert, wie auf Basis statistischer Daten nationale Imaginationen entstanden. Im Mittelpunkt steht dabei das Bild Frankreichs, das deutsche Statistiker im 19. und 20. Jahrhundert zeichneten. Um 1900 wurde das zunächst Frankreich attestierte Phänomen des „Geburtenrückgangs“ auch in Deutschland sichtbar und vermehrt als nationales Bedrohungsszenario mobilisiert. Zugleich berechneten Statistiker eine demografische Bedrohung an der Ostgrenze des deutschen Reiches – dieser Blick nach Osten, so wird argumentiert, war jedoch vom statistischen Blick nach Westen überschrieben. Concevant le savoir démographique comme une ressource symbolique pour le discours national, cet article analyse la façon dont les données statistiques ont produit des imaginaires nationaux. Il interroge pour cela le tableau que les statisticiens allemands ont peint de la France au XIXe et XXe siècle. Autour de 1900, une baisse du taux de natalité, phénomène que l'on croyait français, est identifiée en Allemagne et nourrit alors un scénario de menace nationale. Dans un même temps, les statisticiens mesurent une menace démographique à la frontière orientale du Reich allemand. L’article défend l'idée selon laquelle ce regard tourné vers l’est est façonné par le regard statistique sur l’ouest. INDEX Index géographique : France, Allemagne, Europe Schlüsselwörter : Demografie, Statistik, Geburtenrückgang, Nationalismus Mots-clés : démographie, statistique, dénatalité, nationalisme Index chronologique : 19e siècle, 20e siècle AUTEUR PHILIPP KRÖGER Doctorant en histoire, Universität Augsburg, philipp.kroeger@philhist.uni-augsburg.de Trajectoires, 13 | 2020
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