Schulverweigerung in Österreich - Recherchebericht SPI Schriften 2007
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Fachbereich Pädagogik | Sozialpädagogisches Institut
SPI Schriften 2007
Schulverweigerung in Österreich
Recherchebericht
Innsbruck, 2007Jahr: 2007
Herausgeber: Sozialpädagogisches Institut, Fachbereich Pädagogik, SOS-Kinderdorf
Autorin: Maga. Cornelia Veith
Auftraggeberin: Maga. Romana Hinteregger
e-mail: sos-kinderdorf.spi@sos-kd.org
web: http://paedagogik.sos-kinderdorf.at
http://www.sos-kinderdorf.at
grafische Gestaltung: medienwerkstatt.cc1 Die Recherche 4
1.1 Ausgangssituation 4
1.2 Zielsetzung und Fragen 4
2 Ergebnisse der Literaturrecherche 5
2.1 Begriffsdefinitionen 5
2.1.1 Definitionen 5
2.1.2 Schlussfolgerung 6
2.2 Aktuelle Forschungsprojekte 9
2.2.1 Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur 9
Barbara Riepl: Europäisches Zentrum für Wohlfahrtspolitik
und Sozialforschung
“Jugendliche SchulabbrecherInnen in Österreich.
Ergebnisse einer Literaturstudie (2004)
2.2.2 Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur 9
Helga Kittl-Satran in Zusammenarbeit mit Andrea Mayr,
Barbara Schiffer und Josef Scheipl
“Schulschwänzen - Verweigern - Abbrechen“. Eine Studie
zur Situation an Österreichs Schulen (2006)
2.2.3 Schreiber-Kittl Maria & Schröpfer Haike: Abgeschrieben? 12
Ergebnisse einer empirischen Untersuchung über
Schulverweigerer (2002)
2.2.4 Zusammenfassung 14
3 ExpertInnenbefragung 16
3.1 Die Kontakte 16
3.2 Zusammenfassung 17
3.3 Empfehlung für die weitere Vorgehensweise 18
4 Literatur 19
3 / Schulverweigerung in Österreich / Recherchebericht1 Die Recherche
1.1 Ausgangssituation
Schulverweigerung (gemeint als Sammelbegriff für verschiedene Formen des
unerlaubten Fernbleibens von der Schule) wird sowohl in der öffentlichen
Diskussion, in Fachkreisen sowie auch im Jugendwohlfahrtsbereich immer
mehr zum Thema.
Das Problem des unerlaubten Fernbleibens von der Schule ist kein Neues, die
Folgen jedoch sind gegenwärtig gravierender denn je, denn Kinder und
Jugendliche, die aufgrund ihres häufigen Fehlens keinen
Pflichtschulabschluss erreichen, geraten schnell in die dauerhafte
Arbeitslosigkeit. In weiterer Folge ist somit ihre berufliche und auch soziale
Integration sehr stark gefährdet.1
Aufgrund der Brisanz dieses Themas hat das Jugendhaus Graz vor, eine so
genannte Heilstättenschule einzurichten, in der Kinder und Jugendliche im
Pflichtschulalter, die die Schule verweigern oder vom Schulbesuch
ausgeschlossen wurden, beschult werden und ein sozialpädagogisches,
therapeutisches und ähnliches Zusatzangebot erhalten. Dieses Angebot soll
für Kinder und Jugendliche des Jugendhauses mit dieser Problematik ebenso
gelten, wie für schulverweigernde Kinder und Jugendliche, die in ihrem
Herkunftssystemen in Graz und Umgebung leben (ambulantes Angebot).
1.2 Zielsetzung und Fragen
Ziel der Recherche “Schulverweigerung in Österreich“ ist es, das Phänomen
der Schulverweigerung in Österreich (speziell in der Steiermark, Graz und
Umgebung: Weiz, Leibnitz, Voitsberg) anhand von Zahlen und mittels
Definitionen sichtbar zu machen. Sollten in Österreich keine Zahlen
vorhanden sein, so sollen vergleichbare Zahlen aus Deutschland recherchiert
werden.
Fragen
¾ Wie wird das Phänomen der Schulverweigerung definiert?
¾ Welche ähnlichen oder weiteren Begriffe und Definitionen gibt es zu
diesem Themenkreis?
¾ Wie viele Kinder/Jugendliche sind in Österreich und speziell in der
Steiermark (Graz und Umgebung: Weiz, Leibnitz, Voitsberg) vom
Phänomen der Schulverweigerung betroffen?
1
Kittl-Satran, 2006; Schreiber-Kittl & Schröpfer, 2002
SOS-Kinderdorf / Sozialpädagogisches Institut / 42 Ergebnisse der
Literaturrecherche
2.1. Begriffsbestimmungen
In der Fachliteratur, in der Praxis und in den Medien wird eine Vielzahl von begriffliche Vielfalt
Begriffen verwendet, um das allgemeine Phänomen des unerlaubten
Fernbleibens von der Schule zu beschreiben und zu analysieren. Die Vielfalt
der Begrifflichkeiten reicht von Schulschwänzen, Schulmüdigkeit,
Schulverweigerung, Schuldistanzierung, Schulflucht, Schulabsentismus,
Schulversäumnis, unregelmäßiges Schulbesuchsverhalten bis hin zu
Schulverdrossenheit, Schulaversion, Schulangst und Schulphobie.2
2.1.1 Definitionen
Müller unterteilt das Thema in Schulschwänzen, Schulverweigerung und unterschiedliche
Schulphobie: Definitionen
Die Schulphobie beschreibt die Autorin als klinische Sonderform der
Schulverweigerung, die einer psychiatrischen Behandlung bedarf.
Schulverweigerung und Schulschwänzen unterscheidet sie hinsichtlich
verschiedener Merkmale: Laut Ansicht der Autorin findet Schulschwänzen in
der Regel ohne Wissen der Eltern statt und ist meist mit Lügen gegenüber
Eltern und Lehrern verbunden. Kinder und Jugendliche, die die Schule
schwänzen, halten sich in der Regel außer Haus auf und sind
psychopathologisch eher unauffällig. Sie versuchen in erster Linie durch das
Fernbleiben von der Schule unangenehmen Situationen und Erlebnissen
auszuweichen. Unter Schulverweigerung meint Müller eher die offene
Verweigerung von Kindern und Jugendlichen, die nach außen sichtbar ist. Die
Eltern wissen – laut Autorin – meistens über das schulische Fernbleiben
Bescheid.3
Oelsner & Lehmkuhl unterteilen Schulverweigerung in drei Kategorien: Oelsner & Lehmkuhl
Schulangst, Schulphobie und Schuleschwänzen. Schulangst ist – nach
Ansicht der Autoren – durch eine starke Angst vor Leistungsnachweisen und
subtiler oder offensiver Ablehnung durch MitschülerInnen bzw. Lehrpersonen
gekennzeichnet. Häufig kommen noch psychosomatische Probleme dazu,
dissoziale Verhaltensweisen hingegen kommen im Allgemeinen nicht vor.
Schulphobie hingegen zeichnet sich dadurch aus, dass in den betroffenen
Kindern und Jugendlichen durch den Schulalltag starke Trennungsängste von
Familie bzw. einzelnen Familiemitgliedern aktiviert werden. Ähnlich wie bei der
Schulangst wissen die Eltern über das Fernbleiben ihrer Kinder Bescheid.
Auch hier kann es zu psychosomatischen Beschwerden kommen, dissoziale
Verhaltensweisen kommen nicht vor. Diese Form der Störung ist meistens
schwer zu erkennen und wird oft von anderen Problemen verdeckt. In der
Regel haben diese Kinder und Jugendlichen keine Schwierigkeiten mit
Leistung.
2
Gentner, 2006, S.213
3
Müller, 1991
5 / Schulverweigerung in Österreich / RechercheberichtBeim Schulschwänzen wissen die Eltern nichts von den Abwesenheiten ihrer
Kinder in der Schule. Weiters kommt es bei den betroffenen Kindern und
Jugendlichen zu aggressiven und normbrechenden Verhaltensweisen. Auch
Drogen und Alkoholmissbrauch kommen üblicherweise vor.4
Schreiber-Kittl & Schreiber-Kittl & Schröpfer sprechen von Schulverweigerung, wenn
Schröpfer SchülerInnen wiederholt und über längere Zeit dem Unterricht fernbleiben
sowie nach einiger Zeit den Schulunterricht fast überhaupt nicht mehr
besuchen.5
Schulze Schulze nimmt wieder eine andere Einteilung vor. Die Autorin geht vom
Oberbegriff Unterrichtsmeidung aus und unterteilt ihn in drei Unterkategorien:
Schulabsentismus, Unterrichtsabsentismus und Unterrichtsverweigerung.
Schulabsentismus bedeutet, dass die SchülerInnen in der Schule nicht
anwesend sind. Der Begriff beinhaltet Schulschwänzen, angstinduziertes
Fernbleiben (z. B. schul- und elterninduzierte Ängste), Zurückhalten (z. B. aus
religiösen Gründen) und Zurückgehalten werden (z. B. um Misshandlungen zu
verbergen).
Unterichtsabsentismus meint den Aufenthalt der Schülerinnen in der Schule,
aber außerhalb des Unterrichts. Der Begriff wird unterteilt in partielle
Anwesenheit im Unterricht (schülerintendiert, lehrerintendiert), innerer
Rückzug, Zu-spät- kommen und sich aufhalten an einem anderen Ort.
Unterrichtsverweigerung meint, dass die SchülerInnen im Unterricht
grundsätzlich anwesend sind, ihn jedoch aktiv stören bzw. durch bewusste
Nichtbeteiligung passiv verweigern.6
Ricking Für Ricking ist Schulabsentismus der passende Oberbegriff und er unterteilt
ihn in drei Kategorien: Schulschwänzen, Schulverweigerung und
Zurückhalten.
Schulschwänzen beruht auf der Initiative der Kinder und Jugendlichen selbst,
die dann während der Schulzeit einer anderen, angenehmeren Beschäftigung
nachgehen.
Schulverweigerung ist nach Ansicht des Autors eine internalisierende,
emotionale Störungsform, deren Ursache massive Ängste sind
(Trennungsangst, Angst vor Mitschülern). Kinder oder Jugendliche, die die
Schule verweigern, suchen im Gegensatz zu SchulschwänzerInnen keine
außerschulische Zerstreuung, sondern die Sicherheit des eigenen Zuhauses,
um in der Nähe ihrer Bezugsperson zu sein.
Zurückhalten geht auf Verhaltensweisen der Erziehungsberechtigten zurück,
die die SchülerInnen vom Schulunterricht zurückhalten (beispielsweise
aufgrund allgemeiner Gleichgültigkeit, Desinteresse an der Schule,
psychischer Störungen…).7
2.1.2 Schlussfolgerung
keine eindeutige Wie sehr leicht ersichtlich und in der Literatur auch beschrieben, gibt es in
Definition diesem komplexen und vielfältigen Forschungsfeld bislang keine eindeutige
und allgemein gültige Definition.
4
Oelsner & Lehmkuhl, 2002
5
Schreiber-Kittl & Schröpfer, 2002, S.35
6
Schulze, 2003
7
Ricking, 2004
SOS-Kinderdorf / Sozialpädagogisches Institut / 6Die einzelnen Begriffe werden uneinheitlich und teilweise widersprüchlich begriffliche verwendet und gleiche Begriffe werden von den AutorInnen mit Verwirrung unterschiedlichem Inhalt gefüllt, was zu Verwirrungen und Irritationen führen kann.8 In diesem Zusammenhang führt Ricking an, dass beispielsweise im deutschsprachigen Raum der Begriff Schulverweigerung auf der einen Seite als Oberbegriff für alle unerlaubten Schulversäumnisse verwendet wird, auf der anderen Seite findet er aber auch als eine Unterkategorie Verwendung.9 Der Autor stellt in seiner Arbeit: “Schulabsentismus als Forschungs- gegenstand – Eine narrative Metaanalyse zum Schulabsentismus“ ein großes Durcheinander in der Verwendung der Begrifflichkeiten fest und meint, dass ein Vergleich der empirischen Studien in dem Forschungsfeld daher kaum möglich ist. Er schreibt: “Die Nutzung der Terminologie in diesem Feld […] zeigt wenig Kohärenz, Missverständnisse bringt die eklatanten Differenzen bei Meinungen und Ansichten unter den Forschern zum Ausdruck und fördert in bedenklicher Weise Missverständnisse sowie Kommunikationsprobleme unter den Forschern sowie im Kontakt zwischen Praktikern und Theoretikern. […] Ohne eine explizit vermittelte Definition der genutzten Begriffe hinsichtlich der Zielgruppe ist in diesem Bereich keine Studie eindeutig zu verstehen.“10 Auf einen weiteren, sehr wichtigen Aspekt, weist Popp in ihrem Artikel hin. Die verschiedene Autorin macht darauf aufmerksam, dass je nach Wissenschaftsgebiet Wissenschaftsgebiete (Pädagogik, Psychologie, Medizin, Recht) der Blickwinkel auf das Phänomen – verschiedene Schulverweigerung ein anderer ist, unterschiedliche Teilbereiche fokussiert Perspektiven werden und somit auch in den Definitionen unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt werden. Erschwerend kommen noch unterschiedliche Sichtweisen der einzelnen Schulen in den jeweiligen Wissenschaftsgebieten hinzu. Popp meint, dass eine stärkere Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Berufsgruppen, ein stärkeres Interesse für andere Wissenschaftsgebiete und ihre Zugangsweisen zu neuen Überlegungen in der Arbeit mit schulverweigernden Kindern und Jugendlichen führen könnte.11 Schreiber-Kittl & Schröpfer weisen darauf hin, dass die Beschreibungen von Kindern und Jugendlichen, die die Schule verweigern, in der Literatur zwar sehr verschieden sind, die meisten Autoren bei den verschiedenen Formen der Verweigerung aber zwischen einer “passiven“ und “aktiven“ Verweigerungsform unterscheiden. Zur passiven Verweigerungsform werden in der Literatur jene SchülerInnen passive und aktive gezählt, die zwar im Unterricht (körperlich) anwesend sind, sich aber geistig Verweigerungsform den schulischen Anforderungen entziehen. Diese SchülerInnen sind unauffällig im Unterricht, träumen vor sich hin oder klinken sich aus. Eine weitere Form der passiven Verweigerung meint SchülerInnen, die sozusagen “verdeckt“ die Schule schwänzen. Sie legen Entschuldigungen von ÄrztInnen, 8 vergl. Gentner, 2006, S.213; Schreiber-Kittl & Schröpfer 2002, S.34; Popp, 2006, S.163 9 Ricking, 2003, S.114 10 Ricking, 2003, S.195 11 Popp, 2006, S.163 7 / Schulverweigerung in Österreich / Recherchebericht
passive Eltern oder anderen Personen vor und verdecken damit die
Schulverweigerung Verweigerungshaltung, die dahinter liegt.
oft erst spät erkannt Da die Formen der passiven Schulverweigerung kaum
Verhaltensauffälligkeiten erkennen lassen, werden diese Formen der
Verweigerung von LehrerInnen und Erziehungsberechtigten oft erst recht spät
erkannt.
Die AutorInnen weisen darauf hin, dass die passive Verweigerungsform zwar
in der Literatur beschrieben wird, die meisten Untersuchungen zum
Phänomen der Schulverweigerung sich aber mit der aktiven
Verweigerungsform befassen.
Die SchülerInnen, die aktiv den Schulunterricht verweigern, weisen ein
Verhalten auf, das nach außen gerichtet ist und das die Aufmerksamkeit ihrer
Umwelt erregt. Viele AutorInnen unterscheiden bei der aktiven
Verweigerungsform zwei Gruppen: Die erste Gruppe meint die SchülerInnen,
aktive die das Fernbleiben vom Unterricht als eine Lösungsmöglichkeit für ihre
Schulverweigerung Probleme betrachten. Die Intensität des Fernbleibens ist dabei sehr
erregt unterschiedlich und reicht von einzelnen Stunden über Tage und Wochen bis
Aufmerksamkeit der hin zu dauerhafter Abwesenheit. Die zweite Gruppe meint SchülerInnen, die
Umwelt zwar den Unterricht besuchen, aber durch aggressives und/oder destruktives
Verhalten gegenüber LehrerInnen und MitschülerInnen ihre Ablehnung und
Verweigerung zum Ausdruck bringen.
Schulverweigerung Schulverweigerung hat viele Gesichter und aus diesem Grund ist es vor allem
hat viele Gesichter für Lehrer nicht so einfach, Verweigerungstendenzen zu erkennen. Die
AutorInnen meinen aber, dass eine frühzeitige Erkennung sehr wichtig ist, um
angemessen reagieren zu können. Sie befürworten schulinterne Fortbildungen
für LehrerInnen zum Thema Schulverweigerung und halten es für
unverzichtbar, die Fehlzeiten von SchülerInnen systematisch zu erfassen und
auszuwerten.12
Laut Reißig ist Schulverweigerung eine schleichende Entwicklung, die nicht
von heute auf morgen auftritt. Die Entwicklung erstreckt sich häufig über
Jahre.13
Kritik am Begriff Abschließend ist es wichtig an dieser Stelle noch darauf hinzuweisen, dass
Schulverweigerung der Begriff “Schulverweigerer“ in der Fachliteratur durchaus kritisch diskutiert
wird, da er den SchülerInnen eine bewusste Entscheidung gegen den
Schulbesuch unterstellt. Besonders Rademacker setzt sich in seinem Beitrag:
“Verweigerung oder Ausgrenzung? Schulversäumnisse, öffentliche Schule
und das Recht auf Bildung für alle“ differenziert mit dem Begriff
Schulverweigerung auseinander und spricht sich für die Verwendung
beschreibender Begrifflichkeiten, wie Schulversäumnis oder
Schulabsentismus aus.14
12
Schreiber-Kittl & Schröpfer, 2002, S.38
13
Reißig, 2001, S. 9
14
Rademacker, 2006
SOS-Kinderdorf / Sozialpädagogisches Institut / 82.2 Aktuelle Forschungsprojekte
2.2.1. Auftraggeber: Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft
und Kultur
“Jugendliche SchulabbrecherInnen in Österreich“. Ergebnisse
einer Literaturstudie (2004)
Barbara Riepl: Europäisches Zentrum für Wohlfahrtspolitik und
Sozialforschung, Wien
Ziel dieser Studie war es, die aktuelle deutschsprachige Literatur zum Thema Literaturstudie
jugendliche SchulabbrecherInnen zusammenfassend darzustellen, um einen
Überblick über das Thema geben zu können und um auf Forschungslücken
hinweisen zu können. Da Schulverweigerung eng mit Schulabbruch
zusammenhängt, wurde auch auf das Thema Schulverweigerung
eingegangen.
In diesem Bericht werden schulverweigernde Jugendliche als Jugendliche
definiert, deren Ausmaß an Abwesenheit von der Schule noch während der
Schulpflicht, das Erreichen eines Schulabschlusses gefährdet.
Ausgewählte Ergebnisse
Häufigkeit von Schulverweigerung
Die Autorin fasst zusammen, dass im Hinblick auf die Häufigkeit von keine Daten zur
Schulverweigerung in Österreich im Rahmen dieser Studie keine Daten Häufigkeit von
gefunden wurden. Die Abwesenheiten von SchülerInnen werden an den Schulverweigerung
Schulen zwar vermerkt, sie werden jedoch nicht statistisch aufbereitet und
ausgewertet. Weiters wurde auch keine österreichische Studie gefunden, die
sich mit dem Ausmaß von Schulverweigerung befasst.
Bezogen auf das Ausmaß von Schulverweigerung in Deutschland wird auf die
Arbeit von Schreiber-Kittl & Schröpfer (2002) zurückgegriffen, die in weiterer
Folge noch dargestellt wird.
Empfehlungen
Die Autorin meint, dass Abwesenheiten größeren Ausmaßes wohl für mehrere mögliche weitere
Schulen ein Problem darstellen würden. Es wäre hilfreich, Daten über die Vorgehensweise
Größenordnung zu gewinnen. Sie schlägt daher vor, die Fehlzeiten der
SchülerInnen einzelner Klassen, die per Zufallsstichprobe aus dem gesamten
Bundesgebiet ausgewählt werden, übergreifend auszuwerten.
2.2.2 Auftraggeber: Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft
und Kultur
„Schulschwänzen – Verweigern – Abbrechen“. Eine Studie zur
Situation in Österreich (2006)
Hg.: Helga Kittl-Satran in Zusammenarbeit mit Andrea Mayr,
Barbara Schiffer und Josef Scheipl
9 / Schulverweigerung in Österreich / RechercheberichtAusmaß, Ziel dieser Studie war es, Informationen über das Ausmaß, die Ursachen/
Ursachen/Beding- Bedingungen und die Auswirkungen von Schulabsentismus und Schulabbruch
ungen und in Österreich zu gewinnen.
Auswirkungen von Entsprechend der drei Fragestellungen wurden an 48 österreichischen
Schulverweigerung Schulen Dokumentationen zu Fehlstunden von SchülerInnen der 7. bis 10.
Schulstufe durchgeführt, 1 701 SchülerInnen und 100 LehrerInnen mittels
Fragebogen zum Thema Schulabsentismus befragt und Interviews mit
SchulabbrecherInnen und SchulschwänzerInnen geführt.
In dieser Studie wird Schulabsentismus als Oberbegriff verwendet, der
Schulschwänzen, Schulverweigerung, angstinduziertes Fernbleiben und
Zurück- oder Fernhalten als spezifische Formen impliziert.
Bezogen auf das Ausmaß von Schulabsentismus in Österreich waren
folgende Fragen von Interesse:
Forschungsfragen ¾ Wie oft und wie lange fehlen Jugendliche an Österreichs Schulen?
¾ Wie oft und für wie lange bleiben die SchülerInnen der Schule
unentschuldigt fern?
¾ Können hinlänglich des Ausmaßes und des Umfangs der Fehlzeiten
geschlechtsspezifische Unterschiede beobachtet werden?
¾ Sind in diesem Kontext Unterschiede zwischen Jugendlichen mit und
ohne Migrationshintergrund feststellbar?
¾ In welchen Schultypen und Schulstufen sind das Ausmaß und der
Umfang der Schulversäumnisse besonders hoch?
Stichprobe Als Zielgruppe für die Erhebung des Ausmaßes von Schulabsentismus und für
die Fragebogenerhebung zu den Ursachen/Bedingungen wurden
SchülerInnen der 7. bis 10. Klasse folgender Schulen gewählt: 9
Hauptschulen (HS), 9 Polytechnische Schulen (PTS), 12 Allgemeinbildende
Höhere Schulen (AHS), 6 Berufsbildende Mittlere Schulen (BMS) und 5
Berufsbildende Höhere Schulen (BHS) sowie 9 Berufsbildende Pflichtschulen.
Es wurden somit in 48 Schulen in neun Bundesländern (vorwiegend in den
Hauptstädten) Daten erhoben. Jeweils eine Klasse pro Schule wurde der
schriftlichen Befragung unterzogen.
Um das tatsächliche Ausmaß von Schulabsentismus in Österreich erfassen zu
können, wäre eine repräsentative Stichprobe notwendig gewesen. Dazu
hätten eine große Anzahl von Österreichs Schulen die Aufzeichnungen über
Fehlstunden ihrer SchülerInnen zur Verfügung stellen müssen. Da das nicht
möglich war (begrenzter zeitlichen Rahmen, erheblichen Aufwand für
Lehrpersonen, unterschiedliche Dokumentationspraxis) wurde dieselbe
Stichprobe, wie sie für die 2. Fragestellung (Ursachen/Bedingungen) gezogen
wurde, gewählt und vor Ort die Fehlstunden dieser Klassen dokumentiert. Das
Ausmaß der entschuldigten und unentschuldigten Fehlstunden wurde – sofern
die Daten aufgezeichnet und zur Verfügung gestellt wurden – mittels
Dokumentenanalyse Dokumentenanalyse erhoben und in einen Raster übertragen, der dazu
diente, die Aufzeichnungen der LehrerInnen systematisch zu erfassen. Mit der
Erhebung dieser Daten sollte das Ausmaß von Schulabsentismus in den
untersuchten Schulen festgestellt werden. Mittels der Dokumentenanalyse
wurden in 4 245 Fällen Informationen über Fehlstunden erhoben.
SOS-Kinderdorf / Sozialpädagogisches Institut / 10Ausgewählte Ergebnisse
Ausmaß versäumter Unterrichtstunden (Dokumentenanalyse)
¾ 89 % aller SchülerInnen verzeichnen Fehlstunden
¾ Mädchen fehlen signifikant häufiger als Jungen, Jugendliche mit mehr Mädchen als
Migrationshintergrund fehlen häufiger als Jugendliche ohne Jungen
Migrationshintergrund und RepetentInnen häufiger als Nicht-
RepetentInnen.
¾ Im Weiteren sind die Fehlzeiten von Mädchen signifikant länger als die
der Burschen. Dieser Geschlechtsunterschied ist auch in der Gruppe
der Schülerinnen mit Migrationshintergrund und in der Gruppe der
RepetentInnen festzustellen.
¾ 70,2 % der SchülerInnen versäumen in einem Halbjahr eine Stunde bis
etwa zwei Wochen. 13,7 % fehlen zwei bis vier Wochen und 5,2 %
mehr als 4 Wochen.
¾ Die Anzahl der versäumten Stunden steigt bis zur 9. Schulstufe und ist
in der 10. Schulstufe wieder im Abnehmen begriffen.
¾ Den höchsten Anteil an SchülerInnen mit Fehlstunden haben die
Polytechnische Schulen (94 %) und die Berufsbildenden Mittleren
Schulen (94 %), den niedrigsten Anteil die Hauptschulen (84,8 %). niedrigster Anteil in
¾ 26,4 % der versäumten Unterrichtsstunden sind unentschuldigt. Es Hauptschulen
besteht eine signifikante Korrelation zwischen dem Ausmaß an
Fehlstunden und den unentschuldigten Stunden. Steigt die Anzahl der
Fehlstunden, so steigt auch der prozentuelle Anteil der
unentschuldigten Fehlstunden. Bleiben die SchülerInnen bis zu zwei
Wochen der Schule fern, bringen 22,6 % von ihnen keine
Entschuldigung, bleiben sie zwei bis vier Wochen der Schule fern sind
51 % der Fehlstunden unentschuldigt und bleiben sie vier Wochen und
länger der Schule fern sind 70 % der Fehlstunden nicht entschuldigt.
Weitere interessante Ergebnisse
Insgesamt wurden Daten von 1 701 SchülerInnen mittels Fragebogen
erhoben. Sie wurden unter anderem allgemein zu ihren Erfahrungen bzgl.
schwänzen befragt.
Ausmaß und Dauer von Schulabsentismus (Fragebogenerhebung)
¾ Ungefähr 43 % der SchülerInnen haben im letzten Halbjahr die Schule 43 % der
geschwänzt. SchülerInnen haben
¾ Im Gegensatz zu anderen Studien haben in dieser Untersuchung im letzten Halbjahr
SchülerInnen der Allgemein Höheren Schulen und der Berufsbildenden die Schule
Mittleren Schulen signifikant öfter angegeben, im letzten Halbjahr geschwänzt
geschwänzt zu haben, als SchülerInnen der Hauptschulen.
¾ SchülerInnen mit passivem Rückzugsverhalten (im Unterricht träumen
oder nicht aufpassen, manchmal oder oft unpünktlich zum Unterricht
kommen oder den Unterricht vorzeitig verlassen), haben im letzten
Halbjahr signifikant öfter die Schule geschwänzt als jene, die aktiv am
Unterricht teilnehmen.
Je nach Dauer und Häufigkeit der Abwesenheit vom Unterricht wurde
unterschieden in NichtschwänzerInnen (haben noch nie geschwänzt),
GelegenheitsschwänzerInnen (haben Stunden und/oder tageweise
11 / Schulverweigerung in Österreich / Rechercheberichtgeschwänzt) und DauerschwänzerInnen (wiederholtes Schwänzen und
längere Fehlzeiten)
etwa 5 % haben ¾ Etwa 34 % der SchülerInnen schwänzen hauptsächlich stundenweise,
längere ca. 24 % tageweise und beinahe 5 % bleiben der Schule für längere
Abwesenheiten Perioden fern.
2.2.3. Abgeschrieben? Ergebnisse einer empirischen Untersuchung
über Schulverweigerer (2002)
Maria Schreiber-Kittl; Haike Schröpfer
Schreiber-Kittl & Schröpfer stellen in ihrem Buch nicht nur die Ergebnisse ihrer
Untersuchung vor sondern geben unter anderem auch eine Übersicht über
den Umfang von Schulverweigerung und den bis dato durchgeführten Studien
zum Thema Schulverweigerung in Deutschland.
Umfang von Schulverweigerung
auch in Deutschland Die Autorinnen weisen darauf hin, dass es für Deutschland bundesweit keine
keine repräsentativen Untersuchungen zum Umfang von Schulverweigerung gibt.
repräsentativen Zahlen zur An- und Abwesenheit von SchülerInnen werden nicht systematisch
Untersuchungen erfasst und ausgewertet. Im besten Falle gibt es Auswertungen auf der Ebene
einzelner Schulen, nicht jedoch auf Schulamts- oder Länderebene.
Meistens wird in der Schule auch nicht zwischen entschuldigtem (mündliche
oder schriftliche Mitteilung der Erziehungsberechtigten und/oder ärztliches
Attest) und unentschuldigtem Fehlen unterschieden. Die Einteilung in
„entschuldigt“ und „nicht entschuldigt“ ist auch nicht sehr zufriedenstellend, da
sie von der Lehrperson abhängig ist (Trägt die Lehrperson regelmäßig ein?
Nach welcher Klassifizierung?).
Als weitere Schwierigkeit kommt hinzu, dass es bisher noch keine eindeutige
Definition von Schulverweigerung gibt. In den durchgeführten Untersuchungen
wird das Phänomen der Schulverweigerung ganz unterschiedlich definiert und
keine eindeutige die Ergebnisse können somit nicht miteinander verglichen werden. Eine
Definition genaue Definition ist – laut den beiden Autorinnen – nicht zuletzt deshalb
schwierig, weil der Ermessensspielraum, wann und von wem ein Fernbleiben
vom Unterricht als Schwänzen oder Verweigerung definiert wird, auch von
LehrerInnen und SchulleiterInnen unterschiedlich gehandhabt wird.
keine mehrjährige Es gibt meistens auch keine mehrjährige Erfassung von entsprechenden
Erfahrung Daten der einzelnen SchülerInnen. Auch die Anzahl der Bußgeldbescheide
kann nicht herangezogen werden, um das tatsächliche Ausmaß von
Schulverweigerung abzubilden.
Obwohl fundierte Daten über das Phänomen Schulverweigerung in
Deutschland fehlen, gibt es – laut Schreiber-Kittl & Schröpfer – eine Reihe von
Schätzungen Schätzungen, die jedoch alle spekulativ sind und wenig gemeinsam haben. So
schätzt beispielsweise das Christliche Jugenddorfwerk Deutschland, dass es
bundesweit 70 000 Kinder und Jugendliche gibt, die die Schule verweigern.
Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen schätzt, dass es in
SOS-Kinderdorf / Sozialpädagogisches Institut / 12Deutschland ca. 5 % „massive“ SchulschwänzerInnen (= mehr als fünf Tage
unentschuldigtes Fehlen im Schulhalbjahr) gibt.15
Wie groß das tatsächliche Ausmaß von Schulverweigerung in Deutschland ist,
lässt sich – laut Schreiber-Kittl & Schröpfer – aus den obigen, erwähnten
Gründen fundiert nicht belegen.
Studien zu Schulverweigerung
Die Autorinnen stellen einige Studien vor, die zum Thema Schulverweigerung
durchgeführt wurden. Es handelt sich dabei um zwei internationale Studien
(EG- Studie EURIDICE 1994 und Pisa 2000) und neun Studien aus
verschiedenen Ländern Deutschlands.
¾ Schulverweigerung am Beispiel von Köln (1999) Studien aus
¾ Schulschwänzen und delinquentes Verhalten Jugendlicher in Rostock Deutschland
(2000)
¾ Delinquenz und Schulabsentismus Jugendlicher in Delmenhorst (2000)
¾ Schülergewalt und Schulschwänzen in Hessen (1999)
¾ Schulaversives Verhalten in Mecklenburg-Vorpommern (2001)
¾ Schulverweigerung in Brandenburg (1993)
¾ Schulschwänzen in Thüringen (1998)
¾ Schulschwänzen in Sachsen Anhalt (2000)
¾ Schulverweigerungstendenzen bei Teilnehmern des “Freiwilligen
sozialen Trainingsjahres“ (2001).
Die angeführten Studien weisen große Unterschiede bzgl. ihres Designs, ihrer
Methodik und ihrer Definition von Schulverweigerung auf, dennoch lassen sich
für die Autorinnen einige Übereinstimmungen – bezogen auf den Umfang von
Schulverweigerung – zusammenfassen:
¾ Die EG-Studie EURIDICE (1994) stellt fest, dass jedes Jahr in Ländern internationale Studie
mit sehr unterschiedlichen Bildungssystemen wie Deutschland,
Frankreich, England, Spanien, und Italien 70 000 bis 100 000
Jugendliche das Bildungssystem ohne jeglichen berufsqualifizierenden
Abschluss verlassen. Die Autorinnen gehen davon aus, dass diese
Werte für Deutschland zutreffen, wenn man sich die
Schulabgängerstatistik betrachtet (Anteil der SchülerInnen, die nach
Erfüllung der Schulpflicht die Schule ohne Hauptschulabschluss
verlassen).
Aus den bundesweiten Studien halten die Autorinnen zum Umfang von
Schulverweigerung folgendes fest:
(Um die Ergebnisse im Folgenden richtig lesen zu können, muss noch kurz
erwähnt werden, dass die Autorinnen unter Schulschwänzen kürzere
Abwesenheiten und unter Schulverweigerung wiederholte und längere
Abwesenheiten verstehen.)
¾ Ungefähr die Hälfte der SchülerInnen hat die Schule im Laufe ihrer
Schullaufbahn schon ein- oder mehrmals geschwänzt. Für die meisten
fängt dies mit Eckstundenschwänzen (erste bzw. letzte Stunde) und
mit dem Boykott bestimmter Fächer und LehrerInnen an.
15
Schreiber-Kittl & Schröpfer, 2002, S.33
13 / Schulverweigerung in Österreich / Recherchebericht¾ Schulverweigerung und ihre Vorläufer (Schulmüdigkeit, zeitweiliges
Schulschwänzen) beginnen zum Teil schon in der Grundschule und
verfestigen sich häufig im 12. Lebensjahr.
¾ Schulverweigerung ist vom Alter abhängig: Je jünger die SchülerInnen,
desto geringer ist die Verweigerungsquote. Das Einstiegsalter liegt bei
ca. 13 Jahren, der Höhepunkt zwischen dem 14. und 16. Lebensjahr.
größter Anteil in ¾ Je höher das Bildungsniveau der Schule, desto geringer fallen die
Hauptschulen Fehlzeiten aus. In den Hauptschulen gibt es den größten Anteil an
Kindern und Jugendlichen, die die Schule schwänzen, gefolgt von den
Sonderschulen.
¾ Je höher die soziale Kontrolle durch Eltern und Lehrkräfte, desto
weniger oft wurde die Schule in den untersuchten Regionen
geschwänzt.
¾ Die Ausprägungen von Schulverweigerung unterscheiden sich deutlich
zwischen Mädchen und Jungen. So tendieren Mädchen eher zum
Rückzug von Gleichaltrigen, Jungen hingegen suchen eher den
Kontakt.
mehr Jungen als ¾ Es verweigern mehr Jungen die Schule als Mädchen.
Mädchen ¾ Übereinstimmend wird geschätzt, dass bundesweit etwa 5 % - 10 %
aller SchülerInnen aktiv die Schule schwänzen.
5 % - 10 % aktive ¾ Aufgrund fehlender Daten kann nicht davon ausgegangen werden,
Schulverweigerung dass die Anzahl der Kinder und Jugendlichen, die die Schule
verweigern, in den letzten Jahren angestiegen ist.
Auf die interessanten Ergebnisse der Untersuchung von Schreiber-Kittl &
Schröpfer wird im Rahmen dieser Recherche nicht weiter eingegangen. Die
Ergebnisse sind für die hier interessierende Fragestellung (Ausmaß von
Schulverweigerung in Österreich, Vergleichszahlen aus Deutschland) nicht so
brauchbar, da der Schwerpunkt der Untersuchung auf der Erforschung der
Ursachen, den verschiedenen Formen und dem Verlauf von
Schulverweigerung liegt.
2.2.4 Zusammenfassung
keine fundierte Aus den vorliegenden österreichischen Studien geht deutlich hervor, dass
Aussage über das keine fundierte Aussage getroffen werden kann, wie viele Kinder und
Ausmaß von Jugendliche in Österreich im Allgemeinen und im Speziellen in der Steiermark
Schulverweigerung (Graz und Umgebung) vom Phänomen der Schulverweigerung betroffen sind,
in Österreich da bundesweit keine Daten existieren.
möglich
Die Studie von Kittl-Satran basiert nicht auf einer repräsentativen Stichprobe,
da sie ausgewählte Schulstandorte behandelt hat (selektive Stichprobe).
Insofern geben die Ergebnisse zwar Hinweise auf mögliche Tendenzen, sie
lassen sich aber nicht auf die Gesamtheit der schulverweigernden Kinder und
Jugendlichen in Österreich übertragen.
Erwähnenswert ist, dass in der Studie der Anteil der DauerschwänzerInnen
(bleiben der Schule wiederholt und für längere Zeit fern) beinahe 5 % beträgt.
auch in Deutschland Auch für Deutschland ist das Ausmaß von Schulverweigerung bisher nicht
wird statistisch erfasst worden. Es liegen bundesweit keine repräsentativen
Schulverweigerung Untersuchungen zum Phänomen der Schulverweigerung vor. Vereinzelt gibt
nicht statistisch es auf lokaler oder regionaler Ebene Untersuchungen, die sich jedoch
erfasst hinsichtlich Untersuchungsdesign, Definition von Schulverweigerung und
Methodik unterscheiden, so dass die Ergebnisse nicht miteinander
SOS-Kinderdorf / Sozialpädagogisches Institut / 14vergleichbar sind. In einigen zentralen Ergebnissen lassen sich doch
Übereinstimmungen feststellen. So wurde für Deutschland übereinstimmend
in verschiedenen Studien geschätzt, dass zwischen 5 % - 10 % aller
SchülerInnen aktive SchulschwänzerInnen sind.
Ergänzend soll an dieser Stelle noch ein Forschungsbericht von Schreiber- 10 % - 15 % der
Kittl angeführt werden, der die Erfahrungen und Stellungnahmen von SchülerInnen sind
ExpertInnen in und außerhalb der Schule zum Thema Schulverweigerung schulmüde
beinhaltet: Die ExpertInnen schätzen, dass in jeder Klasse etwa fünf Kinder
oder ca. 10 % - 15 % der SchülerInnen schulmüde sind.16
16
Schreiber-Kittl, 2001, S. 13
15 / Schulverweigerung in Österreich / Recherchebericht3 ExpertInnenbefragung
Im Rahmen dieser Recherche wurden auch telefonische Kontakte und E- Mail
Kontakte mit Personen geführt, die mit dem Thema Schulverweigerung auf
unterschiedliche Art und Weise befasst sind:
Telefon und E-Mail - Mag.a Doris Kölbl, Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur
Kontakte - Univ.-Ass. Mag.a Dr.in Helga Kittl-Satran, Herausgeberin der Studie
“Schulschwänzen – Verweigern – Abbrechen“. Eine Studie zur Situation an
Österreichs Schulen, 2006
- BezirksschulinspektorInnen von Graz, Leibnitz, Weiz, Voitsberg
- Mag. Ulrich Sommer, Leiter des Diagnose- und Therapiezentrums
“Bienenhaus“, Niederösterreich, SOS-Kinderdorf
- Dr.in Barbara Eder, Psychotherapeutin, Heilpädagogische Station des
Landes Steiermark.
3.1 Die Kontakte
Nachfolgend sind die einzelnen Kontakte aufgelistet:
Mag.a Doris Kölbl Mag.a Doris Kölbl vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und
Kultur erteilt die Auskunft, dass es zum Thema Schulverweigerung in
Österreich bundesweit keine Daten gibt. Auch nicht an den einzelnen Schulen.
Mag.a Kölbl versuchte im Vorjahr die Drop-out Zahlen zu erheben, was nicht
gelungen ist und – ihrer Einschätzung nach – “auch mit größtem Aufwand nur
Größenordnungen“ ergeben könnte.
(E-Mail vom 16.03.07)
Univ.-Ass. Mag.a Frau Univ.-Ass. Mag.a Dr.in Helga Kittl-Satran betont, dass es sich in der
Dr.in Helga Kittl- Studie um eine selektive Stichprobe handelt. Um das tatsächliche Ausmaß
Satran von Schulabsentismus in Österreich erheben zu können schlägt sie vor,
SchülerInnen einer repräsentativen Stichprobe, aus allen Schulen und
Schultypen, über eine große Fragebogenaktion zu erfassen und zum Thema
Schulabsentismus zu befragen. Momentan sei aber kein Nachfolgeprojekt
geplant. (Telefonat am 28.03.07)
Bezirks- Johannes Lickl, Bezirksschulinspektor von Graz (Bereich I) meint, dass der
schulinspektoren Bezirksschulinspektor nur bei größeren Abwesenheiten, wenn viele Stunden
von Graz unentschuldigt sind und auch ein Gespräch mit den Erziehungsberechtigten
erfolglos geblieben ist, eingeschaltet wird. Ansonsten wird das Problem vor
Ort in den Schulen geregelt. (Telefonat am 26.03.07)
Josef Lang, Bezirksschulrat von Graz (Bereich II) bestätigt, dass es zum
Thema Schulverweigerung keine offizielle Statistik gibt. (E-Mail vom 29.03.07)
Bezirks- Heinz Zechner, Bezirksschulinspektor von Leibnitz (Bereich I) kann sich in den
schulinspektor von letzten fünf Jahren an drei bis vier Fälle von Schulverweigerung erinnern
Leibnitz (bezogen auf 7 000 SchülerInnen). Der Bezirksschulinspektor ist der
Auffassung, es seien nicht alltägliche Phänomene, sondern eher
herausragende Erscheinungen. Aktuell wird ein Screening an den Schulen
zum Thema “Verdacht der Schulverweigerung und Verwahrlosung“
durchgeführt, an dem acht von sechzig Schulen teilnehmen. Die Daten sind
noch nicht ausgewertet. (Telefonate am 21.03.07 und am 27.03.07)
SOS-Kinderdorf / Sozialpädagogisches Institut / 16Die Bezirkschulinspektorinnen von Weiz, Juliane Müller und Anneliese Riedl Bezirks- schreiben, dass es derzeit in ihrem Bezirk keine schulverweigernden Kinder schulinspektorinnen oder Jugendlichen gibt. (E-Mail vom 21.03.07). Bezirksschulinspektorin von Weiz Juliane Müller hatte seit 2002 nur mit einem schulverweigernden Kind im Bezirk Weiz I zu tun. (E-Mail vom 27.03.07) Rudolf Reiter, Bezirksschulinspektor von Voitsberg berichtet, dass es im Bezirks- Bezirk Voitsberg “partiell“ Schulverweigerung gebe. Diese Verweigerung schulinspektor von betrifft nur Teile des Schuljahres (z.B. einige Monate), nicht das ganze Voitsberg Schuljahr. Herr Reiter schätzt, dass er im Jahr durchschnittlich mit einem Fall von Schulverweigerung konfrontiert ist. (Telefonat am 26.3.07) Mag. Ulrich Sommer, Leiter des Diagnose- und Therapiezentrums Bienenhaus “Bienenhaus“ in Niederösterreich, spricht in den letzten drei Jahren von ungefähr zehn Kindern und Jugendlichen mit der Thematik Schulverweigerung, die in der Einrichtung betreut wurden. Ein großer Teil kommt aus der Steiermark und aus Niederösterreich. Es gibt eine große Streuung zwischen Mädchen und Buben und auch in der Dauer der Schulverweigerung herrscht eine große Bandbreite. Das “Bienenhaus“ arbeitet derzeit an einem Projekt, in dem sie ihre Erfahrungen mit Kindern und Jugendlichen, die die Schule verweigern, in Form einer Broschüre der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen wollen. Sie unterscheiden zwischen Schulverweigerung, bei der die Leistungsproblematik, und Schulverweigerung, bei der die Beziehungsproblematik im Vordergrund steht. Aufgrund ihrer Erfahrungen scheint es so zu sein, dass die Fälle, in denen eine Beziehungsproblematik im Hintergrund ist, die hartnäckigsten Fälle sind. (Telefonat am 28.03.07) Drin. Barbara Eder, Psychotherapeutin an der Heilpädagogischen Station des Heilpädagogische Landes Steiermark, verfügt über keine statistischen Daten bzgl. der Anzahl Station des Landes von schulverweigernden Kindern und Jugendlichen. Sie betont, dass Steiermark Schulverweigerung oft mit anderen Diagnosen gekoppelt ist und die Symptomatik alleine nicht besteht. (Telefonat am 28.3.07) Die Liste mit dem Thema befassten Personen könnte noch weiter fortgesetzt werden, die gemachten Aussagen können aber auch nur ungefähre Angaben und Einschätzungen zum Thema Schulverweigerung sein und nicht dazu beitragen, aussagekräftige Daten zu gewinnen. 3.2. Zusammenfassung Alle befragten Personen bestätigen, dass ihnen derzeit keine konkreten subjektive Zahlen über das Ausmaß von Schulverweigerung bekannt sind und sie nicht Einschätzungen – sagen können, wie viele Kinder und Jugendliche, vor allem in der Steiermark, keine konkreten vom Phänomen der Schulverweigerung betroffen sind. Die Angaben, die sie Zahlen machen, beruhen auf subjektiven Erfahrungen und Einschätzungen. Das Bild, das sich nach den Aussagen der BezirksschulinspektorInnen zeichnen lässt, scheint dafür zu sprechen, dass das Thema Schulverweigerung in Graz und den umliegenden Bezirken eher ein Randproblem ist. Wichtig ist hier aber zu berücksichtigen, dass die BezirksschulinspektorInnen nur in wirklich gravierenden Fällen verständigt werden. Die “weniger gravierenden“ Fälle 17 / Schulverweigerung in Österreich / Recherchebericht
werden von der Schule selbst geregelt und kommen in den Angaben nicht
zum Ausdruck.
3.3. Empfehlung für die weitere Vorgehensweise
mögliches Um fundierte Aussagen darüber treffen zu können, wie viele Kinder und
Forschungsprojekt Jugendliche in der Steiermark (Graz und Umgebung) vom Phänomen der
Schulverweigerung betroffen sind, erscheint es notwendig, dementsprechende
Daten zu erheben. Empfehlenswert und durchführbar schiene ein
Forschungsprojekt in Graz und ausgewählten Bezirken (flächendeckend und
repräsentativ). Hierzu würde sich eine Zusammenarbeit zwischen dem SOS-
Kinderdorf in Graz, dem SPI (Sozialpädagogisches Institut von SOS-
Kinderdorf Österreich), dem Landesschulrat Steiermark, dem Bundes-
ministerium und der Universität Graz anbieten.
SOS-Kinderdorf / Sozialpädagogisches Institut / 184 Literatur Fischer, S. (2005): Schulmüdigkeit und Schulverweigerung. Eine annotierte Bibliographie für die Praxis. Zweite aktualisierte Auflage. München/Halle. Deutsches Jugendinstitut e. V. Gentner, C., Mertens, M. (Hg.) (2006): Null Bock auf Schule? Schulmüdigkeit und Schulverweigerung aus Sicht der Wissenschaft und Praxis. Münster. Waxmann Verlag GmbH. Gentner, C. (2006): Was leisten Produktionsschulen für Schulverweigerer? Aus einem Modellprojekt an der Kasseler Produktionsschule Bunt Stift. In: Gentner, C.; Mertens, M. (Hg.) (2006): Null Bock auf Schule? Schulmüdigkeit und Schulverweigerung aus Sicht der Wissenschaft und Praxis. Münster. Waxmann Verlag GmbH. S.213-232. Kaiser, H. (1983): Schulversäumnisse und Schulangst. Eine empirische Analyse der Einflussfaktoren. Aus Serie: Europäische Hochschulschriften, Reihe 6, Psychologie 108, Frankfurt/Main, Lang Verlag; zitiert nach Schreiber- Kittl, M. & Schröpfer, H. (2002): Abgeschrieben? Ergebnisse einer empirischen Untersuchung über Schulverweigerer. München. Verlag Deutsches Jugendinstitut. S.34. Kittl-Satran, H. (Hg.) (2006): Schulschwänzen – Verweigern – Abbrechen. Eine Studie zur Situation an Österreichs Schulen. Innsbruck/Wien/Bozen. Studien Verlag Ges.m.b.H. Müller, S. (1991): Schulschwänzen als Problemlösestrategie. Eine kritische Analyse der Problematik Schulschwänzen unter besonderer Berücksichtigung einer pädagogischen Zugänglichkeit. Dissertation. Berlin Freie Universität; zitiert nach Schreiber-Kittl, M. & Schröpfer, H. (2002): Abgeschrieben? Ergebnisse einer empirischen Untersuchung über Schulverweigerer. München. Verlag Deutsches Jugendinstitut. S.36. Oelsner, W., Lehmkuhl, G. (2002): Schulangst. Ein Ratgeber für Eltern und Lehrer. Düsseldorf. Walter Verlag; zitiert nach Fischer, S. (2005): Schulmüdigkeit und Schulverweigerung. Eine annotierte Bibliographie für die Praxis. Zweite aktualisierte Auflage. München/Halle. Deutsches Jugendinstitut e. V. S.69. Popp, K.(2006): Schulverweigerung aus der Sicht unterschiedlicher Professionen. In: Gentner, C., Mertens, M. (Hg.): Null Bock auf Schule? Schulmüdigkeit und Schulverweigerung aus Sicht der Wissenschaft und Praxis. Münster. Waxmann Verlag GmbH. S.163-210. Reißig, B. (2001): Schulverweigerung - Ein Phänomen macht Karriere. Ergebnisse einer bundesweiten Erhebung von Schulverweigerern. München /Leibzig. Arbeitspapier 5/2001. Verlag Deutsches Jugendinstitut. Ricking, H. (2003): Schulabsentismus als Forschungsgegenstand. Bibliotheks- und Informationssystem der Carl von Ossietzky Universität. Oldenburg. 19 / Schulverweigerung in Österreich / Recherchebericht
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Deutsches Jugendinstitut.
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Ursachen, Interventionen. Hamburg, Dr. Kovac; zitiert nach Fischer, S. (2005):
Schulmüdigkeit und Schulverweigerung. Eine annotierte Bibliographie für die
Praxis. Zweite aktualisierte Auflage 2005. München/Halle. S.48.
SOS-Kinderdorf / Sozialpädagogisches Institut / 20Notizen 21 / Schulverweigerung in Österreich / Recherchebericht
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